Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Allgemein (Seite 1 von 18)

Die Doku „Kurzzeitschwester“ von Philipp Lippert

Kurzzeitschwester NDR

Vanessa und Philipp bei einem Urlaub am Meer.        Foto: Philipp Lippert / Drive beta GmbH

In seiner bewegenden, manchmal erschütternden Doku „Kurzzeitschwester“ spürt der saarländische Filmemacher Philipp Lippert dem Trauma seiner Familie nach.

Und plötzlich, wie über Nacht, ist die kleine Schwester nicht mehr da. Und dem Bruder, gerade mal sechs Jahre alt, wird nichts erklärt. Kein Wohin, kein Warum. Es bleibt ein kollektives Familientrauma, dem der kleine Junge von einst nun nachspürt, 18 Jahre, nachdem er seine Schwester Vanessa zum letzten Mal gesehen hat. „Kurzzeitschwester“ heißt die Dokumentation des saarländischen Filmemachers Philipp Lippert, die er am Samstag an zwei Terminen im Saarbrücker Kino Achteinhalb vorstellt und diskutiert. Lipperts Film ist ein berührender, manchmal auf ganz ruhige Weise tief erschütternder Film über Familienstrukturen, über enttäuschte Erwartungen, lebenslange Kränkungen, Selbstvorwürfe – und generell darüber, dass manches Geschehen zu komplex ist, als dass man rasch urteilen könnte. Einfache Antworten kann es hier nicht geben.

Regisseur Lippert, 24, setzt mit seinem Film an der grundlegenden Frage an: Warum haben seine Eltern die Schwester, die ein Pflegekind war, wieder abgegeben? Die Eltern in Köllerbach und die Eltern seiner Mutter befragt er vor der Kamera. Diese intensiven, entwaffnend offenen Gespräche versuchen, das Geschehen zu rekonstruieren und zu erklären. Da ist Lipperts Mutter, die nach dessen Geburt drei Fehlgeburten erleidet; in einer schmerzhaften Szene des Films zeigt sie eine Seite in einem Erinnerungsalbum, auf der neben drei Ultraschallbildern eines Kindes dessen Todesanzeige eingeklebt ist.

Kurzzeitschwester NDR

Regisseur Philipp Lippert und seine Mutter. Foto: Philipp Lippert / Drive beta GmbH

Das Ehepaar entscheidet sich, ein Pflegekind aufzunehmen: Vanessa, einige Monate jünger als Philipp. Der schließt sie ins Herz, doch kollektive Harmonie stellt sich nicht ein. Die Mutter scheint zu streng zu Vanessa, das zumindest finden die Großeltern. Zugleich fühlt sich die Mutter bei der Erziehung alleine gelassen, weil der Vater, wie er im Film zugibt, „nie der Übervater“ sein wollte – und, das darf man mutmaßen, er das Gefühl hatte, bei der Erziehung mit seiner Meinung gegen die seiner Frau, die ausgebildete Erzieherin ist, nicht anzukommen. „Ich weiß ja, wie alles geht“, sagt die Mutter im Film mit einer gewissen bitteren Ironie, „das ist das Problem“.

Des Vaters Rückzug hat noch einen anderen Hintergrund – er blieb einst als 15-Jähriger in seinem Elternhaus wohnen, um noch die Schule abzuschließen, während seine Eltern 100 Kilometer weit weg zogen. Sein Aufwachsen beschreibt er so: „Ich wurde ernährt und meine Hausaufgaben wurden kontrolliert – das war‘s dann“. Das präge einen, sagt er.

Es ist die große Stärke von „Kurzzeitschwester“, dass der Film mit sensiblen und offenen Gesprächen, Erinnerungsfotos und alten Familienvideos die Verästelungen persönlicher Erfahrungen aufzeigt, die Entscheidungen bedingen (und nachvollziehbar machen) – hier hat jeder sein Päckchen zu tragen und Gründe für sein Handeln. Ein grundlegendes Thema ist auch die Kommunikation in der Familie oder der Mangel davon – das Schwierige, das Misslungene wird nicht ausgesprochen. Ein kurzer Dialog steht beispielhaft für so vieles: „Warum wird in dieser Familie mehr geschwiegen als geredet?“, fragt der Sohn seinen Vater. Der antwortet: „Gute Frage.“ Und dann schweigt er.

Umso verblüffender ist, wie offen sich die Eltern dann doch im Film äußern, auch über das, was sie in ihrer Verzweiflung getan haben: Als sich der Druck in der Familie ins Unerträgliche steigert, richtet sich der Blick auf Vanessa – wäre vieles leichter, wenn sie nicht mehr da wäre? Das glauben die Eltern – oder reden sich es ein, wie sie heute sagen. Der Vater packt Vanessas Sachen, bringt sie nach Bayern in ein Kinderheim zu ihrer Schwester. Zuhause ist Vanessa nun kein Thema mehr. Aber die Probleme in der Familie schwelen weiter.

„Kurzzeitschwester“, ein von den Saarland Medien gefördertes Projekt, ist in drei Teile à 25 Minuten gegliedert – der letzte Teil steht im Zeichen des Wiedersehens: Lippert macht Vanessas Adresse in Bayern ausfindig, nimmt vorsichtigen Kontakt auf; es kommt zu einem ersten Treffen – und zu einem Besuch im Saarland, mit dem „Kurzzeitschwester“ schließt. Die Floskel „Ende gut, alles gut“ ginge an der Wirklichkeit vorbei, zu viele Wunden wurden da geschlagen. Und doch hat der Film das bewirkt, was Lippert eben auch im Sinn hatte – das große Schweigen, das die Mutter einmal treffend „Familienkultur“ nennt, zu brechen. Dass „Kurzzeitschwester“ dennoch keine Nabelschau oder künstlerisch verbrämte Familientherapie ist, sondern ein sehr berührender, allgemeingültiger Film über fragile Familienstrukturen, macht ihn besonders sehenswert.

Der Film, eine Produktion des NDR, ist in der ARD-Mediathek zu sehen. 

Die Mutter, die Tochter und der Mars: „Proxima“ von Alice Winoucour

Eva Green Proxima

Sarah (Eva Green) und ihre Tochter (Zélie Boulant-Lemesle). Foto: Koch Films

„Du musst Dich abnabeln“, sagt einer der Astronautenkollegen zu Sarah – es ist wohl der Schlüsselsatz im Film „Promixa: Die Astronautin“, der nur vordergründig von einem Weltraumflug erzählt, vom Aufbruch ins Weltall in Richtung Mars. Sehr erdverbunden geht es hier um Liebe und Elternschaft, Abschied und Erwachsenwerden. Die französische Astronautin Sarah (Eva Green) soll ins All fliegen und absolviert dafür bei der Esa in Köln ein aufreibendes Vorbereitungsprogramm. Während ihr Körper vermessen, verkabelt, durchleuchtet und trainiert wird, spürt sie schon den Schmerz des Abschieds von ihrer siebenjährigen Tochter (Zélie Boulant-Lemesle), die sie als von Sternen Faszinierte wohl nicht zufällig Stella genannt hat. Stella soll nach dem Abflug ins All für ein Jahr bei ihrem von Sarah getrennten Vater Thomas (Lars Eidinger) leben.

Eine Ahnung von der Trennung bekommt Sarah schon vor dem Abflug, als sie nach Moskau und dann nach Baikonur reisen muss, wo die Vorbereitungen weiterlaufen und wo sie schließlich starten soll. Die Telefonate mit der Tochter werden schwieriger, Stella hat in der neuen Schule ihre eigenen Probleme – und vor allem versteht sie (noch) nicht, warum ihre Mutter sie für ein Jahr verlassen wird.

Die Reibung von Familie und Beruf: Es ist ein altes, stets aktuelles Thema, von dem Alice Winoucour (Regie und Ko-Drehbuch) erzählt – und auch von der Situation einer Frau in einem männlich dominierten Beruf. Das erste Treffen mit dem amerikanischen Missions-Kollegen (Matt Dillon) fällt ernüchternd aus – mehr als ein Scherz darüber, dass sie auf dem Mars dann ja kochen könne und außerdem eine, oh là là, Französin sei, fällt ihm nicht ein. Und in der Beziehung zu ihrem Ex-Mann, der als Astrophysiker forscht, aber eben nicht zu den Sternen reist, schwelt eine gewisse Rivalität: „Ich bin Deiner Mutter immer um einen Planeten voraus“, sagt er zu der gemeinsamen Tochter – und damit habe Sarah so ihre Schwierigkeiten.

Proxima Lars Eidinger Koch Films

Vater Thomas (Lars Eidinger). Foto: Koch Films

Im Zentrum von „Proxima“ steht aber die innige Beziehung von Mutter und Tochter, die sich durch die Arbeit der Mutter zwar nicht entfremdet, aber eben doch verändert. Davon  erzählt der Film in berührenden, aber unsentimentalen Szenen – überhaupt ist der Film dramaturgisch behutsam. Die Musik von Ryuichi Sakamoto ist sparsam eingesetzt und zurückhaltend; der Blick auf das Metier der Astronauten ist nahezu dokumentarisch – kein Technik-Glamour herrscht hier, sondern professionelle Nüchternheit. Winocour drehte an Originalschauplätzen: Die Szenen bei der Esa in Köln wirken nahezu wie in einem Sportlerheim, Star City bei Moskau und Baikonur, der Ort des Raketenstarts, verströmen eine fast nostalgische Atmosphäre. Diese Geschichte lebt nicht zuletzt von ihren exzellenten Darstellerinnen: Die stets ausdrucksstarke Eva Green und die junge Zélie Boulant-Lemesle haben wunderbare Szenen, ohne in gefühligen Kitsch abzugleiten.

Über eine Drehbuch-Idee am Ende (die hier nicht verraten wird) kann man herzlich diskutieren oder auch streiten: Da tut Sarah etwas, das man als Ausdruck tiefer Mutterliebe sehen kann – oder auch als einen Fall von überraschender Unprofessionalität und Fahrlässigkeit. Bedient der Film da selbst die meist männliche Klischeevorstellung von der allzu emotionalen Frau in der Berufswelt? Wie auch immer: Dieser Film bleibt noch lange bei einem, auch wenn die Rakete schon lange im Nachthimmel über Baikonur verschwunden ist.

Und danach duschen: „Ex Drummer“ erstmals auf Blu-ray

Nach manchen Filmen muss man erstmal verschnaufen – nach „Ex Drummer“ will man aber auch noch duschen. So viel Dreck und Verzweiflung hat selten ein Film derart konsequent aufgetürmt. Dem berühmt-berüchtigten belgischen Film gelingt es heute ebenso wie bei seiner Premiere 2007, zu verstören. Jetzt ist Koen Mortiers Spielfilm erstmals auf Bluray erschienen, in einer mustergültigen Edition von Camera Obscura.

Schmutz und Müll, Angst, Aggression, Alkoholismus, aber auch schwarzer Humor und ein ziemlich böser Sarkasmus: Mortier erzählt, nach der Romanvorlage des in Belgien sehr populären Autors Herman Brusselmans eine wilde Geschichte. Drei Möchtegern-Punkmusiker aus dem drögen Hinterland von Ostende, jeder gezeichnet mit einem körperlichen Handicap, wollen einen hippen Schriftsteller als viertes Bandmitglied rekrutieren, um von dessen Popularität zu profitieren; der willigt ein, wittert er in dem Trio dieser Abgehängten mit Wutbürger-Potenzial doch wunderbaren Romanstoff. Und ein bisschen Armuts-Voyeurismus ist auch dabei, ist doch der alles durchdringende Wohnküchenmief nach alten Bierdosen, vollen Aschenbechern und sehr lange ungewechselter Unterwäsche für ihn zumindest eine kurze Abwechslung zu seinem sterilen Hochhaus-Elfenbeinturm.

 

Ex Drummer Camera Osbscura

Der schnöselige Schriftsteller und Elends-Voyeurist Dries (Dries Vanhegen).       Foto: Camera Obscura

 

Arroganzgestählt und gewandet mit einer Lederjacke als Punkrock-Accessoire, beginnt der Schriftsteller, das Trio – einen lispelnden Sänger, einen Bassisten mit steifem Arm und einen schwerhörigen Gitarristen – zu beobachten und zu manipulieren. Dass dies nicht gut endet, darf man vermuten.

 Dabei lässt der Film kaum eine Obszönität oder Körperflüssigkeit, kaum ein Tabu aus – ob „Ex Drummer“ da einen ähnlichen Elends-Voyeurismus pflegt wie die Figur des Schriftstellers? Ausschließen kann man das, egal wie man es sieht, nicht bei diesem Film, der durchaus an die Nieren geht, dabei aber auch immer wieder von rabiatem Humor ist – eine Punkband des finalen Konzertwettbewerbs benennt sich nach dem niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch („Die Entdeckung des Himmels“) und schmückt sich mit einem Sänger, der möglicherweise das größte Glied der Filmgeschichte zeigt (Mark Wahlberg in „Boogie Nights“ kann da sozusagen einpacken).

Die Edition des rührigen Labels Camera Obscura ist wie gewohnt eine Freude: Das Bild ist exzellent, und als Bonus gibt es einiges: im Booklet einen Essay von Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger über die Rolle von Punk im Kino, über den Film und am Rande über dessen Produktionsgeschichte: acht Jahre mühte sich Regisseur Mortier um die Finanzierung – das erfährt man auch in Videostatements von ihm und in einem launigen Drehbericht von damals. Dazu gibt es zwei Musikvideos, einen Auftritt einer Punkband, die es nicht in den fertigen Film geschafft hat und zwei Kurzfilme von Mortier, der in einem neuen Interview erzählt, wie verhasst der Film in Flandern war und was sein Leitspruch bei Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten war: „Wie würde Scorsese dieses Problem lösen?“

Erschienen bei
Camera Obscura.

 

„Jesus shows you the way to the highway“ von Miguel Llansó

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó

Die Agenten mit Stalin- und Redford-Maske unterwegs.    Foto: Rapid Eye Movies

Hat man diesen Film hinter sich, muss man erst einmal seine Hirnwindungen sortieren – sie könnten verquirlt sein nach diesen 79 Minuten voller bizarrer Ideen, grotesken Humors, Satire und Jux. Die Handlung von „Jesus shows you the way to the highway“ (jetzt fürs Heimkino erschienen) nachzuerzählen, kann dann auch nur eine vage Annäherung sein: Nach einer Titelsequenz in der Ästhetik von piepsigen PC-Spielen der 1980er Jahre geht es flott hinein in die Handlung, die ein bisschen wie „Matrix“ ohne Budget, aber mit viel Spaß am Surrealen wirkt. Zwei CIA-Agenten müssen in eine virtuelle Welt eintauchen, um dort einen PC-Virus zu bekämpfen: Denn der stört das System, das den Betrieb einer futuristischen Stadt steuert, aufs Empfindlichste.

Das Wandeln der Agenten namens Palmer und Gagano durch diese virtuelle Welt zeigt der Film auf wunderbar bizarre Weise – mit Personen, die sich so ruckartig bewegen, als seien sie durch Einzelbild-Trick animierte Kunststoff-Figuren wie in einem alten „King Kong“- oder Dinosaurier-Film. Zudem tragen die Agenten im virtuellen Raum Papiermasken, die eine mit dem Antlitz von US-Komiker Richard Pryor, die andere mit dem von Robert Redford.

 

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó Rapid Eye Movies

Agent Gagano (Daniel Tadesse Gagano) in der Dusche mit seiner Gattin.    Foto: Rapid Eye Movies

 

Nach Feierabend, zurück in der realen Welt will Agent Gagano – gespielt vom kleinwüchsigen Darsteller Daniel Tadasse Gagano – allerdings seinen Dienst quittieren und mit seiner Frau eine Kickboxschule eröffnen. Dazu kommt es nicht, denn es droht noch mehr Ungemach. Ein PC-Virus namens „Sowjetunion“ (mit dem Antlitz von Stalin, dessen Helfershelfer allerdings mit Bundesadler-Armbinde geschmückt sind) bedroht das Betriebssystem der CIA. Gagano muss noch einmal ran – und findet aus der virtuellen Welt nicht mehr heraus. Derweil strahlt „Sowjetunion“ in die Welt hinaus, zettelt Verschwörungen an, und auch eine Art afrikanischer Batman namens „Batfro“ kommt ins Spiel – nicht zu vergessen einige Kampfsportkünstler. Über Insekten in Menschengestalt, aus denen dann die menschlichen Darsteller herausschlüpfen, wundert man sich schon schon nicht mehr.

Es ist eine Wundertüte, die der spanische Regisseur/Autor Miguel Llansó hier auskippt. Dabei ist diese spanisch-estländisch-äthiopisch-lettisch-rumänische Koproduktion kein wahllos bunter Trash, sondern kunstvoll zusammengesetzt – als wolle der Spanier der allgegenwärtigen Blockbuster-Glätte ein rauhes Gegenbild unter die Nase halten (oder reiben). Drehorte in einer Fabrik sollen das Innere eines U-Bootes simulieren, das fast schon antike Computer-Mobiliar erschafft eine mal wohlige, mal ärmliche Retro-Atmosphäre, unterfüttert mit Low-Budget-Flair. Die Schnitte sind bisweilen bewusst holprig, und sogar in der Originalfassung sind die Dialoge nachsynchronisiert, was dem Ganzen einen weiteren Verfremdungs-Effekt kredenzt; sinnigerweise hat man sich für die deutsche Fassung ebenfalls Ungewöhnliches ausgedacht: Da sprechen die Musiker der Berliner Band „Stero Total“ – Brezel Göring und die im Februar gestorbene Françoise Cactus – gleich alle Rollen. Warum auch nicht?

Erschienen bei
Rapid Eye Movies

„Frauen im Beruf sind unnötig ehrgeizig“. Die Serie „Die Journalistin“ mit Marianne Koch

Die Journalistin Marianne Koch Horst Frank Pidax

Marianne Koch in „Die Journalistin“. Foto: Pidax

 

„Eigene Gedanken? Wenn ich das schon höre – die Leute wollen Popos und Busen sehen.“ So rustikal argumentiert ein wohl ziemlich desillusionierter Journalist  bei einer Redaktions-Konferenz in der Serie „Die Journalistin“. Der 13-Teiler, auf DVD nun von der Riegelsberger Firma Pidax herausgebracht, ist schon 41 Jahre alt – die Diskussion, was Leserin und Leserin wirklich wollen, wird aber heute aber ebenso intensiv geführt wie 1970. Die Titelfigur der Serie glaubt jedenfalls an ein Interesse der Leserschaft jenseits von Sex & Crime – Renate Albrecht (gespielt von Marianne Koch) arbeitet beim fiktiven Hamburger Magazin „Prisma“, ihre Reportagen sind Thema der 13 Episoden, die Georg Tressler („Die Halbstarken“, „Tatort“) inszeniert hat.

Um einen alten Herren geht es etwa, der zu Unrecht, aber ohne es zu wissen, jahrelang zu viel Rente bezogen hat und nun 13 000 Mark zurückzahlen soll – mit einer Rente von 350 Mark im Monat. Eine andere Reportage führt die Schreiberin nach Amsterdam, wo ein Popsänger im Blümchenhemd und mit maskulinen Kräusel-Koteletten in tiefer Sinnkrise versinkt; selbst im Urlaub hat die Journalistin keine Freizeit, kommt sie unter südlicher Sonne doch zwei Trickbetrügern auf die Spur. Weniger glamourös ist es in Wanne-Eickel, wo die Schreiberin – in einer der originellsten Folgen – den Auswirkungen eines Lottogewinns nachspürt: Angesichts von 240 000 Mark und des damit verbundenen Neids bröckeln Familienbeziehungen und Freundschaften. In einer Nebenrolle als gitarrespielenden Ruhrpottler mit buschigem Haarschopf kann man einen sehr jungen Marius Müller-Westernhagen sehen.

 

Die Journalistin Pidax Siegfried Rauch Nürburgring

Mit Siegfried Rauch auf dem Nürburgring. Foto: Pidax

Nicht jede Episode, musikalisch umschmeichelt von einem wohligen Titelthema von Martin Böttcher („Winnetou“), spannt einen großen Spannungsbogen – reizvoll aber sind selbst die gemächlicheren Folgen, weil die Serie viel nostalgische Atmosphäre versprüht: Keine tut dies mehr als „Der erste Sonntag im August“, die beim Rennen auf dem Nürburgring spielt. Dort will die Journalistin etwas über einen schneidigen Nachwuchsrennfahrer schreiben; einen straffen Plot besitzt diese Folge nicht, dafür aber eine nahezu dokumentarische Anmutung: Es scheint, das Filmteam hat sich mit den Darstellern (darunter Siegfried Rauch, der kurz darauf auch im Steve-McQueen-Film „Le Mans“ als Rennfahrer auftrat) einfach in den Rennställen niedergelassen und dort die Kamera laufen lassen. Das Ergebnis ist ein interessantes Zeitdokument.

Den roten Faden durch die Episoden knüpft das Verhältnis der Journalistin zu einem Star-Fotografen, der ihr mehr oder weniger aufgezwungen wird. Den spielt der raubeinige Horst Frank als harten Hund mit weicher Seite, der netter ist, als seine Großspurigkeit vermuten lässt. Erst knirscht es laut zwischen den beiden, sind sie im Blick auf die Emanzipation doch nicht ganz auf Augenhöhe. „Frauen im Beruf sind unnötig ehrgeizig“, stellt der Fotograf fest und ist mit seiner Sicht nicht allein. Der Chefredakteur etwa stellt seine Sekretärin so vor: „Gisela, meine rechte Hand. Hochempfindlich, aber zuverlässig wie eine Dampfwalze.“ Charmant. Und der Verläger rät dem Fotografen: „Sagen Sie bloß nicht, Sie arbeiten nicht mit Frauen – sie ist als Journalistin nämlich so gut, wie sie hübsch ist.“ Beides wird dem Fotografen im Laufe der Serie immer klarer, und auch die Journalistin blickt irgendwann hinter die glatte Macho-Fassade. Wie die Annäherung ausgeht, kann man sich ausmalen, ohne zu viel Fantasie zu bemühen. Doch vor dem Glück steht noch ein finaler Streit um Rebellion und Bürgerlichkeit – die Journalistin will vom Fotografen mit Bohemien-Gestus nicht spießig genannt werden, „nur weil ich nicht Mao schreie und Hasch rauche“. Verständlich.

Erschienen bei Pidax.
13 dreiviertelstündige Folgen auf 4 DVDs.
www.pidax-film.de

 

„Bajocero“ von Lluís Quílez bei Netflix

Netflix Bajocero Unter Null

Eine Szene aus „Bajocero“. Foto: Netflix

Manchmal ist es ja ganz einfach: Wenn in einem Ensemblefilm Figuren nacheinander sterben, kann man die Reihenfolge der Todesfälle ahnen: meist entlang der Besetzungsliste, von unten nach oben. Je populärer und daher weiter oben auf dieser Liste, desto länger ist das Leben auf der Leinwand (oder dem Bildschirm). Das kann die filmische Spannung durchaus mindern, es sei denn, der Film traut sich, zu überraschen – siehe Alfred Hitchcock, der 1960 in „Psycho“ den (damals) größten Star seines Films, Janet Leigh, nach 20 Filmminuten aus dem Film verabschiedete, per Duschmord und zur gewollten Desorientierung des Publikums.

Solche Überraschungen sind allerdings selten. So ist es manchmal von Vorteil, wenn man als Zuschauerin/Zuschauer das Ensemble nicht gut kennt –wenn ein Film nicht aus Hollywood kommt, sondern etwa aus Spanien und eher mit national denn international bekannten Mimen besetzt ist. Zum Beispiel die Netflix-Eigenproduktion „Bajocero – Unter Null“, ein düsterer Krimi, der über weite Strecken als enorm dichtes, sehr spannendes Ensemble-Stück funktioniert. Polizist Martin (Javier Gutiérrez) hat nicht den angenehmsten Job – er muss einen Gefangenen-Transport durch die Nacht fahren, von einem Knast zum anderen. Das Spektrum seiner Begleiter reicht vom Betrüger im Großvater-Alter zum hundertfachen Zuhälter, der im Gefängnis einen Wärter fast getötet hat. Viel Gewaltbereitschaft also im gepanzerten Gefährt, doch eine Gefahr kommt auch von außen: Der Begleitwagen des Polizeibusses verschwindet im Nebel, und als der Bus wegen eines platten Reifens (durch eine Hinderniskette) anhalten muss, meldet sich per Sprechfunk ein Mann und fordert, dass einer der Häftlinge freigelassen wird. Doch der weigert sich auszusteigen, denn er kennt den Mann und fürchtet ihn. Der Unbekannte beginnt, das gepanzerte Fahrzeug anzugreifen, unter anderem mit Benzin – und im Innern muss Martin die Männer beschützen, von denen einige aber schon einen Fluchtplan im Kopf haben und bereit sind, buchstäblich über Leichen zu gehen.

Schnörkellose B-Film-Effektivität

„Bajocero“ ist das überzeugende Langfilmdebüt des spanischen Regisseurs Lluís Quílez (er schrieb auch das Drehbuch, zusammen mit Fernando Navarro): Der Beginn mit einem grausigen Mord im nächtlichen Dauerregen grundiert die finstere Atmosphäre und gibt einen Hinweis auf das Motiv des Bus-Angriffs. Danach werden die Figuren im Gefängnis knapp, aber prägnant vorgestellt, mit ein paar Dialogen und Gesten. Das Ganze hat eine schnörkellose B-Film-Effektivät im guten Sinne und erinnert unter anderem an John Carpenters Belagerungs-Thriller „Assault – Anschlag bei Nacht“ aus den 1970ern. Im attackierten Bus, einem Ort der enormer Platzangst, gelingen dem Film enorm packende Szenen, wenn die Panik steigt, Allianzen entstehen, die wieder bröckeln und es Überraschungen gibt. So viel sei verraten: Um den scheinbar als wichtige Figur eingeführten Schwerstkriminellen geht es gar nicht. Allerdings lässt der Film, um mit einigen Wendungen die Spannung hoch zu halten, seine Figuren nicht immer im Sinne der Logik handeln. (Und hätten die Polizisten Handys, wäre ihnen manches erspart geblieben.)

Das Finale schwächelt etwas

Das letzte Filmdrittel führt ans Tageslicht, in eine Schneelandschaft, auf einen See mit zu dünnem Eis – und in ein Finale, das dem kompakten Mittelteil nicht ganz das (Eis-)Wasser reichen kann. Da klärt sich alles auf, auch der finstere Beginn – doch das zuvor ökonomische Erzählen weicht einem sehr melodramatischen, wenn es um Schuld und Sühne geht, um Rache und Selbstjustiz. Das lässt das Finale weniger geglückt wirken als das, was zuvor kam – aber „Bojacero“ bleibt eine kleine Perle und eine Entdeckung im Streaming-Dickicht.

Aktuell bei Netflix

 

Netflix Bajocero Unter Null

Das Plakat zu „Bajocero“. Foto: Netflix

„Marie-Octobre“ mit Lino Ventura

Lino Ventura Marie-Octobre Pidax DVD

Drei Charakterköpfe des klassischen französischen Kinos: Bernard Blier (links), Lino Ventura und, wenn auch etwas abgeschnitten, Paul Meurisse. Foto: Pidax

 

Ein Film, der fast ausschließlich in einem Raum spielt, mit nur einer Handvoll Personen? Da müssen Geschichte, Regie und Ensemble schon erstklassig sein, damit einem nicht die filmischen Füße einschlafen. Die Riegelsberger Firma Pidax hat mit „Marie-Octobre“ eine solche Perle ausgegraben, mit einem Ensemble, das Jüngere vielleicht nicht mehr kennen, aber das Anhänger des klassischen französischen Kinos beglücken muss: Lino Ventura, Danielle Darrieux, Bernard Blier, Paul Meurisse, Serge Reggiani, alle in gewohnt guter Form.

Sie spielen in dem Film von 1959 die Mitglieder einer ehemaligen Widerstandsgruppe während der deutschen Besatzung, die von der Gestapo zerschlagen wurde. 15 Jahre hat man sich nicht mehr gesprochen, jetzt trifft man sich wieder auf Einladung von „Marie-Octobre“ – so war der Deckname der einzigen Frau der Gruppe (Darrieux). Doch Résistance-Nostalgie hat sie nicht im Sinn: Sie seien damals an die Gestapo verraten worden, erklärt sie, mit tödlichen Folgen für ihren Geliebten, den Leiter der Gruppe – und jetzt besitze sie Beweise, dass der Verräter ein Mitglied der Gruppe sei. Da ist die Entrüstung erst einmal groß, doch die Information scheint verlässlich. Wer ist der Verräter? Und was soll mit ihm geschehen? Sofortiger Selbstmord nach Aufdeckung und Geständnis – da ist sich die Gruppe einig; zugleich macht sich kollektives Misstrauen breit. Aus Gesprächen werden Verhöre oder auch Diskussionen über Ethik (auch ein Priester ist zugegen), die Nerven werden dünn, zumal manche sich in Widersprüche verwickeln, wenn sie sich an die Zeit vor 15 Jahren erinnern – und einer aus der Gruppe bekennt, dass er Sympathisant des deutschen Faschismus war (bevor der ihn selbst betraf).

 

Regisseur Julien Duvivier, vor allem für zwei launige „Don Camillo“-Filme bekannt, inszeniert schnörkellos; die Kamera bewegt sich gerade genug, um kein statisches-Kammerspiel-Gefühl aufkommen zu lassen, konzentriert sich sonst aber ganz auf die exzellenten Darsteller. Die DVD basiert außerdem auf einer in Frankreich restaurierten Fassung des Schwarzweiß-Films und bietet ein famoses Bild.

DVD erschienen bei Pidax.

„Luzie, der Schrecken der Straße“ auf DVD und Bluray

Luzie, der Schrecken der Straße

Luzie (Žaneta Fuchsová) und ihre Freunde aus Knet. Foto: WDR

 

Schlittschuhfahren in der Küche? Oder durch das überflutete Wohnzimmer paddeln – auf dem überraschend schwimmfähigen Fernsehsessel? Im Leben von Luzie eigentlich keine große Überraschung, denn turbulent geht es zu bei ihr in den letzten Wochen vor dem ersten Schultag. Zu gerne wäre sie Mitglied in der Rabaukenbande des Nachbarjungen Oswald, deren Mitglieder bei ihren garstigen Aktionen nicht einmal davor zurückschrecken, dem Stofftier eines kleinen Mädchens die Zunge herauszustrecken. Doch für die höheren Weihen muss Luzie erst einige Mutproben bestehen – darunter ein Ladendienstahl von Knetmasse, die ein überraschendes Eigenleben entwickelt: Aus ihr formen sich zwei kleine Gestalten, die Luzie fortan bei einigen Abenteuern begleiten, mit denen sie sich den Ehrentitel „Luzie, der Schrecken der Straße“ verdient.

Ein wonniges Vergnügen ist diese tschechisch-deutsche Serie, die jetzt auf DVD und Blu-ray erscheint; frisch ist sie geblieben, auch wenn sie mit 40 Jahren dem Vorschulalter ihrer Heldin lange entwachsen ist. Im Oktober und November 1980 liefen die sechs halbstündigen Episoden erstmals in der ARD und atmen jenen Geist, der so viele Kinderfilme aus der damaligen Tschecheslowakei ausgezeichnet, ob klassische Märchen-Adaptionen, Filme wie „Wie soll man Dr. Mráček ertränken? oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ oder auch Serien wie die selige „Märchenbraut“: Ein großes Herz für das junge Publikum haben diese Produktionen, nehmen dessen seelische Innenwelt ernst und erzählen nicht von oben herab. Die Schöpfer von „Luzie“ sind zwei Schlüsselfiguren dieser Ära: Regisseur Jindrich Polak und Autor Ota Hofman, die sich unter anderem die exzellente utopische Kinderserie „Die Besucher“ (1981/83) ausdachten und natürlich den melonentragenden „Pan Tau“, einen Klassiker des Kinderfilms.

Die Serie „Luzie“ ist flott erzählt, die per Einzelbildtrick animierten Begleiter Friedrich und Friedrich (benannt nach der Firma des Knets) besitzen den Charme des Handgemachten, und die menschlichen Figuren sind ebenso plastisch: ob nun die resolute Luzie, Bandenchef Oswald, der zuhause elterlicherseits mit Klavierstunden gepiesackt wird, und Luzies wohlmeinende, aber manchmal überforderte und durch ihre Berufe oft abwesenden Eltern. Dass die Serie mit tschechischen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt ist (darunter Otto „Pan Tau“ Simanek alias „Pan Tau“), die Außenkulisse aber deutsch anmutet – ein Supermarkt mit „Achtung! Preissenkung!“-Schildern und ein Kino, in dem der Belmondo-Film „Der Windhund“ läuft – ist zu erklären: Die Studio-Aufnahmen der Ko-Produktion entstanden in den berühmten Prager Barrandov-Studios, die meisten Außenaufnahmen wurden in Bonn, Köln und Hamburg gedreht – wie man in Thorsten Hanischs gelungenem Beiheft der DVD nachlesen kann.

Das Bild dieses TV-Klassikers wurde für die Heimkino-Veröffentlichung noch einmal überarbeitet, zudem gibt es nostalgische und wertvolle Extras: einmal Kostproben der Serie, wie sie in der Kindersendung „Spaß am Montag“ zu sehen waren (manche werden sich an Moderator Thomas Naumann im Dialog mit dem leuchtenden Ball namens Zini erinnern). Zudem kann man die Köpfe hinter „Luzie“ bei der Verleihung des Grimme-Preises sehen: Autor/Regisseur Polak und den zuständigen WDR-Redakteur Gert K. Müntefering, einen Pionier des Kinderfernsehens („Die Sendung mit der Maus“): Er kritisiert in dem Gespräch von 1981, dass es den meisten Kinderprogrammen an erzählerischer Fantasie mangele und „Luzie“ da ganz anders konzipiert sei. Das allerdings goutierte nicht jeder: Luzie erhielt in jenem Jahr den Grimme-Preis, allerdings bloß in Bronze (Gold und Silber wurden nicht vergeben). Die Begründung der Jury: Die Serie habe in seiner Gestaltung „zu sehr nach Hollywood“ geschielt. Kurios.

Erschienen auf Blu-ray und DVD bei Leonine.

„Tragödie in einer Wohnwagenstadt“ von Günter Gräwert

Pidax Tragödie in einer Wohnwagenstadt

 

„Du hast doch nichts dagegen, dass hier Recht herrscht, oder?“. Das ist die rhetorische und perfide Frage, mit der der Mob in diesem TV-Film von 1967 sich dem Finale entgegenbrüllt, mit Schaum vor dem Mund. Die Riegelsberger Firma Pidax, spezialisiert auf Filme und Fernsehspiele von einst (mittlerweile bringt sie auch Bücher und Hörspiele heraus), hat eine betagte ZDF-Produktion ausgegraben, die es in sich hat – und die leider bestens ins Heute passt. „Tragödie in einer Wohnwagenstadt“ spielt in einem US-Trailerpark, bewohnt von Arbeitern, die sich weder Haus noch Wohnung leisten können – man würde ihnen heute wohl das Etikett „abgehängt“ anhängen.

Wie sehr es hier unter der Oberfläche köchelt, wird klar, als ein 15-jähriges Mädchen im Wald nahe der Siedlung von einem Mann belästigt wird. Da der nächste Ort 12 Meilen entfernt ist, liegt es nahe, dass der Täter aus der Siedlung stammen muss. Schnell sind sich die lautesten Alpha-Männer einig: Polizei würde hier nur stören, Aufklärung und Bestrafung regelt man unter sich – ein selbsternanntes Komitee macht mit dem völlig aufgelösten Mädchen die Runde an den Wohnwagen vorbei und verhört die Bewohner. Mit dem Satz „Wer sich widersetzt, macht sich noch mehr verdächtig!“ wird fast jede Kritik am rüden Vorgehen erstickt.

Die Vorlage des Fernsehfilms stammt von Reginald Rose (1920-2002), dem Autor des mehrmals verfilmten Drehbuchs „Die 12 Geschworenen“. Rose beschäftigte sich mit Ungerechtigkeit, sozialen Fragen, Rassismus – all das findet sich auch hier. Mit Dokumentar-Anmutung beginnt der Film, lange folgt die Kamera von Jost Vacano („Das Boot“) einem Mann durch die Siedlung, aus den Wohnwagenfenstern hört man Nachrichten oder die Beatles, alles scheint zwar ärmlich, aber doch wohl geordnet – bis die Belästigung des Mädchens Unzufriedenheit, Frust, Existenzangst und Hass zum Ausbruch bringt. Das lässt der Film ziemlich rasch geschehen, ein bisschen Vorlauf hätte nicht geschadet, zumal der Film nur 70 Minuten lang ist und Raum zum Entfalten des Konflikts gehabt hätte.

Sobald die selbsternannte und selbstherrliche Untersuchungskommission seine Runden dreht, blühen Borniertheit und Hass, mal gespeist aus Neid, mal aus Rassismus. Der Vater des Opfers, an dessen Leiden keiner der Aufrührer wirklich interessiert, ist zwar betroffen, könnte die Tat aber besser verstehen, wie er sagt, „wenn sie wenigstens hübsch wäre – als Vater kann ich das ja sagen“. Beim Verhör der nicht-weißen Wohnwagenbewohner fallen Sätze wie „Du bis weit weg von zuhause, kleiner brauner Bruder“. Während all dessen grübelt ein Ehepaar, das von dem ganzen Treiben abgestoßen ist, darüber nach, wie man das Vorgehen des Mobs beenden kann – aber sie schweigen zu lange, zumal ihnen bald klar wird, wer der Täter ist.

Ruth Maria Kubitschek  Pidax Tragödie in einer Wohnwagenstadt

Ruth Maria Kubitschek Foto: Pidax

Besetzt ist das Fernsehspiel exzellent, mit bewährten Charakterköpfen: Peter Schiff, unsterblich als Synchronsprecher des Computers Hal in „2001“, spielt den etwas tumben Vater des Opfers,  Ruth Maria Kubitschek und Werner Schumacher spielen das rationale Paar – und herausragend ist Friedrich Georg Beckhaus (unter anderem flog er bei der seligen „Raumpatrouille“ mit): Den An- und Wortführer des Komittees stattet er mit einer Mischung aus Aggression und Berechnung. Sonderlich raffiniert muss er gar nicht agieren, um eine Meute hinter sich zu bringen. Ein paar Schlagworte, ein paar rhetorische Fragen reichen aus, die Gruppendyamik regelt den Rest. Am Ende hat der Mob zugeschlagen und geht befriedigt seiner Wege. Ob der Bestrafte überhaupt der Täter war, ist unwichtig – es ging nur um die Entladung.

DVD erschienen bei Pidax. Sehr gutes Bild, keine Extras.
www.pidax-film.de

„Tommaso und der Tanz der Geister“ von Abel Ferrara

Willem Dafoe Tommaso Abel Ferrara

Tommaso (Willem Dafoe) in seiner Suchtgruppe.   Foto: Good!Movies

 

Da muss man nicht lange grübeln, ob das Ganze autobiografisch ist: Abel Ferrara, US-Regisseur mir drogenintensiver Vergangenheit, der mittlerweile mit Frau und kleinem Kind in Rom lebt, hat einen Film gedreht über einen Regisseur mir drogenintensiver Vergangenheit, der mittlerweile mit Frau und kleinem Kind in Rom lebt. Den Regisseur spielt Willem Dafoe, der ebenfalls in Rom lebt, die Familie spielen Ferraras Frau und Tochter, gedreht wurde in Ferraras römischem Apartment.

Diesen Tommaso lernen wir in Rom bei einem Sprachkurs kennen (die Sprachen des Films sind Amerikanisch und Italienisch), beim Nippen an einem Espresso in einer Bar um die Ecke seines Apartments, dann beim Zusammensein mit seiner kleinen Tochter und seiner Frau. Eine römische Idylle scheint das zu sein, doch in der Nacht kommen die Dämonen: Erinnerungen suchen den Filmemacher heim, schlechte Träume, Fantasien – zu der ersehnten Ruhe nach den wilden Jahren scheint Tommaso nicht zu kommen. Da helfen auch seine langen Erzählungen bei den Anonymen Alkoholikern nicht, wo er einer Beichte gleich von seiner Vergangenheit berichtet, in dem sein Künstler- und Macho-Ego offensichtlich monströs aufgebläht war. Zudem ahnt man, dass ihm jene Zeit der hedonistischen Verantwortungslosigkeit trotz aller Beteuerungen doch in gewisser Weise fehlt, zumindest ein klein wenig.

Nicht leichter macht ihm das alles sein Alter – seine Frau ist deutlich jünger als er, und in der Nähe des Spielplatzes beobachtet er sie in inniger Umarmung mit einem anderen, jüngeren Mann. Oder ist das nur die Fantasie eines Alpha-Mannes, der in die Jahre kommt? Möglich wäre das, denn Ferraras Film lässt vieles in der Schwebe, ganz sicher kann man sich hier nicht sein, was sich tatsächlich abspielt oder nur in Tommasos Kopf. Eine kurze erotische Begegnung etwa mit einer jungen Studentin seines Schauspielkurses wirkt erträumt – tragikomisch realistisch ist dann aber eine lange Szene, in der Tommaso sich wortreich an eine Frau aus seiner Suchtgruppe heranmacht (Frau und Tochter sind gerade unterwegs) und er nach der durchaus freundlichen Abfuhr eben als das dasteht, was er ist: ein Mann in mittleren Jahren, den das ruhige Familienleben nicht ganz so ausfüllt, wie er sich das wünscht, und der nicht mehr so grenzenlos anziehend ist wie in der Blüte seiner Jugend.

Sollte Regisseur Ferrara hier ein Selbstporträt gedreht haben, ist es kein wirklich schmeichelhaftes. Denn dieser Tommaso ist oft ein ichbezogenes Würstchen, fühlt sich in der Beziehung zu seiner Frau manchmal durch die kleine Tochter zurückgesetzt, die Muse will ihn auch nicht immer küssen. In manchmal recht langen Szenen erzählt der Film seine Geschichte, Ferrara hat Bekannte als Laiendarsteller engagiert und lässt den exzellenten Dafoe ausgiebig improvisieren. Das hätte durchaus zur eitlen Nabelschau hätte werden können, zum Mythos-Klischee der großen Künstlerpersönlichkeit – aber Ferrara hat eine spürbare Distanz zu der Figur, auch wenn sie ihm persönlich vielleicht extrem nahe ist – letztlich erzählt er von einer Persönlichkeit, die auf ihrem Weg der Selbstfindung vor sich hin stolpert wie wir es alle tun, wenn vielleicht nicht alle mit so großer Geste wie Signore Tommaso. Aber Ferrara lässt ihm seine Chance und schließt den Film mit einem augenzwinkernden Verweis auf eine andere Rolle Dafoes, als er einst unter der Regie von Martin Scorsese einen weniger fehlbaren Mann spielte: Jesus.

Erschienen bei Good!Movies

« Ältere Beiträge

© 2021 KINOBLOG

Theme von Anders NorénHoch ↑