Film und dieses & jenes

Schlagwort: Batman

Die Autobiografie von Michael Caine: „Ich dachte, Sie wären mindestens 100“

Eine gute Lektüre: Erinnerungen und Lebenstipps von Michael Caine. Foto: Alexander Verlag

Eine gute Lektüre: Erinnerungen und Lebenstipps von Michael Caine. Foto: Alexander Verlag

 

Michael Caine, ein britisches Wahrzeichen wie gebackene Bohnen oder Essig auf Pommes, blickt in seiner Autobiografie zurück  – und gibt auch einige mehr oder weniger hilfreiche Lebenstipps.

Kein schöner Moment für Michael Caine. Ein neues Drehbuch las er und war maßlos enttäuscht – die Hauptrolle sei doch ziemlich schwachbrüstig, bemäkelte er bei seinem Agenten, bis der ihn aufklärte: Er solle ja auch nicht die Hauptrolle spielen, nicht den Helden, nicht den romantischen Liebhaber, sondern dessen Vater, die Nebenrolle. Das ließ den Indignierten ebenso ins Grübeln kommen wie der Umstand, dass die Zahl der ihm angebotenen Rollen zuletzt deutlich geschrumpft war. Seine Karriere war mehr oder weniger versandet. In den frühen 1990ern war das, der Brite ging auf die 60 zu, trat eine mimische Frührente unter kalifornischer Sonne an und tat das, was man so tut, wenn man bekannt genug ist, dass sich ein Verlag für einen interessiert: Man schreibt seine Autobiografie. „What‘s it all about“ hieß sie, war äußerst lesenswert und erschien 1994, allerdings nicht auf Deutsch.

Ratgeber für ein pralles Leben wie das von Caine

Immerhin Caines jüngste Memoiren sind bei uns erschienen und blicken etwas anders, etwas milder auf das Leben als die 30 Jahre alte Autobiografie. Die schrieb schließlich ein Mann in mittleren Jahren, dessen Karriere sich gerade verdunkelte – hier schreibt ein 87-Jähriger (mittlerweile ist er 91), dem wider Erwarten nach Karriereknick eine enorme Alterskarriere gelungen ist und der viel Dankbarkeit empfindet für nahezu alles, was er erlebt hat. Er erzählt nicht chronologisch, sondern hat sein Buch als Ratgeber konzipiert: auf dass die aufmerksamen Leserinnen und Leser  auch ein so pralles Leben haben können wie er selbst. Mit einer Ehe über Jahrzehnte, mit einem geliebten Beruf und auch mit allerlei Annehmlichkeiten, die hohe Gagen so mit sich bringen.

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Zugegeben: Die Lebenstipps revolutionieren das Genre des Ratgeberbuchs nicht. „Finden Sie, was Sie lieben“ und „Seien Sie bereit, zu versagen“ heißt es da oder auch „Egal, was es ist, geben Sie 100 Prozent“. Geschenkt. Aber im Grunde erzählt Caine einfach mit viel Charme von einer wechselhaften und langen Karriere, während derer er manche Türen sprengen musste: Der Buchtitel „Die verdammten Türen sprengen“ bezieht sich auf eine Szene in Caines 1969er Klassiker „The Italian Job“ (dämlicher deutscher Titel: „Charlie staubt Millionen ab“) und ist in Caines Augen eine schöne Metapher für seine gesamte  Karriere. In ärmlichsten Verhältnissen geboren, „vor einer Million Jahren“ (Caine meint 1933), gesegnet mit einem Cockney-Akzent, der im klassenstarren England für Hauptrollen tödlich ist – allerdings nicht in den „Swinging Sixties“, in denen er seinen Durchbruch erlebt: als verantwortungsloser Londoner Macho und das, was man einst wohl „Schürzenjäger“ nannte, im Film „Alfie“, der ihn sogar im fernen Hollywood bekannt macht. Da ist der erste Star, den er trifft, John Wayne, der in Cowboykluft und im Hubschrauber hinter dem gemeinsamen Hotel darnieder schwebt und ihm eine dubiosen Ratschlag fürs Leben gibt: langsam reden, mit tiefer Stimme, und möglichst wenig.

Stallone wird diesmal verschwiegen

Caine ist in diesem Buch etwas diskreter als in seinen ersten Memoiren. Ohne Namen zu nennen, beklagt er sich hier über einen gelangweilten US-Regisseur, der nur noch arbeitet, um sein teures Hobby des Hochseefischens zu finanzieren. Im früheren Buch war er darüber bereits erbost, aber er nannte auch den Namen: John Sturges („Die glorreichen Sieben“), der mit  ihm 1976 den Kriegsfilm „Der Adler ist gelandet“ inszeniert. Ein anderer Name, der im neuen Buch ebenfalls im Dunkeln bleibt, ist der eines US-Stars, der bei Dreharbeiten aus reinem Trotz, da er mal ein paar Minuten warten musste, sich regelmäßig in seinen Wohnwagen verzieht, um nun alle anderen warten zu lassen und seine Macht zu demonstrieren. Hier schweigt Caine, im alten Buch aber nicht: Sylvester Stallone war der Rüpel, bei den Dreharbeiten zu John Hustons bizarrem Weltkriegs-Fußballfilm „Flucht oder Sieg“ von 1978. Dass Caine im aktuellen Buch Stallone an anderer Stelle als „guten Freund“ bezeichnet, spricht für eine gewisse Altersmilde.

Bond-Bildband: „The Goldfinger Files“

Demonstrativ zu spät kommen, seine Macht zeigen, in der Hierarchie nach unten treten – davon rät Caine ab. Es scheint, er schämt sich heute noch für einen Wutanfall: Beim Mittelalterfilm „Das vergessene Tal“ (1971) kam er mit seinem Filmpferd nicht zurecht und reagierte mit einem oscarreifen Tobsuchts-Auftritt. Nach einer kühlen Zurechtweisung des Regisseurs, der einen solchen Gesichtsverlust unverzeihlich fand, entschuldigte sich Caine bei allen Beteiligten (wenn auch nicht beim Pferd).

Caines mieseste Filme

Was erfährt man noch? Dass Caine nur zu gut weiß, wie viele miese Filme er gedreht hat („Der weiße Hai IV“ etwa) – die ihm aber einen heimischen Swimmingpool oder ein Haus für die Mama finanziert haben. Dass Alfred Hitchcock ihn mit theatralischer Nicht-Achtung strafte, nachdem er das Rollenangebot als Frauenmörder in „Frenzy“ abgelehnt hatte, weil er die Figur zu grausig fand. Dass er so wenig Talent für Golf hat, dass ein frustrierter Sean Connery, ein ambitionierter Großgolfer, nach einer vergeblichen Übungsstunde mit ihm in Rage einen Golfschläger zerbrach. Und dass Caine seinen Agenten gewechselt hat, nachdem der ihn zu der Rolle als Bösewicht in einem grässlichen Steven-Seagal-Film überredet hatte.

„Scheiße, ich dachte, sie wären mindestens 100“

Auch das Alter ist ein Thema, zumal Caine sich jüngst in einem Restaurant den wenig schmeichelhaften Satz „Scheiße, ich dachte, sie wären mindestens 100“ anhören musste. Geburtstagsfeiern werden seltener, Krankenhausbesuche und Beerdigungen dagegen regelmäßiger, „der feste Kern wird kleiner und kleiner“. Caine versucht, so kurz zu trauern wie möglich, „sonst müsste ich ertrinken. Also tauche ich schnell wieder auf und schnappe nach der frischen Luft der Lebenden.“

Christopher Nolan und die „Batman“

Melancholie zieht sich da durch das Buch, vor allem aber Dankbarkeit für ein erfahrungsreiches Leben und für eine Karriere, die immer noch nicht zu Ende ist; nicht zuletzt dank eines britischen Regisseurs, der ihn einst im Garten mit einem Drehbuch besuchte und ihn überzeugte, dass die Rolle des Butlers, nicht des Helden, eine gute Sache sei: Christopher Nolan bot ihm 2004 eine Rolle in „Batman Begins“ an, machte Caine so einem neuen jungen Publikum bekannt und besetzte ihn danach in jedem seiner Filme (in „Dunkirk“ war er nur zu hören); auch in „Tenet“, ist Caine dabei und gab zu Protokoll, dass er keine Ahnung hat, worum es in dem Film eigentlich geht.

Dampft man Caines Lebenstipps im Buch ein, bleibt vor allem ein herzhaftes „Einfach weitermachen“, Hinfallen ist legitim, Liegenbleiben nicht. Wem das etwas zu vage ist, für den hat Caine auch Praktisches zur Hand: Reisetaschen rechtzeitig packen, zwei Wecker statt einem benutzen – und bei Kuss-Szenen ein Mundspray dabei haben.

Michael Caine: Die verdammten Türen sprengen – und andere Lebenslektionen.
Aus dem Englischen von Gisbert Haefs und Julian Haefs. Alexander Verlag, 309 Seiten, 24 Euro.

Comic-Künstler Flix: „Letztendlich ist vieles schlicht Glück“

Flix, fotografiert  von Katharina Pfuhl.

Eine ungewöhnliche Idee war das – und der Beginn einer großen Karriere. In Saarbrücken vor 20 Jahren reicht der Student Felix Görmann seine Diplomarbeit bei der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) ein: „Held“. Ein Comicband, halb autobiografisch, halb fiktiv. Ein Comic ist damals als Abschlussarbeit an der HBK unerhört, das Diplom bekommt Görmann aber doch.  Mittlerweile (und schon lange) ist der Zeichner und Texter, Jahrgang 1976, bundesweit bekannt als Flix. Er zeichnet für den „Spiegel“, die „Zeit“ und die „FAZ“, hat sich 2010 dem „Faust“ gewidmet, 2016 dem „Münchhausen“, zusammen mit dem saarländischen Kollegen Bernd Kissel. Zum 20. Geburtstag ist nun „Held“ als Gesamtausgabe erschienen – mit den Fortsetzungen „Sag was“ (2004) und Mädchen“ (2006). Wir haben mit Flix gesprochen.​

„Held“ erscheint zum 20. Geburtstag als große Jubiläumsausgabe. Wie kommt‘s?​

FLIX Weil „Held“ für mich ein persönlicher Meilenstein ist, auf mehreren Ebenen. Zum einen war es meine Diplomarbeit an der HBK in Saarbrücken, zum anderen ist es eine Art Autobiografie – zumindest eine halbe, weil die zweite Hälfte ja erfunden ist.​

Damals waren Sie Mitte 20 – wie kamen Sie auf die Idee einer Autobiografie, die Ihr Leben weiterdenkt, bis hin zum Tod im gesetzten Alter?​

FLIX Damals habe ich viele Biografien über Künstlerinnen und Künstler gelesen. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass an deren Lebensende alles einen Sinn ergibt. Dass sich alle Teile zusammenfügen, so wie etwa bei Johnny Cash, der nach Jahren der Krise am Ende noch ein paar tolle Alben aufnahm. Da habe ich mir sehr gewünscht, dass so etwas mal in einem Buch über mich drin stehen würde. Denn damals hat mich die Frage umgetrieben, wie das weitergehen soll mit mir. Ist es überhaupt realistisch, Comiczeichner sein zu wollen? Davon leben zu wollen? Deswegen habe ich mir das Buch selber geschrieben, mit einem relativen Happy End. Das sich jetzt 20 Jahre später anzuschauen und sich zu fragen, was davon stimmt und was nicht, wo ich vielleicht hellsichtiger war als gedacht hat, ist schon interessant für mich.​

 

Wo waren Sie denn hellsichtig?​

FLIX Ich habe zum Beispiel ein wenig vorhergesehen, dass in der Zukunft ein Kühlschrank selbstständig übers Internet Milch nachbestellt, wenn sie knapp wird. Wahr wurde auch, und das ist für mich wichtiger als der Kühlschrank, dass ich als Comiczeichner durchs Leben gehe. Auch wurde mir klar, dass man sich als Person sozusagen noch einmal überarbeiten kann: Wenn mich jemand warnte – „pass auf, wenn Du so weitermachst, geht es Dir wie in ‚Held‘“ – , dann habe ich das sehr ernst genommen. In „Held“ habe ich auch geschrieben, dass ich mal einen Comicstrip in der FAZ haben würde – den ich jetzt tatsächlich habe. Das ist schon irre.​

Comic-Klassiker „Mac Coy“

Also eine Art selbst erfüllende Prophezeiung?​

FLIX Daran glaube ich nicht – aber daran, dass es etwas bringt, Dinge, Ideen, Wünsche zu formulieren. Doch letztendlich ist vieles schlicht Glück. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die sehr talentiert sind, tolle Sachen machen – und unter dem Radar laufen. Und manche werden abgefeiert, und ich frage mich da schon, warum und wieso.​

Sie haben in Saarbrücken studiert. Wie haben Sie die Stadt damals empfunden, als gebürtiger Münsteraner?​

FLIX Großgeworden bin ich ja in Darmstadt, das ähnlich ist wie Saarbrücken – eine Stadt voller Kriegsschäden, die man relativ pragmatisch wieder aufgebaut hat. Ich fand Saarbrücken damals super, gerade weil die Stadt nicht so groß ist. Berlin oder Hamburg hätten mich erstmal überfordert, ich hätte da zu wenig studiert. Saarbrücken bot die große Chance, sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren – die Stadt würde ich jederzeit empfehlen. Für einige Jahre diesen Kosmos Kunsthochschule zu haben, diesen wunderbar geschützten Raum, in dem man experimentieren kann, ohne sich sofort vergleichen zu müssen, ist toll. Raus in die Welt kann man später immer noch.​

Eine Seite aus "Held". Foto: Flix/Carlsen

Eine Seite aus „Held“.      Foto: Flix/Carlsen

Wie war es damals, einen Comic als Diplomarbeit einzureichen?​

FLIX Schwierig war das. Ich hatte schon im Grundstudium versucht, Comics zu machen – da bin bei den Professorinnen und Professoren aber weitgehend gescheitert. Das ist kein persönlicher Vorwurf – zu dieser Zeit war das noch kein geschätztes Medium, selbst nicht in dieser progressiven, aufgeschlossenen Umgebung. Ich bin froh, dass ich mich darüber hinweggesetzt habe und mit ein wenig Trickserei ein Comic als Diplomarbeit eingereicht habe. Später hat die HBK dann sogar den Studiengang „Graphic Novel“ eingerichtet. Wenn man etwas macht, ist es, wie wenn man Steine in einen See wirft – da gibt es Wellen, und die kommen am anderen Ufer an. Das ist eigentlich das Schönste an dieser Diplomarbeit. Sie hat Raum geschaffen. Es gibt ja einige Aktive in Saarbrücken, zum Beispiel Elizabeth Pich und Jonathan Kunz mit ihrem erfolgreichen Comic „War and Peas“. Jonathan hatte mich auch mal, als die HBK ihn noch als Lehrbeauftragten beschäftigt hat, zu einem seiner Hochschul-Comicsymposien eingeladen. Ich nehme an, heute wäre in Saarbrücken ein Comicdiplom eher möglich als früher.​

Comicband „Turing“

Sie teilen sich ein Atelier mit dem Kollegen Marvin Clifford, mit dem Sie auch immer wieder mal arbeiten. Wie teilen sie sich ein – gehen Sie zu klassischen Bürostunden ins Atelier?

FLIX Nein, ich habe zwei Töchter, und der Alltag der Kinder, wann sie weg und wann sie wieder da sind, gibt den Rhythmus vor. Deshalb muss ich immer dann loslegen, wenn ich gerade die Gelegenheit dazu habe.​

Eine Seite aus "Held". Foto: Flix/Carlsen

Eine Seite aus „Held“.    Foto: Flix/Carlsen

 

Wenn Sie „Held“ jetzt, 20 Jahre später, nochmal texten und zeichnen würden – würden Sie anders arbeiten?​

FLIX Natürlich – es wäre ja eine Schande, wenn ich nichts dazugelernt hätte. Diese schöne naive Energie, die man als junger Mensch hat, die habe ich heute natürlich nicht mehr. Insgesamt würde ich „Held“ heute wohl komplizierter machen – aber vielleicht nicht besser.​

„Held“ erzählt auch vom eigenen Tod – sehen Sie dieses Thema jetzt, 20 Jahre später, anders als damals?​

FLIX Ja, schon. Ich bin zwar noch nicht in die erste Reihe gerückt, aber von der dritten in die zweite, von der Enkelgeneration zur Elterngeneration. Da steht einem das Thema näher. Robert Gernhardt hat wunderbare Gedichte über den Tod geschrieben – als er noch jung war. Später, als er todkrank war, hat er das nicht mehr getan. Auch Reinhard Mey und Udo Jürgens haben große Songs über das Sterben geschrieben – als junge Leute, im Alter nicht mehr. Da ist die Scheu wohl größer. So gesehen ist es gut, dass ich das mit dem Tod schon mal erledigt habe.​

Wie hat sich in den 20 Jahren seit „Held“ die Comic-Szene verändert und entwickelt?​

FLIX Damals gab es noch viel mehr Vorurteile über Comics: dass sie vor allem für Menschen da sind, die nicht vernünftig lesen können oder wollen, für etwas simplere Gemüter oder für Kinder, die ja ohnehin gerne unterschätzt werden. Lange wurde nicht begriffen, dass Comic kein Genre ist, sondern ein Medium – wie Film, der ja alles sein kann, von „Paw Patrol“ bis „Oppenheimer“. Man kann auch im Medium Comic alle Themen verhandeln.​

Es gab vor Jahren einen etwas angestrengt wirkenden Versuch, den Begriff „Graphic Novel“ zu etablieren, damit man nicht mehr „Comic“ sagen muss und so möglicherweise die üblichen Vorurteile vermeidet. Hat sich das ausgezahlt?​

FLIX Natürlich ist „Graphic Novel“ ein Label, ein Aktivistenbegriff. Dass der Begriff keine Dauerlösung ist, war damals allen klar. Aber es war der Versuch, den Radius zu erweitern – und das hat funktioniert, er hat Türen geöffnet. Wenn man sich heute das Sortiment in einer breiter aufgestellten Buchhandlung anschaut, dann sieht man im Comicregal einen Riesenunterschied zum Angebot vor 20 Jahren: mehr Themen, mehr Herkunftsländer, viel mehr Nischen.​

Kitschtorte „Flash Gordon“

Sie verweisen auf Frank Millers düstere „Batman“-Neuerfindung „Batman: The Dark Knight Returns“ von 1986 als großen Einfluss – darauf kommt man beim Blick auf Ihre Arbeiten nicht unbedingt.​

FLIX Bei Miller war es so, dass ich durch ihn grundlegend begriffen habe, dass man die Dinge nicht als gegeben hinnehmen muss. Millers „Batman“ war ein großer Umbruch – vom klassischen Heldentum zu eine großen Ernsthaftigkeit, zum Depressiven, zur Wut. Das war für mich vollkommen neu. Mir wurde klar, dass man große Gefühle in Comics packen kann, dass man sich einen eigenen Weg suchen kann, dass man das auch allein hinkriegen kann – Miller ist ja so eine Art Ein-Mann-Armee. Er vermittelte mir vor allem dieses punkige „Das kann ich auch.“​

Miller war aber nicht Ihre erste Comic-Lektüre, oder?​

FLIX Nein, als Kind habe ich viel franko-belgische Comics gelesen, auch weil die leicht zu haben waren – etwa in der Stadtbibliothek in Darmstadt: „Asterix“, „Lucky Luke“, „Clever und Smart“, „Fix und Foxi“, „Zack“, auch Kram wie die „Die Sturmtruppen“. Erst mit 16 hat sich da eine andere Welt aufgetan. Vor der Bushaltestelle an meiner Schule machte ein Laden auf, halb Kinderbuchhandlung, halb Comic-Shop. Ich habe mich dort mit einem Azubi angefreundet, der mich mit allen US-Sachen versorgt hat – eben auch mit Frank Miller.​

„War and Peas“ stellen aus

Wenn Sie auf Ihre ersten 20 Jahre als Comic-Künstler zurückblicken – welche Werke sind Ihnen die wichtigsten?​

FLIX Klar, „Held“ war das erste große Ding und gab mir das Gefühl, dass das mit dem Berufswunsch tatsächlich gelingen kann. Meine „Faust“-Adaption von 2009, damals für die FAZ, ist auch wichtig. Ein Dauerbrenner, der an Schulen gelesen, an Unis besprochen wird. „Faust“ und die Deutschen – das funktioniert. Das nächste wirklich Große war dann „Spirou in Berlin“.​

Die Fortführung von "Spirou". Foto: Flix/Carlsen

Die Fortführung von „Spirou“. Foto: Flix/Carlsen

Da wurden Sie 2018 als erster deutscher Zeichner und Texter gefragt, ob sie einen Band für den frankobelgischen Klassiker „Spirou und Fantasio“ gestalten wollen. Das hätte schief gehen können.​

FLIX Natürlich, die belgischen Rechteinhaber hätten den Band bei Nichtgefallen auch geflissentlich in der Versenkung verschwinden lassen können. Aber er läuft europaweit, bis heute, was man vorher nicht wissen konnte. Der deutsche Botschafter in Brüssel nutzt das Buch ständig als Gastgeschenk, es ist eine schöne Vermittlung: ein deutsches Thema mit einer belgischen Ikone. Was mich besonders freut – gerade habe ich eine Einladung vom belgischen König bekommen, Kulturbotschafter zwischen den Ländern zu sein. Das ist schon cool.​

Es ist also gut gegangen bei Ihnen?​

FLIX Ja, ich sehr dankbar für diese Naivität vor 20 Jahren, zu glauben, dass es irgendwie schon klappen wird. Hätte ich mir die Chancen realistisch ausgerechnet, hätte ich es nicht gemacht. Es hat mir sehr geholfen, nicht weiter darüber nachzudenken.​

Flix: Held. Gesamtausgabe. Carlsen Comics, 368 Seiten, 35 Euro. www.carlsen.de
Kontakt: www.der-flix.de

„Jesus shows you the way to the highway“ von Miguel Llansó

Szene aus "Jesus shows you the way to the Highway". Foto: REM

Redford und Stalin. Foto: REM

Hat man diesen Film hinter sich, muss man erst einmal seine Hirnwindungen sortieren – sie könnten verquirlt sein nach diesen 79 Minuten voller bizarrer Ideen, grotesken Humors, Satire und Jux. Die Handlung von „Jesus shows you the way to the highway“nachzuerzählen, kann dann auch nur eine vage Annäherung sein: Nach einer Titelsequenz in der Ästhetik piepsiger PC-Spiele der 1980er Jahre geht es flott hinein in die Handlung, die ein bisschen wie „Matrix“ ohne Budget, aber mit viel Spaß am Surrealen wirkt. Zwei CIA-Agenten müssen in eine virtuelle Welt eintauchen, um dort einen PC-Virus zu bekämpfen: Denn der stört das System, das den Betrieb einer futuristischen Stadt steuert, aufs Empfindlichste.

Das Wandeln der Agenten namens Palmer und Gagano durch diese virtuelle Welt zeigt der Film auf wunderbar bizarre Weise – mit Personen, die sich so ruckartig bewegen, als seien sie durch Einzelbild-Trick animierte Kunststoff-Figuren wie in einem alten „King Kong“- oder Dinosaurier-Film. Zudem tragen die Agenten im virtuellen Raum Papiermasken, die eine mit dem Antlitz von US-Komiker Richard Pryor, die andere mit dem von Robert Redford.

PC-Virus namens „Sowjetunion“​

Nach Feierabend, zurück in der realen Welt will Agent Gagano – gespielt vom kleinwüchsigen Darsteller Daniel Tadasse Gagano – allerdings seinen Dienst quittieren und mit seiner Frau eine Kickboxschule eröffnen. Dazu kommt es nicht, denn es droht noch mehr Ungemach. Ein PC-Virus namens „Sowjetunion“ (mit dem Antlitz von Stalin, dessen Helfershelfer allerdings mit Bundesadler-Armbinde geschmückt sind) bedroht das Betriebssystem der CIA. Gagano muss noch einmal ran – und findet aus der virtuellen Welt nicht mehr heraus. Derweil strahlt „Sowjetunion“ in die Welt hinaus, zettelt Verschwörungen an, und auch eine Art afrikanischer Batman namens „Batfro“ kommt ins Spiel – nicht zu vergessen einige Kampfsportkünstler. Über Insekten in Menschengestalt, aus denen dann die menschlichen Darsteller herausschlüpfen, wundert man sich schon nicht mehr.​

Die Geschichte der „Cannon“-Schundschmiede

Es ist eine Wundertüte, die der spanische Regisseur/Autor Miguel Llansó hier auskippt. Dabei ist diese spanisch-estländisch-äthiopisch-lettisch-rumänische Koproduktion kein wahllos bunter Trash, sondern kunstvoll zusammengesetzt – als wolle der Spanier der allgegenwärtigen Blockbuster-Glätte ein raues Gegenbild unter die Nase halten (oder reiben). Drehorte in einer Fabrik sollen das Innere eines U-Bootes simulieren, das fast schon antike Computer-Mobiliar erschafft eine mal wohlige, mal ärmliche Retro-Atmosphäre, unterfüttert mit Low-Budget-Flair. Die Schnitte sind bisweilen bewusst holprig, und sogar in der Originalfassung sind die Dialoge nachsynchronisiert, was dem Ganzen einen weiteren Verfremdungs-Effekt kredenzt; sinnigerweise hatte man sich für die deutsche Fassung ebenfalls Ungewöhnliches ausgedacht: Da sprechen die Musiker der Berliner Band „Stereo Total“ – Brezel Göring und die im Februar 2021  gestorbene Françoise Cactus – gleich alle Rollen. Warum auch nicht?​

Auf DVD bei Rapid Eye Movies , online bei Amazon Prime.

„Jesus shows you the way to the highway“ von Miguel Llansó

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó

Die Agenten mit Stalin- und Redford-Maske unterwegs.    Foto: Rapid Eye Movies

Hat man diesen Film hinter sich, muss man erst einmal seine Hirnwindungen sortieren – sie könnten verquirlt sein nach diesen 79 Minuten voller bizarrer Ideen, grotesken Humors, Satire und Jux. Die Handlung von „Jesus shows you the way to the highway“ (jetzt fürs Heimkino erschienen) nachzuerzählen, kann dann auch nur eine vage Annäherung sein: Nach einer Titelsequenz in der Ästhetik von piepsigen PC-Spielen der 1980er Jahre geht es flott hinein in die Handlung, die ein bisschen wie „Matrix“ ohne Budget, aber mit viel Spaß am Surrealen wirkt. Zwei CIA-Agenten müssen in eine virtuelle Welt eintauchen, um dort einen PC-Virus zu bekämpfen: Denn der stört das System, das den Betrieb einer futuristischen Stadt steuert, aufs Empfindlichste.

Das Wandeln der Agenten namens Palmer und Gagano durch diese virtuelle Welt zeigt der Film auf wunderbar bizarre Weise – mit Personen, die sich so ruckartig bewegen, als seien sie durch Einzelbild-Trick animierte Kunststoff-Figuren wie in einem alten „King Kong“- oder Dinosaurier-Film. Zudem tragen die Agenten im virtuellen Raum Papiermasken, die eine mit dem Antlitz von US-Komiker Richard Pryor, die andere mit dem von Robert Redford.

 

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó Rapid Eye Movies

Agent Gagano (Daniel Tadesse Gagano) in der Dusche mit seiner Gattin.    Foto: Rapid Eye Movies

 

Nach Feierabend, zurück in der realen Welt will Agent Gagano – gespielt vom kleinwüchsigen Darsteller Daniel Tadasse Gagano – allerdings seinen Dienst quittieren und mit seiner Frau eine Kickboxschule eröffnen. Dazu kommt es nicht, denn es droht noch mehr Ungemach. Ein PC-Virus namens „Sowjetunion“ (mit dem Antlitz von Stalin, dessen Helfershelfer allerdings mit Bundesadler-Armbinde geschmückt sind) bedroht das Betriebssystem der CIA. Gagano muss noch einmal ran – und findet aus der virtuellen Welt nicht mehr heraus. Derweil strahlt „Sowjetunion“ in die Welt hinaus, zettelt Verschwörungen an, und auch eine Art afrikanischer Batman namens „Batfro“ kommt ins Spiel – nicht zu vergessen einige Kampfsportkünstler. Über Insekten in Menschengestalt, aus denen dann die menschlichen Darsteller herausschlüpfen, wundert man sich schon schon nicht mehr.

Es ist eine Wundertüte, die der spanische Regisseur/Autor Miguel Llansó hier auskippt. Dabei ist diese spanisch-estländisch-äthiopisch-lettisch-rumänische Koproduktion kein wahllos bunter Trash, sondern kunstvoll zusammengesetzt – als wolle der Spanier der allgegenwärtigen Blockbuster-Glätte ein rauhes Gegenbild unter die Nase halten (oder reiben). Drehorte in einer Fabrik sollen das Innere eines U-Bootes simulieren, das fast schon antike Computer-Mobiliar erschafft eine mal wohlige, mal ärmliche Retro-Atmosphäre, unterfüttert mit Low-Budget-Flair. Die Schnitte sind bisweilen bewusst holprig, und sogar in der Originalfassung sind die Dialoge nachsynchronisiert, was dem Ganzen einen weiteren Verfremdungs-Effekt kredenzt; sinnigerweise hat man sich für die deutsche Fassung ebenfalls Ungewöhnliches ausgedacht: Da sprechen die Musiker der Berliner Band „Stero Total“ – Brezel Göring und die im Februar gestorbene Françoise Cactus – gleich alle Rollen. Warum auch nicht?

Erschienen bei
Rapid Eye Movies

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