Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Saarländisches Filmbüro

Wie geht es den Filmarchiven der Großregion? Eine Tagung in Saarbrücken

Filmarchive Großregion Tagung Saarbrücken

 

Das Gedächtnis löst sich auf, Erinnerungen verblassen  und kommen nie wieder – begreift man die Filme der Vergangenheit als kollektives Gedächtnis, als kulturelles Erbe von Menschen und Regionen, dann droht uns eine große Amnesie, eine kulturelle Demenz. Denn das filmische Erbe ist bedroht: Selbst unter idealen archivarischen Bedingungen, was Temperatur und Luftfeuchtigkeit angeht, altert und verfällt Filmmaterial. Umso schneller bei der leider üblicheren Unterbringung in nicht-idealen, weil unterfinanzierten Archiven; oder, im Falle privater Filmschätze, in feuchten Kellern und auf staubigen Dachböden, wo Filmdosen vor sich hin rosten oder irgendwann im Müll landen und verloren sind.

Was tun mit dem Filmerbe? Wie archivieren? Und wie finanzieren?  Damit hat sich nun eine Saarbrücker Tagung beschäftigt, organisiert vom Saarländischen Filmbüro, der Uni Saarbrücken und dem Saarländischen Kulturministerium. Im Saarbrücker Schloss stellten Experten aus der Großregion den Stand der Dinge in Sachen Archivierung vor – und dieser Stand könnte je nach Land, Region und Stadt unterschiedlicher kaum sein. Das machte Andrea Wurm von der Uni Saarbrücken gleich in der Eröffnung deutlich: Während etwa Luxemburg in seinem „Centre national de l’audiovisuel“ (CNA) alles zentral sammele und aufbereite, geschehe dies zum Beispiel in Belgien nur verstreut in verschiedenen Institutionen; das mache es schon grundlegend schwer, passende oder interessierte Ansprechpartner zu finden (so war bei der Tagung auch kein Referent aus Belgien anwesend).

Im Saarland gebe es, erklärte Wurm, das gemeinsame Archiv von Saarländischem Rundfunk und Südwestrundfunk, aber kein offizielles saarländisches Archiv, wenn auch einen privaten Verein. Und das Landesarchiv habe so gut wie keine Filme im Bestand. Wurms Fazit: Innerhalb der Großregion fehlen die Verbindungen zwischen Archiven und zentrale Anlaufstellen. „Wer sich informieren will, muss sich durch viele Institutionen wühlen.“ Aber Wurm hofft langfristig auf „ein Filmarchiv der Großregion“, dessen Anfang (neben dieser Tagung) das EU-Projekt „Digitale Steine“ machen soll, das noch bis 2019 läuft – beginnend mit dem Schwerpunkt Industriekultur, die die gesamte Großregion miteinander verbindet.

„Die Lage könnte besser sein“

Wie schwierig schon das Sichten von Bestand sein kann, zeigt sich, wenn etwa die Forbacher Médiathèque 100 Kurzfilme und Dokus vor allem über den Bergbau besitzt, aber kein Abspielgerät mehr für das betagte U-Matic-System. Um die Filme überhaupt einmal zu sichten, müssen die Filme zu Kollegen nach St. Avold gekarrt werden. „Die Lage könnte besser sein“, sagte auch diplomatisch Thomas Grand von der Kulturinstitution Image’Est mit Sitz in Épinal – zwei Jahre habe man gebraucht, um das Geld für einen ordentlichen Filmscanner zusammenzukriegen. „Wenn wir Material digitalisieren wollen, brauche wir Gelder, die wir nicht haben.“

 

Filmarchive Großregion Tagung Saarbrücken

 

Grand sprach auch über die Forschungen von Nadège Mariotti von der Unversité de Lorraine: Seit vier Jahren klappert sie Archive der Region ab und versucht, einen Katalog über Lothringer Bergbaufilme zu erstellen – ein mühseliges Unterfangen.

Wie paradiesisch Archivzustände sein können, dank staatlicher Unterstützung, zeigte der Vortrag von Mélina Napoli vom „Institut national de l’audiovisuel“ (INA): Das öffentlich-rechtliche französische Unternehmen, 1975 gegründet, sammelt und digitalisiert alle französischen Radio- und TV-Produktionen. 1000 Menschen in sechs Städten sind damit beschäftigt. Zwei Millionen Sendestunden sind digitalisiert, die das INA teilweise kommerziell auswertet: TV- und Radioproduzenten können Material für eigene Sendungen kaufen. Aber es gibt auch frei zugängliches und kostenloses Material, 50 000 Stunden und 1,2 Millionen Fotos. Das INA bespielt mit Archiv­häppchen die sozialen Netzwerke (800 000 Facebook-Fans, 45 000 Follower auf Instagram). Der meistgeklickte Clip ist eine Reportage von 1958 über eine Schule, die ihre kleinen Schüler auf Klappbetten und mit leiser Musik in den Mittagsschlaf wiegt. Auf eine Frage aus dem Publikum, wie das INA denn die betreffenden Künster bezahle, wenn es Inhalte bei facebook und Youtube teilt, die dafür nicht zahlten, wurde der Vortrag etwas schwammig. Es gäbe durchaus Verträge, und das mit Facebook sei sehr komplex.

Selbst die Abspielmaschinen sollte man archivieren

Komplex ist auch die Technik, wie Simon Wareshagin vom INA erläuterte: Die Bilder und Videos sind in höchstauflösenden Formaten auf Servern gespeichert, die immer wieder selbst zügig veralten, so dass man regelmäßig mit leistungsstärkeren Modellen nachrüsten müsse. So muss man dann zwangsweise sozusagen auch die Abspielmaschinen archivieren. Wareshagin ernüchtert: „Die Industrie hat gar kein Interesse, etwas zu produzieren, das langfristig alles abspielen kann.“

Der Dokumentarfilmer C. Cay Wesnigk warf einen Blick auf Deutschland und beklagte, dass hier eine generelle Verpflichtung für kommerzielle Produzenten fehle, ein Exemplar ihres Werks einem Archiv zu überlassen, anders als etwa in Frankreich oder Luxemburg. Wesnigk erläuterte die Idee der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), Busse mit Filmscannern auszurüsten, mit denen man übers Land fahren könne, um Filme in verstreuten Archiven oder Privatsammlungen aufzuzeichnen. Doch diese „Digibus“-Idee habe keinen Rückhalt in der Politik gefunden und damit auch keine Finanzierung. „Das Bundesarchiv war vielleicht auch ganz froh“, spekulierte Wesnigk, „das will nicht noch mehr Material“. Auch der Historiker  Dirk Alt kritisierte die zögerliche Haltung der Politik: „Die alte Regierung hat zu wenig getan, die neue Regierung muss viel mehr tun.“

Bei der Tagung, die ein erster Schritt hin zu einem Filmarchiv der Großregion sein soll, hat die Universität des Saarlandes Unterstützung signalisiert; auch das Kulturministerium in Form der Abteilungsleiterin Heike Otto lobte die Idee: „Ein Traum geht in Erfüllung.“ Aber leicht wird diese Erfüllung, das machte die Tagung klar,  keineswegs.

 

www.cna.public.lu

www.ina.fr

www.filmarchiv-saarland.de

 

 

Wie geht es dem saarländischen Filmbüro am 30. Geburtstag?

Saarländisches Filmbüro Großregion Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger (v.l.). Foto: Keßler

Die drei Vorstandsmitglieder Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger (v.l.). Foto: Keßler

 

Das Saarländische Filmbüro wird 30 Jahre alt – ein Blick zurück und nach vorn. Am Montag beginnt eine große Tagung.

Nächtelang waren die Diskussionen damals, und hitzig. Pausenlos habe man sich getroffen und beraten, erzählt Sigrid Jost – damals vor 30 Jahren, als sich aus einem Dutzend Kinobegeisterter das Saarländische Filmbüro gründete. Dies besteht seitdem, auch wenn sich seine Rolle über die Jahre verändert hat. Konstant geblieben sind nur Geldknappheit und Idealismus der Beteiligten, ohne die der gemeinnützige Verein längst Geschichte wäre.

Das Klagelied der kulturellen Selbstausbeutung aber wollen die drei Vorstandsmitglieder Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger nicht singen, lieber erzählen sie von heute und damals: Als das Filmbüro in den 1990er Jahren auch als Geschäftsstelle der Kulturellen Filmförderung im Saarland über Mittel aus dem Kulturministerium entschied. Die  damaligen Förderungen, ob nun von Filmen oder Strukturen, kann man  auf der Internet-Seite des Büros nachlesen, eine oft nostalgische Lektüre: „Umrüstung auf Stereoabtastung einer bestehenden Tonanlage und Abspielförderung“ bei der Kinowerkstatt St. Ingbert im Juli 1994 etwa  (4073 Mark und 56 Pfennig) oder, auch 1994: Stoffentwicklung (6500 Mark) für ein Drehbuch, das neun (!) Jahre später verfilmt und ein bundesweiter Kino-Erfolg wurde –  „Schultze gets the Blues“ von Michael Schorr aus Landau.

„Keine Überzahl von Saarländern“

 

„Das Regionale war uns enorm wichtig“, sagt Jost, „es ging uns um unverbrauchte Bilder,  um die spezifische Saarlandkultur, das Besondere in der Grenzregion.“ Die Mitgliederversammlung wählte ein Gremium aus, das strengen Proporz wahren sollte: zwischen Männern und Frauen, zwischen Film-Produktion und Film-Abspiel. Außerdem, und so etwas hört man nicht oft: „Es sollte keine Überzahl von Saarländern geben, um Vetternwirtschaft zu vermeiden.“ Deshalb wurden auch Fachleute etwa aus Luxemburg berufen. Die Fördersummen der einzelnen Projekte bewegten sich zwischen 400  und 100 000 Mark, doch 1997 war das alles vorbei. Die SPD-Regierung fror die Mittel ein, erzählt Witte, erst ab 1999 gab es mit der neu gegründeten Saarland Medien GmbH wieder eine saarländische Filmförderung.

Vielen ähnlichen selbstverwalteten Filmbüros ging es damals ähnlich, Strukturen veränderten sich, die Politik sah vielerorts die Rolle der Filmförderung vor allem in der wirtschaftlichen Stützung des Standorts. „Unser kultureller Enthusiasmus hat nicht mehr so in  die Zeit gepasst“, erinnnert sich Jost, „man galt als Dinosaurier, wenn man nicht ausschließlich wirtschaftlich argumentiert hat“.

Nur – was tun? Das Filmbüro widmete sich noch stärker der Großregion, durch Kontaktpflege und Verknüpfung an „vielen runden Tischen“, wie Jost sagt. Das SaarLorLux Film- und Videofestival hatte das Büro schon 1990 auf den Weg gebracht, es wurde 2003 von Kino im Fluss/Cinéfleuve (bis 2007) abgelöst; 2009 bis 2013 gastierte die Filmschau Großregion hier und bei den Nachbarn; und Créajeune mit Nachwuchsfilmen der Großregion feiert seinen zehnten Geburtstag.

Nachwuchs dringend gesucht

Viel Arbeit also, darunter regelmäßige Workshops und die Filmwerkstatt-Abende, die im Verein organisiert werden muss – und finanziert. Die Förderung für das Büro ist seit Jahrzehnten gleich (schrumpft real also): Anfangs gab es 50 000 Mark im Jahr, jetzt sind es 26 000 Euro. Die müssen immer wieder jährlich beantragt werden, genau wie die Förderungen für einzelne Projekte, etwa für pädagogische Filmarbeit. „Das alles geht nur mit Herzblut“ sagt Anna Kautenburger.  Fest anstellen könne man niemanden, so setzt man auf Praktika und idealistisches Ehrenamt. „Wir überschreiten manchmal unsere Kraftreserven“, sagt Jost, „aber das Tolle ist ja, dass man nicht im üblichen Sinne zur Arbeit geht, sondern Projekte umsetzt – das wiegt das  Ganze wieder auf.“ Dennoch fehlt dem Verein mit seinen um die 20 Mitgliedern der Nachwuchs, „junge Menschen, die in der Filmszene etwas gestalten wollen“, wie es Kautenburger sieht.

Das Archiv plus Kaffee

Ein Schwerpunkt des Büros in der Nauwieserstraße 19 ist sein Archiv mit knapp 3000 Filmen aus den vergangenen Jahrzehnten aus der Region. Interessierte sind sehr willkommen. „Man kann sich bei uns melden“, sagt Jost, „und sich die Filme hier ansehen – einen Kaffee gibt’s auch.“ Die Filme liegen teilweise noch auf dem ausgemusterten VHS-Videoformat vor, technisch noch antiker etwa geht es bei den Kollegen der Forbacher Médiathèque zu, wie Witte erzählt: Dort schlummern in einem Stahlschrank rund 100 Kurzfilme und Dokus aus den Jahren 1980 bis 1993, vor allem zum Bergbau. Hochinteressantes Filmerbe also, „aber im alten U-matic-Videosystem, das keiner mehr abspielen kann“. Um diese Frage, wie man das Filmerbe retten kann (und auch mit welchem Geld) dreht sich von Montag bis Mittwoch das internationale „Kolloquium Filmkulturelles Erbe“ in Saarbrücken, das das Filmbüro ausrichtet, unterstützt vom saarländischen Kulturministerium. „Wir müssen etwas tun, sonst ist das alles nicht mehr zu sehen“, sagt Witte. Zu tun bleibt also genug, auch über den 30. Geburtstag hinaus.

Informationen, auch zur Tagung:

http://www.filmbuero-saar.de

 

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