Über Film und dieses & jenes, von Tobias Keßler

Monat: Oktober 2022

„Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger“

Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger

Schriftsteller, Verlags- und Buchmensch Michael Krüger.  Foto: Real Fiction

„Man muss sich ja langsam auf den Tod vorbereiten“, sagt Michal Krüger. Ganz ohne Larmoyanz, sondern eher aus ganz nüchterner, praktischer Sicht heraus – zumal er zu diesem Zeitpunkt noch kerngesund ist. Man müsse die ganzen „Trümmer aus dem Kopf kriegen“, Gedanken, Projekte; sonst sei man zu schwer und könne ja nicht „in den Himmel aufsteigen“. Es ist Dezember 2013, wir sind in einem büchergefüllten Büro in München. Hier tritt Michael Krüger, damals 69 Jahre alt, seine letzten Monate als Geschäftsführer des Hanser Verlags an. Auf ihn wartet nicht der Tod, von dem er spricht, sondern ein wenig mehr Ruhe – die er aber sofort wieder randvoll füllt, mit Projekten, Lesungen, Schreiben, Buchprojekten.​

Einmal die Woche Franz Kafka​

Für sein berührendes filmisches Porträt „Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger“ hat der Filmemacher Frank Wierke den Schriftsteller und Verlagsmenschen regelmäßig zu Gesprächen getroffen – von 2013, dem Beginn des Films, bis zum Februar 2020. Wierke (Buch, Kamera, Schnitt) lässt Krüger an verschiedenen Orten über sein Leben sprechen, über die Kunst, über die Philosophie, die Natur und auch die Rückenschmerzen durchs ungeübte Mähen per Sense „nach 40 Jahren Büroarbeit“. Ein filmisch zurückhaltendes Konzept mit großer Wirkung. Diesem Menschen hört man gerne zu, wunderbar spricht er über den Baum in seinem Büro, der ihn wohl überleben werde, über die Systematik im Bücherregal seines heimischen (und riesigen) Arbeitszimmers („ich kenne die Ordnung, sonst keiner“); über seine notwendige Franz-Kafka-Dosis einmal die Woche – und über andere Bücher, die er kaum noch aufklappt, deren Präsenz alleine aber schon wertvoll sei. „Sie beschützen einen.“      ​

Das könnte nun ins Prätentiöse abgleiten, aber Krüger ist nicht der Typ dafür. Von seiner Bibliothek führt er uns in seinen Garten und erzählt von seinen Bäumen, die ihn faszinieren, vor allem einer, der schon ein „Todeszeichen“ gab, dann aber sozusagen die florale Kurve bekam, wohl beseelt vom „Willen, es allen noch mal zu zeigen – wie bei alten Herrschaften“, wobei Krüger sich natürlich auch ein wenig selbst meint.​

Hat Philosophie noch was zu sagen?​

Biografisches erfährt man eher am Rande – sein Leben habe vor allem aus Büro, Ehe und Basketballtraining bestanden, erzählt Krüger nebenbei, zwischendurch erwähnt er seine Lehre zum Verlagsbuchhändler und Drucker. Vor dem Gang ins Kino, der sich unbedingt lohnt, sollte man vielleicht kurz Krügers Lebensweg googeln; dann versteht man auch, warum er in einem Raum der Akademie der Künste steht und auf München herabblickt, mit dieser „ganzen Angeberwelt“: Krüger war von 2013 bis 2019 Präsident der Akademie. Dort legt er im Film die Füße auf einem Ledersofa hoch und denkt laut über die Philosophie nach – das Schöne dran: Bei Krüger wirkt das nicht wie eine Selbstinszenierung, nicht wie eine entrückte Dichterpose. Dafür ist er zu nüchtern, ebenso bei seiner Sicht auf die Dinge: Eigentlich spiele die Philosophie keine große Rolle mehr in der Welt oder in Deutschland, wo sich „ein paar 1000 Leute von 80 Millionen“ für sie interessierten. Die Religion könne vielleicht ein Trost sein, auch wenn beim Gang in die Kirche „zu 99 Prozent“ nichts mit einem passiere – entscheidend sei das eine Prozent.​

Immer wieder sind Gedichttexte Krügers im Film präsent, in weißer Schrift auf grauem Grund – schwarzer Grund hätte wohl zu wuchtig gewirkt und somit nicht zu Krügers klarer Sprache gepasst.​

Eine Krankheit kommt​

Im Lauf der Dreharbeiten erkrankt Krüger an Leukämie – er nimmt es im Film äußerlich nüchtern auf, fast scheint es wie ein weiteres der vielen Themen, die ihn interessieren, die er mit höchster Neugier umkreist. Er sei „immer weniger Herr im Haus“ seines Körpers, gibt er zu, man fühle sich „langsam aus sich selbst herausgedrängt“. Aber so wie Krüger macht auch der zurückhaltende Film keine große Sache aus der Krankheit – Krüger lebt übrigens und war bei einer Premiere des Films dabei. Sie ist eher eine Befeuerung von Krügers Nachdenken über die Welt, das eine beruhigende Gelassenheit besitzt. So weit wie „Man weiß, dass man nichts weiß“ will er nicht gehen, aber darauf, dass man wenig weiß, könne man sich schon einigen. „Ich bin froh, meinen Namen zu wissen, das war‘s dann schon“, sagt er, was sich finsterer liest als es im Film klingt. Denn ebenso gilt: „Vielleicht leben wir schon im Paradies.“​

DVD zu haben bei Real Fiction.

Loriot und Douglas Sirk: „Da kommt noch was“ von Mareille Klein

Film Da kommt noch was

Zbigniew Zamachowski als Ryszard, Ulrike Willenbacher als Helga.

Die meisten Unfälle passieren ja zuhause, heißt es – manchmal auch die symbolischsten, zumindest in diesem sehenswerten Film. Da stürzt Helga, beim Versuch, eine Spinne an der Wohnzimmerdecke zu fangen, vom Schemel, kracht durch ein Holzgitter im Boden und bleibt stecken. Die ganze Nacht lang, bis ihre Putzhilfe sie morgens entdeckt. „Ich bin in ein Loch gefallen, ich komme hier nicht alleine raus“, sagt Helga und meint möglicherweise ihr Leben. Das wirkt zwar wohl geordnet, aber sehr, sehr still – das Lauteste im Haus sind das Rattern und das Röcheln ihrer Kaffeemaschine. Vor zwei Jahren, da war Helga um die 60, hat ihr Mann sie wegen einer anderen Frau, der Arzthelferin des Familiendoktors, verlassen; Helga bleiben eine kartenspielende Runde von Freundinnen (über die Tiefe oder Untiefe der Freundschaft kann man streiten) und Konzertbesuche – wenn sie Pech hat, läuft Zeitgenössisches, das an ihren Nerven sägt.

Eine gewisse Unruhe kommt in diesen Gleichlauf der Dinge, als die bewährte Putzhilfe urlaubt und Ersatz empfiehlt: den Polen Ryszard. Dessen Deutschkenntnisse sind begrenzt, Helgas Polnischkenntnisse sind nicht existent. Die Kommunikation holpert also erstmal, doch im Partykeller mit Anmutung der 1970er und Musik der 1990er kommt man sich erst langsam, dann doch ziemlich rasch näher. Helga und dem verwitweten Ryszard geht es zusammen so gut wie lange nicht mehr – doch wie wird das Umfeld mit snobistischer Attitüde auf den Putzmann/Handwerker aus Polen reagieren?

Douglas Sirk und Loriot

„Da kommt noch was“ ist gleichzeitig Tragikomödie und in gewisser Weise auch Gesellschafts-Gruselfilm; die Geschichte erinnert ebenso an Douglas Sirks alte Melodramen wie „Was der Himmel erlaubt“ (Mittelschichts-Witwe liebt jüngeren Gärtner) wie an Loriots subtiles Aufspießen bürgerlicher Konventionen.

Geschrieben und inszeniert hat das die Kölnerin Mareille Klein, Jahrgang 1979, die man vom Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Preis her kennt: Ihre exzellente Dokumentation „Auf Teufel komm raus“, über das Leben eines aus der Haft entlassen Sexualstraftäters, lief 2011 im Wettbewerb; ein Jahr später gewann Kleins „Gruppenfoto“ den Kurzfilmpreis. Nach „Dinky Sinky“ (2016), ihrem Abschlussfilm an der HFF München, ist „Da kommt noch was“ ihr zweiter Spielfilm.

Sie erzählt eine zarte Liebesgeschichte, aber auch viel von Hierarchien, von sozialem Gefälle, von Macht und Ignoranz. Wenn Helga etwa ihre Putzanweisungen an Ryszard in einem rudimentären Deutsch-Englisch-Gemisch transportiert und mit „Comprende?“ abschließt. Oder wenn im Freundinnenkreis, wo Ryszard als Handwerker sehr beliebt ist, immer von „mein Pole“ gesprochen wird. „Polen sind gute Handwerker“ heißt es da so nett gemeint wie alltagsrassistisch.

Der Höhepunkt dieses Snobismus, vielleicht auch der Höhepunkt des Films sind die Szenen einer Geburtstagsfeier, zu der Helga und Ryszard eingeladen sind. Dort begegnet man ihm mit freundlicher Neugier, aber auch mit einem Blick von oben herab. Ob seiner mäßigen Kenntnisse der deutschen Sprache fragt man ihn in Rustikal-Englisch „Why not learning language?“, bevor die neue Frau von Helgas Ex-Mann ihren Beruf so erklärt: „I’m the Arzthelperin.“

Da weht schon ein wenig Loroit durch das Besserverdiener-Interieur, auch wenn der Film solche Momente nicht betont komödiantisch ausspielt. Sondern er inszeniert sie ganz realistisch und gibt ihnen damit eine gewisse alltägliche Grausamkeit – wie etwa auch bei Ryszards Toilettenputzen unter Helgas strengem und kenntnisreichem Blick.

Graubraune Fliesen, graubraunes Leben

Zu dem Eindruck, dass vieles direkt aus dem Leben gegriffen wirkt, tragen auch die Kulissen bei, die keine sind: Der Film entstand fast ausschließlich in drei Häusern in Ottobrunn bei München, keine 200 Meter voneinander entfernt. Die Innenausstattung, von Kameramann Patrik Orth („Toni Erdmann“) in breiten Kinobildern eingefangen, wirkt komplett unkünstlich – graubraune Fliesen passen vortrefflich zu Helgas aktuellem Leben, das sich langsam verändert.

Gespielt ist das Ganze bis in die Nebenrollen hin famos. Der in seiner polnischen Heimat sehr populäre Darsteller Zbigniew Zamachowski spielt Ryszard als stillen, zurückhaltenden Mann, der in wichtigen Momenten – nicht zuletzt im Partykeller – Initiative ergreift. Im Zentrum des Films steht aber Ulrike Willenbacher; hinter der Spröde ihrer Figur Helga lässt sie immer eine gewisse Sanftheit durchscheinen, sie schwankt zwischen dem Verletztsein durch das Ehe-Ende und einer stoischen Stärke. Die Komik mancher Situationen und vieler Dialoge spielt sie nicht überdeutlich aus, auch wenn vieles auf stille Weise sehr witzig ist: Etwa wenn Helga sich im Baumarkt vor einer vermeintlichen Freundin in die Bäder-Abteilung flüchtet und dort kleinlaut ausharrt, auf der Tonspur untermalt von einer kernigen Baumarkt-Durchsage über die Vorzüge des „Duschsystems Euphoria“.

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