Film und dieses & jenes, von Tobias Keßler

Schlagwort: Heimkino

„The Nest“ von Sean Durkin

 

Carrie Coon als Gattin, die das Blenden ihres Mannes langsam satt hat.  Foto: Ascot Elite

 

Morgens um sieben scheint die Welt noch in Ordnung. Vor dem Anwesen parken zwei Limousinen, ein Bild des finanziell gesicherten Friedens. Doch der Schein trügt, wie so oft in diesem meisterhaften Film über Geld und Status, Ehe und Familie. Rory (Jude Law) ist ein Broker in den 1980er Jahren, ein Mann des Ehrgeizes und des enormen Charmes, den er anknipsen kann wie eine besonders helle Glühbirne. Mit dem überzeugt er auch seine Frau Allison (Carrie Coon), die Zelte in den USA abzubrechen und in Rorys alte Heimat London überzusiedeln. Es ist der vierte Umzug in zehn Jahren. Der Chef seiner alten Firma dort habe ihn persönlich angeworben, sagt er – und lügt, denn er hat sich selbst angedient. Mit Tochter und Sohn ziehen sie nach England, Rory mietet ein Herrenhaus auf dem Land, in das gleich mehrere Familien passen würden. Groß ist es, aber auch düster und manchmal beklemmend – Regisseur und Autor Sean Durkin unterfüttert seine Familien- und Ehegeschichte da sogar mit einem Hauch des Übernatürlichen, bei dem auch ein Pferd eine Rolle spielt.

Erst einmal erscheint alles gut, Rory geht seinen Geschäften nach und hält bei Geschäftsessen protzige Reden mit Margaret-Thatcher-Nachhall: „Die Deregulierung zeigt den Leuten nur, was sie alles erreichen können.“ Seine Frau lässt derweil auf dem Anwesen Pferdeställe anlegen, um ein Gestüt zu betreiben. „Sei Dein eigener Boss“ war einer jener Sätze, mit denen Rory sie zum Umzug bewegt hat. Die Kinder versuchen sich derweil in den neuen Schulen einzuleben. Doch schnell klaffen Risse in der Landhaus-Fassade – die Arbeiter bleiben weg, weil Rory keinen Lohn mehr überweist. Auf dem gemeinsamen Konto sind gerade noch 600 Pfund. Rory, der ruhelose Blender, hat sich maßlos übernommen, während er auf das eine, ganz große Geschäft wartet, dass ihn wieder so reich machen soll wie er einst in den USA war: „Ich hatte mal eine Million Dollar“, erzählt Rory einem Taxifahrer in einem seltenen Moment der Offenheit. „Ich dachte, das wird immer mehr – aber es wurde immer weniger.“

Keine Szene zu viel, kein Satz überflüssig

„The Nest“ erzählt diese Geschichte über Blendwerk, über Lebenskompromisse und das Akzeptieren von Wahrheit grandios. Hier ist keine Szene zu viel, kein Satz überflüssig, bis in die kleinsten Rollen ist der Film perfekt besetzt. Jude Law spielt den Aufschneider nicht als Kapitalisten-Karikatur, er hat viele Zwischentöne. Der Film, umflort von jazziger Melancholie von Richard Reed Parry (aus der kanadischen Band Arcade Fire), legt dar, warum er so ist, wie er ist – es gibt eine kurze, überraschende und fantastische Szene mit seiner Mutter in London – Rory ist letztlich ein armes Würstchen, das einen ebenso anrühren wie abstoßen kann. Carrie Coons Figur der Ehefrau ist weit realistischer, sie hat ihren Mann schon mehr oder weniger durchschaut – Carrie Coon hat einige wunderbare Momente, etwa wenn der Ehefrau klar wird, dass der Umzug nach London auf einer Lüge ihres Mannes basiert, oder wenn sie ihn aus Enttäuschung gleich zwei Mal in einem Restaurant demütigt: wenn sie mit großer Geste das Teuerste auf der Karte bestellt, weil er ihr verschwiegen hat, dass das Konto nahezu leer ist; und dann vor Geschäftspartnern, als sie des Gatten pompösen Smalltalk („New York ist im Herbst besonders schön“) nicht mehr erträgt. Man kann es ihr nachempfinden, hat aber zugleich Mitgefühlt mit dem Bloßgestellten.

 

Blender und Pendler: Rory (Jude Law). Foto: Ascot Elite

Die beiden Kinder sind weniger zentrale Figuren, aber auch ihr neues Leben in England und in einem Haus, das ihre Schwierigkeiten atmosphärisch widerzuspiegeln scheint, wird durchdacht und sensibel erzählt. In einer dramatischen Nacht scheinen Familienleben und Ehe zusammenzubrechen, doch der Film gibt seinen Figuren noch eine Chance – in einer wunderbar atmosphärischen Szene, an einem diesigen englischen Morgen.

Erschienen auf DVD und Bluray bei Ascot Elite.
Bonus: Trailer und kurze Interviews.

Grimmig: „Shorta“ von Frederik Louis Hviid und Anders Olholm

Shorta Koch Films Krimi

Mit der Drangsalierung eines Jugendlichen (Tarek Zayat) durch Polizist Andersen (Jacob Lohmann) beginnt der lange Tag in der Vorstadt. Foto: Koch Films

Die ersten Bilder erinnern schmerzhaft an die Tötung von George Floyd durch die Misshandlung eines US-Polizisten vor einem Jahr: Im Film „Shorta“ liegt ein Mann am Boden, auf den Boden gepresst von dänischen Polizisten – später werden Ärzte versuchen, sein Leben zu retten. Im dänischen Hochhausghetto, aus dem der Misshandelte kommt, brodelt die Wut. Und genau dort ziehen die Polizisten Andersen (Jacob Lohmann) und Hoyer (Simon Sears) ihre Runden – keine guten Kollegen, sondern eine Zwangsgemeinschaft: Der besonnene Hoyer soll Andersen, einen Bär von einem Mann, voller Wut und Rassismus, im Auge behalten, gilt der mit seinem alphatierhaften Auftreten als wandelndes Risiko.

Das ist die Ausgangslage in der Heimkino-Premiere des Duos Frederik Louis Hviid und Anders Olholm (Regie und Buch), das souverän die Genre- und Spannungs-Mechanik beherrscht: Eine atmosphärische Montage mit Bildern grauer Hochhäuser, umflogen von Polizeihubschraubern, zieht ohne Schnörkel in den Film hinein; gereizt ist die Stimmung zwischen den beiden Polizisten, was sich noch zuspitzt, als Andersen, um zu zeigen, „wer hier das Sagen hat“, einen Jungen (Tarek Zayat) drangsaliert und demütigt. Als der sich wehrt, verhaftet ihn Andersen – doch aus dem Ghetto kommen sie nicht heraus: Jugendliche attackieren den Wagen, die Polizisten fliehen nun zu Fuß mit dem Verhafteten quer durch die Vorstadt. Für sie beginnt ein endlos langer Tag auf der Flucht, durch Keller, Hinterhöfe, Geschäfte, Wohnungen. Als urbaner Thriller, als Verfolgungsfilm funktioniert „Shorta“ in seiner ersten Stunde perfekt, zumal sich die kontrastreiche (und drohend klischeehafte) Charakterzeichnung der Figuren langsam auflöst – vom Schwarz-Weiß hin zu Grautönen. Da ist der bullige Andersen nicht mehr ganz nur ein schnell entflammbarer Macho-Polizist mit Rassismus-Duktus, „der böse Cop“; und Hoyer ist auch nicht mehr der komplett integre Muster-Beamte.

Dramaturgisch kommt der exzellent gespielte Film allerdings etwas ins Stolpern, als er von einer Annäherung zwischen den Polizisten und dem Verhafteten erzählt – das wirkt etwas bemüht. Und auch die Geografie des Ortes scheint sich je nach Plot-Erfordernis zu wandeln: Mal erscheint der Vorort als riesiges Viertel, aus dem man ohne Kompass nie wieder herausfindet. Dann wiederum ist er so klein, dass der angeschossene Andersen ausgerechnet bei der Mutter des Verhafteten zufällig Zuflucht findet. Dennoch: ein packender Krimi über Gewalt und Gegengewalt – entsprechend konsequent und düster fällt das Finale aus.

DVD, Bluray, digital bei Koch Films.

„Jesus shows you the way to the highway“ von Miguel Llansó

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó

Die Agenten mit Stalin- und Redford-Maske unterwegs.    Foto: Rapid Eye Movies

Hat man diesen Film hinter sich, muss man erst einmal seine Hirnwindungen sortieren – sie könnten verquirlt sein nach diesen 79 Minuten voller bizarrer Ideen, grotesken Humors, Satire und Jux. Die Handlung von „Jesus shows you the way to the highway“ (jetzt fürs Heimkino erschienen) nachzuerzählen, kann dann auch nur eine vage Annäherung sein: Nach einer Titelsequenz in der Ästhetik von piepsigen PC-Spielen der 1980er Jahre geht es flott hinein in die Handlung, die ein bisschen wie „Matrix“ ohne Budget, aber mit viel Spaß am Surrealen wirkt. Zwei CIA-Agenten müssen in eine virtuelle Welt eintauchen, um dort einen PC-Virus zu bekämpfen: Denn der stört das System, das den Betrieb einer futuristischen Stadt steuert, aufs Empfindlichste.

Das Wandeln der Agenten namens Palmer und Gagano durch diese virtuelle Welt zeigt der Film auf wunderbar bizarre Weise – mit Personen, die sich so ruckartig bewegen, als seien sie durch Einzelbild-Trick animierte Kunststoff-Figuren wie in einem alten „King Kong“- oder Dinosaurier-Film. Zudem tragen die Agenten im virtuellen Raum Papiermasken, die eine mit dem Antlitz von US-Komiker Richard Pryor, die andere mit dem von Robert Redford.

 

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó Rapid Eye Movies

Agent Gagano (Daniel Tadesse Gagano) in der Dusche mit seiner Gattin.    Foto: Rapid Eye Movies

 

Nach Feierabend, zurück in der realen Welt will Agent Gagano – gespielt vom kleinwüchsigen Darsteller Daniel Tadasse Gagano – allerdings seinen Dienst quittieren und mit seiner Frau eine Kickboxschule eröffnen. Dazu kommt es nicht, denn es droht noch mehr Ungemach. Ein PC-Virus namens „Sowjetunion“ (mit dem Antlitz von Stalin, dessen Helfershelfer allerdings mit Bundesadler-Armbinde geschmückt sind) bedroht das Betriebssystem der CIA. Gagano muss noch einmal ran – und findet aus der virtuellen Welt nicht mehr heraus. Derweil strahlt „Sowjetunion“ in die Welt hinaus, zettelt Verschwörungen an, und auch eine Art afrikanischer Batman namens „Batfro“ kommt ins Spiel – nicht zu vergessen einige Kampfsportkünstler. Über Insekten in Menschengestalt, aus denen dann die menschlichen Darsteller herausschlüpfen, wundert man sich schon schon nicht mehr.

Es ist eine Wundertüte, die der spanische Regisseur/Autor Miguel Llansó hier auskippt. Dabei ist diese spanisch-estländisch-äthiopisch-lettisch-rumänische Koproduktion kein wahllos bunter Trash, sondern kunstvoll zusammengesetzt – als wolle der Spanier der allgegenwärtigen Blockbuster-Glätte ein rauhes Gegenbild unter die Nase halten (oder reiben). Drehorte in einer Fabrik sollen das Innere eines U-Bootes simulieren, das fast schon antike Computer-Mobiliar erschafft eine mal wohlige, mal ärmliche Retro-Atmosphäre, unterfüttert mit Low-Budget-Flair. Die Schnitte sind bisweilen bewusst holprig, und sogar in der Originalfassung sind die Dialoge nachsynchronisiert, was dem Ganzen einen weiteren Verfremdungs-Effekt kredenzt; sinnigerweise hat man sich für die deutsche Fassung ebenfalls Ungewöhnliches ausgedacht: Da sprechen die Musiker der Berliner Band „Stero Total“ – Brezel Göring und die im Februar gestorbene Françoise Cactus – gleich alle Rollen. Warum auch nicht?

Erschienen bei
Rapid Eye Movies

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