Heinz Rühmann in „Die Feuerzangenbowle“ von 1944 – zugleich deutscher Komödienklassiker und ein Propagandafilm des Nazi-Regimes. Er mokiert sich über die Weimarer Republik und präsentiert mit einem schneidigen Junglehrer einen NS-Pädagogen. Foto: ARD

 

Wie hat die Propaganda des NS-Kinos funktioniert – auch in scheinbar unpolitischen Filmen? Wie haben die Nationalsozialisten ihre Filmindustrie kontrolliert? Und wie liefen die Karrieren von NS-Regiestars wie Leni Riefenstahl oder Veit Harlan nach 1945 weiter? Das sind Themen des Vortrags „Das Kino unter dem Hakenkreuz“ von Martin Seng in Saarbrücken. Der 29-Jährige hat in Trier Politikwissenschaft und Anglistik studiert, arbeitet als Bildungsreferent und als freier Journalist, unter anderem für Zeit Online und die taz.

Ärgern Sie sich, wenn an Weihnachten im Abendprogramm wieder „Die Feuerzangenbowle“ läuft – ein Komödienklassiker und doch auch ein Produkt der NS-Kino- und Propaganda-Industrie?​

SENG Es ist nicht so, dass ich mich unbedingt ärgere. Ich würde mir aber so etwas wie eine kommentierende Einführung wünschen. Das Problem dabei ist, dass die Aufführungsrechte für diesen Film aktuell bei einer ehemaligen Politikerin der AfD liegen, Cornelia Meyer zu Heide. Sie hat in der Vergangenheit mehrfach verhindert, dass dieser Film wissenschaftlich eingeordnet wird, etwa bei Vorstellungen bei Uni-Kinos. Bei TV-Ausstrahlungen hingegen gibt es keine Einordnungen.​

Im Kino der Nationalsozialisten waren Propagandafilme mit deutlicher politischer Botschaft seltener als scheinbar unpolitische Unterhaltungsfilme. Waren diese eskapistischen Filme harmloser und auch unpolitischer?

SENG Nein, es gab offene Propaganda wie etwa „Hitlerjunge Quex“ von 1933. Da wird ganz offensichtlich die Hitlerjugend glorifiziert, man soll sich ihr anschließen. Aber „Die Feuerzangenbowle“ etwa ist eher versteckte Propaganda, ein Unterhaltungsfilm während des Kriegs, um die Menschen von dem Krieg und den Zuständen in Deutschland abzulenken. Dadurch wird Eskapismus zu etwas Politischem. Genauso gibt es kolossale Durchhaltefilme wie „Kolberg“ von 1945, der die deutsche Gesellschaft zum Durchhalten bis zum angeblichen Sieg noch motivieren soll.​

Der Journalist Martin Seng. Foto: Seng

Der Journalist Martin Seng. Foto: Seng

„Kolberg“ wurde, wie auch der besonders berüchtigte „Jud Süß“, von Veit Harlan inszeniert. Der war Regie-Star unter den Nazis und hat nach 1945 rasch wieder als Filmemacher Fuß gefasst. Gab es im deutschen Kino keine Stunde Null?​

SENG Beim Kino sehe ich diese Stunde Null nicht, insbesondere nicht bei Veit Harlan. Seine NS-Vergangenheit war allgemein bekannt, aber das hat ihn nicht daran gehindert, weiter Filme zu machen. Im Zuge der Entnazifizierung wurde er entlastet, hat öffentlichkeitswirksam immer wieder versucht, seine Unschuld zu beteuern und sich als bloßer Mitläufer darzustellen. Aber er war ganz klar ein Mittäter und hat dennoch relativ groß Karriere nach ´45 gemacht, wie auch andere Schauspieler oder Regisseure, nicht zuletzt Leni Riefenstahl, wahrscheinlich die erfolgreichste Regisseurin überhaupt auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Entnazifizierung der NS-Filmindustrie ist massiv fehlgeschlagen.​

„Opfergang“ und „Immensee“ von Veit Harlan

Wie schwer ist das Verhalten von Filmschaffenden insgesamt zu beurteilen? Regisseur Wolfgang Liebeneiner etwa war eine sehr mächtige Figur in der NS-Filmindustrie, doch Ende 1945 holte ihn die jüdische Theaterleiterin Ida Ehre an ihre Bühne – nach dem Krieg hatten einige Jüdinnen und Juden gesagt, er habe ihnen während der NS-Zeit geholfen.​

SENG Die Beurteilung ist wahnsinnig schwer. Nehmen Sie jemand ambivalenten wie Gustaf Gründgens. Er hat in NS-Propagandafilmen sehr prominent mitgespielt, war ein Mitläufer, hat Harlan vor Gericht entlastet – gleichzeitig hatte er seine jüdischen Liebhaber vor dem NS-Regime gerettet. Die Einordnung ist also generell schwierig, manchmal aber auch einfach: Leni Riefenstahl, Regisseurin von „Triumph des Willens“ und „Olympia“, etwa war kein NSDAP-Mitglied, sie war aber trotzdem sehr eng mit der NS-Führungsriege verbandelt. Sie kann man keinesfalls entlasten.​

Und Heinz Rühmann, der im Film der Nazis ebenso ein Star war wie im Nachkriegskino?​

SENG Rühmann war definitiv Teil des Systems, er hat auch „Die Feuerzangenbowle“ damals Hitler persönlich vorgeführt, weil er unbedingt erreichen wollte, dass dieser Film gezeigt wird. Ich würde ihn als einen klassischen Mitläufer sehen, als einen Opportunisten.​

 

Regisseurin Leni Riefenstahl (1902-2003) bei der Arbeit an ihrem Dokumentar- und Propagandafilm „Triumph des Willens“ über den Nürnberger Parteitag der NSDAP 1934. Foto: dpa

Wie mächtig sind die offensichtlichen Propagandafilme heute noch? Sieht man „Jud Süß“ heute, hat man nicht den Eindruck, dass er einen zum Antisemiten macht, wenn man nicht schon vorher einer war.​

SENG Das ist eine lange diskutierte Frage. „Jud Süß“ ist einer von den sogenannten Vorbehaltsfilmen – Produktionen, die von der Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung in Wiesbaden quasi unter Verschluss gehalten werden, weil sie als volkverhetzend, rassistisch oder kriegsverherrlichend gelten. Sie dürfen nur bei Veranstaltungen gezeigt werden mit historischen Einordnungen oder Diskussionen. Grundsätzlich kann ich den Gedanken dahinter verstehen, aber es wäre gelogen, wenn man sagt, man könne nicht anders an diese Filme herankommen – insbesondere, wenn man sich im Internet auskennt.​

Interview mit Rüdiger Suchsland zu „Hitlers Hollywood“

„Jud Süß“, „Heimkehr“, „Der ewige Jude“ sind die klassischen, sehr offensichtlichen Hetzfilme der Nazis. Welche Filme würden sie heute für gefährlich halten, weil sie subtiler sind?​

SENG Generell glaube ich, dass die heutige Wirkungskraft vieler dieser Filme überschätzt wird. Aber es gibt auch Ausnahmen: „Ich klage an“ von 1941, inszeniert vom besagten Wolfgang Liebeneiner. Das ist ein Film, der die Euthanasie der Nationalsozialisten vorbereitet. Dieser Film ist relativ subtil in seiner Botschaft, aber unfassbar perfide, so dass man von dieser Botschaft leicht manipuliert werden kann. Deswegen würde ich gerade so einen Film nicht im regulären Fernsehprogramm zeigen. Bei einem Streaming Dienst würde ich mir wünschen, dass man mit einer Texttafel oder einer anderen technischen Möglichkeit eine Einordnung zur Verfügung stellt.​

Wie haben sich die populären Filmschaffenden der NS-Zeit danach zu ihrer Rolle geäußert?​

SENG Zum Teil gar nicht. Vieles wurde auch klein geredet – man habe ja nur als Schauspielerin oder Schauspieler vor der Kamera gestanden und so weiter. Dabei wurde dann immer gerne übersehen, wie viel Wirkung dieses Medium Film und seine Stars hatten. Hitler und Goebbels haben das ja auch gewusst. Interessant ist, wie nach 1945 mit „Jud Süß“ umgegangen wurde. Dieser unfassbar antisemitische Film, auch Harlans „Kolberg“, wurde in den 1950er und 1960er Jahren im Nahen Osten von vielen arabischen Gruppen in Syrien, Ägypten und Irak gezeigt. Das wird gerne mal vergessen. Und die deutsche Regierung wusste auch, dass zum Beispiel im Ministerium für Nationale Erziehung in Kairo noch viele NS-Filme lagen und noch eine Kopie von „Jud Süß“. Man hat sich aber nicht die Mühe gemacht, die Objekte zu bergen, weil man keine schlafenden Hunde wecken wollte. Zu groß war die Sorge, einen Protest im arabischen Raum zu provozieren. Dazu empfehle ich sehr das Buch „Jud Süß: Das lange Leben eines Propagandafilms“ des US-Filmhistorikers Bill Niven. Er verfolgt die Geschichte des Films auch lange nach 1945 hinaus. Das Traurige ist, dass dieser Film nicht tot zu kriegen ist und und eben auch von komplett anderen Gruppen wie im Nahen Osten für Propaganda-Zwecke missbraucht wird. Man unterschätzt gerne die Reichweite dieses Films.​

Es ist die alte Frage – kann man die Kunst vom Künstler oder der Künstlerin trennen? Und die Gestaltung mancher NS-Filme bewundern, auch wenn die Botschaft schrecklich ist? Filmemacher Quentin Tarantino nannte, in einer offensichtlich sehr engen filmhistorischen Sicht, Leni Riefenstahl wegen ihres Olympia-Films „die beste Regisseurin, die jemals lebte“.​

SENG Ich halte die Idee dieser Trennung von Kunst und den Schaffenden im Fall der Nationalsozialisten für einen Mythos. Im Bezug zu Leni Riefenstahls Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ sprach Walter Benjamin von einer „Ästhetisierung der Politik“. Die Botschaften, die Ideologie des NS-Regimes werden hier mit Bildern eins zu eins transportiert. Riefenstahl wusste das und hat die Bilder entsprechend angeordnet und der NS-Politik eine Ästhetik verliehen. Da kann man Kunst und Künstlerin gar nicht mehr voneinander trennen.​

Sie werden bei Ihrem Vortrag Ausschnitte aus NS-Filmen zeigen, aber auch Neueres, unter anderem das Musikvideo von Rammstein für den Song „Stripped“ – warum?​

SENG Weil die Band dort die originalen Aufnahmen aus dem Riefenstahl-Film „Olympia“ verwendet. Rammstein spielt ja immer mit einer gewissen NS-Ästhetik.​

Ist das reine Provokation oder mehr?​

SENG Rammstein bezeichnet sich selbst gerne als unpolitisch, was definitiv nicht der Fall ist. Man kann nicht mit einer solchen Ästhetik kokettieren und sich dann als unpolitisch bezeichnen. Die Band provoziert gerne, ich würde in diese Provokation selbst dann aber nicht unbedingt einen politischen Standpunkt hineinlesen. Ich sehe Rammstein nicht als rechtsextreme Band, auch wenn mir da einige Leute widersprechen würden. Ich sehe aber diese Provokation sehr kritisch. Natürlich kann man das machen, aber dann muss die Band mit entsprechender Kritik leben und dem berechtigen Vorwurf, dass sie so auch Rechtsextreme anlockt.

 

Interview zu Verschwörungstheorien​

 

Gab es in der NS-Filmindustrie auch Beispiele für subversive Filme, in denen Filmemacher regimefremde Botschaften eingeschmuggelt haben? Oder war das unmöglich?​

SENG Unmöglich würde ich nicht sagen, aber es war sicher unfassbar schwierig. Der Film „Paracelsus“ von 1943 von Georg Wilhelm Pabst etwa hat eine ambivalente Lesart. Man kann ihn als linientreu lesen oder als leisen Widerstandskommentar, denn Pabst wollte noch vor Kriegsbeginn fliehen. Aber so etwas wie eine große filmische Untergrund- oder Widerstandsbewegung hat es nicht gegeben. Das war gar nicht möglich in dieser gleichgeschalteten Filmindustrie.​

Termin: Donnerstag, 27. Juni, 19 Uhr, im Kino Achteinhalb in Saarbrücken.
Eine Veranstaltung zusammen mit der Rosa Luxemburg Stiftung Saar und der Peter Imandt Gesellschaft.​