Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Auf DVD und Blu-ray (Seite 1 von 11)

Nordsee ist Mordsee: „The North Sea“ von John Andreas Andersen

The North Sea Koch Films

Im Katastrophenmodus auf der Bohrinsel, von links: Stian (Henrik Bjelland), Sofia (Kristine Kujath Thorp) und Arthur (Rolf Kristian Larsen). Fotos: Koch Films

 

Ach ja, die guten alten Klischees des Katastrophenfilms: Namenlose Statisten, die von Erdspalten verschluckt, von Lava oder kollabierenden Hochhäusern begraben werden. Nebenfiguren, die sich nicht selten heroisch opfern für die Hauptfiguren; die wiederum kommen immer wieder um Haaresbreite mit dem Leben davon und finden nebenbei noch die Zeit, Beziehungs- oder Familienprobleme zu lösen. Und sollte ein fluffiger Hund mitspielen, keine Sorge, wird der alles überleben.

Nun ist es nicht so, dass der norwegische Film „The North Sea“ solche beliebten Klischees gegen den Strich bürstet – im Großen und Ganzen köchelt er gemäß bewährter Genre-Rezepte. Aber alles wirkt hier ein wenig bodenständiger, weniger irreal als etwa vergleichbare US-Filme, die ihre Zerstörungs-Orgien mitunter ins Absurde steigern, wenn Helden jeden Wahrscheinlichkeiten und physikalischen Gesetzen trotzen, um ihre Lieben zu retten.

Seine Hauptfiguren stellt Regisseur John Andreas Andersen sehr ökonomisch vor, denn ihm bleiben nur zehn Filmminuten bis zum ersten Rumms: Die Kollegen Sofia und Arthur sind Spezialisten, die mit ihrem kleinen unbemannten Unterseeboot die Unterwasseranlagen von Bohrinseln kontrollieren. Als sie von einem Öl-Konzern angefragt werden und sofort eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben müssen, ahnen sie Schlimmes. Eine Bohrinsel ist innerhalb von zwei Minuten gesunken, nun sollen sie mit ihrem Apparat Menschen suchen, die in der Anlage auf dem Meeresgrund möglicherweise in Luftblasen überlebt haben.

 

Da gelingen dem Film atmosphärische, gespenstische Szenen, wenn das Kameraauge seine Kreise durch die gefluteten Räume zieht und ihm Ertrunkene entgegen schweben wie Geister. Die Rettung eines Überlebenden misslingt wegen einer Gasexplosion, aber es kommt noch schlimmer. Die massiven Bohrungen durch hunderte von künstlichen Inseln haben den Meeresboden der Nordsee instabil werden lassen, es droht eine weitere Katastrophe. Regierung und Krisenstab handeln schnell, alle Bohrinseln werden evakuiert, bevor viele von ihnen in einem sich auftuenden gigantischen Wasserstrudel versinken – auch ein Tanker, dem seine Aufschrift „Safety First“ nichts mehr nutzt.

Nur eine Person wird noch auf einer Bohrinsel vermisst: Stian, der Freund der U-Bootspezialistin – ein konstruierter Drehbuchkniff, den der Film dem Zuschauer dennoch ziemlich glaubhaft nahebringt. Sofia macht sich mit dem Kollegen Artur unerlaubt auf zur Bohrinsel, um den Liebsten zu retten, während das Meer um sie herum zu einem dunklen Ölteppich wird.

Sicher – dieser Rettungsversuch folgt gut geölter Spannungsmechanik: Das Trio rettet sich von einer schlimmen Situation in die nächste, die dann noch ein wenig schlimmer ist. Und warum der internationale Titel des Films nicht „The North Sea“ ist, sondern „The Burning Sea“, erfährt man auch noch – unter anderem durch apokalyptische Bilder. Doch das Trio übersteht die einzelnen Situationen nicht durch heroische Genialität, sondern schlicht durch Kompetenz und Professionalismus. Die Darsteller dabei sind exzellent, besonders Kristine Kujath Thorp als Sofia, Herz und Hauptfigur des Films. Es geht hier letztlich mehr um Personen als um computergenerierte Bilder der Verwüstung. Dem Film gelingt es auch, die gigantischen Dimensionen einer Bohrinsel nachvollziehbar zu machen, mit viel Stahl, Technik, labyrinthischen Gängen, unendlich viel Wasser rundum und ständiger Gefahr.

Eine gewisse Ökobotschaft liefert der Film dabei mit, wie gefährlich für die Natur das Ölgeschäft sein kann. Das ist nichts Neues, aber der Film tut auch nicht so, als wäre es das. Der Öl-Konzern und die Regierung sind nicht per se ein böser Kapitalismus-Polit-Komplex, sondern eher eine Truppe, die die verschiedenen Risiken abwägt: für die Menschen, für die Natur, für die Energieversorgung – und vielleicht auch für die nächste Wahl. Dass der Film da differenziert vorgeht und Figuren wie den Krisenmanager des Konzerns durchaus ambivalent anlegt, macht den Film interessant. Schön findet Bohrinseln ja niemand, selbst ihr Personal nicht, aber das Öl können wir ja gut gebrauchen.

 

Erschienen digital, auf DVD und Bluray bei: Koch Films.
Extras: Trailer

Edler Zwirn, feine Nase: Der schwedische Mehrteiler „Hjerson“

Hjerson (Johan Rehborg) und Sandberg (Anna Halström). Foto. ZDF / Edel Motion

Ermittlungsarbeit in der Küche: Hjerson (Johan Rehborg) und Sandberg (Anna Halström). Foto. ZDF / Edel Motion

„Das Letzte, was die Welt jetzt braucht, ist eine weitere Krimireihe im Fernsehen.“ Sagt die Hauptfigur einer weiteren Krimireihe im Fernsehen. Vielleicht soll diese Ironie auf der Meta-Ebene ja der Kritik den Wind aus den Segeln nehmen – angesichts einer unbestreitbaren TV-Krimi-Schwemme, nicht zuletzt aus den skandinavischen Ländern. „Hjerson“ heißt dieser Mehrteiler aus Schweden, dessen Ursprung in England liegt: bei Agatha Christie, der Königin des „Whodunit“, bei dem die minutiöse Aufklärung eines Verbrechens mit möglichst vielen Verdächtigten im Zentrum steht.

Christie (1890-1976) erfand nicht nur den Meisterdetektiv Hercule Poirot oder die Miss Marple, sondern auch eine Krimischriftstellerin namens Ariadne Oliver, die wiederum eine Hauptperson für ihre Krimis ersonnen hat: den schwedischen Ermittler Sven Hjerson. Und eben der ist die Titelfigur dieses ambitionierten Mehrteilers (vier mal 90 Minuten). Wie nahe der nun dem Werk Agatha Christies steht oder ob man sich vor allem mit ihrem Namen schmücken will, müssen deren Kenner beurteilen. Sehenswert ist „Hjerson“ jedenfalls, wobei sich die Serie abhebt von einigen anderen Krimis aus Skandinavien, bei denen Orte wie Seelenlandschaften gerne neblig trüb sind. „Hjerson“ ist bunter (wie seine Kleidung), filmisch verspielter und humoristischer – den Todesfällen und schicksalhaften Verstrickungen zum Trotz.

„Milf-Hotel“ füllt geistig nicht mehr aus

Zu Beginn steckt die TV-Produzentin Klara Sandberg (Hanna Alström) in der Krise – Trashformate wie „Milf Hotel“ füllen sie nicht aus, doch eine neue Idee beflügelt sie: Warum nicht eine halb-dokumentarische Krimi-Serie mit dem legendären Ermittler Sven Hjerson (Johan Rheborg) auf den Weg bringen, der einige der kniffligsten Fälle der schwedischen Kriminalgeschichte aufgedröselt hat? Das erste Problem: Hjerson hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, scheint unauffindbar. Das zweite Problem: Als Sandberg ihn aufspürt, hat er nicht das geringste Interesse, Teil einer TV-Serie zu werden. Er braucht die Welt nicht, seine erlesene Garderobe und der tägliche Gang zum Friseur (trotz schütteren Haars) sind ihm Lebensbegleiter genug. Doch flüchten kann er vor der TV-Produzentin nicht, befinden sich beide doch auf einer Fähre. Als dort ein Mord geschieht, kann Hjerson den alten Spürsinn nicht verdrängen (und die Fernsehfrau nicht loswerden).

Vor dem Hintergrund der Krimi-Handlung – etwa einem Todesfall bei Kino-Dreharbeiten – erzählen die Episoden von der beginnenden Freundschaft zwischen Ermittler und Produzentin, von deren etwas aus dem Tritt gekommenen Liebesleben und Hjersons schwieriger und verdrängter Kindheit, die er langsam aufblättert. Gerade dieser Strang ist interessant (manchmal interessanter als der Krimi-Plot), zumal Darsteller Rheborg die Kauzigkeit und die Ticks von Hjerson nicht überzieht – man fühlt mit ihm mit, trotz seiner immer mal aufblitzenden Arroganz und seiner scheinbaren Gefühlskühle.

Die erste Staffel von „Hjerson“ ist in der Mediathek des ZDF zu sehen und auf DVD bei Edel-Motion erschienen.
DVD-Extra: Ein kurzes Interview mit den Hauptdarstellern.

„OSS 117 – Liebesgrüße aus Afrika“ mit Jean Dujardin

OSS 117 Jean Dujardin Liebesgrüße aus Afrika

OSS 117 (Jean Dujardin) erkundet die Tierwelt Afrikas. Foto: Koch Films

„Jeder Mensch träumt davon, Franzose zu sein!“ So sieht es jedenfalls der französische Agent Hubert Bonisseur de la Bath  – alias OSS 117. Diese Erkenntnis deklamiert er gerne mit stolzespraller Brust, auch in russischer Gefangenschaft in Afghanistan an Neujahr 1981. Da und dort beginnt die mittlerweile dritte Komödie mit dem gallischen Oscar-Preisträger Jean Dujardin („The Artist“) als französischem Agent;  die Figur OSS 117 nahm ihren Anfang ab 1949 in Spionage-Romanen von Jean Bruce. Die wurden dann in den 1960ern fürs Kino verfilmt, als James-Bond-Imitate mit herrlich reißerischen Titeln wie „Pulverfass Bahia“ oder „Teufelstanz in Tokio“ – an den Glamour von 007 kamen sie allerdings nicht heran.

Jean Dujardin, einer der großen Stars Frankreichs zurzeit, drehte 2006 und 2009 die ersten beiden Komödien, teils Parodie auf Bond und das Spionage-Kino, teils Satire auf ungehemmten Chauvinismus und eine gewisse Dummheit: Frauen sind für OSS 117 nicht ganz ernst zu nehmen, auf andere Länder und Kulturen blickt er milde lächelnd herab – und dass es tatsächlich Franzosen gab, die nicht in der Résistance waren, hält er für ein böswilliges Gerücht. Zwei sehr charmante Filme sind das, denen das fast Unmögliche gelang: die Kinos zu füllen und zugleich eine gute Kritik in der cineastischen Bibel „Cahiers du Cinema“ zu bekommen. Parbleu!

Nun erscheint, 12 Jahre nach dem Vorgänger, das dritte Abenteuer bei uns im Heimkino – dessen deutscher Titel „Liebesgrüße aus Afrika“ erinnert an den Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“, der Originaltitel klingt herrlich nach einem knallbunten 60er-Jahre-Agentenfilm: „Alerte rouge en Afrique Noir“. Die Mission diesmal: In einem afrikanischen Staat soll OSS 117 die drohende Rebellion gegen den Machthaber zerschlagen – der mag zwar ein Tyrann sein, aber er ist „ein Freund Frankreichs“, wie der Chef des Agenten ihm mitteilt – schließlich liegen in seinem Land Diamantminen, deren Erlöse nicht zuletzt in Richtung Paris fließen. OSS 117 nimmt die Arbeit auf, unter dem schönen Decknamen Émile Cousin, hat dabei aber Hilfe, die er gar nicht will: OSS 1001 (Pierre Niney), ein Nachwuchsagent voller Heldenverehrung für den legendären 117; die schwindet vor Ort dann allerdings, wird ihm die Inkompetenz des älteren Kollegen doch schmerzhaft deutlich.

„Aus Spaß spricht niemand Deutsch.“

Das ist der grobe Handlungsrahmen, den Drehbuchautor Jean-Francois Halin und Regisseur Nicolas Bedos mit einiger Situationskomik füllen und mit schönen schrägen Ideen – der Leopard des afrikanischen Tyrannen hört nur auf  Kommandos in gebrülltem Deutsch, weil das die effektivste Befehlssprache sei. „Aus Spaß spricht niemand Deutsch.“ Und die Titelsequenz ist eine sinnige Hommage plus Parodie an/über James-Bond-Titelvorspänne vor allem aus den 80ern.

Der grundlegende und große Reiz des Films – die deutsche Fassung besorgte Oliver Kalkofe – liegt aber darin, wie er ein konservatives Milieu zeichnet: Auf dem Weg ins Pariser Büro kommt OSS 117 an einem Wahlplakat des damals amtierenden Präsidenten Giscard d’Estaing vorbei und salutiert – ein Plakat weiter hängt das Bild des Rivalen Francois Mitterand, das OSS 117 in den Grundfesten erschüttert. Die Franzosen würden nie den Fehler machen, Mitterand zu wählen, spekuliert er – und wenn doch, dann müsse man sich einstellen auf „kein Privateigentum, Schlangen vor leeren Supermärkten, kein Wasser, aber sowjetische Panzer auf der Champs Élysées“. Es kam dann ja doch anders.

Im Geheimdienstbüro wird kollektiv gekichert über den Wunsch der afrikanischen Staaten, unabhängig zu sein. Vor Ort bemüht sich OSS nach Kräften, nicht als Rassist zu gelten, seien die Afrikaner in diesem Punkt „doch etwas empfindlich und humorlos“; lieber steckt er kleinen bettelnden Kindern Zigaretten zu, um großzügig zu wirken. Und es fallen Sätze, die man so oder ähnlich wohl auch schon mal gehört hat und die hier treffend vorgeführt werden: „Afrikaner sind fröhlich und tanzen gerne“, „Ich kann gar kein Rassist sein – sonst würde ich ja nicht Eure Kleidung tragen“ oder „Ihr seid mit so wenig so zufrieden“.

De Gaulle hilft gegen Impotenz

Neben der satirischen Veralberung von Kolonialismus und Rassismus geht es auch um die Midlife-Krise: Der 30 Jahre jüngere Kollege macht dem Agenten sein Alter deutlich klar, den hier auch überraschende Anfälle von Impotenz quälen. Da hilft nur eines (in einer sehr schönen Montage): an Frankreich denken, an Charles de Gaulle, an Düsenjäger, die über den Triumphbogen sausen – und schon ist das Problem des durchhängenden Eifelturms gelöst.

Die beiden ersten Filme mit OSS 117 haben möglicherweise die größeren Gags, bei „Liebesgrüße aus Afrika“ stellt sich eher ein Dauergrinsen ein als ein lautes Lachen. Aber in der Zeichnung seines Antihelden ist er konsequenter und am Ende überraschend finster: Das Herz für Rebellion und Demokratie entdeckt OSS 117 bis zuletzt nicht, er bleibt wie er ist: ein Mann der Realpolitik – und des Popo-Patschens im Büro als kernige Begrüßung.

Erschienen als DVD und Bluray bei Koch Films.
Fünf alte OSS-117-Filme (1963-1968) erscheinen im April bei der Riegelsberger Firma Pidax als DVD-Box.

Interview: Wie geht es weiter mit James Bond?

 

Vorsicht, Spoiler-Alarm! Wer sich den jüngsten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ noch anschauen will und nicht weiß, wie er endet, sollte jetzt nicht weiterlesen. Über die Überraschungen des Films, den Mythos 007 und dessen ungewisse Zukunft haben wir mit einem Bond-Kenner gesprochen: Joachim Frenk, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Uni Saarbrücken.

 

Wie überrascht waren Sie von „Keine Zeit zu sterben?“ Immerhin, drei Monate nach Filmstart darf man es ja verraten, wird Bond Vater – und stirbt im Finale.

FRENK Ich war sehr überrascht. Produktionsfirma und Verleih haben  eine exzellente Geheimhaltung betrieben, was bei einem Film über einen Geheimagenten ja eine gewisse Ironie besitzt. Mit Blick auf die vor der Premiere verbreiteten Informationen durfte man einen konventionellen Film vermuten: Bond muss aus dem Ruhestand heraus einen Wissenschaftler einfangen, der eine gefährliche Waffe konstruiert hat. Normale Bond-Kost also, auf Sicherheit gespielt. Dass die Figur Bond in diesem Film stirbt, ist eine Sensation. Denn es ist ein integraler Bestandteil der Bond-Formel, dass Bond immer überlebt, egal wie lächerlich gefährlich das alles ist und wie unwahrscheinlich, dass er lebend herauskommt. Diese Grundbedingung des Bond-Universums wird diesmal aufgegeben.

 

Professor Joachim Frenk.   Foto: Universität Saarbrücken/dpa

Hat Ihnen das gefallen?

FRENK Dramaturgisch ist das sauber geschrieben und von der Handlung her motiviert: Infiziert mit Nanobots weiß Bond, dass er seine Frau und sein Kind nie wird berühren können, weil er ihnen damit den Tod bringen würde. Dann stirbt er lieber. Das ist wie alles bei Bond – völlig verrückt und gleichzeitig in sich schlüssig. Erstaunlich ist auch diese Parallelisierung: Ein Darsteller gibt seine Rolle ab – es ist Daniel Craigs letzter Bond-Film – und damit stirbt gleichzeitig die Figur.

Das macht es dem nächsten Film und dem nächsten Darsteller nicht leicht. Wie kann Bond aus dieser dramaturgischen Sackgasse wieder herauskommen?

FRENK Es gibt viele Möglichkeiten, die auch bereits eifrig öffentlich diskutiert werden: Man präsentiert etwa frisch und fröhlich im nächsten Film einfach den nächsten Darsteller – nach dem Motto „Was kümmert uns der Plot des letzten Films?“. Oder wir bekommen jede Menge Prequels, die in der Vergangenheit vor Bonds Tod spielen. Oder der erzmaskuline Bond wird aufgelöst, und eine Frau spielt zwar nicht die Figur Bond, aber eine Agentin mit der Nummer 007, wie es „Keine Zeit zu sterben“ ja schon geschehen ist.

Da dürften viele Bond-Fans aus dem erzkonservativen Lager entsetzt sein. Deren Reaktionen bei Diskussionen in Internet-Foren über mögliche nicht-weiße oder nicht-männliche Bond-Darsteller sind oft ja schon hysterisch.

FRENK Denen müsste aber auch klar sein, dass die klassische Bond-Formel kaum noch ins 21. Jahrhundert passt, vor allem beim frühen Connery-Bond mit seinen sexistischen Sprüchen, der Schlüpfrigkeit und dem Verschleiß an Frauen. Die sind da hübsches Beiwerk, während der Mann sich durch die Welt ballert. Das wirkt heute alles fragwürdig und aus der Zeit gefallen. Es ist offensichtlich, welchen Spannungen die Bond-Formel heute ausgesetzt ist – einerseits gibt es den Markenkern eines Agenten, der seine Männlichkeit bestätigen und ausstellen muss, mit Gewalt und sexuellen Eroberungen. Andererseits passt das so nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Wie geht man damit um? Kann man die Figur mit Ironie und Augenzwinkern einigermaßen retten? Oder mit moderaten Veränderungen? Wofür steht ein globales Publikum noch zur Verfügung?

Wie geht „Keine Zeit zu sterben“ da vor?

FRENK Der Film macht einige Anstalten, Bond im Blick auf das Thema Gender ins 21. Jahrhundert zu bringen. Bond verschleißt keine Frauen mehr, sondern ist ein unglücklich Liebender, sogar quasi ein treuer Ehemann und Vater. Und die attraktiven Damen, die ihm begegnen, haben ihren eigenen Kopf. Da überlappen sich Darsteller und Rolle, da Daniel Craig in diesen Dingen als bewusster Zeitgenosse gilt. All das sind Korrekturen, um die potenziell peinlichsten Bond-Momente zu entschärfen, so dass das Geschäft nicht aufgegeben werden muss. Die Filme haben ja Milliarden Dollar eingespielt. Solange Bond noch so ein Geschäft ist, wird man dabei bleiben und die Figur retten und modifizieren – nicht zwingend, weil man die Welt besser machen oder etwas Substanzielles über Geschlechterrollen sagen will, sondern weil man Geld verdienen möchte.

Amazon hat für acht Milliarden Dollar das Film-Studio MGM gekauft, dem die Teilrechte an den Bond-Verfilmungen gehört – was bedeutet das für 007? Eventuell Streaming-Serien bei Amazon Prime neben den regelmäßigen Filmen, die ja nur alle paar Jahre im Kino laufen?

FRENK Das wäre durchaus eine Möglichkeit. Wir haben ja auch eine „Herr der Ringe“-Streaming-Serie, obwohl es schon zwei Kino-Trilogien gibt. Erfolgreiche Kino-Reihen werden auf ihre Serien-Tauglichkeit hin abgeklopft. Die großen Player wie Amazon oder Netflix haben die Mittel, extrem aufwendige Serien zu produzieren, da sind enorme Summen im Spiel. Der verfilmte Bond hat übrigens im Fernsehen angefangen – 1954 mit einer Live-Adaption des Romans „Casino Royale“.

 

Daniel Craig und Regisseur Cary Joji Fukunaga bei den Dreharbeiten. Foto: Nicola Dove/DANJAQ/MGM

Wie ist Ihre Bilanz der Craig-Ära? Zuletzt gab es eine Über-Psychologisierung, und der in der Bond-Welt seit langem etablierte Bösewicht Blofeld wurde zu Bonds bösem Stiefbruder. Hat man sich da etwas verhoben?

FRENK Wenn man einen Bondfilm schaut, muss man bereit sein, alles Mögliche zu akzeptieren. Die Craig-Bonds haben sich wahnsinnig ernst genommen. Das Episodische ist verloren gegangen, alles musste einen großen Erzählbogen haben. Bei früheren Bonds ist immer ein Bösewicht vom Himmel gefallen, Bond musste die Welt retten und tat das im nächsten Film wieder. Dieses Episodische wurde bei Craig aufgegeben, es musste ein Überbau her, alles musste mit Bonds persönlicher Geschichte zusammenhängen. Das bedingt eine Ernsthaftigkeit, die bisher kaum Teil der Bondformel war. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum man diesen Bond jetzt sterben lässt – weil er so beladen ist mit Narrativ und im Grunde auserzählt. Blofeld ist tot, Bond ist am Ende seiner Selbstfindung – da ist es logisch, dass er stirbt. Vielleicht kehrt man jetzt wieder zurück zu einem episodischen Bond, ob nun im Kino oder in einer Amazon-Prime-Superproduktion. Wieder mit Tuxedo, Wodka-Martini schlürfend, die Welt rettend – wer weiß? In jedem Fall ist genug Produktionsbudget für alle Optionen vorhanden.

Die Figur Bond ist also unsterblich, ob er nun stirbt oder nicht?

FRENK Bond könnte recht schnell sterben. Was er nicht überleben würde, wäre eine Reihe von Misserfolgen. Wenn jetzt zwei, drei großproduzierte Filme oder eine Serie schief gingen, könnte recht schnell der Vorhang fallen. Wenn der Profit ausbleibt, wird das nicht lange toleriert.

Wie ist der Blick von „Keine Zeit zu sterben“ auf die Rolle Englands in der Welt? Wieder einmal rettet ein einzelner Brite die ganze Welt.

FRENK Bond war schon in den 1950ern ein Trostpflaster für eine Nation, die ihre Weltmachtrolle eingebüßt hat. Spätestens seit 1956 war klar, dass die Briten hinter den USA und der Sowjetunion bestenfalls noch eine leise zweite Geige spielten. So eine Figur wie Bond, der als Engländer beziehungsweise als Brite stets die Welt rettet, konnte darüber ein wenig hinwegtäuschen. Diese Tröstungsrolle wird vielleicht weiterhin willkommen sein, weil England durch den Brexit international viel Kredit verspielt hat.

Wenn man sich wie Sie die Bond-Filme als Wissenschaftler anschaut – sind dann die weniger geglückten Filme durch ihre Macken manchmal interessanter als die geglückten?

FRENK Das macht keinen Unterschied. Jedenfalls sind weniger gelungene Bondfilme nicht weniger interessant für die Analyse. Ich finde zum Beispiel, dass „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969, der heute viel Ansehen genießt und in „Keine Zeit zu sterben“ viel zitiert wird, kein starker Bond-Film ist. Aber er ist interessant, weil er sich getraut hat, gegen die klassische Formel anzugehen – mit Diana Rigg als liebende Ehefrau, die in Bonds Armen stirbt.

Haben Sie besondere Vorlieben in der Bond-Reihe?

FRENK Ich habe schon meine Favoriten, aber gar nicht mal einen Darsteller – sondern einfach Darsteller in bestimmten Filmen. Und auch mein Geschmack ändert sich. Im Moment würde ich sagen, dass Pierce Brosnans Filme mir gut gefallen haben – Brosnan ist in der Kritik manchmal nicht gut weggekommen. Ich finde auch diese These, dass an Connery als Ur-Bond niemand mehr herangekommen ist, falsch. Vergleicht man die alten Filme mit den Craig-Bonds, was Kamera, Effekte und Schauspiel angeht, liegen Welten dazwischen – das liegt einfach an der Entwicklung des Filmgeschäfts. „Dr. No“ von 1962 kann in keiner Weise mithalten mit „Keine Zeit zu sterben“  – das ist wie ein Moped und ein Ferrari. Das heißt nicht, dass die älteren Filme in sich schlechter sind. Sie sind allerdings unterschiedlich gut gealtert.

Haben Sie einen Favoriten, was den nächsten Darsteller angeht – oder die nächste Darstellerin?

FRENK Da bin ich ganz entspannt. Ich würde mir auch eine Jane Bond gerne anschauen, könnte mir aber vorstellen, dass es die Reihe nicht übersteht, wenn Zeitgeist und Bond-Formel zu weit auseinanderdriften. Ich sähe lieber eine Jane Bond im 21. Jahrhundert als einen Rückfall in die Connery-Ära, nur um die Formel zu retten. Wir brauchen jedenfalls keinen Retro-Bond in 1960er-Manier. James Bond sollte auch ohne Steinzeit-Chauvinismus und westlichen Zentrismus machbar sein.

„The Nest“ von Sean Durkin

 

Carrie Coon als Gattin, die das Blenden ihres Mannes langsam satt hat.  Foto: Ascot Elite

 

Morgens um sieben scheint die Welt noch in Ordnung. Vor dem Anwesen parken zwei Limousinen, ein Bild des finanziell gesicherten Friedens. Doch der Schein trügt, wie so oft in diesem meisterhaften Film über Geld und Status, Ehe und Familie. Rory (Jude Law) ist ein Broker in den 1980er Jahren, ein Mann des Ehrgeizes und des enormen Charmes, den er anknipsen kann wie eine besonders helle Glühbirne. Mit dem überzeugt er auch seine Frau Allison (Carrie Coon), die Zelte in den USA abzubrechen und in Rorys alte Heimat London überzusiedeln. Es ist der vierte Umzug in zehn Jahren. Der Chef seiner alten Firma dort habe ihn persönlich angeworben, sagt er – und lügt, denn er hat sich selbst angedient. Mit Tochter und Sohn ziehen sie nach England, Rory mietet ein Herrenhaus auf dem Land, in das gleich mehrere Familien passen würden. Groß ist es, aber auch düster und manchmal beklemmend – Regisseur und Autor Sean Durkin unterfüttert seine Familien- und Ehegeschichte da sogar mit einem Hauch des Übernatürlichen, bei dem auch ein Pferd eine Rolle spielt.

Erst einmal erscheint alles gut, Rory geht seinen Geschäften nach und hält bei Geschäftsessen protzige Reden mit Margaret-Thatcher-Nachhall: „Die Deregulierung zeigt den Leuten nur, was sie alles erreichen können.“ Seine Frau lässt derweil auf dem Anwesen Pferdeställe anlegen, um ein Gestüt zu betreiben. „Sei Dein eigener Boss“ war einer jener Sätze, mit denen Rory sie zum Umzug bewegt hat. Die Kinder versuchen sich derweil in den neuen Schulen einzuleben. Doch schnell klaffen Risse in der Landhaus-Fassade – die Arbeiter bleiben weg, weil Rory keinen Lohn mehr überweist. Auf dem gemeinsamen Konto sind gerade noch 600 Pfund. Rory, der ruhelose Blender, hat sich maßlos übernommen, während er auf das eine, ganz große Geschäft wartet, dass ihn wieder so reich machen soll wie er einst in den USA war: „Ich hatte mal eine Million Dollar“, erzählt Rory einem Taxifahrer in einem seltenen Moment der Offenheit. „Ich dachte, das wird immer mehr – aber es wurde immer weniger.“

Keine Szene zu viel, kein Satz überflüssig

„The Nest“ erzählt diese Geschichte über Blendwerk, über Lebenskompromisse und das Akzeptieren von Wahrheit grandios. Hier ist keine Szene zu viel, kein Satz überflüssig, bis in die kleinsten Rollen ist der Film perfekt besetzt. Jude Law spielt den Aufschneider nicht als Kapitalisten-Karikatur, er hat viele Zwischentöne. Der Film, umflort von jazziger Melancholie von Richard Reed Parry (aus der kanadischen Band Arcade Fire), legt dar, warum er so ist, wie er ist – es gibt eine kurze, überraschende und fantastische Szene mit seiner Mutter in London – Rory ist letztlich ein armes Würstchen, das einen ebenso anrühren wie abstoßen kann. Carrie Coons Figur der Ehefrau ist weit realistischer, sie hat ihren Mann schon mehr oder weniger durchschaut – Carrie Coon hat einige wunderbare Momente, etwa wenn der Ehefrau klar wird, dass der Umzug nach London auf einer Lüge ihres Mannes basiert, oder wenn sie ihn aus Enttäuschung gleich zwei Mal in einem Restaurant demütigt: wenn sie mit großer Geste das Teuerste auf der Karte bestellt, weil er ihr verschwiegen hat, dass das Konto nahezu leer ist; und dann vor Geschäftspartnern, als sie des Gatten pompösen Smalltalk („New York ist im Herbst besonders schön“) nicht mehr erträgt. Man kann es ihr nachempfinden, hat aber zugleich Mitgefühlt mit dem Bloßgestellten.

 

Blender und Pendler: Rory (Jude Law). Foto: Ascot Elite

Die beiden Kinder sind weniger zentrale Figuren, aber auch ihr neues Leben in England und in einem Haus, das ihre Schwierigkeiten atmosphärisch widerzuspiegeln scheint, wird durchdacht und sensibel erzählt. In einer dramatischen Nacht scheinen Familienleben und Ehe zusammenzubrechen, doch der Film gibt seinen Figuren noch eine Chance – in einer wunderbar atmosphärischen Szene, an einem diesigen englischen Morgen.

Erschienen auf DVD und Bluray bei Ascot Elite.
Bonus: Trailer und kurze Interviews.

Die Doku „In Search of the last Action Heroes“

Pralle, gut geölte Muskeln. Weniger pralle, eher schlichte Plots. Knackige Einzeiler von einsilbigen Helden. Und Explosionen, so groß wie die Leinwand. Das war das Rezept von vielen, wenn auch nicht allen Action-Filmen der 80er und 90er Jahre. Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone dominierten diese Herde der Alpha-Stiere, in der sich in den Rangordnungen darunter Kollegen tummelten wie Dolph Lundgren und Steven Seagal, Chuck Norris und Jean-Claude Van Damme, Michael Dudikoff und Jeff Speakman. Dem Actionkino jener Ära widmet nun der Brite Oliver Harper einen mehr als abendfüllenden Film: „In Search of the Last Action Heroes“ spürt fast zweieinhalb Stunden lang dem Genre nach und den Prügelknaben von einst.

Harper ist ein populärer Youtuber, der in sorgfältigen Mini-Filmen die Klassiker des Genres analysiert. Sein nun erster Langfilm, finanziert per Kickstarter, ist eine enorme Fleißarbeit: mit unzähligen Ausschnitten aus Filmen, Trailern und mit Statements von Gesprächspartnern. Gut, dass Harper nicht die üblichen Verdächtigen vor die Kamera holen wollte oder konnte: Kein Lundgren oder Van Damme, kein Stallone oder Schwarzenegger, die man schon öft hat reden gehört, sondern eher Filmschaffende hinter den Kulissen. Oder auch die aus der damals zweiten bis dritten Reihe, die heute entweder vergessen sind oder sich einer gewissen kultischen Verehrung von Actionfreunden erfreuen – etwa Cynthia Rothrock, mit der der Film beginnt und die sich vor allem in den 1980ern durch zahllose Video-Premieren boxte oder kickte. Sie hofft heute noch, gibt sie zu, auf eine Rolle in einem A-Film. Oder da ist der deutsche Actionmann Mathias Hues aus dem Ruhrpott, der sich durch Filme der mittleren und unteren Preisklasse schlug – seine prominenteste Rolle dürfte der böse Außerirdische im Lundgren-Film „Dark Angel“ von 1990 sein. Seine charmante Anekdote: Einst schlich er durch Videotheken in Los Angeles und räumte die Hüllen seiner Filme in den Regalen nach oben und stellte die von Van Damme nach unten.

„Less dialogue – more bodycount“

Wohlig nostalgisch ist dieser Blick zurück, der sich auch um Einordnung bemüht: James Bond als Urvater des modernen Action-Kinos, Steve McQueen als erster Action-Star der 1960er mit „Bullit“, Bruce Lee als Urvater des Kampfkunst-Films, der durch ihn erstmals auch im Westen populär wurde. Und eben die 1980er, in denen, wie Drehbuchautor Shane Black („Predator“) sagt, es ankam auf: „less dialogue – more bodycount“, weniger Dialog, mehr Leichen.

Die Fülle an Ausschnitten ist immens, aber auch problematisch. Das Ganze ist sehr schnell montiert , und die Gesprächspartner sagen oft nur einen oder zwei Sätze, gefolgt vom nächsten actionprallen Aussschnitt, gefolgt vom nächsten Gesprächspartner. Am Ende könnte man da als Zuschauer oder Zuschauerin so erschöpft sein wie ein 80er-Star nach seiner finalen Prügelei. Da werden etwa das „Blaxploitation“-Kino der 1970er mit seinen schwarzen Actionhelden und das stilprägende Hongkong-Actionkino der 1980er in wenigen Augenblicken minimal abgehandelt.

Etwas rastlos

So wird der Film eher zu einer etwas rastlosen Liebeserklärung als zu einer Analyse. Man hätte den Interviewten mehr Raum gewünscht – ob nun Regisseur Paul Verhoeven, der mit Schwarzenegger einst „Total Recall“ drehte, oder Regisseur/Autor Sheldon Lettich, der viel mit Van Damme gearbeitet hat. Oder Mark Goldblatt, der actionversierte Cutter von Genre-Klassikern wie „Terminator“ (1 und 2) und „Phantom-Kommando“. Oder Autor Steven E. De Souza, der mit dem ersten Teil von „Stirb langsam“ einen prägenden und endlos imitierten Actionfilm schrieb. Ihnen allen hätte man gerne länger und am Stück zugehört. Immerhin wird vieles angeschnitten – der Patriotismus der Reagan-Ära etwa, der sich auch in Filmen wie „Rambo II“ niederschlug. Oder das Aufkommen der Computer-Effekte, die aus tatsächlichen Schauspielern saltoschlagende Actionhelden machen konnte (siehe „The Matrix“). Ab da waren vor allem die mimisch begrenzten Muskelmänner in ihrer Existenz bedroht. Oder wie es Mathias Hues sagt: „Da wussten wir, dass wir erledigt sind.“

Erschienen bei Studio Hamburg.
Keine Extras.

Das Leben ist eine Tweedjacke: Die neue Version von „Der Doktor und das liebe Vieh“

Der Doktor und das liebe Vieh All creatures great and small

James Herriot (Nicholas Ralph) bei der Arbeit.            Foto: Playground / Polyband

Gemütlich wie eine ewig getragene, bequeme Tweedjacke war diese Serie: So manche Sonntagnachmittage der 1980er Jahre erlebte man mit diesen drei dezent schrulligen Tierärzten, wenn die ARD die Praxistür bei „Der Doktor und das liebe Vieh“ aufschloss. Mit den beiden Veterinär-Brüdern Siegfried und Tristan Farnon (ihre Eltern waren wohl Richard-Wagner-Anhänger) sowie dem Neuankömmling James Herriot erlebte man eher gemächliche denn rasante Abenteuer: in der Praxis des Trios, auf den Wiesen und Bauernhöfen von Yorkshire und in den Pubs der Gegend. Um Tier- und Menschenwohl ging es, um mal mehr, mal weniger glückliche Kühe und Menschen.

In England lief die Serie zwischen 1978 und 1990, eine Institution wie die Teezeit. Dieses Stück britischen Fernseh-Welterbes mit einer neuen TV-Verfilmung wieder aufleben zulassen, kann man nun einfallslos nennen. Oder auch mutig, ist die Fallhöhe doch immens, wenn man sich mit einem derart beliebten TV-Klassiker misst. Umso erfreulicher ist, wie hinreißend die neue Version „Der Doktor und das liebe Vieh“ ist – auch wenn die ersten Minuten trügerisch sind: Die Musik dudelt seicht über die animierte Titelsequenz in Pastellfarben hinweg; und selbst die Glasgower Docks in den 1930ern, von denen sich der junge James Herriot verabschiedet, um in Yorkshire eine Stelle als Tierarzt anzutreten, sehen besenrein aus – wie auch die Gummistiefel einer umschwärmten Landwirtin immer wie frisch gewienert wirken.

Gediegener Brit-Kitsch also, über das sich die Tourismuszentrale in Yorkshire freut? Nur Letzteres. Sicher, man würde sofort in das fiktive Städtchen Darrowby ziehen wollen, mit seinen grausteinigen Häusern, dem urigen Pub, dem malerischen Buchladen und eben jener Tierarztpraxis, in der Herriot den gestrengen und etwas exzentrischen Siegfried, seinen deutlich lässigeren Bruder Tristan und die Haushälterin Audrey Hall kennenlernt. Und doch bleibt der Kitsch außen vor – die Geschichten sind zu gut erzählt, die Figuren zu plastisch und facettenreich.

 

Diana Rigg als Mrs Pumphrey     Foto: Playground / Polyband

Herriot (Nicholas Ralph) mag der großäugige naive Neuankömmling sein, doch seine Ecken, Kanten und Marotten hat auch er; Tristan (Callum Woodhouse) könnte die Klischeefigur eines jüngeren Hallodri-Bruders sein, doch er ist eben vielschichtiger als ein bloßer Landarzt-Casanova mit Aufmerksamkeits-Defizit, was das Studieren angeht; und bei Siegfried (Samuel West) wird das Exzentrische nicht überzogen, ebenso wenig wie das Trauma durch den Tod seiner Frau. Das trägt er mit sich, aber es kommt zu keinen tränenfeuchten Monologen, wie es in einer dramaturgisch aufgeblaseneren Serie wohl geschehen wäre.

In den sieben Episoden (plus ein „Christmas Special“) geht es mal um kleinere Dramen, etwa um ein überfüttertes Hündchen einer meist knurrigen Dame – herrlich gespielt von Diana Rigg in einer ihrer letzten Rollen; aber es geht auch um Größeres: Von der richtigen Behandlung einer Kuh hängt die Lebensgrundlage einer Familie ab. Und die Entscheidung, ein unheilbar krankes Rennpferd zu töten, hat weitreichende Konsequenzen und stellt Arzt Siegfried vor eine Gewissensentscheidung: Den schuldlosen Kollegen als Bauernopfer entlassen, um eine lang ersehnte Stelle zu bekommen? Oder anständig bleiben und die Karrierehoffnung begraben?

Darum geht es oft in dieser Serie: Gewissensentscheidungen, Anstand, Aufrichtigkeit – und das ganz ohne Ironie. Das macht „Der Doktor und das liebe Vieh“ zugleich altmodisch und fast schon radikal, wenn auch auf charmant unauffällige und herzerwärmende Weise. Hier in Darrowby ist die Welt noch in Ordnung – aber nur, weil die Menschen dafür einiges tun und in Kauf nehmen.

Auf DVD erschienen bei Polyband,
acht Episoden à 50 Minuten.

Grimmig: „Shorta“ von Frederik Louis Hviid und Anders Olholm

Shorta Koch Films Krimi

Mit der Drangsalierung eines Jugendlichen (Tarek Zayat) durch Polizist Andersen (Jacob Lohmann) beginnt der lange Tag in der Vorstadt. Foto: Koch Films

Die ersten Bilder erinnern schmerzhaft an die Tötung von George Floyd durch die Misshandlung eines US-Polizisten vor einem Jahr: Im Film „Shorta“ liegt ein Mann am Boden, auf den Boden gepresst von dänischen Polizisten – später werden Ärzte versuchen, sein Leben zu retten. Im dänischen Hochhausghetto, aus dem der Misshandelte kommt, brodelt die Wut. Und genau dort ziehen die Polizisten Andersen (Jacob Lohmann) und Hoyer (Simon Sears) ihre Runden – keine guten Kollegen, sondern eine Zwangsgemeinschaft: Der besonnene Hoyer soll Andersen, einen Bär von einem Mann, voller Wut und Rassismus, im Auge behalten, gilt der mit seinem alphatierhaften Auftreten als wandelndes Risiko.

Das ist die Ausgangslage in der Heimkino-Premiere des Duos Frederik Louis Hviid und Anders Olholm (Regie und Buch), das souverän die Genre- und Spannungs-Mechanik beherrscht: Eine atmosphärische Montage mit Bildern grauer Hochhäuser, umflogen von Polizeihubschraubern, zieht ohne Schnörkel in den Film hinein; gereizt ist die Stimmung zwischen den beiden Polizisten, was sich noch zuspitzt, als Andersen, um zu zeigen, „wer hier das Sagen hat“, einen Jungen (Tarek Zayat) drangsaliert und demütigt. Als der sich wehrt, verhaftet ihn Andersen – doch aus dem Ghetto kommen sie nicht heraus: Jugendliche attackieren den Wagen, die Polizisten fliehen nun zu Fuß mit dem Verhafteten quer durch die Vorstadt. Für sie beginnt ein endlos langer Tag auf der Flucht, durch Keller, Hinterhöfe, Geschäfte, Wohnungen. Als urbaner Thriller, als Verfolgungsfilm funktioniert „Shorta“ in seiner ersten Stunde perfekt, zumal sich die kontrastreiche (und drohend klischeehafte) Charakterzeichnung der Figuren langsam auflöst – vom Schwarz-Weiß hin zu Grautönen. Da ist der bullige Andersen nicht mehr ganz nur ein schnell entflammbarer Macho-Polizist mit Rassismus-Duktus, „der böse Cop“; und Hoyer ist auch nicht mehr der komplett integre Muster-Beamte.

Dramaturgisch kommt der exzellent gespielte Film allerdings etwas ins Stolpern, als er von einer Annäherung zwischen den Polizisten und dem Verhafteten erzählt – das wirkt etwas bemüht. Und auch die Geografie des Ortes scheint sich je nach Plot-Erfordernis zu wandeln: Mal erscheint der Vorort als riesiges Viertel, aus dem man ohne Kompass nie wieder herausfindet. Dann wiederum ist er so klein, dass der angeschossene Andersen ausgerechnet bei der Mutter des Verhafteten zufällig Zuflucht findet. Dennoch: ein packender Krimi über Gewalt und Gegengewalt – entsprechend konsequent und düster fällt das Finale aus.

DVD, Bluray, digital bei Koch Films.

Und danach duschen: „Ex Drummer“ erstmals auf Blu-ray

Nach manchen Filmen muss man erstmal verschnaufen – nach „Ex Drummer“ will man aber auch noch duschen. So viel Dreck und Verzweiflung hat selten ein Film derart konsequent aufgetürmt. Dem berühmt-berüchtigten belgischen Film gelingt es heute ebenso wie bei seiner Premiere 2007, zu verstören. Jetzt ist Koen Mortiers Spielfilm erstmals auf Bluray erschienen, in einer mustergültigen Edition von Camera Obscura.

Schmutz und Müll, Angst, Aggression, Alkoholismus, aber auch schwarzer Humor und ein ziemlich böser Sarkasmus: Mortier erzählt, nach der Romanvorlage des in Belgien sehr populären Autors Herman Brusselmans eine wilde Geschichte. Drei Möchtegern-Punkmusiker aus dem drögen Hinterland von Ostende, jeder gezeichnet mit einem körperlichen Handicap, wollen einen hippen Schriftsteller als viertes Bandmitglied rekrutieren, um von dessen Popularität zu profitieren; der willigt ein, wittert er in dem Trio dieser Abgehängten mit Wutbürger-Potenzial doch wunderbaren Romanstoff. Und ein bisschen Armuts-Voyeurismus ist auch dabei, ist doch der alles durchdringende Wohnküchenmief nach alten Bierdosen, vollen Aschenbechern und sehr lange ungewechselter Unterwäsche für ihn zumindest eine kurze Abwechslung zu seinem sterilen Hochhaus-Elfenbeinturm.

 

Ex Drummer Camera Osbscura

Der schnöselige Schriftsteller und Elends-Voyeurist Dries (Dries Vanhegen).       Foto: Camera Obscura

 

Arroganzgestählt und gewandet mit einer Lederjacke als Punkrock-Accessoire, beginnt der Schriftsteller, das Trio – einen lispelnden Sänger, einen Bassisten mit steifem Arm und einen schwerhörigen Gitarristen – zu beobachten und zu manipulieren. Dass dies nicht gut endet, darf man vermuten.

 Dabei lässt der Film kaum eine Obszönität oder Körperflüssigkeit, kaum ein Tabu aus – ob „Ex Drummer“ da einen ähnlichen Elends-Voyeurismus pflegt wie die Figur des Schriftstellers? Ausschließen kann man das, egal wie man es sieht, nicht bei diesem Film, der durchaus an die Nieren geht, dabei aber auch immer wieder von rabiatem Humor ist – eine Punkband des finalen Konzertwettbewerbs benennt sich nach dem niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch („Die Entdeckung des Himmels“) und schmückt sich mit einem Sänger, der möglicherweise das größte Glied der Filmgeschichte zeigt (Mark Wahlberg in „Boogie Nights“ kann da sozusagen einpacken).

Die Edition des rührigen Labels Camera Obscura ist wie gewohnt eine Freude: Das Bild ist exzellent, und als Bonus gibt es einiges: im Booklet einen Essay von Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger über die Rolle von Punk im Kino, über den Film und am Rande über dessen Produktionsgeschichte: acht Jahre mühte sich Regisseur Mortier um die Finanzierung – das erfährt man auch in Videostatements von ihm und in einem launigen Drehbericht von damals. Dazu gibt es zwei Musikvideos, einen Auftritt einer Punkband, die es nicht in den fertigen Film geschafft hat und zwei Kurzfilme von Mortier, der in einem neuen Interview erzählt, wie verhasst der Film in Flandern war und was sein Leitspruch bei Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten war: „Wie würde Scorsese dieses Problem lösen?“

Erschienen bei
Camera Obscura.

 

„Jesus shows you the way to the highway“ von Miguel Llansó

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó

Die Agenten mit Stalin- und Redford-Maske unterwegs.    Foto: Rapid Eye Movies

Hat man diesen Film hinter sich, muss man erst einmal seine Hirnwindungen sortieren – sie könnten verquirlt sein nach diesen 79 Minuten voller bizarrer Ideen, grotesken Humors, Satire und Jux. Die Handlung von „Jesus shows you the way to the highway“ (jetzt fürs Heimkino erschienen) nachzuerzählen, kann dann auch nur eine vage Annäherung sein: Nach einer Titelsequenz in der Ästhetik von piepsigen PC-Spielen der 1980er Jahre geht es flott hinein in die Handlung, die ein bisschen wie „Matrix“ ohne Budget, aber mit viel Spaß am Surrealen wirkt. Zwei CIA-Agenten müssen in eine virtuelle Welt eintauchen, um dort einen PC-Virus zu bekämpfen: Denn der stört das System, das den Betrieb einer futuristischen Stadt steuert, aufs Empfindlichste.

Das Wandeln der Agenten namens Palmer und Gagano durch diese virtuelle Welt zeigt der Film auf wunderbar bizarre Weise – mit Personen, die sich so ruckartig bewegen, als seien sie durch Einzelbild-Trick animierte Kunststoff-Figuren wie in einem alten „King Kong“- oder Dinosaurier-Film. Zudem tragen die Agenten im virtuellen Raum Papiermasken, die eine mit dem Antlitz von US-Komiker Richard Pryor, die andere mit dem von Robert Redford.

 

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó Rapid Eye Movies

Agent Gagano (Daniel Tadesse Gagano) in der Dusche mit seiner Gattin.    Foto: Rapid Eye Movies

 

Nach Feierabend, zurück in der realen Welt will Agent Gagano – gespielt vom kleinwüchsigen Darsteller Daniel Tadasse Gagano – allerdings seinen Dienst quittieren und mit seiner Frau eine Kickboxschule eröffnen. Dazu kommt es nicht, denn es droht noch mehr Ungemach. Ein PC-Virus namens „Sowjetunion“ (mit dem Antlitz von Stalin, dessen Helfershelfer allerdings mit Bundesadler-Armbinde geschmückt sind) bedroht das Betriebssystem der CIA. Gagano muss noch einmal ran – und findet aus der virtuellen Welt nicht mehr heraus. Derweil strahlt „Sowjetunion“ in die Welt hinaus, zettelt Verschwörungen an, und auch eine Art afrikanischer Batman namens „Batfro“ kommt ins Spiel – nicht zu vergessen einige Kampfsportkünstler. Über Insekten in Menschengestalt, aus denen dann die menschlichen Darsteller herausschlüpfen, wundert man sich schon schon nicht mehr.

Es ist eine Wundertüte, die der spanische Regisseur/Autor Miguel Llansó hier auskippt. Dabei ist diese spanisch-estländisch-äthiopisch-lettisch-rumänische Koproduktion kein wahllos bunter Trash, sondern kunstvoll zusammengesetzt – als wolle der Spanier der allgegenwärtigen Blockbuster-Glätte ein rauhes Gegenbild unter die Nase halten (oder reiben). Drehorte in einer Fabrik sollen das Innere eines U-Bootes simulieren, das fast schon antike Computer-Mobiliar erschafft eine mal wohlige, mal ärmliche Retro-Atmosphäre, unterfüttert mit Low-Budget-Flair. Die Schnitte sind bisweilen bewusst holprig, und sogar in der Originalfassung sind die Dialoge nachsynchronisiert, was dem Ganzen einen weiteren Verfremdungs-Effekt kredenzt; sinnigerweise hat man sich für die deutsche Fassung ebenfalls Ungewöhnliches ausgedacht: Da sprechen die Musiker der Berliner Band „Stero Total“ – Brezel Göring und die im Februar gestorbene Françoise Cactus – gleich alle Rollen. Warum auch nicht?

Erschienen bei
Rapid Eye Movies

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