Film und dieses & jenes

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„Atlas“ mit Jennifer Lopez – Netflix, Künstliche Intelligenz und wenig Hirn

Jennifer Lopez als und in "Atlas". Foto: Netflix

Jennifer Lopez als und in „Atlas“. Foto: Netflix

Oje. Das Originellste in diesem Film ist ein schöner Name im Abspann: Ein Produktionsmanager heißt „Samson Mücke“. Aber bevor man den Abspann erreicht, verbringt man zwei Stunden mit einem merkwürdig mittelmäßigen Film: „Atlas“ ist weder spannend noch völlig langweilig, sichtlich aufwändig, dabei aber optisch wenig originell – irgendwie hat man alles schon mal gesehen. Um Künstliche Intelligenz geht es – und wäre es nicht selber schon als Kritik-Klischee so abgegriffen, könnte man einwenden, dass der Film vielleicht interessanter geworden wäre, hätte man KI herangelassen. (Oder man tat es, was angesichts des Ergebnisses dann aber ziemlich enttäuschend wäre.)

KI-Schurke „Harlan“

Hektische, drastische Nachrichtenbilder klären uns zu Beginn auf, dass es mit der Welt nicht zum Besten steht. Die KI der Welt rebelliert gegen den Menschen, humanoide Robot-Gestalten greifen zu den Waffen, Millionen wirkliche Menschen sterben, bis sich eine „International Coalition of Nations“ (ICN) gründet und dagegenhält. Der Oberkopf der KI flieht auf einen fernen Planeten und verkündet aus dem Exil eine pathetische Botschaft, die nahelegt, dass er zu viele schlechte Drehbücher gespeichert hat: „Ich werde zurückkommen, um das zu vollenden, was ich angefangen habe. Das ist der einzige Weg.“ Der Name des überbösen KI-Bosses ist „Harlan“ – ob die Drehbuchautoren dabei an den berüchtigten NS-Filmregisseur Veith Harlan dachten, ist unwahrscheinlich, wäre aber eine originelle Idee.

Ohne Espresso geht es nicht

Flugs springt der Film von Brad Peyton („San Andreas“, „Rampage“) 28 Jahre weiter und stellt seine Haupt- und Titelfigur vor: Atlas (Jennifer Lopez), eine Analystin der ICN mit meist schlechter Laune, vor allem, wenn sie nicht ihre vierfache Morgendosis Espresso bekommt. Damit man weiß, wie intelligent Atlas ist, lässt der Film sie zumindest anfangs Brille tragen (wie Wissenschaftlerinnen in SF-Filmen der 1950er Jahre) und einen Schachcomputer im Vorbeigehen mattsetzen. Ihre Lebensmission ist der Kampf gegen die KI, was biografische Gründe hat, die im Laufe des Films recht tränenselig  aufgeblättert werden. Einem gefangenen KI-Roboter entlockt sie das Geheimnis, auf welchem Planeten sich Harlan versteckt. Ein Kriegsschiff macht sich auf ins All, Atlas ist als Zivilistin dabei und verteilt den militärischen Kolleginnen und Kollegen Informationen per Papierausdruck – im 24. Jahrhundert eher ungewöhnlich, aber Atlas misstraut der digitalen Vernetzung und setzt aufs Analoge.

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Nach einer Raumschlacht, so rasant wie unübersichtlich, die eher wie ein PC-Spiel denn eine Spielfilmsequenz ausschaut, ist Atlas die letzte Hoffnung der Menschheit; über die Oberfläche des fernen Planeten stapft sie in einem Ganzkörper-Roboteranzug, mitbedient von einer Künstlichen Intelligenz. Die bittet Atlas, sich mit ihr mental zu verschmelzen (in Form eines Art Ohrhörers), um eine unschlagbare Mensch-Maschine-Kombination zu werden. Aber Atlas weigert sich. Erstmal.

Das Analoge gegen das Digitale

Das ist der Grundplot  – Mensch contra Maschine, das Analoge gegen das Digitale, wahre Gefühle gegen Pseudo-Emotionen aus dem Rechner. Ein ziemlich drängendes und aktuelles Thema. Doch „Atlas“ macht überraschend wenig daraus. Die interessante Frage, ob die menschliche DNA auch nicht mehr ist als ein Code aus dem PC und ob wir damit auch nicht komplexer (oder freier) sind als ein schnöder Rechner, wird mal angesprochen, aber halbherzig. Zu komplex soll es wohl nicht werden in diesem Star-Vehikel für Jennifer Lopez, in dem sie die lange Zeit in einem Robot-Panzer sitzt, mit einer KI namens „Smith“ spricht oder sich von der Maschine ein gebrochenes Bein richten lässt (eine so originelle wie ruppige Szene). Diese Momente sind die besten des Films, während ansonsten bunte Langeweile dominiert. Erstaunlich ist, mit wie wenig Fantasie man an die Darstellung von KI herangeht: Der Bösewicht, die Ober-Intelligenz, hat sich auf dem Fluchtplaneten eine Welt zusammengebaut, die von außen wie ein Einkaufszentrum ausschaut, und schmiedet einen Plan wie ein Bösewicht bei James Bond in den späten 1970ern: Er will die Welt vernichten und Mutter Erde neu beginnen lassen – denn der Mensch, da hat Harlan ja nicht Unrecht, sei durch ihre Kriege und Umweltzerstörung eine zu große Bedrohung. Das Ende der Welt kann Atlas nicht zulassen, und so steuert der Film in ein Actionfinale, in dem sogar so etwas wie ein „Star Wars“-Lichtschwert zum Einsatz kommt. Das kann man nun „Hommage“ nennen – oder auch den Gipfel der Einfallslosigkeit.

Wie steht der Film zum Thema KI? Die Figur Atlas gibt sich ja lange skeptisch und abweisend, aber letztendlich unterscheidet der Film zwischen böser KI (interessanterweise verkörpert von einem Darsteller mit asiatischem Antlitz) und guter KI. Die findet sich unter anderem in amerikanischen Kriegsgerät, sehr zur Freude von Atlas, die am Ende nicht nur die familiären Traumata besiegt hat, sondern auch ein karrierechnisches: Denn zwar ist sie Analystin, aber eigentlich wollte sie doch immer zum Militär. Da wird der Film ideologisch durchaus gruselig.

„Atlas“ kann man bei Netflix sehen, muss man aber nicht. 

Ophüls: „Konstruktion“ von Helena Lucas im Mittellangen Wettbewerb

Helena Lucas

Beim Ophüls-Festival läuft als Uraufführung  im Wettbewerb des Mittellangen Films „Konstruktion“ – ein sehenswerter Film über ein Paar, das langsam auseinanderdriftet, bis es eine – digitale – Lösung gibt. Ein origineller Film, der drohende Klischees umgeht und seine Figuren nicht vorschnell bewertet. Helena Lucas (25) hat den Film inszeniert – ein Gespräch dazu vorab.

Gut läuft es nicht bei Leon und Jennifer. Der Architekt arbeitet Tag und Nacht an einem Großentwurf, sie designt eher im Kleinen ein Sofa aus Gras. Er sagt beim Skizzieren einer „gated community“ dass er „Verantwortung übernimmt“ und „das alles doch nur für uns“ macht. Sie sagt, „ich verkaufe nicht meine Seele, indem ich Zäune baue“. Die Distanz wächst, Leon versinkt immer öfter (und tiefer) in seinen raumgreifenden 3D-Entwürfen aus dem Rechner, bis ihm aus denen etwas Wunderbares erwächst – eine digitale Kopie von Jennifer (für die reale Jennifer unsichtbar), aber etwas  verständnisvoller, etwas mütterlicher – statt Protesten gibt es für ihn ein Pflaster. Aber wie soll das gutgehen, ist die reale Jennifer doch auch noch da?

Diese Geschichte erzählt „Konstruktion“ von Helena Lucas, zu sehen im Mittellangen Wettbewerb. Ihr halbstündiger Film weicht drohenden Klischees aus, erweckt Verständnis für beide Figuren, macht die frustrierte Frau nicht zur Nervensäge, den Architekten nicht zum Opfer, der sich schließlich zu einer digitalen Männerfantasie flüchtet – es bleibt ambivalent. „Diese Ambivalenz war mir sehr wichtig“, sagt Lucas, die es im letzten Bild zu einer Art Synthese kommen lässt, denn „es muss keine Konkurrenz zwischen Technik und Mensch geben – sie können sich ergänzen“. Der Film ist die praktische Abschlussarbeit von Helena Lucas an der Internationalen Filmschule Köln. 1991 in Saarbrücken geboren, in St. Ingbert aufgewachsen, begann sie an der Saar-Uni ein Studium der Psychologie. „Ich hatte das Gefühl, dass ich das gut gebrauchen kann – egal, was ich mal werde. Mich interessiert, warum der Mensch sich so verhält wie er sich verhält. Das ist die Grundmotivation, die mich in der Wissenschaft so interessiert wie in der Kunst als Filmemacherin. Ich habe jetzt nur die Perspektive gewechselt. Ich will verstehen, wie der Mensch tickt.“

Als Lucas sich parallel an der Internationalen Filmhochschule Köln bewarb und dort angenommen wurde, brach sie das Studium ab, ohne lange zu grübeln. „Das Kreative hat mir im Wissenschaftsstudium schon gefehlt.“ In Köln war sie „ein Kuriosum, ein kompletter Quereinsteiger ohne Vorerfahrung. Das war damals die einzige der renommierten Filmschulen, die keine filmische Vorerfahrung verlangt hat. Ich hatte nie einen Film vorher gedreht.“ Das tat sie dann dort – erste Kurzfilme entstanden, die, wie Lucas erklärt, nicht immer linear von Anfang bis Ende erzählten, dabei oft ein Element des Fantastischen besaßen und mit Möglichkeiten der Realität spielten, damit, was real, was fiktiv ist.

Helena Lucas

Zur Idee von „Konstruktion“ brachte sie der Blick auf eine „Generation, die sich daran gewöhnt hat, dass man bei digitalen Daten, Fotos, Musik, Filmen, alles so verändern kann, wie man es gerne hätte. Alles steht offen, alles kann man sich so machen wie man es möchte. Aber wie gehen wir mit Menschen um, die so undigital sind, die ihre eigenen Widerstände haben, die man nicht einfach so an- und ausschalten kann? Es stellt sich die Frage, ob wir nicht die Fähigkeit verlieren, uns mit so etwas Widerständigem wie dem Menschen auseinanderzusetzen.“
Nur – war der Mensch nicht immer schon so, dass er versucht hat, sich die Welt so zu verändern, wie er will, sozusagen untertan zu machen? „Das schon“, sagt Lucas“, aber die Digitalisierung sei jetzt das Werkzeug dazu, das sie allerdings nicht verdammen will. „Aber der Mensch ist keine Technik und kann auch nicht so behandelt werden wie Technik.“ Dass Leons Freundin gar nicht merkt, dass sie ihren Freund mit einer digitalen Version ihrer selbst teilt, „ist nicht der klassische Betrug“, sagt Lucas. „Er hat ein Komplement gefunden, was ihm Rückendeckung gibt und die Schulter zum Anlehnen. Dadurch geht es ihm besser und damit auch der Beziehung.“ Ist nun moralisch oder nicht? „Darüber kann und soll man diskutieren.“

Der Film bietet einige knifflige Effekte, die Computersimulation eines Architektur-Computerprogramms und vor allem Doppelgänger-Bilder, die völlig real erscheinen. Wie macht man das bei einem Studentenfilm ohne Budget? „Es war eine Riesenherausforderung und hat viel mehr Raum eingenommen, als wir vorher gedacht hatten“, erzählt Lucas. Ein Student des Fachbereichs „Visual Arts“ – Dimitri Makrinic – stieg ins Team ein, „wir mussten viel planen, viel testen – der Schauspieler arbeitet in der Kulisse mit nichts“. Der Aufwand war groß, die Nachbearbeitung lang: ein halbes Jahr, während die Drehzeit nur zehn Tage lang dauerte – aber es hat sich sichtlich gelohnt.

 

Für „Konstruktion“ konnte Lucas bekannte Darsteller gewinnen: Jacob Matschenz, 2005 bei Ophüls als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet, und Luise Helm, nebenbei die deutsche Synchronstimme von Scarlett Johansson. Selbstverständlich ist das nicht. „Als Filmstudent kann man ja keine Gage zahlen“, sagt Lucas, „das ist für viele Darsteller natürlich unattraktiv – aber coole Schauspieler machen mit, wenn ihnen das Drehbuch gefällt oder sie mal eine Rolle spielen können, für die sie sonst nicht besetzt werden.“ Harmonisch sei die Arbeit vonstatten gegangen erzählt Lucas, mit einem besonderen Glücksmoment für die Regisseurin, als nämlich beide Darsteller Anspruch erhoben auf die Gestaltung der digital erträumten Jennifer – Helm als ihre Darstellerin, Matschenz als Darsteller, der sich die Figur erträumt. „Das war ein bisschen absurd und großartig zugleich – beide haben sich sehr reingehängt.“

Zurzeit bereitet Lucas ihr Langfilmdebüt vor, Arbeitstitel „Doppelspiel“, es wird wieder ein Blick in die Zukunft. „Ich mache ja gerne ‚Was wäre wenn’-Filme“, sagt Lucas, „die mit einer Prämisse spielen, die jetzt noch nicht ist, aber in ein paar Jahren gesellschaftlich so sein könnte.“ Um ein Schulsystem der Zukunft soll es gehen, „alle Kinder besuchen dieselbe Schule, lernen dasselbe. Am Ende gibt es kein Abitur, sondern einen Test, bei dem es nicht nur um das Wissen geht, sondern der den Menschen in seiner Gänze erfassen soll – inklusive Gesundheit, Körper, Gene.“ Dieser Test glaubt voraussagen zu können, womit der Getestete später Erfolg haben wird – und schreibt ihm deshalb die Berufswahl vor.  „Der Film beschreibt ein System, das die Leistungsgerechtigkeit erprobt: Wie funktioniert eine Gesellschaft, die weiß, was die Menschen leisten können – und sie dann darauf drängt, das auch zu leisten.“ Ist das gerecht oder nicht? „Das ist die Frage.“

Regie: Helena Lucas; Buch: Sebastian Köthe; Kamera: Björn Weber; Schnitt, Musik: Marco Heibach; Darsteller: Jacob Matschenz, Luise Helm.

Termine: „Konstruktion“ läuft am Dienstag, 22.45 Uhr, im Cinestar 3; Mittwoch 19.45 Uhr Kino Achteinhalb, Freitag 14 Uhr Cinestar 4, Sonntag 15.30 Uhr Filmhaus.

www.facebook.com/konstruktionfilm

 

Helena Lucas

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