Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Fernsehen (Seite 2 von 3)

Ben Hopkins über seinen Film „Welcome to Karastan“ – 18. Mai bei arte

Ben Hopkins Matthew Macfadyen

Regisseur Emil Forester (Matthew Macfadyen) ist in einer fremden Welt gelandet. Foto: ZDF/Brainstorm

 „Welcome to Karastan“ erzählt von einem Regisseur in der Krise, der ein verlockendes Angebot erhält: Er soll das kernige National-Opus einer jungen Kaukasus-Republik drehen – und stolpert dabei mitten hinein in Bürgerkriegswirren. Ein kurzes  Gespräch mit dem Briten Ben Hopkins, der die Komödie geschrieben und inszeniert hat.

 

Es kriselt beim Künstler: Die Muse hat den Regisseur Emil Forester schon lange nicht mehr geküsst (seine große Liebe und Ex-Frau auch nicht), und der Oscar im Regal hilft auch nicht weiter – zumal nur ein Kurzfilm-Oscar. Wie gut, dass ein Anruf den Filmemacher von der Untätigkeit erlöst: Die junge Kaukasus-Republik Karastan lädt ihn zu seinem Filmfestival ein. Forester nimmt dankbar an und erlebt im Land Sonderbares – etwa das Angebot des dezent diabolischen Präsidenten, in Karastan ein National-Epos zu drehen, das die Republik im Rest der Welt bekannt machen soll. Denn, so des Präsidenten Logik: „Was war Schottland, bevor es den Film ‚Braveheart‘ gab?“

„Welcome to Karastan“ ist eine vergnügliche Komödie über kreative Krisen, die Macht und die Ohnmacht des Kinos – erdacht und inszeniert hat sie der britische Filmemacher Ben Hopkins, der ähnliche Karrieretiefen wie seine Hauptfigur kennt. Vor sieben Jahren drehte er seinen letzten Spielfilm vor „Karastan“ – drei lange geplante Filmprojekte „gingen den Bach runter“, wie es Hopkins nennt. „Aber man gewöhnt sich an alles, auch an Folter.“

 

Ben Hopkins

Regisseur und Autor Ben Hopkins. Foto: Hopkins

 

Autobiografisch möchte Hopkins seinen Film dennoch nicht verstanden wissen, aber die bizarren Erlebnisse etwa beim Filmfestival in Karastan seien schon ein „Best Of“ seiner Festivalbesuche und die seines polnischen Co-Autoren Pawel Pawlikowski, dessen Film „Ida“ 2015 den Auslands-Oscar gewonnen hat. „Manchmal, wenn man bei einem schlechten Festival der zweistündigen Rede des Kulturministers von Arschlochistan zuhört,“ sagt Hopkins, „fragt man sich schon, was das alles soll.“

Sein Film handelt auch von der Versuchung: Der Regisseur Forester greift beim Regieangebot des Tyrannen nur zu gerne zu, er ist naiv-dankbar für eine neue Aufgabe und blendet aus, was er dreht und für wen. Eine Versuchung, die Hopkins kennt, gerade „wenn es weniger gut läuft“. Man finde ein Projekt zwar unpassend für sich selbst, „aber es könnte Geld bringen und die Karriere wieder anschieben – ob nun Werbefilme für Ölkonzerne oder Polizeithriller“. Dieser Versuchung, sich dem reinen Mainstream anzudienen, um danach „etwas Persönliches drehen zu können“, habe er bisher nicht nachgegeben, „aber sie ist doch immer da“. Ideenlosigkeit plagt Hopkins dabei, anders als den Regisseur im Film, nicht. „Ich werde sicher mit vielen ungedrehten Filmen sterben. Mit Finanzierung habe ich unendliche Probleme. Ich liebe Geld, aber Geld liebt mich nicht.“

Gedreht hat Hopkins die Karastan-Szenen seines bittersüßen Films – „Das kommt dabei heraus, wenn zwei deprimierte Filmemacher eine Komödie schreiben“– in Georgien. Probleme wie beim Film-im-Film-Dreh (Revolten, ein entführter Hauptdarsteller) gab es nicht, und die Feier nach den Dreharbeiten war wohl orgiös. „Die Georgier saufen wie Teufel und singen wie Engel. Schönere Musik gibt es nicht auf Erden.“

Im Film-im-Film taucht auch ein Hollywood-Actionstar namens Xan Butler auf, der für seine Profession ausgesprochen schmächtig wirkt. Wen hatte Hopkins da im Sinn? Till Schweiger sei ja auch nicht sehr groß, sagt Hopkins, Tom Cruise sei winzig – und Vin Diesel möglicherweise ein Zwerg. „Ich glaube, wir dachten an Steven Seagal, der ja gerne an merkwürdigen Orten wie einem mongolischen Filmfestival auftaucht.“

Der fiktive Regisseur Forester hat in seiner Wohnung ein Plakat des Fellini-Films „8 1/2“, ein Detail mit Symbolgehalt, geht es in Fellinis Film doch auch um einen krisengebeutelten Regisseur, gespielt von Marcello Mastroianni. „Bei Fellini gibt der Produzent ihm eine Pistole, weil ihm bei einer Pressekonferenz nichts Gescheites einfällt. Der Regisseur erschießt sich, und dann tanzen alle“, sagt Hopkins. „Das ist eine gute Beschreibung dafür, wie es ist, Regisseur zu sein.“

18.5., 23.40 Uhr, Arte

 

 

 

Herz der Finsternis: „Taboo“ mit Tom Hardy

 

Eine Gnade, dass es noch kein Geruchsfernsehen gibt. Denn dieses London stinkt nicht nur gesellschaftlich zum Himmel. Metzger verwursten Gedärme am Straßenrand, manche Dialoge finden am Urinal um die Ecke statt, und fast jeder Figur wünschte man eine warme Dusche mit einem gerüttelt Maß Seife. Der TV-Mehrteiler „Taboo“, der bei amazon zu sehen ist und jetzt auch als DVD/Blu-ray erscheint, lässt atmosphärisch nichts aus, um tief hineinzuführen in die britische Metropole des Jahres 1814.

Dorthin kehrt der Abenteurer James Keziah Delaney (Tom Hardy) zurück. Zehn Jahre war er in Afrika für die (all)mächtige Londener „East India Company“, und ein Ruf wie Donnerhall eilt ihm voraus: Ein Monster soll er sein, gewalttätig und so wahnsinnig, wie es sein zuletzt Vater war, zu dessen Beerdigung Delaney in die alte Heimat zurückkehrt. Erfreut darüber ist fast niemand – immerhin aber seine Halbschwester Zilpha (Oona Chaplin, die Enkelin von Charles), wobei deren Verhältnis über ein rein platonisches einmal hinausgegangen zu sein scheint. Delaneys Vater hinterlässt dem Sohn nur eines: einen scheinbar wertlosen Zipfel Land in Nordamerika. Den will ihm die „East India Company“ verdächtig schnell abkaufen, doch Delaney besitzt Weitblick: Er ahnt, dass dieser Fleck einmal von handelsstrategisch höchster Bedeutung sein wird, sobald der Krieg zwischen den USA und England vorbei sein sollte. Delaney geht auf kein Angebot ein, und so greift die Handelsgesellschaft zu rabiaten Mitteln – ein erster Mordanschlag schlägt fehl.

 

 

Darsteller Tom Hardy hat diese Reihe zusammen mit seinem Vater Chips konzipiert, finanziert und den Plot (Drehbuch: Steven Knight, „Peaky Blinders“)  bis zum Rand gefüllt mit Inspirationen: Charles Dickens, Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, Gangsterfilme, Horror, Batman (der Held und sein Butler), „Les misérables“, Kolonialismus- und Kapitalismuskritik. Hier ist alles drin, weswegen manche Kritiker „Taboo“ Maßlosigkeit vorgeworfen haben. Doch das ist kleinlich angesichts dieses düster schimmernden Gesellschaftsporträts, den erzählerischen Verzweigungen, dem kunterbunten Personal (darunter Franka Potente als Puffmutter und Jonathan Pryce als Strippenzieher) und der erdrückenden Atmosphäre, die der Film optisch meisterhaft einfängt.

 

 

Hardy, ohnehin ein fast immer packender Schauspieler, steht hier ganz im Zentrum und kommt wie eine Naturgewalt über Londons Gassen: Ein Racheengel mit schwarzem Staubmantel wie aus einem Western, mit Tatöwierungen und mit dem Hang, seine meist kurzen Sätze gefährlich zu knurren – und gequält von Erinnerungen an Afrika und an sterbende Sklaven. Das London, das er nach Jahren der Abwesenheit wieder betritt, widert ihn an.

Das betont maskulin ausgestellte Antiheldentum der Figur wirkt manchmal überzogen („Der Tee ist eiskalt“ – „Sind wir das nicht alle?“ lautet einer der weniger subtilen Dialoge); aber insgesamt ist „Taboo“ eine aufregende Erfahrung, die man am besten im englischen Original genießt, nicht in der Synchronisation, die etwas keimfrei wirkt. Und das passt nun gar nicht zu diesem London.

Erschienen auf DVD/Blu-ray bei Concorde Home Video.
Fotos: Concorde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herrlich: „The Young Pope“ mit Jude Law

Young Pope Jude Law

Der Papst (Jude Law) beim Billard. Foto: Gianni Fiorito/Polyband

Ein göttliches Zeichen? Oder doch nur ein schlichter metereologischer Zufall? Die finsteren Wolken über dem Petersplatz lösen sich auf, als der neue Papst Pius XIII. den Balkon des Petersdoms betritt; die Sonne bricht durch und wärmt die Tausenden von Gläubigen, die ihre Tausende von Regenschirmen zusammenklappen. Des Papstes erste Rede lässt dann den Vatikan in seinen Grundmauern erzittern: mehr Freiheit! mehr Verhütungsmittel! Auch Frauen sollen Messen lesen dürfen! Kein Wunder, dass drei Kardinäle synchron in Ohnmacht fallen und eine Gruppe von Nonnen Freudentränen vergießt.

So beginnt die zehnteilige TV-Reihe „The Young Pope“, die jetzt auf DVD/Blu-ray erscheint und erzählerisch gleich einen Haken schlägt: Denn das alles war nur ein Traum des frisch gewählten Papstes (Jude Law), allerdings kein Traum der Verheißung, sondern, zumindest aus seiner Sicht, ein Albtraum. Lenny Belardo heißt er bürgerlich, ist der erste Amerikaner im Amt und nicht der Wunschkandidat des Konklave – seine Wahl scheint die Folge di-plomatischer Mauschelei zu sein; einige Kardinäle erhoffen sich in ihm einen telegenen und leicht lenkbaren Pontifikats-Naivling. Doch rasch dämmert der machtgewohnten Führungsriege, wen sie da vor sich hat – die Strippenzieher scheinen ihren Meister gefunden zu haben. Der wirkt nur auf den ersten Blick progressiv bis revolutionär, wenn er Zigaretten schmaucht oder zum Frühstück eine Diät-Cola trinkt; aber in ihm glüht ein erzkonservatives Herz.

 

Young Pope Jude Law

Foto:  Gianni Fiorito/Polyband.

Der italienische Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller Paolo Sorrentino (46) hat diese Reihe geschrieben und inszeniert. Sein Film „La grande Belezza – Die große Schönheit“, der 2014 den Auslands-Oscar gewann, porträtierte die italienische High-Society hintersinnig und in opulenten Bildern. Das Format einer knapp zehnstündigen Reihe gibt Sorrentino nun die Möglichkeit, einen römischen Mikrokosmos zu malen wie ein riesiges Fresko; bevölkert ist es von plastischen Figuren, die man schnell zu durchschauen scheint, die aber stets übliche Erwartungen unterlaufen. Ist Pius der eisige Manipulator mit der Lust an der Macht? Oder im Herzen noch ein kleiner verschreckter Junge, der bis heute darunter leidet, dass seine Hippie-Eltern ihn im Waisenhaus entsorgt haben?

So sieht es zumindest sein Mentor, der selbst Papst werden wollte, von seinem Schüler aber letztlich ausgetrickst wurde – weswegen er sich nach der Wahl fast die Pulsadern aufgeschnitten hätte. Pius engagiert die Nonne (Diane Keaton), die ihn im Waisenhaus großgezogen hat, sofort als enge Assistentin – um sie nach einem Disput vorerst zu degradieren. Sein zentraler Gegner ist Kardinal Voiello (Silvio Orlando), der erst als machtversessener Strippenzieher erscheint, dann aber ganz unerwartete Züge zeigt.

 

Young Pope Jude Law

Foto: Gianni Fiorito/Polyband

Gerade die Gespräche zwischen Voiello und Pius sind eine Freude – bei diesem Parlieren in hochherrschaftlichen Räumen wird nie die Stimme erhoben; aber jedes Wort ist eine Waffe, jeder noch so oberflächlich scheinende Dialog ist ein Scharmützel. Pius erweist sich als Meister der kaltlächelnd und lustvoll verabreichten Demütigung, wenn er etwa einen missliebigen greisen Bischof vom warmen Rom ins eisige Alaska versetzt. Den Satz „Ich werde nie den Nächsten lieben wie mich selbst“ glaubt man diesem Narziss sofort, der in intimen Momenten bekennt: „Ich bin nicht tiefgründig, ich bin überheblich“. Ist dieser Pius nun ein schlichtes Ekel? Oder hat er ein höheres Ziel? Wenn ja, welches?

Die Serie, die bald fortgesetzt werden soll, hält das in der Schwebe, und Jude Law spielt diesen widersprüchlichen Charakter, den auch Zweifel am Glauben plagen, ungemein lebendig. Die schwarzhumorige Handlung um Kirche, Glaube (den der Film durchaus ernst nimmt), Glaubensvermarktung, Machtsicherung und unterdrückte Libido kleidet Sorrentino in eine opulente Optik: Er zelebriert Pracht und schöne Roben (im Abspann wird Giorgio Armani gedankt), lässt die Kamera durch große Räume schweben – es sind sonnendurchflutete Schlachtfelder. Dies alles ist, um im Bild zu bleiben, zum Niederknien.

Erschienen bei Polyband.

 

Young Pope Jude Law

Ja, Regieren ist schwer.  Foto: Gianni Fiorito/Polyband

 

Young Pope Jude Law

Interview zum Buch „Homosexualität bei den Simpsons“

Simpsons

 

Seit 1989 läuft die amerikanische Zeichentrickserie „Die Simpsons“ im Fernsehen – für Kinder ein bunter Spaß, für Erwachsene eine satirische Reihe, die sich mit Gesellschaft und Politik beschäftigt, auch mit Homosexualität. Der Autor Erwin In het Panhuis (Foto: Axel Bach) hat die Serie für sein Buch „Hinter den schwulen Lachern“ untersucht.

 

Warum haben Sie gerade „Die Simpsons“ erforscht? Weil es eine so bekannte Serie ist? Oder ist der Umgang mit Homosexualität dort ein besonderer?

Beides. Die Serie beschäftigt sich viel mit Homosexualität und macht das meist mit sehr sensiblem und anspruchsvollem Humor. Zwar wird gerne mit Klischees gearbeitet, etwa mit Männern, die nasal sprechen und den kleinen Finger abspreizen, es geht aber weit darüber hinaus. Außerdem finde ich generell Mainstream-Medien interessanter als Themen, mit denen sich ausschließlich die schwul-lesbische Subkultur beschäftigt.

Ist die Serie homophob?

Im Gegenteil. Sie hat eine sehr liberale Einstellung, die in der Offenheit über die des Durchschnitts-Amerikaners hinaus geht. Bei den „Simpsons“ wird Partei für die Homo-Ehe ergriffen, 1990 gab es dort sogar den ersten schwulen Kuss im US-Fernsehen – in England musste diese Szene sogar gekürzt werden, um als DVD eine entsprechende Altersfreigabe zu erreichen.

Wie hat sich die Thematisierung von Homosexualität über die Jahrzehnte verändert bei den „Simpsons“?

In den ersten Jahren war Homosexualität kaum ein Thema, was wohl auch mit der politischen Großwetterlage zu tun hatte – da gab es ein konservatives Hoch in den USA. Aber spätestens seit der fünften Staffel 1993 wird sie oft behandelt. Es gibt aber auch Einschnitte, bei denen die Serie zurückrudern musste. Etwa nach dem so genannten „Nipplegate-Skandal“, als Janet Jackson 2004 im TV angeblich aus Versehen ihre Brust entblößte.

Was war die Folge?

Strengere Auflagen im US-Fernsehen, auch für Zeichentrickserien, etwa dass man keine nackten Hintern mehr zeichnen durfte – auch wenn „Nipplegate“ in keinem Zusammenhang mit Homosexualität stand. Es gibt aber generell auch einige schwule Zensur-Beispiele, die die Grenze des Darstellbaren veranschaulichen, etwa der homoerotische Traum bei der Serien-Figur Smithers, bei dem eine Beule unter der Bettdecke als Erektion wahrnehmbar war.

Es verwundert ohnehin, dass die Serie bei dem sehr konservativen Sender Fox läuft. War der Sender früher, als die Simpsons dort anfingen, liberaler als heute?

Nein, Fox war schon immer sehr konservativ. Deshalb hat es viele überrascht, dass so etwas Linksliberales wie die „Simpsons“ dort laufen kann und sich sogar gezielt über die Rechtslastigkeit des Senders lustig macht. Fox-Besitzer Rupert Murdoch ist sogar Gastsprecher der „Simpsons“.

Wie passt das denn zusammen?

Für Fox ist die Serie offenbar ein linksliberales Aushängeschild im Unterhaltungsbereich, um nach außen hin als pluralistisch zu erscheinen, auch wenn der Sender – vor allem in der Polit-Berichterstattung – ausschließlich republikanisch geprägt ist.

Wie geht die Serie mit Homo-Klischees um? Werden die so überzogen, dass dadurch schon so etwas wie eine Satire auf gängige Vorurteile entsteht?

Nein, eine Parodie auf Klischees sehe ich hier nicht. Aber wenn man sich über klischeehaft schießwütige Polizisten und korrupte Politiker lustig macht, sehe ich auch bei klischeehaft tuntigen Schwulen kein Problem. In vielen Fällen werden diese Klischees als Vorurteile entlarvt. Bei den „Simpsons“ wird aber auch bei Themen wie Rassismus oder Frauenrechten nicht mit deutlicher Pädagogik gearbeitet, sondern mit einem subtilen und subversiven Humor.

War Aids je ein Thema?

So gut wie nie, was mich sehr erstaunt hat, weil die Serie sonst so mutig ist. Es gibt eine gutgemachte Szene, die die irrationalen Ängste angesichts Aids karikiert, aber das war’s leider schon. Matt Groening, der Schöpfer der Serie, lässt das Thema außen vor, weil er mit seinem Humor in Bezug auf HIV/Aids unzufrieden ist. Das ist schade, weil die Serie auch mit ernsten Themen wie Suizid und sexuellem Missbrauch sehr gut umgehen kann.

Die Serie wird ebenso von Kindern wie von Erwachsenen gesehen – welchen Effekt hat die Darstellung der Homosexualität dort auf Kinder?

Ich glaube, bei Kindern bleibt vor allem die Erkenntnis hängen, dass Schwule und Lesben sich von Heteros kaum unterscheiden. Sie wollen heiraten und suchen ihr privates Glück. Mit dieser Selbstverständlichkeit kann die Serie emanzipatorisch durchaus viel erreichen.

Sind die Macher der Serie selbst schwul?

Auf den Audiokommentaren der DVDs gibt es zumindest keinen, der sich outet. Sie haben sich in einer Szene aus Scherz einmal alle als schwul beziehungsweise lesbisch bezeichnet. Dann haben sie sich darüber lustig gemacht, dass viele Zuschauer diesen selbstironischen Humor nicht verstanden haben. Es sind also aufgeschlossene Heteros, denen es egal ist, für schwul oder lesbisch gehalten zu werden. Matt Groening ist ein Kind der 70er Jahre. Ihn stört es einfach, dass den Schwulen und Lesben immer noch wichtige Rechte vorenthalten werden.

Läuft die Serie auch in Russland, wo seit einiger Zeit die positive Darstellung von Homosexualität in der Öffentlichkeit verboten ist?

Ja, sie läuft, wird aber zensiert – überraschenderweise nur in den politischen Passagen. Dabei machen sich „Die Simpsons“ vor allem über die amerikanische Politik lustig, was ja in Russland niemanden stören sollte. „The Voice of Russia“ schrieb als Fazit zu meinem Buch: „Die Simpsons behandeln Homosexualität als etwas Normales.“ Für mich wurde aus dieser Kurzmeldung nicht klar, ob der Autor das nun positiv oder negativ meint.

Haben Sie für Ihr Buch lange nach einem Verlag gesucht?

Nein, ich hatte Glück. Bei demselben Verlag, „Archiv der Jugendkulturen“ (heute Hirnkost KG) hatte ich schon ein Buch über Schwule und Lesben in der „Bravo“ veröffentlicht und innerhalb von 24 Stunden hat mir mein Verleger zugesagt, dass er auch das „Simpsons“-Buch herausgeben möchte. Über seinen Mut, auch mehrere hundert Fotos abzudrucken – ein Novum im Bereich der Sekundärliteratur – habe ich mich sehr gefreut.

Erwin In het Panhuis: Hinter den schwulen Lachern. Homosexualität bei den Simpsons. Hirnkost KG, 205 Seiten, 350 Abbildungen, 28 Euro.

www.erwin-in-het-panhuis.de

 

Simpsons

Ein Vollbad in Kitsch und Farbe: „Flash Gordon“ von Mike Hodges

Flash Gordon

Flash Gordon (Sam Jones) in kurzem Beinkleid. Foto:  ARD Degeto

Geht es bunter? Dem britischen Regisseur Mike Hodges, der 1971 mit „Get Carter“ einen grauen, eisigen Gangsterfilmklassiker drehte, gelang 1980 mit „Flash Gordon“ ein knallbuntes Spektakel. Hodges, nach seinen eigenen Angaben vierte bis fünfte Wahl des Produzenten Dino de Laurentiis („Barbarella“), hatte um die 25 Millionen Dollar zur Verfügung, damals eine mehr als stattliche Summe, und gab sie offensichtlich vor allem für Farbe im Baumarkt aus. Die herrlichen Bauten von John Graysmark, mal verkitschter Art-Deco, mal technoide Futuristik, und die Kostüme von Danilo Donati erstrahlen in Rot und glitzern so golden, dass man manchmal nach einer Sonnenbrille greifen möchte. Die Planetenlandschaften und Modelle sehen so künstlich aus, dass man Absicht vermuten muss: Hier wirkt der Film, entstanden im Science-Fiction-Boom der 80er, den „Krieg der Sterne“ angeschoben hatte, wie ein Anti-„Star Wars“: Während George Lucas seine märchenhafte, aus allerlei Mythen zusammengesetzte Handlung optisch realistisch und mit biblischem Ernst präsentiert, schwelgt Hodges im künstlichen Kitsch – fotografiert von „Star Wars“-Kameramann Gilbert Taylor – badet in Farben, lässt Funken sprühen, Sümpfe blubbern und Queen musizieren – die Musik passt wunderbar in den Kontext, vor allem zu einer Attacke flatternder Falkenmänner auf ein Fluggefährt, bei der sich Dröhngitarre, ein donnerndes Schlagzeug und die Action im Spielzeugland zu einem poppigen Gesamtkunstwerk vereinen.

Der Film basiert auf den Comics von Alex Raymond, die in den 30ern schon mal als Serial verfilmt und in den Siebzigern mit zwei „Flesh Gordon“-Filmen veräppelt wurden. Um einen wackeren blonden Erdling geht es, der auf einem fernen Planeten einem asiatisch wirkenden Bösewicht namens Ming (gespielt von Max von Sydow) zeigt, wo der Hammer hängt, da der Finsterling a) den Planeten Erde bedroht und b) die Freundin des Helden in seinem geräumigen Harem unterbringen will.
Kurz zurück zu „Krieg der Sterne“: Im Gegensatz zum Film sucht die deutsche Fassung Parallelen zu Lucas’ Film – es ist kein Zufall, wenn der Held von Hans-Georg Panczak gesprochen wird, der Stimme von Luke Skywalker, und ein schwarzgewandeter Bösewicht von Heinz Petruo, die deutsche Stimme Darth Vaders.

Viel kritisiert wurde beim Filmstart der schauspielerisch vorher unerfahrene Sam Jones als Flash Gordon – aber schlecht macht er seine Sache nicht. Timothy Dalton, damals vor allem auf der Bühne erfolgreich und erst sieben Jahre später James Bond, spielt einen Prinzen mit Errol-Flynn-Schnurrbart und knallgrüner Uniform; Bühnenkollege Brian Blessed mimt den Anführer der Falkenmänner und frönt lustvoll dem Over-Acting: Wenn er lacht, sieht man geschätzt 80 Zähne und Blesseds Mandeln; jeder Dialogsatz wird schreiend deklamiert, als spreche Blessed für eine Rolle in „300“ vor. Da hätte er auch gut reingepasst – ebenso wie Ornella Muti als libidonös hyperaktive Königstochter.

„Flash Gordon“ läuft in der Nacht von Samstag auf Sonntag ab 1.45 Uhr in der ARD.
DVD und Blu-ray sind bei Studiocanal erschienen.

http://www.studiocanal.de

 

Die folgenden Fotos stammen von Studiocanal, einige entstanden bei den Dreharbeiten vor der „blue screen“, Platzhalter für die später einkopierten bunten Himmelslandschaften.

Flash Gordon

Flash Gordon

Flash Gordon

Flash Gordon

Flash Gordon

Flash Gordon

 

 

 

 

 

Hölle Belfast: „71“ von Yann Demange

Belfast 71

Der junge britische Soldat Gary Hook (Jack O’Connell, Mitte) gerät 1971 in Belfast zwischen die Fronten des Nordirlandkonflikts.

Eine schöne Idee: Gerade läuft die Berlinale, da zeigt 3sat eine Reihe mit herausragenden Produktionen, die bei den Filmfestspielen zu sehen waren und dort prämiert wurden – oder auch nicht. So erging es nämlich dem Film „71“: Bei der Berlinale 2014 erwies sich ausgerechnet dieses Kino-Debüt als eines der souveränsten Werke des ganzen Wettbewerbs – und ging dann bei der Preisvergabe leer aus. Gut also, dass der Film jetzt in TV-Erstausstrahlung zu sehen ist.

In dem Film von Regisseur Yann Demange wird ein junger britischer Soldat nach Irland abkommandiert und landet mehr oder weniger unvorbereitet im Chaos des Belfast von 1971. Bei einer Hausdurchsuchung eskaliert der Hass der Bewohner auf die Soldaten, die Hals über Kopf fliehen – den jungen Kollegen lassen sie dabei zurück. Für den beginnt eine Odyssee durch Hinterhöfe, Schuppen und Wohnungen eines Kriegsgebiets, verfolgt von IRA-Männern, die ihn töten wollen.

Es ist eine einfache Geschichte, aus der Demange finsteres, atmoshärisch nahezu erdrückendes Spannungskino macht. Die Kamera ist mittendrin, wenn in einer Menschenmenge die Aggression erst brodelt und sich dann in Gewalt Bahn bricht; wenn der Soldat atemlos durch lange Gassen und über Hinterhöfe flüchtet; und wenn das nächtliche Belfast, nur erhellt vom Widerschein brennender Gebäude, wirkt wie ein Vorort der Hölle.

Als Zuschauer nimmt man dabei die Perspektive des Verfolgten ein, eines Jedermanns, der nur die Nacht überleben und seine Kaserne wiederfinden will. Jack O’Connell spielt ihn nicht als markigen Helden, sondern als Verzweifelten und restlos Überforderten. Der Film gibt dabei nicht vor, in 90 Minuten die Komplexität des Nordirland-Konflikts aufdröseln zu wollen – die IRA tut hier Furchtbares, aber ebenso die zivile MRF-Truppe des britischen Militärs, die ihrerseits wenig Interesse am Überleben des Soldaten hat. Für den wird es die längste, vielleicht letzte Nacht seines Lebens.

 

 

Belfast 71

 

 

 

 

 

 

Goldener Serien-Oldie: „Bier und Spiele“ auf DVD

Bier und Spiele

Regisseur Michael Verhoeven, Ehrengast des gerade zu Ende gegangenen Ophüls-Festivals, ist vor allem für Politisches bekannt: „Die weiße Rose“, „Mutters Courage“, „Das schreckliche Mädchen“ oder auch „Der unbekannte Soldat“. Da werden Folgen vom „Kommissar“ oder „Tatort“ rückblickend oft übersehen; jetzt erscheint Verhoevens 1977er TV-Serie „Bier und Spiele“ auf DVD, die in den Mikrokosmos eines Handballvereins namens SV Wallbach führt. Der hat gerade den Aufstieg in die erste Liga geschafft (dank der Bestechung des Gegners) und muss sich in dieser neuen Welt erstmal zurechtfinden – sind alle Spieler noch gut genug? Muss der in die Jahre gekommene Masseur gehen? (Hauptsache, der unfähige Neffe des Sponsors bleibt!).

Manche 70er-Jahre-Serien erfreuen ja mit Zeitgeist-Optik von einst und ruhigem Erzählrhythmus; „Bier und Spiele“ bietet zwar auch Schnauzbärte, Schlaghosen und bizarre Tapeten zuhauf – der Rhythmus der 14 Episoden à 25 Minuten ist aber ausgesprochen flott. Schon in der ersten Minute ist klar, dass der bierbrauende Sponsor („Sei schlauer, trink Schauer!“) gottgleich über dem Verein thront; der Manager (Friedrich von Thun) lenkt geschickt, man möchte ihn nicht zum Feind haben, aber unbedingt zum Freund, denn „solange ich hier bin, haben alle ihre Schäfchen im Trockenen“. Die verräucherten Hinterzimmer, muffigen Umkleidekabinen und abgewohnten Vereinskneipen, fast dokumentarisch abgebildet, werden zur Bühne von kleinen und großen Sorgen, Konflikten und immer wieder Mauscheleien – sehr sehenswert.

Erschienen bei Polar Film.

 

Bier und Spiele

 

Bier und Spiele

Regisseur Jochen Alexander Freydank über „Der Bau“

kafkas der bau

Der Regisseur Jochen Freydank, aufgenommen am 21.01.2015 beim 36. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken.
Foto: Oliver Dietze

„Den Film muss nicht jeder mögen. Aber ich musste ihn einfach machen“, sagt Jochen Alexander Freydank. „Der Bau“ ist ein schwerer Brocken – und ein Herzensprojekt für den Regisseur, Autor und Produzenten. Mit 16, 17 hatte er Kafkas Erzählung „Der Bau“ gelesen, die ihn nie los ließ, und die er lange in ein Drehbuch umzuformen versuchte. „Vor zehn Jahren hatte ich endlich eine Fassung, bei der ich glaubte, den Stoff geknackt zu haben.“ Aus dem dachsartigen Tier bei Kafka wird bei ihm ein Mensch, das Thema bleibt: Rückzug, Angst, Isolation.

Kein Stoff für eine Sommerkomödie – entsprechend mühselig war die Finanzierung, bei der Freydank auch sein Oscar von 2009 für den Kurzfilm „Spielzeugland“ nicht entscheidend weiterhalf. „Es ist eben ein ungewöhnliches Projekt – und mein Entschluss, viel von Kafkas Sprache mithineinzunehmen, hat die Sache nicht einfacher gemacht.“

Nach Jahren hatte Freydank, der 2010 den SR-Tatort „Heimatfront“ inszenierte, das Budget zusammen, nachdem zuletzt noch das Saarland als Unterstützer und der SR als Ko-Produzent mit einstiegen. Um die 750 000 Euro hat der Film nun gekostet. „Ein Fernsehspiel kostet das Doppelte“, sagt Freydank, der hier gegen die klassische Kino-Regel verstieß, nie das eigene Geld zu investieren: In die letzte Lücke hat er „sein Erspartes rinjesteckt“, sagt der Berliner. „Darum habe ich mich nicht gerissen, aber jetzt denke ich nicht mehr darüber nach – es musste sein.“

Vor genau vier Jahren begannen die Dreharbeiten auf dem Gelände der Industriekultur Saar in Göttelborn, wo der Film fast vollständig entstand, abgesehen von einem Tag in Luxemburg und einem Ausflug in die Völklinger Hütte. „Irre kalt war es“, sagt Freydank, „es gab keinen Moment mit Sonnenschein“. Erfreulicher war die Logistik: „Im Umkreis von einem Kilometer hatten wir 20 Drehorte, zum Teil natürlich, zum Teil gebaut. Normalerweise geht ein Drittel der Drehzeit ja für den Umzug von Ort A nach B drauf – da haben wir viel Zeit gespart.“

Die Hauptrolle des Films spielt Axel Prahl, der jene überraschen wird, die ihn vor allem aus dem Münsteraner „Tatort“ kennen – man begleitet Prahl, in jeder Einstellung zu sehen, beim Abgleiten in die Paranoia, beim Zusammenbruch, beim Mord. „Er spielt ja sonst anderes, aber ich wusste, dass er das kann“, sagt Freydank, „er hat schnell zugesagt, meinte aber selbst , dass das ein harter Brocken ist, Kafkas Sprache ist ja nicht ohne“. Auch Josef Hader als Hausmeister war schnell dabei – solche Zusagen seien Glücksmomente gewesen in einer Planungsphase mit „dunklen Momenten, auch wenn ich jetzt keine Sekunde bereue“.

1.2.,  23.35 Uhr, Arte.

 

kafkas der bau

Franz (Axel Prahl) in seinem Bau. © Mephisto Film/Manuela Meyer/Foto: SR

„Was heißt hier Ende“ – Dominik Grafs Porträt von Michael Althen

Michael Althen Dominik Graf

Der Filmkritiker Michael Althen in Venedig. Foto: WDR/rbb/Beatrix Schnippenkoetter

„Was heißt hier Ende?“ – Dominik Grafs Porträt des Filmkritikers Michael Althen

(Dienstag, 31. Januar, 0 Uhr, WDR).

Seine Texte seien ja schön gewesen, sagt Michael Althens Vater im Film, „aber die Nachrufe, die waren wunderschön“. Diesen filmischen Nachruf nun auf Althen selbst könnte man auch so nennen. Dominik Graf hat ihn gedreht, der neben seinen Spielfilmen („Die Katze“, „Geliebte Schwestern“) und TV-Arbeiten („Zielfahnder“) immer wieder auch Filmessays dreht – einige auch zusammen mit dem Filmkritiker Michael Althen, der ihm ein Freund wurde und 2011 starb, im Alter von 48 Jahren. Grafs Film ist ein mosaikartiges Porträt, gefühlvoll, aber nicht sentimental – um einen Kino-Liebenden geht es, dessen Bild Graf aus vielen Teilen zusammensetzt: Da sind Ausschnitte aus Althens eigenen Filmen, vor allem über den Maler Nicolas de Staël, der ihn faszinierte; Texte Althens übers Kino, die Graf wundervoll raunend liest; da sind die Kinder, die Witwe, die Freunde und Kollegen, die Anekdoten erzählen – Kritiker wie Andreas Kilb, Tobias Kniebe, Harald Pauli, Regisseure wie Christian Petzold und Caroline Link.

Von dem Nachtschwärmer Althen hören wir da, der erst schrieb, wenn alle um ihn herum ins Bett gegangen waren; der kaum etwas mehr fürchtete, als dass Regisseur Michelangelo Antonioni stirbt, wenn Althen in Urlaub ist und deshalb keinen Nachruf schreiben kann. Er schrieb ihn dann nach jahrelangem Zögern vorab, „für die Schublade“ sozusagen – einen Tag später starb Antonioni. Und Althen gab sich eine gewisse Mitschuld, erzählt seine Frau und lächelt.

Natürlich erzählen die Freunde vor allem Nettes über Althen, auch wenn die Kollegin Doris Kuhn dessen manchmal etwas gefühlsbeladenen und bedeutsamen Stil sanft veräppelt, wenn Althen etwa von den „Pfützen der Erinnerung“ spricht. Dabei schlägt der Film einen thematisch noch weiteren Bogen – ist die Filmkritik langweilig geworden? Hat sie nur noch Service-Charakter? Wie kann man sich Begeisterung fürs Kino erhalten, wenn man sich 30 Jahr lang berufsmäßig Filme anschaut und alles, wie Andreas Kilb es beschreibt, „schon 20 Mal gesehen hat – und davon 18 Mal besser“? Auch darum geht es in Grafs Film, der über sein Sujet hinausweist, über ihm kreist und immer wieder zurück kommt.

D 2015, 122 Min., Regie und Buch: Dominik Graf; mit Wim Wenders, Moritz von Uslar, Anke Sterneborg, Romuald Karmakar, Tom Tykwer, Peter Körte.

„The Night Manager“ von Susanne Bier

Tom Hiddleston the night manager

Tom Hiddleston the night manager
„Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Dame, König, As, Spion“ gelten als die besten Adaptionen von Romanen John le Carrés. Der BBC-Mehrteiler „The night manager“ kommt nicht ganz heran, ist dennoch sehr sehenswert. Gestern gewann der Film drei Golden Globes für die Darsteller Tom Hiddleston und Olivia Colman.

Den Romanen von John Le Carré, mit ihren kunstvollen personellen Verästelungen, kommt das Format des Mehrteilers im Fernsehen eher entgegen als der kürzere Kinofilm. Gerade die BBC-Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“ (1979) mit Alec Guinness ist eine kongeniale Adaption; die Kinofassung von 2011 mit Gary Oldman dagegen wirkt kurzatmig. Die BBC hat sich Le Carrés Romans „The Night Manager“ angenommen und ihn in sechs Teilen verfilmt. Der Aufwand ist enorm – angesichts der Konkurrenz von HBO und Netflix muss geklotzt werden – und vor wie hinter der Kamera drängelt sich Talent zuhauf. Tom Hiddleston spielt Jonathan Pine, einen Nachtportier/manager in Kairo, dem während des arabischen Frühlings Informationen über illegale Waffengeschäfte zugespielt werden – kurz darauf wird die Informantin ermordet. Pine flieht in die Schweiz und wird vom Geheimdienst rekrutiert: Er soll in die Organisation des Unternehmers Richard Roper (Hugh Laurie) eingeschleust werden, der hinter allem steckt, dem man bisher aber nichts nachweisen konnte. Langsam beginnt der Brite mit Vergangenheit im Militär seinen Aufstieg in der glamourös lebenden Entourage um Roper und lebt ständig in Angst, enttarnt zu werden. Man ahnt es schon beim Lesen: Der elementare Plot ist nichts Neues, auch nicht die Idee, dass der Agent in Liebe für die Gangsterbraut entflammt – gerade da kommt die Dramaturgie etwas ins Stolpern.

Umso erstaunlicher also, dass diese acht Episoden à einer Dreiviertelstunde eine enorme Spannung aufbauen und mit der Präzision eines Uhrwerks dahinschnurren. Die dänische Regisseurin Susanne Bier (ihr Film „In einer besseren Welt“ gewann 2011 einen Oscar) inszeniert ohne Schnörkel und hat ein gutes Ensemble beisammen. Hugh Laurie gibt einen rational eisigen Waffenhändler mit besten Manieren (dank britischer Elite-Schule), Hiddleston bringt als Agent Härte und Skrupel gut zusammen. Auch die Stärke des TV-Formats zeigt sich: Figuren, die in einem 100-Minuten-Film vielleicht auf wenige Sätze komprimiert wären, entfalten hier ein Eigenleben mit einer gewissen Tragik – allen voran der Intimus des Waffenhändlers (Tom Hollander), der langsam aber sicher vom eingeschleusten Agenten verdrängt wird. Freudig schwelgt der Film im Bestverdiener-Glamour, man wandelt durch edle Hotels und sieht die schönsten Ecken von Zermatt und Mallorca, Kairo und Istanbul. James-Bond-Aroma schwebt durch die Szenerie, „The night manager“ ist, anders als „Dame, König, As, Spion“, kein Anti-007. Für die nächste Bond-Regie wäre Susanne Bier eine interessante Kandidatin – wer, wie sie, aus einem recht schematischen Drehbuch Hochspannung entwickeln kann, müsste bei 007 herzlich willkommen sein.

Erschienen bei Concorde Home Entertainment. Fotos: Concorde

Tom Hiddleston the night manager

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