Eine Szene aus "Leave the world behind" mit einem Öltanker, der an einem Badestrand auf Grund läuft.

Die Urlaubsruhe wird empfindlich gestört – eine Szene aus „Leave the world behind“.   Foto: Netflix

 

Ach, es könnte so schön sein am Strand – würde da nicht ein Öltanker bedrohlich nahe heran gleiten, als ziele er auf die dösenden Touristen. Das anscheinend führungslose Schiff fräst sich in den Sand, turmhoch über den flüchtenden Urlaubern. Dies ist einer der eindringlichsten äußeren Momente im Film „Leave the world behind“, einer Art Katastrophenfilm, bei dem sich die Katastrophen auch im Inneren der Figuren ereignen, manchmal gar im Stillen. Ein reizvoller Kontrast zu den üblichen Filmen des Genres, die vor allem auf äußere Aktion fixiert sind – wie eine Antithese zu einem klassischen Roland-Emmerich-Film oder zu den Werken von Produzent Irving „Das flammende Inferno“ Allen in den 1970ern.​

„I fucking hate people“​

Zu Beginn machen sich die Hammonds von ihrer Luxus-Stadtwohnung auf ins grüne Hinterland – da ist Amanda (Julia Roberts), die mal raus will, weil sie die Menschen generell nicht mehr erträgt – im Original sagt sie „I fucking hate people“; dem Gatten und Collegedozenten Clay (Ethan Hawke) kommt der Ausflug gerade recht; mäßig begeistert sind die Kinder Charlie (Archie Sandford) und Rose (Farrah MacKenzie) – Roses einziges Interesse derzeit ist das Schauen der alten TV-Serie „Friends“ (1994 bis 2004). Sie hat es fast zum Finale geschafft.​

 

Szene aus "Leave the world behind" mit, von links, Mahershala Ali als G.H. Scott, Myha’la als seine Tochter Rose, Julia Roberts als Amanda Sandford, Ethan Hawke als ihr Mann Clay.​

Eine Zweckgemeinschaft im Angesicht der Katastrophe (von links): Mahershala Ali als G.H. Scott, Myha’la als seine Tochter Rose, Julia Roberts als Amanda Sandford, Ethan Hawke als ihr Mann Clay.​       Foto: Netflix

 

Das angemietete Haus, deren blumiger Werbename „Leave the world behind“ dem Film seinen Titel gibt, ist ein Traum für Bestverdienende; viel Platz, ein großer Pool, eine Aura von Stil und teurer Architektur. Doch wenn der steuerlose Tanker die entspannungswillige Familie schon beunruhigt hat, fühlt sie sich nachts noch gestörter: Ein Vater und eine Tochter klopfen an. Sie seien gerade aus der Stadt herübergefahren, der nationale Notstand werde ausgerufen, Ursache unbekannt, und nun wollten sie hier übernachten – schließlich sei es ihr Haus, das sie an die Hammonds nur vermietet hätten. Nach einigem gereizten Hin und Her dürfen G.H. Scott (Mahershala Ali) und seine Tochter Ruth (Myha’la) zumindest in die Einliegerwohnung im Keller.​

Sinnig zeigt sich hier auch die Innendynamik der Sandfordschen Ehe: Er vermittelt gerne, nicht zuletzt weil er Konflikte scheut und gerne seine Ruhe hat; sie ist konfrontativ, misstrauisch und eine Rassistin noch dazu. Das betont kultivierte Haus sehe nicht so aus wie ein Haus, in dem „diese Leute“ leben würden, sagt sie – die Hammonds sind weiß, die Scotts schwarz.​

Ist es ein Cyber-Angriff?​

Eine latente Spannung liegt über dem Luxuspalast, während sich bedrohliche Zeichen aus der Außenwelt häufen. Handys und PCs sind tot, die letzten Lebenszeichen weisen auf einen Cyberangriff hin – während das Ganze filmisch mit einer abstrakten, nervösen, untypischen Musik (Mac Quayle) orchestriert wird.​ Der Film von Sam Esmail (Serie „Mr. Robot“), nach dem Roman von Rumaan Alam, bei uns als „Inmitten der Nacht“ erschienen, lässt sich Zeit für seine Geschichte – die Beunruhigung schleicht sich erst mal langsam in die Szenerie, wenn hinterm Gartenzaun Heerscharen von Rehen stoisch starren, wenn die allgegenwärtige Technik von Kommunikation und Haushalt langsam zusammenbricht (ein Hoch auf die analoge Kaffeemaschine!). Der Lack der Technologie bröckelt – besonders symbolisch in einer beängstigenden Szene mit selbstfahrenden Autos, die zu tödlichen Geschossen auf vier Rädern werden. Am Strand liegen die Trümmer und Leichen eines abgestürzten Flugzeugs, und nach einem markerschütternden, unerklärlichen Brummton, der Risse im Sicherheitsglas hinterlässt,  wackeln einige Zähne.​

Es fehlt nur noch ein Trump-T-Shirt​

Die Menschen werden auf sich selbst zurückgeworfen – und das ist zutiefst unerfreulich. Denn schon das halbe Dutzend Figuren hier ist gespalten, Nähe oder Solidarität stellen sich nur zeitweise ein, Misstrauen und Vorurteile überwiegen. Ob nun bei den Besserverdienenden aus der Stadt (der Collegeprofessor etwa handelt in einer Szene, wenn auch überfordert, besonders rücksichtslos) oder bei einem Mann vom Land (Kevin Bacon): Der hat  schon lange für einen Katastrophenfall vorgesorgt und will jetzt nichts teilen – ein Mann mit Baseballmütze, Schrotflinte in der Hand und wehender US-Flagge über der Haustür. Da ist der Film, unter anderem produziert von dem Ehepaar Obama, zwar ziemlich unsubtil – es fehlen nur noch ein Trump-T-Shirt und Kautabak –, aber nicht derart selbstgefällig wie die vielgelobte, aber holzhammerartige Netflix-Satire „Don’t look up“ aus dem vergangenen Jahr.

Interview zu Verschwörungstheorien

Was geschieht hier eigentlich? Und betrifft es nur die Region, die USA oder die ganze Welt? Niederrieselnde Flugblätter, wie blutroter Regen, lassen auf einen Angriff des Iran schließen; Flugblätter in anderen Regionen sollen gerüchteweise auf Nordkorea hindeuten. Hat die mutmaßliche Cyber-Attacke eine Kernschmelze im Atomkraftwerk um die Ecke ausgelöst? Oder ist das Ganze ein nach dem Lehrbuch eingefädelter Staatsstreich von innen, wie G.H. vermutet, der einige Kontakte in dubiose Polit-Kreise zu haben scheint?​

Zu lange? Zu langsam erzählt?​

Einige Kritiken bemängeln die großzügige Länge des Films von knapp zweieinhalb Stunden und den Mangel an katastrophenfilmtypischen Spektakel – kein schlüssiger Einwand, geht es dem sehenswerten Film doch nicht um das Genre-Übliche, sondern um die Darstellung des langsamen Zusammenbruchs von einem Gesellschaftsgefüge, das zuvor schon schwer beschädigt war. Da erliegt der Film, der etwas artifiziell in Kapitel eingeteilt ist, allerdings bisweilen der Gefahr des Predigens – wenn etwa Mutter Hammond ihren Abscheu vor den Menschen damit zu erklären versucht, wie verlogen ihr Job in der Werbung ist und wie verlogen irgendwie die ganze Welt. Das wirkt theatralisch – zugleich ist es aber auch ein Vergnügen, Julia Roberts in dem durchweg exzellent gespielten Film als ziemlich unangenehme Person zu sehen, deren erwartete Läuterung zum Besseren dann auch nicht stattfindet.​

Der finale Trost​

Sind wir nun verloren? Oder gibt es noch Hoffnung? Wie auch immer – einen Trost gibt es zumindest für die Tochter der Hammonds, in einem hintersinnigen Schlussmoment der nostalgischen, popkulturellen Weltflucht. Manchmal ist das Leben der anderen, wenn auch nur auf dem Bildschirm, schöner als das eigene.  ​