Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Capelight

Vom Ende der Unschuld: „The Innocents“ von Eskil Vogt

The Innocents capelight

Ida (Rakel Lenora Flotta) entwickelt ungeahnte Kräfte. Foto: Capelight / Mer Film

Wie kommen wir auf die Welt? Wie ein unbeschriebenes Blatt, moralisch gesehen? Ohne Empathie und Moral, die wir noch erlernen müssen? Oder wie ein Engel – mit reinem Herzen, das im Laufe des Lebens nicht mehr so rein bleibt? Diese Fragen stellt sich der außergewöhnliche norwegische Film „The Innocents“, der vom Schrecken und der Freiheit der Kindheit erzählt.

Die junge Ida zieht mit ihrer Familie um, in einen gepflegten Hochhauswohnblock am Waldrand. Ihre ältere Schwester Anna leidet an Autismus; vor Jahren hat sie sich fast ganz in sich zurückgezogen, die Kommunikation mit der Familie ist minimal. Die Eltern kümmern sich vor allem um sie und vernachlässigen dabei Ida, die dadurch eine gewisse Härte entwickelt hat – manchmal kneift sie Anna mit aller Gewalt, ohne dass die den Schmerz nach außen tragen kann. Einmal steckt sie sogar Glasscherben in die Schuhe der Schwester.

Es ist mutig von Regisseur und Autor Eskil Vogt, dass er uns solch eine Hauptfigur an die Hand gibt – und höchst gekonnt, wie er sie als Mensch auslotet, deren Handlungen anfangs einige Male grausam sind und doch noch im Bereich einer kindlichen Unschuld beziehungsweise Unwissenheit bleiben. Ida lernt den jungen Ben kennen, der auf dem Fußballplatz gehänselt wird und im Wald Ida Außergewöhnliches zeigt: Mit der Kraft seiner Gedanken kann er Gegenstände bewegen. Ben und Ida, die eine ähnliche Begabung bei sich entdeckt, beginnen einige Experimente, wobei der Film in einer Szene mit einer Katze mit ungeheurer, zugleich beiläufiger Brutalität verstört.

Capelight

Ben (Sam Ashraf) überschreitet mit seinen Kräften Grenzen. Foto: Capelight / Mer Film

Ben ist nicht der einzig übernatürlich Begabte in dieser sommerlichen Hochhaussiedlung: Die junge Aisha kann die Gedanken der Bewohner „hören“ und entwickelt eine besondere Beziehung zu der autistischen Anna, deren abgeschottete Innenwelt sie erspüren kann. Die Vier bilden ein übernatürliches Quartett, wobei sich für sie die Frage stellt – wie geht man mit dieser Macht um? Ben ist der Einsamste und Gekränkteste der Gruppe und lebt das am stärksten aus. Seine desinteressierte Mutter (mit Kippe und Dauer-Handy etwas grobschlächtig charakterisiert) lernt seine Macht in der Küche kennen, unter anderem in Form einer gusseisernen Pfanne und eines Topfs mit kochendem Wasser. Später entdeckt Ben die Fähigkeit, Menschen zum Instrument seiner Rache-Fantasien zu machen.

So beklemmend und erschreckend der Film in diesen Szenen auch ist – es ist kein üblicher Horror, der vor allem auf den Schock-Effekt setzt und eindimensional ist. „The Innocents“ blickt in das Innenleben seiner Figuren, in denen es angesichts ihrer Kräfte brodelt. Als Bens Aktionen immer grausiger werden, widersetzen sich die drei anderen Mädchen. Es kommt zu Gewissensentscheidungen und zum großen Konflikt, den man aber nicht simpel „Gut gegen Böse“ nennen kann – es ist vor allem die Abkehr von einer kindlichen Unschuld, die bewusste Entscheidung, notgedrungen Schuld auf sich zu laden. Mord, um weitere Morde zu verhindern.

„The Innocents“ baut seinen Schrecken subtil und langsam auf, Kameramann Sturla Brandt Grovlen setzt den Wohnblock nicht vordergründig als Burg des Horrors in Szene, sondern als sonnenbeschienene Siedlung, in der doch der Grusel lauert. Sei es in den hohen und anonymen Treppenhäusern oder in den endlosen Kellergängen, die die Kamera suggestiv durchschwebt. Der Film konstruiert dabei meisterlich  eine hermetisch geschlossene Welt der Kinder – die Erwachsene sind Randfiguren, verstehen vieles falsch, vieles gar nicht. Wir sind ganz bei diesem Quartett, deren junge Darsteller durchweg fantastisch sind. Die hat Regisseur Vogt anderthalb Jahre lang gesucht und vor den Dreharbeiten lange mit ihnen gearbeitet – da ist kein unglaubwürdiger Moment dabei in diesem Film, der gleichermaßen ans Herz wie an die Nerven geht.

Odin und die starken Männer: „Die Wikinger“ von Richard Fleischer

Kirk Douglas nach einer Begegnung mit Tony Curtis. Foto: Capelight

„Odiiiiiiiin!“ Manche TV-Kindheitserinnerung halten sich lange. Etwa die von einem bärtigen Wikinger, der mit einem dramatischen  „Odiiiiiiin“ auf den Lippen in eine Wolfsgrube (und den Tod) springt. Diese Szene stammt aus „Die Wikinger“ von 1958 – nun lässt sich dieser prachtvolle Film erstmals auf Bluray erleben: „in horizontweitem Technirama und leuchtendem Technicolor!“, wie der antike deutsche Trailer vollmundig verheißt (und nicht mal übertreibt).

In der Tat: „Die Wikinger“ ist ein kolossaler Kolossalfilm. Kirk Douglas, Star und Produzent, ließ nicht in Hollywood drehen, sondern in einem norwegischen Fjord, in der Bretagne, Belgien und in den Münchner Geiselgasteig-Studios. Der Plot köchelt vor barbarischem Wikingertum, Liebe und Leidenschaft. Douglas (hier der einzige Wikinger ohne Bart, aber schließlich ist er der Star) spielt Einar, den Sohn des Wikingerhäuptlings Ragnar (Ernest Borgnine, bizarrerweise ein paar Monate jünger  als sein Filmsohn Douglas). Mit im Dorf lebt ein junger Sklave (Tony Curtis), einst aus England verschleppt. Was weder er noch die Wikinger wissen: Er ist der Sohn Ragnars, der bei einem der regelmäßigen Raubzüge gen England einst die englische Königin vergewaltigte – und somit ist er auch der Halbbruder von Einar/Douglas. Das erfahren beide erst, als längst der Hass zwischen ihnen brodelt. Als sich beide in die englische Königin Morgana verlieben (Janet Leigh mit einem der Schwerkraft trotzenden Korsett), macht das die Lage nicht leichter.

 

Ernest Borgine (links), Janet Leigh und Kirk Douglas. Foto: Capelight

Es folgen Raubzüge, Liebesschwüre und auf einem Burgturm ein klirrendes Schwerterduell zwischen Douglas und Curtis, bei dem einem schwindeln kann – alles in wunderbar atmosphärischen Breitwandbildern (70 Millimeter), fotografiert von Kamerakünstler Jack Cardiff.

Bei alledem können einem die Wikinger fast ein bisschen leid tun (wenn man die Brutalität ihrer Raubzüge mal ausblendet) – irgendwie lauert hinter ihrem lauten Getue und dem Gegröle eine gewisse Todessehnsucht: Denn vor allem geht es ihnen darum, in Würde abzutreten – bevorzugt mit einem Schwert in der Hand –, um dann dereinst mit Gott Odin in Walhall zu Tisch zu sitzen. Das erklärt uns schon ein wunderbarer Vorspann mit einer Animation alter Wikingerdarstellungen und der samtigen Sprecherstimme von Curd Jürgens (in der US-Originalfassung spricht Orson Welles).

Die Bluray ist eine Freude, mit seinem strahlenden Bild und schönem Bonus-Material: der deutsche Trailer von einst etwa, in dem der Sprecher Heinz Petruo (Dekaden später die Stimme von Darth Vader) Sätze schnarren lässt wie „Für einen Wikinger erfüllte sich das Leben nur im Kampf!“ oder „Er hatte nur ein Ziel – den Tod in der Schlacht!“. Man fühlt sich ein wenig an deutsche Wochenschauen 1939-1945 erinnert.

In einem halbstündigen Interview von 2002 erinnert sich Regisseur Richard Fleischer (1916-2006) an die Arbeit am Film und die Detailtreue: Er ließ etwa ein Wikingerschiff exakt nach einem alten Vorbild bauen, aber beim Dreh merkte man, dass sich die hochgewachsenen Mimen beim Rudern herzhaft anrempelten – es war etwas eng an Deck. Fleischer: „Ich glaube, die Wikinger waren kleine Männer mit kurzen Armen“. Viel größer war da die Kamera, mit der Jack Cardiff das Geschehen filmte. Vier Männer mussten die Vistavision-Kamera herumtragen. Fleischer: „Sie sah aus wie ein Sarg – wenn sie an mir vorbeigetragen wurde, nahm ich immer die Mütze ab.“

Erschienen bei Capelight.

 

Tony Curtis und Janet Leigh, die bei den Dreharbeiten (noch) verheiratet waren. Foto: Capelight

 

 

Zwei Filme von Michael Cimino in mustergültigen Heimkino-Editionen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

 

 

Manche Filme werden von ihrem Nachbeben verschüttet, scheinbar auf ewig. So ist der Western „Heaven’s Gate“ untrennbar mit dem Ruin des Studios United Artists verbunden. Das Budget-Überziehen durch den scheinbar maßlosen Regisseur Michael Cimino machte den Film sehr teuer (40 Millionen Dollar waren 1980 für einen Film viel  Geld), der Misserfolg in den Kinos machte ihn ruinös. Nur: Was bleibt, denkt man an den künstlerischen, nicht den kommerziellen Wert? Ein episch breiter, eigensinniger, wagemutiger Film, der den Mythos des Westerns seziert. Der Regisseur schildert den historischen „Johnson County War“ (1890-1892): Viehbarone gehen brutal gegen europäische Einwanderer vor, die sie mit ihren winzigen Parzellen bei der Expansion stören. Mit Billigung des US-Präsidenten erstellen sie eine Todesliste, die angeheuerte Mörder dann abarbeiten.
Diese blutige und zeitlose KapitalismusGeschichte erzählt Cimino (1939-2016) in aller Ruhe, gleichzeitig mit aller Härte und so viel Detailversessenheit, was Kostüme und Bauten angeht, dass man sich über das Budget nicht wundert. Der Regisseur/Autor stand damals, nach dem Triumph seines Vietnam- und Amerikafilms „Die durch die Hölle gehen“, auf dem Höhepunkt der Macht. Er nutzte sie, um seine Vision des Westens und des Westerns ohne Einmischung auf eine ganz große Leinwand zu malen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges Chrsitopher Walken

Christopher Walken in „Heaven’s Gate“. Foto: Capelight

Lange gab es in den Film als technisch mäßige DVD, nun erscheint er erstmal als Blu-ray in einer Edition, dank derer man sich tief in den Film versenken kann: Man kann Ciminos Ur-Version (220 Minuten) vergleichen mit der um 70 Minuten gekürzten, holprigen Fassung, die er auf Druck des nach ersten Verrissen panischen Studios anfertigte; Interviews führen zurück zu den Dreharbeiten: Cimono erzählt, dass am Anfang des Films seine Recherchen über die Erfindung des Stacheldrahts (!) standen. Jeff Bridges zieht Parallelen zur USA heute („Die Viehbesitzer sind heute die Ölfirmen“) und Kameramann Vilmos Zsigmond erinnert sich an des Regisseurs Wunsch, dass viele Filmbilder wie alte Fotografien aussehen sollten. In der Tat: So schön und gleichzeitig so gnadenlos hat man den Westen mit seinen Weiten und seinen schneebedeckten Bergen im Kino kaum gesehen.

 

Auch Ciminos Debüt mit dem nichtssagenden deutschen Titel „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974) erscheint nun als exzellente Edition (mit Audiokommentar, Interviews, Booklet). An der Plot-Oberfläche erzählt „Thunderbolt and Lightfoot“, wie er im Original heißt, geradlinig von dem Gangster mit Spitznamen „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der von alten Kollegen gejagt wird, weil sie bei ihm die Beute eines gemeinsamen Raubzugs vermuten. Auf der Flucht begegnet ihm der junge Lightfoot (Jeff Bridges), der die Freundschaft des Älteren sucht. Von der erzählt Cimino sehr anrührend und überraschend, vor allem im Kontext der sonstigen Männerfiguren Clint Eastwoods (der den Film auch produziert hat). In dieser Männerfreundschaft schwingt durchaus Homo-Erotik mit, am Ende schlüpft Bridges in ein Kleid, und zwischendurch sieht Eastwood in einer Liebesszene mit einer Frau so gelangweilt aus, dass es schon komisch ist.

Der Film schwelgt in Bildern des  ländlichen Amerikas, er zeigt Motels, Tankstellen, Supermärkte und immer wieder grandiose Landschaften, deren Freiheit endlos zu sein scheint. Doch diese Freiheit gibt es nicht mehr (wenn es sie denn jemals gab). Das Amerika von Regisseur Cimino ist, ob hier oder in „Heaven’s Gate“, ein verwundeter Ort.

Beide Filme sind bei Capelight erschienen. Wer „Heaven’s Gate“ im Kino sehen will – er läuft Samstag und Montag ab 20 Uhr in der Kinowerkstatt St. Ingbert.

 

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

Clint Eastwood und Jeff Bridges in „Die Letzten beißen die Hunde“. Foto: Capelight

© 2022 KINOBLOG

Theme von Anders NorénHoch ↑