KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: Mai 2018

Kindheitserinnerung auf DVD: „Die Rebellen vom Liang Shan Po“

Schulhofgespräch Nummer 1 war das, montagmorgens 1980: Wie haben der edle Lin Chun und seine Getreuen dem kaiserlichen Schmierlappen Kao Chiu wieder mal ein Schnippchen geschlagen? Und wie geht es weiter mit diesen „Ausgestoßenen im Kampf gegen die Tyrannei“, wie der Erzähler sie nennt?

Reifere Leser werden es ahnen: Es geht um die TV-Serie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“. 1973/74 wurde sie produziert, Ende 1980 lief sie erstmals in der ARD – am familienfreundlichen Sendeplatz Sonntagvorabend. Basierend auf chinesischen Volkssagen erzählt die japanische Serie von Männern (und einer Frau), die sich, nicht zuletzt mit dem Schwert, gegen die Gewaltherrschaft des Kaisers auflehnen, der sein Volk hungernlässt. Um Edelmut und Korruption geht es, um Freiheitskampf und Unterdrückung – erzählt mit viel Aufwand an Kostümen und Pferden, mit einem großen Ensemble und, für eine TV-Serie, viel Action. Die entsetzte jedoch, auch wenn die ARD schon manches entschärft hatte, viele Eltern und Jugendschützer. Nach Protesten wurde die Serie abgesetzt; die noch ungesendeten Folgen liefen dann 1982 und 1983 zu späterer Stunde.

Vor Jahren erschien die Serie als DVD-Edition, in mäßigem Bild und nur mit den Kürzungen der ARD (denen damals nicht nur Action-, sondern auch Dialogszenen zum Opfer gefallen waren). Mehr als verdienstvoll also, dass der Anbieter Turbine nun die ungekürzten Folgen in überarbeiteter Bildqualität auf DVD und Blu-ray herausbringt und die damals gekürzten, nun erstmals kompletten Szenen neu synchronisiert hat – mit den meisten Sprechern von damals. Allen voran Christian Rode, der noch einmal als edler Lin Chun vor das Mikrofon trat. Es war eine seiner letzten Arbeiten, Rode starb im Februar. Das macht seine Begrüßung auf der ersten DVD dieser schönen Box etwas wehmütig.

Erschienen bei Turbine Medien. 26 Folgen, 1200 Minuten.
Extras: Informationen zu Kürzungen und der Restaurierung, Interview mit Filmwissenschaftler Rolf Giesen und China-Experte Wolfram Wickert sowie nicht zuletzt ein sehr gutes Booklet.

Das Buch „Tarantino“

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Quentin Tarantino mit Uma Thurman bei der Arbeit an „Kill Bill“.  Foto:  Alamy – AF Archive

Auf Seite 11 ist die Welt noch in Ordnung zwischen Quentin Tarantino und Harvey Weinstein. Da posieren der Regisseur und der Produzent Schulter an Schulter: Weinstein als Förderer und Nutznießer von Filmemacher Tarantino, der wiederum in dem Studiomogul über Jahrzehnte einen mächtigen Unterstützer gefunden hatte. Heute ist die Lage eine andere: Weinstein ist in einem Skandal um, unter anderem, Vergewaltigungsvorwürfe untergegangen; Tarantino dreht seinen nächsten Film für ein anderes Studio und hat gerade Weinsteins nun bankrotte Firma auf in seinen Augen noch ausstehende Gewinne verklagt.

Weinsteins Sturz ist im jetzt bei uns erscheinenden Buch „Tarantino“ kein Thema, denn es stand in den USA schon im Oktober 2017 in den Läden, als der Skandal erst ruchbar wurde. Tarantino gab danach zu, er habe genug von Weinsteins Taten gewusst, um mehr zu tun, als er getan habe. Die nächste Entschuldigung folgte, als ein Interview mit ihm von 2003 auftauchte, in dem Tarantino  Roman Polanskis Missbrauch einer 13-Jährigen damit kommentierte, das Mädchen habe es ja so gewollt. Auch beinharte Tarantino-Fans müssen eingestehen, dass sein Image als Filmemacher mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und einer Vorliebe für starke Frauenfiguren Risse bekommen hat. Um die kann es nun wegen der Entstehungszeit in Tom Shomes Buch nicht gehen, vielleicht aber in einer zweiten Auflage?

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Foto: Alamy – Everett Collection

Allerdings ist das Buch auch so lesens- und auch schauenswert, denn der schwere Band im Großformat ist opulent bebildert (250 Farbfotos auf 256 Seiten). Filmjournalist Shome zeichnet Tarantinos Karriere und Leben nach, auch die Jugend mit der Mutter (Ex-Schwesternschülerin) und ohne den abwesenden Herumtreiber-Vater. Oder wie Tarantino es ausdrückt: „Meine Mutter Arthouse, mein Vater B-Movie.“ Vom enthusiastischen Videothekshelfer mit enormem Filmwissen wird er zum Regisseur, schockt mit der Härte seines Debüts „Reservoir Dogs“, mischt das US-Kino mit der schwarzhumorigen Erzähllust von „Pulp Fiction“ auf und bleibt bis heute ein eigenwilliger Kopf, an dem sich die Geister fast schon traditionell scheiden.

Das lässt das Buch ebensowenig aus wie Enttäuschungen und Flops. Tarantino selbst sagt hier etwa über seine Stuntman-B-Movie-Hommage „Death Proof“: „Vermutlich mein schlechtester Film. Dafür war er gar nicht so übel.“

Interviewsätze wie diese, hier gerne groß auf blutrotem Hintergrund gedruckt, führen durch das informationssatte Buch, deren Bilder prägnante Szenenmotive zeigen und immer wieder Tarantino bei der Arbeit. Ob er die nach dem nächsten oder übernächsten Film tatsächlich einstellt, wie er schon lange ankündigt, um lahme Alterswerke zu vermeiden? Vorstellen kann man es sich nicht so recht.

Tom Shome: Tarantino – Der Kultregisseur und seine Filme.
Knesebeck, 256 Seiten, 40 Euro.

 

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Zwei Filme von Michael Cimino in mustergültigen Heimkino-Editionen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

 

 

Manche Filme werden von ihrem Nachbeben verschüttet, scheinbar auf ewig. So ist der Western „Heaven’s Gate“ untrennbar mit dem Ruin des Studios United Artists verbunden. Das Budget-Überziehen durch den scheinbar maßlosen Regisseur Michael Cimino machte den Film sehr teuer (40 Millionen Dollar waren 1980 für einen Film viel  Geld), der Misserfolg in den Kinos machte ihn ruinös. Nur: Was bleibt, denkt man an den künstlerischen, nicht den kommerziellen Wert? Ein episch breiter, eigensinniger, wagemutiger Film, der den Mythos des Westerns seziert. Der Regisseur schildert den historischen „Johnson County War“ (1890-1892): Viehbarone gehen brutal gegen europäische Einwanderer vor, die sie mit ihren winzigen Parzellen bei der Expansion stören. Mit Billigung des US-Präsidenten erstellen sie eine Todesliste, die angeheuerte Mörder dann abarbeiten.
Diese blutige und zeitlose KapitalismusGeschichte erzählt Cimino (1939-2016) in aller Ruhe, gleichzeitig mit aller Härte und so viel Detailversessenheit, was Kostüme und Bauten angeht, dass man sich über das Budget nicht wundert. Der Regisseur/Autor stand damals, nach dem Triumph seines Vietnam- und Amerikafilms „Die durch die Hölle gehen“, auf dem Höhepunkt der Macht. Er nutzte sie, um seine Vision des Westens und des Westerns ohne Einmischung auf eine ganz große Leinwand zu malen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges Chrsitopher Walken

Christopher Walken in „Heaven’s Gate“. Foto: Capelight

Lange gab es in den Film als technisch mäßige DVD, nun erscheint er erstmal als Blu-ray in einer Edition, dank derer man sich tief in den Film versenken kann: Man kann Ciminos Ur-Version (220 Minuten) vergleichen mit der um 70 Minuten gekürzten, holprigen Fassung, die er auf Druck des nach ersten Verrissen panischen Studios anfertigte; Interviews führen zurück zu den Dreharbeiten: Cimono erzählt, dass am Anfang des Films seine Recherchen über die Erfindung des Stacheldrahts (!) standen. Jeff Bridges zieht Parallelen zur USA heute („Die Viehbesitzer sind heute die Ölfirmen“) und Kameramann Vilmos Zsigmond erinnert sich an des Regisseurs Wunsch, dass viele Filmbilder wie alte Fotografien aussehen sollten. In der Tat: So schön und gleichzeitig so gnadenlos hat man den Westen mit seinen Weiten und seinen schneebedeckten Bergen im Kino kaum gesehen.

 

Auch Ciminos Debüt mit dem nichtssagenden deutschen Titel „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974) erscheint nun als exzellente Edition (mit Audiokommentar, Interviews, Booklet). An der Plot-Oberfläche erzählt „Thunderbolt and Lightfoot“, wie er im Original heißt, geradlinig von dem Gangster mit Spitznamen „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der von alten Kollegen gejagt wird, weil sie bei ihm die Beute eines gemeinsamen Raubzugs vermuten. Auf der Flucht begegnet ihm der junge Lightfoot (Jeff Bridges), der die Freundschaft des Älteren sucht. Von der erzählt Cimino sehr anrührend und überraschend, vor allem im Kontext der sonstigen Männerfiguren Clint Eastwoods (der den Film auch produziert hat). In dieser Männerfreundschaft schwingt durchaus Homo-Erotik mit, am Ende schlüpft Bridges in ein Kleid, und zwischendurch sieht Eastwood in einer Liebesszene mit einer Frau so gelangweilt aus, dass es schon komisch ist.

Der Film schwelgt in Bildern des  ländlichen Amerikas, er zeigt Motels, Tankstellen, Supermärkte und immer wieder grandiose Landschaften, deren Freiheit endlos zu sein scheint. Doch diese Freiheit gibt es nicht mehr (wenn es sie denn jemals gab). Das Amerika von Regisseur Cimino ist, ob hier oder in „Heaven’s Gate“, ein verwundeter Ort.

Beide Filme sind bei Capelight erschienen. Wer „Heaven’s Gate“ im Kino sehen will – er läuft Samstag und Montag ab 20 Uhr in der Kinowerkstatt St. Ingbert.

 

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

Clint Eastwood und Jeff Bridges in „Die Letzten beißen die Hunde“. Foto: Capelight

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