Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Godehard Giese

Jules Herrmann und ihr Film „Liebmann“

Liebmann Jules Herrmann

Regisseurin Jules Herrmann

 

Jules Herrmann Godehard Giese Liebmann

Godehard Giese

 

Wenn er doch endlich schlafen könnte. An Lärm liegt es nicht – in dem  französischen Flachlandnest, in das sich der Deutsche Liebmann zurückgezogen hat (oder geflüchtet?), hört man höchstens den Wind sachte durch die Bäume säuseln – ganz selten schallt ein Schuss durchs Dickicht. Die Jäger, erklärt Liebmanns Vermieter, der nicht schlau wird aus diesem freundlichen, aber wortkargen Mann, dessen Französischkenntnisse davon abzuhängen scheinen, was man ihn fragt (bei Privatem sind sie nicht mehr vorhanden).

In ihrem herausragenden Spielfilmdebüt „Liebmann“ erzählt die 1970 in Saarbrücken geborene Regisseurin Jules Herrmann (plus Buch, Produktion und Schnitt) die Geschichte eines Rückzugs, von der Suche nach einem Neuanfang. Etwas nagt, vielmehr frisst an Liebmann, er mag örtlich weit weg sein von dem, was geschehen ist, aber es lässt ihn nicht los. „Du erinnerst mich an Ines“, sagt er einmal zu seiner Nachbarin – quälen ihn Liebeskummer oder gar der Tod seiner Freundin/Frau? Der Film lässt das lange rätselhaft, und wenn er auf Hintergründe blicken lässt, überrascht er immer wieder, unterläuft  Erwartungen und bricht mit Wonne den eigenen Erzählfluss: Die deutliche Annäherung seitens der netten Nachbarin wird in einem kleinen „Film im Film“ aus Kindersicht persifliert. Und wenn „Liebmann“ den Grund der Seelenqual erklärt und dabei zeitweise seinen luftigen Erzählduktus zu verlieren droht, entgeht er dieser Schwere durch einen kleinen Strindberg-Exkurs, der wie eine Parodie aufs klassische Arthouse-Bildungsbürgerkino wirkt. Wie Herrmann das alles filmisch schlüssig unter einen Hut bekommt, ist famos. Bittersüß ist „Liebmann“ und bei allem Kummer der Hauptfigur, eindringlich gespielt von Godehard Giese, auch immer wieder sehr komisch, auf stille Weise.

Ungewöhnlich ist auch die Entstehung des Films: Herrmann hat die Idee in sechs Tagen entwickelt, auf 27 Zetteln waren Handlung und einzelne Szenen skizziert – und los ging es ins nordfranzösische St. Erme in der Nähe von Reims. Herrmanns Arbeitshypothese: „Alles kann, nichts muss – und vielleicht geht alles schief.“ Man habe beim Dreh ganz auf Intuition gesetzt, „denn es gab keine  Zeit für Analyse“, sagt Herrmann bei der Vorstellung des Films im Kino Achteinhalb. Schnell musste es gehen, zum einen weil Herrmann den Dreh selbst finanziert hat (Unterstützer kamen erst später dazu) und weil Godehard Giese nur knapp drei Wochen Zeit hatte. Giese und Herrmann kennen sich seit Jahren, sind befreundet; er spielte in Herrmanns Kurzfilm „Auszeit“, 2006 im Ophüls-Wettbewerb, sie produzierte und schnitt Gieses Regiedebüt „Die Geschichte vom Astronauten“. Schmale 15 Drehtage hatten sie nun für „Liebmann“, dessen Handlung zwar vor Ort entwickelt wurde, „aber es wurde nie vor der Kamera improvisiert“, betont Herrmann. Sie wollte keinen jener betont spontan und etwas formlos wirkenden Improvisationsfilme drehen, „Liebmann“ wirkt geschlossen und buchstäblich formvollendet. Ein halbes Jahr schnitt Herrmann, die von 1999 und 2005 Regie in Potsdam studierte (und zuvor BWL in Saarbrücken), den Film – am Ende unter besonderem Druck, denn die Berlinale 2016 wollte den Film als Uraufführung zeigen, „da musste alles sehr schnell gehen“. Danach hat der Film eine Festival-Weltreise angetreten, lief unter anderem in Toronto, Mailand, Irland und Taiwan. Nur, und das verwundert Herrmann angesichts ihres in Frankreich und fast ausschließlich in Französisch gespielten Films, hält sich das Interesse von gallischen Festivals oder Verleihern in Grenzen. „Wir haben uns da lange bemüht, aber jetzt haben wir keine Lust mehr.“ Pech für die Nachbarn.

„Liebmann“ gibt es jetzt auch auf DVD, bei MissingFilm


Fotos: Sebastian Egert/MissingFilms

 

Jules Herrmann Godehard Giese Liebmann

 

Jules Herrmann Godehard Giese Liebmann

 

Ophüls: Rezensionen zu „Jetzt. Nicht“, „Einmal bitte alles“, „Der Körper der Astronauten“ und „Marija“

 

Ophüls Godehard Giese

„Jetzt.Nicht“ von Julia Keller

Es ist die klassische Frage: „Warum ich?“. Marketing-Mensch Walter ist gekündigt, er wird nicht mehr gebraucht, nur der nachtschwarze Dienstwagen, sein Ganzkörperpanzer, bleibt ihm noch ein paar Tage. Was tun? Die „Kündigung als Chance sehen“, wie seine Frau empfiehlt? In „Jetzt. Nicht“ nimmt uns Julia Keller (auch Co-Drehbuch und Schnitt) mit auf eine innere Bildungsreise, deren Ende in der Schwebe bleibt. Godehard Giese spielt diesen Walter, ist in jeder Szene zu sehen, das nervöse Herz dieses exzellenten Films: Wie seine Figur Smalltalk-Fassaden errichtet („Du weißt ja, schlechten Menschen geht es immer gut“ oder auch „Ja – awesome!“), wie nach einer Besprechung seine siegessichere Mimik absackt und er sich erstmal am Kopierer abstützen muss – das ist präzises, intensives Schauspiel. Da sind selbst Szenen, in denen Walter stumm aus dem Auto blickt oder durch die Nacht kurvt, packend.
Walters Reise, führt ihn gar zu einem Vorstellungsgespräch – letzteres mit einem konstruierten Drehbuchkniff, den man aber gerne hinnimmt. Janis Mazuchs Kamera kleidet die Geschichte in herbstliche Erd- und Metallfarben, kühle und strenge Architektur dominiert. Und nebenbei zeichnet der Film, in berührenden Szenen mit Giese und Loretta Pflaum als seiner Frau, das Bild einer guten, intimen Ehe.

Donnerstag 10 Uhr: CS 5 und 17.30 Uhr. CS 8; Freitag 22.15 Uhr: FH; Sonntag 13.15: CS 4.

 

 

„Einmal bitte alles“ von Helena Hufnagel

So, wie Godegard Giese im Zentrum von „Jetzt.Nicht“ steht, tut dies Luise Heyer in „Einmal bitte alles“ – und verteidigt den Film mit aller Kunst gegen die Klischee-Knüppel, die ihm das Drehbuch zwischen die Beine wirft. Heyer spielt Isi, eine glücklose Illustratorin und ewige Praktikantin. Ein Fels in der Brandung der Verlags-Absagen ist Freundin Lotte. Doch ihre WG-Gemeinschaft gerät aus der Balance, als ein schöner Italiener nicht nur das Klo repariert, sondern auch Lottes Herz erobert. Da darf man schon mal in die linke Leinwandecke schauen, ob da nicht ein Sat.1-Logo prangt.
Isi flüchtet in eine halb schimmelige WG und werkelt weiter an ihrem Traum. Flott gemacht ist das, mit bunten, oft sonnengefluteten Bildern, vor allem, wenn Isi durch München radelt, was sie oft tut. Das Drehbuch aber trägt dick auf und wirkt manchmal so, als unterschätze es sein Publikum. Das ist die Schwäche des Films – doch Regie und die famose Luise Heyer halten dagegen.

Donnerstag 14 Uhr: CS 1; Freitag 12.15: CS 5, 17.30 Uhr: FH; Sonntag 12.30 Uhr, CS 1.

 

 

„Die Körper der Astronauten“ von Alisa Berger

Vom großen Schweben, Auseinanderdriften, auch Flüchten erzählt „Die Körper der Astronauten“ von Alisa Berger. Eine Familie in der Auflösung ist thematisch nichts Neues bei Ophüls. Aber Berger (auch Buch und Schnitt) erzählt das berührend und mit einer Bildsprache im weiten Feld zwischen ungeschönt und entrückt. Der Vater (Lars Rudolph) säuft, erzählt die üblichen Alkoholiker-Lügen, seine Kinder Linda und Anton üben, mit Abi in der Tache, den Absprung – sie im Nachtleben, er bei einer Bettruhe-Langzeitstudie, die die Auswirkungen von Schwerelosigkeit auf Astronautenkörper testet. Doch die kleine Schwester ist zu jung, um zu fliehen – sie ist dem mal liebevollen, mal tyrannischen Vater ausgeliefert. Derweil driftet Anton in Raumfahrerfantasien durchs imaginäre All, der Erde entgegen und seinem Verglühen. Der Film wirft Schlaglichter auf seine Figuren, strebt dabei keiner dramaturgisch konventionellen Konfliktlösung entgegen, sondern findet eigenwillige Bilder für die Mitglieder dieser Familie – ob im erträumten All, in der eisig-sterilen Versuchsklinik oder im Schlafzimmer des Vaters, der sich mal wieder eingenässt hat – als er deswegen zum Teppichreiniger greift, wirft sich dessen Schaum zu kleinen Landschaften auf. Ein eigenwilliger, sehenswerter Film.

 Donnerstag 15 Uhr: CS 5; Fr, 20 Uhr: CS 8; Samstag 10.30 Uhr: CS 4; Sonntag 15.30: CS 2.

 

 

„Marija“ von Michael Koch

Die Leinwand ist noch schwarz, da hört man schon ihren schnellen Schritt auf dem Asphalt. Sehr oft wird man die Ukrainerin in „Marija“ hasten sehen, die Kamera im Rücken, immer vorwärts – ob nun auf dem Weg in ihre ranzige Wohnung oder quer durch ein Hotel, um sich bei einer Putzkollegin zu rächen, die sie beim Stehlen verraten hat. Die junge Frau träumt von einem Frisiersalon, doch der Weg dahin ist schwierig: Als sie ihre Miete nicht zahlen kann, unterwirft sie sich dem Vermieter – der Anfang eines relativen Aufstiegs in der Kleinkriminalität. Sie drängt alle Gefühle zurück, will funktionieren.
Das hätte ein Sozialrührstück werden können, doch Michael Kochs Film (Drehbuch: Koch und Juliane Großheim) ist differenziert: Marija ist ein Opfer ihrer Situation, aber mittlerweile auch so zielgerichtet, dass man sich vor ihr hüten muss. „Bei dir kommt keine ungestraft davon, das mag ich“, sagt der kriminelle Georg (famos: Georg Friedrich als sensibler Windhund), der die Wahrheit dieses Satzes noch schmerzhaft spüren wird. Margarita Breitkreiz ist in jeder Szene zu sehen (was den Film mit „Nicht.Jetzt“ und „Einmal bitte Alles“ verbindet) und bietet eine vielschichtige Darstellung. Mitgefühl hat man mit Marija, möchte ihr aber nicht zu nahe kommen, auch wenn man weiß, warum sie so ist, wie sie ist.

Donnerstag 15 Uhr, FH; Freitag 19.30 Uhr, CS1; Samstag 22.15 Uhr: CS 2; Sonntag 14 Uhr: CS 3.

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