Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: April 2022

Ein Winter bei Hitlers größtem Blender: Die Doku „Speer goes to Hollywood“

Speer goes to Hollywood

Albert Speer und Adolf Hitler. Foto: Salzgeber

Eben noch sind wir zu Hause bei Albert Speer im gemütlichen Heidelberger Wohnzimmer, der Bernhardiner nimmt einen Keks vom Tisch – und einige Filmbilder später sind wir in einem Konzentrationslager, mit dem „Arbeit macht frei“-Schild, mit gequälten Menschen, mit Tod. „Speer goes to Hollywood“ ist ein Film der herben Kontraste: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, vor allem aber zwischen Dichtung und Wahrheit.

Die Basis der Dokumentation ist eine Idee Hollywoods. Anfang der 1970er will das Paramount-Studio aus dem ersten Erinnerungsband Albert Speers (1905-1981) einen Kinofilm machen. Speer, als Reichsminister für Bewaffnung und Munition Mitglied der NS-Elite, wurde als einer der wenigen Nazi-Größen in Nürnberg nicht zum Tode verurteilt, sondern zu 20 Jahren Gefängnis. Nach seiner Entlassung 1966 wurde er zum Medienstar. Seine Erinnerungsbände verkauften sich millionenfach, er gab sich in internationalen Interviews reumütig, sprach von „Jahren voller Irrtümer“ und schaffte das Unglaubliche: Obwohl einst einer der mächtigsten Nationalsozialisten, verbreitete er das Bild eines Mannes, der verblendet war und irgendwie die Treppe der Macht hinaufgefallen ist – und vom Holocaust wollte er nichts gewusst haben.

Ein Spielfilm wie ein Van Gogh?

Diese Biografie will Hollywood 1972 verfilmen und schickt den jungen Autor Andrew Birkin (später schrieb er das Skript zu „Der Name der Rose“) zu Speer nach Heidelberg. Dort verbringt Birkin den Winter 1971/72, spricht lange mit Speer, es entstehen über 40 Stunden Tonaufnahmen. Diese sind die Basis für „Speer goes to Hollywood“. Regisseurin Vanessa Lapa illustriert die Tonspur mit historischen Bildern und Szenen, vom Berlin der 1930er über Momente der Nürnberger Prozesse bis zu späten TV-Auftritten Speers. Das Ergebnis ist eine packende Dokumentation. Auf eine Ebene verfolgt man die Gespräche zwischen Birkin und Speer, bei denen der Befragte ebenso Charme zeigt wie eine gewisse Überheblichkeit: Der geplante Spielfilm solle, sagt er, weniger einer Fotografie ähneln denn einem Gemälde, einem Van Gogh – mindestens.

Speer goes to Hollywood

Die Regisseurin Vanessa Lapa

Auf einer zweiten Ebene zeichnet die Doku Speers Karriere chronologisch nach. Als Elite-Nazi und dann, bei den Prozessen in Nürnberg, als begnadeter Jongleur mit Halbwahrheiten. Da gibt er einiges zu, ist sogar stolz darauf, dass er zeitweise 14 Millionen Zwangsarbeiter für die Kriegsindustrie benutzen konnte; von deren Leiden und Sterben will er aber wenig bis nichts gewusst haben. Beim Prozess mit der Brutalität unter anderem in den Kruppschen Stahlwerken konfrontiert, sagt Speer, das halte er „für ziemlich übertrieben“. Und er sei doch für „jede Arbeitskraft dankbar gewesen“.

„Er erscheint einfach wie ein Träumer, der gerne Dinge baut. Sei vorsichtig!“

Die Gespräche zwischen Speer und Birkin sind auch ein Kräftemessen – auf der einen Seite ein Mann, der sein meisterlich geschaffenes Bild des geläuterten, oft unwissenden Mitläufers nicht von einem vielleicht zu kritischen Film beschädigt sehen will; auf der anderen Seite ein Autor, der spürbare Zweifel hat an manchen von Speers Aussagen, aber auch einen zugkräftigen Film schreiben soll. Sein Wunsch: Das Publikum solle sich sofort mit Speer identifizieren. Doch inwieweit muss er dann himmelschreiende Passagen Speers außen vor lassen wie etwa über seine Abneigung gegen „neureiche Juden“? Da habe Speer immer „Ekel“ verspürt – aber der sei „nicht antisemitisch“ gewesen. Die Reaktion auf Birkins ersten Drehbuchentwurf ist ein Desaster: Am Telefon wirft ihm Regisseur Carol Reed („Der dritte Mann“), dem Birkin den Entwurf geschickt hat, vor, das alles sei verzerrt und beschönigend. „Er erscheint einfach wie ein Träumer, der gerne Dinge baut. Sei vorsichtig!“.

Aktuelle Kritik seitens Autor Andrew Birkin

„Speer goes to Hollywood“ ist als Blick auf einen Wahrheitsverdreher, Relativierer und Herausreder faszinierend, filmisch aber nicht ganz ohne Macken. Dass die zu hörenden Gespräche nicht die Originale sind, sondern von Schauspielern neu aufgenommen wurden, ist nicht ideal, die Regisseurin verweist aber auf die schlechte technische Qualität der 50 Jahre alten Aufnahmen. Autor Andrew Birkin, heute 76, hat jüngst allerdings  Ungenauigkeiten kritisiert: Die antisemitische „Neureichen“-Passage stamme aus einem anderen Interview Speers, ihm gegenüber habe er das nie gesagt, sonst hätte Birkin darauf reagiert.

 

Speer goes to Hollywood

Albert Speer 1966 nach 20 Jahren Haft. Foto: Salzgeber

Auch sei der Film nach seinem Drehbuch letztlich nicht gedreht worden, nicht weil Paramount das Interesse verloren habe, wie „Speer goes to Hollywood“ nahelegt, sondern weil Speers Verleger Wolf Siedler sich an einer Passage gestört und deshalb die Option auf die Verfilmungsrechte nicht verlängerte habe: Der Film wollte Speer als Augenzeuge bei Heinrich Himmlers berüchtigter „Posener Rede“ im Oktober 1943 zeigen, in der der SS-Reichsführer vom geplanten Massenmord am jüdischen Volk gesprochen hatte. Speer habe laut Birkin stets betont, bei der Rede nicht dabei gewesen zu sein – es ihm überraschenderweise aber überlassen, die Szene dennoch so im Drehbuch zu belassen.

Vom Ende der Unschuld: „The Innocents“ von Eskil Vogt

The Innocents capelight

Ida (Rakel Lenora Flotta) entwickelt ungeahnte Kräfte. Foto: Capelight / Mer Film

Wie kommen wir auf die Welt? Wie ein unbeschriebenes Blatt, moralisch gesehen? Ohne Empathie und Moral, die wir noch erlernen müssen? Oder wie ein Engel – mit reinem Herzen, das im Laufe des Lebens nicht mehr so rein bleibt? Diese Fragen stellt sich der außergewöhnliche norwegische Film „The Innocents“, der vom Schrecken und der Freiheit der Kindheit erzählt.

Die junge Ida zieht mit ihrer Familie um, in einen gepflegten Hochhauswohnblock am Waldrand. Ihre ältere Schwester Anna leidet an Autismus; vor Jahren hat sie sich fast ganz in sich zurückgezogen, die Kommunikation mit der Familie ist minimal. Die Eltern kümmern sich vor allem um sie und vernachlässigen dabei Ida, die dadurch eine gewisse Härte entwickelt hat – manchmal kneift sie Anna mit aller Gewalt, ohne dass die den Schmerz nach außen tragen kann. Einmal steckt sie sogar Glasscherben in die Schuhe der Schwester.

Es ist mutig von Regisseur und Autor Eskil Vogt, dass er uns solch eine Hauptfigur an die Hand gibt – und höchst gekonnt, wie er sie als Mensch auslotet, deren Handlungen anfangs einige Male grausam sind und doch noch im Bereich einer kindlichen Unschuld beziehungsweise Unwissenheit bleiben. Ida lernt den jungen Ben kennen, der auf dem Fußballplatz gehänselt wird und im Wald Ida Außergewöhnliches zeigt: Mit der Kraft seiner Gedanken kann er Gegenstände bewegen. Ben und Ida, die eine ähnliche Begabung bei sich entdeckt, beginnen einige Experimente, wobei der Film in einer Szene mit einer Katze mit ungeheurer, zugleich beiläufiger Brutalität verstört.

Capelight

Ben (Sam Ashraf) überschreitet mit seinen Kräften Grenzen. Foto: Capelight / Mer Film

Ben ist nicht der einzig übernatürlich Begabte in dieser sommerlichen Hochhaussiedlung: Die junge Aisha kann die Gedanken der Bewohner „hören“ und entwickelt eine besondere Beziehung zu der autistischen Anna, deren abgeschottete Innenwelt sie erspüren kann. Die Vier bilden ein übernatürliches Quartett, wobei sich für sie die Frage stellt – wie geht man mit dieser Macht um? Ben ist der Einsamste und Gekränkteste der Gruppe und lebt das am stärksten aus. Seine desinteressierte Mutter (mit Kippe und Dauer-Handy etwas grobschlächtig charakterisiert) lernt seine Macht in der Küche kennen, unter anderem in Form einer gusseisernen Pfanne und eines Topfs mit kochendem Wasser. Später entdeckt Ben die Fähigkeit, Menschen zum Instrument seiner Rache-Fantasien zu machen.

So beklemmend und erschreckend der Film in diesen Szenen auch ist – es ist kein üblicher Horror, der vor allem auf den Schock-Effekt setzt und eindimensional ist. „The Innocents“ blickt in das Innenleben seiner Figuren, in denen es angesichts ihrer Kräfte brodelt. Als Bens Aktionen immer grausiger werden, widersetzen sich die drei anderen Mädchen. Es kommt zu Gewissensentscheidungen und zum großen Konflikt, den man aber nicht simpel „Gut gegen Böse“ nennen kann – es ist vor allem die Abkehr von einer kindlichen Unschuld, die bewusste Entscheidung, notgedrungen Schuld auf sich zu laden. Mord, um weitere Morde zu verhindern.

„The Innocents“ baut seinen Schrecken subtil und langsam auf, Kameramann Sturla Brandt Grovlen setzt den Wohnblock nicht vordergründig als Burg des Horrors in Szene, sondern als sonnenbeschienene Siedlung, in der doch der Grusel lauert. Sei es in den hohen und anonymen Treppenhäusern oder in den endlosen Kellergängen, die die Kamera suggestiv durchschwebt. Der Film konstruiert dabei meisterlich  eine hermetisch geschlossene Welt der Kinder – die Erwachsene sind Randfiguren, verstehen vieles falsch, vieles gar nicht. Wir sind ganz bei diesem Quartett, deren junge Darsteller durchweg fantastisch sind. Die hat Regisseur Vogt anderthalb Jahre lang gesucht und vor den Dreharbeiten lange mit ihnen gearbeitet – da ist kein unglaubwürdiger Moment dabei in diesem Film, der gleichermaßen ans Herz wie an die Nerven geht.

„Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ von Alexandre Koberidze

"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?"

Ani Karseladze als Lisa, die morgens ganz anders aussieht als in der Nacht davor.  Foto: Grandfilm

Es ist wohl Liebe auf den ersten Rempler. Lisa und Giorgi entschuldigen sich höflich fürs Ineinanderlaufen – und spüren, dass hier etwas Grandioses geschieht: Der Blitz der Liebe hat eingeschlagen, wenn auch laut- und donnerlos. Ohne Umschweife verabreden sie sich für den nächsten Tag in einem Café. Doch was sie nicht wissen, im Gegensatz zum Kinopublikum, das ein raunender Erzähler aus dem Off aufklärt: Ein Fluch, ein „böser Blick“, ruht auf diesem jungen Liebespaar: Am nächsten Morgen sehen beide völlig anders aus. Und da sie sich ihre Namen nicht gesagt haben, erkennen sie sich nicht in dem verabredeten Café. Beide sitzen dort alleine, traurig und voller Sorge um den anderen: Denn dem müsse etwas zugestoßen sein, grübeln beide, sonst wäre sie oder er ja jetzt hier. Und der Erzähler aus dem Off merkt an: „So ist das, wenn man liebt – man sorgt sich.“

Das ist die märchenhafte Prämisse des eigenwilligen Films „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ des georgischen Regisseurs Alexandre Koberidze (Buch und Regie). Diesen zauberhaften Film interessiert aber viel mehr als nur die Frage, ob sich die beiden Liebenden noch erkennen und wiederfinden werden. Zugleich ist er ein Porträt der georgischen Stadt Kutaissi, deren schöne und bedingt schöne Ecken man in den zweieinhalb Stunden kennenlernt, und das Leben, das auf den Straßen mal pulsiert, mal eher döst. Zugleich geht es um Fußball, um Fußballkultur, um Musik, um Straßenhunde – und das fließt alles wunderbar zusammen in diesem Film, der gerne immer wieder abbiegt und sich Zeit lässt, wo ein konventionellerer (und kürzerer) Film wohl mehr Tempo vorlegte. Wie souverän Regisseur Koberidze in seinem zweiten Spielfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) da seinen Weg geht, ist bewundernswert.

Das ganz alltägliche Leben trifft hier auf das Sonder- und Märchenbare, ohne dass es zu Brüchen kommt: Als Lisa und Giorgi entdecken, dass sie über Nacht ganz anders aussehen, machen sie nach einem kurzen Schock keine große Sache daraus – das Leben geht eben weiter, es gibt eben einfach Dinge, die unerklärbar sind. Der Film unterfüttert seine lässige Komik mit einer oft ironisierenden Musik, zwischendurch wird der Hinweis eingeblendet, dass das Publikum zur Augenschonung ein paar Sekunden lang die Lider schließen kann. Von enormer Zärtlichkeit ist der Film, wenn er mit großer Hingabe einfach Menschen zeigt: Jungen und Mädchen beim minutenlangen Fußballspielen, ein Mädchen beim Geigenspielen in einer Musikschule, die danach mit schüchternem Stolz in die Kamera schaut. Da wirkt der Film, als wolle er die ganze Welt (oder zumindest die Stadt) zart in den Arm nehmen.

Im Laufe des Films lernen sich Lisa und Giorgi dann doch in dem Café kennen, ohne dass ihnen klar wird, wen sie da vor sich haben. Wird das Schicksal sich nochmal bemerkbar machen? Oder spielt diese Schicksalsrolle vielleicht ein Filmteam, das für eine Doku sechs verliebte Paare sucht (mit dem herrlichen Titel „Straßenhunde werden vom Wind gestreichelt“)? Wer weiß – diesem wundersamen Film ist, im besten Sinne, alles zuzutrauen.

So viele Frauen, so viele Fragen: „Death of a Ladies‘ Man“ von Matt Bissonette

Death of a ladies' Man Gabriel Byrne Brian Gleeson

O’Shea (Gabriel Byrne, rechts) und sein Vater (Brian Gleeson), der eigentlich schon seit Jahren tot ist. Foto: Jonathon Cliff / MFA

 

Man darf eben seinen Geldbeutel nicht zuhause vergessen. Als Samuel O’Shea auf dem Weg zum Flughafen nochmal in seiner Wohnung in Montreal vorbeischaut, ist der gerade praktizierte Ehebruch seiner Gattin im ersten Stock nicht zu überhören. Sein männliches Ego ist schwer getroffen, zumal der Liebhaber seiner Frau so jung ist wie sie, anders als der Poetik-Dozent, der die 60 schon überschritten hat. Die Gewissheit, dass er seine Frau öfter betrogen hat als sie ihn, kann er zwar nicht abstreiten; aber lieber ertränkt er die Schmach in Alkohol, badet in Selbstmitleid und wirft in einer Bar schon ein Auge auf eine andere Frau. Dass sein Sohn ihm erstmals mitteilt, dass er homosexuell ist, interessiert ihn da nur am Rande.

„Death of a Ladies‘ Man“, eine berührende und immer wieder witzige Tragikomödie, begleitet diesen Mann im letzten Abschnitt seines Lebens. Als O’Shea im Eishockeystadion seinem Sohn beim Profi-Spiel zuschaut – eine wunderbare Szene –, erklingt statt der kanadischen Nationalhymne ein Lied von Leonard Cohen; und die Spieler drehen tänzerische Pirouetten. Halluziniert er wegen seines konstant hohen Alkoholspiegels? Nein, sagt ihm seine Ärztin, mit der er sich sofort verabreden will. Der Dozent leidet an einem inoperablen Gehirntumor – was auch die überraschenden Besuche von dessen Vater erklären könnte, der doch schon seit Jahrzehnten tot.

Death of a Ladies' Man

O’Shea (Gabriel Byrne) lässt den gut abgehangenen Charme spielen. Foto: Jonathon Cliff / MFA

Realität und Halluzinationen fließen in dem Film des Kanadiers Matt Bissonette immer wieder ineinander, thematisch begleitet von der Musik des Landsmanns Leonard Cohen – manchmal als textlicher Kommentar im Hintergrund, mal szenisch wie in einem Musical. Höchstens ein Jahr zu leben bleiben dem Dozenten noch. Und so zieht er sich – nach der Erscheinung feuerspeiender Enten und dem Rat eines Engels am Montrealer Nachthimmel – in seine alte Heimat Irland zurück, wo er eine äußerst fotogene Hütte mit Meerblick besitzt. Dort will er über Leben und Tod nachdenken, dabei einen großen Roman schreiben. Und wie es das Schicksal scheinbar will, lernt er im Lebensmittelladen des Ortes eine attraktive Frau kennen: wieder mal halb so alt wie er, attraktiv, ledig – und Leonard Cohens Buch „Beautiful Losers“ liest sie auch noch. Ist das zu schön, um wahr zu sein? Abwarten.

Männerfantasie

Um Rückschau geht es in diesem Film, um verpasste Chancen, um das, was man zurücklässt – und nicht zuletzt um Männlichkeitsbilder. Ist O’Shea nun ein charmanter „Schwerenöter“, wie er sich selbst im Film nennt (in der Originalfassung „Operator“)? Oder doch eher ein Mann, den sein Penis durchs Leben führt, ein serieller Fremdgeher ohne Rücksicht auf emotionale Verluste? Das hält der Film in der Schwebe. Er bedient durchaus eine Männerfantasie des „Charmeurs“, dem niemand allzu lange böse sein kann, des auch künstlerisch potenten Bonvivants vor allem in der Irland-Passage; zugleich karikiert er diesen Mann, der als Vater meist versagt hat, als Ehemann auch, und jetzt nach so etwas wie einer letzten Läuterung sucht. Die gönnt man ihm gerne – auch wenn der Film in seinem letzten Drittel dann etwas viel hineinpackt und den souveränen Fluss der ersten Stunde zu verlieren droht.

Balz in der Tweed-Jacke

Schauspieler Gabriel Byrne ist das Zentrum des Films, er ist in fast jeder Szene zu sehen – und eine Freude. Er strahlt den notwendigen Charme aus, um nachvollziehbar zu machen, warum seiner Figur niemand lebenslang böse sein kann – zugleich ist er oft auch ein tragischer Gernegroß, der viel Zeit seines Lebens mit Alkohol vertan hat und mit akademisch getöntem Macho-Gehabe: Balz in der Tweed-Jacke. Die Dialoge O’Sheas mit seinem toten Vater (Brian Gleeson) sind ein Vergnügen und ein Herzstück des Films – mit wehmütigen und auch witzigen Gesprächen über Verluste und den Sinn des Lebens, der eben schwer zu fassen ist. Was den angeht, ist der Wissensvorsprung des jenseitserfahrenen Vaters jedenfalls gering. Da habe Hamlets Vater, der seinem Sohn ja auch erschien, doch viel mehr zu erzählen gehabt, beklagt sich O’Shea. Aber zu wissen, dass man letztlich nichts weiß, ist auch schon viel.

Das Böse im Untergeschoss: „Im Nachtlicht“ von Misha L. Kreuz

Im Nachtlicht Diana Maria Frank

Diana Maria Frank als geplagte Minthe Hellheim. Foto: RealFiction

 

Gruselfilm, phantastischer Film, Horrorfilm. Wie immer man das Genre auch nennen mag – deutsche Produktionen haben es im Kino schwer, sind selten und werden oft unabhängig auf den Weg gebracht, mangels Interesse großer Produktionsfirmen oder Verleihe. „Im Nachtlicht“ ist nun einer dieser seltenen neuen deutschen Horrorfilme. Geschrieben und inszeniert von Kino-Debütant Misha L. Kreuz, erzählt der Film eine düstere Geschichte: Eine junge Frau (Diana Maria Frank), angeschlagen von Depressionen, verliert am selben Tag Aushilfsjob und Aushilfswohnung. Rettung in der Not ergibt sich bei einem Gespräch in der Arbeitsagentur. In ihrer Heimatstadt Hellheim, die genau so heißt wie die junge Frau, soll sie, dank ihrer Kenntnisse der Schreinerei und der Architektur, eine historische Mühle restaurieren.

Minthe Hellheim bricht in die alte Heimat auf, mit der sie einige Traumata verbindet, und richtet sich in dem Gebäude ein, das im Wald liegt, aber nicht menschenleer ist. Eine Frau mit dem sinnig sprechenden Namen Goost wuselt um die Mühle herum und geht immer wieder in den dortigen Keller, in dem sich etwas Schreckliches verbirgt: Nicht jeder Besucher kommt aus dem Gemäuer zurück. Zugleich gibt es im Ort einen Mord per Armbrust. Was geht vor in dem Ort, dessen Name Hellheim mehr oder weniger subtil auch eine Spur in Richtung Hölle legt?

Potenzial wird vergeben

Eine altes Gemäuer, mysteriöse Vorgänge, ein Panoptikum der bizarren Charaktere und etwas Monströses im Keller – „Im Nachtlicht“ hat Material genug für gediegenen Grusel. Doch der Film vergibt einiges Potenzial, da er bisweilen handwerklich unbeholfen ist: Etwa wenn die Biografie der Hauptfigur (unbekannte Eltern, Heimaufenthalte, Depressionen) in einer Szene beim Arbeitsamt wenig elegant transportiert wird. Auch die Besetzung der Nebenrollen ist nicht immer gelungen, da wirkt manches laienhaft – wobei die Profis, darunter Diana Maria Frank als geplagte Minthe und David Rott (Ophüls-Nachwuchspreisträger 2003 für „Ganz und gar“) als öliger Bankdirektor, sehenswert sind.

Gelungen ist die Atmosphäre, vor allem im Ort Hellheim selbst – hier steht die Luft in der Provinz, und das Böse dominiert. Dieses Böse ist durchweg männlich, in Form eines finsteren Anwalts, des öligen Bankers, eines homophoben Polizisten und eines Mannes, dessen erste Szene aus dem Würgen einer Frau und dem Satz „Du Scheißhure, ich bring Dich um“ besteht. Einzige Lichtgestalt abseits dieser düsteren Männerwelt ist ein sensibler Polizist mit eigenen Problemen, der aus dem Film allerdings mit einer recht abenteuerlichen Drehbuchkonstruktion herauskatapultiert wird. Subtil will „Im Nachtlicht“ da wohl nicht sein, eher satirisch zugespitzt. Doch die Übergänge zwischen Horror-Ernst und etwas Genre-Satire sind oft abrupt, es holpert in der Dramaturgie. Ob einem das nun die Freude an einem ambitionierten, unabhängig produzierten deutschen Grusel-Versuch vergällt oder nicht, wird Geschmackssache sein.

REALFICTIONFILME – Im Nachtlicht

Nordsee ist Mordsee: „The North Sea“ von John Andreas Andersen

The North Sea Koch Films

Im Katastrophenmodus auf der Bohrinsel, von links: Stian (Henrik Bjelland), Sofia (Kristine Kujath Thorp) und Arthur (Rolf Kristian Larsen). Fotos: Koch Films

 

Ach ja, die guten alten Klischees des Katastrophenfilms: Namenlose Statisten, die von Erdspalten verschluckt, von Lava oder kollabierenden Hochhäusern begraben werden. Nebenfiguren, die sich nicht selten heroisch opfern für die Hauptfiguren; die wiederum kommen immer wieder um Haaresbreite mit dem Leben davon und finden nebenbei noch die Zeit, Beziehungs- oder Familienprobleme zu lösen. Und sollte ein fluffiger Hund mitspielen, keine Sorge, wird der alles überleben.

Nun ist es nicht so, dass der norwegische Film „The North Sea“ solche beliebten Klischees gegen den Strich bürstet – im Großen und Ganzen köchelt er gemäß bewährter Genre-Rezepte. Aber alles wirkt hier ein wenig bodenständiger, weniger irreal als etwa vergleichbare US-Filme, die ihre Zerstörungs-Orgien mitunter ins Absurde steigern, wenn Helden jeden Wahrscheinlichkeiten und physikalischen Gesetzen trotzen, um ihre Lieben zu retten.

Seine Hauptfiguren stellt Regisseur John Andreas Andersen sehr ökonomisch vor, denn ihm bleiben nur zehn Filmminuten bis zum ersten Rumms: Die Kollegen Sofia und Arthur sind Spezialisten, die mit ihrem kleinen unbemannten Unterseeboot die Unterwasseranlagen von Bohrinseln kontrollieren. Als sie von einem Öl-Konzern angefragt werden und sofort eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben müssen, ahnen sie Schlimmes. Eine Bohrinsel ist innerhalb von zwei Minuten gesunken, nun sollen sie mit ihrem Apparat Menschen suchen, die in der Anlage auf dem Meeresgrund möglicherweise in Luftblasen überlebt haben.

 

Da gelingen dem Film atmosphärische, gespenstische Szenen, wenn das Kameraauge seine Kreise durch die gefluteten Räume zieht und ihm Ertrunkene entgegen schweben wie Geister. Die Rettung eines Überlebenden misslingt wegen einer Gasexplosion, aber es kommt noch schlimmer. Die massiven Bohrungen durch hunderte von künstlichen Inseln haben den Meeresboden der Nordsee instabil werden lassen, es droht eine weitere Katastrophe. Regierung und Krisenstab handeln schnell, alle Bohrinseln werden evakuiert, bevor viele von ihnen in einem sich auftuenden gigantischen Wasserstrudel versinken – auch ein Tanker, dem seine Aufschrift „Safety First“ nichts mehr nutzt.

Nur eine Person wird noch auf einer Bohrinsel vermisst: Stian, der Freund der U-Bootspezialistin – ein konstruierter Drehbuchkniff, den der Film dem Zuschauer dennoch ziemlich glaubhaft nahebringt. Sofia macht sich mit dem Kollegen Artur unerlaubt auf zur Bohrinsel, um den Liebsten zu retten, während das Meer um sie herum zu einem dunklen Ölteppich wird.

Sicher – dieser Rettungsversuch folgt gut geölter Spannungsmechanik: Das Trio rettet sich von einer schlimmen Situation in die nächste, die dann noch ein wenig schlimmer ist. Und warum der internationale Titel des Films nicht „The North Sea“ ist, sondern „The Burning Sea“, erfährt man auch noch – unter anderem durch apokalyptische Bilder. Doch das Trio übersteht die einzelnen Situationen nicht durch heroische Genialität, sondern schlicht durch Kompetenz und Professionalismus. Die Darsteller dabei sind exzellent, besonders Kristine Kujath Thorp als Sofia, Herz und Hauptfigur des Films. Es geht hier letztlich mehr um Personen als um computergenerierte Bilder der Verwüstung. Dem Film gelingt es auch, die gigantischen Dimensionen einer Bohrinsel nachvollziehbar zu machen, mit viel Stahl, Technik, labyrinthischen Gängen, unendlich viel Wasser rundum und ständiger Gefahr.

Eine gewisse Ökobotschaft liefert der Film dabei mit, wie gefährlich für die Natur das Ölgeschäft sein kann. Das ist nichts Neues, aber der Film tut auch nicht so, als wäre es das. Der Öl-Konzern und die Regierung sind nicht per se ein böser Kapitalismus-Polit-Komplex, sondern eher eine Truppe, die die verschiedenen Risiken abwägt: für die Menschen, für die Natur, für die Energieversorgung – und vielleicht auch für die nächste Wahl. Dass der Film da differenziert vorgeht und Figuren wie den Krisenmanager des Konzerns durchaus ambivalent anlegt, macht den Film interessant. Schön findet Bohrinseln ja niemand, selbst ihr Personal nicht, aber das Öl können wir ja gut gebrauchen.

 

Erschienen digital, auf DVD und Bluray bei: Koch Films.
Extras: Trailer

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