KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: August 2018

Hohe Gagdichte: „Amazonen auf dem Mond“ auf Blu-ray

Es ist einer der schönsten, weil trockensten Gags in diesem Film: Ein Wissenschaftler mit der Stirn in Sorgenfalten hebt an zu einem Monolog über die nachlassende Konzentrationsfähigkeit der heutigen Jugend. Sie sei eben unfähig, sich länger einzulassen auf einen Gedanken – und mitten im Satz bricht die Szene ab, Themenwechsel. Der Film hat sozusagen umgeschaltet.

So geht es munter weiter in dem Episodenfilm mit dem schönen Titel „Amazonen auf dem Mond“, der jetzt erstmals in einer schönen Edition als Blu-ray erscheint. US-Regisseur John Landis („Blues Brothers“) hatte 1987 ein paar Kollegen zusammengetrommelt, um einen möglichst knalligen Episodenfilm ins Kino zu bringen. Landis war 1977 mit dem ähnlichen Jux „Kentucky Fried Movie“ ein Geniestreich mit höchster Gagdichte gelungen. „Amazonen“ knüpft da nicht ganz an, ein, zwei Episoden schwächeln etwas – aber es gibt enorm viel zu entdecken. Der Film simuliert einen nächtlichen Fernseh­abend, Umschalten und Bildstörungen inklusive, dessen Fundament die Ausstrahlung eines alten (fiktiven) Science-Fiction-Films ist: eben „Amazonen auf dem Mond“, in dem wackere US-Astronauten den Erdtrabanten komplett weiblich bevölkert vorfinden, dort das Matriarchat stürzen und einige Amazonen mit nach Hause nehmen, auf dass sie kompetente US-Hausfrauen werden. Filmisch grandios gemacht ist das, mit viel Gespür für den Zeitgeist des 1950er-Jahre-Kinos, für flache Dialoge und sympathisch hingestümperte Spezialeffekte. von anno dazumal.

Immer wieder unterbrochen wird der Fortgang des Films im Film etwa von einer Werbung für Toupets (in Form von an den Kopf getackerten Teppichresten) und von einer Petition des (realen) Blues-Musikers B.B. King: Er ruft auf zur Unterstützung der Kampagne „Blacks without Soul“ und zeigt als mahnendes Beispiel einen schwarzen Schnulzensänger mit Glitzerhemd und süßlichem Dauergrinsen. Zwischendurch wird ein Mann Opfer seiner Wohnung (Müllschlucker und Videorekorder können eben tödlich sein), und ein pseudowissenschaftliches „Infotainment“-Programm beweist, dass die Identität von Jack the Ripper tatsächlich das Monster von Loch Ness ist. Medial galoppierender Wahnsinn.

Die vielleicht beste Episode verbindet surrealen Witz mit großer Liebe zur Filmhistorie. Als Hommage an die schwarzweißen Gruselfilme der 1930er Jahre erzählt „Son of the Invisble Man“ von einem Wissenschaftler, der glaubt, sich unsichtbar gemacht zu haben – leider zu Unrecht, mit blamablen Folgen. Es ist ein Vergnügen, wie kongenial diese Szenen die Stimmung und Filmsprache der alten Gruselproduktionen rekonstruieren. Überhaupt spürt man, dass Landis und seine Kollegen (vor allem Joe Dante) Liebhaber der Filmgeschichte sind – es wimmelt von Hommagen und Verweisen. Nicht alles, was sie gedreht haben, wurde damals verwendet; im Bonusmaterial der Blu-ray findet man diese Szenen aber: darunter eine, in der ein Theater neues Publikum finden will, indem es seine Darsteller an Drähten durch die Szenerie sausen lässt – während sie Tschechow deklamieren.

Erschienen auf Blu-ray im Steelbook bei Turbine Medien.

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„Selbstportrait“ von Anton Corbijn, eine kleiner feiner Band.

Mick Jagger Anton Corbijn Rolling Stones U2 Depeche Mode

Ja, das ist Mick Jagger. Anton Corbijn hat ihn 1996 in Glasgow aufgenommen.            Foto: Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

 

Guten Tee kochen kann er jedenfalls nicht. Unter anderem das erfährt man über Anton Corbijn in dem kleinen Band „Selbstportrait“, in dem der Holländer auf sein Innenleben blickt und auf seine Arbeit; die kennen wohl auch jene, die mit seinem Namen nichts anfangen können. Als Fotograf hat Corbijn unzählige Künstler aufgenommen (meist in kontrastreichem Schwarzweiß): Frank Sinatra, Nirvana, Björk, James Last, Luciano Pavarotti, David Bowie, Clint Eastwood, Gerhard Richter und viele, wirklich viele mehr. Für Depeche Mode, U2 und Herbert Grönemeyer wurde er in Sachen Optik eine Art künstlerischer Leiter, der vorübergehend den gesamten  Auftritt konzipiert hat – Fotos, CD-Hüllen, Bühnendesign. Videoclips drehte er für so unterschiedliche Künstler wie Nick Cave oder die Rainbirds, Johnny Cash und Metallica, Roxette und Coldplay. Und fürs Kino inszenierte er unter anderem das Joy-Division-Bandporträt „Control“, die eigenwillige Killerballade „The American“ mit George Clooney und den Agentenfilm „Most wanted man“ mit Philip Seymour Hoffman. Das arbeitssatte Künstlerleben eines fliegenden Holländers.

Mittlerweile ist Corbijn 63 Jahre alt und lebt nach knapp drei Dekaden in London (mit Herbert Grönemeyer als Nachbar, wodurch ihre Zusammenarbeit begann) nun in Den Haag. Dort hat ihn die Journalistin Marie Noel-Rio zu seinem Leben befragt. Das Ergebnis ist dieser kleine, feine Band, eine Verbindung aus knappem Text (39 Seiten) und 24 Fotografien, auf die sich Corbijn im Text zum Teil bezieht – darunter Robert DeNiro, Nina Hagen, Marianne Faithfull und er selbst. Noel-Rio ließ den Künstler erzählen, man trank Corbijns mauen Tee – „so wie ihn Jungs zubereiten: mit nicht ganz heißem Wasser und mit Teebeuteln“, wie die Journalistin protokolliert. Das Erzählte hat sie zusammengefasst und „lediglich ein bisschen Ordnung hineingebracht“.

Corbijn erzählt da etwa vom Gefühl einer gewissen Heimatlosigkeit, das ihn stets treu begleitet. Die Hälfte seines Lebens hat er im Ausland verbracht, vor allem in England, viel auf Reisen – meist plagte ihn da eine Sehnsucht nach der alten Heimat, die „Vorstellung, dass die Dinge einfach sind in Holland“; eine stille, etwas diffuse Sehnsucht, die sich nun in Den Haag nicht erfüllt hat. Ein bisschen schwierig ist es halt überall. In England, seinem Sehnsuchtsort, als er fürchtete, nie aus den Niederlanden herauszukommen, schätzt er vor allem die Haltung der Briten, auf die Dinge und Unbilden des Lebens mit Humor und einer gewissen Distanz zu reagieren. In England ziele etwa die Frage, wie es einem gehe, nicht auf eine wirklich ehrliche Antwort ab. Das habe seine Vorzüge, findet Corbijn, der emotional lieber für sich bleibt. In den Niederlanden ist „alles so aufrichtig, so rechtschaffen und wirklich selbstzentriert“.

 

David Bowie Anton Corbijn Rolling Stones U2 Grönemeyer

David Bowie, fotografiert 1980 in New York.            Foto: Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

 

Die Fotografie, die Corbijn Weltruhm einbrachte, war bloß ein Mittel zum Zweck: nämlich dem nahezukommen, was ihn von früh auf wirklich interessierte: Musik und Musiker. Fotografie also als eine „List, ins Gelobte Land zu kommen“. Aber an Kunsthochschulen kam er nicht unter, es reichte immerhin zu einer Technischen Hochschule mit Fotokurs. Von seiner Arbeit leben konnte er in den Niederlanden allerdings erstmal nicht, denn „die Leute mochten meine Fotos nicht wirklich“. Mit 25 brach er auf nach England, ohne Job oder Geld – aber schon an seinem zwölften Tag in London nahm er seine damalige Lieblingsband auf, die 28 Jahre später auch Thema seines ersten Kinofilm wurde: die Düsterrock-Band Joy Division. Auf dem Schwarzweißbild von 1979, auch im Buch zu sehen, aufgenommen in einer U-Bahn, drehen drei Musiker der Kamera den Rücken zu; nur Sänger Ian Curtis  blickt gerade noch über seine Schulter in Richtung Linse. Das Gegenteil von Glamour oder kerniger Rock-Optik und heute ein legendäres Foto, das eine Band und ihre Zeit treffend widerspiegelt. „Niemand mochte dieses Foto“, sagt Corbijn, „bis sich Ian Curtis einige Zeit später das Leben nahm, da wollten es alle Magazine veröffentlichen.“

Fünf Jahre lang war Corbijn Cheffotograf des „New Musical Express“, damals das stil- und meinungsbildende Pop-Zentralorgan. Eine wichtige Stelle mit ärmlichem Gehalt in einer teuren Stadt, aber, so sagt es Corbijn, „ich bin Protestant genug, um nicht unterzugehen“ – ein Satz, bei dem man gerne sein Gesicht gesehen hätte, um zu wissen, wie ernst oder unernst er das meint. Den ihn selbst überraschenden Weg zum Kino („Ich habe nie einen Plan verfolgt“) ebnete ihm die Arbeit als Regisseur von Videoclips, deren größte Schwierigkeit für den introvertierten Corbijn darin lag und liegt, nicht alleine vor sich hinarbeiten zu können. Das größte Ziel: Seine Kinobilder sollen nicht so aussehen wie seine Fotografien. Die größten Inspirationen: Der französische Komik-Feingeist Jacques Tati und der russische Regisseur Andrej Tarkowski („Solaris“, „Stalker“).

Für Musik und Musiker interessiert sich Corbijn heute deutlich weniger, bei ihnen herrschten nur noch großes Geschäft und Social-Media-Hysterie, sagt er im Buch. Ein klassischer Fall vom Älteren, der die Popkultur der Jüngeren nicht mehr versteht? Sei’s drum – er fotografiert heute lieber Maler, „bei ihnen treffe ich auf die meisten Geheimnisse“. In Zukunft will er es sich wieder stärker dem Kino widmen – diese Art, „diese visuelle Sprache zu denken“, will er besser verstehen lernen. Und Schwarzweiß soll es wieder werden, wie in seinem Debüt „Control“.

Altersmilde oder ein Blick zurück in Nostalgie sind Corbijns Sache nicht – auch als Mittsechziger sieht er sich noch als Suchenden und schließt den Band charmant so: „Ich habe keine Vorstellung davon, an welchem Punkt meines Lebens ich mich befinde. Ich bin da. Das ist alles.“

Anton Corbijn: Selbstportrait. Im Gespräch mit Marie-Noel Rio. Schirmer Mosel, 96 Seiten, 24 Abbildungen, 22 Euro.

Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

Foto: Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

Die Stasi, dein Freund und Helfer: das Fernsehspiel „Filmemacher“ auf DVD

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

 

 

Lange Gesichter (von den langen Koteletten ganz zu schweigen) bei der „Bild“-Zeitung im Jahre 1971. Da will man gezielt gegen die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland anschreiben, aber es fehlen die Argumente. Schließlich, das legt uns der Film nahe, will ja niemand von Ost nach West fliehen. Und internationale Besucher, denen die kapitalistische Westpresse einbläut, bei der DDR habe man es mit einem Staat des Schreckens zu tun, finden den vor Ort einfach nicht. Und selbst das Ost-Bier sei so gut wie das des Westens. Was also tun? Im Axel-Springer-Hochhaus und seinem eigens eingerichteten „Public Relations“-Büro findet man eine Lösung: Wenn schon kein Ossi fliehen will, dann muss man eine Republikflucht eben inszenieren.

„Filmemacher“ heißt diese Produktion des DDR-Fernsehens aus dem Jahr 1971, die jetzt auf DVD erscheint und eine hoch interessante Ausgrabung ist – kann man hier doch genau beobachten, wie ein Staat sich inszeniert, was er nicht einmal verschleiert: „Mitarbeit: Pressestelle des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ vermerkt der Abspann dieses Films, in dem der Westen eine Mischung ist aus Hinterhältigkeit und Dekadenz. In einer Filmhochschule des Westens beginnt es, wo ein bizarres Schwarzweißwerk begutachtet wird (ein Mann ohrfeigt eine Frau und sagt „Ich liebe Dich“). Die vornehmlich männliche und schnauzbärtige Studentenschaft fabuliert vom „heterogenen Partizipieren“ und „der neuen Dimension“ – so sind sie halt, die Verpeilt-Verkopften. Zwei Männer belauschen das und urteilen: „liberale Scheißer“. Sie sind nur hier, um sich den aufgedonnerten Künstler-Duktus für ihren nächsten Geheimauftrag anzutrainieren: Im Auftrag der „Bild“ sollen sie im Osten zwei Frauen finden, die sie zur Flucht aus der DDR überreden können – sie geben sich als Filmemacher aus, die sie im goldenen Westen ganz groß rausbringen wollen.

„Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“

Doch der vorgeblich antikapitalistische Anmachspruch „Wir suchen ein sauberes, neues Gesicht – nicht angekränkelt von der Konsumgesellschaft“ zündet erstmal nicht: Denn die Pseudo-Filmer aus dem Westen sprechen in einem Ost-Lokal ausgerechnet zwei Frauen an, die sich beim Film bestens auskennen – sie sind Schnittmeisterinnen und stammen aus dem künstlerisch eher konservativen Lager: „Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“ Das West-Duo landet mit „der Filmemachertour“ dann aber doch – bei zwei jungen Frauen, die gesellschaftlich noch nicht ganz gefestigt sind und aus ihrer Erziehungseinrichtung getürmt sind. Die Wessis wollen sie nach Hamburg locken und fädeln eine raffinierte Flucht ein. Aber längst weiß das  Ministerium für Staatssicherheit Bescheid,  da der Bruder eines der Frauen und der freundliche Volkspolizist aus der Nachbarschaft genau hinschauen. Ein Stasi-Major, Typus väterlich-korrekter Mathematiklehrer, schaltet sich ein, rettet die Lage, rückt den Fast-Flüchtigen den Kopf zurecht („Ich hoffe , Sie haben etwas gelernt“) und bietet galant zwei West-Frauen, die Teil des Plans waren, noch ein Abendessen vor dem Eskort in deren Heimat an. Die Stasi, Dein Freund und Helfer.

Man mag die Bedächtigkeit des Films belächeln, seine trampelige Polit-Didaktik und angestaubte 70er-Jahre-Sätze wie „Sag mal, Du bist ja wohl völlig verschmort!“ – aber durch alles zieht sich ein Grusel angesichts der Schamlosigkeit, wie sich die Stasi hier als kollektiver guter Onkel in Szene setzt. Im Finale tritt der böse Westen noch einmal nach. Die „Berliner Zeitung“ titelt „Neuer Terror“, obwohl doch gar nichts passiert ist. So ist sie eben, die Lügenpresse des Westens.

Erschienen bei Studio Hamburg.  

 

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

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