Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

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Dieter Wedel am Berg: „Eiger“ auf DVD

Dieter Wedel Eiger

Regisseur und Autor Dieter Wedel hat sich im Fernsehen nicht nur dem Hausbau gewidmet („Alle Jahre wieder“) oder dem Kiez („Der König von St. Pauli“, der wohl meistwiederholten Reihe der deutschen TV-Geschichte)), sondern auch dem Alpinismus: Sein Zweiteiler „Eiger“ von 1974 erscheint jetzt erstmals auf DVD  und ist eine interessante Ausgrabung — wenn auch keine kurzweilige. Wedel wählt  – nach dem Buch von Dieter Meichsner – einen reportagehaften, fast dokumentarischen Ansatz: Eine Expedition gerät in Bergnot, eine Rettungsaktion läuft an, ein unten gebliebener Bergsteiger (Hans Brenner) lässt sich das Prozedere erklären und fiebert mit.

Das wirkt erzählerisch etwas zerdehnt, aber seine Meriten hat diese Bergrettung durch den authentischen Zugriff mit Bergbildern jenseits von Studio- oder Trickaufnahmen. Es wird viel aus dem Helikopter heraus gefilmt, es gibt den ein oder anderen spektakulären Sonnenaufgang, Passagen in Schweizerdeutsch werden dankenswerterweise untertitelt,  und die Bilder am Berg vermitteln in aller Ruhe die tödliche Gefahr und gleichzeitig die schroffe Schönheit, die vom Eiger ausgeht.

Im Zentrum steht weniger das Geschehen auf dem Berg als das im Tal:  Brenner (der Vater von Moritz Bleibtreu) als sorgenvoller Bergsteiger am Boden ist famos, teils Hallodri, teils Mann der Tat, der durch eine Verletzung von der Tat ferngehalten wird. Er streift umher wie ein nervöser Tiger.

Wedel, zurzeit Intendant der Festspiele in Bad Hersfeld, hat sich selbst auch kleinen Auftritt gegönnt – als Falschparker, der mondän im Café sitzt – in einer Szene, die für den Film unerheblich ist und so nebenbei die Schwäche dieses Zweiteilers zeigt; Als kompakter Einteiler von 100 Minuten hätte er mehr Spannung gehabt.

Wenig später, 1975, drehte Clint Eastwood am Eiger seinen Film „Im Auftrag des Drachen“, der die Szenerie weniger dokumentarisch denn spektakulär nutzt – kurioserweise mit einem Darsteller, Michael Grimm, aus „Eiger“. Auf dessen Seite findet man Erinnerungen an die Dreharbeiten von „Im Auftrag des Drachen“.

http://www.michaelgrimm-hh.de

„Eiger“ ist erschienen bei bei Studio Hamburg. Zwei Teile (79 und 76 Minuten).

Eine Fernseh-Sternstunde: Der Winterurlaub der „Familie Semmeling“


Dieter Wedel Familie Semmeling

Hausbau, Urlaub, Lokalpolitik – drei Mal ließ Autor und Regisseur Dieter Wedel seine „Familie Semmeling“ existenzielle Abenteuer erleben. Der Mittelteil der Trilogie zwischen 1972 und 2002 ist jetzt auf DVD erschienen: Der Winterurlaub der geplagten Sippe ist eine Sternstunde deutschen Fernsehens.

Ach, diese armen Semmelings. 1972 erlebte die TV-Familie die Irrungen, Wirrungen und Katastrophen beim Hausbau: „Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims“ hieß der ARD-Dreiteiler und war einer der ersten großen Erfolge von Autor und Regisseur Dieter Wedel („Der große Bellheim“). 2002 ließ Wedel die Familie in „Die Affäre Semmeling“ durch den Sumpf der Lokalpolitik stolpern. Das Mittelstück der Trilogie entstand 1976, erscheint jetzt auf DVD und ist durchaus eine Sternstunde des deutschen Fernsehens: In „Alle Jahre wieder“ wagen Bruno und Trude (Fritz Lichtenhahn und Antje Hagen) ihren ersten Urlaub seit dem Hausbau. Bruno der Penible wälzt Reisekataloge und kommt zu einer scheinbar preisgünstigen Lösung: Ein winterlicher Pauschalurlaub soll es sein. Der wird allerdings zum Reigen der tragikomischen Demütigungen: verpasste Züge, eine ranzige Kammer statt Hotelzimmer, ewige Vertröstungen, hämische Kellner. Zuhause ist es wohl doch am Schönsten.

Wedel erzählt davon mit einer souveränen Ruhe, die sich heute im Fernsehen niemand mehr traut (oder zutraut). Während die Semmelings daheim ihre Koffer packen und (zu enge) Ski-Anzüge ausprobieren, wechselt der Film die Perspektive und breitet schon einmal die Welt des Hotels als komplexen Mikrokosmos aus: mit Kellnern, die in Abstellkammern untergebracht werden, und mit einer knapp kalkulierenden Direktion, die ihrerseits vom Reiseveranstalter unter Kostendruck gesetzt wird. Da kommen die armen Semmelings als Opfer des eigenen Frusts gerade recht. Wedels Drehbuch hat eine böse Komik, die von der glanzvollen Besetzung genüsslich ausgekostet wird: Klaus Schwarzkopf als Portier, Günter Strack als Hotelmanager mit großen Plänen und Hans Brenner als garstiger Kellner – sie sind ein Vergnügen; ebenso wie Wedels Kniff, dass seine Figuren, als wäre man bei Brecht, aus der Handlung aussteigen und dem Zuschauer Einblicke vermitteln: etwa Herbert Mensching als Reisebüro-Chef, der seinen Abscheu von finanzschwachen Kunde erklärt und eben Günter Strack als Manager, der erklärt, dass Bettenburgen ja viel sozialer sind als kleine Hotels. Und mehr Gewinn machen sie auch.

Erschienen bei Studio Hamburg Enterprises. Die erste und die finale Semmeling-Reihe sind bereits erhältlich.

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