KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: Juli 2018

„Diese 1000 Leben sind zu schnell vergangen“ – Belmondo blickt zurück

 
Jean-Paul Belmondo, eine Legende des französischen Films, ist jetzt auch schon 85 Jahre alt. In einem munteren Buch blickt er zurück auf ein Leben, in dem er vor allem seinen Spaß haben wollte. Geglückt ist ihm das nicht immer.

 

„Diese 1000 Leben sind zu schnell vergangen, viel zu schnell“. Wehmütig beginnt Jean-Paul Belmondo seinen Erinnerungsband, und man muss ihm beipflichten. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen er, als europäischer Action-Star, auf dem Dach von Pariser U-Bahnen über Seine-Brücken ratterte (in „Angst über der Stadt“) oder an einem Helikopter hängend über Venedig gondelte, in gepunkteten Unterhosen (in „Der Puppenspieler“). Und noch viel länger her ist die Zeit, als Belmondo, mit Kippe zwischen den Lippen, in „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard im gallischen Kino einen ganz neuen Anti-Helden erschuf (und seine eigene Legende gleich mit): lässig, lakonisch und vom  Leben desillusioniert.

85 ist er nun, ledern braungebrannt, von einem Schlaganfall vor 17 Jahren gezeichnet, und  schaut zurück. Ein munter plaudernder  Band ist das, flott und anekdotenprall, wobei sich Belmondos Lebenseinstellung eindampfen lässt auf eine Kernaussage: Er wollte vor allem seinen Spaß haben und das Leben nicht zu ernst nehmen. Das hätten auch alle verstanden, bis auf die nörgelnden Kritikerschnösel.

Mit großer Zuneigung erzählt er von seinen Eltern und dem Wissen, „dass ich in eine intakte Familie ohne Geldsorgen geboren wurde, in der man sich gegenseitig liebte“. In der Besatzungszeit träumt der junge Jean-Paul davon, einen abgeschossenen US-Piloten lebend zu finden, zu verstecken und dafür bei Kriegsende einen Orden  an die Brust geheftet zu bekommen. Piloten sieht er, allerdings tote – der Pfarrer von Clairefontaine nimmt ihn mit in den Wald, um Abgeschossene zu bergen und zu begraben. „Wenn man noch ein Kind ist, ist der Tod weit weg“, schreibt Belmondo zwar, aber diese Erinnerungen haben sich eingebrannt.

Sauerkraut und Altherren-Duktus

Während der Vater rund um die Uhr bildhauert, nimmt die Mutter den Sohn in nahezu jedes Pariser Kino und Theater mit. Das Interesse des jungen Belmondost geweckt, der Berufswunsch klar – aber der Karrierepfad steinig. An der Schauspielschule kommt er erst beim dritten Versuch an, und ein Lehrer kränkt ihn zeitlebens mit einem harschen Satz, den man küchenpsychologisch als Triebfeder sehen könnte für Belmondo Karriere und Leben: Zu hässlich sei er für Liebhaberrollen, zu unbegabt für wirklichen Erfolg. So kann man sich irren.

Als unentdeckter Schauspieler in Paris erlebt er „die besten Jahre meines Lebens“, wie er schreibt, er frönt seiner Liebe zu Streichen, mischt etwa ein elitäres Edellokal auf, in dem er einen epileptischen Anfall vortäuscht und Tische umwirft, auf dass Sauerkraut auf die „Dauerwellen der alten Schachteln“ herniederregnet. Das  muss man nicht zwingend lustig finden, auch nicht seinen Hang zu manchmal chauvinistischem Altherren-Duktus, wenn er sich an alte Liebschaften erinnert: „Es stimmte schon, dass Mädchen mit 16 Jahren selten noch Jungfrauen waren, aber sie gaben dank ihrer Erfahrung die besten Ehefrauen ab.“ Mon dieu.

Algerienkrieg

Im Algerienkrieg wird er verwundet und erreicht seine Ausmusterung, so erzählt er es, durch die Einnahme von Amphetaminen, die seinen Körper ausgemergelt wirken lassen (ein Tipp des Kollegen Jean-Louis Trintignant), und durch betont abstruse Antworten bei einer Befragung. Zurück in Paris stagniert die Karriere wie gehabt, und Belmondo, nie „ungestümer und ehrgeiziger als in jenem Sommer 1955“, geht nach Rom. Im „Cinecittà“-Studio gibt es immer etwas zu tun, heißt es. Doch Belmondo findet das Studio nicht und reist ohne Geld  in einem Viehwagon zurück.

Immerhin: Die Theaterrollen werden größer, auch Filmrollen gibt es mittlerweile, durch die er sich manchmal noch mit großer Bühnengeste spielt. Einen Rat des Filmregisseurs Marc Allégret nimmt sich Belmondo zu Herzen: „Ein bisschen leiser, bitte.“ Kollege Jean Marais ist übrigens sehr angetan vom jungen Bébel: „Solltest Du zufällig einmal schwul werden, melde Dich.“

Diese Erinnerungen sind überwiegend heiter bis sonnig, lesen sich flott – und doch kann man als Belmondo-Anhänger ein wenig ungeduldig werden beim Warten auf die Schilderung von Bébels größter Zeit. Aber auf Seite 155 begegnen wir schließlich Regisseur Jean-Luc Godard, den Belmondo erstmal gar nicht mag: ein Trauerkloß  mit Sonnenbrille (auch in dunklen Räumen), das Gegenteil Belmondo. Doch gemeinsam schreiben sie Filmgeschichte, drehen „Außer Atem“ ohne Studiokulissen und ohne Drehbuch im strengen Sinn. „Ich hatte völlige Freiheit“, schreibt Belmondo, „es war schon fast beunruhigend.“ Der Film ist eine Sensation, Belmondo ist der Star eines jungen, frischen  Kinos – doch die  unkommerzielle Kunst der Intellektuellen allein ist ihm dann doch zu trocken: Die Dreharbeiten zum Film „Moderato Cantabile“, inszeniert von Peter Brook und nach einer Vorlage von Marguerite Duras, sind für ihn die quälendsten seiner ganzen Karriere. Solch „affiger Intellektualismus“ ist nichts für ihn. Viel mehr Spaß hat er da am Spontanen und Komödiantischen: ob im herrlichen Jux „Abenteuer in Rio“ oder in bunten Helden-Persiflagen wie „Ein irrer Typ“.

In den 1970ern dominiert Belmondo das französische kommerzielle Kino, er wird seine eigene Marke mit Filmen, die ganz auf ihn zugeschnitten sind, oft Krimis. „Der Greifer“, „Der Profi“, „Der Außenseiter“, „Der Windhund“. Der Star liebt die Gagen, die Arbeit, die Stunts in luftiger Höhe, die Späße: Gerne räumt er Hotelzimmer der Kollegen aus, indem er alles aus dem Fenster wirft, schwere Möbel vielleicht ausgenommen. Eine Alternative: Mehl in die Hotel-Klimaanlage stäuben. Oder das Herumwerfen von Couscous bei einer Filmpremiere. Ein bisschen albern wirkt das, aber Belmondo will eben, das erklärt er immer wieder gerne, ewig Kind bleiben, das „spielt und Grenzen überschreitet“. Aber man fragt sich manchmal schon, wer in den Hotels hinter ihm aufgeräumt hat.

Delon, der ewige Rivale

Ein Belmondo-Buch wäre ohne Alain Delon nicht komplett, dem anderen Mythos des gallischen Kinos der 60er und 70er. „Wie Tag und Nacht“ beschreibt  Belmondo ihren Kontrast. 1969 drehen sie gemeinsam den Gangsterfilm „Borsalino“ in Marseille; die Kinos sind gut gefüllt, die Rivalitätsfreundschaft aber schnell wieder abgekühlt – Belmondo fühlt sich durch die doppelte Nennung von Delon im Vorspann (als Darsteller und als Produzent) deklassiert. Ganze 27 Jahre später arbeiten sie wieder zusammen: Die Actionkomödie „Alle meine Väter“ wird aber nur ein mäßiger Erfolg, der ganz große Starglanz der beiden ist dahin. Es ist der Lauf der Welt.

Er wendet sich wieder stärker der Bühne zu, 1991 hatte er das Théatre des Varietés in Paris gekauft, „es war das Beste, was ich mit meinem Geld je machen konnte“. Ein wunderbarer Karriereherbst für  Belmondo beginnt, doch ein Schicksalschlag verändert alles: Seine Tochter Patricia stirbt bei einem Brand. „Der Kummer vergeht nie“, schreibt er, „er begleitet einen für immer.“ Die intensive Arbeit am Theater hilft ihm, „wenigstens ab und zu schlafen zu können“. Seinen Schlaganfall von 2001 erwähnt  Belmondo nur kurz, als wolle er ihm nicht zu viel Ehre antun. Jetzt, mit 85, fasst er sein Leben so zusammen: „Es war trotz aller Dramen und grausamer Tode, die einer Amputation gleichkamen, leicht und leuchtend.“

Jean-Paul Belmondo: Meine tausend Leben. Heyne, 320 Seiten, 22 Euro.

Schrecken der Kleinstadt: „Was der Himmel erlaubt“ von Douglas Sirk

 

 

 

So stellt man sich das Paradies vor: Das Herbstlaub vor den pittoresken Häusern leuchtet in Technicolor, eine Jahreszeit später rieselt der Schnee so sanft herab, als regnete es Wattebäusche – stakste gleich Bambi im Vorgarten vorbei, es würde niemanden wundern. Und doch trügt die Idylle: Wer sich hier nicht an die Regeln des Kleinstadtlebens hält, der sitzt schnell geächtet und allein im gepflegten Eigenheim.

Willkommen in der Welt von Regisseur Douglas Sirk (1897-1987). Der Hamburger, der eigentlich Hans Detlef Sierck hieß, flieht mit seiner jüdischen Frau vor den Nationalsozialisten nach Amerika und wird in Hollywood ein bekannter Filmemacher, auch wenn ihm künstlerische Anerkennung erst Jahre später zuteil wird: durch die französische Filmkritik und durch Kollegen wie Rainer Werner Fassbinder, der das Hohelied auf Sirk singt.

Die 1950er Jahre sind Sirks ganz große Zeit: In kunstvoll komponierten Bildern erzählt der Regisseur von Vorurteilen und Konventionen, die vor allem Frauen zu erdrücken drohen – in gefühlvollen, aber unsentimentalen Filmen wie „In den Wind geschrieben“, „Die wunderbare Macht“ und „Was der Himmel erlaubt“. Den kann man jetzt im Heimkino wieder entdecken, in einer neuen, sehr guten Edition auf hochauflösender Blu-ray mit neu abgetastetem, grandiosen Bild.

Der Film von 1955 erzählt von einer Witwe (gespielt von Jane Wyman) in einer malerischen US-Kleinstadt. Gediegene Trauer erwartet die Gemeinde von ihr, doch sie verliebt sich in einen Mann und verstößt doppelt gegen die Regeln. Denn der Gärtner ist a) nicht standesgemäß und b) auch noch jünger als die Witwe. Die Menschen reagieren erst mit kleinen Gesten. Eine erhobene Augenbraue hier, eine Anspielung da (etwa an der Metzgertheke). Ratschläge folgen, dann erhöht sich der Druck auf das Paar.

Wer Sirks Filme nicht kennt, muss sich hier vielleicht ein paar Minuten lang hineinfinden in diesen Kosmos, der anfangs wie ein nostalgisch schillerndes Kleinstadtparadies wirkt – doch „Was der Himmel“ hat inhaltlich seine Härten und ist formal aufregend: Wenn Sirk enorm kunstvoll Farben einsetzt, oft auch Spiegelungen, um eine ganz eigene Atmosphäre und Dramaturgie zu schaffen. Sein Ruf als Schauspielerregisseur kommt nicht von ungefähr – Wyman als liebende Witwe und Kleinstadtopfer ist herausragend, ebenso wie der immer gerne cineastisch-reflexhaft als hölzern geschmähte Rock Hudson, mit dem Sirk viele Filme drehte. Hier zeigt er eine schöne Verbindung aus Sensibilität und naturburschenhafter, herber, aber nicht tumber Filmstar-Männlichkeit.

Die neue Blu-ray bietet neben dem guten Bild eine isolierte Tonspur mit Musik und Klangeffekten, ein gutes Booklet und einen munteren Audiokommentar: Da unterhalten sich der Filmwissenschaftler Werner Kamp und Christian Bartsch (vom Heimkino-Label Turbine) über den Film, Sirks Bildkompositionen und Sirks Anhänger – etwa den erwähnten Fassbinder, der mit seinem Film Angst essen Seele auf (eine Frau verliebt sich in einen jüngeren Gastarbeiter) „Was der Himmel erlaubt“ die filmische Ehre erwiesen hat.

 

Blu-ray erschienen bei Turbine Medien.

http://www.turbine.de

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