Humanist und nebenbei auch Medienstar: Abbé Pierre (Benjamin Lavernhe). Foto: Splendid

Der Franzose Abbé Pierre (1912-2007) hat unermüdlich gegen Armut und Ungerechtigkeit gekämpft. Ein Film zeichnet nun das Leben des „Emmaüs“-Gründers nach.

Die Szene spielt in den 1980ern, wirkt aber ziemlich aktuell: „Immer mehr Menschen sagen: Frankreich den Franzosen“, sagt ein TV-Moderator zu einem weißbärtigen älteren Herrn im Fernsehstudio. „Was wollen die“, fragt der zurück, „Maschinengewehre für unsere Grenzer? Um die Hungernden abzuwehren?“. Und fügt hinzu: „Zu Le Pen habe ich schon zehn Mal gesagt: Halt’s Maul!“. Mit Le Pen ist nicht Marine gemeint, rechtspopulistische Politikerin des „Rassemblement National“, sondern ihr Vater Jean-Marie – damals Vorsitzender des „Front National“, der sich 2018 eben in „Rassemblement National“ umbenannte, auf der Suche nach einem breitenwirksameren und weniger radikal anmutenden Erscheinungsbild.​

Französisches Nationalheiligtum​

Das TV-Interview hat es gegeben, den Mann mit dem weißen Bart und der großväterlichen Aura auch: Abbé Pierre (1912-2007). Katholischer Priester war er, gründete die Wohltätigkeitsorganisation „Emmaüs“, war lebenslanger Aktivist für die Armen, ein französisches Nationalheiligtum. Drei Jahrzehnte lang führte er die Umfrage nach dem beliebtesten Franzosen an (auch wenn Jean-Marie Le Pen wohl nicht für ihn stimmte) – schließlich bat er sich aus, in dieser Liste nicht mehr aufzutauchen.​

„Arroganz ist Alain Delons zweiter Vorname“

Das Leben und die Lebensmission dieses Mannes aus Lyon, der bürgerlich Henri Grouès hieß, hat der Regisseur und Co-Autor Frédéric Tellier nun unter dem Titel „Abbé Pierre – Ein Leben für die Menschlichkeit“ als ganz klassisches „Biopic“ verfilmt: mit hohem Aufwand, mit ausgesuchten Bildern im breiten Cinemascope-Format für die Leinwand und nicht das Fernsehen, mit großen Momenten und viel Gefühl. Die Gefahr dabei: Abbé Pierre ist durch die Arbeit seines Lebens, ob er das nun wollte oder nicht, zu einem Denkmal geworden – wie entgeht man da dem filmischen Pinseln eines Heiligenbildes, das bunt, aber langweilig zu werden droht? Tellier umgeht das Risiko (meistens), indem er zwar nicht Genre oder Hauptfigur gegen den Strich bürstet; aber er zeigt Abbé Pierre immer wieder als Zweifler, als Haderer, oft als Sturkopf, der er sein muss, um etwas zu bewegen – angesichts der Natur des Menschen, der lieber besitzt als teilt, der sich selbst stärker im Blick hat als andere.​

 

Abbé Pierre (Benjamin Lavernhe) und Lucie Coutaz (Emmanuelle Bercot) weihen ihr erstes Armenhaus ein.

Abbé Pierre (Benjamin Lavernhe) und Lucie Coutaz (Emmanuelle Bercot) weihen ihr erstes Armenhaus ein. Foto: Splendid

„Hinterlasse ich eine bessere Welt?“, fragt sich der altgewordene Abbé zu Beginn, beschienen von den ersten Strahlen einer aufgehenden Sonne. Von dort springt der Film zurück ins Jahr 1937, um ab da chronologisch zu erzählen. Der Abbé ist noch kein Abbé, sondern Kapuziner in einem Kloster, so nasskalt, dass die karge Suppe dampft wie ein Kraftwerkschornstein. Kein Raumklima für den Zerbrechlichen, der regelmäßig kollabiert. „Du bist nicht gemacht für die Kapuziner“, sagt man ihm und rät, er solle am besten „ein kleiner Priester in einem ruhigen Viertel“ werden. Doch dazu kommt es nicht, er wird eingezogen, und später gibt es keine ruhigen Viertel mehr, auch nicht im Frankreich des Vichy-Regimes. In Grenoble lauscht er, scheinbar zustimmend, Kirchenreden über die „deutschen Brüder“ und führt nach Dienstschluss Jüdinnen, Juden und andere Verfolgte über die Grenze in die Schweiz; für von Deutschen fast zu Tode Gefolterte kann er nichts weiter tun, als Zyankali-Kapseln mitzubringen.​

Findige Nonne aus der Résistance​

Diese Machtlosigkeit zehrt an ihm und ist auch der Antrieb zu seiner Arbeit nach 1945, bei der ihm die findige Nonne Lucie Coutaz aus der gemeinsamen Resistance-Zeit hilft. Sie wird zur platonischen Lebensbegleiterin und im Film so etwas wie ein gutes Gewissen; der Film schildert, wie die beiden das erste Armenhaus einrichten, zur Finanzierung die „Emmaüs“-Läden gründen und wie der Abbé im brutalen Pariser Winter 1953/54 eine flammende Rede im Radio hält, um auf die erfrierenden Obdachlosen aufmerksam zu machen; das ist der dramatische Höhepunkt von „Abbé Pierre“ – Regisseur Tellier teilt für seine Montage die Leinwand, die ansonsten zurückhaltende Musik von Bryce Dessner verströmt einiges Pathos und erinnert ein wenig an Hans Zimmers „Inception“. Zu viel des Guten? Oder genau richtig? Geschmackssache.​

Der Humanist mit der Baskenmütze​

Ab da nimmt das Erzähltempo zu, es geht zügig durch das Leben der beiden, die einige Reibereien mit den Unterstützern überstehen müssen, denen die Politik des Abbés bisweilen zu links klingt, nicht zuletzt, wenn er Verständnis aufbringt für französische Kolonien, die keine Kolonien sein wollen. Da wird einiges angerissen, aber nicht ausführlich erklärt – es schadet nicht, sich vor dem Film kurz über diesen prallen Lebenslauf zu informieren. Hat dieser Humanist mit der Baskenmütze die Welt nun ein wenig besser gemacht? „Ich bin gescheitert“, sagt er im Film am Ende seines Lebens im geisterhaften Dialog mit seinem vor Jahrzehnten umgekommenen Bruder. Ihm zustimmen will man da natürlich nicht – aber es ist gut und naheliegend, dass der Film mit realen Bildern aus dem heutigen Paris endet, mit Armut, Not und Obdachlosen, an denen man ja gerne vorbeischaut.​

Der Film läuft aktuell bundesweit, in Saarbrücken ist er in der Camera Zwo zu sehen.