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Schlagwort: Putin

Interview mit Steffen Greiner: „Verschwörungstheorien sind wie eine Folie, die man über alles drüberlegen kann.“

Der Journalist und Kulturwissenschaftler Steffen Greiner. Foto: Julia Grüßing

Der Journalist und Kulturwissenschaftler Steffen Greiner. Foto: Julia Grüßing

 

Impf- und Impfpflichtskepsis sind das eine. Das Ablehnen des Impfens, verbunden mit Misstrauen in den Staat und bizarren Verschwörungstheorien, ist das andere. Schon vor 100 Jahren wetterten „Inflationsheilige“ gegen eine Impfpflicht und verbanden das mit Verschwörungs-Ideologie. Mit ihnen beschäftigt sich der Kulturwissenschaftler und Journalist Steffen Greiner aus Saarbrücken. Sein Buch „Die Diktatur der Wahrheit“ spürt den ersten „Querdenkern“ nach.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über historische und aktuelle „Querdenker“ zu schreiben?

GREINER Ich habe mich vor einigen Jahren mit den sogenannten Inflationsheiligen aus den 1920ern auseinander gesetzt. Ausgelöst durch die deutsche Niederlage, die Revolution und bürgerkriegsähnliche Zustände herrschte eine große Unsicherheit in der deutschen Gesellschaft – ein sehr fruchtbarer Boden für abstruse politische Bewegungen, die zwischen Politik und Religion schwebten, die linke Elemente wie rechtsextrem-völkische miteinander verbanden, dazu noch etwas Christentum und Buddhismus. Also eine merkwürdige und damals erfolgreiche Mischung, bei der offenkundig ist, dass sie zu nichts Gutem führen kann, wenn etwa von einem „Königreich Deutschland“ geträumt wird. Die Ähnlichkeiten im Vokabular zu heutigen Reichsbürgern waren offensichtlich – intensiv beschäftigt hab ich mich damit aber erst nach einem Gespräch mit einem Mann im Thüringer Wald.

Was ist da geschehen?

GREINER Bei einem Pressetermin im Sommer 2020 traf ich einen Mann, der ganz viel von Liebe und von Freiheit sprach, das aber verbunden hat mit obskuren Verschwörungstheorien über eine zusammengebrochene Wirtschaft und Staatsführer, die uns eine neue Weltordnung aufzwingen wollen. Diese Theorien schienen für ihn fast eine religiöse Bedeutung zu haben. Das hat mich sehr erinnert an die Sprache, die einem auf alten Flugblättern der 1920er entgegenschreit. Deshalb habe ich mich mit möglichen Traditionslinien zwischen damals und heute beschäftigt.

Wie ist ihr Fazit – kann man direkte Linien ziehen?

GREINER Ganz übertragen kann man es auf heute nicht, natürlich. Aber was sofort auffällt: Die Impfgegnerschaft war schon in den Lebensreformbewegungen ein paar Jahre früher, aus deren Denken die Inflationsheiligen kamen, ein zentraler, fast identitätsprägender Punkt. Argumentiert wurde ähnlich wie heute: Dass der Staat sich per Impfung im Körper breitmachen will, wie eine Art Polizei in Bazillenform. Gusto Gräser, einer der zentralen Gestalten von damals, betrachtete die Impfgegnerschaft als wahrlich deutsche Tugend, weil Deutschsein doch bedeute, seinen Körper zu stärken und nicht durch eine Impfung vermeintlich zu schwächen. Das Impfthema ist die offenkundigste Verbindung zu heute, aber dahinter stecken ja auch generell der Diskurs Natur versus Kultur und eine Skepsis gegenüber der Moderne, die immer eine rechte Tendenz innehat, auch wenn der oder die Protestierende heute vielleicht Dreadlocks trägt.

Verschwörungstheorien kursieren heute vor allem in den sozialen Medien, bevorzugt auf dem Messenger-Dienst Telegram. In den 1920ern gab es das alles noch nicht.

GREINER Das nicht, aber vor 100 Jahren war es erstmals möglich, Zeitungen, Zeitschriften und Flugblätter vergleichsweise billig herzustellen. Es war viel leichter, sich publizistisch zu äußern. Und es gab Pressefreiheit in der Weimarer Republik. Die Möglichkeit, die eigene Meinung schnell und billig unters Volk zu bringen, erinnert sehr an die heutige Situation mit den sozialen Medien. Damals wie heute bedeutet diese Medienhäufung aber auch eine Überforderung der Leserinnen und Leser – die können schwer unterscheiden zwischen journalistischer Qualität, Propaganda und „fake news“.

Ihr Buch heißt „Diktatur der Wahrheit“ – was hat es damit auf sich?

GREINER „Diktatur der Wahrheit“ ist das, was in den 1920ern  einer der bekanntesten Inflationsheiligen, Louis Haeusser, errichten wollte. Er war ein Sekthändler aus Schwaben, der als Hochstapler sehr reich wurde, dann beschloss, sein Geld zu verschenken, weil er eine Vision hatte. Er begann um 1920, Realpolitik zu machen, hat die „Christlich-radikale Volkspartei“ gegründet, die aber keine Partei sein wollte, sondern eine Bewegung. Er rief sich als „Volkskaiser“ aus und wünschte sich als solcher eine „Diktatur der Wahrheit“, weil es so viel Lüge gebe, dass die Wahrheit nur mit dem Schwert zu ihrem Recht kommen könne. Ich fand das als Buchtitel sehr passend, weil die Frage nach Wahrheit und Lüge als Diskurs bei den Querdenkern heute ja genauso stattfindet:  Es ist diese diffuse Vermutung, dass niemand die Wahrheit sagt, dass hinter allem irgendeine Machenschaft steckt und dass man im Zweifelsfall die Freiheit mit dem Schwert gegen dunkle Mächte verteidigen muss.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Querdenker nicht für Nazis halten, für rechtsextrem aber schon. Können Sie das genauer erklären?

GREINER Die Verengung der rechtsextremen Geschichte auf den Nationalsozialismus hat in der deutschen Nachkriegsgesellschaft dazu geführt, dass es selbst für die extreme Rechte leicht wurde, sich davon zu distanzieren. Viele der Figuren in meinem Buch sind in den 1930ern Gegner der Nationalsozialisten, aber dennoch durchdrungen von völkischem Gedankengut. Die Neue Rechte, die in die Querdenken-Bewegung strömt, beruft sich heute nicht auf Hitler, sondern zu großen Teilen auf die Bewegung um Otto Strasser. Ein Menschenfeind und frühes „nationalrevolutionäres“ NSDAP-Mitglied, der aber schon 1933 als Gegner Hitlers ins Exil ging und sich daher in der BRD als Widerstandskämpfer inszenierte. Dass der kein KZ mitgeplant hat, macht seine Thesen aber eben nicht weniger von Rassismus geprägt. Man muss kein Nazi im Sinne von Fan der NSDAP sein, wie das heute oft verstanden wird, um eine offene, demokratische Gesellschaft abzulehnen, in der verschiedene Gruppen gleichberechtigt ihre Konflikte und Interessen aushandeln.

Ist jeder, der heute bei einer Demo gegen eine Impfpflicht mitgeht, gleich ein Querdenker?

GREINER Impfpflichten waren historisch sehr erfolgreich, sie haben nie zum Faschismus geführt, stattdessen mittelfristig zur Eindämmung, bei den Pocken sogar zum Ende der Krankheit. Trotzdem finde ich richtig, dass die Entscheidungsträger etwa auch den Ethikrat anhören. Es wird offenkundig sich nicht allzu leicht gemacht. Die Komplexität der Frage lässt sich natürlich auf einer Demo nicht abbilden, das muss eine Demo auch nicht liefern. Trotzdem habe ich die Vermutung, dass Menschen, die sich nach reflektierter Abwägung gegen die Impfpflicht positionieren, dann nicht neben Mit-Demonstranten stehen wollen, die Putin bitten, Deutschland von der Corona-Diktatur zu befreien. Der bürgerlich-demokratische Konsens, dass keine Allianzen mit radikalen Rechten gebildet werden, wiegt für mich da deutlich schwerer. So groß sind die plausibel zu argumentierenden Bedenken gegen die Impfung für diesen Bruch dann nämlich doch nicht.

Was unterscheidet den Querdenker von jemanden, der lediglich eine Impfpflicht ablehnt? Beziehungsweise: Was ist Ihre Definition eines Querdenkers?

GREINER Im Grunde, muss ich da auch selbstkritisch sagen, gehen wir alle natürlich auch einem Unternehmer auf den Leim: „Querdenken 711“, der Name der Stuttgarter Keimzelle der Bewegung, wurde schon im Juni 2020 von Initiator Michael Ballweg als Marke eingetragen. Der auch sonst finanziell, etwa durch Schenkungen und Merchandise, von Querdenkern profitiert. Aber tatsächlich würde ich die Unterscheidung zwischen wichtiger Kritik an Corona-Politik, die ja auch durchaus von links geführt werden kann – warum tragen Frauen eine so viel höhere Belastung als Männer, warum sind die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften noch immer so schlecht – und den sogenannten „Querdenkern“ an der Nähe zum verschwörungstheoretischen Denken ausmachen: Gegen eine Impfpflicht zu sein, weil sie einen Eingriff in die verfassungsrechtlich geschützte körperliche Unversehrtheit darstellt, muss schließlich nicht einhergehen mit der Vermutung, sie sei Teil eines weltweiten Genozids.

Am 18. September soll in Idar-Oberstein ein Mann einen Tankstellenkassierer erschossen haben, weil der ihn gebeten hatte, seine Maske anzuziehen. Der Maskenverweigerer soll Kontakte in die Querdenkerszene gehabt haben. Ist das insgesamt eine Radikalisierung der Szene oder ein Einzel- und Extremfall?

GREINER Ich glaube schon, dass da eine Radikalisierung geschieht. Die muss sich nicht unbedingt in Gewalt äußern, sondern darin, dass die Positionen, die mit Realpolitik oder Logik nichts mehr zu tun haben, immer zementierter werden. Ernsthaft zu behaupten, wir lebten dieser Tage in einer Corona-Diktatur, ist ja völlig daneben. Dafür braucht man schon ein sehr verfestigtes Denken in Verschwörungsszenarios. Und natürlich: Je mehr Leute mitlaufen, desto schneller fallen Hemmungen.

Was wird von den Querdenkern eigentlich konkret gefordert? Sie halten gerne das Grundgesetz hoch, aber etwa Pressefreiheit, wie sie im Grundgesetz verankert wird, lehnen sie ab – geht man vom Bepöbeln von Pressevertretern aus oder Flaggen, auf denen das Ende von ARD und ZDF gefordert wird.

GREINER Es geht meist um quasireligiöse Begriffe wie Wahrheit, Liebe, Freiheit. Aber was mit Freiheit genau gemeint ist, bleibt im Dunkeln. Anstatt realpolitisch und konsensdemokratisch zu argumentieren, gibt es eher sakrale und vage  Begrifflichkeiten.

Wie wichtig war für Szene die Regentschaft Donald Trumps? Hat er das Ignorieren von Fakten, die Wissenschaftsfeindlichkeit und das Propagieren von Verschwörungstheorien quasi von hoher Warte vorgelebt?

GREINER Er hat viel ausgelöst. Trump ist innerhalb der QAnon-Bewegung, die behauptet, eine ominöse Weltelite halte Kinder gefangen, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen, eine messianische Gestalt. Die Anhänger der Bewegung, die besonders in Berlin bei den Demos stark vertreten ist, glauben, dass alles was Trump tat, im Sinne eines großen Schlages gegen diese Verschwörung sei. Und manche glauben, dass Putin da jetzt weitermacht. Das ist eine ganz merkwürdige apokalyptisch-sakrale Geschichte.

Bei einer Demo in Deutschland warnte eine Plakatträgerin, „die Ukraine-Angst“ solle nur „die schwindende Corona-Angst“ ablösen: „Lasst Euch nicht verarschen!“ Da fällt einem nicht mehr viel ein.

GREINER Ich glaube, dass viele Menschen auch einfach überfordert sind, weil die Situation so gefährlich und komplex ist. Ich glaube auch, dass bei der Bewegung viele Leute dabei sind, die nicht so richtig wissen wohin. Es sind viele Unzufriedene, Gekränkte. Viele von ihnen sind wohl so massiv verunsichert, dass sie glauben, in einer komischen Bewegung mitlaufen zu müssen – wo Selbstreflexion sicher sinnvoller wäre.

Wie ist Ihre Prognose: Werden die Querdenker-Demos kleiner werden oder gar aufhören, wenn die Corona-Maßnahmen zurückgefahren werden und wir langsam in die vielbeschworene „Normalität“ zurückkehren?

GREINER Ich könnte mir vorstellen, dass die Teilenehmerzahlen sinken, die Leute aber noch mehr abseits von Corona in eine verschwörungstheoretische Staatsfeindlichkeit hineingeraten. Da wird ein harter Kern bleiben, der sich neue Themen sucht und es schaffen wird, die mit ihren Theorien zu verknüpfen – siehe den Krieg in der Ukraine. Ihre Verschwörungstheorien sind wie eine Folie, die man über alles drüberlegen kann.

Steffen Greiner: Die Diktatur der Wahrheit. Eine Zeitreise zu den ersten Querdenkern.
Tropen Verlag, 263 Seiten, 20 Euro.

Raunen, röhren, keuchen: Depardieu singt Barbara

Gérard Depardieu Barbara

 

Ob Gérard Depardieu jemals in Göttingen war? Zumindest besingt er die Stadt nun – über den Umweg von Barbara. Die französische Sängerin (1930-1997) feierte mit ihrem Chanson über die Unistadt, die sie Anfang der 60er Jahre bei einem Gastspiel besucht hatte, ihren zumindest hierzulande größten Erfolg. Nun ist der Klassiker eines von 13 Stücken Barbaras, die Depardieu auf CD gebannt hat. Vor 31 Jahren stand er mit der Kollegin im Musical „Lily Passion“ auf der Bühne; nach Depardieus Aussagen ein unvergessliches Erlebnis, wenn auch kein filmisch aufgezeichnetes – immerhin Fotos gibt es noch von diesem Gipfeltreffen. Der Motor der Hommage „Gérard Depardieu chante Barbara“  war aber nicht der Mime, sondern Pianist und Arrangeur Gérard Daguerre, lange der musikalische Vertraute von Barbara. Er arbeitete an einer überwiegend instrumentalen Hommage, Dépardieu hörte sich einige Aufnahmen an, wollte bei zwei Nummern singen, am Ende waren es 13 – Stück 14 ist ein instrumentaler Ausklang.

Werden sich nun Barbara-Fans und/oder Chanson-Puristen schwer tun mit dem gesanglichen Ausflug des großen Galliers? Wohl nicht. Denn das Album ist keine Hommage, die die Stücke gegen den Strich bürsten oder ganz neue Facetten herauskitzeln will, sondern eher eine traditionelle Huldigung. Zugleich ist es eine Liebeserklärung an die klassische Chansonkunst, die Assoziationen weckt an schwarze Bühnenroben und Rollkragenpullis, an große Gesten und kajalumrandete Sängerinnen-Augen.

Pianist Daguerre, manchmal begleitet von Streichern und Akkordeon, knüpft den Klangteppich, auf dem sich Depardieu genüsslich ausbreitet, dabei aber nicht versucht, sich als technisch versierter Sänger zu zeigen, sondern als gefühlvoller Interpret. Die Grenzen zwischen Gesang und Sprechgesang sind fließend, im Stück „Mémoire, mémoire“ etwa, wenn er bei „folie recluse“ das erste Wort noch melancholisch raunt, beim zweiten schon melodiös abhebt. Ein Ansatz, der sichs durch das gesamte Album zieht und ihm den Charme einer gewissen Unberechenbarkeit verleiht – auch wenn die musikalische Begleitung ganz traditionell ist. Mal beginnt Depardieu deklamierend und röhrt am Ende wie ein gallischer Tom Jones („Le soleil noir“), mal singt er ganz klassisch („La solitude“), mal keucht er: Beim rhythmisch hüpfenden „Une petite cantate“ gerät er außer Atem, dabei dauert das Stück nur zwei Minuten. Das sind wohl die Tücken des Wohllebens.

Nur einen Tiefpunkt gibt es: „L’aigle noir“ – glatt, melodramatisch, kitschig. Ein Höhepunkt ist das unsterbliche „Göttingen“: Diese Ode an die deutsch-französische Freundschaft geht ans Herz. Man glaubt Putin-Freund Depardieu die frohe Botschaft der Völkerverständigung – egal, ob er Göttingen nun kennt oder nicht.

Gérard Depardieu chante Barbara
(Erschienen bei Because/Warner).

 

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