Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

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„La La Land“ – das Album

La La Land

 

Ach, schade: Die schrillen, grenzparodistischen Neuversionen der 80er-Hits „I ran“ und „Take on me“, mit quietschigen Keyboards und über-enthusiastischem Gesang, sind nicht auf dem Album zum Film „La La Land“. Vielleicht hätten sie ja auch nicht hineingepasst in diese Kollektion nostalgischer, dabei ironiefreier Musical-Klänge aus einem hinreißenden Film, der mit 14 Oscarnominierungen reich (für manche überreich) beschenkt ist. Big-Band-Jazz, zarte Balladen, flotte Tanznummern und auch einen streicherumschmusten Walzer bietet dieses Album von Komponist Justin Hurwitz (Texte von Justin Paul und Benj Pasek).

Kennt man den Film nicht, der von der Liebe einer Schauspielerin und eines Musikers in Los Angeles erzählt, mag manche Nummer etwas bombastisch und kitschig wirken – vor allem „Someone in the crowd“ mit großem Chorgeschmetter. Aber hat man „La La Land“ gesehen, verbindet sich die Musik mit den Bildern im Hinterkopf und mit seiner bittersüßen Geschichte, die das ganz große Gefühl und die große Liebe beschwört, seine Figuren dann aber doch scheitern lässt, letztlich an sich selbst.

Charmant dabei ist, dass Schauspieler Ryan Gosling nicht der Stimmgewaltigste ist – bei der Los-Angeles-Liebeserklärung „City of stars“ trifft er nicht jeden Ton und wurschtelt vokal etwas vor sich hin. Das passt immerhin, im Film spielt er ja einen Pianisten. Aus dem Rahmen fällt nur ein Stück, „Start a fire“ von John Legend: Im Film ist es das tönende Beispiel dafür, dass der ambitionierte Jazzpianist sich nolens volens dem kompetenten, aber etwas langweiligen Kommerz andient – genau so klingt das Stück auch. Ein Fremdkörper auf einem ansonsten famosen Album.

La La Land: Original Motion Picture Soundtrack (Universal).
Die Szenenfotos stammen vom Verleih Studiocanal.

 

La la Land

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Interview mit Produzent Peter Rommel

Peter Rommel

Peter Rommel. Foto:, MOP

Der Produzent Peter Rommel (61) ist 2017 Ehrenpreisträger des Ophüls-Festivals und zeigt auch einige Filme.  Bekannt ist er vor allem für die Filme von Andreas Dresen und gilt in der Branche als einer, der sich von sperrigen Stoffen nicht abschrecken lässt. Er war immer wieder mit Filmen beim Festival vertreten und produzierte viele eigenwillige Debüts, etwa „Storno“ von Elke Weber-Moore oder „Sehnsucht“ von Valeska Griesebach. Ein Gespräch über seine Arbeit.

 

Sind Sie manchmal überrascht, dass Sie als unabhängiger Produzent so lange überlebt haben?

Ja, ständig. Das ist meine eigentliche Leistung. Nicht die Filme selbst, sondern 25 Jahre Überleben mit freien Spielfilmen und Dokumentationen, ohne Fernsehproduktionen.

Der Begriff Produzent ist ja ein weites Feld – zwischen kreativem Co-Autor und reinem Geldbeschaffer. Ist Ihre Rolle vor allem im Kreativen?

Nein, das ist eher eine Mischform. Ein Produzent kann ohne die Autorenschaft eines Regisseurs oder des ganzen Teams keinen Film herstellen. Und die Kreativen brauchen einen vertrauenswürdigen Spielpartner – es ist ein bisschen wie beim Fußball. Man bildet eine starke Achse, mit der man ein Spiel bestimmen kann.

Ist es über die Jahre schwieriger geworden, Filmprojekte auf den Weg zu bringen? Hat sich die Filmlandschaft in dieser Hinsicht verändert?

Die Möglichkeiten, Filme herzustellen, sind, auch durch die Digitalisierung, größer geworden. Gleichzeitig haben Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit über die Jahre mehr und mehr nachgelassen.

Liegt das an einem Überangebot von Filmen?

Das hat verschiedene Ursachen. Einmal die Verbreiterung des Freizeitangebotes allgemein, und auch in der Studentenschaft hat sich etwas getan: Die geht gar nicht mehr so gern ins Kino, sondern schaut lieber TV-Serien. Und die ganz Jungen bedienen sich übers Internet und haben so gut wie keinen Bezug mehr zum Kino. Als ich blutjung war, war das Kino ja eine Art Sozialisationsstation, mit „Godzilla“ und den „Winnetou“-Filmen. Und in den 70zigern und frühen 80zigern war es eine lebensinspirender Zufluchtsort aller Schichten. Das ist es heute nicht mehr. Heute wird es eher als ein Zerstreuungsort für die Masse genutzt.

Wie muss das Kino darauf reagieren?

Es hätte schon längt reagieren müssen. Man hätte viel früher, wie das in Frankreich ja schon immer geschieht, den kulturellen Wert des Kinos stärker betonen müssen – etwa in der schulischen Bildung. In Frankreich nimmt man das Kino genauso ernst wie die klassische Musik, Kunst, Literatur, Theater und Oper. In Deutschland galt das Kino immer als Unterhaltungs- und Ablenkungsort. Wir haben das Kino nicht so fundamental in unsere Kultur integriert, wie es hätte sein sollen.

Woran ist das gescheitert?

Das Kino bei uns wurde nach dem Krieg maßgeblich von den Amerikanern bestimmt, deswegen sind auch heute 90 Prozent der Leinwände vom US-Kino besetzt. Die zehn Prozent Rest, das europäische und das deutsche Kino, haben es natürlich dann schwer, kommerziell erfolgreich und in der Breite gut aufgestellt zu sein. Wenn TTIP gekommen wäre oder noch kommt, dann würden die amerikanischen Medientransportunternehmen wie zB Amazon, Netflix, Apple und vielleicht auch noch die Studios in Hollywood alle Leinwände und Vertriebswege vollends übernehmen und alle Formate der Medienverbreitung konkurrenzlos abdecken. Denn dann würden diese Unternehmen schlicht gegen Wettbewerbsverzerrung in Europa klagen, also gegen unsere staatlich subventioniere Förderung von Medien bis hin zum ollen Kinofilm. Es geht bei allem ausschliesslich um den freien Zugang zum Markt und letztlich um Wettbewerbsverdrängung.

Tut die Filmförderung da zuwenig für das heimische Kino?

Sie tut eigentlich genug, wenngleich die Werkzeuge nicht mehr richtig greifen. 50 Prozent der Filme, die bei uns laufen, müssten doch einfach aus Europa kommen, die Hälfte davon vielleicht auch aus Deutschland, aber als Kinofilm definiert und nicht als aufgeblasenes Fernsehspiel als Zwitter erzeugt – so wie die Franzosen das für ihr Kino mal festgeschrieben haben. Diesen Schritt hat Deutschland leider nicht gemacht, wohl unter dem Eindruck des gut ausgestatteten und bislang funktionierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Aber auch der in Abhängigkeit und endlosen Dankbarkeit zur großen deutsch-amerikanischen Freundschaft für die Kaugummis, die damals nach dem Krieg abgeworfen wurden. Standortpolitik eben.

Muss ein deutscher Film wie „Vier gegen die Bank“, besetzt mit den größten Stars Deutschlands, verliehen vom Hollywood-Major Warner Brothers, 600 000 Euro deutsche Filmförderung bekommen?

Ich finde das in der Tat eher unangebracht und fast gar geschmacklos, denn ich glaube schon, dass gerade die Majors doch mächtig genug sind, rein kommerziell orientierte Filme aus eigener Kraft herzustellen und auf die grosse Leinwand zu bringen. Aber die Politik fordert natürlich Beweise erfolgreicher Förderpolitik. Und wo sieht man die Erfolge? In den Medien, wo solche großen Filme, die den Markt beherrschen, auch wahrgenommen werden. Die Förderer betreiben da manchmal eine fadenscheinige Mitfahrpolitik bei Projekten, die es eigentlich nicht nötig haben. Bei einem kommerziellen Erfolg möchte ja sollte man unbedingt dabei sein. Lieber da als bei einem kleinen Film, der vielleicht auf den Festivals in Cannes oder in Venedig zwar für grosses Aufsehen erregt, aber am Markt naturgemäß kein großes Publikum finden kann, weil das die Programmschienen im Kino dicht sind und das Publikum über die Sehgewohnheiten des  Fernsehens schon völlig entwöhnt worden sind.

Macht da nicht der auch kommerzielle Erfolg von „Toni Erdmann“ etwas Hoffnung?

Solche Ausnahmen und Beispiele von tollen, zeitgemäßen und international erfolgreichen deutschen Filmen hat es immer mal wieder gegeben – aber grundsätzlich hat dies bisher nichts in der Breite verändert. „Toni Erdmann“ könnte dieses Bewusstsein vielleicht erneut befruchten. Zumal die Politik von Kulturstaatsministerin Grütters ja dahin geht, verstärkt den qualitativ hochwertigen, unabhängigen Film mehr zu fördern, eben übers das Ministerium für Kultur und Medien (BKM). Das ist ein erstes deutliches Signal und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung

Sie haben auch als Dozent gearbeitet – wie hat sich der Filmnachwuchs über die Jahre verändert?

Ich habe ja in den 70er Jahren angefangen in einer Zeit, in der es bei aller Konkurrenz viel Austausch gab. Mitte der 80er Jahre hat sich eine Art Ego-Kultur herausgearbeitet, die sicher auch mit der sogenannten Kohl-Ära zu tun hat. Und die hat sich sukzessive in die Filmhochschulen eingeschlichen. Im Moment ist es ein ziemlich verbissener Kampf um die Plätze, die es da gibt zu erobern gilt – einen Sender und die Förderer für Einen zu gewinnen. Es ist bald wie bei ner Olympiade – und alle dopen sich mitzuhalten. Ich hatte echt noch das Glück, ohne diesen auferlegten Erfolgsdruck früh Partner und Freunde zu finden, mit denen ich seit langem intensiv zusammenarbeite.

Vor allem Andreas Dresen?

Ja, das ist ein Geschenk des Lebens. Ich hatte ihn über seine Studentenfilme kennen gelernt, da hatte ich noch gar keine Produktionsgesellschaft. Später habe ich ihn dann gefragt, ob wir nicht mal einen Film zusammen herstellen wollen – das war dann „Nachtgestalten“. Dass diese Verbindung aus Ost und West sowohl auf inhaltlicher wie persönlich, zutiefst menschlicher Ebene über all die Jahre gehalten hat, ist in dieser schrägen Branche wohl einmalig.

Sie waren oft beim Saarbrücker Ophüls-Festival – hat es sich für Sie über die Jahre verändert?

Was immer gleich geblieben ist, ist das große Herz des Festivals – von den Machern wie von den Saarbrückern. Die unterschiedlichen Leiter haben dem Festival ihren Stempel aufgedrückt, aber das hat dieses gesunde Fundament zum Glück nie verändert, nie beschädigt. Und Eines hat sich über die Jahre auch nie verändert – das Lokal „Woll“ in Spicheren. Da sind wir immer mit größter Leidenschaft hin und ‚wollig‘ betrunken wieder zurück ins Kino gebraust– das war schon geil.

Manche Kritiker sagen, es gäbe mittlerweile zu viele Filmfestivals in Deutschland. Würden Sie da zustimmen?

Das kann man schon so sehen. Andererseits sind die Festivals bitter nötig, weil die Kinoverwertung so beschränkt ist und weil es so viele, auch wirklich gute Filme gibt. Die meisten Filme, die man auf Festivals sehen kann, sieht man später ja nie wieder, es sei denn, auf youtube. Ein Dokumentarfilm wird heute von einem Kinobesitzer in Deutschland nicht mehr um 20.15 Uhr gespielt oder gar auf allen Schienen, sondern bestenfalls um 17 Uhr. Das war früher anders. Bei dieser Stückelung, die der Kinobesitzer wohl machen muss, weil er einfach zu viele Filme angeboten bekommt, kann es keinen kommerziellen Erfolg für solche Filme geben. Ich kann mich noch erinnern, dass wenn etwa ein neuer Film von Aki Kaurismäki oder Jarmusch im Kino anlief, dass er auf allen Schienen einfach durchgespielt wurde, vier, fünf Wochen lang. Das gibt es heute kaum mehr im fetten Spielplan der Kinobesitzer. Und das Publikum kommt nicht mehr hinterher, bei all der ‚Vielfalt‘.

Manche Arthouse-Kinobetreiber sagen ja selbst, dass es zu viele Filme gibt und dass es das Publikum es zunehmen leichter liebt.

Die Kinogänger sind weniger neugierig als früher. Das liegt vielleicht an der Weltlage – das Publikum ist unsicher und verängstigt, was ich gut nachvollziehen kann. Dann wollen sich die Menschen in ihrer Freizeit nicht mit noch schwereren, noch komplexeren Themen beschäftigen. Sondern sie suchen die Zertreuung, die Unterhaltung. Der Erfolg eines Films wie etwa „La La Land“ zeigt auch, wie groß letztlich die Sehnsucht nach famoser Unterhaltung in der Welt ist. Ich freue mich sehr über den spirit und den Erfolg des Films – wenn Unterhaltung, dann bitte inspiriende!

 

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