Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

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„Naja, ich war halt Anfänger“ – ein Interview mit Dominik Graf

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Regisseur Dominik Graf.                                                          Foto: dpa

1982 kamen Sie mit „Das zweite Gesicht“ nach Saarbrücken zu Ophüls. Wie war Ihr Eindruck vom Festival?

Das war, ähnlich wie Hof damals, ein aufstrebendes junges Festival abseits der Kino-Zentren, das sich aber vorrangig um die nachkommende Generation gekümmert hat. Junge Leute mit einem jungen Kino.

Dem „Zweiten Gesicht“ attestieren Sie in Ihrem Buch „Schläft ein Lied in allen Dingen“ eine „quälende Länge“ – ist das nicht etwas harsch?

Naja, ich war halt Anfänger und hatte nicht sehr viel Praxis. Die Filmhochschüler heute drehen viel mehr Filme, kleine Produktionen schnell nebenher an der Hochschule und kommen so mit mehr Erfahrung in ihren ersten Spielfilm hinein. Ich war komplett überfordert als Regisseur und Autor. Ich hatte den fabelhaften Kameramann Helge Weindler, der später für Doris Dörrie gedreht hat, was mich aber vor Probleme gestellt hat, denn Ich konnte einige Fragen, die er hatte, gar nicht beantworten. Ich habe angefangen mit Studentenfilmen, in denen ich immer nur Großaufnahmen von einem Gesicht gefilmt habe, weil ich mehr als einen Schauspieler im Bild beim Inszenieren gar nicht beurteilen konnte. Mein Glück war, dass man damals längere Zeit die Möglichkeit hatte, Mist zu bauen. Aber ich weiß noch, dass Regisseur und Filmjournalist Eckhart Schmidt mich ein paar Jahre und ein paar Filme weiter warnte: „So, jetzt muss es aber mal klappen.“ In der Zeit der Fernsehserien bei der Bavaria habe ich mir dann immerhin eine gewisse Professionalität und ein schnelles Urteil am Set bilden können.

Sie schreiben im Buch auch, dass Sie sich früh vorgenommen haben, „keine Handschrift haben“ zu wollen. Wie ist das gemeint?

Ja, das war gegen das Autorenkino gerichtet. Vor der Generation, zu der ich gehöre, standen Fassbinder und Wenders im Rampenlicht. Und bei deren Generation hatten wir immer das Gefühl, dass der unbedingte Willen zur eigenen Handschrift den Filmen manchmal ein bisschen schadete. Wir waren eher auf der Suche nach Genrefilmen, nach Erzählkino und einer Normalität, auch in der Schauspielerführung – was mir lange überhaupt nicht gelungen ist. Es gibt diesen schönen Satz von Jean Cocteau, dass man keine künstlerische Handschrift haben wollen darf – aber dass einem das dann auf keinen Fall gelingen sollte. Insofern kann es natürlich absurderweise auch sein, dass gerade in den Defiziten und Fehlern, die „Das zweite Gesicht“ hat, doch eine eigene Handschrift vorgeprägt ist.

Haben Sie früher mit einem gewissen Neid nach Frankreich geschaut, wo man ein Starsystem hat und keine Berührungsängste mit dem Genrefilm, anders als hier?

Allerdings. Gerade beim Genrefilm ist der Unterschied arg. Die Franzosen hatten in den 1990ern ja mal ein paar Jahre Pause beim Polizeifilm, aber seit den 2000ern kommt bis heute wieder ein fantastisches Ding nach dem anderen. Kleine, oft unglaublich rabiat gedrehte Gangster- und Polizeifilme fürs Kino. Uns fehlen auch die Stars, die ein Genrekino dringend braucht. Jemand wie Götz George etwa hat bei „Die Katze“ damals allein schon mal eine Million Zuschauer mobil gemacht.

Verhindert bei uns nicht aber der allgegenwärtige „Tatort“ im Fernsehen, dass auch Krimis fürs Kino produziert werden?

In gewissem Sinn schon. Ich drehe ja auch „ Polizeirufe“ und „Tatorte“, das sind für mich die billigeren,die einfach zu finanzierenden Thriller. Wenn man dieses Genre nochmal ins Kino übertragen will, dann muss man die Filme über ein gewisses ästhetisches Level heben, damit das Publikum weiß, dass hier etwas anderes läuft als das, was jeden Tag im Fernsehen zu sehen ist. Eine hohe Finanzierung von Genrekino ist aber bei uns schwierig, weil es kein Zutrauen gibt, das war schon bei „Die Katze“ so und bei „Die Sieger“ noch mehr. Seither habe ich mich dann nicht mehr wirklich darum bemüht. Es ist schwer zu sagen, wie sich heute ein Kino-Genrefilm unterscheiden müsste von einem Genrefilm im Fernsehen. Die Versuche, die andere Leute seit den 1990er unternommen haben, so spannend sie waren, haben nicht wirklich die Schallmauer der Anti-Genre-Haltung durchbrechen können. Sogar Til Schweiger mit seinem Kino-„Tatort“, seinem Actionfilm „Schutzengel“ und mit seinem so großen Publikumsreservoir hat es nicht wirklich geschafft – wenn auch mehr als alle anderen. Es ist halt so: Nur die Komödie läuft noch in Deutschland. Andererseits gibt mir aber auch das Fernsehen die Chance, auf hohem Niveau zu erzählen, wie zum Beispiel bei „Im Angesicht des Verbrechens“.

Liefe solch eine Reihe heute bei Netflix? Sind die Streamingdienste eine Chance gerade für junge Filmemacher?

Ich kann die Streaming-Plattformen nicht einschätzen. Was ich dort sehe, zeigt mir bei den deutschen Produkten bislang keine Richtung, die mich interessiert. Es wird zwar gerade wie verrückt produziert, nachdem die Deutschen nach nur 20 Jahren internationalem Serienhype gemerkt haben, dass Serien interessant sein könnten. Aber jetzt ist der Hype schon fast wieder vorbei – ich sehe die Serie an sich eher schon auf dem absteigenden Ast.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Filmkritik? Bei „Die Katze“ etwa wurde viel gemäkelt, das sei alles zu amerikanisch. Heute wird das ganz anders gesehen. Wie ernst nehmen Sie Filmkritik?

Das ist personenabhängig. Die Film- und vor allem die Fernsehkritik als Ganzes kann man zur Zeit nicht wirklich ernst nehmen, weil überwiegend filmisch ignorante Leute schreiben. Aber es gab immer und es gibt natürlich in Zeitungen und in sehr speziellen Internet-Blogs Leute, die einen mit ihren Kommentaren Kritiken zum Nachdenken bringen, auch wenn sie einem auf die Finger klopfen. Und wenn sie einen loben, hat es Hand und Fuß. Aber bei vielen Kritikern ist ja sogar das Lob blind, es werden inhaltliche Banalitäten belobigt. Das kann man nicht annehmen.

Sie sind seit 2012 in der Jury des Michael-Althen-Preises, der an den Filmjournalisten Michael Althen erinnert, mit dem Sie unter anderem den Filmessay „München – Geheimnisse einer Stadt“ gedreht haben. Da muss es doch bessere Texte geben?

Letztes Jahr gab es einen tollen Text von Oliver Nöding über Rolf Olsens Krimi „Blutiger Freitag“ von 1972, dem hätte ich so sehr einen Preis gegönnt . Das ist eine schöne Art von Schreiben über Film, temperamentvoll, leidenschaftlich, frech, modern, persönlich, mit viel Wissen über die Filmgeschichte, obwohl Nöding 30 Jahre jünger ist als ich. Das macht Hoffnung.

Sie haben viele Preise gewonnen – ist das nicht auch gefährlich? Zementieren Preise nicht das, was man tut, und hemmen die Experimentierlust?

Nein, man muss sich immer bewusst sein, dass Preise aufgrund der Jurybesetzungen häufig so gut wie nichts bedeuten – die Preis-Kriterien sind heute meistens themen- und nicht wirklich filmorientiert, und da muß man sich eher schämen wenn man was gewinnt.

Sie haben in Ihrer Zeit bei der Bavaria lange mit dem Produzenten Günter Rohrbach gearbeitet, der aus Neunkirchen stammt – wie ist Ihr Blick auf ihn heute?

Er ist eine ganz große Figur. Wir haben uns über die Jahre und ein halbes Dutzend Filme lang ja auch heftig aneinander gerieben, aber ich habe ihm viel zu verdanken, weil er mich aus dem Vorabendserien-Dasein zum Kinofilm gebracht hat. Der Vorschlag, dass ich „Die Katze“ machen sollte, kam von ihm. Er hat schwierige Finanzierungen zusammenbekommen, und wenn die zu knapp waren, hat er sich trotzdem getraut, den Film zu machen. Er wollte Publikumsfilme und hohe Qualität zusammenbringen, wie bei Petersens „Boot“, da war er bahnbrechend, nicht nur bei der Bavaria. Man hatte damals ja die Vorstellung und den Wunsch, dass kommerzielle Filme auch möglichst gut werden sollen. Ich stelle Günter Rohrbach ebenbürtig neben Bernd Eichinger – mindestens.

Ihr Polizeifilm „Die Sieger“ war 1994 für einen deutschen Film sehr teuer, hat dann kein Publikum gefunden, und die Kritiken waren auch schlecht. Wie weh tut das?

Das war ein Niederschlag, aber da müssen die meisten Regisseure im Laufe ihrer Karriere ja durch. Ich wollte in jeder Hinsicht hoch hinaus damit, da kriegt man – nicht immer zu Unrecht- was auf die Ohren. Und vielleicht war es auch überraschend, dass der Film quasi nur zum Schein ein Polizeifilm st, gleichzeitig eher ein Gespensterfilm über die schaurige „Hoch die Tassen“-Bundesrepublik der 1990er. Ich habe „Die Sieger“ immer sehr geliebt wie ein widerborstiges Kind, und ich halte vieles daran für gelungen – aber nicht alles. Auf der Berlinale läuft er jetzt in der „Classics“-Reihe nochmal in einem Director’s Cut, zwölf Minuten länger, mit unter anderem zwei grossen Szenen, die sehr wichtig, aber jetzt erstmals im Film zu sehen sind.

Vielleicht ein gewagter Spagat – aber mich hat die Rezeption an die von John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ erinnert: vernichtende Kritiken, ein Flop – und Carpenter war, anders als Sie, danach nicht mehr ganz derselbe.

Ich wusste nicht, dass die Kritiken damals so schlecht waren. Ich finde den Film fantastisch, das ist einer seiner allerbesten. Aber es ist oft so bei sehr guten, bei großen Regisseuren, dass die Filme, die den größten Erfolg hatten, gar nicht unbedingt ihre besten sondern eher die -für ihre Verhältnisse-mittelmäßigen waren. Und dass die untergegangenen, beschimpften Film auf Dauer die stärksten sind.

Sehen Sie das bei sich auch so?

Nein, das will ich auf mich nicht anwenden, weil ich mich eher in so einem cineastischen Mittelmaß verorte. Ich tue, was ich kann, und lerne immer noch dazu.

Vor 20 Jahren haben Sie mit Heiner Lauterbach den Film „Der Skorpion“ gedreht, für viele einer ihrer besten Arbeiten – werden Sie mal wieder zusammenarbeiten?

Wir hatten das geplant – eine sehr gute Kiez-Serie, die Nikolai Müllerschön geschrieben hat. Das wollten wir machen, aber im Moment ist die Finanzierungslinie etwas abgeschnitten.

Müllerschön hat mit Lauterbach den rauen Krimi „Harms“ gedreht – ist das eine Art Kino, von dem Sie sich wünschen, es gäbe mehr davon?

Natürlich, „Harms“ fand ich absolut herausragend. Ein Film, der plötzlich da war – im Grunde habe ich ihn nur auf DVD wahrgenommen, weil er so schnell aus dem Kino wieder verschwunden war. Furchtbar. Auch da haben sich leider einige Filmkritiker wenig mit Ruhm bekleckert, weil sie nicht gemerkt haben, was für eine Kraft und Melancholie in diesem schönen Film steckt. Es kann aber auch sein, dass das Schauen aufs Kino sich verändert hat. Dass bestimmte Qualitäten, die man in einem Film lesen könnte, sogar eher störend wirken. Das Publikum möchte den denkbar schlichtesten Flow. Niemand will sich mehr Mühe machen im Kino, das Leben ist schon zu schwierig. Und wenn ein Film dann auch noch maue Kritiken bekommt, dann hat er schnell gar keine Chance mehr.

Wie schauen Sie sich eigentlich Filme an? Vor allem im Kino?

Nein. Im Kino interessiert mich momentan wenig wirklich vital. Ich schaue DVD. Einen großen Beamer habe ich nicht, ich muss gestehen, dass ich manche Filme sogar am Laptop schaue. Als Student hatte ich einen winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher, auf dem habe ich Kavallerie-Western von John Ford gesehen – ich bin so nahe rangekrochen, bis das Monumental Valley wieder groß war.

Regisseur Lars Kraume im Gespräch

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Lars Kraume am 11. Juni 2018 in Saarbrücken. Foto: Tobias Keßler

Lars Kraume (45), Regisseur und Autor, hat im Saarbrücker Kino Achteinhalb die Filmtage der Arbeitskammer  mit seiner jüngsten Kinoproduktion „Das schweigende Klassenzimmer“ eröffnet. Im Fernsehen wurde Kraume  mit „Tatort“-Folgen (Buch/Regie) und der Krimi-Reihe „Dengler“ bekannt. Im Kino beschäftigt er sich zuletzt mit der deutschen Geschichte: Vor dem DDR-Drama „Das schweigende Klassenzimmer“ (prämiert mit dem Friedenspreis des Deutschen Films) drehte er „Der Staat gegen Fritz Bauer“ über NS-Seilschaften im Nachkriegsdeutschland.

 

In Saarbrücken haben Sie gerade mit Schülern über Ihren jüngsten Film „Das schweigende Klassenzimmer“ diskutiert. Tun Sie das öfter?

Ja, bei der Art von Filmen, die ich drehe, ist es für den Verleih und die Kinos  wichtig, ein Gespräch anzubieten. Ich bin mit dem „Schweigenden Klassenzimmer“ viel unterwegs, wie zuvor auch mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“.

Wie ist Ihre Erfahrung gerade mit jüngeren Kinozuschauern?

Gut – ab der 6. Klasse funktioniert das „Klassenzimmer“ sehr gut. Manchen Jüngeren muss man erklären, was der Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus ist, aber man kann den Film ja einfach auch als Abenteuer einer Schülergruppe mit besonders bösen Lehrern verstehen. Die Älteren wissen da mehr und können das besser einordnen.

Ist die Jugend so unpolitisch, wie ältere Semester das gerne behaupten?

Das ist sehr pauschal. Heute ist es schwieriger als früher, sich politisch zu engagieren, weil man nicht genau weiß, wo der Feind steht. Jede scheinbare Lösung eines  Problems bringt selbst wieder Probleme mit sich. Man ist etwa gegen Atomenergie, gleichzeitig aber gegen den erhöhten CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke als Alternative. Man ist also gegen beides – aber was bringt das? Die Verquickung der Probleme war früher eine andere. Für die Generation nach dem Krieg war es sicher nicht einfacher. Aber die Situation war klarer, es war leichter, eine Position zu finden. Heute ist das sehr kompliziert. Aber ich glaube, die Jugend bleibt immer gleich – irgendwann kommt der Moment, an dem man ein Bewusstsein dafür bekommt, dass man für Dinge kämpfen muss.

Ihre jüngsten Kinofilme, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Der Staats gegen Fritz Bauer“, sind historische Stoffe. Ihre nächste Arbeit, eine Serie über das Bauhaus mit Anna Maria Mühe und August Diehl, ist auch wieder ein Stück Geschichte. Wie kommt das?

Man weiß ja nie genau, warum man die Filme macht, die man macht. Ich habe bisher sehr unterschiedliche Filme geschrieben und inszeniert, aber gerade gibt es da schon eine gewisse Linie – Stoffe aus den 1950er Jahren über die Neu­orientierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust. Diese Phase ist hoch interessant, es geht um Transformation und Neuausrichtung, um die Frage, wohin die Reise geht. Die Historie des Bauhaus finde ich außerdem enorm interessant, weil mich neben Geschichte auch Kunstgeschichte fasziniert. Aber ich freue mich  auch wahnsinnig drauf, danach wieder etwas Zeitgenössisches zu machen. Da muss man nicht die ganze Zeit etwas ausstatten, anpinseln oder jemanden kostümieren.

Sie arbeiten mit einem festem Team, auch viele Schauspieler wie Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, oder Jörg Schüttauf treten bei Ihnen mehrmals auf.

Das ist eine eingespielte Truppe, ein bisschen wie ein Ensemble beim Theater. Man hat einen enormen Vorsprung an Wissen übereinander, ein enormes Vertrauen – und das sind halt einfach wahnsinnig gute Leute. Das wächst zusammen, steuern kann man es nicht. Bei einem ersten Treffen zum Kaffee sind die allermeisten Kollegen ja sehr nett. Aber wie es ist, mit jemandem zu arbeiten, erfährt man eben erst, wenn man zusammen arbeitet, unter dem enormen Druck eines Drehs.

Ab August drehen Sie Ihre Bauhaus-Serie, die im ZDF laufen wird. War sie leicht zu finanzieren?

Nein, das war wahnsinnig schwer. Mein Produzent Thomas Kufus, der auch „Fritz Bauer“ auf den Weg gebracht hat, besitzt Gott sei Dank einen unerschütterlichen Optimismus und eine große Opferbereitschaft. Die „Bauhaus“-Serie ist eben Kunstgeschichte und nicht Sex & Crime und entsprechend schwer zu verkaufen. Dabei ist das Bauhaus doch ein unfassbar schönes, positives Erbe – ausnahmsweise ein jüngeres historisches Ereignis, auf dass Deutschland ohne jede Einschränkung stolz sein kann. Aber gerade das macht es vielleicht schwierig: Wir drehen die erste Staffel nur in der Zeit der Weimarer Republik, von 1919 bis 1924 – da gibt es noch keine Nazis. Mit denen als Figuren wäre die Finanzierung wohl leichter gewesen.

Ins Kino muss man das Publikum, anders als beim Fernsehen, erst hineinlocken. Wie ist das, wenn einem Film das nicht gelingt?

Schrecklich ist das. Mein aufwändigster Film bisher war „Die kommenden Tage“, eine düstere Zukunftsgeschichte mit August Diehl, Bernadette Heerwagen und Daniel Brühl – der hat an der Kasse seine Erwartungen bei weitem nicht erfüllt. Ich habe einige Zeit gebraucht für die Analyse, was da nicht funktioniert hat, und erst Jahre später wieder mit „Fritz Bauer“ einen Kinofilm gedreht. Da muss man als junger Regisseur erstmal durch. Das Filmemachen ist ja nie wieder so leicht wie an den ersten Drehtagen überhaupt – bei meinem Debüt „Dunckel“ 1998 fühlte ich mich  unverwundbar und glaubte, alles zu wissen. 30 Filme und 20 Jahre später weiß ich immer mehr, wie schwer das Filmemachen eigentlich ist.

Die Schönheit des Schaurigen: Robert Sigls „Laurin“ neu auf Blu-ray

Robert Sigl Laurin Lexx Tatort

Regisseur und Autor Robert Sigl. Foto: Michael Holzinger / Bildstörung

 

Es gibt reibungslose Karrieren – und es gibt die von Robert Sigl. 1988 gewinnt er, da ist er 26, mit seinem schaurig schönen Debüt „Laurin“ den bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsregisseur. Doch dann dauert es ganze sechs Jahre, bis er wieder hinter der Kamera steht (für den Mehrteiler „Stella Stellars“). Sigl hat ein Faible für das Phantastische, das Abgründige, das Morbide – entsprechend schwer hat er es mit TV-Sendern und der Filmförderung.  Der Genrefilm gilt eben als Schmuddelkind.

Über Jahre schreibt er an Drehbüchern, die sich nicht finanzieren lassen, dreht eine Folge der Science-Ficion Serie „Lexx“ (1999), verdingt sich bei „Soko“, bei „Alarm für Cobra 11“ und inszeniert auch zwei „Tatorte“ für den SR – darunter „Rache-Engel“, den Abschied von Kommissar Palu (Jochen Senf). Ein lauter Abgang: Kurz vor der Premiere im November 2005 entrüstet sich die „Bild“ über eine drastische, aber inhaltlich motivierte Szene pseudo-moralisch und erklärt das Ganze zum „Sex-Tatort“. Die ARD, die den Film schon abgenommen hatte,  lässt die Szene gegen den Willen des Regisseurs entschärfen, der sich danach als „persona non grata“ fühlt.

 

Robert Sigl Laurin Lexx Tatort

Dóra Szinetár in „Laurin“. Foto: Salinas Film

Davon erzählt Sigl, mittlerweile 55,  jetzt auf einer neuen, mustergültigen Edition seines Debüts „Laurin“. Eine erste DVD-Ausgabe ist schon lange vergriffen, so hat die ungemein rührige Firma „Bildstörung“ den Film neu abtasten lassen und mit viel Bonus-Material auf Blu-ray veröffentlicht. „Laurin“, dieser mysteriöse, melancholische, sehr atmosphärische Film lohnt die (Wieder)-Entdeckung. Er erzählt von einem Ort am Meer zum  Ende des 19. Jahrhunderts. Dort geht der Tod um, Jungen verschwinden, und das kleine Mädchen Laurin wird von dunklen Visionen heimgesucht. In einem Audiokommentar erklärt Sigl Hintergründe, auch ein Studenten-Kurzfilm von 1983 an der Münchner Filmhochschule ist zu sehen, über eine abgründige Vater-Sohn-Beziehung. Damit eckte Robert Sigl damals an – es war nicht das letzte Mal.

www.bildstoerung.tv

Robert Sigl Laurin Lexx Tatort

Die Extras:

Audiokommentar mit Robert Sigl
Kurzfilm „Der Weihnachtsmann“
Interview mit Robert Sigl (von Eckhart Schmidt)
Drehbericht und Interviews zu „Laurin“
Verleihung des Bayerischen Filmpreises
Geschnittene Szenen
Trailer
Booklet von Marcus Stiglegger

Er meint es ja nur gut – „Nichts passiert“ mit Devid Striesow

Devid Striesow

 

Kein Wunder, dass der Film in der Gesprächstherapie beginnt. „Ein normaler, netter Mann“ sei er, sagt der Familienvater Thomas Engel zu seiner Psychologin. Dabei klimpert er unschuldig mit den blauen Augen von Devid Striesow, der ihn spielt und seiner Galerie vielschichtiger Figuren eine neue hinzufügt.

Konflikte umlächelt Thomas weiträumig; man kann ja, das scheint seine Lebensthese zu sein, über alles reden, alles klären und aus der Welt schaffen. Universell biegsam ist sein Rückgrat, was seine Gattin (Maren Eggert) zunehmend anödet. Einen gemeinsamen Winter-Urlaub tritt das Paar dementsprechend schmallippig an, viel zu sagen hätte man sich (tut es aber nicht); Thomas kümmert sich lieber um seine pubertierende Tochter und die Tochter seines Chefs, die er mit in die Schweiz genommen hat, wo seine Nettigkeit allerdings an ihre Grenzen stößt: Die Tochter des Chefs wird vom Sohn des Ferienhaus-Vermieters vergewaltigt, Thomas kümmert sich um das Mädchen und versucht gar, damit alles geregelt ist, eine Versöhnung zwischen Opfer und Täter anzubahnen: „Und jetzt gebt Euch die Hände.“ Doch seine Strategie des ewigen Glattbügelns scheitert dramatisch.

Der Film „Nichts passiert“ vom Schweizer Micha Lewinsky (Buch/Regie) spielt mit ruhiger Konsequenz und vor trügerisch heimeliger Schneekulisse durch, wie sich die Hauptfigur beim Vertuschen und Glattbügeln in Widersprüche verstrickt, immer neue Lügen auftischen muss, bis sich der aufgestaute Druck entlädt – dies auch im Ehebett, in einer hintersinnigen Szene.

Der Film dreht sich ganz um Striesow, der in nahezu jeder Szene zu sehen ist mit seiner Gabe, Alltags-Jedermänner mit unerwarteten Abgründen zu spielen. So sehr man anfangs Thomas‘ konfliktscheue Lebensstrategie verstehen kann, so brutal wirkt sie, wenn er angesichts einer Vergewaltigung rät, man müsse „das Problem von beiden Seiten sehen“, und das Opfer subtil unter Druck setzt, sich den Gang zur Polizei noch einmal zu überlegen. Da gruselt man sich vor diesem Jedermann, verliert aber nie ganz das Verständnis für ihn, was den Film immer wieder beklemmend macht. Denn seine Ruhe haben zu wollen und dafür einiges zu tun, dessen man sich schämen muss, ist allzu menschlich.

Erschienen auf DVD bei Lighthouse Entertainment.

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