Über Film und dieses & jenes

Monat: Juni 2023

„Was heißt hier Ende?“ Dominik Grafs Film über Michael Althen

Der Filmjournalist Michael Althen (1962-2011). Foto: Good!Movies

Seine Texte seien ja schön gewesen, sagt Michael Althens Vater im Film, „aber die Nachrufe – die waren wunderschön“. Das gilt auch für diesen filmischen Nachruf „Was heißt hier Ende?“ von Dominik Graf, der 2015 erstmals im Kino lief. Graf hat neben seinen Spielfilmen („Die Katze“, „Geliebte Schwestern“, „Fabian“) immer wieder auch Filmessays gedreht – einige auch zusammen mit dem Filmkritiker Michael Althen, der ihm ein Freund wurde und 2011 starb, im Alter von 48 Jahren.​

Grafs Film ist ein mosaikartiges Porträt, gefühlvoll, aber nicht sentimental – um einen Kino-Liebenden geht es, dessen Bild Graf aus vielen Teilen zusammensetzt: Da sind Ausschnitte aus Althens eigenen Filmen, vor allem über den Maler Nicolas de Staël, der ihn faszinierte; Texte Althens übers Kino, die Graf wundervoll raunend liest; da sind die Kinder, die Witwe, die Freunde und Kollegen, die Anekdoten erzählen – Kritiker wie Andreas Kilb, Tobias Kniebe, Harald Pauli, Filmemacher wie Christian Petzold und Caroline Link.​

Die Angst um Antonionis Nachruf​

Von dem Nachtschwärmer Althen hören wir da, der erst schrieb, wenn alle um ihn herum ins Bett gegangen waren; der kaum etwas mehr fürchtete, als dass Regisseur Michelangelo Antonioni stirbt, wenn Althen in Urlaub ist und er deshalb keinen Nachruf schreiben kann. Althen schrieb den Text dann doch, nach jahrelangem Zögern vorab, „für die Schublade“ sozusagen – einen Tag später starb Antonioni. Und Althen gab sich eine gewisse Mitschuld, erzählt seine Frau lächelnd.​

„Schon 20 Mal gesehen hat – und davon 18 Mal besser“​

Natürlich erzählen die Freunde vor allem Nettes über Althen, auch wenn die Kollegin Doris Kuhn dessen manchmal etwas gefühlsbeladenen und bedeutsamen Stil sanft veräppelt: wenn Althen etwa von den „Pfützen der Erinnerung“ spricht. Dabei schlägt der Film einen thematisch weiten Bogen – ist die Filmkritik langweilig geworden? Hat sie nur noch Service-Charakter? Wie kann man sich eine Begeisterung fürs Kino erhalten, wenn man sich 30 Jahre lang berufsmäßig Filme anschaut? Und alles, wie Andreas Kilb es beschreibt, „schon 20 Mal gesehen hat – und davon 18 Mal besser“? Auch darum geht es in diesem schönen Nachruf.​

Vater, Tochter, Cowboystiefel – „Die Rumba-Therapie“ von Franck Dubosc

Nachbarin Fanny (Marie-Philomène Nga) bringt Tony (Franck Dubosc) ein wenig Rumba bei – sonst landet er nicht in dem Tanzkurs, den seine Tochter leitet, die ihn noch nie gesehen hat. ​ Foto: Neue Visionen

Der französische Film „Die Rumba-Therapie“ erzählt von einer ersten späten Begegnung zwischen Vater und Tochter – und noch vom Tanzen und einem Wettbewerb. Zu viel des Guten?​

Armer Tony. Vom großen Lebenstraum Amerika sind nur ein Tattoo auf dem Arm und ein Paar Cowboystiefel geblieben, die an ihm rührend und ein bisschen lächerlich aussehen. Statt auf dem Motorrad die Route 66 entlang zu brummen, tuckert der Mittfünfziger morgens mit dem Schulbus irgendwo bei Paris herum. Immerhin: Die Kinder mögen ihren brummigen Fahrer, der ihnen amerikanische Flüche beibringt. Zu Hause flucht er im Unterhemd über das Fernsehprogramm (zu wenig Kriegsfilme, zu viel Eiskunstlauf) und tröstet sich mit der Kombination aus fettem Abendessen, Flaschenbier und Nikotin. Da kommt ein Herzanfall auf der Toilette im Busdepot wenig überraschend. Mit dem knapp verpassten Tod im Hinterkopf fasst Tony einen Plan: Er will seine heute erwachsene Tochter kennenlernen, die er damals im Stich ließ und die er noch nie gesehen hat.​

Man kann es sich denken – die Komödie „Die Rumba-Therapie“ erzählt die Geschichte einer Läuterung und lässt den unterkühlten Brummbär Tony mit Herzenswärme auftauen; doch Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Franck Dubosc, ein in seiner Heimat ziemlich populärer Franzose, verbindet das Ganze noch mit dem Genre des Tanzfilms: Am Ende geht es nicht nur um eine Vater-Tochter-Zusammenführung, sondern auch um einen Wettbewerb der schwingenden Tanzbeine.​

Michel Houellebecq als „Doktor Mory“​

Genau die stehen dem Film in seinem letzten Drittel manchmal im Weg – doch bis dahin ist „Die Rumba-Therapie“ (im Original heißt er etwas weniger medizinisch „Rumba la vie“) immer wieder hinreißend, nicht zuletzt wegen Duboscs Dialogen und angeschrägten Figuren. Wenn Tony im Krankenbett den einsamen Wolf gibt und Sätze verkündet wie „Keine Familie, keine Freunde – an meinem Grab soll niemand weinen“, antwortet ihm sein Arzt „Aber das Grab muss ja jemand in Auftrag geben“ – die kernig männliche Einsamkeit hat ihre praktischen Grenzen. Den Mediziner spielt Schriftsteller Michel Houellebecq mit schlurfigem Charme, quer über die Halbglatze drapierten Haaren und hinterlistigen Sätzen wie „Sie haben das Herz eines jungen Mannes – das eines kranken jungen Mannes.“​

„Das liegt Euch doch im Blut“​

Tonys Tochter Maria (Louna Espinosa) leitet einen Rumba-Kurs, in den er sich einschleichen will (unter dem schön-schrecklichen Namen Kevin Sardou), um seine Offenbarung als Vater vorzubereiten. Doch Maria nimmt im Kurs keine Anfänger auf, und so kreuzt Tony erstmal bei seiner schwarzen Nachbarin auf, um sich Rumba erklären zu lassen, „denn das liegt Euch doch im Blut“. Pseudo-wohlmeinender Rassismus bleibt Rassismus, auch das wird Tony noch lernen. Die Nachbarin revanchiert sich: „Können wir uns duzen? Deine Vorfahren haben ja meine Vorfahren ausgepeitscht.“​

Volker Schlöndorff über Alain Delon

Die Annäherung zwischen Vater und Tochter ist durchaus anrührend und bringt Überraschungen mit sich – erst glaubt die junge Frau, der angegraute Tony stelle ihr amourös nach; und dann, als sie die Situation längst durchblickt, gibt sie sich ahnungslos und tut, als wüsste sie nicht, wer er ist, und habe sich in ihn verliebt, was ihn Höllenqualen leiden lässt – vielleicht eine minimale Rache dafür, dass er sie als Vater einst im Stich ließ.​

Es geht nach Blackpool​

Das Trauma eines verlassenen Kindes will der Film sicherlich nicht ausloten, Dubosc hat Wohlfühl-Kino im Auge. Das gelingt ihm – bis zur Offenbarung der Vaterschaft ist der Film eine flotte, charmante, bittersüße Mischung aus persönlicher Geschichte, ein wenig Tanz und Lebenslektionen wie „Lass Dein Herz sprechen“. Das aber verschiebt sich im letzten Drittel – ins britische Blackpool geht es, wo eine internationale Tanzmeisterschaft ansteht, wohin die Tochter den Vater als Partner mitnimmt. Was dort geschieht, wird nicht verraten – aber es ist jene Art von Kino-Situation, die sich ganz anders und weniger kompliziert entwickeln würde, wenn die Hauptfiguren darüber einfach mal ein, zwei Sätze miteinander redeten. Da scheint Drehbuchautor Dubosc etwas die Luft ausgegangen zu sein.​

Eine schreckliche Komödie: „Das Nonnenrennen“

Dennoch bleibt man im Kino gerne mit diesen Figuren zusammen, die der warmherzige Film in seiner famosen ersten Stunde so berührend in Szene gesetzt hat – auch abseits der Hauptrollen. Ausgerechnet der von Houllebecq gespielte Mediziner mit dem schönen Namen Mory, was an „mourir“ gemahnt („Sie rauchen? Sehr schön, dann sehen wir uns bald wieder“), sagt den Satz, der die Botschaft des Films gut zusammenfasst: „Allein sind wir nichts.“​

Volker Schlöndorff im Kino Achteinhalb: „Arroganz ist Alain Delons zweiter Vorname“

Volker Schlöndorff (links) im Kino Achteinhalb. Neben ihm Patricia Oster-Stierle von der Uni Saarbrücken, die den Regisseur eingeladen hatte, und Waldemar Spallek vom Achteinhalb.         Foto: Tobias Keßler

 

Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff war zu Gast in Saarbrücken im Kino Achteinhalb – ein schöner Abend mit einem lässigen Filmemacher.

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