KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Auf DVD und Blu-ray (Seite 1 von 8)

„Auslöschung“ von Alex Garland auf Blu-ray

Auslöschung Annihilation Netflix Horror Alex Garland The Thing

Natalie Portman (vorne) und Gina Rodriguez.                 Foto: Universal

Kommunikation ist eine komplizierte und entscheidende Angelegenheit. Ob nun die zwischen Liebenden oder die zwischen irdischem und außerirdischem Leben. Mit beiden, unter anderem, beschäftigt sich „Auslöschung“, ein Film zwar mit Science-Fiction- und mit Horror-Elementen, der aber dennoch in keine Genre-Schublade passt. Das macht die Vermarktung schwierig, und so hat das US-Studio Paramount nach einem kommerziell mäßigen Start in den USA und China den Film zügig für den Rest der Welt an Netflix verkauft – nun erscheint er bei uns auch auf DVD und Blu-ray. Schade, eine große Leinwand hätte man Alex Garlands Film und seinen oft faszinierenden, immer atmosphärischen Bildern gewünscht.

Kühl und rätselhaft beginnt es: Eine Frau (Natalie Portman) sitzt in einem Laborraum, um sie herum tragen die Menschen Schutzanzüge, man befragt sie, wie sie wieder „herausgekommen“ ist. Woraus genau, das erzählt der Film in Rückblenden, manchmal gar mit Rückblenden in Rückblenden oder mit kurzen Einschüben. Ein Meteor ist in einem Nationalpark in Florida heruntergegangen, seitdem breitet sich von dort langsam ein pulsierender, schlierenhafter Schimmer in Regenbogenfarben aus – was im Inneren des stetig wachsenden Gebiets geschieht, weiß man nicht, denn kein Forscher- oder Militärteam ist zurückgekehrt – außer dem Ehemann (Oscar Isaac) der Frau vom Filmbeginn; doch er ist merkwürdig verändert, scheint verwirrt und fällt ins Koma.

 

Auslöschung Annihilation Netflix Horror Alex Garland The Thing

Lena (Natalie Portman) im Inneren des Leuchtturms.          Foto: Universal

Seine Frau Lena, als Biologin mit Militärvergangenheit prädestiniert, beginnt eine Expedition in den „Schimmer“, begleitet von vier weiteren Wissenschaftlerinnen. Sie finden eine Natur vor, die sich verändert. Pflanzen und Tiere zeigen bizarre, manchmal wunderschöne, manchmal erschreckende Mutationen, scheinen manchmal die Gestalt des Menschen nachahmen zu wollen. Zugleich verändern sich die Frauen, Erinnerungslücken klaffen, Misstrauen bricht aus – und das nackte Grauen, als sie eine Botschaft der vorigen Expedition entdecken.

Der britische Regisseur und Autor  Alex Garland (nach der Buchvorlage von Jeff VanderMeer) stellt meisterlich das Schöne neben das Schreckliche, lyrische Naturbetrachtungen neben Horrormomente: Eine Konfrontation mit einem mutierten Bären ist eine wahrhaft grausige und dabei tragische Szene, viel mehr  als schlichter Monster-Grusel. Der Rhythmus des Films ist langsam, Garland (sein Debüt war 2014 der gefeierte „Ex Machina“) lässt sich Zeit für die Expedition  – man kann sich manchmal an die beinahe meditative Stimmung in Andrei Tarkovskys „Stalker“ erinnert fühlen, der auch durch eine „verbotene Zone“ führte. Kurze Rückblenden setzen dabei ein komplexes Bild Lenas zusammen, die ihre Ehe zwischenzeitlich aufs Spiel gesetzt hat.

Im Leuchtturm begegnet sie der außerirdischen Intelligenz, deren Ausbreitung die Welt bedrohen könnte. Dieses Finale ist dabei weder friedliebend wie bei „E.T.“ noch so aggressiv wie bei „Alien“, sondern ganz und gar ungewohnt; es treibt das Motiv der Veränderung und der  Nachahmung auf die Spitze. Der Film denkt die Außerdirdischen einfach weiter. Was wäre, wenn sie einfach da sind, kein Ziel haben und eine völlig andere Form der Kommunikation besitzen? Vielleicht so etwas wie ein PIlz oder Tumor sind, ohne etwas Böses zu wollen – und dennoch tödlich? „Ich weiß nicht, was sie wollen“, sagt Lena, „ich weiß nicht ob sie überhaupt etwas wollen.“

Erschienen bei Universal.
Extras: Drei längere Berichte von den Dreharbeiten, die ohne die gegenseitige Lobhudelei der Beteiligten interessanter wären.

 

Auslöschung Annihilation Netflix Horror Alex Garland The Thing

Natalie Portman und Regisseur Alex Garland.      Foto: Universal

„The Bouncer“ mit Jean-Claude Van Damme

 

Jean-Claude Van Damme The Bouncer Lukas

Erste (Selbst-)Hilfe: Jean-Claude Van Damme. Foto: Labyrinthe Film

 

Was würde man für einen Arbeitsplatz alles tun? Eine Szene im Film „The Bouncer“ denkt die Frage konsequent zu Ende: Wir folgen einem Mann, der sich um einen Job als Türsteher bewirbt, in die labyrinthischen Kellergänge eines Nachtclubs. Zwischen Müll und Bierkästen wartet schon ein halbes Dutzend Mitbewerber. „Wer am Ende noch steht, der bekommt den Job“, sagt der Clubbetreiber. Die Bewerber zögern keine Sekunde, es beginnt ein stoisches Aufeinanderdreschen, Würgen, Treten.

Es ist die buchstäblich merkwürdigste Szene im finsteren Film „The Bouncer“, einer Produktion aus Frankreich und Belgien, die bei uns auf DVD erscheint. Dass der Film sehenswert ist, liegt nun wirklich nicht am Plot: Ein schweigsamer Witwer  verdingt sich als Türsteher in der Halbwelt und wird von der Polizei gezwungen, als Informant zu arbeiten. Sollte er keine Informationen über einen Clubbesitzer/Geldfälscher heranschaffen, verliert er das Sorgerecht für seine Tochter. Der Mann (namens Lukas) steigt langsam in der Gangsterhierarchie auf, immer in Angst, enttarnt zu werden. (Da muss man beim Lesen fast gähnen).

 

Aber: Die Umsetzung reißt es heraus und macht aus diesem Low-Budget-Film eine kleine Perle des modernen Film Noir. Hauptdarsteller ist Jean-Claude Van Damme, der gefallene Action-Star der 80er/90er Jahre und der bunteste Vogel unter den Muskel-Heroen seiner Zeit. Er brachte einst die ersten Hongkong-Regisseure wie John Woo und Ringo Lam nach Hollywood, torpedierte seine Karriere dann durch kokainbefeuerte  Größenwahnallüren und wurde vor allem in Frankreich und der belgischen Heimat zum gern gesehenen Gast in Talkshows – versuchte er doch mit großen Gesten und schwer nachvollziehbarem Amerikanisch-Französisch die Welt an sich zu erklären. Mit einem derartigen Sinn fürs Absurde, dass in Frankreich gar ein Buch namens „Parlez-vous le Jean-Claude“ seine größten Weisheiten sammelte. Etwa: „Luft ist gut für uns alle. Ohne Luft würden die Flugzeuge vom Himmel fallen.“ Mon dieu!

Van Damme ist mittlerweile 58, das Haar wird licht, und die Tränensäcke erzählen von einem bewegten Leben zwischen Triumph und Absturz. Das schwingt mit in seiner Darstellung, wobei Autor/Regisseur Julien Leclerq klug genug ist, Van Damme nur wenige Dialoge in den Mund zu legen (gedreht wurde in Französisch). Lange Sätze waren nie seine Stärke, abgesehen von seinem minutenlangen und tränenreichen Monolog in seinem früheren Ausflug ins europäische Kino, „JCVD“ von 2008, einem autobiografischen Film über schwindenden Star-Ruhm und Einsamkeit. Auch wenn das bei „The Bouncer“ mitschwingt, will der Film vor allem ein schnörkelloser Krimi sein. Das gelingt ihm mühelos. Untermalt von dunklen, pulsierenden Synthesizerklängen stapft Van Damme in einem immerwährenden Kapuzenpuli durch eine Grau-in-Grau-Großstadt (Drehort war vor allem Van Dammes Heimat Brüssel), durch Nachtclubs, menschenleere, von Fahrstuhlmusik beklimperte Luxus-Hotels und in einen Bauernhof. Dort findet das eher kleine denn große Finale statt, mit einem halb offenen, anrührenden Ende. Körper und Seele mögen ziemlich angeschlagen sein, aber die Würde ist noch da.

DVD und Blu-ray von Constantin Film. 

Die BBC-Serie „White Gold“ auf DVD

Willkommen bei „Cachet Windows“ (von links): Die drei Doppelglasfenster-Verkäufer Fitzpatrick (James Buckley), Vincent Swan  (Ed Westwick)  und Lavender (Joe Thomas). Foto: BBC /Polyband

 

England 1983 – Doppelglas-Fenster sind das Produkt der Stunde. Die brillante BBC-Serie „White Gold“ erzählt von drei Verkäufern im Hinterland, ihrem Ehrgeiz und ihren Mauscheleien.

Einen Rauchmelder hat er wohl nicht im Schlafzimmer. Denn der würde Alarm schlagen, angesichts der dichten Haarspray-Wolken, mit denen Vincent Swan jeden Morgen seine akkurate Frisur betoniert. Der Scheitel sitzt, und los geht es in den neuen Tag, der viel verheißt – viel Geld. „Es ist nicht illegal, Menschen Dinge zu verkaufen, die sie sich nicht leisten können“, ist Swans Motto und Mantra. Wir schreiben das Jahre 1983 und sind in einem ländlichen Ort im England unter Margaret Thatcher. Die Hauptstadt ist weit weg, soziale Unruhen sind es  erst einmal auch.

„Wanker“

„White Gold“ heißt diese exzellente BBC-Serie, deren erste Staffel jetzt auf DVD erscheint (eine zweite Staffel soll demnächst gedreht werden). Jenes titelgebende „weiße Gold“ ist der billig zu produzierende und teuer zu verkaufende Kunststoff, der das Wunderwerk Doppelglasfenster in der Fasson hält. Diese Fenster verkauft Swan en masse und mit einem Gewinn von 600 Prozent. Dabei helfen  ihm sein gutes Aussehen (als wäre der Alain Delon der 1960er Jahre in der britischen Provinz gelandet), sein unbändiger Ehrgeiz, Narzissmus, seine Skrupel- und Gnadenlosigkeit. Dass jemand großflächig das Wort „Wanker“ („Wichser“) in den Lack seines Cabrios kratzt, ist absolut nachvollziehbar – Swan weiß das selbst am besten, was ihn auch wieder etwas sympathisch macht.

Autor und Regisseur Damon Beesley scheint neben einem Faible für rasante Komik ein düsteres Menschenbild zu haben – mit seinem Serienpersonal möchte man sich nur bedingt zum Fünf-Uhr-Tee treffen: Swans Kollege Fitzpatrick ist ein schnauzbärtiger Langweiler, der nur zur großen Form aufläuft, wenn er älteren Damen schamlos eine Renovierung der gerade erst frisch (von ihm) eingebauten Doppelglasfenster aufschwatzt; der mittelscheitelige Kollege Lavender ist da rücksichtsvoller, aber er wird sich im Laufe der Serie der kollektiven Schlechtigkeit anpassen – erst einmal muss er das Trauma (und den Kollegenspott) überwinden, dass er als Bassist bei Sänger Paul Young ausstieg, Wochen bevor der mit „Wherever I lay my hat“ zum großen Star wurde.

 

Egomane de luxe: Vincent Swan (Ed Westwick). Foto: BBC /Polyband

Um dieses Trio rotiert ein Karussell mit plastisch bis drastisch gezeichneten Figuren: der konstant schreiende Firmenbesitzer etwa; der berüchtigte lokale Gangster, der gerne mit der foltertechnisch effektiven Kombination von Genitalien und Schraubstöcken droht; eine Sekretärin, die man in politisch weniger korrekten Zeiten als strohdumm hätte bezeichnen dürfen; der Handwerker der Firma, der seine 16-jährige Tochter als „Seite 3“-Model groß herausbringen will. Es ist schon eine Galerie des menschlichen Grusels, in der bestenfalls noch Swans Frau und Verkäufer Lavender als halbwegs integre Figuren die Fahne der Unbestechlichkeit hochhalten – doch auch sie haben letztlich ihren Preis. Genau wie die Beamtin vom Finanzamt, die von Swan 50 000 Pfund fordert, doch kurzfristig über ihr Faible für den hübschen Verkäufer Lavender stolpert und über ihre erotische Vorliebe für ins Ohr geraunte Steuernummern.

Frei ab 16

Will Autor/Regisseur Beesley hier vor allem den brutalen Thatcherismus der 1980er Jahre geißeln? Oder den aktuellen neoliberalen Irrglauben an einen Markt, der ja alles regelt? Wohl beides, wobei die Serie nie ins Polit-Predigen verfällt. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, diese sechs halbstündigen, rasant erzählten Episoden anzufüllen mit flott-deftigem Sprachwitz (dem die deutsche Synchronisation nicht ganz gerecht wird), mit manchen derben Ideen (völlig zurecht erst frei ab 16) und bizarren Situationen.

Vincent Swan mag ein Egozentriker sondergleichen sein, aber man begleitet ihn doch gerne bei seinem Auf-, Ab- und Wiederaufstieg. Der britische Schauspieler Ed Westwick („Gossip Girl“) gibt ihm eine enorme, manchmal manische Energie mit: wenn er Kollegen aufs Kreuz legt, seine Frau mit der Lehrerin des Sohns betrügt (auch aus Frust, weil er bei einem Schulausflug zu viel „Andrew Fucking Lloyd Webber“ hören musste), wenn er seinen Chef ruiniert und sich ab und an direkt an die Kamera wendet, um uns zu erkären, dass das jetzt ein besonders mieser Trick war, „sogar für meine Verhältnisse“.

Garniert ist das Ganze mit zahlosen Musikstücken aus den 80ern. Joe Jacksons „Steppin’ Out“ ist ein Leitmotiv, dazu hört man The Jam, The Stranglers, Gary Numan, Duran Duran, Depeche Mode und Kollegen. Je nach Alter des Zuschauers ist das nostalgisches Labsal – und bildet einen schönen Kontrast zwischen wohligem Wiedererkennen der Musik und dem tragikomischen Grusel angesichts des Treibens dieser Narzissten in der Provinz.

Erschienen bei Polyband. Sechs halbstündige Folgen.
Bonus: Drehbericht.

Mustergültig: „Der wilde Planet“ erstmals auf Blu-ray

"Der wilde Planet" René Laloux Roland Topor Camera Oscura Mediabook

Das Draag-Mädchen Tiwa.        Foto: Camera Obscura

Hut ab vor den kleinen, feinen Heimkino-Firmen. Die großen Studios pflegen die Filmgeschichte zunehmend weniger und sitzen auf prallen Archiven mit älteren Filmen, die vielleicht keine Konsens-Klassiker, aber wertvoll sind und dennoch nicht veröffentlicht oder mindestens unterlizensiert werden. Und wirklich wertvolles Bonus-Material – abseits des üblichen PR-Interview-Gedöns’ – scheint ihnen auch immer weniger wichtig.

Umso erfreulicher, dass kleine Firmen, etwa Bildstörung oder Camera Obscura,  mit  Idealismus herausragende Editionen zusammenstellen. Etwa „Der wilde Planet“, eine Perle des europäischen  Kinos und ein Klassiker des Animationsfilms. Rundum-Künstler Roland Topor (1938-1997) und Regisseur René Laloux (1929-2004) hatten schon in den 1960ern einige Kurzfilme zusammen gedreht, 1973 wurde ihr Langfilm „Der wilde Planet“ ein Triumph. In eine bizarre Welt führt uns der Film. Eine junge Mutter und ihr Kind flüchten panisch vor einer riesigen blauen Hand – die gehört zu einem der Draags, den hochentwickelten Bewohnern dieses Planeten, die die eher versehentlich vom Planeten Erde mitgenommenen kleinen Menschenwesen als skurrile Haustiere halten. Das kleine Kind überlebt die Verfolgung durch zwei Draag-Jugendliche, die Mutter nicht; so nimmt sich eines der Kinder des Erdenmenschen an und nennt es „Terr“ (aufschlussreicherweise als Koseform von Termite). Mit einem Halsband, das Terr dahin zieht, wo man ihn haben will, beginnt sein Leben bei den Draags, die am liebsten meditieren und Mitgefefühl nicht zu ihren herausragenden Eigenschaften zählen. Über die Jahre eignet sich Terr das enorme Wissen der Draag an und findet Gleichgesinnte bei seinem Wunsch nach Rebellion.

 

"Der wilde Planet" René Laloux Roland Topor Camera Oscura Mediabook

 

Diese Geschichte um Unterdrückung und Freiheit, um Flucht und rivalisierende Kulturen erzählt der Filmen in manchmal fast surrealen Bildern – Topors Fantasie scheint grenzenlos, er stattet diese ferne Welt mit bizarren Wesen aus und mit überirdisch wirkenden Bildern. Dazu hat der französische Musiker Alain Goraguer (zeitweise ein Wegbegleiter Serge Gainsbourgs) eine psydelisch anmutende Musik zwischen Jazz und sanftem Rock komponiert; sie lässt an die Klänge denken, die die Landsmänner von „Air“ Dekaden später aufgenommen haben.

Der faszinierende Film liegt nun erstmals hochauflösend auf Blu-ray vor, und das Bonus-Material lässt tief eintauchen in seine Welt und die der Künstler: Vier Kurzfilme von Laloux sind dabei (1964 bis 1987), dazu das einstündige Porträt „Topors Träume“ von 1994 und ein Film über René Laloux, charmant „Laloux sauvage“ betitelt. Mit T-Shirt, Bart und Bäuchlein sieht er wie ein Onkel von Kollege Luc Besson aus und erzählt von den Schwierigkeiten beim Dreh von „Der wilde Planet“ – bei den Vorbereitungen zog sich Topor zurück, „weil seine Mutter meinte, der Film wäre nicht gut für ihn“. Und um mit dem knappen Budget auszukommen, drehte Laloux den Film im damals kommunistischen Prag der Niedriglöhne. Die Ironie angesichts eines Films über Klassenkämpfe und Unterdrückung ist ihm bewusst: „Wir waren die ersten Franzosen, die die Globalisierung ausgenutzt haben.“

Der Film ist bei Camera Obscura erschienen.

Informationen bei Facebook:
@CameraObscuraFilmdistribution

 

"Der wilde Planet" René Laloux Roland Topor Camera Oscura Mediabook

Hohe Gagdichte: „Amazonen auf dem Mond“ auf Blu-ray

Es ist einer der schönsten, weil trockensten Gags in diesem Film: Ein Wissenschaftler mit der Stirn in Sorgenfalten hebt an zu einem Monolog über die nachlassende Konzentrationsfähigkeit der heutigen Jugend. Sie sei eben unfähig, sich länger einzulassen auf einen Gedanken – und mitten im Satz bricht die Szene ab, Themenwechsel. Der Film hat sozusagen umgeschaltet.

So geht es munter weiter in dem Episodenfilm mit dem schönen Titel „Amazonen auf dem Mond“, der jetzt erstmals in einer schönen Edition als Blu-ray erscheint. US-Regisseur John Landis („Blues Brothers“) hatte 1987 ein paar Kollegen zusammengetrommelt, um einen möglichst knalligen Episodenfilm ins Kino zu bringen. Landis war 1977 mit dem ähnlichen Jux „Kentucky Fried Movie“ ein Geniestreich mit höchster Gagdichte gelungen. „Amazonen“ knüpft da nicht ganz an, ein, zwei Episoden schwächeln etwas – aber es gibt enorm viel zu entdecken. Der Film simuliert einen nächtlichen Fernseh­abend, Umschalten und Bildstörungen inklusive, dessen Fundament die Ausstrahlung eines alten (fiktiven) Science-Fiction-Films ist: eben „Amazonen auf dem Mond“, in dem wackere US-Astronauten den Erdtrabanten komplett weiblich bevölkert vorfinden, dort das Matriarchat stürzen und einige Amazonen mit nach Hause nehmen, auf dass sie kompetente US-Hausfrauen werden. Filmisch grandios gemacht ist das, mit viel Gespür für den Zeitgeist des 1950er-Jahre-Kinos, für flache Dialoge und sympathisch hingestümperte Spezialeffekte. von anno dazumal.

Immer wieder unterbrochen wird der Fortgang des Films im Film etwa von einer Werbung für Toupets (in Form von an den Kopf getackerten Teppichresten) und von einer Petition des (realen) Blues-Musikers B.B. King: Er ruft auf zur Unterstützung der Kampagne „Blacks without Soul“ und zeigt als mahnendes Beispiel einen schwarzen Schnulzensänger mit Glitzerhemd und süßlichem Dauergrinsen. Zwischendurch wird ein Mann Opfer seiner Wohnung (Müllschlucker und Videorekorder können eben tödlich sein), und ein pseudowissenschaftliches „Infotainment“-Programm beweist, dass die Identität von Jack the Ripper tatsächlich das Monster von Loch Ness ist. Medial galoppierender Wahnsinn.

Die vielleicht beste Episode verbindet surrealen Witz mit großer Liebe zur Filmhistorie. Als Hommage an die schwarzweißen Gruselfilme der 1930er Jahre erzählt „Son of the Invisble Man“ von einem Wissenschaftler, der glaubt, sich unsichtbar gemacht zu haben – leider zu Unrecht, mit blamablen Folgen. Es ist ein Vergnügen, wie kongenial diese Szenen die Stimmung und Filmsprache der alten Gruselproduktionen rekonstruieren. Überhaupt spürt man, dass Landis und seine Kollegen (vor allem Joe Dante) Liebhaber der Filmgeschichte sind – es wimmelt von Hommagen und Verweisen. Nicht alles, was sie gedreht haben, wurde damals verwendet; im Bonusmaterial der Blu-ray findet man diese Szenen aber: darunter eine, in der ein Theater neues Publikum finden will, indem es seine Darsteller an Drähten durch die Szenerie sausen lässt – während sie Tschechow deklamieren.

Erschienen auf Blu-ray im Steelbook bei Turbine Medien.

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Die Stasi, dein Freund und Helfer: das Fernsehspiel „Filmemacher“ auf DVD

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

 

 

Lange Gesichter (von den langen Koteletten ganz zu schweigen) bei der „Bild“-Zeitung im Jahre 1971. Da will man gezielt gegen die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland anschreiben, aber es fehlen die Argumente. Schließlich, das legt uns der Film nahe, will ja niemand von Ost nach West fliehen. Und internationale Besucher, denen die kapitalistische Westpresse einbläut, bei der DDR habe man es mit einem Staat des Schreckens zu tun, finden den vor Ort einfach nicht. Und selbst das Ost-Bier sei so gut wie das des Westens. Was also tun? Im Axel-Springer-Hochhaus und seinem eigens eingerichteten „Public Relations“-Büro findet man eine Lösung: Wenn schon kein Ossi fliehen will, dann muss man eine Republikflucht eben inszenieren.

„Filmemacher“ heißt diese Produktion des DDR-Fernsehens aus dem Jahr 1971, die jetzt auf DVD erscheint und eine hoch interessante Ausgrabung ist – kann man hier doch genau beobachten, wie ein Staat sich inszeniert, was er nicht einmal verschleiert: „Mitarbeit: Pressestelle des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ vermerkt der Abspann dieses Films, in dem der Westen eine Mischung ist aus Hinterhältigkeit und Dekadenz. In einer Filmhochschule des Westens beginnt es, wo ein bizarres Schwarzweißwerk begutachtet wird (ein Mann ohrfeigt eine Frau und sagt „Ich liebe Dich“). Die vornehmlich männliche und schnauzbärtige Studentenschaft fabuliert vom „heterogenen Partizipieren“ und „der neuen Dimension“ – so sind sie halt, die Verpeilt-Verkopften. Zwei Männer belauschen das und urteilen: „liberale Scheißer“. Sie sind nur hier, um sich den aufgedonnerten Künstler-Duktus für ihren nächsten Geheimauftrag anzutrainieren: Im Auftrag der „Bild“ sollen sie im Osten zwei Frauen finden, die sie zur Flucht aus der DDR überreden können – sie geben sich als Filmemacher aus, die sie im goldenen Westen ganz groß rausbringen wollen.

„Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“

Doch der vorgeblich antikapitalistische Anmachspruch „Wir suchen ein sauberes, neues Gesicht – nicht angekränkelt von der Konsumgesellschaft“ zündet erstmal nicht: Denn die Pseudo-Filmer aus dem Westen sprechen in einem Ost-Lokal ausgerechnet zwei Frauen an, die sich beim Film bestens auskennen – sie sind Schnittmeisterinnen und stammen aus dem künstlerisch eher konservativen Lager: „Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“ Das West-Duo landet mit „der Filmemachertour“ dann aber doch – bei zwei jungen Frauen, die gesellschaftlich noch nicht ganz gefestigt sind und aus ihrer Erziehungseinrichtung getürmt sind. Die Wessis wollen sie nach Hamburg locken und fädeln eine raffinierte Flucht ein. Aber längst weiß das  Ministerium für Staatssicherheit Bescheid,  da der Bruder eines der Frauen und der freundliche Volkspolizist aus der Nachbarschaft genau hinschauen. Ein Stasi-Major, Typus väterlich-korrekter Mathematiklehrer, schaltet sich ein, rettet die Lage, rückt den Fast-Flüchtigen den Kopf zurecht („Ich hoffe , Sie haben etwas gelernt“) und bietet galant zwei West-Frauen, die Teil des Plans waren, noch ein Abendessen vor dem Eskort in deren Heimat an. Die Stasi, Dein Freund und Helfer.

Man mag die Bedächtigkeit des Films belächeln, seine trampelige Polit-Didaktik und angestaubte 70er-Jahre-Sätze wie „Sag mal, Du bist ja wohl völlig verschmort!“ – aber durch alles zieht sich ein Grusel angesichts der Schamlosigkeit, wie sich die Stasi hier als kollektiver guter Onkel in Szene setzt. Im Finale tritt der böse Westen noch einmal nach. Die „Berliner Zeitung“ titelt „Neuer Terror“, obwohl doch gar nichts passiert ist. So ist sie eben, die Lügenpresse des Westens.

Erschienen bei Studio Hamburg.  

 

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

Schrecken der Kleinstadt: „Was der Himmel erlaubt“ von Douglas Sirk

 

 

 

So stellt man sich das Paradies vor: Das Herbstlaub vor den pittoresken Häusern leuchtet in Technicolor, eine Jahreszeit später rieselt der Schnee so sanft herab, als regnete es Wattebäusche – stakste gleich Bambi im Vorgarten vorbei, es würde niemanden wundern. Und doch trügt die Idylle: Wer sich hier nicht an die Regeln des Kleinstadtlebens hält, der sitzt schnell geächtet und allein im gepflegten Eigenheim.

Willkommen in der Welt von Regisseur Douglas Sirk (1897-1987). Der Hamburger, der eigentlich Hans Detlef Sierck hieß, flieht mit seiner jüdischen Frau vor den Nationalsozialisten nach Amerika und wird in Hollywood ein bekannter Filmemacher, auch wenn ihm künstlerische Anerkennung erst Jahre später zuteil wird: durch die französische Filmkritik und durch Kollegen wie Rainer Werner Fassbinder, der das Hohelied auf Sirk singt.

Die 1950er Jahre sind Sirks ganz große Zeit: In kunstvoll komponierten Bildern erzählt der Regisseur von Vorurteilen und Konventionen, die vor allem Frauen zu erdrücken drohen – in gefühlvollen, aber unsentimentalen Filmen wie „In den Wind geschrieben“, „Die wunderbare Macht“ und „Was der Himmel erlaubt“. Den kann man jetzt im Heimkino wieder entdecken, in einer neuen, sehr guten Edition auf hochauflösender Blu-ray mit neu abgetastetem, grandiosen Bild.

Der Film von 1955 erzählt von einer Witwe (gespielt von Jane Wyman) in einer malerischen US-Kleinstadt. Gediegene Trauer erwartet die Gemeinde von ihr, doch sie verliebt sich in einen Mann und verstößt doppelt gegen die Regeln. Denn der Gärtner ist a) nicht standesgemäß und b) auch noch jünger als die Witwe. Die Menschen reagieren erst mit kleinen Gesten. Eine erhobene Augenbraue hier, eine Anspielung da (etwa an der Metzgertheke). Ratschläge folgen, dann erhöht sich der Druck auf das Paar.

Wer Sirks Filme nicht kennt, muss sich hier vielleicht ein paar Minuten lang hineinfinden in diesen Kosmos, der anfangs wie ein nostalgisch schillerndes Kleinstadtparadies wirkt – doch „Was der Himmel“ hat inhaltlich seine Härten und ist formal aufregend: Wenn Sirk enorm kunstvoll Farben einsetzt, oft auch Spiegelungen, um eine ganz eigene Atmosphäre und Dramaturgie zu schaffen. Sein Ruf als Schauspielerregisseur kommt nicht von ungefähr – Wyman als liebende Witwe und Kleinstadtopfer ist herausragend, ebenso wie der immer gerne cineastisch-reflexhaft als hölzern geschmähte Rock Hudson, mit dem Sirk viele Filme drehte. Hier zeigt er eine schöne Verbindung aus Sensibilität und naturburschenhafter, herber, aber nicht tumber Filmstar-Männlichkeit.

Die neue Blu-ray bietet neben dem guten Bild eine isolierte Tonspur mit Musik und Klangeffekten, ein gutes Booklet und einen munteren Audiokommentar: Da unterhalten sich der Filmwissenschaftler Werner Kamp und Christian Bartsch (vom Heimkino-Label Turbine) über den Film, Sirks Bildkompositionen und Sirks Anhänger – etwa den erwähnten Fassbinder, der mit seinem Film Angst essen Seele auf (eine Frau verliebt sich in einen jüngeren Gastarbeiter) „Was der Himmel erlaubt“ die filmische Ehre erwiesen hat.

 

Blu-ray erschienen bei Turbine Medien.

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Lotte Reinigers Trickfilm „Prinz Achmed“ auf Blu-ray

DVD Blu-ray Lotte Reiniger Stummfilm Trickfilm Animation Die Abenteuer des Prinzen Achmed Scherenschnitt Silhouettenfilm AbsolutMedien

Eine ganz eigene Welt ist das, die Lotte Reiniger da entstehen ließ: an ihrem Tricktisch mit Kamera, einer Glasscheibe und Scherenschnittfiguren aus schwarzer Pappe, die sie einzelbildweise animierte. Reiniger (1899-1981) hatte sich in die chinesische Kunst des Silhouetten-Puppenspiels verliebt und setzte die filmisch um: Drei Jahre arbeitete sie an ihrem ersten abendfüllenden Film, der heute als Klassiker und Pioniertat des Animationskinos gilt: „Die Abenteuer des Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926).

DVD Blu-ray Lotte Reiniger Stummfilm Trickfilm Animation Die Abenteuer des Prinzen Achmed Scherenschnitt Silhouettenfilm AbsolutMedien

Diese poetische Tausendundeine-Nacht-Melange um Dämonen, Geister, ein fliegendes Pferd und eine große Liebe erschien vor Jahren auf DVD; nun ist der Film restauriert auf Blu-ray zu haben und zeigt seine kunstvollen Figuren, Dekors und eingefärbten Hintergründe noch prächtiger. Bei der musikalischen Untermalung kann man wählen zwischen der damaligen Originalmusik und zwei Neuvertonungen, mal konventioneller, mal moderner und leicht angeschrägt. Eine schöne Wiederbegegnung mit einem Kunstwerk, das so ganz anders ist als die fotorealistische, manchmal klinisch wirkendende Kunst des heute gängigen Animationsfilms.

Bonus: ausführliches Booklet, vier Kurzfilme (1921-1935) und ein TV-Porträt Lotte Reinigers. Erschienen bei AbsolutMedien.

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Kindheitserinnerung auf DVD: „Die Rebellen vom Liang Shan Po“

Schulhofgespräch Nummer 1 war das, montagmorgens 1980: Wie haben der edle Lin Chun und seine Getreuen dem kaiserlichen Schmierlappen Kao Chiu wieder mal ein Schnippchen geschlagen? Und wie geht es weiter mit diesen „Ausgestoßenen im Kampf gegen die Tyrannei“, wie der Erzähler sie nennt?

Reifere Leser werden es ahnen: Es geht um die TV-Serie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“. 1973/74 wurde sie produziert, Ende 1980 lief sie erstmals in der ARD – am familienfreundlichen Sendeplatz Sonntagvorabend. Basierend auf chinesischen Volkssagen erzählt die japanische Serie von Männern (und einer Frau), die sich, nicht zuletzt mit dem Schwert, gegen die Gewaltherrschaft des Kaisers auflehnen, der sein Volk hungernlässt. Um Edelmut und Korruption geht es, um Freiheitskampf und Unterdrückung – erzählt mit viel Aufwand an Kostümen und Pferden, mit einem großen Ensemble und, für eine TV-Serie, viel Action. Die entsetzte jedoch, auch wenn die ARD schon manches entschärft hatte, viele Eltern und Jugendschützer. Nach Protesten wurde die Serie abgesetzt; die noch ungesendeten Folgen liefen dann 1982 und 1983 zu späterer Stunde.

Vor Jahren erschien die Serie als DVD-Edition, in mäßigem Bild und nur mit den Kürzungen der ARD (denen damals nicht nur Action-, sondern auch Dialogszenen zum Opfer gefallen waren). Mehr als verdienstvoll also, dass der Anbieter Turbine nun die ungekürzten Folgen in überarbeiteter Bildqualität auf DVD und Blu-ray herausbringt und die damals gekürzten, nun erstmals kompletten Szenen neu synchronisiert hat – mit den meisten Sprechern von damals. Allen voran Christian Rode, der noch einmal als edler Lin Chun vor das Mikrofon trat. Es war eine seiner letzten Arbeiten, Rode starb im Februar. Das macht seine Begrüßung auf der ersten DVD dieser schönen Box etwas wehmütig.

Erschienen bei Turbine Medien. 26 Folgen, 1200 Minuten.
Extras: Informationen zu Kürzungen und der Restaurierung, Interview mit Filmwissenschaftler Rolf Giesen und China-Experte Wolfram Wickert sowie nicht zuletzt ein sehr gutes Booklet.

Zwei Filme von Michael Cimino in mustergültigen Heimkino-Editionen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

 

 

Manche Filme werden von ihrem Nachbeben verschüttet, scheinbar auf ewig. So ist der Western „Heaven’s Gate“ untrennbar mit dem Ruin des Studios United Artists verbunden. Das Budget-Überziehen durch den scheinbar maßlosen Regisseur Michael Cimino machte den Film sehr teuer (40 Millionen Dollar waren 1980 für einen Film viel  Geld), der Misserfolg in den Kinos machte ihn ruinös. Nur: Was bleibt, denkt man an den künstlerischen, nicht den kommerziellen Wert? Ein episch breiter, eigensinniger, wagemutiger Film, der den Mythos des Westerns seziert. Der Regisseur schildert den historischen „Johnson County War“ (1890-1892): Viehbarone gehen brutal gegen europäische Einwanderer vor, die sie mit ihren winzigen Parzellen bei der Expansion stören. Mit Billigung des US-Präsidenten erstellen sie eine Todesliste, die angeheuerte Mörder dann abarbeiten.
Diese blutige und zeitlose KapitalismusGeschichte erzählt Cimino (1939-2016) in aller Ruhe, gleichzeitig mit aller Härte und so viel Detailversessenheit, was Kostüme und Bauten angeht, dass man sich über das Budget nicht wundert. Der Regisseur/Autor stand damals, nach dem Triumph seines Vietnam- und Amerikafilms „Die durch die Hölle gehen“, auf dem Höhepunkt der Macht. Er nutzte sie, um seine Vision des Westens und des Westerns ohne Einmischung auf eine ganz große Leinwand zu malen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges Chrsitopher Walken

Christopher Walken in „Heaven’s Gate“. Foto: Capelight

Lange gab es in den Film als technisch mäßige DVD, nun erscheint er erstmal als Blu-ray in einer Edition, dank derer man sich tief in den Film versenken kann: Man kann Ciminos Ur-Version (220 Minuten) vergleichen mit der um 70 Minuten gekürzten, holprigen Fassung, die er auf Druck des nach ersten Verrissen panischen Studios anfertigte; Interviews führen zurück zu den Dreharbeiten: Cimono erzählt, dass am Anfang des Films seine Recherchen über die Erfindung des Stacheldrahts (!) standen. Jeff Bridges zieht Parallelen zur USA heute („Die Viehbesitzer sind heute die Ölfirmen“) und Kameramann Vilmos Zsigmond erinnert sich an des Regisseurs Wunsch, dass viele Filmbilder wie alte Fotografien aussehen sollten. In der Tat: So schön und gleichzeitig so gnadenlos hat man den Westen mit seinen Weiten und seinen schneebedeckten Bergen im Kino kaum gesehen.

 

Auch Ciminos Debüt mit dem nichtssagenden deutschen Titel „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974) erscheint nun als exzellente Edition (mit Audiokommentar, Interviews, Booklet). An der Plot-Oberfläche erzählt „Thunderbolt and Lightfoot“, wie er im Original heißt, geradlinig von dem Gangster mit Spitznamen „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der von alten Kollegen gejagt wird, weil sie bei ihm die Beute eines gemeinsamen Raubzugs vermuten. Auf der Flucht begegnet ihm der junge Lightfoot (Jeff Bridges), der die Freundschaft des Älteren sucht. Von der erzählt Cimino sehr anrührend und überraschend, vor allem im Kontext der sonstigen Männerfiguren Clint Eastwoods (der den Film auch produziert hat). In dieser Männerfreundschaft schwingt durchaus Homo-Erotik mit, am Ende schlüpft Bridges in ein Kleid, und zwischendurch sieht Eastwood in einer Liebesszene mit einer Frau so gelangweilt aus, dass es schon komisch ist.

Der Film schwelgt in Bildern des  ländlichen Amerikas, er zeigt Motels, Tankstellen, Supermärkte und immer wieder grandiose Landschaften, deren Freiheit endlos zu sein scheint. Doch diese Freiheit gibt es nicht mehr (wenn es sie denn jemals gab). Das Amerika von Regisseur Cimino ist, ob hier oder in „Heaven’s Gate“, ein verwundeter Ort.

Beide Filme sind bei Capelight erschienen. Wer „Heaven’s Gate“ im Kino sehen will – er läuft Samstag und Montag ab 20 Uhr in der Kinowerkstatt St. Ingbert.

 

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Clint Eastwood und Jeff Bridges in „Die Letzten beißen die Hunde“. Foto: Capelight

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