Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Interview (Seite 3 von 3)

Camera Zwo – wie geht es dem Saarbrücker Kino am zehnten Geburtstag?

 

Camera Zwo

Vor zehn Jahren hat Kinobetreiber Michael Krane das alte Scala-Filmtheater in der Saarbrücker Futterstraße in die Camera Zwo umgewandelt. Hat sich das Rezept, anspruchsvolle Filme an der Schwelle zum Mainstream zu zeigen, bewährt?

Die düstere Treppe nach unten wirkt wie eine Edgar-Wallace-Requisite. Doch statt Kinski oder Fuchsberger wandelte hier, in den Projektionsräumen der Camera Zwo, einst der Filmvorführer. Einen separaten Eingang hatte er – und keinen Zugang zum eigentlichen Kino, ein Stockwerk tiefer. Des Brandschutzes wegen, erklärt Kinobetreiber Michael Krane, der durch seine Camera Zwo führt, die früher einmal, von 1951 bis 2005, das selige Scala-Kino war – in der Region eines der größten „Filmtheater“, wie man Kinos damals so verheißungsvoll nannte.
Die schmalen Gänge über den Kinosälen sind voller Historie: Plakate, Bud-Spencer-Aufkleber und Brandschutzklappen aus der Kinosteinzeit, als hitzige Kohlebogenlampen das Licht auf die Leinwand warfen. Heute ist das anders – hier stehen moderne Digitalbeamer, denen Krane nicht ganz traut. „Wenn die alten Projektoren mal nicht liefen, hat ein Fußtritt Wunder gewirkt“, sagt der 55-Jährige, die Beamer seien empfindlicher, voll mit teurer Technik. „Niemand weiß, wie lange die halten.“ Ein Damoklesschwert über allen Kinos sei das. Jüngst versagte eine kleine Platine ihren Dienst – mit 2000 Euro Kosten. Immerhin: 25 Kilo schwere Kinokopien muss heute niemand mehr schleppen, der Film auf Festplatte wiegt nur ein Pfund.

Ein Stockwerk tiefer liegt die Theke mit Kasse – und Popcorn-Maschine: für besonders gestrenge Cineasten ein Sakrileg, Symbol des bösen Kommerzkinos. Krane nimmt es gelassen. „Anfangs dachte ich, wenn die Maschine kaputt geht, repariere ich sie nicht mehr.“ Aber die Mini-Gastronomie bringt Geld in einem Geschäft der knappen Kalkulation. Acht Jahre lang hat Krane keine Werbung gezeigt, „darauf war ich sehr stolz“, aber das ließ sich finanziell nicht halten: 2012 kam die Digitalisierung – für 250 000 Euro, wenn auch bezuschusst von der Filmförderung und vom Land. Klassisch geschulte Vorführer sind heute überqualifiziert, PC-Kenntnisse reichen aus. „Man muss mittags die Systeme hochfahren und abends auf ein paar Knöpfe drücken.“
Einer der Vorteile der Digitalisierung: Filme auch in der Originalfassung zu zeigen, ist technisch kein Problem; früher musste man eine eigene Kopie anfordern. Im US-Original hat Krane gerade einen Film gezeigt, den man hier nicht erwartet hätte: das jüngste „Star Wars“-Spektakel. „Das war vor allem für mich“, sagt er, „mit den alten Filmen bin ich aufgewachsen.“ Generell aber passen Blockbuster nicht zum Image des Kinos. „Den jüngsten Bond hätte ich auch spielen können – aber da muss man aufpassen.“

Es läuft überwiegend gut in der Camera Zwo. 2012 bis 2014 seien „goldene Jahre“ gewesen. „Doch 2015 war ein Desaster, da sind wir abgestürzt.“ Keine wirklich guten Filme, keine großen Hits. „Beruhigend war aber, dass wir ein Katastrophenjahr ganz gut überstanden haben.“ Mit studentischen Aushilfen führt Krane das Kino und mit zwei Festangestellten: er selbst und Kinoleiterin Anna Reitze (32), die laut Krane „den Laden eigentlich besser kennt als ich“. Wohlhabend werde man nicht, „man muss privat alles stemmen, subventioniert werde ich ja nicht“. Apropos: In Konkurrenz zum städtischen Filmhaus sieht er sich nur bedingt, „ich bin ja deutlich mainstreamiger“, während das Filmhaus ganz bewusst auch sperrigere Filme zeige. „Was mir nicht unrecht ist.“

Das Verleihgeschäft, das Einschätzen von Erfolgschancen und bisweilen das Gerangel um Filme, ist nicht einfach. „Zumal man Filme nicht einfach nur für eine Woche buchen kann und je nach Erfolg verlängert oder absetzt.“ Manchmal sitze man auf einem Ladenhüter, den man vertraglich mehrere Wochen zu spielen habe. Nur wenn Filme gnadenlos floppen – aktuell der Sandra-Bullock-Film „Die Wahlkämpferin“ – haben die Verleihe, die täglich durch die vernetzte Kinokasse über die Einnahmen informiert werden, Verständnis und lassen den Film aus dem Programm nehmen. Bei kleineren Verleihen gibt Krane dem Film aber nochmal eine Chance, „sonst wäre das unfair“, oder Werken, die er mag. Der Trickfilm „Anomalisa“ läuft schlecht bei ihm. „Aber ich zeige ihn weiter, weil er gut ist“, sagt Krane, der sich dennoch weniger als Cineast versteht denn als pragmatischer Kinobetreiber. „Würde ich nur spielen, was mir gefällt, wäre der Laden zu.“
Dass die Camera Zwo viele ältere Leute anlockt, freut Krane – es ist ein treues und angenehmes Publikum, das nicht mit Popcorn um sich wirft. Manche Stammgäste kämen, ohne zu wissen, was läuft. „Eine andere Gruppe kommt immer mittwochs, aber nur bei schlechtem Wetter“ – eine Boule-Truppe, die bei Sonnenschein lieber ihre Kugeln wirft. Berühmt-berüchtigt ist ein Kinogänger, der stets zwei Minuten zu spät den Saal betritt und zielgerichtet seinen Stammplatz ansteuert. Wenn der dann schon besetzt ist, schätzt der Stammgast das gar nicht. „Aber er ist harmlos.“

HINTERGRUND
Im Januar 2006 hat Michael Krane, zuvor Geschäftsführer der Saarfilm (Passage- und UT-Kinos) das Scala-Kino in Camera Zwo umbenannt – als Reminiszenz an das Camera-Kino auf der Berliner Promenade (1967-1999). 100 000 Euro steckte er in die Modernisierung und stellte das Programm auf „mainstreamigen Kunstfilm“ um, wie er sagt. Sechs Säle bieten Platz für 456 Kinogänger. Der erfolgreichste Film bisher war „Ziemlich beste Freunde“, der um die 20 000 Zuschauer anzog, gefolgt von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und „Willkommen bei den Sch’tis“.

Das Foto von Michael Krane und Theaterleiterin Anna Reitze stammt von Oliver Dietze.

Luxemburg und die Kollaboration: Interview mit Regisseur Christophe Wagner zu seinem Film „Eine neue Zeit“

 luxemburg eng nei zait
 
„Eine neue Zeit“ von Christophe Wagner erzählt vom Luxemburg nach dem Krieg. Ein Gendarm ermittelt im Mordfall an einem deutschen Bauern und stößt überall auf Widerstand – niemand hat Interesse an den Nachforschungen, die die Kollaboration während der deutschen Besatzung aufzudecken drohen. Der Film, der im Januar 2016 beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken lief, ist gerade beim Festival des frankophonen Kinos ausgezeichnet worden. Das Interview mit dem Regisseur habe ich vor dem Ophüls-Festival geführt.
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Ihr Film zeigt Luxemburg als Land, das nach dem Krieg jegliche Kollaboration verdrängt, um zur Normalität zurückzufinden. Ihre Hauptfigur wählt einen ungewöhnlichen Weg.Wie er reagiert, ist nur konsequent. Er ist nicht einverstanden mit der Art, wie das Land mit seinen Problemen umgeht. Einige Luxemburger Intellektuelle haben nach dem Krieg so gehandelt – Menschen wie etwa der Filmemacher Gordian Troeller, die das Thema angesprochen haben und dafür massiv kritisiert wurden. Sie haben das Land verlassen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Film in Luxemburg?

Er hat einen Historikerstreit  wieder angefacht, den es schon eine Zeit lang gibt. Vor ein, zwei Jahren hatte die Regierung einen Historiker beauftragt, einen Bericht über die Rolle der Luxemburger Verwaltung während des Krieges zu schreiben, über ihre Rolle etwa bei der Mithilfe der Deportierung von Juden. Der Bericht hat eine Auseinandersetzung unter Historikern ausgelöst: Die einen, meist die jüngeren, haben sich für die Aufklärung und Aufarbeitung entschieden, die konservativen vertraten die These „Die Verwaltung hat nicht kollaboriert, so schlimm war es auch nicht.“ Wir hatten nach Filmvorstellungen einige Gespräche mit Menschen, die diese Zeit erlebt haben. Sie haben die Ambivalenz des Films gelobt. Nichts ist nur schwarz oder weiß. Auch unser Held hat Schattenseiten, eigentlich jede Figur im Film.

Der Polizeichef nennt den integren Helden naiv und verantwortungslos, weil der glaubt, dass Wahrheit wichtiger ist als politische Stabilität. Das mag zynisch klingen, ist aber nicht ganz abwegig, oder?

Diese Frage ist das Hauptthema des Films. Mir war wichtig, dass der Gegenspieler des Helden ganz schlüssige Argumente hat, ich wollte auch nicht über ihn urteilen. Viele Regierungen in Westeuropa haben sich nach dem Krieg dieser Frage stellen müssen: Schauen wir zurück und riskieren, Spannungen wieder aufleben zu lassen, oder vergessen wir alles und fangen wieder von vorne an? Letzteres wurde ja oft praktiziert – mit der Konsequenz, dass politisch kritische Menschen größere Schwierigkeiten bekamen als ehemalige Kollaborateure.

Luxemburg hat eine bestens ausgestattete Filmförderung. War Ihr Film also leicht zu finanzieren?

Der Film hatte ein Budget von 3,8 Millionen Euro, das ist sehr knapp für einen historischen Film mit Bauten und Kostümen. Aber mehr konnte ich nicht bekommen. Luxemburgische Filme auf Luxemburgisch sind schwer zu finanzieren. Der Markt ist eben sehr klein.

Wollten Sie nicht in Englisch für den internationalen Markt drehen?

Auf keinen Fall. Es ist eine Luxemburger Geschichte, der Film hätte in einer anderen Sprache viel verloren. Meine nächsten zwei Projekte spielen nicht in Luxemburg, die werde ich auch in anderen Sprachen drehen – aber hier war das unmöglich.

Wie geht es weiter mit dem Film?

Es gibt eine französische Synchronfassung, die auch die Bedingung der belgischen Filmförderung war, die uns unterstützt hat. Wir wollen jetzt direkt die Kinos der Großregion ansprechen, Bitburg, Trier, Metz, Arlon in der Wallonie. „Eine neue Zeit“ im Ausland zu zeigen, ist nicht einfach, da Luxemburger Kino für viele eine unbekannte Größe ist, da gibt es manche Vorurteile und Mauern zu durchbrechen.

 

Die Bilder stammen von Samsa Film.

Mehr Informationen zum Film unter:
 
 http://www.engneizait.lu

Regisseur Gordian Maugg über seinen Film „Fritz Lang“

Fritz Lang Heino Ferch

Fritz Lang Heino Ferch Gordian Maugg

 

1930 steckt Regisseur Fritz Lang in der Krise: Die Ehe welkt dahin, die Filmideen sind verblüht, doch das reale Grauen wird zur Inspiration – eine beispiellose Mordserie in Düsseldorf. Lang begleitet die Ermittlungen und trifft den mittlerweile verhafteten Täter Peter Kürten. Das Ergebnis ist 1931 Langs legendärer Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. So zumindest spielt sich das in Gordian Mauggs sehenswertem Spielfilm „Fritz Lang“ ab, der Fakten, Fiktion und historisches Filmmaterial mischt. Das Foto (Tim Fulda) zeigt den Regisseur mit Heino Ferch, der Fritz Lang spielt, bei den Dreharbeiten.

 

 

In Ihrem Film sitzen sich Regisseur Fritz Lang und Peter Kürten gegenüber – hat diese Begegnung jemals stattgefunden? Lang hat sich widersprüchlich geäußert.

Ich behaupte: Ja! In US-Interviews 1965 hat er gesagt, dass er den Massenmörder persönlich gesprochen habe. Er sagte sogar wörtlich: „Ich kannte Peter Kürten persönlich!“

In den 70ern hat er das Gegenteil behauptet.

Damals hatte ihn die Nouvelle Vague in Paris entdeckt, da lehnte er es ab, etwas mit „dem rheinischen Mörder“ zu tun gehabt zu haben. Fakt ist, dass das Aktenstudium Kürten zeigt, dass stellenweise Wort-für-Wort aus den Aussagen Kürtens zitiert wird – Worte in Peter Lorres Mund gelegt werden, die ihrerseits durch Kürtens Aussagen zu belegen sind. Auch die zeitgenössische Presse bezog sich in allen Artikeln immer auf Kürten, ohne dass Fritz Lang oder Thea von Harbou etwas dazu geäußert hätten.

Warum hat Lang sich so verhalten?

Lang glaubte an den Genie-Mythos. Stets lehnte er es ab, Vorbilder oder künstlerische Anleihen zu nennen, nein, bei ihm entsprang das Genie immer aus ihm selbst. Lang war ein Mann, der von sich stets immer nur die Geschichte erzählte, die ihm nützte. Als er über Frankreich reisend Deutschland verließ, um in Amerika Fuß zu fassen, traf er dort auf Peter Lorre, der den Kindermörder in „M“ gespielt hatte, der bereits in den USA war, Lang von den Dreharbeiten her hasste und daher keine Möglichkeit ausgeließ, den US-amerikanischen Studiobossen Fotos zu zeigen, die Fritz Lang mit Josef Goebbels zeigten. Lang hatte sofort die entsprechende Geschichte parat: Er sei Halbjude und deshalb geflohen, weil die SA schon begann, sein Haus in Berlin zu umstellen. Und dies, obwohl ihm Goebbels doch zuvor die Führerschaft des Deutschen Films angeboten hatte. Lang habe deshalb noch am selben Abend Deutschland Richtung Paris verlassen. Diese Aussagen sind nicht haltbar. Langs Reisepass zeigt als Ausreisestempel nicht Januar 1933, wie Lang behauptete, sondern November 1933. Er hatte also alle Zeit der Welt, um seinen Besitz zu Geld zu machen, bevor er sich als Emigrant de Luxe auf den Weg ins Luxushotel George V. in Paris machte.

Wie würden Sie Ihren Film selbst bezeichnen? Eine Sendung in der ARD nannte ihn „Doku-Drama“. Aber passt „Doku“ da überhaupt?

Mein Film ist ein Spielfilm. Historisches Archivmaterial findet darin zwar Platz – es wird aber wie Spielfilmmaterial eingearbeitet.

War Fritz Lang als Person der Anstoß des Projekts? Oder ging es Ihnen eher um ein generelles Porträt eines nach Inspiration suchende Künstlers oder um die Darstellung einer Zeit im großen Umbruch?

Es ging mir um Fritz Lang. Er war ein wahrer Künstler und für den Film der Erfinder aller Genres, die wir heute kennen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren des Kinos der Weimarer Republik kam er nicht vom Schauspiel und nicht vom Theater. Er war beeinflusst von Architektur und von der Malerei, und sein Verdienst ist es, diese Künste in den Film übertragen zu haben. Sehen Sie sich die Filme Langs an: der filmische Raum, das überirdische Licht. Er war ein Meister sondersgleichen. Kein Tag im Atelier verging, ohne dass Erfindungen gemacht wurden, die auch heute noch in der Filmkunst Gültigkeit hätten!

Ihr Lang im Film kennt das Gefühl von Mordlust selbst – er aber kann es auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs befriedigen. Bezieht sich das nur auf Lang oder sehen Sie darin einen Zug der menschlichen Natur?

Fritz Lang sprach immer vom „Anderen in uns“. Ihn beschäftigte die Frage, warum der Mensch, der doch in die Welt geboren wird, um Gutes zu tun und in Gemeinschaft zu leben, warum dieser Mensch in Situationen gerät, wie im Falle von Kain und Abel, wo er zu einem mordenden Ungeheuer werden kann. Lang war kein Mensch, der in den Weltkrieg zog um Mordlust auszuleben. Nein, aber wie viele andere geriet er in einen Krieg, der erstmals ein industrieller Krieg war, ein Töten und Getötetwerden durch einen Gegner ohne Gesicht. Er muss dort Dinge gesehen haben, die ihn wie Furien für den Rest seines Lebens hetzten. Wie viele seiner Generation wurde er durch den Krieg beschädigt, auch wenn er seinen Granaten entkommen war. Im Übrigen war die Figur Peter Lorres exakt so angelegt. Es war sogar konzipiert, in „M“ eine Weltkriegsszene zu haben, in der gezeigt wird, wie Lorre zum Kindermörder wird. Diese Passagen wurden aber dann von Lang verworfen.

So gesehen hat es ja eine dunkle Ironie, dass Kürten, der Massenmörder der Weimarer Republik, später von einem Regime in den Schatten gestellt wird, das ihn wie einen Amateur wirken lässt – ein paar Jahre später hätte er vielleicht Karriere gemacht. Würden Sie das auch so sehen?

Kürten mordete aus sexueller Triebhaftigkeit heraus. Ich glaube die Henker von SA und SS hatten andere Motive, dunkler noch als die Kürtens, der trotz allem noch ein Gewissen hatte. Vor seiner Hinrichtung schrieb Kürten stapelweise Entschuldigungsbriefe an die Verwandten seiner Mordopfer.

Der visuelle Stil Ihres Films mit den langen Schatten und den harten Kontrasten ist aufwendig. Gab es seitens des Ko-Produzenten Arte keinen Einwand, dass Sie im Vollbild-Format alter Filme gefilmt haben?

Natürlich entspricht dies nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten. Aber bei Arte ist man mit dem Besonderen immer Zuhause. Und im Kino gilt sowieso: Komme Zuschauer, setz Dich und lass Dich ein auf eine neue Erfahrung!

War es für Sie einfach, Ausschnitte aus Filmen Fritz Langs von der Murnau-Stiftung zu bekommen? Mussten Sie das Konzept und das Drehbuch vorlegen? Und war das Material dann relativ bezahlbar?

Man hat mich fair behandelt. Eine Vorlage des Drehbuches war nicht nötig.

Wie kamen Sie zur Besetzung von Heino Ferch und Samuel Finzi?

Ich habe von vornherein gewusst, wen ich für welche Rolle am allerallerallerallerbesten finde. Ich legte mein Drehbuch vor, bangte, hoffte – und wurde sofort angerufen, vom begeisterten Heino, vom begeisterten Samuel. Manchmal hat man eben einfach Glück.

Hat sich Ferch mit alten Lang-Interviews etwa auf die Sprache Langs vorbereitet? Und
Finzi auf die Sprechweise Peter Lorres?

Beide Schauspieler haben sich mit allen Kräften auf die Rolle geworfen und zu ihrem Charakter ersteinmal grundsätzlich „Ja“ gesagt. Wir haben viel über die Figuren und ihre Zeit gesprochen, Filme geschaut. Was von Lang verfügbar war, ist hier eingeflossen. Die Dialoge für Samuel entstammen wortwörtlich den Kürten-Akten.

Haben Sie selbst einen Lieblingsfilm von Lang?

Ganz klar – mein Lieblingsfilm ist „M“. Ganz toll ist auch „Der müde Tod“.

Was halten Sie von seinen letzten Filmen, die er für Produzent Artur Brauner in eutschland gedreht hat, „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, „Das indische Grabmahl“ und „Der Tiger von Eschnapur“?

Die späten Filme aus der Brauner-Zeit haben mich als Kind sehr geprägt. Aber ich habe ein bisschen Angst davor, sie als heute 50jähriger wiederzusehen.
Die DVD ist erschienen bei W-Film/Lighthouse.

„Ich habe immer viel geackert“ – Interview mit Burghart Klaußner

Burghart Klaußner

Schauspieler Burghart Klaußner (67, Foto: Max Parovsky) ist einer der Großen seiner Zunft, ob auf der Bühne, im Kino oder auch im Fernsehen. Er drehte unter anderem mit Christian Petzold („Yella“), Hans-Christian Schmid („23“ und „Requiem“), Michael Haneke („Das weiße Band“) und Steven Spielberg („Bridge of Spies“). Vor einem Jahr gewann er in Neunkirchen den Darstellerpreis des Günter Rohrbach Filmpreises in Neunkirchen, in diesem Jahr hat er die Jury geleitet. Ich habe vor der Verleihung mit ihm gesprochen.

 

Vor einem Jahr haben Sie in Neunkirchen den Rohrbach-Darstellerpreis gewonnen und das Preisgeld von 3000 Euro direkt an die Caritas Neunkirchen für deren Flüchtlingsarbeit gespendet. Sind solche Gesten heute sogar nötiger als 2015?

Nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht, denn die Lage insgesamt im Land hat sich ja verbessert, die Kommunen scheinen sie einigermaßen im Griff zu haben.

Aber die Stimmung gegen Flüchtlinge und Ausländer allgemein hat sich stark verfinstert, deshalb dachte ich etwa an Spenden als wichtige symbolische Geste.

Diese Stimmung ist natürlich extrem beunruhigend. Man bekommt das Gefühl, die Deutschen hätten nichts gelernt. Die abenteuerlichsten Leute schwadronieren durch die Lande, ob sie sich nun Reichsbürger nennen oder Hitlerjugend, die es ja vielleicht auch schon wieder gibt. Das ist finsterstes Mittelalter – und man fragt sich, wofür man die ganze Zeit als Künstler geredet und geackert hat.

Was kann Kunst da ausrichten? Im Saarländischen Staatstheater etwa läuft gerade Max Frischs „Andorra“ – aber kann solch ein Stück einen Ausländerfeind bekehren? Falls er es sich überhaupt anschaut.

Steter Tropfen höhlt überall den Stein. Es ist die Aufgabe der Kunst, die Menschlichkeit, die Zivilisiertheit voranzutreiben. Ob sie jeden einzelnen erreicht oder per se die Gesellschaft verbessert, darf man nicht erwarten. Aber die Kunst muss es versuchen. Ohne diese Aufgabe gibt es die Kunst gar nicht.

Sie haben in Dresden Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ inszeniert, in dem das Publikum darüber diskutiert, ob ein Pilot ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießen darf, um einen noch größeren Terrorakt zu verhindern. Wie waren die Reaktionen?

Ich habe selten erlebt, dass ein Publikum so engagiert diskutiert hat. Wobei man das Ganze nicht zur Verfassungsdiskussion hochstilisieren darf. Gerhard Baum hat recht, wenn er davor warnt, zu glauben, man könne bestimmte verfassungsrechtliche Fragen mit einer Umfrage klären.

Wie sehen Sie selbst die Schuldfrage?

Ich bin inzwischen ganz auf der Seite von Baum und halte den Piloten für schuldig. Denn der Pilot schneidet den Passagieren ja jede Möglichkeit ab, sich vielleicht doch noch, wie in ähnlichen Fällen geschehen, zu wehren.Und der Autor spitzt das Ganze so zu, dass eigentlich jede Entscheidung falsch ist.

Wie fanden Sie die TV-Version des Stücks, in der Sie ebenfalls den Richter spielten?

Meine Freund Lars Kraume, der Regisseur unseres Filmes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat das brillant gemacht, es ist ja ziemlich kompliziert, ein kammerspielhaftes Gerichtsdrama fürs Fernsehen zu verfilmen. Aber es fällt auf, dass eines offenbar nicht möglich ist, was man im Theater dringend braucht: Pausen, Momente, in denen scheinbar nichts passiert. Pausen sind im Fernsehen offensichtlich unmöglich. Der Zuschauer scheint am steten Fortgang der Handlung zu hängen wie an einer Nabelschnur.

Wie groß war Ihre Genugtuung, als für den Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“der Preisregen begann?

Das war großartig, ein Film für ein besonderes Kinopublikum – das ist Spezialistentum, wie eigentlich meine ganze Arbeit als Schauspieler und Regisseur. Ich bediene ja nicht unbedingt die Unterhaltungsindustrie.

In Ihrer Filmografie findet man keine qualitativen Ausfälle – wie wählerisch sind Sie?

Ich war schon sehr wählerisch und habe mir sehr genau überlegt, was ich mache. Sonst hätte es mir keinen Spaß gemacht. Natürlich gibt es auch bei mir ein paar Sachen, bei denen ich heute sage, das hätte nicht sein müssen.

Deren Titel Sie sicher nicht nennen wollen.

Stimmt.

Aber wie wählerisch kann man sein, wenn man seinen Lebensunterhalt verdienen muss?

Das geht schon. Ich habe ja immer sehr viel gearbeitet, ordentlich geackert, und da ist mir vor allem eines gelungen, was ganz schön kompliziert ist: nämlich Theater, das unverzichtbar ist, mit Film einigermaßen gleichmäßig zu verbinden.

Wirklich präsent wurden Sie im Kino vor zehn Jahren mit „Die fetten Jahre sind vorbei“.

Mit der Filmarbeit habe ich erst Mitte, Ende der 90er Jahre angefangen, vorher vor allem Theater und ein bisschen Fernsehen. Aber es ist eben so: Wenn man sich an speziellen, eher seriösen Themen abarbeitet, wird man nach außen später sichtbar, als wenn man gleich mit Riesenkomödien anfängt oder dem „Tatort“.

Kein Format, dass Sie schätzen?

Diese Krimischwemme finde ich so albern wie sonst irgendwas. Es hat mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit wenig zu tun. Sei’s drum – es ist eine große Sparte im Fernsehen. Aber wenn man die nicht bedient, dauert alles halt ein bisschen länger. „Die fetten Jahre sind vorbei“ war ein Höhepunkt, „Das weiße Band“ und „Goobye Lenin“ Filme etwa wie „Requiem“ von Hans-Christian Schmid sind unglaublich toll, wurden aber nicht – um es vorsichtig zu sagen – von sehr vielen Leuten gesehen. Aber ich kann gut damit leben. Ich weiß, dass das gute Arbeit war.

Wenn Sie kleinere Rollen in internationalen Filmen wie in „Der Vorleser“ oder „Bridge of Spies“ spielen, müssen Sie den Film nicht tragen – ist das dann wie ein entspannender Arbeitsurlaub?

„Bridge of Spies“ ist das beste Beispiel – ich habe als durchgeknallter DDR-Fuzzi da nur eine Szene, die aber liebe ich. Das hat irrsinnigen Spaß gemacht, ist aber nicht weniger anstrengend als eine Riesenrolle, sondern eher herausfordernd: Man muss in kürzester Zeit schauspielerisch alles auf den Tisch legen, mit Tom Hanks und Regisseur Steven Spielberg.

Hatten Sie Ehrfurcht vor Spielberg?

Nö, der ist ja sehr lustig. Und Ehrfurcht gehört nicht zu meinen hervorstechendsten Eigenschaften. Ehre, wem Ehre gebührt – aber bitte ohne Furcht. Die ist entbehrlich.

Sie spielen zurzeit das Stück „Heisenberg“ in Düsseldorf – wann drehen Sie wieder?

Im Frühjahr beginnt eine Fernseharbeit mit Heinrich Breloer. Nach Thomas Mann nimmt er sich sozusagen dessen Antipoden an – Bertolt Brecht. Ich spiele ihn in seinen späteren Jahren: Ich habe mich mein ganzes Leben lang, wie viele Schauspieler, immer wieder mit Brecht rumgeschlagen und mich stets darüber gewundert, wie er es durch das Jahrhundert geschafft hat.

Bereiten Sie sich da anders vor als bei einer fiktiven Figur?

Auf jede Rolle bereitet man sich eigentlich ein ganzes Leben lang vor, weil man ja aus dem eigenen Fundus schöpft. Aber bei einer historischen Figur versuche ich Besonderheiten auf die Spur zu kommen. Das wird bei Brecht, der auf seine Weise ja auch ein Sonderling war, keine leichte Aufgabe, auch bei der Sprache nicht. Ich bin zwar sieben Jahre in München zur Schule gegangen, aber der Dialekt in Brechts Geburtsstadt Augsburg ist etwas Anderes. Aber ich vertraue einfach auf eine gewisse Intuition. Irgendwo im Bereich dieser Persönlichkeit wirft man als Schauspieler seine Angel aus – und wenn man Glück hat, zieht man eine große Portion nach oben.

 

Burghart Klaußners Seite:

www.burghartklaussner.de

 

 

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