Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Heavy Metal

„Bitte mal Applaus für unsere Mönche!“ Powerwolf in Saarbrücken

Powerwolf in Saarbrücken, 17. Novemver 2018

 

Am Ende, als ein paar Tausend Fans glücklich in die kalte Nacht strömen, da schwebt der Mond über der Saarlandhalle. Leider lunar etwas mickrig, ein Fast-Halbmond. Wie gut hätte da ein satt strahlender Vollmond gepasst, wie aus einem Werwolf-Film – aber man kann ja nicht alles haben. In der Halle allerdings, da haben die Fans so ziemlich alles bekommen, weswegen sie zu Powerwolf gehen. Donner und Blitz, Heavy Metal, eingängige Refrains, Publikumsanimation – eine Rundum-Sorglos-Show, Profi-Entertainment.

Als Feierabendprojekt hat die Saarbrücker Band einst angefangen, heute ist das Quintett die erfolgreichste deutsche Heavy-Metal-Band in Deutschland; die jüngsten Alben schafften es mindestens in die Top 3, sie ist weltweit unterwegs, spielt in großen Hallen. Der Samstag in der vollen Saarlandhalle ist das Finale des ersten Tourabschnitts zum jüngsten Nr.1-Album „The Sacrament of Sin“ (auf dem unter anderem die alte Kirchenorgel von Thionville verewigt ist), 2019 geht es dann international wieder weiter. Es läuft also bei der Band, und man merkt es: Groß ist der Aufwand und sehr gut der Sound. Flammenwerfer schießen Feuerfontänen in die Luft, das Bühnenbild mit scheinbaren Relikten einer alten gotischen Kirche, zwei begehbaren Ebenen, Bildern von Wölfen und staubigen Ruinen verströmt einen wohligen Retro-Grusel. Dass auch ein paar Mönche umher wandeln, wundert da gar nicht.

 

Hier malocht die Band kraftvoll, in vorderster Reihe Sänger Attila Dorn (ein schöner Künstlername), zugleich Zeremonienmeister und Animateur, mit einer Aura irgendwo zwischen Rasputin, Bud Spencer und Ivan Rebroff, der die Fans gerne R-rollend mit „Meine lieben Frrrreunde“ anspricht und dabei ein bisschen wie der selige Bela Lugosi als Graf Dracula in den 1930ern klingt. Kraftvoll singt er sich durch Nummern wie „Demons’s are a girl’s best friend“, „Amen & Attack“ und auch „Resurrection by Erection“, laut Dorn ein Stück über die „Auferstehung, untenrum“. Man ahnt es: Mit dem heiligen Ernst, der manch andere Heavy-Metal-Bands beseelt, haben Powerwolf nichts im Sinn. Man wird sogar den Verdacht nie völlig los, dass sich hinter den weißgekalkten Gesichtern gewitzte Ironiker verbergen, die das Musik-Genre, das sie offenkundig lieben, genüsslich und gekonnt auf die Spitze treiben: das faustreckende Publikumsanheizen von Keyboarder Falk Maria Schlegel, die Refrains mit viel „blood“, „fire“, „night“, „demons“ und cross“, die Gitarren-Rockgott-Posen von Matthew Greywolf und Charles Greywolf. Nur Schlagzeuger Roel van Helden macht einfach seine musikalische gute Arbeit, er hat hinter seiner Schießbude genug zu tun.

Die Musik ist maximal eingängig zum Mitsingen und Faustrecken, die Band spielt kompakt und wie aus einem Guss, das ist famoses Handwerk mit hohem Tempo; immerhin eine Ballade zum Schwenken der vielen Handys gibt es, dann geht es wieder hochtourig um Dämonen, den Papst, die Kreuzzüge – und vor allem um das Gemeinschaftserlebnis. Vielleicht liegt es daran, dass die Band in der Heimat gastiert – aber einen solchen Einklang zwischen Musikern und Publikum erlebt man nicht oft. Immer wieder applaudiert die Band den Fans, die wiederum den Bandnamen skandieren, wie Wölfe heulen, einmal im Kollektiv niederknien und auf Dorns Anweisung den isländischen WM-Schlachtruf durch die Halle tönen lassen – wenn auch mit „Blut“ statt „Huh“ (was vor Ort weniger bedrohlich klingt als es sich liest). Überhaupt wirkt Dorn („bitte mal Applaus für unsere Mönche!“) wie ein souveräner Anheizer mit der Erfahrung von 1000 Stadtfesten. Wenn er die Halle zum Gesangswettbewerb in Gruppen teilt, „wie Moses das Rote Meer“, wenn er den Fans das Mitsingen erklärt, könnte das ein bisschen plump oder absurd wirken – aber es ist einfach ein großer Jux, ein liebgewonnenes Ritual, ein Rock-Klischee, das gepflegt wird, zur Freude aller. „Wie ich sehe“, sagt Dorn zufrieden mit Blick ins Rund, „sind wir alle vom Heavy Metal gesegnet“. So ist es.

 

 

Der Donnergott tingelt: „I am Thor“ auf DVD

 

I am Thor

Muskelberge, platzende Wärmeflaschen (und platzende Plattenverträge), ein großer Gummihammer und ein noch größerer Glaube an sich selbst: Die tragikomische Dokumentation „I am Thor“, auf DVD zu haben, erzählt von der Karriere des Hardrockers Jon Mikl Thor, vom Tingeln, Scheitern und vom immer wieder Hochrappeln.

Sechs zahlende Zuschauer an einem besonders trüben Abend. Eine Band, die sich kollektiv absetzt. Und dann landet die Requisitentasche mit Helm und Gummihammer auf dem falschen Flughafen. Das Schicksal ist dem Donnergott ungnädig, aber Jon Mikl Thor gibt nicht auf. In den 80ern war der kanadische Bodybuilder und Musiker für kurze Zeit eine mittelgroße Nummer: mit einer theatralischen Rockshow, bei der er unter anderem Wärmeflaschen durch Aufpusten platzen ließ, und donnernden Alben wie „Keep the dogs away“ oder „Striking Viking“; doch Missmanagement, Scheidung und eine Depression warfen Thor aus der Bahn – bis er Ende der 90er ein Comeback versuchte, mit weniger Haaren und mehr Bauch.

Die tragikomische Dokumentation „I am Thor“ von Ryan Wise und Alan Higbee begleitet diesen jahrelangen Comeback-Versuch, das Tingeln, das Selbstbeschwören, das Schönreden, das ewige Weitermachen – auch wenn der Show-Gürtel mit den Gummitotenköpfen spürbar enger wird. Ohne spürbare Ironie stellt Thor seine Texte auf eine Stufe mit Bob Dylan – auch wenn Dylan wohl nie Titel wie „Thunder on the Tundra“ oder Zeilen wie „The time has come to shit the pants“ ersonnen hat. Ein Thor-Fan schätzt das Oevre treffend ein: „Well, it’s not Shakespeare“. Nur der unerschütterliche Glaube an sich selbst – teilweise Resultat von Antidepressiva – rettet Thor, wenn etwa sein Ferner-liefen-Name auf einem Festivalplakat nur mit der Lupe lesbar ist. Herrlich absurd ist diese Tingelbiografie und anrührend – dass Thor am Ende bei einem finnischen Festival von treuen Metal-Fans gefeiert wird, gönnt man diesem Stehauf-Mann von Herzen.

Erschienen bei Studio Hamburg, auch als Special Edition mit einer Bonus-DVD voller TV-und Bühnenauftritte.

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