Film und dieses & jenes

Kategorie: Netflix

„Leave the world behind“ von Sam Esmail

Eine Szene aus "Leave the world behind" mit einem Öltanker, der an einem Badestrand auf Grund läuft.

Die Urlaubsruhe wird empfindlich gestört – eine Szene aus „Leave the world behind“.   Foto: Netflix

 

Ach, es könnte so schön sein am Strand – würde da nicht ein Öltanker bedrohlich nahe heran gleiten, als ziele er auf die dösenden Touristen. Das anscheinend führungslose Schiff fräst sich in den Sand, turmhoch über den flüchtenden Urlaubern. Dies ist einer der eindringlichsten äußeren Momente im Film „Leave the world behind“, einer Art Katastrophenfilm, bei dem sich die Katastrophen auch im Inneren der Figuren ereignen, manchmal gar im Stillen. Ein reizvoller Kontrast zu den üblichen Filmen des Genres, die vor allem auf äußere Aktion fixiert sind – wie eine Antithese zu einem klassischen Roland-Emmerich-Film oder zu den Werken von Produzent Irving „Das flammende Inferno“ Allen in den 1970ern.​

„I fucking hate people“​

Zu Beginn machen sich die Hammonds von ihrer Luxus-Stadtwohnung auf ins grüne Hinterland – da ist Amanda (Julia Roberts), die mal raus will, weil sie die Menschen generell nicht mehr erträgt – im Original sagt sie „I fucking hate people“; dem Gatten und Collegedozenten Clay (Ethan Hawke) kommt der Ausflug gerade recht; mäßig begeistert sind die Kinder Charlie (Archie Sandford) und Rose (Farrah MacKenzie) – Roses einziges Interesse derzeit ist das Schauen der alten TV-Serie „Friends“ (1994 bis 2004). Sie hat es fast zum Finale geschafft.​

 

Szene aus "Leave the world behind" mit, von links, Mahershala Ali als G.H. Scott, Myha’la als seine Tochter Rose, Julia Roberts als Amanda Sandford, Ethan Hawke als ihr Mann Clay.​

Eine Zweckgemeinschaft im Angesicht der Katastrophe (von links): Mahershala Ali als G.H. Scott, Myha’la als seine Tochter Rose, Julia Roberts als Amanda Sandford, Ethan Hawke als ihr Mann Clay.​       Foto: Netflix

 

Das angemietete Haus, deren blumiger Werbename „Leave the world behind“ dem Film seinen Titel gibt, ist ein Traum für Bestverdienende; viel Platz, ein großer Pool, eine Aura von Stil und teurer Architektur. Doch wenn der steuerlose Tanker die entspannungswillige Familie schon beunruhigt hat, fühlt sie sich nachts noch gestörter: Ein Vater und eine Tochter klopfen an. Sie seien gerade aus der Stadt herübergefahren, der nationale Notstand werde ausgerufen, Ursache unbekannt, und nun wollten sie hier übernachten – schließlich sei es ihr Haus, das sie an die Hammonds nur vermietet hätten. Nach einigem gereizten Hin und Her dürfen G.H. Scott (Mahershala Ali) und seine Tochter Ruth (Myha’la) zumindest in die Einliegerwohnung im Keller.​

Sinnig zeigt sich hier auch die Innendynamik der Sandfordschen Ehe: Er vermittelt gerne, nicht zuletzt weil er Konflikte scheut und gerne seine Ruhe hat; sie ist konfrontativ, misstrauisch und eine Rassistin noch dazu. Das betont kultivierte Haus sehe nicht so aus wie ein Haus, in dem „diese Leute“ leben würden, sagt sie – die Hammonds sind weiß, die Scotts schwarz.​

Ist es ein Cyber-Angriff?​

Eine latente Spannung liegt über dem Luxuspalast, während sich bedrohliche Zeichen aus der Außenwelt häufen. Handys und PCs sind tot, die letzten Lebenszeichen weisen auf einen Cyberangriff hin – während das Ganze filmisch mit einer abstrakten, nervösen, untypischen Musik (Mac Quayle) orchestriert wird.​ Der Film von Sam Esmail (Serie „Mr. Robot“), nach dem Roman von Rumaan Alam, bei uns als „Inmitten der Nacht“ erschienen, lässt sich Zeit für seine Geschichte – die Beunruhigung schleicht sich erst mal langsam in die Szenerie, wenn hinterm Gartenzaun Heerscharen von Rehen stoisch starren, wenn die allgegenwärtige Technik von Kommunikation und Haushalt langsam zusammenbricht (ein Hoch auf die analoge Kaffeemaschine!). Der Lack der Technologie bröckelt – besonders symbolisch in einer beängstigenden Szene mit selbstfahrenden Autos, die zu tödlichen Geschossen auf vier Rädern werden. Am Strand liegen die Trümmer und Leichen eines abgestürzten Flugzeugs, und nach einem markerschütternden, unerklärlichen Brummton, der Risse im Sicherheitsglas hinterlässt,  wackeln einige Zähne.​

Es fehlt nur noch ein Trump-T-Shirt​

Die Menschen werden auf sich selbst zurückgeworfen – und das ist zutiefst unerfreulich. Denn schon das halbe Dutzend Figuren hier ist gespalten, Nähe oder Solidarität stellen sich nur zeitweise ein, Misstrauen und Vorurteile überwiegen. Ob nun bei den Besserverdienenden aus der Stadt (der Collegeprofessor etwa handelt in einer Szene, wenn auch überfordert, besonders rücksichtslos) oder bei einem Mann vom Land (Kevin Bacon): Der hat  schon lange für einen Katastrophenfall vorgesorgt und will jetzt nichts teilen – ein Mann mit Baseballmütze, Schrotflinte in der Hand und wehender US-Flagge über der Haustür. Da ist der Film, unter anderem produziert von dem Ehepaar Obama, zwar ziemlich unsubtil – es fehlen nur noch ein Trump-T-Shirt und Kautabak –, aber nicht derart selbstgefällig wie die vielgelobte, aber holzhammerartige Netflix-Satire „Don’t look up“ aus dem vergangenen Jahr.

Interview zu Verschwörungstheorien

Was geschieht hier eigentlich? Und betrifft es nur die Region, die USA oder die ganze Welt? Niederrieselnde Flugblätter, wie blutroter Regen, lassen auf einen Angriff des Iran schließen; Flugblätter in anderen Regionen sollen gerüchteweise auf Nordkorea hindeuten. Hat die mutmaßliche Cyber-Attacke eine Kernschmelze im Atomkraftwerk um die Ecke ausgelöst? Oder ist das Ganze ein nach dem Lehrbuch eingefädelter Staatsstreich von innen, wie G.H. vermutet, der einige Kontakte in dubiose Polit-Kreise zu haben scheint?​

Zu lange? Zu langsam erzählt?​

Einige Kritiken bemängeln die großzügige Länge des Films von knapp zweieinhalb Stunden und den Mangel an katastrophenfilmtypischen Spektakel – kein schlüssiger Einwand, geht es dem sehenswerten Film doch nicht um das Genre-Übliche, sondern um die Darstellung des langsamen Zusammenbruchs von einem Gesellschaftsgefüge, das zuvor schon schwer beschädigt war. Da erliegt der Film, der etwas artifiziell in Kapitel eingeteilt ist, allerdings bisweilen der Gefahr des Predigens – wenn etwa Mutter Hammond ihren Abscheu vor den Menschen damit zu erklären versucht, wie verlogen ihr Job in der Werbung ist und wie verlogen irgendwie die ganze Welt. Das wirkt theatralisch – zugleich ist es aber auch ein Vergnügen, Julia Roberts in dem durchweg exzellent gespielten Film als ziemlich unangenehme Person zu sehen, deren erwartete Läuterung zum Besseren dann auch nicht stattfindet.​

Der finale Trost​

Sind wir nun verloren? Oder gibt es noch Hoffnung? Wie auch immer – einen Trost gibt es zumindest für die Tochter der Hammonds, in einem hintersinnigen Schlussmoment der nostalgischen, popkulturellen Weltflucht. Manchmal ist das Leben der anderen, wenn auch nur auf dem Bildschirm, schöner als das eigene.  ​

„The Killer“ von David Fincher

Michael Fassbender in "The Killer" von David Fincher

Der Killer (Michael Fassbender), der sich gerne kleidet wie ein deutscher Klischee-Tourist, damit er nicht angesprochen wird. Foto: Netflix

 

Wie eisig kann ein Film sein? Und zugleich, auf grimmige Weise, ziemlich witzig? Trotz Mord und Totschlag, trotz Gewalt und Leid? „The Killer“ ist mühelos beides. Regisseur David Fincher („Fight Club“, „Gone Girl“) ist ein Mann des distanzierten Blicks auf die Welt – auch in seinem jüngsten Film, einer Produktion für Netflix. The Killer“ erzählt eine scheinbar schlichte Geschichte: Ein Berufsmörder versagt bei einem Auftrag, gerät ins Visier seiner Auftraggeber, wehrt und rächt sich. Das hat man schon oft gesehen, in zahllosen vergessenen Filmen, aber auch in Klassikern wie Jean-Pierre Melvilles „Der eiskalte Engel“ mit Alain Delon (1967) oder in John Woos wiederum von Melville beeinflusstem „The Killer“ (1989) mit Chow Yun-Fat – einer melancholischen Baller-Oper der großen Kaliber und ganz großen Gefühle.​

Finchers Film ist anders. So wie die Titelfigur stets versucht, den Puls vor dem tödlichen Schuss zwecks Treffsicherheit zu senken, erzählt der Film unterkühlt, als wolle Fincher auch den Puls seines Films senken. Nach einem Titelvorspann, der uns verschiedene Möglichkeiten aufzeigt, Menschen ins Jenseits zu befördern, sitzen wir mit dem Killer in Paris in einem leerstehenden Büro mit Blick auf die Suiten des Hotels gegenüber. Der Killer (Michael Fassbender) wartet – tagelang – auf sein Opfer.​

Glückskeks-Nihilismus​

Zeit genug, dem Publikum in einem inneren Monolog Weltsicht und Berufsauffassung zu erklären: Das Leben an sich sei banal – Geburt, Existenz, Tod. Und jeden Tag kämen so viele Menschen auf die Welt und so viele verließen sie per Tod wieder, dass seine Arbeit statistisch keinerlei Unterschied mache. Und da er nicht an Glück oder Gerechtigkeit glaube, sei es ihm egal, wen er da umbrächte und wieso. Hauptsache, das Honorar ist gut. „Ich bin, was ich bin.“ Es ist geballter Glückskeks-Nihilismus, den der Killer in der ersten Filmviertelstunde da vor sich hin raunt – möglicherweise hat er selbst zu viele Filme über Berufsmörder gesehen.​ Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass er nach so vielen Erklärungen über die Finessen seiner Arbeit in einer ziemlich einfachen Situation – sofern man das als Zuschauer ohne Mord-Erfahrung beurteilen kann – ganz banal versagt. Statt des geplanten Opfers im Hotel gegenüber trifft er mit seinem High-Tech-Gewehr dessen gemietete Gespielin.​

Gute Bluray-Edition: „Sador“ aus der B-Film-Fabrik von Roger Corman

Eine flotte, meisterlich montierte Flucht durchs nächtliche Paris beginnt; ohnehin schnurrt dieser Film dahin wie eine gute geölte Maschine, der Schnitt ist präzise, die Bilder von Erik Messerschmidt (Oscar für Finchers „Mank“) atmosphärisch, besonders in den nächtlichen Szenen. Der Satz „Execution is everything“ auf dem Plakat zum Film bezieht sich ebenso auf die Arbeit des Killers wie die Arbeit des Regisseurs und seines Teams.

In seinem Zufluchtsort in der Dominikanischen Republik, einer gesichtslosen Luxusvilla, haben schon zwei Killerkollegen die Haushälterin des Flüchtigen überfallen und schwer verletzt, möglicherweise vergewaltigt. Der Killer, übrigens ein ehemaliger Jura-Student, öffnet sein Versteck mit Stapeln gefälschter Pässe und geladener Schusswaffen, um Rache zu nehmen.​

Des Mörders To-do-Liste​

Nun folgt keine Action-Orgie nach der Formel von „John Wick“ oder Ähnlichem, sondern eher ein Abarbeiten einer To-do-Liste seitens des Killers: Spuren aufnehmen, zuschlagen, weitersuchen; verbunden mit regelmäßigem Ein- und Aus-Checken in Flughäfen, an Hotelrezeptionen oder bei Auto-Verleihen. So alltäglich kann die Arbeit eines Auftragsmörders sein. Der Kniff des Films besteht darin, aus diesen Situationen einige Komik zu entwickeln: Der Killer, der sich nach eigenen Angaben gerne wie ein deutscher Tourist kleidet, damit er auf der Straße gemieden und nicht angesprochen wird, bedient sich bei seinen gefälschten Pässen nicht alltäglicher Namen wie John Smith oder Peter Jones – sondern zum Beispiel Felix Unger und Oscar Madison: die beiden WG-Genossen aus dem Kinofilm und der TV-Serie „Ein seltsames Paar“. Oder Lou Grant aus der gleichnamigen TV-Serie über einen grummeligen Journalisten. Oder Sam Malone aus der TV-Sitcom „Cheers“. Wer ist hier der Scherzkeks – der Killer selbst? Oder Drehbuchautor Andrew Kevin Walker, der für Fincher einst „Sieben“ schrieb?​

Jetzt bei Netflix: „The last Vermeer“ mit Claes Bang und Guy Pearce 

Wie auch immer – Walker und Fincher lassen den filmischen Mythos des Berufsmörders, des unbeirrbaren Profis, etwas bröseln. Bei einigen Aktionen, unter anderem beim Betäuben eines Kampfhundes und einer Erpressung durch Folter, unterlaufen ihm trotz seiner wohlklingenden Erklärungen auf der Tonspur einige Fehler. Und anders als in den erwähnten Filmen von Melville oder Woo ist der Killer hier tatsächlich ohne Gnade – ein kalter Handlungsreisender in Sachen Tod. Mit zumindest einer Figur dieses heruntergekühlten Films hat man beim Zuschauen großes Mitgefühl und hofft, dass sie verschont wird – doch das bleibt aus (dies ist der schmerzlichste Moment im Film), ebenso das übliche Romantisieren des kriminellen Profis. Manche Kritiken haben dem Film vorgeworfen, so könne man sich mit der Hauptfigur nicht identifizieren – aber muss man das überhaupt bei einem Mann, der davon lebt, dass er andere Menschen ermordet?​

 

Tilda Swinton in "The Killer".

Tilda Swinton als Kollegin/Feindin des Killers. Foto: Netflix

Sehenswert ist auch eine Szene, in der der Mörder eine Kollegin konfrontiert – gespielt von Tilda Swinton: nahezu ein Monolog von ihr in einem Edelrestaurant, im Bewusstsein des drohenden Todes – während Fassbender fast stumm bleibt. Es scheint, dass Fincher einigen Spaß daran hat, die Erwartungen des Publikums zu unterlaufen. Er serviert eine Kampfszene, kernig brutal, exzellent choreografiert (Dave Macomber), die er bizarr untermalt und so verfremdet: Trent Reznor und Atticus Ross, die regelmäßig für Fincher komponieren, unterlegen die Prügel mit elektronischem Brummen und Fiepen, als habe ein Radio gerade seinen Geist aufgegeben. Auch sonst ist der Einsatz der Musik eigensinnig: Der Mörder hört zur Entspannung die britische Band The Smiths, deren eingespielte Songtitel dann einiges kommentieren: „Bigmouth strikes again“ angesichts der wortreichen inneren Monologe, „Girlfriend in a coma“ angesichts seiner Rache-Motivation.​

Amazon, McDonalds, Starbucks​

Diesen Weg der Rache macht der Mörder durch eine Welt der Waren – Fincher zeigt die Logos von Amazon, McDonalds, Starbucks und anderer Marken, die unser tägliches Leben mitbestimmen (was ihm manche Kritiken als Schleichwerbung ausgelegt haben). Der Killer, so scheint es, ist ebenso ein Teil dieser alltäglichen Warenwelt, der lange Arm von Machenschaften, in denen es um Geld und Macht geht. Als er den finalen Drahtzieher der Rache an ihm aufsucht, schaut der sich gerade die Börsennachrichten an und plaudert am Telefon über Steuererleichterungen. Filmisch subtil ist das nun nicht, aber durchaus witzig. Der Drahtzieher trägt auch keinen Nadelstreifenanzug, sondern eine onkelige Hipster-Weste und eine Schlumpfmütze wie von Torsten Sträter. Eine  kuschelige Alternativ-Optik des Brutalo-Kapitalismus? Von dem jedenfalls ist der Killer ein Teil, ein kleines Rädchen, dazu passt auch sein Mantra „Empathie ist Schwäche“. Und so ist das Ende des Films, das hier nicht verraten wird, nur passend. Ist dieser Killer am Ende nichts anderes als ein ziemlich langweiliger Spießer, dessen Lebensziel eine Luxux-Kaffeemaschine ist und ein Blick aufs Meer?

 

„The Last Vermeer“ von Dan Friedkin

 

Ein filmisches Corona-Opfer: Nach einigen Festivalterminen sollte „The Last Vermeer“ in den Kinos starten, doch die Pandemie kam dazwischen. In den USA lief der Film nur kurz, im Rest der Welt verschwand er ohne viel Echo oder Werbung in den Streaming-Kanälen – schade um diesen gut gespielten Kunst-Thriller. Gerade kann man ihn auch bei Netflix sehen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg untersucht der holländische Ex-Widerstandskämpfer Piller (Claes Bang) den Kunsthandel in seiner Heimat während der Besatzung; er vermutet, dass eine Galerie Teil des deutschen Spionagerings war und stößt auf Han van Meegeren (Guy Pearce). Der soll der NS-Größe Hermann Göring während des Krieges ein erst vor kurzem entdecktes Gemälde von Jan Vermeer (1632-1675) namens „Christus und die Ehebrecherin“ verkauft haben – für eine ungeheure Summe. Van Meegeren gibt das ohne weiteres zu, was sein Todesurteil bedeuten kann, hat er somit kollaboriert und sich an einem holländischen Kulturschatz bereichert. Der Fall scheint klar, bis Van Meegeren eröffnet, dass er diesen Vermeer selbst gemalt und damit Göring kunstvoll genarrt hat.

Fälscher? Antifaschist? Beides?

Falls das stimmen sollte, – ist er dann kein Kollaborateur, sondern ein trickreicher Fälscher mit dem Potenzial eines Volkshelden, da er Göring und einige pompöse Kunst-Experten an der Nase herumgeführt hat? Und kann man Van Meegerens Behauptung glauben, das Ganze habe er nicht aus Geldgier, sondern aus einem tiefen Antifaschismus heraus getan? Es kommt zum Prozess. Der Film basiert auf realen Ereignissen, auch wenn er sich manche Freiheiten nimmt – den hochbegabten Fälscher und Ex-Maler Van Meegeren jedenfalls gab es tatsächlich, auch der Verkauf eines Pseudo-Vermeers an Göring und der Prozess haben stattgefunden. Regisseur Dan Friedkin erzählt diese wendungsreiche Geschichte gediegen, spannend, manchmal klassisch-altmodisch – etwa bei den Prozess-Szenen mit flammenden Reden und kernigen „Einspruch!“-Rufen. Dabei ist auch der Kontrast der Hauptdarsteller reizvoll: Claes Bang („The Square“) spielt den Ermittler zurückgenommen als angeschlagenen Mann, dessen Ehe bröckelt, Guy Pearce gibt den Maler mit großer Geste, die der reale Van Meegeren wohl auch schätzte.

„Bergman Island“ mit Vicky Krieps

„The Last Vermeer“ mag seine kleinen Schwächen haben: Die tragische Ehegeschichte des Ermittlers ist zu sehr nebenbei erzählt, um wirkliche Resonanz zu haben; zudem hat die famose Luxemburger Schauspielerin Vicky Krieps als Pillers Assistentin sträflich wenig zu tun. Sehenswert ist der Film dennoch, wobei er auch über den Wert von Kunst, gesellschaftlich wie kommerziell, nachdenkt und dabei dankenswerterweise weniger pastoral klingt als etwa George Clooneys Kunst-Kriegs-Film „Monuments Men“.

Schlecht, und doch gut: „Marseille“ mit Gérard Depardieu

 

Gerrad Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Gérard Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Koskas/Netflix/Polyband

Marseille scheint ein Dorf zu sein – zumindest in dieser französischen Serie. Nun sind ja nicht wenige Film- und Seriendrehbücher dramaturgisch förmlich am Reißbrett konstruiert. Aber man sollte es ihnen nicht anmerken. Aber in „Marseille“ kommt es filmisch dann mitunter knüppeldick. In einer Szene werden beispielhaft alle losen Drehbuchfäden miteinander verknüpft, dass die Episode filmisch fast stolpert. Also:  Da kauft ein Mann in einer Kneipe eine ordentliche Portion Koks – so weit nichts gänzlich Ungewöhnliches. Der Käufer aber ist der Chauffeur/Berater des Marseiller Bürgermeisters (Gérard Depardieu), der gerade unter anderem mit der Mafia im Clinch liegt, da er ein Casino mit legalem Glücksspiel am Hafen plant. Der Verkäufer des Kokains ist im Nebenberuf allerdings auch Handlanger eben jener  Mafiosi, die wiederum mit des Bürgermeisters politischem Ziehsohns (Benoit Magimel) unter einer Decke stecken, der gerade den politischen Tod des Mentors plant. Der Handlanger des Dealers, der bei dem Drogenkauf dabei ist, ist  wiederum ein alter Kindheitsfreund der Bürgermeistertochter (und in sie, auch das noch,  unglücklich verliebt). Deren beste Freundin wiederum arbeitet im Wahlkampfbüro des Bürgermeister-Gegenspielers, der unter anderem den homosexuellen Chef der örtlichen Zeitung umgarnt, wo wiederum die Bürgermeistertochter arbeitet, aber unter falschem Namen, damit ihre Identität nicht bekannt wird.

Mies geschrieben, dennoch sehenswert

Also viel „wiederum“, „zugleich“, viele dramaturgisch bequeme Zufälle: „Marseille“, die erste französische Eigenproduktion des Streaming-Anbieters Netflix,  ist zweifelsohne eine mies geschriebene Serie. Zumal sie zwei ziemlich dümmlich-naiv-erotisierte Frauenrollen aufbietet und noch ein paar familiäre Verwicklungen bereit hält, die hier nicht verraten werden sollen und die sich ein Drehbuchautor erstmal trauen muss.

 

Gerrad Dépardieu, Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Der politische Ziehsohn und große Gegenspieler (Benoit Magimel).

Nur – warum ist es trotzdem ein ziemlich großer Spaß, sich die Serie anzusehen (auch wenn man sich für den Spaß etwas schämt?) Von dem französischen und ungleich raffinierteren Serien-Konkurrenten „Baron Noir“ (kürzlich hier vorgestellt) oder „House of Cards“ ist „Marseille“ meilenweit entfernt; die Reihe liegt viel näher an „Dallas“, der klassischen  Seifenoper der 80er Jahre, einem wohlig überschaubaren, aber auch etwas miefigen  Intrigantenstadl. Der große Reiz von „Marseille“ ist, nicht ganz überraschend, sein Hauptdarsteller: Gérard Depardieu, der gallische Wuchtbrummer, räumt mit seiner Präsenz alle Drehbuchhindernisse aus dem Weg, Klischees walzt er wie eine schnaufende Lokomotive platt und erschafft auf deren Trümmern, eine plastische, tragisch anmutende Figur. Ein Engel im Polit-Betrieb ist er nicht (wie könnte er das sein, nach 20 Jahren  als Bürgermeister?), aber an alten Überzeugungen hält er ebenso fest wie an der Zuneigung zum Arbeitsplatz („Verdammt, wie ich diese Stadt liebe“). Dennoch ist er nicht ganz unschuldig daran, dass sein politischer Ziehsohn ihn abservieren will – hatte der Bürgermeister doch geplant, auch aus der Rente heraus über ihn, seinen geplanten Nachfolger, mit- und weiter zu regieren. Den Gegenspieler, sozusagen den „J.R.“ („Dallas“-Kucker erinnern sich) spielt Benoit Magimel und zeigt sich Depardieu aufAugenhöhe. Magimel ist von seinen Zusammenarbeiten mit Michael Haneke („Die Klavierspielerin“) oder Claude Chabrol („Die Blume des Bösen“) bessere Drehbücher gewohnt, aber er wirft sich mit Schwung in die Rolle eines Mannes, der sich  höchst konsequent der Machtmechanik widmet, Sex ingebriffen (bevorzugt auf betont unromantische Weise). Und doch treibt auch ihn die Zuneigung zur Stadt an, die der amtierende Bürgermeister in seinen Augen „nicht mehr versteht, er ist zu alt“. Dass er seinen großen Mentor politisch absägen will, ist für ihn nur logisch: „Es ist Vatermord – das ist ganz normal“.

Erschienen bei Polyband, 326 Minuten.
Die zweite Staffel ist in Vorbereitung.

http://www.polyband.de

 

Marseille mit Gérard Depardieu Benoit Magimel

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