Die Schwestern und ihre Maschine: Thomasina Hanbury (Emma Appleton, links) und Martha (Stefanie Martini) vor dem Apparat Lola, mit dem man in die Zukunft schauen kann. ​ Foto: Neue Visionen

Die Schwestern und ihre Maschine: Thomasina Hanbury (Emma Appleton, links) und Martha (Stefanie Martini) vor dem Apparat Lola, mit dem man in die Zukunft schauen kann. ​ Foto: Neue Visionen

Es ist ein alter Traum, ein ewiges „Was wäre wenn“: Könnte man doch in die Zukunft schauen. Erfahren, was Schicksal (oder Zufall, je nach persönlicher Philosophie) für einen in petto hat. Wissen, wie sich die Weltgeschichte entwickelt. Die Hanbury-Schwestern Thomasina (Emma Appleton) und Martha (Stefanie Martini)  müssen nicht mehr mutmaßen – in ihrem leicht verlotterten britischen Landhaus haben sie eine Maschine namens Lola zusammengeschraubt; die mag aussehen wie ein transparenter Teller plus Schreibmaschinentastatur, hat es aber in sich. Lola  zeigt den Schwestern Fernseh- und Radio-Schnipsel aus der Zukunft, Wochenschauen, Videoclips. Die Gegenwart der Schwestern ist das Jahr 1938 – entsprechend überrascht sind sie, als Lola ihnen eine Momentaufnahme aus dem Jahr 1973 zeigt: einen schmalen Engländer mit ungewöhnlicher Frisur, der etwas von einem „Major Tom“ singt. Sie erblicken David Bowie, hören „Space Oddity“ und wissen: „Wir sehen in die Zukunft“. Nur: Was fängt man an mit dieser Gewissheit? Und mit dieser Maschine?​

Die Luftschlacht um England​

Der irisch-englische Film „Lola“ ist ein Geheimtipp, eine kleine, schwarzweiß schimmernde Kinoperle. Der Dubliner Regisseur Andrew Legge, der hier seinen ersten Spielfilm vorlegt, interessiert sich offenbar für das Phänomen Zeit. In seinem 2009er Kurzfilm „The Chronoscope“ entwickelt eine Wissenschaftlerin einen Apparat, mit dem man in die Vergangenheit blicken kann;  in „Lola“ öffnet die Maschine den Schwestern einen Blick in die Zukunft, was finanziell ein Segen ist – da sie wissen, welches Tier beim Pferderennen die Nüstern vorne hat, können sie ihren Lebensunterhalt mit Wett-Gewinnen bestreiten. Doch als Deutschland ab 1940 mit Bombenangriffen versucht, England in die Knie zu zwingen, wird Lola auch historisch wichtig: Die Schwestern schauen sich Wochenschauen über die Attacken aus der Zukunft an, wissen, wo die Bomben einschlagen werden und informieren das Militär, sodass die Menschen dort rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Die Schwestern werden schnell zu einer Sensation, sind dem Militär aber ein Dorn im Auge, da sie unerkannt bleiben und sich bloß per Funkspruch melden. Die Uniformträger versuchen, die Schwestern zu finden.​

Collage von „fake news“​

Die Geschichte von „Lola“ ist wendungsreich, die Machart wunderbar eigenwillig: Wie das Militär die Schwestern findet, die Maschine in ihre Kriegstaktik einbindet, wie das Schwesternverhältnis rissig wird, als sich ein Soldat besonders für Martha interessiert, wie die eigene Verantwortung wächst – das erzählt Legge in Form einer großen, grobkörnigen Collage aus Spielszenen, oft mit Wackelkamera eingefangen, aus realen und aus fingierten Zeitungsseiten und Wochenschauen, die mal unbearbeitet, mal sehr geschickt verfälscht sind – filmische fake news. Etwa wenn Großbritannien feiert, dass Hitlerdeutschland seine Angriffe einstellt, weil die Royal Air Force, wie bei Fuchs und Hase, immer schon da ist, wo die Luftwaffe hinfliegt. Aus der Zukunft entlehnen die Schwestern den Song „You really got me“ von den Kinks aus dem Jahr 1964 – in ihrer angeswingten Version wird das Stück zur britischen Hymne auf den (scheinbaren) Sieg gegen Nazi-Deutschland.​

 

Szene aus dem Film "Lola" mit Martha (Stefanie Martini) und dem britische Offizier Holloway (Rory Fleck Byrne). Foto: Neue Visionen

Martha (Stefanie Martini) und der britische Offizier Holloway (Rory Fleck Byrne). Foto: Neue Visionen

Doch das Verändern der Gegenwart hat seine Tücken. Als sich die Schwestern wieder mal Bowie in den 1970ern anschauen wollen, sehen sie auf dem Lola-Bildschirm nur einen Mann namens Reginald Watson, der ein Loblied auf Füße und Stiefel anstimmt, die im Gleichschritt marschieren – eine Art Synthie-Fascho-Pop, auf absurde Weise witzig wie gleichermaßen erschreckend (geschrieben und gespielt von Neil Hannon von der britischen Band The Divine Comedy). Und da Lolas Aufzeichnungen aus der Zukunft nicht ganz zuverlässig sind, kommt es dazu, worüber etwa Len Deighton im Roman „SS-GB“ oder die TV-Serie „The man in the high castle“ spekuliert haben – NS-Deutschland erobert England. Davon erzählt Regisseur Legge, dem schmalen Budget zum Trotz, meisterlich, mit beängstigenden Bildern – unter anderem mit Wochenschau-Aufnahmen, die deutsche Kriegsschiffe auf der Themse zeigen, die das Parlamentsgebäude beschießen. Und „der Führer“ schwebt per Flugzeug auch noch ein. Das alles ist packend und trickreich inszeniert.​

Die ungleichen Schwestern​

Was „Lola“ nicht ganz so gut gelingt, ist die Charakterzeichnung der Schwestern – die hat einen ziemlich groben Strich. Da ist die eher liebliche, moralisch stabile Mars, wie ein gutes Gewissen; und da ist Thom, die eine gewisse Bitterkeit mit sich herumträgt, bei militärischer Taktik wenig zimperlich ist (ein US-Passagierschiff als Köder für deutsche U-Boote) und schließlich der Macht erliegt, die sie durch ihre Erfindung erlangt – in NS-England. Aber diese Schwäche nimmt „Lola“, diesem eigenwilligen „Was wäre wenn“, nichts von der filmischen Frische.​

In Saarbrücken gerade in der Camera Zwo zu sehen.