Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: Januar 2022

„OSS 117 – Liebesgrüße aus Afrika“ mit Jean Dujardin

OSS 117 Jean Dujardin Liebesgrüße aus Afrika

OSS 117 (Jean Dujardin) erkundet die Tierwelt Afrikas. Foto: Koch Films

„Jeder Mensch träumt davon, Franzose zu sein!“ So sieht es jedenfalls der französische Agent Hubert Bonisseur de la Bath  – alias OSS 117. Diese Erkenntnis deklamiert er gerne mit stolzespraller Brust, auch in russischer Gefangenschaft in Afghanistan an Neujahr 1981. Da und dort beginnt die mittlerweile dritte Komödie mit dem gallischen Oscar-Preisträger Jean Dujardin („The Artist“) als französischem Agent;  die Figur OSS 117 nahm ihren Anfang ab 1949 in Spionage-Romanen von Jean Bruce. Die wurden dann in den 1960ern fürs Kino verfilmt, als James-Bond-Imitate mit herrlich reißerischen Titeln wie „Pulverfass Bahia“ oder „Teufelstanz in Tokio“ – an den Glamour von 007 kamen sie allerdings nicht heran.

Jean Dujardin, einer der großen Stars Frankreichs zurzeit, drehte 2006 und 2009 die ersten beiden Komödien, teils Parodie auf Bond und das Spionage-Kino, teils Satire auf ungehemmten Chauvinismus und eine gewisse Dummheit: Frauen sind für OSS 117 nicht ganz ernst zu nehmen, auf andere Länder und Kulturen blickt er milde lächelnd herab – und dass es tatsächlich Franzosen gab, die nicht in der Résistance waren, hält er für ein böswilliges Gerücht. Zwei sehr charmante Filme sind das, denen das fast Unmögliche gelang: die Kinos zu füllen und zugleich eine gute Kritik in der cineastischen Bibel „Cahiers du Cinema“ zu bekommen. Parbleu!

Nun erscheint, 12 Jahre nach dem Vorgänger, das dritte Abenteuer bei uns im Heimkino – dessen deutscher Titel „Liebesgrüße aus Afrika“ erinnert an den Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“, der Originaltitel klingt herrlich nach einem knallbunten 60er-Jahre-Agentenfilm: „Alerte rouge en Afrique Noir“. Die Mission diesmal: In einem afrikanischen Staat soll OSS 117 die drohende Rebellion gegen den Machthaber zerschlagen – der mag zwar ein Tyrann sein, aber er ist „ein Freund Frankreichs“, wie der Chef des Agenten ihm mitteilt – schließlich liegen in seinem Land Diamantminen, deren Erlöse nicht zuletzt in Richtung Paris fließen. OSS 117 nimmt die Arbeit auf, unter dem schönen Decknamen Émile Cousin, hat dabei aber Hilfe, die er gar nicht will: OSS 1001 (Pierre Niney), ein Nachwuchsagent voller Heldenverehrung für den legendären 117; die schwindet vor Ort dann allerdings, wird ihm die Inkompetenz des älteren Kollegen doch schmerzhaft deutlich.

„Aus Spaß spricht niemand Deutsch.“

Das ist der grobe Handlungsrahmen, den Drehbuchautor Jean-Francois Halin und Regisseur Nicolas Bedos mit einiger Situationskomik füllen und mit schönen schrägen Ideen – der Leopard des afrikanischen Tyrannen hört nur auf  Kommandos in gebrülltem Deutsch, weil das die effektivste Befehlssprache sei. „Aus Spaß spricht niemand Deutsch.“ Und die Titelsequenz ist eine sinnige Hommage plus Parodie an/über James-Bond-Titelvorspänne vor allem aus den 80ern.

Der grundlegende und große Reiz des Films – die deutsche Fassung besorgte Oliver Kalkofe – liegt aber darin, wie er ein konservatives Milieu zeichnet: Auf dem Weg ins Pariser Büro kommt OSS 117 an einem Wahlplakat des damals amtierenden Präsidenten Giscard d’Estaing vorbei und salutiert – ein Plakat weiter hängt das Bild des Rivalen Francois Mitterand, das OSS 117 in den Grundfesten erschüttert. Die Franzosen würden nie den Fehler machen, Mitterand zu wählen, spekuliert er – und wenn doch, dann müsse man sich einstellen auf „kein Privateigentum, Schlangen vor leeren Supermärkten, kein Wasser, aber sowjetische Panzer auf der Champs Élysées“. Es kam dann ja doch anders.

Im Geheimdienstbüro wird kollektiv gekichert über den Wunsch der afrikanischen Staaten, unabhängig zu sein. Vor Ort bemüht sich OSS nach Kräften, nicht als Rassist zu gelten, seien die Afrikaner in diesem Punkt „doch etwas empfindlich und humorlos“; lieber steckt er kleinen bettelnden Kindern Zigaretten zu, um großzügig zu wirken. Und es fallen Sätze, die man so oder ähnlich wohl auch schon mal gehört hat und die hier treffend vorgeführt werden: „Afrikaner sind fröhlich und tanzen gerne“, „Ich kann gar kein Rassist sein – sonst würde ich ja nicht Eure Kleidung tragen“ oder „Ihr seid mit so wenig so zufrieden“.

De Gaulle hilft gegen Impotenz

Neben der satirischen Veralberung von Kolonialismus und Rassismus geht es auch um die Midlife-Krise: Der 30 Jahre jüngere Kollege macht dem Agenten sein Alter deutlich klar, den hier auch überraschende Anfälle von Impotenz quälen. Da hilft nur eines (in einer sehr schönen Montage): an Frankreich denken, an Charles de Gaulle, an Düsenjäger, die über den Triumphbogen sausen – und schon ist das Problem des durchhängenden Eifelturms gelöst.

Die beiden ersten Filme mit OSS 117 haben möglicherweise die größeren Gags, bei „Liebesgrüße aus Afrika“ stellt sich eher ein Dauergrinsen ein als ein lautes Lachen. Aber in der Zeichnung seines Antihelden ist er konsequenter und am Ende überraschend finster: Das Herz für Rebellion und Demokratie entdeckt OSS 117 bis zuletzt nicht, er bleibt wie er ist: ein Mann der Realpolitik – und des Popo-Patschens im Büro als kernige Begrüßung.

Erschienen als DVD und Bluray bei Koch Films.
Fünf alte OSS-117-Filme (1963-1968) erscheinen im April bei der Riegelsberger Firma Pidax als DVD-Box.

Farö, bittersüß: „Bergman Island“ von Mia Hansen-Løve

Vicky Krieps als Chris, Tim Roth als Tony. Weltkino Bergman Island

Vicky Krieps als Chris, Tim Roth als Tony. Foto: Weltkino

Man kann das Beziehungs-Schicksal auch herausfordern. Will man wirklich seinen Sommerurlaub auf der Insel Farö in jenem Haus verbringen, wo Ingmar Bergman Teile seines Films „Szenen einer Ehe“ drehte? Ein Werk, das Millionen Paare dazu brachte, sich scheiden zu lassen, wie es im Film „Bergman Island“ heißt? Das Künstlerpaar Chris und Tony (Vicky Krieps und Tim Roth) lässt sich nicht abschrecken. Im Gegenteil: Hier wollen sie einen Sommer lang leben und arbeiten – sie ist Drehbuchautorin, er Drehbuchautor und Regisseur. Er will etwas schreiben über jenes „Unsichtbare“, was zwischen Liebenden zirkuliert, und kommt mit der Arbeit gut voran. Sie dagegen quält sich mit ihrer Geschichte, in der es auch um Liebe geht. Zudem sei die „Ruhe und Perfektion hier bedrückend“.

Zu Beginn ist „Bergman Island“ ein trügerisch leichter Film. Chris und Tony leben sich schnell ein in diesem malerischen Flecken in der Ostsee. Während der Wind zart durch die Bäume streicht, schreibt er im Haus, sie in der Mühle nebenan, bei der Arbeit können sie sich zuwinken, abends können sie sich austauschen. Doch die Künstler- und Ehe-Idylle ist nicht ganz so stabil, wie es den Anschein hat, auch wenn das nicht ausgesprochen wird – es sind die kleinen Blicke und Gesten, die eine gewisse Spannung unter der Oberfläche verraten. Hat diese Ehe ihre erste romantische Sturm-und-Drang-Phase hinter sich und steuert nun ruhigere Gewässer an – wobei Chris dafür im Gegensatz zu ihrem Jahrzehnte älteren Lebenspartner etwas zu jung wirkt? Und welche Wirkung hat der Umstand, dass Tony im Filmgeschäft deutlich etablierter ist als seine Frau?

Das Alles lässt die französische Autorin und Regisseurin Mia Hansen-Love behutsam anklingen, formuliert es filmisch aber nicht überdeutlich aus. Vieles bleibt ungesagt, ist aber spürbar. Wunderbar ist es, wie die Luxemburger Schauspielerin Vicky Krieps ihre Figur zwischen jugendlicher Stärke und einer gewissen Unsicherheit anlegt, während Tim Roth seinen Autor in einer Grauzone zwischen gesetzter Selbstsicherheit und  leichter Arroganz platziert.

Film-Im-Film

Diesem Tony fehlt das letzte Fünkchen wortwörtliches Mitgefühl, als Christine ihm von ihren Schreibqualen angesichts ihres Drehbuchs erzählt – worin es darin geht, erzählt „Bergman Island“ in einer überraschenden Film-im-Film-Konstruktion. Plötzlich geht es, ebenfalls auf Farö, um eine andere Liebesgeschichte: Da trifft die Filmemacherin Amy (Mia Wasikowska) ihre alte, aber verflossene Liebe Joseph (Anders Danielsen Lie) bei einer geplanten Hochzeit auf der Insel. Die alten Gefühle köcheln schnell wieder, es folgt das Absehbare: Annäherung, Liebesschwüre, eine gemeinsame Nacht, dann prompt Zweifel, Schuldgefühle, Verlassenwerden, Tränen.

Mia Wasikowska und Anders Danielsen Lie in "Bergman Island".

Mia Wasikowska und Anders Danielsen Lie im Film-im-Film. Foto: Weltkino

Diese Liebesgeschichte ist trotz aller Liebesglut weniger interessant als die Hauptgeschichte: Diese beiden (Amy und Joseph) möchte man bei ihrer wortreichen, aber etwas banalen Liebes- und Sinnsuche („Warum sie, warum nicht ich.“ – „Ich weiß es nicht. So ist das Leben.“) mal an den Schultern packen, ordentlich durchrütteln und ihnen raten, sich klarzumachen, was sie eigentlich wollen, und dementsprechend zu handeln. Da verliert „Bergman Island“ vorübergehend etwas von seiner Kraft, schlägt aber einen eleganten (und überraschenden) Bogen zurück zu Tony und Chris – und bleibt dabei weiter reizvoll zurückhaltend.

Und Ingmar Bergman, der große Schwede, der auf Farö lebte, arbeitete, starb und sein Haus plus Heimkino einer Stiftung überließ? Dem huldigt der Film in gewisser Weise – sein Werk mit einem gnadenlosen Blick auf die menschliche Natur und die Liebe strahlt durchaus ab, aber es geht auch um die Rolle der Kunst in einer Familie. Bergman, fünfmal verheiratet, hatte neun Kinder mit sechs Frauen, eine Tochter erfuhr erst spät, wer ihr Vater ist; ein Familienleben interessierte ihn weniger als Filmemachen. „Kann man nicht gleichzeitig ein großes Werk schaffen und sich trotzdem um seine Familie kümmern?“, fragt Autorin Chris im Film – beantwortet von kollektivem Achselzucken und dem Hinweis, wenn man Film und Theater macht, könne man eben keine Windeln wechseln. Ob man das bei einer Regisseurin auch so gesehen hätte? „Bergman war im Leben so grausam wie in seinen Filmen“, heißt es im Film.

Los geht’s auf „Bergman-Safari“

Im Werk von Bergman, der posthum auf der Insel ein Hochkulturtourismus-Magnet mit einer jährlichen „Bergman-Safari“ ist, muss man sich dennoch nicht auskennen, um „Bergman Island“ zu schätzen. Vielleicht macht sich die Regisseurin ja auch ein bisschen lustig über die oft tränenschweren Werke des Schweden, wenn das Verlieren bei einem Brettspiel zu Sätzen führt wie „Du magst es eben nicht, wenn Dir die Dinge entgleiten“. Auch muss man nicht zwingend wissen, dass dieser bittersüße Film starke autobiografische Bezüge zur Regisseurin/Autorin  Mia Hansen-Love und ihrer Beziehung zum Kollegen Oliver Assayas („Die Wolken von Sils Maria“) besitzt. Die Geschichte von Chris und Tony trägt auch so – bis zum letzten Moment, einem vielsagenden Blick.

Warum ist „Don’t look Up“ so enttäuschend?

Jennifer Lawrence, Leonardo DiCaprio und Rob Morgan in einer Szene von „Don·t Look Up“. Foto: Niko Tavernise/Netflix/dpa

Die schwarze Komödie „Don‘t look Up“ erzählt vom Weltuntergang und verblödeter Politik, von hysterischen sozialen Medien und Wissenschaftsleugnung, garniert mit vielen Stars. Warum enttäuscht der Film dennoch? 

Sicher – es ist ein Film, der bestens in unsere Zeit passt und auch in diesen Coronawinter: Um Ignoranz und Wissenschaftsleugnung geht es, um die vielbeschworene „Spaltung der Gesellschaft“, um Hass und Hysterie in den sozialen Medien, um Celebrity-Kult, um eine korrupte US-Politik – und den Weltuntergang. Nur: Warum lässt einen die schwarze Komödie „Don’t look Up“ dann doch merkwürdig unberührt zurück? Trotz des sichtlichen Aufwands, trotz des enormen Star-Auftriebs, trotz der Themen?

In den ersten Filmszenen entdeckt die Wissenschaftlerin Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) einen Kometen, der sich zielsicher der Erde nähert. Professor Randall Mindy (Leonardo DiCaprio) errechnet die Folgen – der Himmelskörper wird in sechs Monaten und 14 Tagen auf der Erde einschlagen und die Menschheit auslöschen. Eine Hiobsbotschaft, die die amtierende US-Präsidentin (Meryl Streep als weiblicher Trump) und ihren betont ungehobelten Sohn (Jonah Hill) nicht aus der Fassung bringt, sondern nur ein wenig beunruhigt: Denn schlechte Nachrichten wie diese könnten die wichtige Zwischenwahl in drei Wochen negativ beeinflussen. Und überhaupt: Eine Aufschlagswahrscheinlichkeit von 99,78 Prozent sei eben nicht hundertprozentig. Und 70 Prozent klinge dann gleich viel wählerfreundlicher und sei ja fast dasselbe.

Ähnliche Ignoranz schlägt dem Wissenschafts-Duo seitens der Medien entgegen – als Dibiasky deshalb in einer Smalltalk-TV-Show die gezwungene gute Laune stört, indem sie die Prognose vom Ende der Welt herausschreit, ist ihr mediales Schicksal besiegelt: Das Foto ihres Ausbruchs rauscht durch die sozialen Netzwerke, fortan gilt sie als Kreisch-Hexe der Wissenschaft. Mindy dagegen wird zum „sexy Wissenschaftler“ erklärt und fortan eingeladen zu: a) weiteren Talkshows und b) ins Bett der Moderatorin mit dem käsigen Namen Brie Evantee (Cate Blanchett).

Derweil bastelt die US-Regierung dann doch noch an einem Plan, den Kometen per Raketenbeschuss aus der Bahn zu bringen, vor allem, um von einem innenpolitischen Skandal abzulenken – bis der milliardenschwere Technik-Guru Peter Isherwell (Mark Rylance als eine messianisch verehrte Mischung aus Steve Jobs und Elon Musk) eine andere Idee entwickelt: Da der Komet sündhaft teure Mineralien in sich trägt, die für die Produktion von Handys wichtig sind, soll er im Weltall nicht von seiner Bahn abgelenkt, sondern bloß zerkleinert werden, damit er nur in kleinen Stückchen auf die Erde schlägt. Sicher, viele Menschen würden dabei sterben, „aber damit kommen wir klar“.

Vieles wird angerissen, vieles bleibt an der Oberfläche

Autor, Regisseur und Ko-Produzent Adam McKay (53, Drehbuch-Oscar 2016 für die Kapitalismuskritik „The Big Short“) hat sich thematisch viel vorgenommen. In seinem Film ist der Kometeneinschlag Symbol für den Klimawandel, der von manchen Menschen ebenso geleugnet wird wie im Film der Komet, auch wenn man ihn schon längst am Himmel sehen kann. Den Schauspielprofis wie DiCaprio und Lawrence schaut man bei dieser filmischen Farce gewohnt gerne zu, wobei Cate Blanchett als zynische Gute-Laune-Moderatorin die vielleicht beste Rolle hat.

Doch das alles hilft nur bedingt, wenn McKays Drehbuch zwar enorm in die Breite geht – die zweieinhalb Stunden Laufzeit fühlen sich spürbar lange an –, aber doch an der Oberfläche bleibt; vieles wird angerissen, aber kaum etwas vertieft. Die Figuren bleiben Platzhalter für Stereotypen, exemplarisch der weibliche Trump – Meryl Streep hat zwar ihre komödiantischen Momente, aber die Figur besitzt keine Zwischentöne; zudem ist der Film wenig subtil, wenn er sie demonstrativ vor einem Porträtgemälde von Ex-Präsident Richard Nixon platziert oder sie mit großer Geste vor einem Treibstofftank rauchen lässt, an dem die Warnung „brennbar“ steht. Wirkt eine solche Warnung, abgesehen vom plumpen Symbolismus, nicht auch etwas zahnlos und verspätet angesichts einer erschreckenden Trump-Präsidentschaft und des Sturms eines rechten Mobs auf das Kapitol?

Da scheint McKay seinem Publikum bei Netflix nicht viel Durchblick zuzutrauen, so wie er auch den Großteil Nordamerikas wohl für minderbemittelt hält – auch die Eltern der Wissenschaftlerin, die sie nicht mehr in ihr Haus lassen, weil sie nichts von Politik hören wollen und grundsätzlich jene Jobs befürworten, „die der Komet bringt“. Und dazu weht eine US-Flagge ins Bild – filmischer Populismus aus der linksliberalen Ecke und dabei so plump wie etwa der von wehenden Fahnen gestützte Patriotismus von rechts in Michael Bays Kometenfilm „Armageddon“.

Zugleich aber findet der Film gelungene Bilder für die Ignoranz von Fakten – es gibt organisierte Kometen-Leugner, die unter dem Schlachtruf „Don’t look Up“ beschließen, einfach nicht in den Himmel zum heranrasenden Kometen zu schauen – was man nicht sieht, gibt es eben nicht. So wie man eben auch Corona-Fakten leugnen kann.

Man sollte den ganzen Abspann sehen

Bei seiner durchaus witzigen Geißelung von Medien-Irrsinn und Social-Media-Hysterie bleibt der Film aber stets plakativ an der Oberfläche, Hintergründe oder Erklärungen hat „Don’t look up“ nicht im Sinn. Zudem schleicht sich eine gewisse Selbstgerechtigkeit ein; es wirkt, als klopfe sich der Film dafür auf die Schulter, dass er naheliegende Ziele milde veräppelt. Sein Menschenbild ist dabei ziemlich finster; dieser Galerie von korrupten Politikern, oberflächlichen Influencern und tumben Trumpisten gönnt man den Weltuntergang schon ein wenig – abgesehen von den Wissenschaftlern und ihren Liebsten, die in einem Mittelklasse-Einfamilienhäuschen so etwas wie das letzte Abendmahl abhalten.

Den Film sollte man nicht während des Abspanns abbrechen – einen kleinen originellen Epilog in der Mitte gibt es noch. Dass der Film dann ganz am Ende des Abspanns noch mit einem Gag endet, der nicht recht zündet, passt gut zu „Dont‘ look Up“.

Der Film läuft bei Netflix.

Interview: Wie geht es weiter mit James Bond?

 

Vorsicht, Spoiler-Alarm! Wer sich den jüngsten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ noch anschauen will und nicht weiß, wie er endet, sollte jetzt nicht weiterlesen. Über die Überraschungen des Films, den Mythos 007 und dessen ungewisse Zukunft haben wir mit einem Bond-Kenner gesprochen: Joachim Frenk, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Uni Saarbrücken.

 

Wie überrascht waren Sie von „Keine Zeit zu sterben?“ Immerhin, drei Monate nach Filmstart darf man es ja verraten, wird Bond Vater – und stirbt im Finale.

FRENK Ich war sehr überrascht. Produktionsfirma und Verleih haben  eine exzellente Geheimhaltung betrieben, was bei einem Film über einen Geheimagenten ja eine gewisse Ironie besitzt. Mit Blick auf die vor der Premiere verbreiteten Informationen durfte man einen konventionellen Film vermuten: Bond muss aus dem Ruhestand heraus einen Wissenschaftler einfangen, der eine gefährliche Waffe konstruiert hat. Normale Bond-Kost also, auf Sicherheit gespielt. Dass die Figur Bond in diesem Film stirbt, ist eine Sensation. Denn es ist ein integraler Bestandteil der Bond-Formel, dass Bond immer überlebt, egal wie lächerlich gefährlich das alles ist und wie unwahrscheinlich, dass er lebend herauskommt. Diese Grundbedingung des Bond-Universums wird diesmal aufgegeben.

 

Professor Joachim Frenk.   Foto: Universität Saarbrücken/dpa

Hat Ihnen das gefallen?

FRENK Dramaturgisch ist das sauber geschrieben und von der Handlung her motiviert: Infiziert mit Nanobots weiß Bond, dass er seine Frau und sein Kind nie wird berühren können, weil er ihnen damit den Tod bringen würde. Dann stirbt er lieber. Das ist wie alles bei Bond – völlig verrückt und gleichzeitig in sich schlüssig. Erstaunlich ist auch diese Parallelisierung: Ein Darsteller gibt seine Rolle ab – es ist Daniel Craigs letzter Bond-Film – und damit stirbt gleichzeitig die Figur.

Das macht es dem nächsten Film und dem nächsten Darsteller nicht leicht. Wie kann Bond aus dieser dramaturgischen Sackgasse wieder herauskommen?

FRENK Es gibt viele Möglichkeiten, die auch bereits eifrig öffentlich diskutiert werden: Man präsentiert etwa frisch und fröhlich im nächsten Film einfach den nächsten Darsteller – nach dem Motto „Was kümmert uns der Plot des letzten Films?“. Oder wir bekommen jede Menge Prequels, die in der Vergangenheit vor Bonds Tod spielen. Oder der erzmaskuline Bond wird aufgelöst, und eine Frau spielt zwar nicht die Figur Bond, aber eine Agentin mit der Nummer 007, wie es „Keine Zeit zu sterben“ ja schon geschehen ist.

Da dürften viele Bond-Fans aus dem erzkonservativen Lager entsetzt sein. Deren Reaktionen bei Diskussionen in Internet-Foren über mögliche nicht-weiße oder nicht-männliche Bond-Darsteller sind oft ja schon hysterisch.

FRENK Denen müsste aber auch klar sein, dass die klassische Bond-Formel kaum noch ins 21. Jahrhundert passt, vor allem beim frühen Connery-Bond mit seinen sexistischen Sprüchen, der Schlüpfrigkeit und dem Verschleiß an Frauen. Die sind da hübsches Beiwerk, während der Mann sich durch die Welt ballert. Das wirkt heute alles fragwürdig und aus der Zeit gefallen. Es ist offensichtlich, welchen Spannungen die Bond-Formel heute ausgesetzt ist – einerseits gibt es den Markenkern eines Agenten, der seine Männlichkeit bestätigen und ausstellen muss, mit Gewalt und sexuellen Eroberungen. Andererseits passt das so nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Wie geht man damit um? Kann man die Figur mit Ironie und Augenzwinkern einigermaßen retten? Oder mit moderaten Veränderungen? Wofür steht ein globales Publikum noch zur Verfügung?

Wie geht „Keine Zeit zu sterben“ da vor?

FRENK Der Film macht einige Anstalten, Bond im Blick auf das Thema Gender ins 21. Jahrhundert zu bringen. Bond verschleißt keine Frauen mehr, sondern ist ein unglücklich Liebender, sogar quasi ein treuer Ehemann und Vater. Und die attraktiven Damen, die ihm begegnen, haben ihren eigenen Kopf. Da überlappen sich Darsteller und Rolle, da Daniel Craig in diesen Dingen als bewusster Zeitgenosse gilt. All das sind Korrekturen, um die potenziell peinlichsten Bond-Momente zu entschärfen, so dass das Geschäft nicht aufgegeben werden muss. Die Filme haben ja Milliarden Dollar eingespielt. Solange Bond noch so ein Geschäft ist, wird man dabei bleiben und die Figur retten und modifizieren – nicht zwingend, weil man die Welt besser machen oder etwas Substanzielles über Geschlechterrollen sagen will, sondern weil man Geld verdienen möchte.

Amazon hat für acht Milliarden Dollar das Film-Studio MGM gekauft, dem die Teilrechte an den Bond-Verfilmungen gehört – was bedeutet das für 007? Eventuell Streaming-Serien bei Amazon Prime neben den regelmäßigen Filmen, die ja nur alle paar Jahre im Kino laufen?

FRENK Das wäre durchaus eine Möglichkeit. Wir haben ja auch eine „Herr der Ringe“-Streaming-Serie, obwohl es schon zwei Kino-Trilogien gibt. Erfolgreiche Kino-Reihen werden auf ihre Serien-Tauglichkeit hin abgeklopft. Die großen Player wie Amazon oder Netflix haben die Mittel, extrem aufwendige Serien zu produzieren, da sind enorme Summen im Spiel. Der verfilmte Bond hat übrigens im Fernsehen angefangen – 1954 mit einer Live-Adaption des Romans „Casino Royale“.

 

Daniel Craig und Regisseur Cary Joji Fukunaga bei den Dreharbeiten. Foto: Nicola Dove/DANJAQ/MGM

Wie ist Ihre Bilanz der Craig-Ära? Zuletzt gab es eine Über-Psychologisierung, und der in der Bond-Welt seit langem etablierte Bösewicht Blofeld wurde zu Bonds bösem Stiefbruder. Hat man sich da etwas verhoben?

FRENK Wenn man einen Bondfilm schaut, muss man bereit sein, alles Mögliche zu akzeptieren. Die Craig-Bonds haben sich wahnsinnig ernst genommen. Das Episodische ist verloren gegangen, alles musste einen großen Erzählbogen haben. Bei früheren Bonds ist immer ein Bösewicht vom Himmel gefallen, Bond musste die Welt retten und tat das im nächsten Film wieder. Dieses Episodische wurde bei Craig aufgegeben, es musste ein Überbau her, alles musste mit Bonds persönlicher Geschichte zusammenhängen. Das bedingt eine Ernsthaftigkeit, die bisher kaum Teil der Bondformel war. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum man diesen Bond jetzt sterben lässt – weil er so beladen ist mit Narrativ und im Grunde auserzählt. Blofeld ist tot, Bond ist am Ende seiner Selbstfindung – da ist es logisch, dass er stirbt. Vielleicht kehrt man jetzt wieder zurück zu einem episodischen Bond, ob nun im Kino oder in einer Amazon-Prime-Superproduktion. Wieder mit Tuxedo, Wodka-Martini schlürfend, die Welt rettend – wer weiß? In jedem Fall ist genug Produktionsbudget für alle Optionen vorhanden.

Die Figur Bond ist also unsterblich, ob er nun stirbt oder nicht?

FRENK Bond könnte recht schnell sterben. Was er nicht überleben würde, wäre eine Reihe von Misserfolgen. Wenn jetzt zwei, drei großproduzierte Filme oder eine Serie schief gingen, könnte recht schnell der Vorhang fallen. Wenn der Profit ausbleibt, wird das nicht lange toleriert.

Wie ist der Blick von „Keine Zeit zu sterben“ auf die Rolle Englands in der Welt? Wieder einmal rettet ein einzelner Brite die ganze Welt.

FRENK Bond war schon in den 1950ern ein Trostpflaster für eine Nation, die ihre Weltmachtrolle eingebüßt hat. Spätestens seit 1956 war klar, dass die Briten hinter den USA und der Sowjetunion bestenfalls noch eine leise zweite Geige spielten. So eine Figur wie Bond, der als Engländer beziehungsweise als Brite stets die Welt rettet, konnte darüber ein wenig hinwegtäuschen. Diese Tröstungsrolle wird vielleicht weiterhin willkommen sein, weil England durch den Brexit international viel Kredit verspielt hat.

Wenn man sich wie Sie die Bond-Filme als Wissenschaftler anschaut – sind dann die weniger geglückten Filme durch ihre Macken manchmal interessanter als die geglückten?

FRENK Das macht keinen Unterschied. Jedenfalls sind weniger gelungene Bondfilme nicht weniger interessant für die Analyse. Ich finde zum Beispiel, dass „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969, der heute viel Ansehen genießt und in „Keine Zeit zu sterben“ viel zitiert wird, kein starker Bond-Film ist. Aber er ist interessant, weil er sich getraut hat, gegen die klassische Formel anzugehen – mit Diana Rigg als liebende Ehefrau, die in Bonds Armen stirbt.

Haben Sie besondere Vorlieben in der Bond-Reihe?

FRENK Ich habe schon meine Favoriten, aber gar nicht mal einen Darsteller – sondern einfach Darsteller in bestimmten Filmen. Und auch mein Geschmack ändert sich. Im Moment würde ich sagen, dass Pierce Brosnans Filme mir gut gefallen haben – Brosnan ist in der Kritik manchmal nicht gut weggekommen. Ich finde auch diese These, dass an Connery als Ur-Bond niemand mehr herangekommen ist, falsch. Vergleicht man die alten Filme mit den Craig-Bonds, was Kamera, Effekte und Schauspiel angeht, liegen Welten dazwischen – das liegt einfach an der Entwicklung des Filmgeschäfts. „Dr. No“ von 1962 kann in keiner Weise mithalten mit „Keine Zeit zu sterben“  – das ist wie ein Moped und ein Ferrari. Das heißt nicht, dass die älteren Filme in sich schlechter sind. Sie sind allerdings unterschiedlich gut gealtert.

Haben Sie einen Favoriten, was den nächsten Darsteller angeht – oder die nächste Darstellerin?

FRENK Da bin ich ganz entspannt. Ich würde mir auch eine Jane Bond gerne anschauen, könnte mir aber vorstellen, dass es die Reihe nicht übersteht, wenn Zeitgeist und Bond-Formel zu weit auseinanderdriften. Ich sähe lieber eine Jane Bond im 21. Jahrhundert als einen Rückfall in die Connery-Ära, nur um die Formel zu retten. Wir brauchen jedenfalls keinen Retro-Bond in 1960er-Manier. James Bond sollte auch ohne Steinzeit-Chauvinismus und westlichen Zentrismus machbar sein.

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