Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: Januar 2017 (Seite 2 von 3)

Die Doku „Das Saarlandmuseum“ von Marcel Wehn

Saarlandmuseum

Wer arbeitet was und wie in einem Museum? Davon erzählt die Dokumentation „Das Saarlandmuseum“ von Marcel Wehn – sie läuft an einigen Terminen im Saarbrücker Filmhaus

Weiße Handschuhe, verschränkte Arme, kollektives Grübeln. „Es ist nicht so, dass es einen vor Glück umhaut“, sagt Roland Mönig mit Blick auf eine Gemäldeanordnung und setzt auf einen „Plan B, den wir bisher nicht hatten“. Mönig, Direktor des Saarlandmuseums, und Stellvertreterin Kathrin Elvers-Svamberk grübeln weiter – siehe unser Foto. Im Untergeschoss untersuchen derweil zwei Frauen ein Dokument per Lupe; eine Restauratorin nebenan zieht zart ein Pinselchen mit klarer Flüssigkeit über ein Gemälde. Mit unkommentierten Szenen wie diesen schaut der einstündige Film „Das Saarlandmuseum“ von Regisseur Marcel Wehn, produziert von Barbara Wackernagel-Jacobs, den Menschen bei der Arbeit zu. Er blickt in Räume, die dem Museumsgänger verschlossen bleiben, oder auf Dinge, die man bei Ausstellungen nie sieht: einen riesigen Aufzug etwa, der aus dem Parkett herausfährt, ein Gemälde verschluckt und wieder im Boden verschwindet, als hätte es ihn nie gegeben.

Der Film betrachtet das Geschehen aus einer gewissen, manchmal ironischen Distanz heraus; selten befragt er Menschen direkt – und wenn, dann uninteressiert an der Hierarchie. Staatstragendes von Führungskräften hört man also nicht. Sondern da berichtet etwa Ingrid Steffens, seit 17 Jahren Aufsicht im Museum, dass sie sich beim Job-Einstieg erst einmal das Kunst-Schulbuch der Tochter auslieh, um zu erfahren, was sie denn da überhaupt beaufsichtigt. Im Keller arbeitet Museumstechniker Uwe Jäger, der im Film am Telefon erst mal „Das versteht keine Sau“ sagt (aber nicht die moderne Kunst meint). Er erzählt von den Schwierigkeiten, Handwerkern von Fremdfirmen klar zu machen, wie zerbrechlich hier das Interieur ist, und vom Jahrhundertwasser 1993, das die Fensterscheiben zu Aquariumswänden machte: „Im Erdgeschoss schwammen draußen die Enten vorbei.“ Künstler Gregor Hildebrandt schildert, wenig nostalgisch, von seinen Kindheitsbesuchen im Saarlandmuseum: „Man dachte, das nimmt kein Ende.“ Eine Faustregel ließ ihn durchhalten: Je größer die Bilder, desto weniger hängen in einem Raum, „desto schneller war man wieder draußen“. Jetzt ist er drin, mit eigener Kunst.

Konsequent in die Gegenwart blickt der Film, das Chaos um den Vierten Pavillon bleibt außen vor. „Jetzt sehen Sie unseren Neubau im Rohbaustudium“, sagt Roland Augustin, Leiter der Fotografischen Sammlung, lediglich zu einer Besuchergruppe und erklärt, warum ein großer fensterloser Raum (der jetzt noch die Anmutung einer Fabrikhalle hat) versicherungstechnisch nützlich ist beim Leihen teurer Gemälde. Man müsse etwa keinen schädigenden Lichteinfall fürchten – „so gesehen, ein Traum“.
Ein Traum ist das Museum im Film überhaupt, bei aller Arbeit, dank Schönheit und einer gewissen Ruhe; letztere kontrastiert die Regie sinnig mit dem Geraune der Stadtautobahn. In einer schönen Montage erwacht das Haus morgens: Ein Vorhang schwebt zur Seite, gibt den Blick frei auf die „Große Gaia“ im Garten, drinnen fällt die Morgensonne wärmend auf Franz Marcs „Blaues Pferdchen“.
Eine originelle Idee: Es gibt keinen Kommentar, keine eingeblendeten Texte, keine Erläuterung der Personen. Erst der Abspann klärt auf. Ein Konzept, das wohl von der Person weg- und auf deren Arbeit hinlenken soll; als Zuschauer stellen sich dabei Fragen. Wer etwa ist die Dame, die den Vornamen des Museums-Chefs mit französischen Akzent „Roloooooond“ ausspricht? Es ist Emma Lavigne, Leiterin des Centre Pompidou in Metz, man bespricht die gemeinsame Ausstellung „Zwischen zwei Horizonten“.
Die vielleicht schönste Szene dieses ruhigen, sehenswerten Films entstand bei der Eröffnung der Hildebrandt-Ausstellung: Während nebenan gefeiert wird, zeigt die Kamera einen Raum weiter einsame Gemälde, schummerig beleuchtet bloß von den Laternen an der Saar, in aller Stille, ohne Betrachter – als genügten sie sich selbst.

Die nächsten Termine im Saarbrücker Filmhaus: 8., 15. und 21. Februar, jeweils 19 Uhr.

 

„Wenn die Gondeln Trauer tragen“ am Saarländischen Staatstheater

Wenn die Gondeln Trauer tragen

Ein trauerndes Ehepaar in Venedig, Visionen und Todesahnungen: „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, als Erzählung und Kinofilm ein Klassiker des Unheimlichen, ist nun auf der Bühne in Saarbrücken zu sehen.

Am Ende hat sich für John, den trauernden Vater, Venedig aufgelöst – in ein Mit- und Gegeneinander von Eindrücken, Erinnerungen, verwirrenden Visionen. „Verstehen Sie mich?“, fragt Darsteller Roman Konieczny ins Publikum. Die Figuren um ihn herum tun das längst nicht mehr – und er selbst versteht die Welt auch nicht mehr.

Um das Unvermögen, Zeichen zu deuten, Dinge wirklich zu erkennen, geht es, unter anderem, in Daphne Du Mauriers Erzählung „Dreh Dich nicht um“, in Nicolas Roegs Verfilmung „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ – und in der Bühnenfassung, die am Sonntag in der Alten Feuerwache ihre Uraufführung erlebte. Dramaturg Holger Schröder und Regisseur Christoph Diem haben Erzählung und Film adapiert (auch wenn das Programm nur du Maurier nennt, nicht die Drehbuchautoren Chris Bryant und Allan Scott).

Das britische Ehepaar John und Laura (Christiane Motter) hält sich in Venedig auf, er arbeitet als Restaurator, gemeinsam versuchen sie nach dem Unfalltod ihrer kleinen Tochter irgendwie weiterzuleben. In einem Restaurant lernen sie zwei Schwestern kennen (Vanessa Czapla und Saskia Petzold); eine ist blind, wird von Visionen heimgesucht und erzählt Laura, er habe die Tochter beim Ehepaar mit am Tisch sitzen sehen – glücklich, wenn auch nicht sichtbar für die Lebenden. Die Mutter glaubt das mit aller irrationalen Dankbarkeit, für John ist das Hokuspokus. Als der Sohn der Baxters in England einen Unfall hat, reist die Mutter zurück, John bleibt zurück – glaubt seine Frau aber wenig später wieder in Venedig zu sehen, von weitem, noch trauriger als sonst. Er irrt durch die Stadt, verliert sich in den Gassen und seinen Visionen; immer wieder sieht er eine Gestalt im roten Regenmantel (Gertrud Kohl). Das Bild seiner ertrunkenen Tochter?

Trauer, Verlust, eine wohl zerbrechende Ehe, Rationalität contra Glauben an (und Hoffnung in) das Übersinnliche – es geht im Stück um viel. Und Regisseur Diem setzt viel ein, gewinnt dabei ungemein viel Atmosphäre: Diaprojektionen, Videoeinspieler, Klangeffekte, Musik und ein komplexes Bühnenbild. Florian Barth (auch Kostüme und Video) hat es entworfen, nutzt dabei die Feuerwache bis unters Dach aus, wenn die rote Gestalt unter der Saaldecke entlang huscht. Ein schräggestellter Spiegel, vor dem die beiden schottischen Schwestern agieren, lassen die Momente, in denen sie von der Tochter erzählen, noch merkwürdiger wirken. An die Wand gestrahlte Szenen, gedreht in Venedig, versetzen den Zuschauer vordergründig an die Lagune, lassen ihn aber rätseln: Ist die reale Laura auf der Bühne nicht etwas anders gekleidet als die Laura auf den Projektionen? „Nichts ist, wie es scheint“, ist einer der ersten Sätze Johns, dessen Abdriften in die Verwirrung wir zusehen. Untermalt wird sie auf der Bühne von der schwedischen Band „Next Step: Horizon“: zur Einstimmung mit ätherischer Melancholie und Morricone-Aroma, später mit Synthie-Klängen, die an die Filme John Carpenters denken lassen.

Die Band spielt auch mit: Sänger Pär Hagström in Nick-Cave-Optik gibt einen Geistlichen (nicht jedes Wort ist verständlich), Sängerin Jenny Roos eine Polizistin – auf der Bühne im goldschimmernden Anzug, im parallel laufenden Videoeinspieler im weißen Hemd mit Schulterklappe.

Wer will da sagen, was real ist, was Vision, was fake news, was nicht? John am allerwenigsten, der langsam untergeht in einer Reizüberflutung, die manchmal auch aufs Publikum überschwappt: Die Inszenierung lässt gegen Ende hin die Personen einige Male gleichzeitig reden und schreien, durcheinander, in verschiedenen Sprachen, dazu erscheinen übersetzende Übertitel. Es gibt Momente, in denen das bemüht und auch redundant wirkt, Momente des „zu viel des Guten“; wirkungsvoller sind manchmal die leiseren, ruhigeren Passagen, wenn das Ehepaar verzweifelt und vergeblich versucht, zu einer Normalität zurück zu finden. Nach einer erotischen Szene – angelehnt an die offenherzige und eigenwillig geschnittene Sequenz in Roegs Film – brechen sofort wieder Trauer und Frustration hervor, die in einem ganz ruhig formulierten Satz gipfelt: „Du hast sie doch zum Pool gehen lassen“, sagt Laura zu John und gibt ihm so eine Mitschuld am Tod des gemeinsamen Kindes. Ein Satz, so tödlich wie das, was John in Venedig erwartet.

 

 

Staatskunst und Underground: Trickfilme aus der DDR

DDR Trickfilm

Eine gelungene DVD-Zusammenstellung wirft einen Blick auf die Trickfilmproduktion in der DDR: Insgesamt 14 Filme aus dem staatseigenen Defa-Studio und Werke, die abseits staatlicher Kontrolle entstanden – und künstlerisch wie politisch gewagter zu Werke gingen.

Ein steinernes Monument wird feierlich enthüllt, die Menge klatscht enthusiastisch Beifall und eilt von dannen. Der Mann aus Stein zeigt arbeiterdenkmalmäßig mit einer Pranke visionär gen Himmel – bis das Telefon klingelt und dem Monument neue Anweisungen erteilt. Flugs dreht es sich, zeigt in die entgegengesetzte Richtung und wird erneut heftig beklatscht. „Das Monument“ heißt dieser Trickfilm, der 1989 in den staatlichen Defa-Studios der DDR entstand. Eine satirische Vision kommender „Wendehälse“? Ein trickfilmgewordener Wunsch nach Veränderung?

„Das Monument“ ist einer der Filme der exzellenten DVD-Sammlung „Zwischen Staatskunst und Underground – Animation in der DDR“. Ulrich Wegenast, Programmgestalter des Internationalen Trickfilmfestivals in Stuttgart, hat 14 Filme zwischen 1959 und 1990 zusammengestellt. Den ersten Teil machen Produktionen des volkseigenen Defa-Studios aus: verspielt Utopisches wie die Weltraum- und Märchenland-Reise „Gleich hinterm Mond“ (1959) und Gewitztes wie die Groteske „Ein gemachter Mann“ von 1978. Dieser Film spielt im dekadenten Westen, einem Hochhausmoloch, durch den unablässig Werbebotschaften schallen – über die Vorzüge, sich neue Schuhe oder gleich mal einen neuen Kopf kaufen zu können. In dieser grellbunten Welt bringt ein Polizist eine Geldfälscherbande zur Strecke und nimmt einen Teil der Scheine an sich. Fortan kann er das tun, was man im Westen eben gerne tut: konsumieren.
Das alles erzählt der Film optisch gewitzt, mit Puppentricks und knalligen Bildcollagen. Vordergründig bedient der Film dabei die staatlich angeordnete Kritik am Westen; manche Bilder kann man aber ganz anders deuten: Wände voller Augen, die alles genau beobachten, lassen durchaus an das Überwachungssystem der DDR Films denken.

Den zweiten Teil der DVD machen freie Produktionen aus, die abseits staatlicher Kontrolle entstanden, meist auf Super-8-Material, das leichter zugänglich war als der teurere 35-Millimeter-Film. Wo sich die DEFA-Filme auf technisch hohem Niveau in formal klassischen Grenzen bewegten, operierte der Untergrund avantgardistisch: In Produktionen wie „Action Situation“ sind die Bilder verzerrt, zerkratzt, übermalt, von merkwürdigen Toncollagen begleitet. Diese Filme zeichnen ein ganz anderes Bild ihrer Heimat. Eine Filmsammlung, in der sich viel entdecken und interpretieren lässt – manchmal in jede Richtung.

DVD erschienen bei AbsolutMedien. 115 Minuten, dazu ein ausführliches Booklet über die Geschichte des DDR-Trickfilms.

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De Sade in der Bastille: „Marquis“ von Roland Topor auf DVD

Roland Topor

Ohne Roland Topor (1938-1997) sähe das Kino ein wenig grauer aus: Der Schriftsteller, Zeichner und Satiriker dachte sich den Animationsklassiker „Der phantastische Planet“ (1973) aus, schrieb die Vorlage von Polanskis „Der Mieter“ (1976) und trat als Schauspieler unter anderem in Werner Herzogs „Nosferatu“ (1979) auf.
Ungewöhnlich, aber nicht so ungewöhnlich wie der Film „Marquis“, dessen Drehbuch er schrieb und dessen Figuren er entwarf – Menschen sieht man hier nicht, nur Tiere aller Couleur (gespielt von Menschen mit Masken). Die tummeln sich 1789, kurz vor der Französischen Revolution, in der Bastille. Im Zentrum steht der Marquis de Sade, der die Haft nutzt, um in Ruhe seine erotischen Werke zu schreiben. Ein interessanter Gesprächspartner des Schriftstellers ist sein eigenes Glied namens Colin. Die beiden diskutieren angeregt über Politik, die Kunst und die Schriften de Sades – „zu viele Verben“, findet Colin.
Die Bastille ist ein Mikrokosmos des aufgerüttelten französischen Staates – man findet verlogene Kirchenmänner, die de Sade bestehlen wollen, eine vom König vergewaltigte Frau und arrogante Bürger: „Wir sollten uns schämen, dass wir dem Volk das Lesen beigebracht haben.“ Deftig ist dieser surreale Film, nichts für Kinder, aber gleichzeitig auch feinsinnig: vor allem wenn der Marquis mit seinem besten Freund/Stück über Gott und die Welt philosophiert.

Erschienen beim Label „Bildstörung“. Das Bildrecht am DVD-Cover liegt bei Bildstörung, die Rechte an den Fotos bei YC Aligator Film – Tchin Tchin Production.
Extras: Booklet, Drehbericht, Interviews, nicht verwendete Szenen.

Roland Topor Roland Topor

 

James Bond, Superman, Thunderbirds, Ufo: Ein Buch über FX-Legende Derek Meddings


Derek Meddings

„Special Effects Superman“. Das ist ein Buchtitel, der ein wenig unbescheiden anmutet – aber er passt schon: Abgesehen davon, dass Derek Meddings (1931-1996) tatsächlich am 1978er „Superman“ mitgearbeitet und sich damit einen Oscar verdient hat, war er ein nahezu Unbesieg- und Unübertreffbarer im Metier der filmischen Spezialeffekte. Seine Domäne waren die täuschend ähnlichen Miniaturen: ob die Raumschiffe in der klassischen SF-Serie „UFO“ (die lebensechter wirkten als die meist hölzernen Darsteller aus Fleisch und Blut) oder die Unterwasserfestung des 007-Bösewichts Stromberg im James-Bond-Film „Der Spion, der mich liebte“.

Der nur in England erschienene – und mittlerweile ziemlich teure – Bildband, veredelt mit einem Vorwort von Roger Moore, zeichnet die Karriere des Engländers nach: Der beginnt bei Effekt-Veteran Les Bowie, der manche Tricks der „Hammer“-Filme konzipiert hat; branchenbekannt wird Meddings durch seine Modelle in futuristischen Serien des Produzenten Gerry Anderson: „Supercar“, „Fireball XL 5“, „Stingray“ und schließlich „Thunderbirds“ – allesamt technisch komplexe Reihen mit Puppen als Darstellern und viel Pyrotechnik. „Leben und sterben lassen“ ist 1973 sein erster Bond-Film (er konstruiert den explodierenden Bösewicht Katanga); vier Jahre später feiert „Der Spion, der mich liebte“ enorme Erfolge, nicht zuletzt durch Meddings’ Effekte: darunter der Lotus Esprit, der sich unter Wasser in ein U-Boot verwandelt (dank mehrerer Automobile in verschiedenen Verwandlungsstufen und Modelle). Der sinkende Tanker schließlich ist eine Miniatur von satten 21 Metern Länge. Im Nachfolger „Moonraker“ (1979) gelingen ihm Weltraumeffekte, die heute noch überzeugen. Der Bond-Film „GoldeneEye“ ist seine letzte Arbeit, 1996 stirbt Meddings an Krebs.

Das Buch, das in Zusammenarbeit mit Meddings’ Familie entstand, präsentiert fantastisches Bildmaterial, Fotos vom Dreh, Skizzen, Entwürfe. Mehr Texte über die Filme oder die Persönlichkeit der Tricklegende hätte man sich wünschen können – das Buch begnügt sich, das Genie Meddings’ zu dokumentieren. Und es ist dabei ehrlich genug, zu erwähnen, dass Meddings einmal mit seiner Kunst daneben lag: Seine Dinosaurer aus „Caprona – Das vergessene Land“ sind leider nicht mehr als große Gummitrampel.

„Special Effects Superman – The Art and Effects of Derek Meddings”. Shubrook Bros. Publications, England 2008, 159 Seiten, nur noch antiquarisch zu haben.

 

Derek Meddings Derek Meddings Derek Meddings

 

Frische Filme und ein altes Kaufhaus: Neues vom Saarbrücker Ophüls-Festival

Ophüls Preis Svenja Böttger

Die neue Leiterin des Filmfestivals Max Ophüls Preis, Svenja Böttger, hat gestern das kommende Programm vorgestellt. Sie setzt auf Kontinuität, bietet aber auch neue Reihen und einen interessanten Standort für den Festivalclub: das alte, seit sieben Jahren leerstehende Gebäude von C&A in Saarbrücken.

Angespannt war sie, die Ophüls-Pressekonferenz vor einem Jahr – mit Leiterin Gabriella Bandel, die ihr letztes Festival antrat, Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne) und kollektivem Schweigen über die Umstände von Bandels Abschied. Ein Jahr später, beim Pressetermin im E-Werk gestern, ist die Stimmung besser. Brück zeigt sich zufrieden darüber, dass „99 Prozent der Sponsoren weiter dabei sind“.

Die neue Leiterin Svenja Böttger setzt auf Kontinuität mit sachten Veränderungen – etwa den neuen Blick auf europäische Filmhochschulen (in diesem Jahr La Fémis in Paris). Thematisch verspricht sie ein formal wie inhaltlich abwechslungsreiches Programm, in dem es etwa um die „Familie geht, in sehr privaten Geschichten“, um alternative Lebensentwürfe und den ständigen Konflikt zwischen „der persönlichen Freiheit und der Gesellschaft“. Programmleiter Oliver Baumgarten ergänzt, dass sich beim Thema Flucht und Migration gegenüber 2016 die Schwerpunkte verschoben haben: „Im letzten Jahr war die Frage oft, wer denn eigentlich zu uns kommt. In diesem Jahr fragen die Filme danach, wie wir als Gesellschaft darauf reagieren.“ Auffällig seien 2017 die vielen Frauenfiguren, inszeniert von mehr Regisseurinnen als je zuvor: „17 von 28 Langfilmen des Wettbewerbs – inklusive Dokumentationen – stammen von Frauen.“

Ein Coup ist der Standort von Lolas Bistro: Nach vielen Jahren in der Garage und dem etwas glücklosen Versuch 2016 im Gloria zieht der Club des Festivals nun an einen Ort, der seit sieben Jahren im Dornröschenschlaf dahinschlummert: das ehemalige C&A-Gebäude in der Viktoriastraße 25. „Barrierearm“ werde der sein, sagt Böttger, mit Aufzügen und gut zugänglichen Toiletten. Anschauen kann man sich dort neben der Filmbilder-Installation „Lost Reels“ auch die dokumentarische Web-Serie „True Stories“, in der Menschen in aller Kürze aus ihrem Leben erzählen. „True Stories“ läuft in der neuen Reihe MOP-Visionen, die, wie Baumgarten sagt, neue Ästhetiken und formale Ideen zeigen will und dafür „ganz bewusst aus dem Kinosaal rausgeht“. Da ist etwa der fünfminütige Film „Die Santa Maria“, von Erik Schmitt mit dem Handy gedreht – und eben nur fürs Handy. Den Film kann man nur im Foyer des Cinestar auf entsprechenden Geräten sehen.

Ehrengast Michael Verhoeven („Die weiße Rose“) zeigt vier Filme und berichtet von seiner Arbeit als Produzent mit seiner Firma „Sentana“, zusammen mit seiner Firmenpartnerin und Gattin Senta Berger. Zudem wird Verhoeven mit Marcel Ophüls diskutieren, Oscarpreisträger und Sohn des Festival-Namensgebers. An den wird mit einer Vorführung des Films „Madame de…“ gedacht; Regisseur Christoph Hochhäusler („Unter dir die Stadt“) stellt ihn vor. Eine Perle im Programm. Auch Prominenten wird man über den Weg laufen: Schauspielerin Andrea Sawatzki ist bei der Spielfilm-Jury dabei, Anna Thalbach beim Kurzfilm; angesagt haben sich etwa auch Anna Fischer („Fleisch ist mein Gemüse“), Lars Rudolph („Er ist wieder da“), Jacob Matschenz („Heil“) und Marie-Lou Sellem („Exit Marrakech“).

In Zusammenarbeit mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) und deren K8 Institut widmet sich das Festival „Virtuellen Realitäten“ (VR) – in der HBK gibt es eine „VR-Lounge“, in der man sich mit neuer Technologie und damit einhergehenden neuen Erzählformen beschäftigen kann. Ob das nun die Zukunft des Films ist, versucht eine Diskussion dort zu klären.

 

Termine

Blaue Stunde mit dem Beginn des Kartenverkaufs am Samstag ab 14 Uhr in der Galerie im Filmhaus.

Festivaleröffnung am Montag, 23. Januar, 19.30 Uhr, im Cinestar mit Verleihung des Ehrenpreises an Produzent Peter Rommel und der deutschen Erstaufführung „Die Nacht der 1000 Stunden“ von Virgil Widrich.

Lolas Bistro in der Festivalwoche von Dienstag bis Freitag im Ex-C&A-Gebäude, jeweils ab 21 Uhr, SR-Mitternachtsgespräche jeweils ab 23 Uhr.

Preisverleihung: Samstag, 28. Januar, ab 19.30 Uhr im E-Werk auf den Saarterrassen, danach Filmparty mit DJs.

MTV, Madonna und die 90er – Ray Cokes erinnert sich

Ray Cokes

In den 90ern war er der König des Musikfernsehens: Fast jeder Jugendlicher kannte MTV-Moderator Ray Cokes. von Karriere-Absturz, Depression und gemäßigtem Comeback erzählt der Brite in seiner Autobiografie.

Kennt ihn noch jemand unter 30? Eine Umfrage im Büro fällt ernüchternd aus – hält man Ray Cokes‘ Autobiografie jüngeren Kollegen unter die Nase, zucken die mit den Achseln. In den 90ern wäre das nicht passiert. Da war der Brite, wenn nicht der König der Welt, dann doch der von MTV – und damit der Jugendkultur. Cokes moderierte seine Kessel-Buntes-Sendung „Most Wanted“ mit einem Nicht-Konzept des gerade so kontrollierten Chaos‘. Heutige als frech geltende Moderatoren wirken gegen Cokes in seinem Zenit wie streberische Azubis der Lockerheit. Nur: Was macht Cokes heute? Und wieso backt er medial so mittelgroße bis kleine  Brötchen, dass nur noch Zeitzeugen von einst ihn kennen?

Davon erzählt Cokes in „My Most Wanted Life“, einem munteren, lebens- und anekdotenprallen Werk mit klassischer Struktur: Aufstieg, Fall, Läuterung – und die zweite Chance. Cokes wächst in England auf, in Südafrika und auf Mauritius (sein Vater war Soldat und wurde oft versetzt); er verdingt sich in Belgien als Koch, entdeckt die Energie des Punks, landet beim Radio und dann beim jungen Musikfernsehsender MTV – damals noch keine Abspielstation hirnfreier Billigshows. Cokes wird inmitten großer Aufbruch- und Expansionsstimmung zum großen Star – bis er 1996 bei einer missglückten Live-Sendung auf der Reeperbahn das pöbelnde Publikum beschimpft und seine Chefs bei MTV gleich mit. Es kommt zum Bruch, Cokes fällt in ein tiefes Loch, tröstet sich lange mit PC-Spielen und Pornofilm-Konsum, gerät in eine Depression – und rappelt sich langsam wieder hoch. Heute ist er wieder regelmäßig zu sehen. Strahlt sein Ruhm auch nicht mehr so hell wie einst – Cokes hat die Höhen und Tiefen überlebt.

Davon erzählt er detailliert, manchmal etwas blumig-wortreich: Nach dem Vorwort gibt es auch gleich zwei Prologe. Aber die wilde Zeit bei MTV schildert er höchst lebendig, wobei man erfährt, wer pflegeleicht und sympathisch war (Phil Collins), unerträglich (die US-Bands Poison und Counting Crows), durchweg professionell (Madonna) und durchweg unhöflich (Bob Geldof). Nach einer kurzen Freundschaft, so sieht es zumindest Cokes, meldet sich Robbie Williams nicht mehr, aber The Cure spielen gagenfrei bei seiner Hochzeit, was die Ehe jedoch langfristig nicht gerettet hat. Cokes schont sich in seinen Beschreibungen nicht, etwa, wenn es um sein Versagen als junger Vater geht.

Ein wenig zu oft bemüht er das Klischee vom Moderator, der „immer sein Ding macht“ und „sich treu bleibt“. Dass er mittlerweile, von 2012 bis 2014, in der Jury einer Talent-Show saß, die er früher ablehnte, mag dazu nicht ganz passen. Aber Cokes kann es nach frustrierenden Jahren nun „genießen, kleinere Brötchen zu backen“. Das gönnt man ihm von Herzen – vielen Menschen hat er die 90er Jahre nicht unerheblich verschönt.

Ray Cokes: My Most Wanted Life. Die Autobiografie. (Auch in Englisch erschienen). Schwarzkopf und Schwarzkopf, 400 Seiten, 19,95 Euro. Fotos: Schwarzkopf und Schwarzkopf.

Ray Cokes Robbie Williams

Die jüngste Rettung des Saarbrücker Filmhauses

Filmhaus Saarbrücken

Das immer wieder bedrohte Saarbrücker Filmhaus ist vorerst gerettet – wenn auch nicht in alter Form. Nach dem Plan von Saarbrückens Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne) wird das Amt für kommunale Filmarbeit aufgelöst und der momentane Leiter Michael Jurich ins Stadtarchiv vesetzt. Um den Kinobetrieb im großen Saal kümmern sich Camera-Zwo-Leiter Michael Krane und auch Christel Drawer, ehemalige Leiterin des Ophüls-Filmfestivals.
(Am Ende des Textes, hinter den Bildern, sind die Pressemitteilungen/Reaktionen der Stadtratsfraktionen zu finden).

 

Diskutiert und spekuliert wurde seit Monaten: Wird das Saarbrücker Filmhaus, bedroht von stetig sinkenden Besucherzahlen, seinen Standort in der Mainzer Straße aufgeben und sich in der Camera Zwo einmieten, um dort sein Kunstfilmprogramm zu zeigen? Oder wird es eine Fusion mit dem Kino Achteinhalb geben? Oder übernimmt gar eine private Initiative das Haus und baut es in einen Kulturort um?

Nichts davon. Thomas Brück (Grüne), Kulturdezernent Saarbrückens, legt nun dem Kulturausschuss und danach dem Stadtrat einen Verwaltungsvorschlag vor, der das Filmhaus an seinem Standort in der Mainzer Straße rettet – wenn auch nur noch mit einem Kinosaal, unter anderer Leitung und in anderer Struktur: Die personalintensive und damit teure Konstruktion „Amt für kommunale Filmarbeit“ wird aufgelöst, Kino- und Amtsleiter Michael Jurich, seit 2010 im Filmhaus und zuletzt wegen sinkender Zahlen und spärlicher Kino-Außenwirkung kritisiert, wird ins Stadtarchiv versetzt und mit „audiovisueller Archivarbeit“ betraut, wie Brück sagt. Zwei Verwaltungsstellen im Filmhaus werden innerhalb der Stadt verschoben, für einen technischen Mitarbeiter „zeichnet sich eine Lösung ab“, sagt Brück, zwei Mitarbeiter werden im Kino weiterbeschäftigt. Das Filmamt selbst wird von einem „Sachgebiet Film und Wissenschaft“ abgelöst, das von Christel Drawer im Filmhaus betreut wird, im Kulturamt angesiedelt ist und, das darf man vermuten, weniger kostet. Brück hofft jedenfalls durch die Amtsauflösung auf eine „erhebliche Einsparsumme“. Genaueres will er derzeit nicht beziffern.

Camera Zwo-Leiter kommt

Das Programm des Filmhauses wird anstelle des versetzten Jurichs künftig Camera-Zwo-Leiter Michael Krane verantworten, in Absprache mit Drawer. Geplant ist der Wechsel für April oder Mai. Wie funktioniert die Leitung des städtischen Filmhauses durch den privaten Kinomacher Krane? Die Stadt schließt einen Dienstleistervertrag mit Krane, der für die gesamte Verwaltung des Kinobetriebs verantwortlich ist, erklärt Brück, darunter das Zusammenstellen des Programms, das Bestellen der Filme und die Abrechnungen. Krane erhält davon als Kostenpauschale von der Stadt eine feste Summe – plus die Einnahmen durch die Karten im Kinosaal. Das sieht Brück durchaus als Anreiz für Krane, die Zuschauerzahlen im Filmhaus zu steigern – auch wenn er ausdrücklich angehalten ist, Anspruchsvolles zu zeigen. Falls Krane allerdings die Quadratur des Kreises gelingen sollte (volle Kinokasse mit Filmkunst), müsse man nicht befürchten, dass die Stadt dabei langfristig leer ausgeht, sagt Brück. „Wir werden mit diesem Konstrukt jetzt einmal ein Jahr arbeiten, dann einen Kassensturz machen und eventuell an der einen oder anderen Schraube justieren.“ Ausgelegt ist der Vertrag zwischen der Stadt und Michael Krane auf fünf Jahre. Das verspricht ebenso eine Langfristigkeit wie die Investition der Stadt und der Hausbesitzer in die Installation eines Aufzugs, der das Filmhaus dann endlich barrierefrei macht. Nach vielen Verschiebungen verspricht Brück, dass man „mit dem Vermieter in intensivem Kontakt“ stehe, „wir sind in der Umsetzung“.

„Schauplatz“ ohne Kino

Der „Schauplatz“, der kleine Kinoraum im Erdgeschoss, wird nicht mehr als Kino genutzt, die Bestuhlung wird herausgenommen, hier sollen zukünftig Lesungen, Kleinkunst, Konzerte stattfinden – Brück hat als mögliche Veranstalter etwa die „Baker Street“ in der Mainzer Straße im Auge oder das Leidinger, „die Stadt selbst wird kein Programm anbieten“. Auch die Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) soll eingebunden werden, laut Brück laufen Gespräche mit Professorin Gabriele Langendorf und mit Soenke Zehle, dem Leiter des HBK-Instituts K8. „Die stehen bereit und gehen da mit rein“, sagt Brück, etwa um neue digitale Techniken zu zeigen; das Bildungsministerium werde das Ganze finanziell unterstützen. Auch das Ophüls-Festival soll übers Jahr „deutlich präsenter“ sein, mit Vorführungen, Regisseursbesuchen und Ähnlichem. Die von Christel Drawer seit Jahren betreuten „Wissenschaftsreihen“ mit Ringvorlesungen der Stadt ziehen nun vom Rathausfestsaal ins Filmhaus (ohne den 20-Uhr-Kinobetrieb zu stören) – mit einem oft dreistelligen Stammpublikum. Das, so hofft Brück, könnte auf die Idee kommen, „hier mal wieder ins Kino zu gehen“.

Was bleibt, was ändert sich?

Was hat nun Krane vor, der erfahrene Kinomacher, der betont, dass er als neuer Verwalter des Filmhauses erst ins Boot kam, als klar war, dass das Amt aufgelöst und Jurich versetzt werden würde? Ersteinmal Konstanz: Spezielle Reihen wie Seniorenkino laufen weiter, der Ticketpreis, zurzeit 6,30 Euro, wird unter dem der anderen Kinos in Saarbrücken bleiben. Was es nicht geben wird, und das hat fast eine symbolische Bedeutung, ist eine Popcornmaschine. „Das passt nicht ins Filmhaus.“ Dessen Programm, das ist die klare Forderung der Stadt, soll anspruchsvoll bleiben. „Weniger mainstreamig als die Camera Zwo“, sagt Krane, der Jurichs Programme als „aus cineastischer Sicht sehr gut“ lobt. Filme im Orginal will Krane weiterhin anbieten, aber „nachfragegerecht“ (also seltener).

Ein festes Monatsprogramm wird es nicht mehr geben, „sonst muss man sechs bis acht Wochen vorher entscheiden, was gespielt wird – das ist viel zu unflexibel“. Das Programmheft des Filmhauses wird mit dem Heft der Camera Zwo zusammengefasst; das schaffe Übersichtlichkeit und könne helfen, dass sich das Publikum gegenseitig befruchtet, wie Krane hofft. Karten fürs Filmhaus wird man bald auch in der Camera Zwo kaufen können.

Das Ganze bleibt für Krane ein „stückweit Experimentierfeld. Ich soll den Anspruch erhalten, aber mehr Besucher anziehen – das wird ein Balance-Akt.“ Seine Ideen macht er am Beispiel von „La La Land“ deutlich, dem sicheren Arthouse-Hit dieses Frühjahrs (siehe Text rechts). Den würde er im Filmhaus nie als Hauptprogramm spielen, weil er zu kommerziell ist und nicht in ein kommunales Kino passt – aber er würde ihn dort immerhin zwei, drei Mal im Original mit Untertiteln zu spielen (während die Synchronisation in der Camera Zwo läuft). So könnte man dieses Publikum rüber ins Filmhaus ziehen. Generell sagt Krane: „Steigende Zahlen kann ich nicht garantieren. Aber dass das Programm anspruchsvoll bleibt, schon.“

 

Filmhaus Saarbrücken Filmhaus Saarbrücken Filmhaus Saarbrücken

 

Und hier die Reaktionen/Pressemitteilungen der Saarbrücker Stadtratsfraktionen (ungekürzt, unbearbeitet und in der Reihenfolge, in der sie am 10. Januar eingegangen sind. (Die Mitteilung der FDP stammt vom 13. Januar).

 

SPD

„Wir unterstützen das neue Konzept für den Erhalt des Saarbrücker Filmhauses, das uns Kulturdezernent Brück vorgestellt hat“, so die SPD-Kulturpolitikerin Josephine Ortleb. „Es ist sehr wichtig, dass unser Filmhaus nun aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wird. Dafür haben wir uns seit Jahren politisch eingesetzt. Die Verwaltung hat zusammen mit ihren Kooperationspartnern einen stimmigen Plan entwickelt.
Ich bin sehr froh darüber, dass der angestammte Standort in der Mainzer Straße erhalten bleibt und barrierefrei ausgebaut wird. Ziel ist es, den Ort nun neu zu beleben und das Filmhaus auch wieder stärker in die Nachbarschaft einzubringen. Michael Krane, der seit langem mit dem Filmhaus verbunden ist, hat in der Camera Zwo gezeigt, dass er ein gutes Händchen fürs Programm hat. Die Einbeziehung der Kontaktstelle Wissenschaft unter der Leitung von Christel Drawer macht Sinn. Städtische Filmkultur und die Wissenschafts- und Hochschulszene haben interessante Schnittmengen und können sich gegenseitig bereichern. Wichtig war uns auch, dass für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Anschlussbeschäftigungen in der Verwaltung gefunden werden.
Kommunales Kino ist ein wichtiges Kulturangebot für die Bürgerinnen und Bürger. Wir werden die weitere Konkretisierung des Konzepts und der vertraglichen Regelungen nun genau prüfen und das Projekt intensiv im Rat begleiten“, so Ortleb abschließend.

Die Linke

Die Linksfraktion im Saarbrücker Rathaus äußert sich verwundert über die Vorgehensweise bezüglich der Sanierung des Filmhauses. Lothar Schnitzler, kulturpolitischer Sprecher: „Natürlich ist es die Aufgabe des zuständigen Dezernenten, den politisch Verantwortlichen Vorschläge zu unterbreiten, wie er sich die Zukunft des Filmhauses vorstellt. Mit diesen Vorschlägen kann man arbeiten. Sie werden in den Fraktionen beraten und in der Koalition abgestimmt, danach in den Gremien und im Stadtrat beschlossen und dann auch der Öffentlichkeit verkündet. Hier allerdings wurde den Medien bereits ein Konzept verkauft, bevor in den Fraktionen oder in der Koalition darüber diskutiert werden konnte. Eine politische Abstimmung darüber ist noch nicht erfolgt.“
Positiv sei zu bewerten, so Schnitzler, dass sich die Verwaltung intensiv mit einem Rettungskonzept für das Filmhaus beschäftige. Es sei aber nicht hinzunehmen, dass die Stadtverordneten vor vollendete Tatsachen gestellt würden und in der Öffentlichkeit so getan würde, als sei bereits alles in trockenen Tüchern. Insbesondere in der Absicht, die Führung des Filmhauses in Privathand zu geben und das zuständige Stadtamt abzuschaffen, stoße in der Linksfraktion auf Unverständnis, nachdem die Koalition gerade erst im Dezember einen gültigen Stadtratsbeschluss zum Erhalt aller kommunalen Einrichtungen und der damit verbundenen Arbeitsplätze herbeigeführt hatte.
„Eine Privatisierung oder Teilprivatisierung des Filmhauses mit all den damit verbundenen Unwägbarkeiten ist mit der LINKEN nicht zu machen. Wir können gerne über alle möglichen Konzepte diskutieren, die einen Erhalt des Standortes Filmhaus vorsehen und die Verantwortlichkeit bei der Kommune belassen. Unerlässlich ist aber in jedem Fall, dass darüber zunächst einmal intern beraten wird, bevor der Öffentlichkeit ein fertiges – aber nicht abgestimmtes – Konzept präsentiert wird“, so Schnitzler abschließend.

 

GRÜNE

Die Grünen im Stadtrat befürworten das neue Konzept für das Filmhaus. Das vorgestellte Ergebnis ist ein Schritt in die richtige Richtung mit dem Ziel, das Filmhaus neu zu beleben und auch wieder stärker in die Kulturszene einzubringen.
“Für unsere Fraktion war es wichtig, dass der angestammte Standort in der Mainzer Straße erhalten bleibt und barrierefrei ausgebaut wird.  Darauf haben wir in den letzten Monaten versucht hinzuwirken. Das von Kulturdezernent Brück vorgestellte Konzept für den Erhalt des Saarbrücker Filmhauses hat deshalb unsere Unterstützung. Wir erkennen mit dem vorgelegten Ideen erstmals ein wirklich durchführbares, finanzierbares und sinnvolles Konzept, das eine echte Erneuerung bietet”, erklärt die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Britta Planz.
Mit den neuen Verantwortlichen, Christel Drawer und Michael Krane, sind zwei sehr erfahrene Persönlichkeiten berufen worden, die mit viel Leidenschaft an der Umstrukturierung und Neuausrichtung des Filmhauses arbeiten werden.
“Die Bedürfnisse und Interessen der Menschen haben sich gewandelt, darauf müssen auch kommunale Einrichtungen reagieren, wenn sie nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken wollen. Denn damit gehen sinkende Besucherzahlen und somit steigende Kosten für die Stadt einher. Das neue Konzept, das die „Wissenschaftsreihen“, den Film und die Hochschulen miteinander verknüpft, bietet für die Bürger von Saarbrücken eine interessante Kombination, die dazu in der bisherigen Umgebung des Filmhaus stattfindet. Mit der verstärkten Einbindung des Festivals „Max Ophüls Preis“ bietet sich zudem die Gelegenheit, die jeweils letzten Siegerfilme zu zeigen und somit das Festival auch über das ganze Jahr präsent zu halten”, so Britta Planz weiter.
Zur Neuausrichtung des Filmhauses sollte auch eine Neugestaltung des Hauses selbst gehören. Die stark in die Jahre gekommene Immobilie braucht nach Ansicht der Grünen dringend einige äußerliche Überarbeitungen, in welche man dann auch die Barrierefreiheit miteinbeziehen muss. Die Fraktion der Grünen begrüßt in diesem Punkt eine Zusammenarbeit der Stadt und des neuen Vermieters.
“Von einer Aufwertung der Immobilie würden alle Beteiligten profitieren.  Bei aller Liebe zur Kultur und dem Kino sind unsere Mitmenschen unser wichtigstes Gut. Daher bietet diese Lösung, bei dem kein Mitarbeiter des Kinos entlassen wird, sondern innerhalb der Stadt andere Aufgaben findet, damit einen zusätzlichen Pluspunkt”, so Planz abschließend.

 

CDU

„Die CDU-Fraktion im Saarbrücker Stadtrat begrüßt das neue Konzept, mit dem die Zukunft des  kommunalen Kinos ‚Filmhaus‘ gesichert werden soll“, so Elke Masurek, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion. Dieses Konzept gehe nach Ansicht der CDU-Fraktion maßgeblich auf die Ideen einer Initiative zur Rettung des Filmhauses zurück. Bei genauem Hinsehen erkenne man viele Anregungen der Initiative hier wieder.
„Von den politisch Verantwortlichen, insbesondere von Kulturdezernent Brück, kam in der Angelegenheit Filmhaus lange Zeit nichts außer der Kenntnisnahme der schwindenden Zuschauerzahlen. Dabei besteht die brisante Situation des Filmhauses schon seit einigen Jahren, die Stadtverwaltung hat dem viel zu lange tatenlos zugeschaut und war zudem noch beratungsresistent“, kritisiert Elke Masurek. Die CDU-Fraktion hatte in den letzten Jahren immer wieder mehr Kooperationen gefordert, von daher sei die Zusammenarbeit mit dem Kino „camera zwo“ sehr zu begrüßen, ebenso wie die künftig geplanten Wissenschaftsreihen mit Ringvorlesungen im Filmhaus.
„Wir versprechen uns von der neuen Struktur frischen Wind und Aufschwung für das Filmhaus. Die Stadtverwaltung muss jetzt aber schnellstmöglich die neuen Zahlen auf den Tisch legen, damit klar ist, was das neue Modell kostet“, fordert Elke Masurek.
Mit dem neuen Filmhaus-Konzept sei jetzt auch der Zeitpunkt gekommen, andere, neue Schwerpunkte zu setzen, damit sich die Stadt trotz der schwierigen Haushaltslage im Kulturbereich zeitgemäß und mit innovativen Ideen aufstellen könne. Um ein breites Kulturangebot zu erhalten und neue Potenziale zu erschließen, bedürfe es daher eines geschlossenen Konzeptes, das auch neue Finanzierungsmöglichkeiten berücksichtige. „Deshalb wird die CDU-Fraktion im Kulturausschuss in der nächsten Woche den Kulturdezernenten Brück erneut auffordern, endlich einen Kulturentwicklungsplan für die Landeshauptstadt Saarbrücken zu erstellen und dem Kulturausschuss vorzulegen“, kündigt Elke Masurek abschließend an.

 

FDP

Reformen zum Filmhaus können fehlendes städtisches Engagement Kulturszene nicht verdecken

Saarbrücken, den 13.01.2017 – Zwar begrüßt die FDP-Fraktion im Saarbrücker Stadtrat die ersten nun bekannt gewordenen Ideen zur Reform des Filmhauses, jedoch bleiben nach Ansicht der Freien Demokraten eine Reihe von Fragen unbeantwortet. „Weder zur konkreten Umsetzung, noch zu den Einsparungen, in welcher Höhe beim Filmhaus künftig gespart wird, gibt es bislang konkrete Angaben“ so Karsten Krämer, Fraktionsvorsitzender und kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Außerdem müsse dringend diskutiert werden, ob die beim Filmhaus erbrachten Einsparungen nicht im Kulturetat der Landeshauptstadt enthalten bleiben.

„Die Freien Demokraten begrüßen, dass es nach anderthalb Jahren Stillstand unter dem Kulturdezernenten Brück nun doch noch ernsthafte Reformen im Filmhaus angegangen werden“ so Krämer weiter. Jedoch sehe das neue Konzept vor, das Filmhaus von einem kommunalen Kino zu einem Kulturzentrum mit einem angeschlossenen Kino umzuwandeln. Zwar sei dies eine spannende Idee, da so neue programmatische Ansätze umgesetzt und zusätzliche Räume für bildende Künstler und die Kulturschaffenden geschaffen werden können, hinter der Intention der städtischen Verwaltung stehe jedoch ein großes Fragezeichen. „Alles deutet darauf hin, dass die LHS nicht zur Umsetzung einer interessanten und nachhaltigen Kulturvision tätig wird, sondern zur Sanierung des städtischen Haushalts auf Kosten der Kultur! Dies widerspricht den wiederholten Beteuerungen der Oberbürgermeisterin Britz und der Ratsmehrheit aus SPD, Linken und Grünen, bei der Kultur nicht sparen zu wollen“ so Krämer. Durch die immer stärker betonten finanziellen Argumenten und durch einen künstlich aufgebauten Handlungsdruck wolle die Verwaltung eine transparente Diskussion über die städtische Kulturentwicklung und deren Umsetzung in der Mainzer Straße offensichtlich unterbinden.

Außerdem müsse der zuständige Dezernent die offenen Fragen zur Vergabe der Räume an Private, zur Vergabe des Dienstleistungsvertrags, und zur Umsetzung des Personals unverzüglich beantworten. „Ebenso unklar ist, wie die stärkere Zusammenarbeit zwischen der LHS und den Hochschulen im organisatorischen Rahmen eines Hauses der Wissenschaft ohne zusätzliche Personal- und Sachkosten realisiert werden soll, oder, ob die Festival Max Ophüls Preis gGmbH die zusätzlichen Mittel für die Nutzung der zusätzlichen Büroräume ohne erhöhten Zuschuss stemmen könnte“ mahnt Krämer. Außerdem könne auch künftig nicht auf Mittel für eine angemessene Öffentlichkeitsarbeit verzichtet werden. „Hierbei könnte der Kakadu mit einem neuen Auftritt eine Option sein, um sowohl das Agieren der LHS im allgemeinen, die neuen Programme des innerstädtischen Kulturzentrums und das gesamte Schaffen der Saarbrücker Kulturschaffenden einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Die kommenden Wochen werden bei all diesen offenen Fragen zeigen, wie wichtig der Verwaltung und dem rot-rot-grünen Bündnis die Kulturentwicklung in Saarbrücken ist“ so Krämer abschließend.

 

 

„The Night Manager“ von Susanne Bier

Tom Hiddleston the night manager

Tom Hiddleston the night manager
„Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Dame, König, As, Spion“ gelten als die besten Adaptionen von Romanen John le Carrés. Der BBC-Mehrteiler „The night manager“ kommt nicht ganz heran, ist dennoch sehr sehenswert. Gestern gewann der Film drei Golden Globes für die Darsteller Tom Hiddleston und Olivia Colman.

Den Romanen von John Le Carré, mit ihren kunstvollen personellen Verästelungen, kommt das Format des Mehrteilers im Fernsehen eher entgegen als der kürzere Kinofilm. Gerade die BBC-Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“ (1979) mit Alec Guinness ist eine kongeniale Adaption; die Kinofassung von 2011 mit Gary Oldman dagegen wirkt kurzatmig. Die BBC hat sich Le Carrés Romans „The Night Manager“ angenommen und ihn in sechs Teilen verfilmt. Der Aufwand ist enorm – angesichts der Konkurrenz von HBO und Netflix muss geklotzt werden – und vor wie hinter der Kamera drängelt sich Talent zuhauf. Tom Hiddleston spielt Jonathan Pine, einen Nachtportier/manager in Kairo, dem während des arabischen Frühlings Informationen über illegale Waffengeschäfte zugespielt werden – kurz darauf wird die Informantin ermordet. Pine flieht in die Schweiz und wird vom Geheimdienst rekrutiert: Er soll in die Organisation des Unternehmers Richard Roper (Hugh Laurie) eingeschleust werden, der hinter allem steckt, dem man bisher aber nichts nachweisen konnte. Langsam beginnt der Brite mit Vergangenheit im Militär seinen Aufstieg in der glamourös lebenden Entourage um Roper und lebt ständig in Angst, enttarnt zu werden. Man ahnt es schon beim Lesen: Der elementare Plot ist nichts Neues, auch nicht die Idee, dass der Agent in Liebe für die Gangsterbraut entflammt – gerade da kommt die Dramaturgie etwas ins Stolpern.

Umso erstaunlicher also, dass diese acht Episoden à einer Dreiviertelstunde eine enorme Spannung aufbauen und mit der Präzision eines Uhrwerks dahinschnurren. Die dänische Regisseurin Susanne Bier (ihr Film „In einer besseren Welt“ gewann 2011 einen Oscar) inszeniert ohne Schnörkel und hat ein gutes Ensemble beisammen. Hugh Laurie gibt einen rational eisigen Waffenhändler mit besten Manieren (dank britischer Elite-Schule), Hiddleston bringt als Agent Härte und Skrupel gut zusammen. Auch die Stärke des TV-Formats zeigt sich: Figuren, die in einem 100-Minuten-Film vielleicht auf wenige Sätze komprimiert wären, entfalten hier ein Eigenleben mit einer gewissen Tragik – allen voran der Intimus des Waffenhändlers (Tom Hollander), der langsam aber sicher vom eingeschleusten Agenten verdrängt wird. Freudig schwelgt der Film im Bestverdiener-Glamour, man wandelt durch edle Hotels und sieht die schönsten Ecken von Zermatt und Mallorca, Kairo und Istanbul. James-Bond-Aroma schwebt durch die Szenerie, „The night manager“ ist, anders als „Dame, König, As, Spion“, kein Anti-007. Für die nächste Bond-Regie wäre Susanne Bier eine interessante Kandidatin – wer, wie sie, aus einem recht schematischen Drehbuch Hochspannung entwickeln kann, müsste bei 007 herzlich willkommen sein.

Erschienen bei Concorde Home Entertainment. Fotos: Concorde

Tom Hiddleston the night manager

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