Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Netflix

Die Welt ist schlecht, das Wetter auch: „True Crime“ mit Jim Carrey

Jim Carrey.     Foto: Bartosz Mrozowski

Es ist ja nicht so, dass Jim Carrey nur Komödien gedreht hätte. Aber über viele Jahre hat er beim großen Publikum doch ein Image als Komiker der  Extrem-Mimik kultiviert und betoniert – in Filmen wie „Dumm und dümmer“, „Der Dummschwätzer“ oder „Der Ja-Sager“. Versuche in anderen Rollen unternahm er gerne, aber nur mit mäßigem Zuspruch, abgesehen von der gewitzten Medienkritik „Truman Show“, die aber auch schon 21 Jahre alt ist. Carreys Komödien machten ihn zeitweise zum Bestverdiener, doch sie nutzten sich irgendwann ab – die späte Komödien-Fortsetzung „Noch dümmer“ von 2014, 20 Jahre nach „Dumm und dümmer“, wirkte weniger humoristisch denn schlicht verzweifelt. Was das Publikum auch spürte. Und Weniges ist weniger witzig als verzweifelte Komödien.

Mit dem Film „Dark Crimes“ erweitert Carrey sein Spektrum noch einmal und scheint sein Image mit großer Geste beerdigen zu wollen. Er spielt den polnischen Polizisten Tadek, nach einem dienstlichen Vergehen ins staubgraue Archiv versetzt, den ein ungelöster Mordfall nicht loslässt – zumal er Verbindungen zum korrupten Polizeichef vermutet. Insgeheim ermittelt er und hat schnell einen Verdächtigen: einen Schriftsteller, der in einem Roman den unaufgeklärten Mord verblüffend präzise schildert, ohne die Akten zu kennen. Doch ganz so einfach wie vermutet liegt der Fall nicht, und Tadek verliert langsam den Überblick, zumal ihn eine andere Person aus dem Mord­umfeld fasziniert – die fragile Prostituierte Kasia (Charlotte Gainsbourg).

 

 

Düsternis, Wendungen, mysteriöse Figuren – für einen packenden Krimi könnte das wohl reichen. Aber der griechische Regisseur Alexandros Avranas, der 2013 in Venedig einen Silbernen Löwen für das Familiendrama „Miss Violence“ gewann, hat an der üblichen Thriller-Mechanik augenscheinlich wenig Interesse. Ihm geht es um die Charakterstudie eines nahezu Besessenen, der sich so in den Fall verbeißt, dass ihm sogar die eigene Familie entgleitet. Tadek starrt beim Essen vor sich hin, schweigt, führt die Gabel mechanisch-aggressiv zum Mund. Zum Fürchten.

Es ist durchaus interessant, Carrey zuzusehen, er bleibt auch ohne mimische Exzesse ein charismatischer Darsteller, wobei ihm das Drehbuch auch das zugesteht, was viele wohl unter besonders ernster Schauspielkunst verstehen: Schreien, Weinen (und sich Übergeben). Dazu ein Rauschebart, der an den Gesichtsschmuck erinnert, der einst bei Steve McQueen spross, als er sich so ambitioniert wie erfolglos an Ibsens „Ein Volksfeind“ versuchte.

Die Handlung an sich bleibt  spannungsreduziert, der Film scheint vor allem darum bemüht, mit kunstvoll trostlosen Bildern eine dichte Atmosphäre zu schaffen. Das gelingt, unabhängig davon, wie realistisch sie auch sein mag – das Polen in diesem Film ist ein schmerzhaft öder, graubrauner Ort der muffigen Büros, des schlechten Wetters, der merkwürdig halbleeren Wohnungen (und Folterkeller für sexuelle Gewalt). Dieser auffällige Stilwille lässt „Dark Crimes“ manchmal prätentiös wirken, ein wenig wie der verdächtige Schriftsteller, der bei Pressekonferenzen so pompöse Sätze deklamiert wie „Alles ist subjektiv“ oder „Die Wahrheit ist das, was man aus ihr macht“. Die leicht erregbaren Journalisten klatschen andächtig.

Man muss sich bei diesem ambitionierten Film ein wenig bemühen: Gelingt es einem, sich auf den manchmal fast meditativen Rhythmus einzustellen, lohnt sich das: wegen der Bilder, der Atmosphäre und wegen Carrey. Gelingt es einem nicht, wird man bis zum traurigen, in Maßen überraschenden Ende nicht durchhalten.

„Dark Crimes“ ist als DVD und Blu-ray bei Studio Hamburg erschienen und auch bei Netflix zu sehen.

„Auslöschung“ von Alex Garland auf Blu-ray

Auslöschung Annihilation Netflix Horror Alex Garland The Thing

Natalie Portman (vorne) und Gina Rodriguez.                 Foto: Universal

Kommunikation ist eine komplizierte und entscheidende Angelegenheit. Ob nun die zwischen Liebenden oder die zwischen irdischem und außerirdischem Leben. Mit beiden, unter anderem, beschäftigt sich „Auslöschung“, ein Film zwar mit Science-Fiction- und mit Horror-Elementen, der aber dennoch in keine Genre-Schublade passt. Das macht die Vermarktung schwierig, und so hat das US-Studio Paramount nach einem kommerziell mäßigen Start in den USA und China den Film zügig für den Rest der Welt an Netflix verkauft – nun erscheint er bei uns auch auf DVD und Blu-ray. Schade, eine große Leinwand hätte man Alex Garlands Film und seinen oft faszinierenden, immer atmosphärischen Bildern gewünscht.

Kühl und rätselhaft beginnt es: Eine Frau (Natalie Portman) sitzt in einem Laborraum, um sie herum tragen die Menschen Schutzanzüge, man befragt sie, wie sie wieder „herausgekommen“ ist. Woraus genau, das erzählt der Film in Rückblenden, manchmal gar mit Rückblenden in Rückblenden oder mit kurzen Einschüben. Ein Meteor ist in einem Nationalpark in Florida heruntergegangen, seitdem breitet sich von dort langsam ein pulsierender, schlierenhafter Schimmer in Regenbogenfarben aus – was im Inneren des stetig wachsenden Gebiets geschieht, weiß man nicht, denn kein Forscher- oder Militärteam ist zurückgekehrt – außer dem Ehemann (Oscar Isaac) der Frau vom Filmbeginn; doch er ist merkwürdig verändert, scheint verwirrt und fällt ins Koma.

 

Auslöschung Annihilation Netflix Horror Alex Garland The Thing

Lena (Natalie Portman) im Inneren des Leuchtturms.          Foto: Universal

Seine Frau Lena, als Biologin mit Militärvergangenheit prädestiniert, beginnt eine Expedition in den „Schimmer“, begleitet von vier weiteren Wissenschaftlerinnen. Sie finden eine Natur vor, die sich verändert. Pflanzen und Tiere zeigen bizarre, manchmal wunderschöne, manchmal erschreckende Mutationen, scheinen manchmal die Gestalt des Menschen nachahmen zu wollen. Zugleich verändern sich die Frauen, Erinnerungslücken klaffen, Misstrauen bricht aus – und das nackte Grauen, als sie eine Botschaft der vorigen Expedition entdecken.

Der britische Regisseur und Autor  Alex Garland (nach der Buchvorlage von Jeff VanderMeer) stellt meisterlich das Schöne neben das Schreckliche, lyrische Naturbetrachtungen neben Horrormomente: Eine Konfrontation mit einem mutierten Bären ist eine wahrhaft grausige und dabei tragische Szene, viel mehr  als schlichter Monster-Grusel. Der Rhythmus des Films ist langsam, Garland (sein Debüt war 2014 der gefeierte „Ex Machina“) lässt sich Zeit für die Expedition  – man kann sich manchmal an die beinahe meditative Stimmung in Andrei Tarkovskys „Stalker“ erinnert fühlen, der auch durch eine „verbotene Zone“ führte. Kurze Rückblenden setzen dabei ein komplexes Bild Lenas zusammen, die ihre Ehe zwischenzeitlich aufs Spiel gesetzt hat.

Im Leuchtturm begegnet sie der außerirdischen Intelligenz, deren Ausbreitung die Welt bedrohen könnte. Dieses Finale ist dabei weder friedliebend wie bei „E.T.“ noch so aggressiv wie bei „Alien“, sondern ganz und gar ungewohnt; es treibt das Motiv der Veränderung und der  Nachahmung auf die Spitze. Der Film denkt die Außerdirdischen einfach weiter. Was wäre, wenn sie einfach da sind, kein Ziel haben und eine völlig andere Form der Kommunikation besitzen? Vielleicht so etwas wie ein PIlz oder Tumor sind, ohne etwas Böses zu wollen – und dennoch tödlich? „Ich weiß nicht, was sie wollen“, sagt Lena, „ich weiß nicht ob sie überhaupt etwas wollen.“

Erschienen bei Universal.
Extras: Drei längere Berichte von den Dreharbeiten, die ohne die gegenseitige Lobhudelei der Beteiligten interessanter wären.

 

Auslöschung Annihilation Netflix Horror Alex Garland The Thing

Natalie Portman und Regisseur Alex Garland.      Foto: Universal

Die BBC-Serie „White Gold“ auf DVD

Willkommen bei „Cachet Windows“ (von links): Die drei Doppelglasfenster-Verkäufer Fitzpatrick (James Buckley), Vincent Swan  (Ed Westwick)  und Lavender (Joe Thomas). Foto: BBC /Polyband

 

England 1983 – Doppelglas-Fenster sind das Produkt der Stunde. Die brillante BBC-Serie „White Gold“ erzählt von drei Verkäufern im Hinterland, ihrem Ehrgeiz und ihren Mauscheleien.

Einen Rauchmelder hat er wohl nicht im Schlafzimmer. Denn der würde Alarm schlagen, angesichts der dichten Haarspray-Wolken, mit denen Vincent Swan jeden Morgen seine akkurate Frisur betoniert. Der Scheitel sitzt, und los geht es in den neuen Tag, der viel verheißt – viel Geld. „Es ist nicht illegal, Menschen Dinge zu verkaufen, die sie sich nicht leisten können“, ist Swans Motto und Mantra. Wir schreiben das Jahre 1983 und sind in einem ländlichen Ort im England unter Margaret Thatcher. Die Hauptstadt ist weit weg, soziale Unruhen sind es  erst einmal auch.

„Wanker“

„White Gold“ heißt diese exzellente BBC-Serie, deren erste Staffel jetzt auf DVD erscheint (eine zweite Staffel soll demnächst gedreht werden). Jenes titelgebende „weiße Gold“ ist der billig zu produzierende und teuer zu verkaufende Kunststoff, der das Wunderwerk Doppelglasfenster in der Fasson hält. Diese Fenster verkauft Swan en masse und mit einem Gewinn von 600 Prozent. Dabei helfen  ihm sein gutes Aussehen (als wäre der Alain Delon der 1960er Jahre in der britischen Provinz gelandet), sein unbändiger Ehrgeiz, Narzissmus, seine Skrupel- und Gnadenlosigkeit. Dass jemand großflächig das Wort „Wanker“ („Wichser“) in den Lack seines Cabrios kratzt, ist absolut nachvollziehbar – Swan weiß das selbst am besten, was ihn auch wieder etwas sympathisch macht.

Autor und Regisseur Damon Beesley scheint neben einem Faible für rasante Komik ein düsteres Menschenbild zu haben – mit seinem Serienpersonal möchte man sich nur bedingt zum Fünf-Uhr-Tee treffen: Swans Kollege Fitzpatrick ist ein schnauzbärtiger Langweiler, der nur zur großen Form aufläuft, wenn er älteren Damen schamlos eine Renovierung der gerade erst frisch (von ihm) eingebauten Doppelglasfenster aufschwatzt; der mittelscheitelige Kollege Lavender ist da rücksichtsvoller, aber er wird sich im Laufe der Serie der kollektiven Schlechtigkeit anpassen – erst einmal muss er das Trauma (und den Kollegenspott) überwinden, dass er als Bassist bei Sänger Paul Young ausstieg, Wochen bevor der mit „Wherever I lay my hat“ zum großen Star wurde.

 

Egomane de luxe: Vincent Swan (Ed Westwick). Foto: BBC /Polyband

Um dieses Trio rotiert ein Karussell mit plastisch bis drastisch gezeichneten Figuren: der konstant schreiende Firmenbesitzer etwa; der berüchtigte lokale Gangster, der gerne mit der foltertechnisch effektiven Kombination von Genitalien und Schraubstöcken droht; eine Sekretärin, die man in politisch weniger korrekten Zeiten als strohdumm hätte bezeichnen dürfen; der Handwerker der Firma, der seine 16-jährige Tochter als „Seite 3“-Model groß herausbringen will. Es ist schon eine Galerie des menschlichen Grusels, in der bestenfalls noch Swans Frau und Verkäufer Lavender als halbwegs integre Figuren die Fahne der Unbestechlichkeit hochhalten – doch auch sie haben letztlich ihren Preis. Genau wie die Beamtin vom Finanzamt, die von Swan 50 000 Pfund fordert, doch kurzfristig über ihr Faible für den hübschen Verkäufer Lavender stolpert und über ihre erotische Vorliebe für ins Ohr geraunte Steuernummern.

Frei ab 16

Will Autor/Regisseur Beesley hier vor allem den brutalen Thatcherismus der 1980er Jahre geißeln? Oder den aktuellen neoliberalen Irrglauben an einen Markt, der ja alles regelt? Wohl beides, wobei die Serie nie ins Polit-Predigen verfällt. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, diese sechs halbstündigen, rasant erzählten Episoden anzufüllen mit flott-deftigem Sprachwitz (dem die deutsche Synchronisation nicht ganz gerecht wird), mit manchen derben Ideen (völlig zurecht erst frei ab 16) und bizarren Situationen.

Vincent Swan mag ein Egozentriker sondergleichen sein, aber man begleitet ihn doch gerne bei seinem Auf-, Ab- und Wiederaufstieg. Der britische Schauspieler Ed Westwick („Gossip Girl“) gibt ihm eine enorme, manchmal manische Energie mit: wenn er Kollegen aufs Kreuz legt, seine Frau mit der Lehrerin des Sohns betrügt (auch aus Frust, weil er bei einem Schulausflug zu viel „Andrew Fucking Lloyd Webber“ hören musste), wenn er seinen Chef ruiniert und sich ab und an direkt an die Kamera wendet, um uns zu erkären, dass das jetzt ein besonders mieser Trick war, „sogar für meine Verhältnisse“.

Garniert ist das Ganze mit zahlosen Musikstücken aus den 80ern. Joe Jacksons „Steppin’ Out“ ist ein Leitmotiv, dazu hört man The Jam, The Stranglers, Gary Numan, Duran Duran, Depeche Mode und Kollegen. Je nach Alter des Zuschauers ist das nostalgisches Labsal – und bildet einen schönen Kontrast zwischen wohligem Wiedererkennen der Musik und dem tragikomischen Grusel angesichts des Treibens dieser Narzissten in der Provinz.

Erschienen bei Polyband. Sechs halbstündige Folgen.
Bonus: Drehbericht.

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