Über Film und dieses & jenes

Monat: April 2023

„Polizeiaktion Dynamit“ von Gilles Grangier

 

An dieser bösartigen Suspense-Idee hätte auch Hitchcock seine finstere Freude gehabt, etwas Ähnliches hatte er 1936 in „Sabotage“ durchgespielt: Pariser Jungs laufen mit einem Fußball voller Dynamit durch die Stadt, ohne zu ahnen, dass ihr Spielzeug eine Bombe ist. Die Polizei weiß Bescheid – aber Paris ist groß. „Polizeiaktion Dynamit“, so der etwas reißerische deutsche Titel (der Originaltitel bedeutet eher „Missglückte Übergabe“) ist ein kleiner feiner Krimi von 1957 mit exzellenter Besetzung: Serge Reggiani spielt einen Drogenkurier, der aus dem Geschäft aussteigen will, Jeanne Moreau seine Freundin, und Gert Fröbe gibt, sieben Jahre vor „Goldfinger“, den Chef der Drogenbande. Im französischen Original heißt er Hans und flucht schon mal ein herzhaftes „Himmelherrgott!“, in der Synchro heißt er dagegen Jean.

Regisseur Gilles Grangier erzählt die Ermittlungsarbeit schnörkellos, während die Kommunikationstechnik wundersam antik wirkt: mit meterlangen Karteikästen und Polizisten, die stets Kleingeld und Telefonzellen für Anrufe ins Präsidium brauchen. Das Finale mit Bandenrazzia und Fußballfund bietet Action und Spannung, das Bild des 2021 restaurierten Films ist exzellent – und es gibt untertitelte Passagen, die einst im deutschen Kino nicht zu sehen waren.

Auf DVD erschienen bei Pidax.

„Can and Me“ über Irmin Schmidt

Foto: Televisor Troika / Real Fiction Can and Me

Irmin Schmidt zu der Zeit von Can.   Foto: Televisor Troika / Real Fiction

 

Ein großes Glück, dass er beruflich nicht das wurde, was sich sein Vater so sehr gewünscht hat: Architekt. Mit Konstruktion und Form hat Irmin Schmidt dennoch lebenslang zu tun – als Musiker, Komponist, als umtriebiger Experimentierer, unter anderem als Gründer einer Band, die Musikgeschichte schrieb und auch im Ausland gefeiert wurde und wird: Can. Die Doku „Can and me“ widmet sich Schmidt, der im Film einen Satz sagt, der wie ein Lebensmotto klingt: „Kategorien interessieren mich nicht so doll.“ Hätten sie das getan, hätte er den flirrenden Can-Krautrock, Symphonisches, Elektroklänge und Filmmusik nicht derart mühelos unter einen (ziemlich großen) Hut bekommen. Mit Bildern eines Can-Konzerts in den 1970ern beginnt der Film: mit dampfenden Haschpfeifchen im Publikum, wallenden Haaren, Koteletten bis zum Schlüsselbein vor und auf der Bühne, mit hypnotisierenden Rhythmen. Dann ein harter Schnitt: Wir sind in der Provence, wo Schmidt, mittlerweile 85, in einem abgelegenen Haus lebt – die Lavendelbüsche rauschen im Wind, und Schmidt genießt das, was er morgens braucht, bevor er im Heimstudio an Klängen und Musik werkelt: Stille. „Für mich das wichtigste Geräusch.“

„Ich wollte es verstehen“

Mit Erzählungen Schmidts, Fotos und Archivaufnahmen blättert Filmemacher Michael P.  Aust das Leben des Musikers auf – beginnend mit Erinnerungen an Bombenangriffe (Schmidt ist Jahrgang 1937), an die Stimme Mussolinis im „Volksempfänger“ und die „Wunde meines Lebens“: Schmidts Vater ist zuhause ein „gütiger Mensch“, zugleich „Antisemit und Nazi“. Mit 14 verkauft Schmidt seine Spielzeugeisenbahn und schafft sich zwei Schallplatten an, von denen eine prägend wird für sein Leben: Strawinskys „Sacre de Printemps“, eine Komposition, die ihm Rätsel aufgibt: „Ich wollte es verstehen.“ Schmidts damaliger Berufswunsch: „Ein Dirigent, weltberühmt.“ Er studiert unter anderem bei Karlheinz Stockhausen, dessen Komposition „Gesang der Jünglinge“ ihn ebenso begeistert wie erschreckt.

Irmin Schmidt heute, mit Mitte 80. Foto. televisor Troika / Real Fiction

Irmin Schmidt heute, mit Mitte 80. Foto: Televisor Troika / Real Fiction

In dieser Zeit lernt er seine spätere Frau Hildegard kennen, die er ebenso als Feingeist beeindruckt wie durch Beweglichkeit – mit einem Flic Flac. Mittlerweile sind die beiden über 60 Jahre zusammen – und nebenbei ist „Can and Me“ auch ein berührender Film über die Langzeit-Liebe. Schmidts Karriere als Neuer-Musik-Feingeist im Rollkragenpulli scheint vorgezeichnet; doch bei einem Dirigierwettbewerb 1966 in New York findet er alles interessanter als den Wettbewerb selbst – zum Beispiel ein Treffen mit Komponist Steve Reich. In Schmidt brodelt es, „und aus diesem Brodeln entstand Can“.

Interview mit Musiker Stephan Mathieu

Über zehn Jahre ist der Band-Nukleus um Schmidt, Jaki Liebezeit, Holger Czukay und Michael Karoli zusammen, der Film zeigt Konzertmitschnitte und Interviews, auch aus den Filmarbeiten – darunter 1971 das Titelthema zum Krimi-Dreiteiler „Das Messer“, dessen Regisseur Rolf von Sydow die Musik nicht im Film haben will; die Rettung ist der Neunkircher Günter Rohrbach, damals ARD-Fernsehspielchef. Der entscheidet sich, so erinnert sich Schmidt: „Das bleibt.“

Gary Numan in Luxemburg

Man hört ihm gerne zu

Die Single wird ein Hit, aber langsam „verbraucht sich die Spannung, die es für so eine Gruppe braucht“, gibt Schmidt zu. Can driftet auseinander, Schmidt wendet sich mehr der Filmmusik zu, schreibt für „Tatorte“ und Wim Wenders, komponiert eine Oper, unter anderem, weil seine Heilerin, die ihn von Kopfschmerzen erlöst, ihm das rät. „Gormenghast“ ist laut Schmidt ein Publikumserfolg, „aber die Kritiker fanden es Scheiße“. Nicht nur hier erweist sich Schmidt als Freund des Unverblümten und des Unprätentiösen – ein großes Pfund für diese Doku. Diesem Herrn mit der Ausstrahlung eines lässigen Onkels oder Großvaters, hört man sehr gerne zu – ebenso wie seiner Frau, die sich bei Can um Organisation und Finanzen kümmerte, jetzt in der Provence das Unternehmen leitet – zum Beispiel, wenn es darum geht, alte Can-Aufnahmen durch Remix-Veröffentlichungen, etwa von Westbam oder Brian Eno, einem neuen Publikum nahezubringen. Melancholisch stimmt dabei, dass Schmidt der einzige noch lebende Can-Gründer ist; seine alten Kollegen sieht man im Film noch in Interviews, aber sie sind schon einige Jahre tot. Schmidt ist quicklebendig und bastelt in der Provence weiter an Klängen: In den letzten Bildern von „Can and Me“ durchsucht er Schubladen in seinem Studio – und klemmt dann Schrauben zwischen die Saiten seines Flügels.

Die unbarmherzigen Schwestern: „Medusa“ von Anita Rocha da Silveira

"Medusa"

Trällern für Jesus und das Patriarchat: „Michele and the Treasures of the Lord“.  Foto: Drop-Out Cinema

Diese jungen Frauen wirken, als könne kein Wässerchen sie trüben. Doch wehe, wenn es Nacht wird und sie ihren Unschuldsblick hinter weißen Masken begraben. Da gehen die Damen, die sonst in der Band „Michele and the Treasures of the Lord“ zuckersüßen Pop zu Ehren Gottes trällern, auf die Jagd: auf Frauen, die nach ihrer Auffassung, sündigen – etwa durch Sex vor der Ehe. Da treten die unbarmherzigen Schwestern zu, filmen die erpresste Beichte und zählen dann die Likes im Internet. Bei einem Überfall aber gerät Bandenmitglied Mariana an ein überraschendes Opfer – es wehrt sich mit einem Messer, Mariana trägt eine Narbe auf der Wange davon, was sie in ihrem Umfeld nahezu zur Aussätzigen macht: Den Job im Schönheitssalon verliert sie, da man dort nur glatte Haut sehen mag; bei den Freundinnen, für die Schönheit das elfte Gebot ist, muss sie die Narbe mit ihren Haaren bedecken.

Um sich in der Bande wieder zu etablieren, plant sie einen Coup: Einst wurde eine allzu lebenslustige und allzu schöne Schauspielerin von einer Banden-Glaubensschwester mit Benzin in Brand gesteckt. Sie überlebte, hat sich aber wegen ihrer Entstellung zurückgezogen. Gelänge von ihr ein Foto, wäre das eine mediale Sensation. So macht sich Mariana auf die Suche – zuerst in einer Klinik für Komapatienten.

Grüße von Argento und Carpenter

„Medusa“ ist der zweite Spielfilm der Brasilianerin Anita Rocha da Silveira. Inspiriert – und beunruhigt – von wachsender Gewalt in ihrer Heimat durch ultraorthodoxe Gläubige gegen Andersdenkende und -lebende, hat sie eine bunte Groteske geschrieben: zwischen schwarzer Komödie und Horror, zwischen Satire und zorniger Anklage. Mit wundersamen Bildern im Breitwandformat (Kamera: João Atala) erschafft sie eine stilisierte Welt der Bonbon- und Neonfarben für die Jesus-Barbies; bei den nächtlichen Streifzügen pulsieren sämige Synthesizer-Klänge – da sind Dario Argento für die Optik und John Carpenter für die Musik durchaus Referenzen.

Als Mariana eine andere, liebevollere Welt entdeckt, sieht sie (und das Publikum) andere Farben – erdig, näher an der Wirklichkeit, da wird ein Wald zur Gegenwelt des ultrakonservativen Milieus, in dem Frauen engelsrein sein sollen, in dem Männer sich paramilitärisch kleiden und ihre Körper stählen – eine Wehrsportgruppe Christi? Um Glaubenskritik geht es der Filmemacherin nicht, betont sie, sondern um Religions- und Unterdrückungsstrukturen. Die betrachtet sie weniger analytisch denn manchmal plakativ, so dass der Sog der Bilder, gerade bei der Rebellion Marinas, besser gelingt als Erklärung und Erkenntnis. Aber das nimmt dem Film nur wenig von seiner Kraft.

„Das Blau des Kaftans“ von Maryam Touzani

Das Blau des Kaftans

Saleh Bakri als Halim, Lubna Azabal als Mina.   Foto: Arsenal

 

Die Liebe ist eine Himmelsmacht – und in diesem sehr berührenden Film auch ein Stück Stoff, zumindest symbolisch. Der Kaftan im Laden von Mina und Halim leuchtet strahlend blau, ist eine Auftragsarbeit höchster Schneiderkunst und muss, wie Halim sagt, „der Zeit standhalten“ und seine Besitzer von Generation zu Generation überleben. Das Ehepaar führt eine Schneiderei in der Altstadt von Salé in Marokko, die Zeiten sind schwierig für sie: Die Handwerkskunst Halims wissen immer weniger Kundinnen und Kunden zu schätzen; „niemand merkt den Unterschied zwischen Handarbeit und Nähmaschine“, sagt ihm eine Kundin. Eine andere rät ihm, „einfach schneller zu arbeiten“, denn er gerät mit seinen Aufträgen, die ihre Zeit brauchen, in Rückstand.

Das Handwerk lernen will kaum noch jemand, aber mit dem jungen Youssef scheint das Paar einen talentierten Lehrling gefunden zu haben. Der sei „in Ordnung“, sagt Halim. „Mehr nicht?“, fragt Mina – und es ist klar, wie die Frage gemeint ist. Denn sie weiß, was man im Film bei einem Gang Halims ins Dampfbad erfährt: Er ist homosexuell, sucht und findet dort eher Sex als Romantik, schnell und im Verborgenen. Um Liebe geht es da nicht, denn die empfindet er für seine Frau – während sich zwischen ihm und dem neuen Lehrling auch eine Zuneigung entwickelt. Diese Grundkonstellation mag sich etwas konstruiert und platt lesen – der Film selbst ist es nicht. „Das Blau des Kaftans“ ist ein wunderbar intimes Kammerspiel mit vielen Zwischentönen und Schattierungen. Die Dialoge sind knapp, aber vielsagend, die Musik sparsam, jede Geste und jeder Blick zählen in diesem Film, in dem es nicht um homo contra hetero geht, sondern, so schlicht und einfach wie kompliziert, um die Liebe zwischen Menschen.

Die Ehe von Halim und Mina scheint anfangs erlahmt zu sein, vom Alltag etwas ausgebleicht; doch immer wieder zeigen kleine Momente, wie nahe sich die beiden stehen – unter anderen in einer vielsagenden Szene, in der er sie mit in ein Café nimmt, wo sich ausschließlich Männer vor einem Fernseher tummeln und ein Fußballspiel kommentieren. Der Kellner ignoriert die Frau, Halim bestellt für sie, und irgendwie genießen die beiden, hier zusammen zu sein – sie, die offensichtlich Unerwünschte, und er, der in dieser Männerherde sozusagen unerkannt bleibt. Notgedrungen, drohen in Marokko für Homosexualität doch bis zu drei Jahre Haft.

„Das Blau des Kaftans“ ist der zweite Spielfilm der marokkanischen Autorin und Regisseurin Maryam Touzani. In ihrem Debüt „Adam“ über die Freundschaft zweier Frauen in Casablanca spielte Lubna Azabal eine Hauptrolle wie im „Kaftan“. Erneut bietet sie eine intensive Darstellung: hier als Frau, die durchaus mit Eifersucht auf den neuen Lehrling reagiert, zugleich ihren Mann schützen will und ermuntern, sich nicht derart zurückzuziehen, wie er es tut. Saleh Bakri spielt den Ehemann mit einer stillen Autorität, die doch immer wieder zu bröckeln droht – möglicherweise schämt sich Halim für seine unpersönlichen, wohl lieblosen Sex-Ausflüge im Dampfbad (der Film ist da sehr diskret, mehr als nackte Männerfüße und eine heruntergelassene Unterhose sieht man nicht). Ayoub Messioui spielt den Lehrling, dem schnell klar wird, dass er hier in eine sehr komplexe Beziehung eindringt, als er sich zu Halim hingezogen fühlt. Zumal sich die Situation noch zuspitzt, als Mina ernsthaft erkrankt.

Die Bildsprache des Films ist meisterlich. Die Kamerafrau Virginie Surdej zeigt die Räume in erdigen Farben, aus dem die Stoffe der Schneiderei – vor allem das Blau des Kaftans – immer wieder herausstrahlen. Die Kamera ist nahe an Gesichtern, an nähenden Fingern, an schwitzenden Körpern im Dampfbad. Alles wirkt hier zugleich heimelig wie beengend, der Film verbleibt bis fast zum Ende, bei dem der titelgebende Kaftan eine Rolle spielt, in den Gassen der Altstadt; das nahe Meer können die Figuren nur erschnuppern, wie eine Verheißung auf ein freieres Leben, das den Dreien dann doch zumindest vorübergehend gelingt. Eine Utopie? Wenn ja, dann keine naive – der Film schließt mit einem Bild, das so optimistisch wie melancholisch ist, Freiheit und Unfreiheit zusammenbringt.

„Das malvenfarbene Taxi“ von Yves Boisset

Verlorene Seelen an der irischen See: Gepflegte Melancholie zieht sich durch Yves Boissets 1977er-Film, in dem jede Figur ihre Abgründe hat – und ihre Gründe, sich hierher verkrochen zu haben. Da ist ein Pariser Schriftsteller, anscheinend in der Midlife-Krise. Ihn verbindet eine stille Männerfreundschaft mit einem jungen Amerikaner, anscheinend auf der Flucht vor seiner Familie. Ein extrovertierter Exilrusse mit scheinbar verstummter Tochter ist auch mit von der Partie.


Sie leben von einem auf den anderen Tag, man jagt und trinkt – und trauert irgendwie, jeder mit eigenem Motiv. In diese Runde der angeschlagenen Mannsbilder bringt eine Frau ziemliche Unruhe: die adelige Schwester des Amerikaners, die sich dem Personal ihres Hotels mit einem grandiosen Arroganz-Auftritt vorstellt, dem Pariser Schriftsteller mit einem ebenso grandiosen Oben-Ohne-Auftritt. Charlotte Rampling spielt die Prinzessin mit unnahbarer Unberechenbarkeit; auch sonst kann sich Boisset auf seine Darsteller verlassen, vor allem Philippe Noiret als Autor und Peter Ustinov als Exilrusse. Bittersüß ist dieser Film, in dem sich einige Lebenslügen entfalten. Der Off-Kommentar des Schriftstellers mag etwas prätentiös klingen, aber ansonsten hat dieses langsam vor sich hin köchelnde Drama einigen Reiz.

DVD von Pidax.

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