Über Film und dieses & jenes

Kategorie: Comic

Comic-Künstler Flix: „Letztendlich ist vieles schlicht Glück“

Flix, fotografiert  von Katharina Pfuhl.

Eine ungewöhnliche Idee war das – und der Beginn einer großen Karriere. In Saarbrücken vor 20 Jahren reicht der Student Felix Görmann seine Diplomarbeit bei der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) ein: „Held“. Ein Comicband, halb autobiografisch, halb fiktiv. Ein Comic ist damals als Abschlussarbeit an der HBK unerhört, das Diplom bekommt Görmann aber doch.  Mittlerweile (und schon lange) ist der Zeichner und Texter, Jahrgang 1976, bundesweit bekannt als Flix. Er zeichnet für den „Spiegel“, die „Zeit“ und die „FAZ“, hat sich 2010 dem „Faust“ gewidmet, 2016 dem „Münchhausen“, zusammen mit dem saarländischen Kollegen Bernd Kissel. Zum 20. Geburtstag ist nun „Held“ als Gesamtausgabe erschienen – mit den Fortsetzungen „Sag was“ (2004) und Mädchen“ (2006). Wir haben mit Flix gesprochen.​

„Held“ erscheint zum 20. Geburtstag als große Jubiläumsausgabe. Wie kommt‘s?​

FLIX Weil „Held“ für mich ein persönlicher Meilenstein ist, auf mehreren Ebenen. Zum einen war es meine Diplomarbeit an der HBK in Saarbrücken, zum anderen ist es eine Art Autobiografie – zumindest eine halbe, weil die zweite Hälfte ja erfunden ist.​

Damals waren Sie Mitte 20 – wie kamen Sie auf die Idee einer Autobiografie, die Ihr Leben weiterdenkt, bis hin zum Tod im gesetzten Alter?​

FLIX Damals habe ich viele Biografien über Künstlerinnen und Künstler gelesen. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass an deren Lebensende alles einen Sinn ergibt. Dass sich alle Teile zusammenfügen, so wie etwa bei Johnny Cash, der nach Jahren der Krise am Ende noch ein paar tolle Alben aufnahm. Da habe ich mir sehr gewünscht, dass so etwas mal in einem Buch über mich drin stehen würde. Denn damals hat mich die Frage umgetrieben, wie das weitergehen soll mit mir. Ist es überhaupt realistisch, Comiczeichner sein zu wollen? Davon leben zu wollen? Deswegen habe ich mir das Buch selber geschrieben, mit einem relativen Happy End. Das sich jetzt 20 Jahre später anzuschauen und sich zu fragen, was davon stimmt und was nicht, wo ich vielleicht hellsichtiger war als gedacht hat, ist schon interessant für mich.​

 

Wo waren Sie denn hellsichtig?​

FLIX Ich habe zum Beispiel ein wenig vorhergesehen, dass in der Zukunft ein Kühlschrank selbstständig übers Internet Milch nachbestellt, wenn sie knapp wird. Wahr wurde auch, und das ist für mich wichtiger als der Kühlschrank, dass ich als Comiczeichner durchs Leben gehe. Auch wurde mir klar, dass man sich als Person sozusagen noch einmal überarbeiten kann: Wenn mich jemand warnte – „pass auf, wenn Du so weitermachst, geht es Dir wie in ‚Held‘“ – , dann habe ich das sehr ernst genommen. In „Held“ habe ich auch geschrieben, dass ich mal einen Comicstrip in der FAZ haben würde – den ich jetzt tatsächlich habe. Das ist schon irre.​

Comic-Klassiker „Mac Coy“

Also eine Art selbst erfüllende Prophezeiung?​

FLIX Daran glaube ich nicht – aber daran, dass es etwas bringt, Dinge, Ideen, Wünsche zu formulieren. Doch letztendlich ist vieles schlicht Glück. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die sehr talentiert sind, tolle Sachen machen – und unter dem Radar laufen. Und manche werden abgefeiert, und ich frage mich da schon, warum und wieso.​

Sie haben in Saarbrücken studiert. Wie haben Sie die Stadt damals empfunden, als gebürtiger Münsteraner?​

FLIX Großgeworden bin ich ja in Darmstadt, das ähnlich ist wie Saarbrücken – eine Stadt voller Kriegsschäden, die man relativ pragmatisch wieder aufgebaut hat. Ich fand Saarbrücken damals super, gerade weil die Stadt nicht so groß ist. Berlin oder Hamburg hätten mich erstmal überfordert, ich hätte da zu wenig studiert. Saarbrücken bot die große Chance, sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren – die Stadt würde ich jederzeit empfehlen. Für einige Jahre diesen Kosmos Kunsthochschule zu haben, diesen wunderbar geschützten Raum, in dem man experimentieren kann, ohne sich sofort vergleichen zu müssen, ist toll. Raus in die Welt kann man später immer noch.​

Eine Seite aus "Held". Foto: Flix/Carlsen

Eine Seite aus „Held“.      Foto: Flix/Carlsen

Wie war es damals, einen Comic als Diplomarbeit einzureichen?​

FLIX Schwierig war das. Ich hatte schon im Grundstudium versucht, Comics zu machen – da bin bei den Professorinnen und Professoren aber weitgehend gescheitert. Das ist kein persönlicher Vorwurf – zu dieser Zeit war das noch kein geschätztes Medium, selbst nicht in dieser progressiven, aufgeschlossenen Umgebung. Ich bin froh, dass ich mich darüber hinweggesetzt habe und mit ein wenig Trickserei ein Comic als Diplomarbeit eingereicht habe. Später hat die HBK dann sogar den Studiengang „Graphic Novel“ eingerichtet. Wenn man etwas macht, ist es, wie wenn man Steine in einen See wirft – da gibt es Wellen, und die kommen am anderen Ufer an. Das ist eigentlich das Schönste an dieser Diplomarbeit. Sie hat Raum geschaffen. Es gibt ja einige Aktive in Saarbrücken, zum Beispiel Elizabeth Pich und Jonathan Kunz mit ihrem erfolgreichen Comic „War and Peas“. Jonathan hatte mich auch mal, als die HBK ihn noch als Lehrbeauftragten beschäftigt hat, zu einem seiner Hochschul-Comicsymposien eingeladen. Ich nehme an, heute wäre in Saarbrücken ein Comicdiplom eher möglich als früher.​

Comicband „Turing“

Sie teilen sich ein Atelier mit dem Kollegen Marvin Clifford, mit dem Sie auch immer wieder mal arbeiten. Wie teilen sie sich ein – gehen Sie zu klassischen Bürostunden ins Atelier?

FLIX Nein, ich habe zwei Töchter, und der Alltag der Kinder, wann sie weg und wann sie wieder da sind, gibt den Rhythmus vor. Deshalb muss ich immer dann loslegen, wenn ich gerade die Gelegenheit dazu habe.​

Eine Seite aus "Held". Foto: Flix/Carlsen

Eine Seite aus „Held“.    Foto: Flix/Carlsen

 

Wenn Sie „Held“ jetzt, 20 Jahre später, nochmal texten und zeichnen würden – würden Sie anders arbeiten?​

FLIX Natürlich – es wäre ja eine Schande, wenn ich nichts dazugelernt hätte. Diese schöne naive Energie, die man als junger Mensch hat, die habe ich heute natürlich nicht mehr. Insgesamt würde ich „Held“ heute wohl komplizierter machen – aber vielleicht nicht besser.​

„Held“ erzählt auch vom eigenen Tod – sehen Sie dieses Thema jetzt, 20 Jahre später, anders als damals?​

FLIX Ja, schon. Ich bin zwar noch nicht in die erste Reihe gerückt, aber von der dritten in die zweite, von der Enkelgeneration zur Elterngeneration. Da steht einem das Thema näher. Robert Gernhardt hat wunderbare Gedichte über den Tod geschrieben – als er noch jung war. Später, als er todkrank war, hat er das nicht mehr getan. Auch Reinhard Mey und Udo Jürgens haben große Songs über das Sterben geschrieben – als junge Leute, im Alter nicht mehr. Da ist die Scheu wohl größer. So gesehen ist es gut, dass ich das mit dem Tod schon mal erledigt habe.​

Wie hat sich in den 20 Jahren seit „Held“ die Comic-Szene verändert und entwickelt?​

FLIX Damals gab es noch viel mehr Vorurteile über Comics: dass sie vor allem für Menschen da sind, die nicht vernünftig lesen können oder wollen, für etwas simplere Gemüter oder für Kinder, die ja ohnehin gerne unterschätzt werden. Lange wurde nicht begriffen, dass Comic kein Genre ist, sondern ein Medium – wie Film, der ja alles sein kann, von „Paw Patrol“ bis „Oppenheimer“. Man kann auch im Medium Comic alle Themen verhandeln.​

Es gab vor Jahren einen etwas angestrengt wirkenden Versuch, den Begriff „Graphic Novel“ zu etablieren, damit man nicht mehr „Comic“ sagen muss und so möglicherweise die üblichen Vorurteile vermeidet. Hat sich das ausgezahlt?​

FLIX Natürlich ist „Graphic Novel“ ein Label, ein Aktivistenbegriff. Dass der Begriff keine Dauerlösung ist, war damals allen klar. Aber es war der Versuch, den Radius zu erweitern – und das hat funktioniert, er hat Türen geöffnet. Wenn man sich heute das Sortiment in einer breiter aufgestellten Buchhandlung anschaut, dann sieht man im Comicregal einen Riesenunterschied zum Angebot vor 20 Jahren: mehr Themen, mehr Herkunftsländer, viel mehr Nischen.​

Kitschtorte „Flash Gordon“

Sie verweisen auf Frank Millers düstere „Batman“-Neuerfindung „Batman: The Dark Knight Returns“ von 1986 als großen Einfluss – darauf kommt man beim Blick auf Ihre Arbeiten nicht unbedingt.​

FLIX Bei Miller war es so, dass ich durch ihn grundlegend begriffen habe, dass man die Dinge nicht als gegeben hinnehmen muss. Millers „Batman“ war ein großer Umbruch – vom klassischen Heldentum zu eine großen Ernsthaftigkeit, zum Depressiven, zur Wut. Das war für mich vollkommen neu. Mir wurde klar, dass man große Gefühle in Comics packen kann, dass man sich einen eigenen Weg suchen kann, dass man das auch allein hinkriegen kann – Miller ist ja so eine Art Ein-Mann-Armee. Er vermittelte mir vor allem dieses punkige „Das kann ich auch.“​

Miller war aber nicht Ihre erste Comic-Lektüre, oder?​

FLIX Nein, als Kind habe ich viel franko-belgische Comics gelesen, auch weil die leicht zu haben waren – etwa in der Stadtbibliothek in Darmstadt: „Asterix“, „Lucky Luke“, „Clever und Smart“, „Fix und Foxi“, „Zack“, auch Kram wie die „Die Sturmtruppen“. Erst mit 16 hat sich da eine andere Welt aufgetan. Vor der Bushaltestelle an meiner Schule machte ein Laden auf, halb Kinderbuchhandlung, halb Comic-Shop. Ich habe mich dort mit einem Azubi angefreundet, der mich mit allen US-Sachen versorgt hat – eben auch mit Frank Miller.​

„War and Peas“ stellen aus

Wenn Sie auf Ihre ersten 20 Jahre als Comic-Künstler zurückblicken – welche Werke sind Ihnen die wichtigsten?​

FLIX Klar, „Held“ war das erste große Ding und gab mir das Gefühl, dass das mit dem Berufswunsch tatsächlich gelingen kann. Meine „Faust“-Adaption von 2009, damals für die FAZ, ist auch wichtig. Ein Dauerbrenner, der an Schulen gelesen, an Unis besprochen wird. „Faust“ und die Deutschen – das funktioniert. Das nächste wirklich Große war dann „Spirou in Berlin“.​

Die Fortführung von "Spirou". Foto: Flix/Carlsen

Die Fortführung von „Spirou“. Foto: Flix/Carlsen

Da wurden Sie 2018 als erster deutscher Zeichner und Texter gefragt, ob sie einen Band für den frankobelgischen Klassiker „Spirou und Fantasio“ gestalten wollen. Das hätte schief gehen können.​

FLIX Natürlich, die belgischen Rechteinhaber hätten den Band bei Nichtgefallen auch geflissentlich in der Versenkung verschwinden lassen können. Aber er läuft europaweit, bis heute, was man vorher nicht wissen konnte. Der deutsche Botschafter in Brüssel nutzt das Buch ständig als Gastgeschenk, es ist eine schöne Vermittlung: ein deutsches Thema mit einer belgischen Ikone. Was mich besonders freut – gerade habe ich eine Einladung vom belgischen König bekommen, Kulturbotschafter zwischen den Ländern zu sein. Das ist schon cool.​

Es ist also gut gegangen bei Ihnen?​

FLIX Ja, ich sehr dankbar für diese Naivität vor 20 Jahren, zu glauben, dass es irgendwie schon klappen wird. Hätte ich mir die Chancen realistisch ausgerechnet, hätte ich es nicht gemacht. Es hat mir sehr geholfen, nicht weiter darüber nachzudenken.​

Flix: Held. Gesamtausgabe. Carlsen Comics, 368 Seiten, 35 Euro. www.carlsen.de
Kontakt: www.der-flix.de

„War and Peas“ stellen in Saarbrücken aus: „Silly Empire“

Jonathan Kunz Elizabeth Pich "War and Peas" Tobias Keßler

Jonathan Kunz und Elizabeth Pich – „War and Peas“.   Fotos: tok

Aus Saarbrücken kommt ein international erfolgreiches Comic-Projekt: Unter dem Titel „War and Peas“ texten und zeichnen Elizabeth Pich und Jonathan Kunz kurze Geschichten über Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit. Knapp 100 Arbeiten sind jetzt im Saarbrücker KuBa zu sehen.

So ein skeptischer Säugling. Eben noch weilte er im warmen Mutterbauch – jetzt ist er in der Welt und fragt sich, ob er die beste Zeit seines Lebens schon hinter sich hat. Ins Grübeln kommt auch der schnurrbärtige Bob. Auf die Frage, was er gerade so tue, antwortet er: „Triviale Aktivitäten, um mich von der Bedeutungslosigkeit meiner Existenz abzulenken.“ Und die göttliche Macht, die aus dem blauen Himmel herab spricht, weiß auch nicht wirklich weiter. Nach einem Lebensplan befragt, empfiehlt Gott einfach ein gutes Speise-Eis.

So sind eben das Leben und dessen diskutabler Sinn bei „War and Peas“. Unter diesem Titel zeichnen und texten Elizabeth Pich und Jonathan Kunz seit 2011 ihre Comic-Geschichten, so gut wie immer als kompakte Vier-Bild-Konstruktion. An der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) haben sich die beiden kennengelernt und veröffentlichen jeden Sonntag eine neue „War and Peas“-Geschichte auf ihrer Internetseite, stets in Englisch – der Internationalität des Comic-Marktes halber (zudem lebte Pich in den USA, bis sie 14 war).

Der Erfolg ihrer Kunst ist groß – 282 000 Abonnenten bei Facebook, bei Instagram eine Million, seit Silvester. Das erste Buch ist auf dem deutschen Markt erschienen („Von Hexen und Menschen“), außerdem in den USA, in Frankreich und in spanischer Übersetzung. Jetzt zeigen Pich und Kunz, die beide in Saarbrücken leben, im KuBa Kulturzentrum eine Auswahl ihrer Werke. Mit um die 90 jeweils einzeln gerahmten Comicgeschichten, dazu zwei Skizzenbüchern zum Blättern und auch mit dem, womit sie ihre im Netz kostenlos anschaubare Kunst mitfinanzieren: Merchandise. Kaputzenpullis etwa mit „War and Peas“-Motiven, Mützen, Aufkleber und ein T-Shirt mit einem Slogan, der bestens passt in ihre immer etwas unsichere, unwägbare Welt: „100 % not sure“. Das Merchandise bei der Ausstellung zu zeigen, sei wichtig, sagt Jonathan Kunz, sei das doch ein wichtiger Aspekt des Lebensunterhalts, wenn man kostenlose Web-Comics veröffentlicht. Gerahmte und signierte Drucke wie in der Ausstellung könne man auch über die Internetseite des Duos kaufen, „so gesehen ist die Ausstellung wie ein Showroom, wir zeigen, was wir verkaufen“.

 

 

Die Kunst von „War and Peas“ ist reizvoll trügerisch. Der Zeichenstil mag betont reduziert und unschuldig wirken, doch der Inhalt ist nie harmlos, sondern hintersinnig und meist melancholisch getönt: Um Einsamkeit geht es oft, um Gefühle, die aneinander vorbei strömen, um schwierige Kommunikation, um den Tod – das alles unterfüttert mit schwarzem Humor und unerwarteten Pointen. Eine ebenso witzige wie berührende Mischung, in dem es eines nicht gibt, auch wenn manche Leserinnen und Leser das entdeckt haben wollen: Sarkasmus. „Nein“, sagt Pich, „den gibt es nie bei uns. Wir lachen nicht von oben über unsere Figuren oder kommentieren sarkastisch, wir fühlen immer mit unseren Figuren mit.“ Ob nun mit einem liebeskranken Roboter oder einer frustrierten Wolke, die sich, nach der Beleidigung durch einen Menschen, aus Rache bevorzugt über Hochzeitsfesten ausregnet.

 

Gehängt ist die Ausstellung nicht chronologisch oder thematisch, wobei es doch kleine Schwerpunkte gibt mit jenen Figuren, die sich über die Jahre als feste Charaktere etabliert haben: allen voran die libidinös lebenslustige Zauberin  „Slutty Witch“, wie sie in der englischsprachigen Ausstellung heißt (und „Schlampenhexe“ in der deutschen Buchfassung). Sie kann man begleiten, wenn sie zum Befremden ihrer Katze den Abend mit einem Vibrator verbringt oder ihrem Regal voller Totenköpfe ein weiteres Exemplar hinzufügt: diesmal unglücklicherweise den eines Psychologen, der mit klapperndem Gebiss kundtut, mit dieser Totenkopfsammlung fülle die Hexe bloß eine Leerstelle in ihrer lieblosen Existenz. Da ist er wieder – der Sinn beziehungsweise der Un-Sinn menschlichen Lebens. Und die Einsamkeit. „Die ist ein grundlegendes Thema bei uns“, sagt Elizabeth Pich, „sie ist eine Volkskrankheit“ – nicht zuletzt durch das Internet und die sozialen Medien, in denen Gefühle so schwer zu deuten seien. „Aber wenn man Web-Comics macht, kann man das Internet ja nicht ganz verteufeln.“

 

Humor und Melancholie sind in den Comics nicht zu trennen: Wenn etwa der leibhaftige Sensenmann, eine der festen Figuren, seine Runden dreht und bei einer älteren Dame auf dem Sofa hängenbleibt, bei Keksen und Kakao. Da wird dem Gevatter Tod wohl kurz die brutale Dimension seines Berufs bewusst – aber mitnehmen wird er die Dame doch. In einem anderen Comic muss eine Heuschrecke, ein junger Gottesanbeter namens Timmy, damit leben lernen, dass seine Mutter den Vater artgerecht  kurz nach Timmys Zeugung gefressen hat. Und was passiert, wenn er mal heiratet?

„Silly Empire“, albernes Reich nennt sich die Ausstellung. Wieso? „Weil wir uns eine Art Kosmos erschaffen haben“, erklärt Pich, „unsere Figuren leben in derselben Welt“ – und in gewisser Weise die beiden Künstler auch: Es wird humoristisch autobiografisch, wenn ein Autorenduo auf Empfehlung seines Publikums hin zur Therapie geht. Lustig seien die Comics ja schon, gibt die Therapeutin zu, aber den beiden könne man nicht mehr helfen; und ein anderer Therapeut stellt fest, dass sie mit ihren anatomisch unkorrekten Zeichnungen ihren Hochschul-Professor zum Weinen brächten. Aprops Hochschule: Kunz selbst hat einige Jahre an der HBK den Masterschwerpunkt Comic/Graphic Novel betreut, bis es keine Einigung mehr über eine langfristige Weiterbeschäftigung gab, da die HBK in einer „Planungsphase“ bezüglich des Masterschwerpunkts sei, wie sie mitteilte; demnächst wird Kunz die Hochschule verlassen.

Kunz und Pich planen derweil ein zweites Buch, das mit der Welt von „War and Peas“ nichts zu tun haben wird. Ein poetisches Werk in Reinform soll es werden, in nostalgischer Optik und angelehnt an ihre Arbeit „A Job is a Job“, die man auf der „War and Peas“-Seite lesen kann. Doch erst einmal gibt es die Ausstellung im KuBa, die laut Kunz so etwas ist „wie ein Gang durch unsere Gehirne“.

warandpeas.com

„War and Peas“ – das erste Buch

 

Ein einsamer Baum mit Erektion. Der Sensenmann, der zwecks Arbeitserleichterung mit einem Skateboarder wettet, dass der doch sicher über ein Haifischbecken hüpfen kann. Ein Hund, der mit seinem Frauchen Verstecken spielt und nicht versteht, dass sie nahezu blind ist. Ein Roboter, der mit unerwarteten Gefühlen ringt. Eine Wolke, die sich mit Platzregen für menschliche Demütigungen rächt.

Willkommen in der eigensinnigen, bittersüßen, mal melancholischen, mal auch grausamen Welt  von „War and Peas“. Seit 2011 zeichnen und texten Elizabeth Pich und Jonathan Kunz, beide 31 Jahre alt, beide in Saarbrücken lebend, unter diesem Titel ihre kleinen großen Geschichten, die trügerisch sind. So betont schlicht und unschuldig der Zeichenstil wirkt, so  wenig harmlos ist der Inhalt: Um Einsamkeit geht es oft, um Gefühle, die aneinander vorbei strömen, um schwierige Kommunikation, um den Tod – das alles unterfüttert mit einem sehr schwarzen Humor und unerwarteten Pointen. Eine hinreißende Mischung. Seit einigen Jahren veröffentlicht das Duo, das sich an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) kennengelernt hat, jeweils sonntags eine Geschichte im Internet, stets in Englisch – der Internationalität halber, zumal Pich in den USA lebte, bis sie 14 war. Jetzt erscheint das erste Buch mit gesammelten Geschichten: „Von Hexen und Menschen“.

Eine davon heißt „Schöne Traurigkeit“. Ein passendes Motto für die gesamte Arbeit des Duos? „Stimmt. Viele unserer Comics haben etwas Trauriges, was vielleicht daran liegt, dass wir beide einen gewissen Hang zum Weltschmerz haben“, sagen Pich und Kunz. „Wir können uns der Definition des US-Humoristen John Vorhaus anschließen: ‚Komik ist Wahrheit und Schmerz‘“. Aber traurige Pointen seien nicht das Ziel, „sondern das wohnt uns beiden inne. Wir kriegen häufig die Rückmeldung, dass Menschen beim Lesen geweint und sich befreit gefühlt haben. Ein schöneres Kompliment kann man nicht bekommen.“

Mit Tolstois „Krieg und Frieden“ hat der Künstlername „War and Peas“ nun nichts zu tun, das Wortspiel mit Peas/Erbsen und Peace/Frieden geht auf eine Zeichnung des Duos zurück, in der eine Karotte (!) ein Buch namens „War and Peas“ liest. Ein Wortspiel, das „unseren Humor perfekt repräsentiert“.

Die wiederkehrenden Figuren in den Geschichten und im Buch, darunter eine libidinös lebenslustige Hexe, waren kein Konzept von Anfang an, sondern sie haben sich über die Jahre organisch zusammengefunden. „Unser Hexen-Charakter etwa wurde mit einem Comicstrip namens ‚Slutty Witch‘, ‚Schlampenhexe‘, geboren. Darin wird sie an Halloween von einem notgeilen Typen angebaggert, der am Ende als Trophäe an ihrer Wand landet. Uns sind dann noch mehr Geschichten zu ihr eingefallen, sodass die ‚Schlampenhexe‘ heute unser Aushängeschild ist. Bei den anderen Charakteren ist es ähnlich, sie kommen und gehen. Wir wollen uns da nicht auf ein bestimmtes Set an Charakteren beschränken.“

Von der Idee bis zur fertigen Zeichnung kann es Wochen dauern, Monate – und manchmal bloß Minuten.  Eine Hälfte des Duos zeichnet los, die andere stellt das Ganze dann möglicherweise wieder um, „beide Prozesse zusammen sind wichtig“, sagen die beiden „damit es den typischen ‚War and Peas‘-Flair bekommt“. Feste, büroähnliche Arbeitszeiten und –termine gibt es nicht. „Wir funktionieren da eher nach dem Chaosprinzip“, auch wenn die beiden sich für ihre Geschichten mittlerweile „eine Pipeline anlegen, damit wir auch ein paar Wochen im Voraus planen können“. Dass die Comics etwa noch am Tag der Veröffentlichung gezeichnet werden, was schweißtreibenden Druck mit sich bringt, tut sich das Duo nur noch in Ausnahmefällen an.

Der Erfolg jedenfalls ist enorm. Bei Facebook haben „War and Peas“ 200 000 Abonnenten, bei Instagram 700 000 – lässt sich damit auch die eigene Arbeit finanzieren? (Pich ist freie Künstlerin, Kunz arbeitet als Lehrbeauftragter an der HBK.) „Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube, und viele Leute denken, wir müssten steinreich sein. Follower selbst bringen dir kein Geld ein, aber es hilft bei den Vertragsverhandlungen mit dem Verlag“, als Beleg einer potenten Fanbasis. Der große US-Postkartenanbieter Hallmark hat vier Strips des Duos gekauft und bringt sie drei Jahre lang heraus. „Der Deal war ein kleiner Ritterschlag, und es gab einen kleinen Geldsegen – aber wirklich viel war das nicht. Da darf man sich nichts vormachen.“

Auch nicht bei Patreon, einer Internet-Plattform, auf der Fans von Künstlern regelmäßig spenden können, um deren Arbeit zu unterstützen. „Die Idee ist super“, sagt das Duo, „aber eine solche Seite bedeutet auch wieder zusätzliche Arbeit. Man kann sich ja leicht ausrechnen, dass nur ein Bruchteil unserer Follower einen Dollar spenden müsste, um uns finanziell unabhängig zu machen. Das ist nicht der Fall, aber wir sind dennoch sehr dankbar um jeden einzelnen Patron, der uns mit seiner Kleinspende hilft, auf Werbung auf unseren Plattformen verzichten zu können.“

Kurios ist, dass vor der deutschen Ausgabe, die gerade erschienen ist, schon in den USA  vor einigen Monaten eine internationale Version herausgekommen ist, beim renommierten Andrews-McMeel-Verlag, der Heimat etwa von „Calvin & Hobbes“. Der mit dem Duo befreundete US-Comiczeichner Nick Seluk, dessen Reihe „The Awkward Yety“ sehr populär ist, stellte den Kontakt zum amerikanischen Verlag her, „weil er es nicht glauben konnte, dass wir noch keinen Verlag haben“. Künstlerisch reingeredet haben die Redakteure von McMeel nicht, auch wenn manche Gags – etwa der Vampir, der es sich in Fledermausform in der Vagina seiner Hexenfreundin gemütlich macht – vielleicht nicht für die ganze Familie gedacht sind. „Für den Verlag war das Projekt schon ein gewisser Spagat, weil er seinen Hauptsitz im eher prüden Missouri hat.“ Mit der Resonanz jedenfalls ist der Verlag sehr zufrieden, sagt das Duo.

 

War and Peas Panini Verlag

Elizabeth Pich und Jonathan Kunz. Foto: Lukas Ratius

 

Der deutsche Verlag Panini sprach die beiden bei der Comic Con in Wien an, er war nicht als einziger interessiert. „Es waren noch andere deutsche Verlage an dem Buch dran, aber am Ende hat sich Panini durchgesetzt.“ Überrascht waren die beiden, wie leicht die Übersetzung ihrer englischen Texte ins Deutsche war, ohne Pointen zu verändern. „Ein paar Strips funktionieren natürlich besser als andere, aber am Ende waren wir wirklich zufrieden.“ Das Buch ist nahezu identisch mit der internationalen Ausgabe, abgesehen von einem neu gestalteten Cover und, zur Freude des Duos, einer Hardcover-Bindung.

Bei einigen Hunde- und Katzengeschichten mit schrägen bis surrealen Pointen kann man an den US-Zeichnerkollegen Gary Larson denken – ein Vorbild? „Wir kannten seine Arbeiten zuvor nicht – aber als wir immer wieder dieselbe Rückmeldung bekamen, haben wir uns ein bisschen damit auseinander gesetzt und waren direkt begeistert.“ Begeistert sind die beiden etwa auch von der Zeichnerin Clementine Hunter, der Künstlerin Louise Bourgeois, dem „Calvin und Hobbes“-Schöpfer Bill Watterson oder der US-Komikerin Amy Poehler. „Aber Vorbilder haben wir nicht. Der jeweils andere ist immer unser Vorbild, da brauchen wir keine anderen.“

Jonathan Kunz und Elizabeth Pich: War and Peas – Von Hexen und Menschen. Panini, 160 Seiten, 19 Euro.
Info: www.warandpeas.com

 

Dominique Goblets Comic „So tun als ob heißt lügen“

 

Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Avant-VerlagDominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Avant-Verlag

 

Was für ein Angeber. „Mein Nachbar vergöttert mich“, trompetet der Mann mit dem Seepferdschnurrbart; sein Hund habe ihn auch vergöttert (bevor er ihn einschläfern ließ, weil er „durchdrehte“); und die Ex-Kollegen von der Feuerwehr, die lieben ihn bis heute, sagt er und fläzt sich mit Schmerbauch aufs Sofa. Es ist also kein leichter Nachmittag für die Tochter des Mannes, die ihren Vater zum ersten Mal seit vier Jahren wiedersieht, begleitet von ihrer kleinen Tochter. Die hat den Opa zwar noch nie getroffen, stellt aber die naheliegende Frage: „Wieso hast Du deinen Papa so lange nicht gesehen, Mama?“

Es ist eine schwierige Familiengeschichte, die die belgische Künstlerin Dominique Goblet (50) hier erzählt – es ist, im Großen und Ganzen, ihre eigene. Um die zerbrechende Ehe der Eltern geht es, um die Auswirkung auf die Eheleute und vor allem auf die Tochter. Sie ist als Kind im Innersten erschüttert und wird es wieder sein, als sie sich verliebt – aber betrogen wird.

Verliebtheit und Alltag

Goblet kleidet diese Geschichte in unterschiedliche Stile. Einmal, weil sie verschiedene Zeitebenen und auch Gefühlszustände illustriert; aber auch, weil sie über einen Zeitraum von zwölf Jahren an dem Band arbeitete und sich der künstlerische Zugang über die Zeit wohl verändert hat. Mal sind  sepiacolorierte Kohlezeichnungen zu sehen, mal uncolorierte Bleistiftzeichnungen mit fein ausgearbeiteten Details, mal mit ausholenden Schraffuren.  Das Gefühl frischer Verliebtheit und Intimität fangen die Bildfolgen ebenso atmosphärisch wie Motive eines vor sich hin schleichenden Alltags, wenn ein Hund einige Bilder lang über einen Hinterhof schleicht und am Himmel ein Jet vorbeizieht.  Aus der Vergangenheit der Hauptfigur steigen immer wieder fast körperlose Gestalten wie böse Geister hervor, Rückblenden führen in diese angeschlagene Kindheit, aufgerieben zwischen zwei kreuzunglücklichen Eheleuten, in der das Vertrauen in die Welt schwindet, die Angst vor der Lüge wächst und sie auch begleitet, als Dominique längst eine erwachsene Frau ist – und ihr neuer Freund noch von seiner alten Flamme erwärmt wird.

Der Comicband  ist dabei weder Psycho-Nabelschau noch Seelenpein-Grau-in-Grau (beziehungsweise -Sepia), sondern eine ästhetische Freude mit einer anrührenden und abwechslungsreichen Optik. Am Ende weichen die Zeichnungen und Sprechblasen mehrfarbigen, grob gepinselten Farbseiten mit einzelnen Sätzen – der Nebel aus alten Ängsten scheint zu verfliegen, das Leben klart sich auf.

Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Aus dem Französischen von Annika Wisniewski. Avant-Verlag, 148 Seiten, 29,95 Euro.

www.avant-verlag.de

 

Der Comic „Turing“ von Robert Deutsch

Alan Turing Enigma Benedict Cumberbatch

 

Es ist eine grausige und wahre Geschichte: 1954 nimmt sich der britische Mathematiker Alan Turing das Leben. Er litt an Depressionen, die ein Medikament auslöste, das zu nehmen ihn der Staat genötigt hatte: entweder diese „Östrogen-Therapie“ (eine Art chemischer Kastration) oder eine Haftstrafe. Denn Turing war homosexuell, was damals (nicht nur) in England unter Strafe stand. 2009 entschuldigte sich die britische Regierung offiziell, 2013 begnadigte und rehabilitierte ihn die Queen.  Turings Schicksal als verfolgter Homosexueller ist eines von vielen. Bekannt ist sein Fall aber, weil  Turing als einer der führenden Theoretiker der Computertechnik gilt und im Krieg maßgeblich an der Entzifferung der Codes der deutschen „Enigma“-Verschlüsselungsmaschine beteiligt war.

Der Leipziger Künstler Robert Deutsch widmet sich diesem Leben mit einem Comicband, dem es nur ganz am Rande um „Enigma“ geht: Deutsch stellt Leben, Lieben und Sehnsucht in den Mittelpunkt seines berührenden Werks „ Turing“. Mit dessen Tod beginnt es und bewegt sich dann drei Jahre zurück, nach Manchester, wo Turing einen jungen Mann kennenlernt, mit dem er eine Freundschaft beginnt und ihm Einblick gibt in seine Seele voller verdrängter Sehnsüchte. Was er erst nicht ahnt: Die Motive des jungen Mannes sind vor allem krimineller Natur. Als Turing sich an die Polizei wendet, liefert er sich ungewollt der Justiz aus, für die er ein Krimineller mit Krankheitssymptomen ist, die man bekämpfen muss.

Robert Deutsch erzählt in einem bunten, manchmal grob gepinselten, kindlich und naiv wirkenden Stil. Der steht in brutalem Kon­trast zur tragischen Handlung — so wie der sehnsüchtige  Turing im Gegensatz zu einer Welt steht, die ihn misstrauisch beäugt und eine Seite von ihm ablehnt. Dem Mann der Logik scheint diese Welt unlogisch. Kein Wunder, dass er sich im Kino in Disneys bunte Welt von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ flüchtet. Deutsch lässt diese Figuren Turing auf den Weg in den  Freitod begleiten. Das hätte süßlich und sentimental wirken können. Dank der Kunst dieses Buchs ist es aber berührend und todtraurig.

Robert Deutsch: Turing.  avant-verlag, 185 Seiten, 29.95 Euro.

 

http://www.avant-verlag.de/

 

Alan Turing Enigma Benedict Cumberbatch

Comic-Klassiker „Mac Coy“ – die Gesamtausgabe beginnt

Comic Klassiker Mac Coy

 

Muss man Western mögen, um den Comic „Mac Coy“ zu schätzen, dessen Auftakt der Gesamtausgabe  gerade erschienen ist? Überhaupt nicht. Nicht, dass die Handlung völlig nebensächlich wäre, aber diese klassische Comic-Reihe, die 1974 bis 2000 lief, packt auch Pferdeopern-Skeptiker mit ihrer schieren Bildkraft: Mit enormer Detaildichte führt uns der spanische Zeichner Antonio Hernández Palacios in Steppen, deren Staub man in die Nasse zu bekommen scheint, der Schweiß der Pferde tropft, Rauchschwaden ziehen durch die Bilder, und dass die Männer lange gebadet haben, spürt man auch (und ist dankbar dafür, dass es noch keine Geruchs-Comics gibt).

 

 

 

Im Kontrast zu diesem enormen Realismus  – Palacios (1921-2000) ließ sich von alten Fotografien, aber auch Bildern aus Westernfilmen inspirieren – bewegt sich die Kolorierung bisweilen ins Psychedelische: Der Himmel leuchtet manchmal in Orange und Lila (bei John Wayne undenkbar), und wenn Mac Coy per Colt-Kolben auf den Hinterkopf das Bewusstsein verliert, fluten Regenbogen-Farben auf das Bild. Die Szenarios  des französischen Texters Jean-Pierre Gourmelen sind nicht derart ungebremst kreativ. Die Reihe beginnt 1864, ein Jahr vor Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs; die Titelfigur, der Südstaaten-Offizier Alexis Mac Coy, ist ein klassischer Antiheld: störrisch, was Vorgesetzte oder Hierarchie angeht, in seiner Arbeit aber so gut, dass man ihm vieles durchgehen lässt. Recht episodisch und manchmal mit schwarzem Humor arbeitet er allerlei Himmelfahrtskommandos ab und erlebt  Abenteuer im Krieg und danach.

Antonio Hernández Palacios/ Jean-Pierre Gourmelen: Mac Coy, Band 1. Avant-Verlag, 224 Seiten, 39.95 Euro.

 

 

Comic Klassiker Mac Coy

 

http://www.avant-verlag.de

 

So war das 7. Comic Symposium in Saarbrücken

7. Comic Symposium in Saarbrücken

 

7. Comic Symposium in Saarbrücken

Sarah-Louise Barbett

Animationen, Lesungen und Live-Musik im sehr gut besuchten KuBa: Das 7. Comic-Symposium der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) am Freitagabend war ein Erfolg. Die Kuratoren Joni Majer, Elizabeth Pich und Jonathan Kunz hatten fünf Künstler eingeladen, die sich weniger dem klassischen Comic widmen denn freieren Formen, etwa Illustrationen, Animation und gar der Musik: nämlich Sarah-Louise Barbett, die anfangs auf dem nostalgischen Sofa des KuBa von Lampenfieber gemartert wurde, sich für das „terrible english“ ihres Vortrags entschuldigte und zwischendurch bemerkte, es sei „trop dur de parler“. Aber es ging dann doch alles gut, und Barbett zeigte ihre Kunst, die verspielt wirkt und vielleicht ein wenig naiv, zumindest auf den ersten Blick. Im Format zehn auf 15 Zentimeter zeichnet sie meist, auf Grundlage eigener Fotografien, gerne Tiere (vor allem Hunde) und Innenräume – in der Zeichnung „Noises in the attic“ etwa eine kleine Spinne auf dem Dachboden mit großem Hammer in einem ihrer acht Hände. Das hatte ebenso einen charmanten, manchmal skurrilen Witz wie die Musik, die Barbett als  „Musique Chienne“ aufnimmt und auf Musikcassetten vertreibt, jede einzelne mit einer eigens gezeichneten Hülle verschönt. Im KuBa packte sie zwei kleine Soundmaschinen aus, sang mit warmer Stimme eine berückende Low-Fidelity-Pop-Electro-Melange, die ihr Buch „La maison de Billy“ untermalte – über einen Hund allein im Haus. Viel Applaus gab es für Barbett.

https://aisselles.wordpress.com/

 

7. Comic Symposium in Saarbrücken

Max Baitinger

Max Baitinger erzählt in seinem Comicband „Birgit“ vom drögen Leben einer Büroangestellten – im KuBa las er aus den ersten Seiten, während die Panels an die Wand gestrahlt wurden. Herrlich, wie Baitinger den Alltag herunterbricht auf Details der Ödnis, auf die Kondenswassertropfen an einer Plastikflasche oder darauf, dass eine zwei Minuten früher als sonst gelieferte Pizza schon eine willkommene Abwechslung ist. Die „Neue“ im Büro erweist sich als Bedrohung, weil sie Birgits Mitnahme eines Lochers registriert, auch wenn das anscheinend mit „Holger aus der Buchhaltung“ abgesprochen ist. Als Zugabe zeigte Baitinger eine Animation, die die Tonspur eines Interviews begleitet: Warum sich Magneten denn abstoßen, wurde der renommierte Physiker Richard Feynman gefragt – und der antwortete mit einem sprudelnden Monolog über das Wesen dieser Frage und der Fragen allgemein (sehr sinnig und bei youtube zu finden). Baitinger illustriert Feynmans Grübeln Idee für Idee in kleinen feinen Schwarzweißzeichnungen, eine Art Gedankencomic entspinnt sich – der künstlerische Höhepunkt des Abends.

http://www.maxbaitinger.com/

 

7. Comic Symposium in Saarbrücken

Christoffer und Kaisa Leka

 

Mit dem Fahrrad aus Finnland angereist waren Kaisa und Christoffer Leka nun nicht – gewundert hätte es einen aber nicht. Denn das Künstler-Ehepaar verbindet seine Radelleidenschaft mit seiner Arbeit und hat aus der Fahrt quer durch die USA ein Buch gemacht: eine Sammlung von täglich in die Heimat geschickten Postkarten, die die Reise grafisch-humorig protokollierten. Keine gänzlich neue Idee, deren Reiz aber in der Ausführung liegt: Das Buch ist eine kleine Box (in der Sammler-Edition gar mit Brieföffner), mit Reproduktionen der Postkarten und einer comicartigen US-Karte mit der Beschreibung der Strecke und der Menschen, die dem Duo auf dem Weg halfen. Das Buch ist im eigenen Kleinverlag erschienen, erzählten die Lekas, denn einen großen Verlag für solch ein teures Projekt zu finden, das sich nicht einmal parallel als E-Book vermarkten lässt, sei unmöglich. Mehr Interesse finde da ihre eigene Geschichte, erklärte Kaisa Leka: die Amputation ihrer Beine vor 15 Jahren und das Leben danach mit Reisen und Radeln. Als „tragische Heldin mit den Prothesen“, sagte Leka ironisch,  habe sie sogar in Italien einen Verleger gefunden – aber bis heute keine Tantiemen erhalten.

http://kaisaleka.blogspot.de/

 

 

7. Comic Symposium in Saarbrücken

Nadine Redlich

 

Den Abschluss machte  Nadine Redlich mit einer kurzen Vorstellung ihrer Arbeit.  Ein wenig harmlos wirken manche ihrer Figuren mit Unschuldsmiene und dicken Knubbelnasen. Doch das täuscht, hinter dem scheinbar Banalen finden sich Tiefen, wenn etwa ein Hund über das Verhältnis von Bauch-, Rücken- oder Seitenlage zur eigenen Gemütslage grübelt. Kleine Animationen aus ihrem Band „Ambient Comics“, das schlichte Alltagsdinge bildweise in minimalen Veränderungen zeigt (ein Glas Bier, eine sich auflösende Sprudeltablette), unterlegte sie mit sphärischem Wellness-Gedudel und raunte dazu „Relax“ oder „Enjoy the moment“. Witzig war das und leider rasch vorbei – mit einem „Ich sag jetzt nichts mehr“ war sie hinfort. Aber nach insgesamt vier Stunden Lesungen und Musik wollte sie das Publikum vielleicht nicht überstrapazieren.

http://www.nadineredlich.de/

 

7. Comic Symposium in Saarbrücken

 

http://xmlab.org/

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