Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

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„Die Küchenbrigade“ von Louis-Julien Petit

Audrey Lamy Die Küchenbrigade

Köchin Cathy Marie (Audrey Lamy) bei der Ravioli-Schadensbegrenzung. Foto: Piffl Medien

„Arbeit gibt es überall!“, verkündet die Köchin Cathy Marie – und stapft mit großer Geste aus dem Sterne-Lokal. Dort hat sie sich gerade einmal zu viel mit ihrer Chefin angelegt. Doch so einfach ist das nicht mit der Stellensuche, und der Traum eines eigenen Restaurants rückt weiter weg als je zuvor. Nur eine Stelle tut sich auf, die die ehemalige Sous-Chefin allerdings als Abstieg empfindet: die Arbeit als Kantinenköchin in einem Heim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Doch mangels Alternativen beißt sie sozusagen in den sauren Apfel, muss erstmal die Kantine auf ein hygienisches Mindestmaß bringen und dann tonnenweise leere Ravioli-Dosen entsorgen. Denn die hat ihr Vorgänger den Flüchtlingen vorgesetzt, in den Augen des Heimleiters eine logische Entscheidung. „Sie lieben Fußball und Ravioli, und deshalb bekommen sie Fußball und Ravioli.“ Außerdem bekomme er vom Staat bloß acht Euro pro Person pro Tag fürs Essen. Die Köchin versteht die Welt nicht mehr, duscht die nächsten Ravioli erst einmal ab und köchelt ihnen eine frische Soße. Doch eine Welle der Dankbarkeit brandet ihr weder von Heimleitung noch Bewohnern entgegen.

2018 hatte der französische Regisseur und Autor Louis-Julien Petit mit seinem Film „Der Glanz der Unsichtbaren“ von Obdachlosigkeit erzählt, von Gewalt gegen Frauen und von aufreibender Sozialarbeit – und das in Form einer Komödie, mit großem Erfolg in Frankreich. Auch in „Küchenbrigade“ will er wichtige, aber eben unkommerzielle Themen wie Migration, Integration, Abschiebung einem großen Publikum nahebringen – mit einigem Witz und mit Optimismus inmitten vieler Schwierigkeiten.

In dem Heim in Nordfrankreich – gedreht wurde an der Cote d’Opale – ist die Luft anfangs dick. Die mitunter störrische Köchin (Audrey Lamy) muss erst einmal den professionellen Abstieg verdauen und die papierdünnen Wände des Hauses ertragen lernen; der idealistische, aber etwas ermüdete Heimleiter (Francois Cluzet) hat auf keine Primadonna in der Kantinenköchin gewartet; und die Flüchtigen müssen ihre Abschiebung fürchten, wenn sie als Volljährige keine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle haben – die Frage, ob die Ravioli-Soße nun aus der Dose kommt oder frisch geköchelt wurde, ist für sie zweit- bis drittrangig.

Der Wohlfühl-Pegel soll oben bleiben

Und doch entwickelt sich langsam ein gegenseitiges Verständnis, als Cathy die jungen Männer in die Küchenarbeit einbindet, ihnen feste Strukturen gibt und das Leben im Heim etwas unterhaltsamer macht – auch wenn sie sich erst einmal durchsetzen muss. Ein junger Mann etwa erklärt ihr, dass bei ihm „zuhause nur die Frauen kochen“, und weigert sich, den Gemüseschäler auch nur anzufassen. Doch der Konflikt ist bald behoben, nachdem er ihr im Fernsehraum die Mannschaften einer afrikanischen Meisterschaft erklärt hat. Für die Köchin gilt: „In meiner Küche gibt es keine Religion, keine Sexualität, keine Nationalität.“ Und die jungen Männer halten sich ebenso daran wie der Film, denn hier brechen keine Konflikte wegen Glaubensfragen aus, es gibt keine Probleme mit den verschiedenen Sprachen, nicht mit Aggression, nicht mit eventuellen Traumata. Wenn der Film da eine flott geschnittene Küchenszene serviert, in der alle glücklich schnippeln und brutzeln, unterlegt von französischer Discomusik, wirkt er schon arg bemüht, den Wohlfühl-Pegel nach oben zu heben.

An anderen Stellen aber lässt der Film die wirkliche Welt einsickern – wenn einer der Jugendlichen, der einst ohne Papiere einreiste, von der Polizei abgeholt und abgeschoben wird; eine medizinische Analyse hatte ergeben, dass er wohl mittlerweile volljährig ist, und der Heimleiter konnte ihm trotz aller Mühe keine Ausbildungsstätte vermitteln. Eindrücklich ist auch die Szene, in der die jungen Männer in Cathys altem Restaurant essen und ihre Stimmen aus dem Off erzählen, woher sie kommen und welche Hoffnungen sie mit einem Leben in Frankreich verbinden. Reale Sätze sind das, keine Drehbuch-Fiktionen, denn besetzt sind diese Rollen mit tatsächlichen Flüchtlingen, die für den Film gecastet wurden und hier ihre Geschichte erzählen (und im Film famos spielen).

Im finalen Viertel der „Küchenbrigade“ macht Cathy bei einer ihr herzlich verhassten Koch-Fernsehshow mit, mit edlen Rezepten und einem cleveren Plan, der das schrill-bunte TV-Format zugunsten von etwas Realismus geradezu subversiv nutzen wird. Da wird es filmisch etwas hektisch, sehr optimistisch, aber dann doch nicht märchenhaft. Kochkunst rettet nicht jeden vor der Abschiebung.

Ein Leben nach dem Tutu? „Das Leben ein Tanz“ von Cédric Klapisch

Élise (Marion Barbeau) vor dem letzten Auftritt als Ballerina. Foto: Studiocanal  

Élise (Marion Barbeau) vor dem letzten Auftritt als Ballerina. Foto: Studiocanal  

Das schmerzhaft laute Krachen im Knöchel ist ein Schock – nach so viel Wohlklang, nach so viel Anmut, nach so viel wallenden Tutus. Erst einmal nimmt uns der Film, was man sich trauen muss, eine knappe Viertelstunde lang dialogfrei mit zu einer klassischen Tanzaufführung von „La Bayadère“. Die fließende Bewegung der Kamera führt hinter und auf die Bühne, zeigt die junge Elise beim Tanzen, beim Warten auf den nächsten Einsatz, beim Nachschminken der Garderobe.

So mitreißend beginnt „Das Leben ein Tanz“, als Zelebrierung von Bewegung und Körperkunst – bis zu jenem falschen Auftreten von Elise nach einem großen Sprung. Die Knöchelverletzung verändert das Leben der Künstlerin auf einen Schlag; zugleich ist ihr Freund, ebenfalls beim Ballett, gerade aus ihrem Leben getänzelt, konnte sie ihn doch hinter der Bühne turteln sehen – just vor ihrem fatalen Sprung. Eine lange Tanzpause soll Elise nun einlegen, sagt ihre Ärztin, „entweder das – oder Sie tanzen nie wieder“. Für das hoffnungsvolle Talent ist der lange gehegte Lebenstraum erst einmal vorbei. Für die Erschütterte ist ihr Vater nicht die stabilste Stütze, hatte er ihr doch immer ein Jurastudium statt einer Tanzkarriere nahegelegt. Er ist ein Mann der vielleicht liebevollen Distanz, aber eben doch der Distanz. Und die Mutter, die Elise einst zu den Ballettstunden brachte, ist schon vor einigen Jahren gestorben.

Was tun – wenn man nicht mehr das tun kann, was man liebt? Elise verlässt Paris, um zur Ruhe zu kommen, und arbeitet bei einem Foodtruck einer alten Ballettkollegin: In der Bretagne schält sie Gemüse für eine Compagnie, die in einer Mischung aus Schlösschen und ländlichem Kulturzentrum zeitgenössischen Tanz probt. Leicht ist es nicht für sie, den Kolleginnen und Kollegen zuzuschauen, ohne selber tanzen zu können; doch sie findet Freundinnen, Freunde, eine neue Liebe – und möglicherweise einen Weg aus ihrer Krise.

„Das Leben ein Tanz“ ist ein sehenswerter Film, denn die exzellente Machart triumphiert über den simplen Plot. Problemlos könnte man die Geschichte der gestrauchelten Tänzerin, die sich wieder hochrappelt und das Glück findet, nach Hollywood transportieren – als hochkommerzielles Tanz-Selbstfindungs-Melodram mit aufbauenden „Lebe Deinen Traum“-Dialogen. Der große Reiz von „Das Leben ein Tanz“ liegt nun darin, dass Regisseur Cédric Klapisch („L’Auberge Espagnole“, „So ist Paris“) eine potenziell kitschige Geschichte nahezu unkitschig auf die Leinwand bringt. Nicht zuletzt dank seiner jungen Hauptdarstellerin Marion Barbeau, Jahrgang 1991, seit 2018 Erste Tänzerin des Balletts der Pariser Oper. In ihrer ersten Filmrolle zeigt sie eine frische Natürlichkeit und trägt den Film mit ihrer Darstellung – und eben mit ihrer Tanzkunst. Anders als in vergleichbaren Filmen muss der Regisseur für die Bühnenszenen kein Double einsetzen, ein großer Gewinn.

Die zeitgenössische Tanzcompagnie im Film ist eine reale – die des Choreografen und Komponisten Hofesh Shechter, was dem Film eine gewisse Authentizität mitgibt, auch wenn Regisseur und Co-Autor Klapisch, der es seinem Publikum nicht unnötig schwer machen will, Begleiterscheinungen von Bühnenarbeit ausblendet: Hier gibt es keine Rivalität, keine geblähten Egos, keine Eifersüchteleien. Die Künstlerinnen und Künstler lieben vor allem den Tanz, genau wie der Regisseur, der ihn in einigen mitreißenden Szenen einfängt. Zwischendurch diskutiert die Truppe, ob das klassische Ballett nicht von gestern sei, ob man Tutus endgültig einmotten sollte. Die Antwort darauf ist die wundersame Szene eines klassischen Tanzes in der Küche, zwischen dem Herd und frisch geschältem Gemüse.

Manche Gefühlswirren wirken dramaturgisch etwas unterentwickelt, etwa wenn Elise umgehend und nahezu dialogfrei eine neue Liebe findet; oder wenn sie das etwas distanzierte Verhältnis zum Vater angeht, der ihr, wie sie ihm vorwirft, nie gesagt habe, dass er sie liebt. Das wäre blanker Arthouse-Kitsch, wäre es von Marion Barbeau und Dénis Podalydès nicht so gut gespielt. Der Vater wird aller Distanz zum Trotz noch eine Träne vergießen, wenn der Film mit einer grandiosen Ausdruckstanz-Sequenz endet. „Das Leben ein Tanz“ ist ein Liebesbrief an den Tanz, egal ob klassisch und modern – und zugleich ein Wohlfühlfilm, der einem die Gefühligkeit nicht aufdrängt.

„Day Shift“ von J.J. Perry

Jamie Foxx als Vampirjäger mit dem schönen Namens Bud Jablonski.  Foto: Parrish Lewis/Netflix

So kann Gentrifizierung auch aussehen: In Los Angeles nisten sich immer mehr Vampire in Immobilien ein, ganze Viertel drohen, Blutsauger-Quartiere zu werden. Zumindest die Stadtverwaltung weiß das und schickt deshalb im Geheimen Vampirjäger los. Das ist der Plot der Netflix-Produktion „Day Shift“, die der Streaming-Dienst wohl gerne zur Reihe ausbauen will, geht man vom Ende mit Potenzial für Fortsetzungen aus. Die sollten dann aber nicht so durchschnittlich sein wie diese leidlich unterhaltsame Kreuzung aus Buddy-Komödie und Horrorfilm, die dabei weder allzu witzig noch besonders gruselig ist.

Jamie Foxx, Oscarpreisträger 2005 für die Titelrolle der Ray-Charles-Biografie „Ray“, spielt Bud Jablonski, einen Vampirjäger, der sich als Poolreiniger tarnt. Das Geschäft läuft mäßig, denn einst flog er wegen zu wenig Disziplin aus der Vampirjäger-Gewerkschaft und arbeitet jetzt inoffiziell, bei schlechterer Bezahlung. Das Privatleben ist kein Trost, denn seine von ihm getrennt lebende Frau will mit der gemeinsamen Tochter ins anscheinend günstigere Florida ziehen – es sei denn, Bud treibt in fünf Tagen die 10 000 Dollar Unterhalt für Schulgeld und Zahnspange der Tochter auf, die er ihr schuldet. Doch dafür muss Jablonski wieder in die Gewerkschaft; die aber stellt ihm als Aufpasser den jungen Seth (Dave Franco) an die Seite, einen exakt gescheitelten Anzugträger, der sich bestens in Verwaltungsvorschriften auskennt, aber noch nie einen Vampir aus der Nähe gesehen hat.

Der Alpha-Mann und der bebrillte Sesselpupser müssen sich also erst einmal zusammenraufen; zugleich muss die Figur Seth viele Fakten über alle Arten von Vampiren in Richtung Publikum herunterrattern, ohne dass die am Ende besonders wichtig sind. Im Nacken sitzt dem Duo die Obervampirin (Karla Souza), deren blutsaugende Tochter Jablonski in der ersten Action-Szene getötet hat, die durchaus originell ist – eine große Schlägerei, in der allerlei Haushaltsgegenstände eingesetzt werden und sich das Knochengerüst der Vampire als grotesk dehnbar erweist. Inszeniert hat „Day Shift“ Debüt-Regisseur J.J. Perry, ein renommierter Stuntchoreografie-Veteran, jüngst aktiv bei den „John Wick“– und „The Fast and the Furious“-Filmen. So überrascht es nicht, dass die Actionsequenzen hier die (relativen) Höhepunkte sind – in den Dialogszenen tut sich der Film schwerer. Das Komödiantische wirkt plakativ, wenn es etwa zum Running Gag wird, dass sich der junge Kollege bei Feindberührung einnässt oder übergibt; die Szenen innerhalb der Kleinfamilie haben etwas von einer TV-Seifenoper; man spürt, dass das Inszenieren von Schauspielerinnen und Schauspielern nicht Perrys Stärke oder Interessensgebiet ist.

Mehr Engagement zeigt Perry da bei einer rasant choreografierten Actionszene zur Halbzeit des Films in einem Haus, das sich als Vampirnest erweist – aus allerlei Zimmern, Fluren und Schränken tun sich da Blutsauger auf. Dagegen fällt dann das bestenfalls mittelgroße Finale ab. Überraschend ist, wie wenig Grusel der Film dem Vampir-Mythos abgewinnt. Die Blutsauger der unteren Hierarchie-Ebene sind lediglich anonymes Kanonenfutter für Jablonskis Schrotflinte in einigen immer gleichen Baller-Szenen, während die böse Ober-Vampirin eine ziemlich blutarme Figur abgibt – dass sie tagsüber, mit Sonnenschutz, als Immobilien-Unternehmerin arbeitet, ist noch einer der besseren Gags.

Da vergibt der Film viel Potenzial, auch wollen Komödie und Brutalität, Familien-Gefühligkeit und Härte selten zusammenpassen. „Day Shift“ ist beim Streaming gut aufgehoben – bei manchen Szenen zwischen der regelmäßigen Action würde man im Kino wohl etwas ungeduldig auf die Uhr schauen; zuhause kann man sich immer mal wieder Knabberzeug holen und wird in dieser Zeit den Film nicht anhalten wollen.

„Day Shift“ ist bei Netflix zu sehen.

„Prey“ von Dan Trachtenberg


Amber Midthunder als Naru and Dane DiLiegro als Predator. Foto: David Bukach / 2022 20th Century Studios

Irgendwann konnte einem dieses Monster aus dem All schon leidtun: 1987 schlich es im Film „Predator“ erstmals durch den Dschungel, jagte dort aus Spaß an der Safari-Freude Menschen, legte sich dabei aber mit dem Falschen an: Arnold Schwarzenegger, in der Blüte seiner Jahre, auf der Höhe seiner Muskelpotenz und seiner glasklaren Logik – anlässlich von ein paar Tropfen neongrünen Außerirdischen-Bluts schloss er messerscharf: „Wenn es blutet, können wir es auch töten.“ Damit war das Ende des außerirdischen Jägers besiegelt. „Predator“ war damals ein mittlerer Kino-Hit, heute gilt der schnörkellose Film als Actionklassiker, dem neben Comics und Videospielen auch einige Arnold-freie Fortsetzungen folgten. Die hießen mal „Predator 2“, „Predators“ oder „The Predator“, zwischendurch trieben Verzweiflung und Ideenarmut das Studio Fox dazu, die Kreatur mit einem Monster-Kollegen gemeinsam ins Kino zu bringen – jenem Alien aus „Alien“. Nach dem schwachen Wiederbelebungsversuch „The Predator“ von 2018 war die Monsterreihe so tot wie die vielen Opfer des außerirdischen Jägers.

Kinostart wäre verdient gewesen

Durch diese Leichenhalle der überflüssigen Filme weht nun ein vergleichsweise frischer Wind, mit der bislang gelungensten Fortsetzung beziehungsweise Vorgeschichte: „Prey“ heißt sie, distanziert sich durch das Weglassen des Wortes „Predator“ schon von seinen Vorgängern und bietet einen cleveren Kniff. Er spielt nicht in der Gegenwart, sondern in Nordamerika vor 300 Jahren, das der Film in prächtigen Naturaufnahmen zeigt, denen man eine große Leinwand gewünscht hätte – warum der Film nicht ins Kino gebracht wurde, sondern direkt ins Streamingprogramm gepackt wurde, wissen die Götter oder die Entscheider bei Disney, denen die Reihe mittlerweile gehört.

 

Amber Midthunder als Naru auf der Jagd.  Foto: David Bukach / 2022 20th Century Studios

Im Film, inszeniert von Dan Trachtenberg („10 Cloverfield Lane“), hat die junge Comanchin Naru (Amber Midthunder) zwei Gegner: später den Außerirdischen, der in der Prärie Mensch und Tier jagt, von Anfang an aber das Patriarchat. Naru will auch jagen wie ihr Bruder und die anderen Comanchen, doch die Männer trauen ihr das nicht zu und sehen sie bei der Jagd lieber als Sanitäterin, da sie sich so gut mit Heilkräutern auskennt. „Warum willst Du jagen?“, fragt die Mutter. Die Tochter antwortet schmollmundig: „Weil alle denken, dass ich das nicht kann.“ Nun muss man „Prey“ nicht gleich als filmische Speerspitze des Feminismus bejubeln, denn komplexer als in diesem Dialog wird es nicht, aber diese Grundkonstellation ist reizvoll.

Dass in den Wäldern ein unbekanntes Wesen umgeht, das die Nahrungskette aufwärts würdige Gegner zum Kampf sucht – nach Schlange und Wolf einen nicht völlig überzeugend computergetricksten Bären – ahnt Naru. Aber niemand will ihr glauben. Als man das endlich tut, wird es blutig – und filmisch spannend. Was „Prey“ mit dem ersten „Predator“ verbindet, ist die willkommene Einfachheit des Plots, ausgedacht von Drehbuchautor Patrick Aison. Im Film von 1987 trat eine Bande von US-Söldnern gegen den Jäger an, der ihr die Macho-Attitüde, die markigen Sprüche und das Vertrauen in ihre Hightech-Waffen schnell austrieb. Das war schnörkelloses Actionkino und gleichzeitig eine hintersinnige Parodie desselben, als den Über-Machos (außer Arnold) langsam der Angstschweiß den Männerbauch hinunterlief. Zurück blieben im Finale nur Schwarzenegger, reduziert auf Speer und Lendenschurz, contra Monster. So simpel wie effektiv. So ähnlich ist es, man ahnt es, auch bei „Prey“, wobei Naru mehr Grips als weiland Arnold einsetzen muss.

 

Amber Midthunder als Naru. Foto: 2022 20th Century Studios

Das Finale ist schon fast Routine, der Höhepunkt liegt eher in der Mitte des Films: Denn da treten ganz andere Jäger auf – französische Trapper, die keinerlei Interesse an den Ureinwohnern ihrer neuen Heimat haben und Naru in einen Käfig sperren. Tags darauf, als ihnen klar ist, was da jagend durch die Natur schleicht, binden sie sie an einen Baum, in der Hoffnung, so die Kreatur anzulocken. Diese Sequenz auf einem nebelverhangenen Hügel, auf dem die Trapper gegen den Jäger aus dem All gnadenlos scheitern, der allerlei Waffen mit sich führt und sich unsichtbar machen kann, gehört zu den besten und spannendsten der gesamten Reihe. Und man gönnt den Trappern ihren Untergang, da man weiß, wie sie mit den Ureinwohnern umgehen. Das ist ein schöner Kniff des Films: Zwar deutet der Abspann mit einer Animation von fiktiven indigenen Zeichnungen an, dass längst weitere Außerirdische unterwegs in die Prärie sind – aber wenn Naru am Ende ihrem Stamm sagt, dass man hier nicht mehr sicher sei, kann sie ebenso die Gefahr durch die Neu-Amerikaner meinen, die die Indigenen verdrängen wollen. Wenn man solche Feinde hat, ist ein Außerirdischer nicht das größte Problem.

„Prey“ ist bei Disney+ zu sehen, wie auch die anderen „Predator“-Filme.

„Buba“ von Arne Feldhusen mit Bjarne Mädel

Buba Bjarne Mädel Netflix

Bjarne Mädel als Jakob Otto alias „Buba“. Foto: Netflix

Merkwürdig – warum zündet das Ganze nicht so richtig? Warum ist „Buba“ nie so gelungen, wie man anhand der Beteiligten erwarten dürfte, eigentlich müsste? Trotz Darsteller Bjarne Mädel, von dem man sich ja ziemlich alles ohne Risiko anschauen kann. Trotz Regisseur Arne Feldhusen, der mit Mädel die TV-Perlen „Der Tatortreiniger“, „Stromberg“, „Mord mit Aussicht“ und „Der kleine Mann“ gedreht hat.  „Buba“, ihre jüngste Zusammenarbeit, hat zwar ihre Momente, aber insgesamt enttäuscht diese Netflix-Tragikomödie.

„Buba“ ist eigentlich eine Nebenfigur aus der Neflix-Serie „How to sell drugs online (fast)“: Jakob Otto alias Buba (Bjarne Mädel), ein blondierter Kleinkrimineller mit schlechter Laune und Bierbauch, der im fiktiven Städtchen Rinseln seinen Geschäften nachgeht. Diese Figur überlebt allerdings die erste Staffel der Reihe nicht, wegen eines Arbeitsunfalls sozusagen – er erschießt sich aus Versehen mit einer Pistole aus einem 3D-Drucker. „Buba“ erzählt nun, als neudeutsch „Prequel“, die Vorgeschichte: Wie der kleine Jakob zum großen Jakob wird und schließlich, in einer kleinen Rahmenhandlung, zum toten Jakob.

Die Kindheit in den 1980ern ist traumatisch: Denn während Jakob es sich bei einem Breakdance-Wettbewerb gut gehen lässt, bei dem auch Leonardo DiCaprio mitwirbelt (der 1984 tatsächlich bei einem Deutschland-Besuch bei einem Wettbewerb dabei war), sterben seine Eltern bei einem Unfall. Sein Bruder mit dem schönen Namen Dante überlebt mit einer Kopfverletzung, die ihn a) zum täglichen Schlucken einer Pillen-Kollektion zwingt und b) ihn fortan ein wunderbar schmieriges Österreichisch sprechen lässt – eine Folge des real existierenden Fremdsprachen-Akzent-Syndroms.

Netflix Buba

Bjarne Mädel (links) und Georg Friedrich.

Ob die Drehbuchautoren Sebastian Colley („Kroymann“, „How to sell…“) und Isaiah Michalski („King of Stonks“) diese skurrile Idee bemüht haben, um den Wiener Darsteller Georg Friedrich verpflichten zu können, oder ob erst die Rollen-Idee kam und dann die Besetzung, ist unwichtig: Friedrich, der mit Michael Haneke und Ulrich Seidl drehte, zuletzt im Kino in „Die große Freiheit“ zu sehen war, ist gewohnt exzellent. Kaum jemand spielt das liebgewonnene, wenn auch nicht mehr allzu originelle Klischee vom schmierigen Halbwelt-Ösi besser als er; der fleckige Bademantel, den er hier gerne trägt, ist bei ihm ebenso eine zweite Haut wie beim „Dude“ aus „The Big Lebowski“.

Das Verhältnis der mittlerweile erwachsenen Brüder ist so innig wie angespannt – denn Jakob hat aus seinem Schuldkomplex heraus die Theorie entwickelt, dass es ihm möglichst schlecht gehen muss, damit es dem Rest der Welt, vor allem seinem Bruder, gut geht. Eine Prämisse wie aus einem Märchen – und als solches bezeichnet sich auch selbst der Film, in dessen Welt sich Provinz-Mafiosi tummeln, die zwar aus dem heimischen Hinterland kommen, sich aber als Albaner ausgeben, „weil die Leute dann mehr Angst haben“. Bei diesen Pseudo-Albanern heuern die Brüder an und erpressen zum Einstand Schutzgeld, mit mal weniger, mal mehr Brutalität.

Da wirkt es so, als hätten sich die Drehbuchautoren Guy Ritchies schräge Gangsterfilme wie „Bube, Dame, König, Gras“ und „Snatch“ ein oder zweimal zu oft angeschaut; ein Gefühl von Déjà-vu kommt auf. Wenn Gangster über rare Figuren aus Überraschungs-Eiern debattieren oder ihre Chefin (Maren Kroymann) in Seelenruhe und unter aller Augen ein Stück Torte ist, wirkt das manchmal bemüht skurril; die angestrebte Lässigkeit hat etwas Krampfiges. Und ob man die Szene vom Samenraub bei einem Pferd nun drollig oder lediglich derb findet, wird wohl davon abhängen, wie lange man die Pubertät schon hinter sich hat.

Natürlich schaut man Mädel und Friedrich gerne zu, wie sie in ihrer muffigen Wohnküche von einem besseren Leben träumen, wenn Dante grantelt, die Brüder müssten „jetzt mal groß denken“; wenn Jakob sich verliebt, weswegen ihn sofort die Sorge umtreibt, dass etwas Schreckliches passieren muss, da es ihm nun ausgesprochen gut geht. Eine Traumsequenz, untermalt von Georg Danzers „Weiße Pferde“ (das Wienerische verfolgt Jakob also auch in den Tiefschlaf), ist originell – aber das große Finale enttäuscht dann: mit hysterischen, neu hinzugekommenen Gangstern, einer bemühten Wendung und einer Schießerei, bei der man sich fragen darf, ob Kopfschüsse im Film so lustig sind, wie die Drehbuchautoren denken.

„Buba“ ist bei Netflix zu sehen, ebenso wie „How to sell drugs online (fast)“. In der ARD-Mediathek kann man sich mit Bjarne Mädel einige „Tatortreiniger“-Folgen anschauen, außerdem „Sörensen hat Angst“ von und mit Mädel.

Dichtung und Wahrheit: „Axiom“ von Jöns Jönsson


Ricarda Seifrid und Moritz Treuenfels in „Axiom“.      Foto: Martin Valentin Menke

 

Man hört ihm ja gerne zu. Julius hat für jede Lebenslage eine geistreiche Bemerkung parat, eine interessante Geschichte, die ihm neulich wohl passiert ist. Die flicht er in Konversationen mit angenehmer Stimme ein, ob am Arbeitsplatz Museum, wo er verbotenerweise fotografierende Kunstfreunde ermahnt, ob in der Straßenbahn oder am Hochkultur-Restauranttisch. Mit diesem jungen Mann der gepflegten Umgangsformen fühlt man sich eben wohl. Bis sich kleine Risse in der Fassade zeigen und man sich über ihn wundert – etwa wenn er Freunde zu einem Ausflug mit dem Segelboot seiner adeligen Mutter einlädt, das Auto aber kilometerweit vom Hafen parkt. Vielleicht ist es ihm nicht so eilig mit dem Segeln, das dann sowie nie stattfindet, weil Julius vor der Bootsbesteigung einen epileptischen Anfall erleidet. Langsam kommen seine Freundinnen und Freunde ebenso ins Grübeln wie die Kinogänger. Was ist los mit diesem Julius? Und wer ist er eigentlich?

„Axiom“ ist ein hinreißender Film, melancholisch und witzig zugleich, dabei so lässig wie tiefsinnig – ein Glücksfall. Julius entpuppt sich als versponnener Lügner, der nahezu auf jede Situation passend reagiert, sich wie ein soziales Chamäleon fast überall anpasst und sich für nahezu jeden neuen Gesprächspartner neu erfindet. Für seine Freundin ist er ein Architekt, der gerade das Großprojekt „Serbische Botschaft“ entwirft; für einen WG-Bekannten ist er ein Autor und Stipendiat, der ein halbes Jahr nach Tokio geht; für Hochkulturbekannte ein junger Mann, der eine schwierige Kindheit mit drogensüchtigen Eltern erfolgreich bewältigt hat. „Du brauchst einen Plan B“, sagt er einem Kollegen und hat stets einen solchen parat.

Autor und Regisseur Jöns Jönsson, ein Schwede, der in Berlin Film studiert hat, lässt den Hintergrund vage. Ist Julius ein Narziss mit Persönlichkeitsstörung? Oder trägt er gerne zu dick auf, um eigene Komplexe zu übertünchen? Oder ist er in einer Gesellschaft des Selbstoptimierens und des Blendens nicht einfach nur konsequent und liefert lügend das, was verlangt wird: Erfolg und Status?

Der Film wertet nicht, er zeigt einfach, mit einer gewissen, aber nicht grenzenlosen Anteilnahme, einen Lügenbaron bei der Arbeit. Moritz Treuenfels in seiner ersten Kinohauptrolle ist eine Entdeckung; sein Julius kann ebenso mitleiderregend sein wie nervtötend, mal möchte man ihn in den Arm nehmen, mal ihm die Freundschaft kündigen. Er ist ein Münchhausen, zugleich ein Getriebener. Die Szene, wie sich Julius in ein Architektenbüro einschleicht, um den speziellen Berufsduktus aufzuschnappen, ist ein Kabinettstückchen von subtilem Spiel und Spannungsaufbau.

Jönsonns lässt die Mono- und Dialoge enorm lässig klingen, realistisch und beiläufig, das wirkt alles verbal wie aus dem Leben gegriffen – hohe Inszenierungskunst; der vielbeschäftigte saarländische Kameramann Johannes Louis liefert dazu klare, unprätentiöse Bilder, konzentriert sich manchmal nur auf Julius‘ Gesicht, während von außen Gespräche auf ihn einströmen, die er aufsaugen wird, um sich gleich kenntnisreich einzumischen. Es ist auch schön, die Schauspielerin Ines Marie Westernströer in einer Rolle zu sehen, die ihr etwas mehr Raum hat als (bislang) die der Ermittlerin im saarländischen „Tatort“.

Julius‘ ständiges kunstvolles Lügen hat den Effekt, dass man im Film irgendwann kaum noch irgendetwas glauben mag. Ein ehemaliger Kollege von Julius erzählt ihm eine Geschichte über seine Kindheit, eine Hautkrankheit und die helfende Kraft der Religion, die weit erfundener klingt als alles, was Julius bisher aufgetischt hat. Eine große Lüge? Oder schreibt das Leben immer noch die besten Geschichten? (In diesem Fall dann doch der Drehbuchautor). Man weiß es nicht, aber Julius hört gebannt zu – er weiß ja nie, wann er selbst so eine Geschichte gebrauchen kann.

„Mitra“ von Kaweh Modiri und mit Jasmin Tabatabei

Jasmin Tabatabai als Haleh, die im Exil in den Niederlanden lebt. Foto: Camino

 

„Wir haben ihre Tochter hingerichtet. Sie können ihre Sachen abholen – zu den üblichen Besuchszeiten.“ Mit diesem Anruf ist das Leben der Iranerin Haleh (Jasmin Tabatabai)  nicht zu Ende – aber doch auf ewig verwundet. Das iranische Regime hat ihre Tochter Mitra, die gegen die erzkonservative Revolution rebelliert, 1982 ermordet. Das ist der Ausgangspunkt des Films „Mitra“, einem Drama um Rache, Vergebung und den Wunsch nach einer gewissen Erlösung, sollte sie denn möglich sein. Zwischen zwei Zeit- und Ortsebenen bewegt sich der Film – da ist der Iran der 1980er Jahre, ein bedrückender Ort der Bespitzelung, der Razzien, der berechtigten Todesangst, wenn man Gegner der Ajatollahs ist. Und da ist die Niederlande der Gegenwart, wo Haleh seit langem im Exil lebt. Dort hat sie einen guten Ort zum Leben gefunden, ist eine populäre Iran-Expertin, etabliert,  akademisch renommiert, scheinbar zur Ruhe gekommen.

Doch die Fassade bröckelt, als andere Exil-Iraner, ehemalige Widerstandskämpfer, sie mit einer Information kontaktieren: Sie glauben, die  Frau gefunden zu haben, die einst Tochter Mitra verraten und so die Hinrichtung erst möglich gemacht haben soll. Die Frau ist ebenfalls im Exil in den Niederlanden. Haleh nimmt Kontakt zu ihr auf, gibt sich als hilfreiche Landsfrau und sammelt in Gesprächen mit ihr Informationen, Indizien, um sicher zu sein, dass die Frau eine Verräterin ist. Nur – was dann? Soll sie Rache und Selbstjustiz üben? Was wird dann aus der jungen Tochter der Frau, zu der Haleh einige Zuneigung empfindet?

Diese Fragen stellt Autor und Regisseur Kaweh Modiri, der als Sechsjähriger mit seiner Familie aus dem Iran flüchtete und in den Niederlanden aufwuchs, wo er auch heute lebt. Er erzählt eine teils autobiografische Geschichte – seine Schwester Mitra wurde 1981 im Iran hingerichtet; ob die Frau im Film nun eine Verräterin ist oder nicht, interessiert Modiri wenig – die wichtige Frage ist die nach Sinn von Rache. Und so stellt der Film das klassische Krimi-Spannungs-Potenzial (schuldig oder nicht?) hinten an und konzentriert sich auf das Abwägen der eigenen Handlungen, personifiziert durch Haleh und ihren Bruder Mohsen. Er plädiert dafür, die Vergangenheit ruhen zu lassen und kein Leid über die andere Familie zu bringen; sie will Rache, von der sie sich so etwas wie eine späte Ruhe erhofft.

Die Schlüsselszenen sind dann auch nicht die der versuchten Aufdeckung der mutmaßlichen Verräterin, sondern die Gespräche zwischen Bruder und Schwester über Rache und Gewissen. So wird der Film allgemeingültig (und manchmal etwas didaktisch); die iranische Revolution ist lediglich ein geschichtlicher Hintergrund, viel erfährt man über sie Film nicht – aber der Film will eben keine Geschichtsstunde sein. Getragen wird er Film von Jasmin Tabatabai mit einer eindringlichen Darstellung, die auch vergessen lässt, dass ihre Altersmaske – eine weiße Perücke soll sie zur Über-70-Jährigen machen – wenig überzeugt. Aber Tabatabai nimmt einen mit in diesem Film, in dem man sich letztlich selbst fragt, wie man handeln würde.

Interview mit Steffen Greiner: „Verschwörungstheorien sind wie eine Folie, die man über alles drüberlegen kann.“

Der Journalist und Kulturwissenschaftler Steffen Greiner. Foto: Julia Grüßing

Der Journalist und Kulturwissenschaftler Steffen Greiner. Foto: Julia Grüßing

 

Impf- und Impfpflichtskepsis sind das eine. Das Ablehnen des Impfens, verbunden mit Misstrauen in den Staat und bizarren Verschwörungstheorien, ist das andere. Schon vor 100 Jahren wetterten „Inflationsheilige“ gegen eine Impfpflicht und verbanden das mit Verschwörungs-Ideologie. Mit ihnen beschäftigt sich der Kulturwissenschaftler und Journalist Steffen Greiner aus Saarbrücken. Sein Buch „Die Diktatur der Wahrheit“ spürt den ersten „Querdenkern“ nach.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Buch über historische und aktuelle „Querdenker“ zu schreiben?

GREINER Ich habe mich vor einigen Jahren mit den sogenannten Inflationsheiligen aus den 1920ern auseinander gesetzt. Ausgelöst durch die deutsche Niederlage, die Revolution und bürgerkriegsähnliche Zustände herrschte eine große Unsicherheit in der deutschen Gesellschaft – ein sehr fruchtbarer Boden für abstruse politische Bewegungen, die zwischen Politik und Religion schwebten, die linke Elemente wie rechtsextrem-völkische miteinander verbanden, dazu noch etwas Christentum und Buddhismus. Also eine merkwürdige und damals erfolgreiche Mischung, bei der offenkundig ist, dass sie zu nichts Gutem führen kann, wenn etwa von einem „Königreich Deutschland“ geträumt wird. Die Ähnlichkeiten im Vokabular zu heutigen Reichsbürgern waren offensichtlich – intensiv beschäftigt hab ich mich damit aber erst nach einem Gespräch mit einem Mann im Thüringer Wald.

Was ist da geschehen?

GREINER Bei einem Pressetermin im Sommer 2020 traf ich einen Mann, der ganz viel von Liebe und von Freiheit sprach, das aber verbunden hat mit obskuren Verschwörungstheorien über eine zusammengebrochene Wirtschaft und Staatsführer, die uns eine neue Weltordnung aufzwingen wollen. Diese Theorien schienen für ihn fast eine religiöse Bedeutung zu haben. Das hat mich sehr erinnert an die Sprache, die einem auf alten Flugblättern der 1920er entgegenschreit. Deshalb habe ich mich mit möglichen Traditionslinien zwischen damals und heute beschäftigt.

Wie ist ihr Fazit – kann man direkte Linien ziehen?

GREINER Ganz übertragen kann man es auf heute nicht, natürlich. Aber was sofort auffällt: Die Impfgegnerschaft war schon in den Lebensreformbewegungen ein paar Jahre früher, aus deren Denken die Inflationsheiligen kamen, ein zentraler, fast identitätsprägender Punkt. Argumentiert wurde ähnlich wie heute: Dass der Staat sich per Impfung im Körper breitmachen will, wie eine Art Polizei in Bazillenform. Gusto Gräser, einer der zentralen Gestalten von damals, betrachtete die Impfgegnerschaft als wahrlich deutsche Tugend, weil Deutschsein doch bedeute, seinen Körper zu stärken und nicht durch eine Impfung vermeintlich zu schwächen. Das Impfthema ist die offenkundigste Verbindung zu heute, aber dahinter stecken ja auch generell der Diskurs Natur versus Kultur und eine Skepsis gegenüber der Moderne, die immer eine rechte Tendenz innehat, auch wenn der oder die Protestierende heute vielleicht Dreadlocks trägt.

Verschwörungstheorien kursieren heute vor allem in den sozialen Medien, bevorzugt auf dem Messenger-Dienst Telegram. In den 1920ern gab es das alles noch nicht.

GREINER Das nicht, aber vor 100 Jahren war es erstmals möglich, Zeitungen, Zeitschriften und Flugblätter vergleichsweise billig herzustellen. Es war viel leichter, sich publizistisch zu äußern. Und es gab Pressefreiheit in der Weimarer Republik. Die Möglichkeit, die eigene Meinung schnell und billig unters Volk zu bringen, erinnert sehr an die heutige Situation mit den sozialen Medien. Damals wie heute bedeutet diese Medienhäufung aber auch eine Überforderung der Leserinnen und Leser – die können schwer unterscheiden zwischen journalistischer Qualität, Propaganda und „fake news“.

Ihr Buch heißt „Diktatur der Wahrheit“ – was hat es damit auf sich?

GREINER „Diktatur der Wahrheit“ ist das, was in den 1920ern  einer der bekanntesten Inflationsheiligen, Louis Haeusser, errichten wollte. Er war ein Sekthändler aus Schwaben, der als Hochstapler sehr reich wurde, dann beschloss, sein Geld zu verschenken, weil er eine Vision hatte. Er begann um 1920, Realpolitik zu machen, hat die „Christlich-radikale Volkspartei“ gegründet, die aber keine Partei sein wollte, sondern eine Bewegung. Er rief sich als „Volkskaiser“ aus und wünschte sich als solcher eine „Diktatur der Wahrheit“, weil es so viel Lüge gebe, dass die Wahrheit nur mit dem Schwert zu ihrem Recht kommen könne. Ich fand das als Buchtitel sehr passend, weil die Frage nach Wahrheit und Lüge als Diskurs bei den Querdenkern heute ja genauso stattfindet:  Es ist diese diffuse Vermutung, dass niemand die Wahrheit sagt, dass hinter allem irgendeine Machenschaft steckt und dass man im Zweifelsfall die Freiheit mit dem Schwert gegen dunkle Mächte verteidigen muss.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Querdenker nicht für Nazis halten, für rechtsextrem aber schon. Können Sie das genauer erklären?

GREINER Die Verengung der rechtsextremen Geschichte auf den Nationalsozialismus hat in der deutschen Nachkriegsgesellschaft dazu geführt, dass es selbst für die extreme Rechte leicht wurde, sich davon zu distanzieren. Viele der Figuren in meinem Buch sind in den 1930ern Gegner der Nationalsozialisten, aber dennoch durchdrungen von völkischem Gedankengut. Die Neue Rechte, die in die Querdenken-Bewegung strömt, beruft sich heute nicht auf Hitler, sondern zu großen Teilen auf die Bewegung um Otto Strasser. Ein Menschenfeind und frühes „nationalrevolutionäres“ NSDAP-Mitglied, der aber schon 1933 als Gegner Hitlers ins Exil ging und sich daher in der BRD als Widerstandskämpfer inszenierte. Dass der kein KZ mitgeplant hat, macht seine Thesen aber eben nicht weniger von Rassismus geprägt. Man muss kein Nazi im Sinne von Fan der NSDAP sein, wie das heute oft verstanden wird, um eine offene, demokratische Gesellschaft abzulehnen, in der verschiedene Gruppen gleichberechtigt ihre Konflikte und Interessen aushandeln.

Ist jeder, der heute bei einer Demo gegen eine Impfpflicht mitgeht, gleich ein Querdenker?

GREINER Impfpflichten waren historisch sehr erfolgreich, sie haben nie zum Faschismus geführt, stattdessen mittelfristig zur Eindämmung, bei den Pocken sogar zum Ende der Krankheit. Trotzdem finde ich richtig, dass die Entscheidungsträger etwa auch den Ethikrat anhören. Es wird offenkundig sich nicht allzu leicht gemacht. Die Komplexität der Frage lässt sich natürlich auf einer Demo nicht abbilden, das muss eine Demo auch nicht liefern. Trotzdem habe ich die Vermutung, dass Menschen, die sich nach reflektierter Abwägung gegen die Impfpflicht positionieren, dann nicht neben Mit-Demonstranten stehen wollen, die Putin bitten, Deutschland von der Corona-Diktatur zu befreien. Der bürgerlich-demokratische Konsens, dass keine Allianzen mit radikalen Rechten gebildet werden, wiegt für mich da deutlich schwerer. So groß sind die plausibel zu argumentierenden Bedenken gegen die Impfung für diesen Bruch dann nämlich doch nicht.

Was unterscheidet den Querdenker von jemanden, der lediglich eine Impfpflicht ablehnt? Beziehungsweise: Was ist Ihre Definition eines Querdenkers?

GREINER Im Grunde, muss ich da auch selbstkritisch sagen, gehen wir alle natürlich auch einem Unternehmer auf den Leim: „Querdenken 711“, der Name der Stuttgarter Keimzelle der Bewegung, wurde schon im Juni 2020 von Initiator Michael Ballweg als Marke eingetragen. Der auch sonst finanziell, etwa durch Schenkungen und Merchandise, von Querdenkern profitiert. Aber tatsächlich würde ich die Unterscheidung zwischen wichtiger Kritik an Corona-Politik, die ja auch durchaus von links geführt werden kann – warum tragen Frauen eine so viel höhere Belastung als Männer, warum sind die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften noch immer so schlecht – und den sogenannten „Querdenkern“ an der Nähe zum verschwörungstheoretischen Denken ausmachen: Gegen eine Impfpflicht zu sein, weil sie einen Eingriff in die verfassungsrechtlich geschützte körperliche Unversehrtheit darstellt, muss schließlich nicht einhergehen mit der Vermutung, sie sei Teil eines weltweiten Genozids.

Am 18. September soll in Idar-Oberstein ein Mann einen Tankstellenkassierer erschossen haben, weil der ihn gebeten hatte, seine Maske anzuziehen. Der Maskenverweigerer soll Kontakte in die Querdenkerszene gehabt haben. Ist das insgesamt eine Radikalisierung der Szene oder ein Einzel- und Extremfall?

GREINER Ich glaube schon, dass da eine Radikalisierung geschieht. Die muss sich nicht unbedingt in Gewalt äußern, sondern darin, dass die Positionen, die mit Realpolitik oder Logik nichts mehr zu tun haben, immer zementierter werden. Ernsthaft zu behaupten, wir lebten dieser Tage in einer Corona-Diktatur, ist ja völlig daneben. Dafür braucht man schon ein sehr verfestigtes Denken in Verschwörungsszenarios. Und natürlich: Je mehr Leute mitlaufen, desto schneller fallen Hemmungen.

Was wird von den Querdenkern eigentlich konkret gefordert? Sie halten gerne das Grundgesetz hoch, aber etwa Pressefreiheit, wie sie im Grundgesetz verankert wird, lehnen sie ab – geht man vom Bepöbeln von Pressevertretern aus oder Flaggen, auf denen das Ende von ARD und ZDF gefordert wird.

GREINER Es geht meist um quasireligiöse Begriffe wie Wahrheit, Liebe, Freiheit. Aber was mit Freiheit genau gemeint ist, bleibt im Dunkeln. Anstatt realpolitisch und konsensdemokratisch zu argumentieren, gibt es eher sakrale und vage  Begrifflichkeiten.

Wie wichtig war für Szene die Regentschaft Donald Trumps? Hat er das Ignorieren von Fakten, die Wissenschaftsfeindlichkeit und das Propagieren von Verschwörungstheorien quasi von hoher Warte vorgelebt?

GREINER Er hat viel ausgelöst. Trump ist innerhalb der QAnon-Bewegung, die behauptet, eine ominöse Weltelite halte Kinder gefangen, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen, eine messianische Gestalt. Die Anhänger der Bewegung, die besonders in Berlin bei den Demos stark vertreten ist, glauben, dass alles was Trump tat, im Sinne eines großen Schlages gegen diese Verschwörung sei. Und manche glauben, dass Putin da jetzt weitermacht. Das ist eine ganz merkwürdige apokalyptisch-sakrale Geschichte.

Bei einer Demo in Deutschland warnte eine Plakatträgerin, „die Ukraine-Angst“ solle nur „die schwindende Corona-Angst“ ablösen: „Lasst Euch nicht verarschen!“ Da fällt einem nicht mehr viel ein.

GREINER Ich glaube, dass viele Menschen auch einfach überfordert sind, weil die Situation so gefährlich und komplex ist. Ich glaube auch, dass bei der Bewegung viele Leute dabei sind, die nicht so richtig wissen wohin. Es sind viele Unzufriedene, Gekränkte. Viele von ihnen sind wohl so massiv verunsichert, dass sie glauben, in einer komischen Bewegung mitlaufen zu müssen – wo Selbstreflexion sicher sinnvoller wäre.

Wie ist Ihre Prognose: Werden die Querdenker-Demos kleiner werden oder gar aufhören, wenn die Corona-Maßnahmen zurückgefahren werden und wir langsam in die vielbeschworene „Normalität“ zurückkehren?

GREINER Ich könnte mir vorstellen, dass die Teilenehmerzahlen sinken, die Leute aber noch mehr abseits von Corona in eine verschwörungstheoretische Staatsfeindlichkeit hineingeraten. Da wird ein harter Kern bleiben, der sich neue Themen sucht und es schaffen wird, die mit ihren Theorien zu verknüpfen – siehe den Krieg in der Ukraine. Ihre Verschwörungstheorien sind wie eine Folie, die man über alles drüberlegen kann.

Steffen Greiner: Die Diktatur der Wahrheit. Eine Zeitreise zu den ersten Querdenkern.
Tropen Verlag, 263 Seiten, 20 Euro.

Das Leben und die Krankheit: „Vortex“ von Gaspar Noé

Vortex Francoise Lebrun und Dario Argento

Francoise Lebrun und Dario Argento.  Foto: REM

 

„Bring mich heim – ich will nach Hause.“ „Du bist doch Zuhause.“ Viele solcher Dialoge und  Momente in „Vortex“ sind schmerzhaft, es ist ein Film, den man überstehen muss. Von einem alten Paar erzählt er, beide um die 80. Auf dem Balkon ihrer Pariser Wohnung prosten sich die beiden mit Weißwein zu, man spürt eine tiefe Verbundenheit durch ein gemeinsames Leben.

Doch die wird immer wieder zerrissen durch die Demenzkrankheit der Frau. Während der Mann seinem Tagewerk nachgeht – er arbeitet an einem Buch über das Verhältnis von Traum und Kino –, zieht sie unruhig und getrieben ihre Kreise durch die Wohnung;  die wirkt mit den bis an die Decke gestapelten Büchern zugleich anheimelnd wie muffig, beengt und labyrinthisch. Als Betrachter verliert man da so schnell die Orientierung wie die erkrankte Frau. Sie schlurft auf die Straße, weiß nicht mehr genau, wo sie ist, sucht in einem Geschäft nach Spielzeug. Vielleicht für den Enkel, dessen Namen sie sich nicht mehr merken kann?

Der französische Regisseur Gaspar Noé, Jahrgang 1963, hat mit Filmen wie „Menschenfeind“ und „Irreversible“ die Grenzen des auf der Leinwand gerade noch Ertragbaren ausgelotet – in „Irreversible“ mit einer neunminütigen Vergewaltigungsszene. Seitdem wird er gerne mit den Attributen „enfant terrible“ und „Skandalregisseur“ belegt.

Das langsame Entgleiten

„Vortex“ ist nun sein stillster, äußerlich ruhigster Film – und möglicherweise sein erschütterndster. In aller Ruhe beobachtet er das Leben dieses Paares, das sich langsam, trotzt aller Gegenwehr, langsam entgleitet. Die Frau driftet in ihre eigene Welt, hält ihren Ehemann manchmal für einen Fremden, der ihr in der Wohnung nachspioniert; der Mann kommt an seine körperlichen wie seelischen Grenzen und will eben nicht lediglich Pfleger und Kümmerer sein, sondern auch an seinem alten Leben festhalten: Die Arbeit an seinem Buch wirkt wie eine verständliche Kurzzeitflucht und wie das Symbol einer Existenz, die er nicht aufgeben will.

 

Francoise Lebrun und Dario Argento Vortex

Francoise Lebrun und Dario Argento.  Foto: REM

Noé hat mit zwei Kameras gefilmt, teilt die Leinwand in Hälften. So kann er das Leben der beiden gleichzeitig zeigen, wenn sie sich voneinander entfernen, wenn der Mann etwa – eine Szene mit einer gewissen Komik – badet und sie, wie sie sagt, seinen Schreibtisch aufräumt: nämlich Notizen von ihm in der Toilette hinunterspült. Die Darsteller, die auf Basis von Noés Drehbuch-Entwurf viel improvisiert haben, sind grandios: Dario Argento, 81, von Haus aus Regisseur des manchmal drastischen Grusels („Suspiria“) spielt den Mann, dem alles über den Kopf wächst. Françoise Lebrun, 77, ist sensationell. Sie macht Verwirrung und   Verunsicherung spürbar, ihre Ängste und ihre Trauer, wenn ihr in wachen Momenten bewusst wird, was ihr diese Krankheit unwiederbringlich entreißt.

Diese 135 manchmal brutalen Minuten gehen ans Herz, auch an die Nerven, sie schmerzen oft. Ein meisterlicher Film ohne Sentimentalität, aber voller Dankbarkeit dafür, am Leben zu sein.

„Abteil Nr. 6“ von Juho Kuosmanen

Juho Kuosmanen Abteil Nr. 6

Laura (Seidi Haarla) am Fenster. Frische Luft ist in diesem Zug vonnöten. Foto: Eksystent

 

1500 Kilometer Reise mit der Bahn sind ja lange genug – aber sie drohen sich doppelt so lang anzufühlen, wenn man den Schlafwagen mit Ljoha teilen muss: Der junge, laute Russe mit dem kahlgeschorenen Kopf hat sich im Abteil schon mal breit gemacht, nuckelt abwechselnd an einer Schnapsflasche oder beißt in eine Dauerwurst. Für die Finnin Laura wird es eine lange Fahrt von Moskau nach Murmansk. Dort, nördlich des Polarkreises, will sich die Archäologiestudentin historische Felszeichnungen ansehen; der Minenarbeiter Ljoha will in Murmansk vor allem Geld verdienen. Doch erst einmal muss dieses ungleiche Duo die Reise im engen Abteil überstehen, ohne sich gegenseitig eine Wodkaflasche auf den Kopf zu schlagen (oder eine Dauerwurst).​

Zugegeben – es ist eine ziemlich stereotype Roadmovie-Konstruktion, die dem Film „Abteil Nr. 6“ zugrunde liegt: zwei wie Hund und Katz; auf einer Reise, bei der der Weg das Ziel ist. Und doch nimmt der zweite Langfilm des Finnen Juho Kuosmanen („Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“) mit und berührt. Da begegnen sich zwei verlorene Seelen, wobei Ljoha die weniger plastisch gezeichnete Figur bleibt. Im Zentrum steht Laura, deren zerbrechliche Lebenssituation zu Beginn in einer vieldeutigen Partyszene klar wird: Sie lebt in Moskau mit ihrer Freundin, die zu Lauras Abschied in Richtung Murmansk eine Feier gibt – mit Moskauer Hochschul-Intelligenzia, die beim Zitate-Raten Laura spüren lässt, dass sie nicht ganz dazu gehört. Der Film macht in kleinen Gesten und Momenten der Unbehaglichkeit spürbar, dass diesem Paar keine große Zukunft winkt. Eigentlich wollten beide zusammen nach Murmansk, doch die Freundin sagt ab – wegen zu viel Arbeit, wie sie versichert. Man darf seine Zweifel haben.​

Ljoha (Juri Borisow) und Laura (Seidi Haarla) in der Arktis. Foto: Eksystent

Ljoha (Juri Borisow) und Laura (Seidi Haarla) in der Arktis. Foto: Eksystent

Schon in diesen Momenten zieht die intime Inszenierung in den Bann, mit der beweglichen Kamera-Arbeit von Jani-Pettereri Passi, der den Figuren sehr nahe kommt. Sei es in der Moskauer Wohnung oder dann im Zug: Die Bilder machen die Enge körperlich spürbar, eine Kamerafahrt wirkt wie eine kleine Hommage an die Arbeit von Jost Vacano in „Das Boot“, wenn das Auge durch lange, übervölkerte Gänge streift, denen eines Unterseebootes nicht unähnlich. Da gelingt dem Film eine ungemein dichte Atmosphäre, man glaubt, den Dunst zu riechen. Aus Wodka, Zigarettenrauch, Essen und allzu lange nicht gewechselten Socken.​

„Jeder ist irgendwie einsam“​

Hier beginnt, nach einem ruppigen Beginn, eine zarte Annäherung zwischen dem prolligen Ljoha und der anfangs eingeschüchterten Laura, während nachts die Lichter der Städte am Fenster vorbeiflirren und die ersten Schneeflocken. Um Schranken geht es, die erstmal überwunden werden müssen: die von Sprache, Herkunft, Nationalität, Milieu und Bildung. Die Darsteller Seidi Haarla und Juri Borisow sind dabei famos, sie spielen feinnervig und lassen die Emotionen spürbar werden: Ljoha schwadroniert, hochprozentig benebelt, von der „Größe Russlands“ (der Film spielt in den späten 1990ern) und hält Laura erst einmal für eine Prostituierte, die in Murmansk „ihre Muschi miauen“ lassen will; zugleich kann er eine ziemlich zarte Person sein, auch wenn er im Artikulieren von Gefühlen offenkundig keine allzu große Erfahrung hat. Dazu passt seine stille Eifersucht, als kurzzeitig ein gitarrespielender Finne mit im Abteil sitzt; der zelebriert eine lässige Aussteiger-Attitüde, produziert Kalendersprüche wie „Jeder ist irgendwie einsam“ und erweist sich dann als gar nicht so sozial, wie er tut. Je länger diese Reise dauert, desto klarer wird Laura, dass ihr Moskauer Leben sie wenig glücklich gemacht hat. Sie und Ljoha sind Suchende – bloß wonach?​

„Abteil Nr. 6“ ist, wie Kuosmanens „Olli Mäki“, eine Ko-Produktion des Saarländischen Rundfunks, wurde in Cannes prämiert, erlebte aber einen holprigen Kinostart Ende März in Deutschland: Die Cinestar-Kette hatte den Film zu Beginn des Krieges in der Ukraine kurzfristig aus dem Programm genommen, weil Hauptdarsteller Juri Borisow Russe ist – der sich öffentlich gegen den Krieg wandte; schnell sprach das Unternehmen dann von einem „Missverständnis“ und nahm den Film bundesweit wieder ins Programm. Saarbrücker Premiere ist im Kino Achteinhalb.  ​

Der Film erzählt von der aufkeimenden Freundschaft –  vielleicht Liebe, vielleicht platonisch, vielleicht nicht – mit Humor, Gefühl und einiger Spannung. Doch nach der Ankunft in Murmansk verliert „Abteil Nr. 6“ etwas von seiner filmischen Kraft: Da wirkt er konstruierter als zuvor. Man rätselt über manche Handlung der Figuren, die zuvor schlüssiger wirkten; man spürt auch, dass die beiden Darsteller sich mühen müssen, um den Zuschauer weiter mitzunehmen. Doch ihnen gelingt es.​

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