Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Fritz Bauer

Regisseur Lars Kraume im Gespräch

Lars Kraume Der Staat gegen Fritz Bauer Das schweigende Klassenzimmer Tatort Bauhaus Daniel Brühl

Lars Kraume am 11. Juni 2018 in Saarbrücken. Foto: Tobias Keßler

Lars Kraume (45), Regisseur und Autor, hat im Saarbrücker Kino Achteinhalb die Filmtage der Arbeitskammer  mit seiner jüngsten Kinoproduktion „Das schweigende Klassenzimmer“ eröffnet. Im Fernsehen wurde Kraume  mit „Tatort“-Folgen (Buch/Regie) und der Krimi-Reihe „Dengler“ bekannt. Im Kino beschäftigt er sich zuletzt mit der deutschen Geschichte: Vor dem DDR-Drama „Das schweigende Klassenzimmer“ (prämiert mit dem Friedenspreis des Deutschen Films) drehte er „Der Staat gegen Fritz Bauer“ über NS-Seilschaften im Nachkriegsdeutschland.

 

In Saarbrücken haben Sie gerade mit Schülern über Ihren jüngsten Film „Das schweigende Klassenzimmer“ diskutiert. Tun Sie das öfter?

Ja, bei der Art von Filmen, die ich drehe, ist es für den Verleih und die Kinos  wichtig, ein Gespräch anzubieten. Ich bin mit dem „Schweigenden Klassenzimmer“ viel unterwegs, wie zuvor auch mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“.

Wie ist Ihre Erfahrung gerade mit jüngeren Kinozuschauern?

Gut – ab der 6. Klasse funktioniert das „Klassenzimmer“ sehr gut. Manchen Jüngeren muss man erklären, was der Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus ist, aber man kann den Film ja einfach auch als Abenteuer einer Schülergruppe mit besonders bösen Lehrern verstehen. Die Älteren wissen da mehr und können das besser einordnen.

Ist die Jugend so unpolitisch, wie ältere Semester das gerne behaupten?

Das ist sehr pauschal. Heute ist es schwieriger als früher, sich politisch zu engagieren, weil man nicht genau weiß, wo der Feind steht. Jede scheinbare Lösung eines  Problems bringt selbst wieder Probleme mit sich. Man ist etwa gegen Atomenergie, gleichzeitig aber gegen den erhöhten CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke als Alternative. Man ist also gegen beides – aber was bringt das? Die Verquickung der Probleme war früher eine andere. Für die Generation nach dem Krieg war es sicher nicht einfacher. Aber die Situation war klarer, es war leichter, eine Position zu finden. Heute ist das sehr kompliziert. Aber ich glaube, die Jugend bleibt immer gleich – irgendwann kommt der Moment, an dem man ein Bewusstsein dafür bekommt, dass man für Dinge kämpfen muss.

Ihre jüngsten Kinofilme, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Der Staats gegen Fritz Bauer“, sind historische Stoffe. Ihre nächste Arbeit, eine Serie über das Bauhaus mit Anna Maria Mühe und August Diehl, ist auch wieder ein Stück Geschichte. Wie kommt das?

Man weiß ja nie genau, warum man die Filme macht, die man macht. Ich habe bisher sehr unterschiedliche Filme geschrieben und inszeniert, aber gerade gibt es da schon eine gewisse Linie – Stoffe aus den 1950er Jahren über die Neu­orientierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust. Diese Phase ist hoch interessant, es geht um Transformation und Neuausrichtung, um die Frage, wohin die Reise geht. Die Historie des Bauhaus finde ich außerdem enorm interessant, weil mich neben Geschichte auch Kunstgeschichte fasziniert. Aber ich freue mich  auch wahnsinnig drauf, danach wieder etwas Zeitgenössisches zu machen. Da muss man nicht die ganze Zeit etwas ausstatten, anpinseln oder jemanden kostümieren.

Sie arbeiten mit einem festem Team, auch viele Schauspieler wie Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, oder Jörg Schüttauf treten bei Ihnen mehrmals auf.

Das ist eine eingespielte Truppe, ein bisschen wie ein Ensemble beim Theater. Man hat einen enormen Vorsprung an Wissen übereinander, ein enormes Vertrauen – und das sind halt einfach wahnsinnig gute Leute. Das wächst zusammen, steuern kann man es nicht. Bei einem ersten Treffen zum Kaffee sind die allermeisten Kollegen ja sehr nett. Aber wie es ist, mit jemandem zu arbeiten, erfährt man eben erst, wenn man zusammen arbeitet, unter dem enormen Druck eines Drehs.

Ab August drehen Sie Ihre Bauhaus-Serie, die im ZDF laufen wird. War sie leicht zu finanzieren?

Nein, das war wahnsinnig schwer. Mein Produzent Thomas Kufus, der auch „Fritz Bauer“ auf den Weg gebracht hat, besitzt Gott sei Dank einen unerschütterlichen Optimismus und eine große Opferbereitschaft. Die „Bauhaus“-Serie ist eben Kunstgeschichte und nicht Sex & Crime und entsprechend schwer zu verkaufen. Dabei ist das Bauhaus doch ein unfassbar schönes, positives Erbe – ausnahmsweise ein jüngeres historisches Ereignis, auf dass Deutschland ohne jede Einschränkung stolz sein kann. Aber gerade das macht es vielleicht schwierig: Wir drehen die erste Staffel nur in der Zeit der Weimarer Republik, von 1919 bis 1924 – da gibt es noch keine Nazis. Mit denen als Figuren wäre die Finanzierung wohl leichter gewesen.

Ins Kino muss man das Publikum, anders als beim Fernsehen, erst hineinlocken. Wie ist das, wenn einem Film das nicht gelingt?

Schrecklich ist das. Mein aufwändigster Film bisher war „Die kommenden Tage“, eine düstere Zukunftsgeschichte mit August Diehl, Bernadette Heerwagen und Daniel Brühl – der hat an der Kasse seine Erwartungen bei weitem nicht erfüllt. Ich habe einige Zeit gebraucht für die Analyse, was da nicht funktioniert hat, und erst Jahre später wieder mit „Fritz Bauer“ einen Kinofilm gedreht. Da muss man als junger Regisseur erstmal durch. Das Filmemachen ist ja nie wieder so leicht wie an den ersten Drehtagen überhaupt – bei meinem Debüt „Dunckel“ 1998 fühlte ich mich  unverwundbar und glaubte, alles zu wissen. 30 Filme und 20 Jahre später weiß ich immer mehr, wie schwer das Filmemachen eigentlich ist.

„Ich habe immer viel geackert“ – Interview mit Burghart Klaußner

Burghart Klaußner

Schauspieler Burghart Klaußner (67, Foto: Max Parovsky) ist einer der Großen seiner Zunft, ob auf der Bühne, im Kino oder auch im Fernsehen. Er drehte unter anderem mit Christian Petzold („Yella“), Hans-Christian Schmid („23“ und „Requiem“), Michael Haneke („Das weiße Band“) und Steven Spielberg („Bridge of Spies“). Vor einem Jahr gewann er in Neunkirchen den Darstellerpreis des Günter Rohrbach Filmpreises in Neunkirchen, in diesem Jahr hat er die Jury geleitet. Ich habe vor der Verleihung mit ihm gesprochen.

 

Vor einem Jahr haben Sie in Neunkirchen den Rohrbach-Darstellerpreis gewonnen und das Preisgeld von 3000 Euro direkt an die Caritas Neunkirchen für deren Flüchtlingsarbeit gespendet. Sind solche Gesten heute sogar nötiger als 2015?

Nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht, denn die Lage insgesamt im Land hat sich ja verbessert, die Kommunen scheinen sie einigermaßen im Griff zu haben.

Aber die Stimmung gegen Flüchtlinge und Ausländer allgemein hat sich stark verfinstert, deshalb dachte ich etwa an Spenden als wichtige symbolische Geste.

Diese Stimmung ist natürlich extrem beunruhigend. Man bekommt das Gefühl, die Deutschen hätten nichts gelernt. Die abenteuerlichsten Leute schwadronieren durch die Lande, ob sie sich nun Reichsbürger nennen oder Hitlerjugend, die es ja vielleicht auch schon wieder gibt. Das ist finsterstes Mittelalter – und man fragt sich, wofür man die ganze Zeit als Künstler geredet und geackert hat.

Was kann Kunst da ausrichten? Im Saarländischen Staatstheater etwa läuft gerade Max Frischs „Andorra“ – aber kann solch ein Stück einen Ausländerfeind bekehren? Falls er es sich überhaupt anschaut.

Steter Tropfen höhlt überall den Stein. Es ist die Aufgabe der Kunst, die Menschlichkeit, die Zivilisiertheit voranzutreiben. Ob sie jeden einzelnen erreicht oder per se die Gesellschaft verbessert, darf man nicht erwarten. Aber die Kunst muss es versuchen. Ohne diese Aufgabe gibt es die Kunst gar nicht.

Sie haben in Dresden Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ inszeniert, in dem das Publikum darüber diskutiert, ob ein Pilot ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießen darf, um einen noch größeren Terrorakt zu verhindern. Wie waren die Reaktionen?

Ich habe selten erlebt, dass ein Publikum so engagiert diskutiert hat. Wobei man das Ganze nicht zur Verfassungsdiskussion hochstilisieren darf. Gerhard Baum hat recht, wenn er davor warnt, zu glauben, man könne bestimmte verfassungsrechtliche Fragen mit einer Umfrage klären.

Wie sehen Sie selbst die Schuldfrage?

Ich bin inzwischen ganz auf der Seite von Baum und halte den Piloten für schuldig. Denn der Pilot schneidet den Passagieren ja jede Möglichkeit ab, sich vielleicht doch noch, wie in ähnlichen Fällen geschehen, zu wehren.Und der Autor spitzt das Ganze so zu, dass eigentlich jede Entscheidung falsch ist.

Wie fanden Sie die TV-Version des Stücks, in der Sie ebenfalls den Richter spielten?

Meine Freund Lars Kraume, der Regisseur unseres Filmes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat das brillant gemacht, es ist ja ziemlich kompliziert, ein kammerspielhaftes Gerichtsdrama fürs Fernsehen zu verfilmen. Aber es fällt auf, dass eines offenbar nicht möglich ist, was man im Theater dringend braucht: Pausen, Momente, in denen scheinbar nichts passiert. Pausen sind im Fernsehen offensichtlich unmöglich. Der Zuschauer scheint am steten Fortgang der Handlung zu hängen wie an einer Nabelschnur.

Wie groß war Ihre Genugtuung, als für den Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“der Preisregen begann?

Das war großartig, ein Film für ein besonderes Kinopublikum – das ist Spezialistentum, wie eigentlich meine ganze Arbeit als Schauspieler und Regisseur. Ich bediene ja nicht unbedingt die Unterhaltungsindustrie.

In Ihrer Filmografie findet man keine qualitativen Ausfälle – wie wählerisch sind Sie?

Ich war schon sehr wählerisch und habe mir sehr genau überlegt, was ich mache. Sonst hätte es mir keinen Spaß gemacht. Natürlich gibt es auch bei mir ein paar Sachen, bei denen ich heute sage, das hätte nicht sein müssen.

Deren Titel Sie sicher nicht nennen wollen.

Stimmt.

Aber wie wählerisch kann man sein, wenn man seinen Lebensunterhalt verdienen muss?

Das geht schon. Ich habe ja immer sehr viel gearbeitet, ordentlich geackert, und da ist mir vor allem eines gelungen, was ganz schön kompliziert ist: nämlich Theater, das unverzichtbar ist, mit Film einigermaßen gleichmäßig zu verbinden.

Wirklich präsent wurden Sie im Kino vor zehn Jahren mit „Die fetten Jahre sind vorbei“.

Mit der Filmarbeit habe ich erst Mitte, Ende der 90er Jahre angefangen, vorher vor allem Theater und ein bisschen Fernsehen. Aber es ist eben so: Wenn man sich an speziellen, eher seriösen Themen abarbeitet, wird man nach außen später sichtbar, als wenn man gleich mit Riesenkomödien anfängt oder dem „Tatort“.

Kein Format, dass Sie schätzen?

Diese Krimischwemme finde ich so albern wie sonst irgendwas. Es hat mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit wenig zu tun. Sei’s drum – es ist eine große Sparte im Fernsehen. Aber wenn man die nicht bedient, dauert alles halt ein bisschen länger. „Die fetten Jahre sind vorbei“ war ein Höhepunkt, „Das weiße Band“ und „Goobye Lenin“ Filme etwa wie „Requiem“ von Hans-Christian Schmid sind unglaublich toll, wurden aber nicht – um es vorsichtig zu sagen – von sehr vielen Leuten gesehen. Aber ich kann gut damit leben. Ich weiß, dass das gute Arbeit war.

Wenn Sie kleinere Rollen in internationalen Filmen wie in „Der Vorleser“ oder „Bridge of Spies“ spielen, müssen Sie den Film nicht tragen – ist das dann wie ein entspannender Arbeitsurlaub?

„Bridge of Spies“ ist das beste Beispiel – ich habe als durchgeknallter DDR-Fuzzi da nur eine Szene, die aber liebe ich. Das hat irrsinnigen Spaß gemacht, ist aber nicht weniger anstrengend als eine Riesenrolle, sondern eher herausfordernd: Man muss in kürzester Zeit schauspielerisch alles auf den Tisch legen, mit Tom Hanks und Regisseur Steven Spielberg.

Hatten Sie Ehrfurcht vor Spielberg?

Nö, der ist ja sehr lustig. Und Ehrfurcht gehört nicht zu meinen hervorstechendsten Eigenschaften. Ehre, wem Ehre gebührt – aber bitte ohne Furcht. Die ist entbehrlich.

Sie spielen zurzeit das Stück „Heisenberg“ in Düsseldorf – wann drehen Sie wieder?

Im Frühjahr beginnt eine Fernseharbeit mit Heinrich Breloer. Nach Thomas Mann nimmt er sich sozusagen dessen Antipoden an – Bertolt Brecht. Ich spiele ihn in seinen späteren Jahren: Ich habe mich mein ganzes Leben lang, wie viele Schauspieler, immer wieder mit Brecht rumgeschlagen und mich stets darüber gewundert, wie er es durch das Jahrhundert geschafft hat.

Bereiten Sie sich da anders vor als bei einer fiktiven Figur?

Auf jede Rolle bereitet man sich eigentlich ein ganzes Leben lang vor, weil man ja aus dem eigenen Fundus schöpft. Aber bei einer historischen Figur versuche ich Besonderheiten auf die Spur zu kommen. Das wird bei Brecht, der auf seine Weise ja auch ein Sonderling war, keine leichte Aufgabe, auch bei der Sprache nicht. Ich bin zwar sieben Jahre in München zur Schule gegangen, aber der Dialekt in Brechts Geburtsstadt Augsburg ist etwas Anderes. Aber ich vertraue einfach auf eine gewisse Intuition. Irgendwo im Bereich dieser Persönlichkeit wirft man als Schauspieler seine Angel aus – und wenn man Glück hat, zieht man eine große Portion nach oben.

 

Burghart Klaußners Seite:

www.burghartklaussner.de

 

 

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