KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Michael Verhoeven

Goldener Serien-Oldie: „Bier und Spiele“ auf DVD

Bier und Spiele

Regisseur Michael Verhoeven, Ehrengast des gerade zu Ende gegangenen Ophüls-Festivals, ist vor allem für Politisches bekannt: „Die weiße Rose“, „Mutters Courage“, „Das schreckliche Mädchen“ oder auch „Der unbekannte Soldat“. Da werden Folgen vom „Kommissar“ oder „Tatort“ rückblickend oft übersehen; jetzt erscheint Verhoevens 1977er TV-Serie „Bier und Spiele“ auf DVD, die in den Mikrokosmos eines Handballvereins namens SV Wallbach führt. Der hat gerade den Aufstieg in die erste Liga geschafft (dank der Bestechung des Gegners) und muss sich in dieser neuen Welt erstmal zurechtfinden – sind alle Spieler noch gut genug? Muss der in die Jahre gekommene Masseur gehen? (Hauptsache, der unfähige Neffe des Sponsors bleibt!).

Manche 70er-Jahre-Serien erfreuen ja mit Zeitgeist-Optik von einst und ruhigem Erzählrhythmus; „Bier und Spiele“ bietet zwar auch Schnauzbärte, Schlaghosen und bizarre Tapeten zuhauf – der Rhythmus der 14 Episoden à 25 Minuten ist aber ausgesprochen flott. Schon in der ersten Minute ist klar, dass der bierbrauende Sponsor („Sei schlauer, trink Schauer!“) gottgleich über dem Verein thront; der Manager (Friedrich von Thun) lenkt geschickt, man möchte ihn nicht zum Feind haben, aber unbedingt zum Freund, denn „solange ich hier bin, haben alle ihre Schäfchen im Trockenen“. Die verräucherten Hinterzimmer, muffigen Umkleidekabinen und abgewohnten Vereinskneipen, fast dokumentarisch abgebildet, werden zur Bühne von kleinen und großen Sorgen, Konflikten und immer wieder Mauscheleien – sehr sehenswert.

Erschienen bei Polar Film.

 

Bier und Spiele

 

Bier und Spiele

Frische Filme und ein altes Kaufhaus: Neues vom Saarbrücker Ophüls-Festival

Ophüls Preis Svenja Böttger

Die neue Leiterin des Filmfestivals Max Ophüls Preis, Svenja Böttger, hat gestern das kommende Programm vorgestellt. Sie setzt auf Kontinuität, bietet aber auch neue Reihen und einen interessanten Standort für den Festivalclub: das alte, seit sieben Jahren leerstehende Gebäude von C&A in Saarbrücken.

Angespannt war sie, die Ophüls-Pressekonferenz vor einem Jahr – mit Leiterin Gabriella Bandel, die ihr letztes Festival antrat, Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne) und kollektivem Schweigen über die Umstände von Bandels Abschied. Ein Jahr später, beim Pressetermin im E-Werk gestern, ist die Stimmung besser. Brück zeigt sich zufrieden darüber, dass „99 Prozent der Sponsoren weiter dabei sind“.

Die neue Leiterin Svenja Böttger setzt auf Kontinuität mit sachten Veränderungen – etwa den neuen Blick auf europäische Filmhochschulen (in diesem Jahr La Fémis in Paris). Thematisch verspricht sie ein formal wie inhaltlich abwechslungsreiches Programm, in dem es etwa um die „Familie geht, in sehr privaten Geschichten“, um alternative Lebensentwürfe und den ständigen Konflikt zwischen „der persönlichen Freiheit und der Gesellschaft“. Programmleiter Oliver Baumgarten ergänzt, dass sich beim Thema Flucht und Migration gegenüber 2016 die Schwerpunkte verschoben haben: „Im letzten Jahr war die Frage oft, wer denn eigentlich zu uns kommt. In diesem Jahr fragen die Filme danach, wie wir als Gesellschaft darauf reagieren.“ Auffällig seien 2017 die vielen Frauenfiguren, inszeniert von mehr Regisseurinnen als je zuvor: „17 von 28 Langfilmen des Wettbewerbs – inklusive Dokumentationen – stammen von Frauen.“

Ein Coup ist der Standort von Lolas Bistro: Nach vielen Jahren in der Garage und dem etwas glücklosen Versuch 2016 im Gloria zieht der Club des Festivals nun an einen Ort, der seit sieben Jahren im Dornröschenschlaf dahinschlummert: das ehemalige C&A-Gebäude in der Viktoriastraße 25. „Barrierearm“ werde der sein, sagt Böttger, mit Aufzügen und gut zugänglichen Toiletten. Anschauen kann man sich dort neben der Filmbilder-Installation „Lost Reels“ auch die dokumentarische Web-Serie „True Stories“, in der Menschen in aller Kürze aus ihrem Leben erzählen. „True Stories“ läuft in der neuen Reihe MOP-Visionen, die, wie Baumgarten sagt, neue Ästhetiken und formale Ideen zeigen will und dafür „ganz bewusst aus dem Kinosaal rausgeht“. Da ist etwa der fünfminütige Film „Die Santa Maria“, von Erik Schmitt mit dem Handy gedreht – und eben nur fürs Handy. Den Film kann man nur im Foyer des Cinestar auf entsprechenden Geräten sehen.

Ehrengast Michael Verhoeven („Die weiße Rose“) zeigt vier Filme und berichtet von seiner Arbeit als Produzent mit seiner Firma „Sentana“, zusammen mit seiner Firmenpartnerin und Gattin Senta Berger. Zudem wird Verhoeven mit Marcel Ophüls diskutieren, Oscarpreisträger und Sohn des Festival-Namensgebers. An den wird mit einer Vorführung des Films „Madame de…“ gedacht; Regisseur Christoph Hochhäusler („Unter dir die Stadt“) stellt ihn vor. Eine Perle im Programm. Auch Prominenten wird man über den Weg laufen: Schauspielerin Andrea Sawatzki ist bei der Spielfilm-Jury dabei, Anna Thalbach beim Kurzfilm; angesagt haben sich etwa auch Anna Fischer („Fleisch ist mein Gemüse“), Lars Rudolph („Er ist wieder da“), Jacob Matschenz („Heil“) und Marie-Lou Sellem („Exit Marrakech“).

In Zusammenarbeit mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) und deren K8 Institut widmet sich das Festival „Virtuellen Realitäten“ (VR) – in der HBK gibt es eine „VR-Lounge“, in der man sich mit neuer Technologie und damit einhergehenden neuen Erzählformen beschäftigen kann. Ob das nun die Zukunft des Films ist, versucht eine Diskussion dort zu klären.

 

Termine

Blaue Stunde mit dem Beginn des Kartenverkaufs am Samstag ab 14 Uhr in der Galerie im Filmhaus.

Festivaleröffnung am Montag, 23. Januar, 19.30 Uhr, im Cinestar mit Verleihung des Ehrenpreises an Produzent Peter Rommel und der deutschen Erstaufführung „Die Nacht der 1000 Stunden“ von Virgil Widrich.

Lolas Bistro in der Festivalwoche von Dienstag bis Freitag im Ex-C&A-Gebäude, jeweils ab 21 Uhr, SR-Mitternachtsgespräche jeweils ab 23 Uhr.

Preisverleihung: Samstag, 28. Januar, ab 19.30 Uhr im E-Werk auf den Saarterrassen, danach Filmparty mit DJs.

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