Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Auf DVD und Blu-ray (Seite 1 von 10)

Grimmig: „Shorta“ von Frederik Louis Hviid und Anders Olholm

Shorta Koch Films Krimi

Mit der Drangsalierung eines Jugendlichen (Tarek Zayat) durch Polizist Andersen (Jacob Lohmann) beginnt der lange Tag in der Vorstadt. Foto: Koch Films

Die ersten Bilder erinnern schmerzhaft an die Tötung von George Floyd durch die Misshandlung eines US-Polizisten vor einem Jahr: Im Film „Shorta“ liegt ein Mann am Boden, auf den Boden gepresst von dänischen Polizisten – später werden Ärzte versuchen, sein Leben zu retten. Im dänischen Hochhausghetto, aus dem der Misshandelte kommt, brodelt die Wut. Und genau dort ziehen die Polizisten Andersen (Jacob Lohmann) und Hoyer (Simon Sears) ihre Runden – keine guten Kollegen, sondern eine Zwangsgemeinschaft: Der besonnene Hoyer soll Andersen, einen Bär von einem Mann, voller Wut und Rassismus, im Auge behalten, gilt der mit seinem alphatierhaften Auftreten als wandelndes Risiko.

Das ist die Ausgangslage in der Heimkino-Premiere des Duos Frederik Louis Hviid und Anders Olholm (Regie und Buch), das souverän die Genre- und Spannungs-Mechanik beherrscht: Eine atmosphärische Montage mit Bildern grauer Hochhäuser, umflogen von Polizeihubschraubern, zieht ohne Schnörkel in den Film hinein; gereizt ist die Stimmung zwischen den beiden Polizisten, was sich noch zuspitzt, als Andersen, um zu zeigen, „wer hier das Sagen hat“, einen Jungen (Tarek Zayat) drangsaliert und demütigt. Als der sich wehrt, verhaftet ihn Andersen – doch aus dem Ghetto kommen sie nicht heraus: Jugendliche attackieren den Wagen, die Polizisten fliehen nun zu Fuß mit dem Verhafteten quer durch die Vorstadt. Für sie beginnt ein endlos langer Tag auf der Flucht, durch Keller, Hinterhöfe, Geschäfte, Wohnungen. Als urbaner Thriller, als Verfolgungsfilm funktioniert „Shorta“ in seiner ersten Stunde perfekt, zumal sich die kontrastreiche (und drohend klischeehafte) Charakterzeichnung der Figuren langsam auflöst – vom Schwarz-Weiß hin zu Grautönen. Da ist der bullige Andersen nicht mehr ganz nur ein schnell entflammbarer Macho-Polizist mit Rassismus-Duktus, „der böse Cop“; und Hoyer ist auch nicht mehr der komplett integre Muster-Beamte.

Dramaturgisch kommt der exzellent gespielte Film allerdings etwas ins Stolpern, als er von einer Annäherung zwischen den Polizisten und dem Verhafteten erzählt – das wirkt etwas bemüht. Und auch die Geografie des Ortes scheint sich je nach Plot-Erfordernis zu wandeln: Mal erscheint der Vorort als riesiges Viertel, aus dem man ohne Kompass nie wieder herausfindet. Dann wiederum ist er so klein, dass der angeschossene Andersen ausgerechnet bei der Mutter des Verhafteten zufällig Zuflucht findet. Dennoch: ein packender Krimi über Gewalt und Gegengewalt – entsprechend konsequent und düster fällt das Finale aus.

DVD, Bluray, digital bei Koch Films.

Und danach duschen: „Ex Drummer“ erstmals auf Blu-ray

Nach manchen Filmen muss man erstmal verschnaufen – nach „Ex Drummer“ will man aber auch noch duschen. So viel Dreck und Verzweiflung hat selten ein Film derart konsequent aufgetürmt. Dem berühmt-berüchtigten belgischen Film gelingt es heute ebenso wie bei seiner Premiere 2007, zu verstören. Jetzt ist Koen Mortiers Spielfilm erstmals auf Bluray erschienen, in einer mustergültigen Edition von Camera Obscura.

Schmutz und Müll, Angst, Aggression, Alkoholismus, aber auch schwarzer Humor und ein ziemlich böser Sarkasmus: Mortier erzählt, nach der Romanvorlage des in Belgien sehr populären Autors Herman Brusselmans eine wilde Geschichte. Drei Möchtegern-Punkmusiker aus dem drögen Hinterland von Ostende, jeder gezeichnet mit einem körperlichen Handicap, wollen einen hippen Schriftsteller als viertes Bandmitglied rekrutieren, um von dessen Popularität zu profitieren; der willigt ein, wittert er in dem Trio dieser Abgehängten mit Wutbürger-Potenzial doch wunderbaren Romanstoff. Und ein bisschen Armuts-Voyeurismus ist auch dabei, ist doch der alles durchdringende Wohnküchenmief nach alten Bierdosen, vollen Aschenbechern und sehr lange ungewechselter Unterwäsche für ihn zumindest eine kurze Abwechslung zu seinem sterilen Hochhaus-Elfenbeinturm.

 

Ex Drummer Camera Osbscura

Der schnöselige Schriftsteller und Elends-Voyeurist Dries (Dries Vanhegen).       Foto: Camera Obscura

 

Arroganzgestählt und gewandet mit einer Lederjacke als Punkrock-Accessoire, beginnt der Schriftsteller, das Trio – einen lispelnden Sänger, einen Bassisten mit steifem Arm und einen schwerhörigen Gitarristen – zu beobachten und zu manipulieren. Dass dies nicht gut endet, darf man vermuten.

 Dabei lässt der Film kaum eine Obszönität oder Körperflüssigkeit, kaum ein Tabu aus – ob „Ex Drummer“ da einen ähnlichen Elends-Voyeurismus pflegt wie die Figur des Schriftstellers? Ausschließen kann man das, egal wie man es sieht, nicht bei diesem Film, der durchaus an die Nieren geht, dabei aber auch immer wieder von rabiatem Humor ist – eine Punkband des finalen Konzertwettbewerbs benennt sich nach dem niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch („Die Entdeckung des Himmels“) und schmückt sich mit einem Sänger, der möglicherweise das größte Glied der Filmgeschichte zeigt (Mark Wahlberg in „Boogie Nights“ kann da sozusagen einpacken).

Die Edition des rührigen Labels Camera Obscura ist wie gewohnt eine Freude: Das Bild ist exzellent, und als Bonus gibt es einiges: im Booklet einen Essay von Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger über die Rolle von Punk im Kino, über den Film und am Rande über dessen Produktionsgeschichte: acht Jahre mühte sich Regisseur Mortier um die Finanzierung – das erfährt man auch in Videostatements von ihm und in einem launigen Drehbericht von damals. Dazu gibt es zwei Musikvideos, einen Auftritt einer Punkband, die es nicht in den fertigen Film geschafft hat und zwei Kurzfilme von Mortier, der in einem neuen Interview erzählt, wie verhasst der Film in Flandern war und was sein Leitspruch bei Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten war: „Wie würde Scorsese dieses Problem lösen?“

Erschienen bei
Camera Obscura.

 

„Jesus shows you the way to the highway“ von Miguel Llansó

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó

Die Agenten mit Stalin- und Redford-Maske unterwegs.    Foto: Rapid Eye Movies

Hat man diesen Film hinter sich, muss man erst einmal seine Hirnwindungen sortieren – sie könnten verquirlt sein nach diesen 79 Minuten voller bizarrer Ideen, grotesken Humors, Satire und Jux. Die Handlung von „Jesus shows you the way to the highway“ (jetzt fürs Heimkino erschienen) nachzuerzählen, kann dann auch nur eine vage Annäherung sein: Nach einer Titelsequenz in der Ästhetik von piepsigen PC-Spielen der 1980er Jahre geht es flott hinein in die Handlung, die ein bisschen wie „Matrix“ ohne Budget, aber mit viel Spaß am Surrealen wirkt. Zwei CIA-Agenten müssen in eine virtuelle Welt eintauchen, um dort einen PC-Virus zu bekämpfen: Denn der stört das System, das den Betrieb einer futuristischen Stadt steuert, aufs Empfindlichste.

Das Wandeln der Agenten namens Palmer und Gagano durch diese virtuelle Welt zeigt der Film auf wunderbar bizarre Weise – mit Personen, die sich so ruckartig bewegen, als seien sie durch Einzelbild-Trick animierte Kunststoff-Figuren wie in einem alten „King Kong“- oder Dinosaurier-Film. Zudem tragen die Agenten im virtuellen Raum Papiermasken, die eine mit dem Antlitz von US-Komiker Richard Pryor, die andere mit dem von Robert Redford.

 

Jesus shows you the way to the highway Kino Matrix Miguel Llansó Rapid Eye Movies

Agent Gagano (Daniel Tadesse Gagano) in der Dusche mit seiner Gattin.    Foto: Rapid Eye Movies

 

Nach Feierabend, zurück in der realen Welt will Agent Gagano – gespielt vom kleinwüchsigen Darsteller Daniel Tadasse Gagano – allerdings seinen Dienst quittieren und mit seiner Frau eine Kickboxschule eröffnen. Dazu kommt es nicht, denn es droht noch mehr Ungemach. Ein PC-Virus namens „Sowjetunion“ (mit dem Antlitz von Stalin, dessen Helfershelfer allerdings mit Bundesadler-Armbinde geschmückt sind) bedroht das Betriebssystem der CIA. Gagano muss noch einmal ran – und findet aus der virtuellen Welt nicht mehr heraus. Derweil strahlt „Sowjetunion“ in die Welt hinaus, zettelt Verschwörungen an, und auch eine Art afrikanischer Batman namens „Batfro“ kommt ins Spiel – nicht zu vergessen einige Kampfsportkünstler. Über Insekten in Menschengestalt, aus denen dann die menschlichen Darsteller herausschlüpfen, wundert man sich schon schon nicht mehr.

Es ist eine Wundertüte, die der spanische Regisseur/Autor Miguel Llansó hier auskippt. Dabei ist diese spanisch-estländisch-äthiopisch-lettisch-rumänische Koproduktion kein wahllos bunter Trash, sondern kunstvoll zusammengesetzt – als wolle der Spanier der allgegenwärtigen Blockbuster-Glätte ein rauhes Gegenbild unter die Nase halten (oder reiben). Drehorte in einer Fabrik sollen das Innere eines U-Bootes simulieren, das fast schon antike Computer-Mobiliar erschafft eine mal wohlige, mal ärmliche Retro-Atmosphäre, unterfüttert mit Low-Budget-Flair. Die Schnitte sind bisweilen bewusst holprig, und sogar in der Originalfassung sind die Dialoge nachsynchronisiert, was dem Ganzen einen weiteren Verfremdungs-Effekt kredenzt; sinnigerweise hat man sich für die deutsche Fassung ebenfalls Ungewöhnliches ausgedacht: Da sprechen die Musiker der Berliner Band „Stero Total“ – Brezel Göring und die im Februar gestorbene Françoise Cactus – gleich alle Rollen. Warum auch nicht?

Erschienen bei
Rapid Eye Movies

„Frauen im Beruf sind unnötig ehrgeizig“. Die Serie „Die Journalistin“ mit Marianne Koch

Die Journalistin Marianne Koch Horst Frank Pidax

Marianne Koch in „Die Journalistin“. Foto: Pidax

 

„Eigene Gedanken? Wenn ich das schon höre – die Leute wollen Popos und Busen sehen.“ So rustikal argumentiert ein wohl ziemlich desillusionierter Journalist  bei einer Redaktions-Konferenz in der Serie „Die Journalistin“. Der 13-Teiler, auf DVD nun von der Riegelsberger Firma Pidax herausgebracht, ist schon 41 Jahre alt – die Diskussion, was Leserin und Leserin wirklich wollen, wird aber heute aber ebenso intensiv geführt wie 1970. Die Titelfigur der Serie glaubt jedenfalls an ein Interesse der Leserschaft jenseits von Sex & Crime – Renate Albrecht (gespielt von Marianne Koch) arbeitet beim fiktiven Hamburger Magazin „Prisma“, ihre Reportagen sind Thema der 13 Episoden, die Georg Tressler („Die Halbstarken“, „Tatort“) inszeniert hat.

Um einen alten Herren geht es etwa, der zu Unrecht, aber ohne es zu wissen, jahrelang zu viel Rente bezogen hat und nun 13 000 Mark zurückzahlen soll – mit einer Rente von 350 Mark im Monat. Eine andere Reportage führt die Schreiberin nach Amsterdam, wo ein Popsänger im Blümchenhemd und mit maskulinen Kräusel-Koteletten in tiefer Sinnkrise versinkt; selbst im Urlaub hat die Journalistin keine Freizeit, kommt sie unter südlicher Sonne doch zwei Trickbetrügern auf die Spur. Weniger glamourös ist es in Wanne-Eickel, wo die Schreiberin – in einer der originellsten Folgen – den Auswirkungen eines Lottogewinns nachspürt: Angesichts von 240 000 Mark und des damit verbundenen Neids bröckeln Familienbeziehungen und Freundschaften. In einer Nebenrolle als gitarrespielenden Ruhrpottler mit buschigem Haarschopf kann man einen sehr jungen Marius Müller-Westernhagen sehen.

 

Die Journalistin Pidax Siegfried Rauch Nürburgring

Mit Siegfried Rauch auf dem Nürburgring. Foto: Pidax

Nicht jede Episode, musikalisch umschmeichelt von einem wohligen Titelthema von Martin Böttcher („Winnetou“), spannt einen großen Spannungsbogen – reizvoll aber sind selbst die gemächlicheren Folgen, weil die Serie viel nostalgische Atmosphäre versprüht: Keine tut dies mehr als „Der erste Sonntag im August“, die beim Rennen auf dem Nürburgring spielt. Dort will die Journalistin etwas über einen schneidigen Nachwuchsrennfahrer schreiben; einen straffen Plot besitzt diese Folge nicht, dafür aber eine nahezu dokumentarische Anmutung: Es scheint, das Filmteam hat sich mit den Darstellern (darunter Siegfried Rauch, der kurz darauf auch im Steve-McQueen-Film „Le Mans“ als Rennfahrer auftrat) einfach in den Rennställen niedergelassen und dort die Kamera laufen lassen. Das Ergebnis ist ein interessantes Zeitdokument.

Den roten Faden durch die Episoden knüpft das Verhältnis der Journalistin zu einem Star-Fotografen, der ihr mehr oder weniger aufgezwungen wird. Den spielt der raubeinige Horst Frank als harten Hund mit weicher Seite, der netter ist, als seine Großspurigkeit vermuten lässt. Erst knirscht es laut zwischen den beiden, sind sie im Blick auf die Emanzipation doch nicht ganz auf Augenhöhe. „Frauen im Beruf sind unnötig ehrgeizig“, stellt der Fotograf fest und ist mit seiner Sicht nicht allein. Der Chefredakteur etwa stellt seine Sekretärin so vor: „Gisela, meine rechte Hand. Hochempfindlich, aber zuverlässig wie eine Dampfwalze.“ Charmant. Und der Verläger rät dem Fotografen: „Sagen Sie bloß nicht, Sie arbeiten nicht mit Frauen – sie ist als Journalistin nämlich so gut, wie sie hübsch ist.“ Beides wird dem Fotografen im Laufe der Serie immer klarer, und auch die Journalistin blickt irgendwann hinter die glatte Macho-Fassade. Wie die Annäherung ausgeht, kann man sich ausmalen, ohne zu viel Fantasie zu bemühen. Doch vor dem Glück steht noch ein finaler Streit um Rebellion und Bürgerlichkeit – die Journalistin will vom Fotografen mit Bohemien-Gestus nicht spießig genannt werden, „nur weil ich nicht Mao schreie und Hasch rauche“. Verständlich.

Erschienen bei Pidax.
13 dreiviertelstündige Folgen auf 4 DVDs.
www.pidax-film.de

 

„Luzie, der Schrecken der Straße“ auf DVD und Bluray

Luzie, der Schrecken der Straße

Luzie (Žaneta Fuchsová) und ihre Freunde aus Knet. Foto: WDR

 

Schlittschuhfahren in der Küche? Oder durch das überflutete Wohnzimmer paddeln – auf dem überraschend schwimmfähigen Fernsehsessel? Im Leben von Luzie eigentlich keine große Überraschung, denn turbulent geht es zu bei ihr in den letzten Wochen vor dem ersten Schultag. Zu gerne wäre sie Mitglied in der Rabaukenbande des Nachbarjungen Oswald, deren Mitglieder bei ihren garstigen Aktionen nicht einmal davor zurückschrecken, dem Stofftier eines kleinen Mädchens die Zunge herauszustrecken. Doch für die höheren Weihen muss Luzie erst einige Mutproben bestehen – darunter ein Ladendienstahl von Knetmasse, die ein überraschendes Eigenleben entwickelt: Aus ihr formen sich zwei kleine Gestalten, die Luzie fortan bei einigen Abenteuern begleiten, mit denen sie sich den Ehrentitel „Luzie, der Schrecken der Straße“ verdient.

Ein wonniges Vergnügen ist diese tschechisch-deutsche Serie, die jetzt auf DVD und Blu-ray erscheint; frisch ist sie geblieben, auch wenn sie mit 40 Jahren dem Vorschulalter ihrer Heldin lange entwachsen ist. Im Oktober und November 1980 liefen die sechs halbstündigen Episoden erstmals in der ARD und atmen jenen Geist, der so viele Kinderfilme aus der damaligen Tschecheslowakei ausgezeichnet, ob klassische Märchen-Adaptionen, Filme wie „Wie soll man Dr. Mráček ertränken? oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ oder auch Serien wie die selige „Märchenbraut“: Ein großes Herz für das junge Publikum haben diese Produktionen, nehmen dessen seelische Innenwelt ernst und erzählen nicht von oben herab. Die Schöpfer von „Luzie“ sind zwei Schlüsselfiguren dieser Ära: Regisseur Jindrich Polak und Autor Ota Hofman, die sich unter anderem die exzellente utopische Kinderserie „Die Besucher“ (1981/83) ausdachten und natürlich den melonentragenden „Pan Tau“, einen Klassiker des Kinderfilms.

Die Serie „Luzie“ ist flott erzählt, die per Einzelbildtrick animierten Begleiter Friedrich und Friedrich (benannt nach der Firma des Knets) besitzen den Charme des Handgemachten, und die menschlichen Figuren sind ebenso plastisch: ob nun die resolute Luzie, Bandenchef Oswald, der zuhause elterlicherseits mit Klavierstunden gepiesackt wird, und Luzies wohlmeinende, aber manchmal überforderte und durch ihre Berufe oft abwesenden Eltern. Dass die Serie mit tschechischen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt ist (darunter Otto „Pan Tau“ Simanek alias „Pan Tau“), die Außenkulisse aber deutsch anmutet – ein Supermarkt mit „Achtung! Preissenkung!“-Schildern und ein Kino, in dem der Belmondo-Film „Der Windhund“ läuft – ist zu erklären: Die Studio-Aufnahmen der Ko-Produktion entstanden in den berühmten Prager Barrandov-Studios, die meisten Außenaufnahmen wurden in Bonn, Köln und Hamburg gedreht – wie man in Thorsten Hanischs gelungenem Beiheft der DVD nachlesen kann.

Das Bild dieses TV-Klassikers wurde für die Heimkino-Veröffentlichung noch einmal überarbeitet, zudem gibt es nostalgische und wertvolle Extras: einmal Kostproben der Serie, wie sie in der Kindersendung „Spaß am Montag“ zu sehen waren (manche werden sich an Moderator Thomas Naumann im Dialog mit dem leuchtenden Ball namens Zini erinnern). Zudem kann man die Köpfe hinter „Luzie“ bei der Verleihung des Grimme-Preises sehen: Autor/Regisseur Polak und den zuständigen WDR-Redakteur Gert K. Müntefering, einen Pionier des Kinderfernsehens („Die Sendung mit der Maus“): Er kritisiert in dem Gespräch von 1981, dass es den meisten Kinderprogrammen an erzählerischer Fantasie mangele und „Luzie“ da ganz anders konzipiert sei. Das allerdings goutierte nicht jeder: Luzie erhielt in jenem Jahr den Grimme-Preis, allerdings bloß in Bronze (Gold und Silber wurden nicht vergeben). Die Begründung der Jury: Die Serie habe in seiner Gestaltung „zu sehr nach Hollywood“ geschielt. Kurios.

Erschienen auf Blu-ray und DVD bei Leonine.

„Tragödie in einer Wohnwagenstadt“ von Günter Gräwert

Pidax Tragödie in einer Wohnwagenstadt

 

„Du hast doch nichts dagegen, dass hier Recht herrscht, oder?“. Das ist die rhetorische und perfide Frage, mit der der Mob in diesem TV-Film von 1967 sich dem Finale entgegenbrüllt, mit Schaum vor dem Mund. Die Riegelsberger Firma Pidax, spezialisiert auf Filme und Fernsehspiele von einst (mittlerweile bringt sie auch Bücher und Hörspiele heraus), hat eine betagte ZDF-Produktion ausgegraben, die es in sich hat – und die leider bestens ins Heute passt. „Tragödie in einer Wohnwagenstadt“ spielt in einem US-Trailerpark, bewohnt von Arbeitern, die sich weder Haus noch Wohnung leisten können – man würde ihnen heute wohl das Etikett „abgehängt“ anhängen.

Wie sehr es hier unter der Oberfläche köchelt, wird klar, als ein 15-jähriges Mädchen im Wald nahe der Siedlung von einem Mann belästigt wird. Da der nächste Ort 12 Meilen entfernt ist, liegt es nahe, dass der Täter aus der Siedlung stammen muss. Schnell sind sich die lautesten Alpha-Männer einig: Polizei würde hier nur stören, Aufklärung und Bestrafung regelt man unter sich – ein selbsternanntes Komitee macht mit dem völlig aufgelösten Mädchen die Runde an den Wohnwagen vorbei und verhört die Bewohner. Mit dem Satz „Wer sich widersetzt, macht sich noch mehr verdächtig!“ wird fast jede Kritik am rüden Vorgehen erstickt.

Die Vorlage des Fernsehfilms stammt von Reginald Rose (1920-2002), dem Autor des mehrmals verfilmten Drehbuchs „Die 12 Geschworenen“. Rose beschäftigte sich mit Ungerechtigkeit, sozialen Fragen, Rassismus – all das findet sich auch hier. Mit Dokumentar-Anmutung beginnt der Film, lange folgt die Kamera von Jost Vacano („Das Boot“) einem Mann durch die Siedlung, aus den Wohnwagenfenstern hört man Nachrichten oder die Beatles, alles scheint zwar ärmlich, aber doch wohl geordnet – bis die Belästigung des Mädchens Unzufriedenheit, Frust, Existenzangst und Hass zum Ausbruch bringt. Das lässt der Film ziemlich rasch geschehen, ein bisschen Vorlauf hätte nicht geschadet, zumal der Film nur 70 Minuten lang ist und Raum zum Entfalten des Konflikts gehabt hätte.

Sobald die selbsternannte und selbstherrliche Untersuchungskommission seine Runden dreht, blühen Borniertheit und Hass, mal gespeist aus Neid, mal aus Rassismus. Der Vater des Opfers, an dessen Leiden keiner der Aufrührer wirklich interessiert, ist zwar betroffen, könnte die Tat aber besser verstehen, wie er sagt, „wenn sie wenigstens hübsch wäre – als Vater kann ich das ja sagen“. Beim Verhör der nicht-weißen Wohnwagenbewohner fallen Sätze wie „Du bis weit weg von zuhause, kleiner brauner Bruder“. Während all dessen grübelt ein Ehepaar, das von dem ganzen Treiben abgestoßen ist, darüber nach, wie man das Vorgehen des Mobs beenden kann – aber sie schweigen zu lange, zumal ihnen bald klar wird, wer der Täter ist.

Ruth Maria Kubitschek  Pidax Tragödie in einer Wohnwagenstadt

Ruth Maria Kubitschek Foto: Pidax

Besetzt ist das Fernsehspiel exzellent, mit bewährten Charakterköpfen: Peter Schiff, unsterblich als Synchronsprecher des Computers Hal in „2001“, spielt den etwas tumben Vater des Opfers,  Ruth Maria Kubitschek und Werner Schumacher spielen das rationale Paar – und herausragend ist Friedrich Georg Beckhaus (unter anderem flog er bei der seligen „Raumpatrouille“ mit): Den An- und Wortführer des Komittees stattet er mit einer Mischung aus Aggression und Berechnung. Sonderlich raffiniert muss er gar nicht agieren, um eine Meute hinter sich zu bringen. Ein paar Schlagworte, ein paar rhetorische Fragen reichen aus, die Gruppendyamik regelt den Rest. Am Ende hat der Mob zugeschlagen und geht befriedigt seiner Wege. Ob der Bestrafte überhaupt der Täter war, ist unwichtig – es ging nur um die Entladung.

DVD erschienen bei Pidax. Sehr gutes Bild, keine Extras.
www.pidax-film.de

„Tommaso und der Tanz der Geister“ von Abel Ferrara

Willem Dafoe Tommaso Abel Ferrara

Tommaso (Willem Dafoe) in seiner Suchtgruppe.   Foto: Good!Movies

 

Da muss man nicht lange grübeln, ob das Ganze autobiografisch ist: Abel Ferrara, US-Regisseur mir drogenintensiver Vergangenheit, der mittlerweile mit Frau und kleinem Kind in Rom lebt, hat einen Film gedreht über einen Regisseur mir drogenintensiver Vergangenheit, der mittlerweile mit Frau und kleinem Kind in Rom lebt. Den Regisseur spielt Willem Dafoe, der ebenfalls in Rom lebt, die Familie spielen Ferraras Frau und Tochter, gedreht wurde in Ferraras römischem Apartment.

Diesen Tommaso lernen wir in Rom bei einem Sprachkurs kennen (die Sprachen des Films sind Amerikanisch und Italienisch), beim Nippen an einem Espresso in einer Bar um die Ecke seines Apartments, dann beim Zusammensein mit seiner kleinen Tochter und seiner Frau. Eine römische Idylle scheint das zu sein, doch in der Nacht kommen die Dämonen: Erinnerungen suchen den Filmemacher heim, schlechte Träume, Fantasien – zu der ersehnten Ruhe nach den wilden Jahren scheint Tommaso nicht zu kommen. Da helfen auch seine langen Erzählungen bei den Anonymen Alkoholikern nicht, wo er einer Beichte gleich von seiner Vergangenheit berichtet, in dem sein Künstler- und Macho-Ego offensichtlich monströs aufgebläht war. Zudem ahnt man, dass ihm jene Zeit der hedonistischen Verantwortungslosigkeit trotz aller Beteuerungen doch in gewisser Weise fehlt, zumindest ein klein wenig.

Nicht leichter macht ihm das alles sein Alter – seine Frau ist deutlich jünger als er, und in der Nähe des Spielplatzes beobachtet er sie in inniger Umarmung mit einem anderen, jüngeren Mann. Oder ist das nur die Fantasie eines Alpha-Mannes, der in die Jahre kommt? Möglich wäre das, denn Ferraras Film lässt vieles in der Schwebe, ganz sicher kann man sich hier nicht sein, was sich tatsächlich abspielt oder nur in Tommasos Kopf. Eine kurze erotische Begegnung etwa mit einer jungen Studentin seines Schauspielkurses wirkt erträumt – tragikomisch realistisch ist dann aber eine lange Szene, in der Tommaso sich wortreich an eine Frau aus seiner Suchtgruppe heranmacht (Frau und Tochter sind gerade unterwegs) und er nach der durchaus freundlichen Abfuhr eben als das dasteht, was er ist: ein Mann in mittleren Jahren, den das ruhige Familienleben nicht ganz so ausfüllt, wie er sich das wünscht, und der nicht mehr so grenzenlos anziehend ist wie in der Blüte seiner Jugend.

Sollte Regisseur Ferrara hier ein Selbstporträt gedreht haben, ist es kein wirklich schmeichelhaftes. Denn dieser Tommaso ist oft ein ichbezogenes Würstchen, fühlt sich in der Beziehung zu seiner Frau manchmal durch die kleine Tochter zurückgesetzt, die Muse will ihn auch nicht immer küssen. In manchmal recht langen Szenen erzählt der Film seine Geschichte, Ferrara hat Bekannte als Laiendarsteller engagiert und lässt den exzellenten Dafoe ausgiebig improvisieren. Das hätte durchaus zur eitlen Nabelschau hätte werden können, zum Mythos-Klischee der großen Künstlerpersönlichkeit – aber Ferrara hat eine spürbare Distanz zu der Figur, auch wenn sie ihm persönlich vielleicht extrem nahe ist – letztlich erzählt er von einer Persönlichkeit, die auf ihrem Weg der Selbstfindung vor sich hin stolpert wie wir es alle tun, wenn vielleicht nicht alle mit so großer Geste wie Signore Tommaso. Aber Ferrara lässt ihm seine Chance und schließt den Film mit einem augenzwinkernden Verweis auf eine andere Rolle Dafoes, als er einst unter der Regie von Martin Scorsese einen weniger fehlbaren Mann spielte: Jesus.

Erschienen bei Good!Movies

„German Grusel“-Nostalgie: „Die Schlangengrube und das Pendel“

 

Ist es ein „sehr guter“ Film im strengen Sinne? Wohl nicht – aber ein auf seine eigene Weise faszinierender. 1967 soll „Die Schlangengrube und das Pendel“, das ist der Plan, eine abgerissene Tradition in Deutschland wiederbeleben: die des fantastischen Films, des Gruselkinos, des Horrors – Jahrzehnte nach Filmen wie „Nosferatu“, „Der Golem“ oder „Das Kabinett des Dr. Caligari“. Die Idee lag Mitte der 1960er auf der Hand: In den USA füllt Günstig-Filmer Roger Corman mit seinen kunstnebelumflorten Edgar-Allan-Poe-Adaptionen wie „Lebendig begraben“ die Kinos; in Italien dreht Mario Bava mit kleinem Budget und großen Ideen prächtige Schauerfilme wie „Die drei Gesichter der Furcht“. Und in England produziert die Firma Hammer bunte und sehr stilvolle Gruselwerke wie „Dracula“, „Frankensteins Fluch“ oder „Der Hund von Baskerville“ – gerne mit Christopher Lee und Peter Cushing.

Und In Deutschland? Da wabert zumindest ein wenig Grusel durch die Edgar-Wallace-Verfilmungen von Produzent Horst Wendlandt (und durch die „Dr. Mabuse“-Filme von Wendlandts früherem Chef und ewigem Konkurrenten Artur „Atze“ Brauner). Wendland wird Anfang 1967 vom Misserfolg seines Films „Winnetou und sein Freund Old Firehand“ überrascht – seinen Karl-May-Filmen scheint die Luft auszugehen. Wendlandt plant um – warum nicht eine neue Welle lostreten mit veritablen Gruselfilmen, mit Seitenblick auf Corman, Bava und Hammer? Und mit bewährten Mimen, mit denen Wendlandt ohnehin noch einen Vertrag für einen hastig abgesagten May-Film hat: Lex Barker, unvergesslich als Old Shatterhand, und Karin Dor, die gerade ihre Rolle als mörderische Helga Brandt im James-Bond-Film „Man lebt nur zweimal“ abgedreht hat. Christopher Lee, damals der amtierende Dracula der „Hammer“-Studios, ist dann sozusagen die Kirsche auf dem Gruselkuchen.

Und so beginnen am 16. Mai 1967 die Dreharbeiten zu „Die Schlangengrube und das Pendel“ (unter den Arbeitstiteln „Die Wassergrube und das Pendel“ und „Schloss Schreckenstein“, was ein bisschen wie ein Kinderbuch klingt). Regie führt Harald Reinl, Heimatfilm-, Wallace- und May-erfahren beziehungsweise „ein deutscher Spitzenregisseur“, wie der Sprecher des alten Filmtrailers im Bonusmaterial wunderbar ehrfürchtig intoniert (wobei Reinl Österreicher ist). Gedreht wird bei Detmold im Teutoburger Wald, im Isartal und in Rothenburg ob der Tauber. Im Oktober kommt der Film mit vielen Kopien ins Kino, doch der Erfolg ist überschaubar – „die neue Welle“, von der mehrere zeitgenössische TV-Berichte im Bonusmaterial sprechen, hat schon beim ersten Film ausgeplätschert. Ein Jammer. Was hätte aus diesem seriellen Teutonen-Grusel werden können?

 

 

„Die Schlangengrube und das Pendel“ erzählt von einem schreckenerregenden Grafen namens Regula, dem im Prolog des Films, der 1806 spielt, der Garaus gemacht wird. Kein Wunder. Da in seinem Schloss 12 Jungfrauen grausig zu Tode gekommen sind, hält die Justiz eine Enthauptung für zu milde, so dass er auf dem Markplatz gevierteilt wird. 35 Jahre später erhalten ein Anwalt (Lex Barker) und eine junge Baronesse (Karin Dor) mysteriöse briefliche Einladungen, das Schloss des Grafen im „Sandertal im Mittelland“ zu besuchen. Schon die Kutschenreise dorthin ist ein Abenteuer, mit nebelverhangenen Wegen, Leichen, die von Bäumen baumeln, und einem verständlicherweise entnervten Kutscher, gespielt von Dieter Eppler, der übrigens später, zwischen 1970 und 1973, Saarbrücker „Tatort“-Kommissar war.

Angekommen im Schloss – sehr atmosphärische Studiobauten mit leibhaftigen Skorpionen, Spinnen und auch Geiern – erleben sie dann gar Schreckliches. Der tote Graf Regula feiert kurzfristige Auferstehung, ausgerechnet am Karfreitag, denn er steht vor einem wissenschaftlichen Durchbruch: Aus dem Blut der 12 hat er einst eine Essenz des ewigen Lebens destilliert, wie genau, das lässt er im Dunkeln, er erklärt nur lapidar: „Ich will nicht ins Detail gehen“ (man hätte es ja gerne erfahren). Die Essenz wirkt aber erst wirklich, wenn er auch Jungfrau Nummer 13 verarbeitet hat – die Baronesse. Aber das kann und will ihr schneidiger Begleiter in Gestalt Lex Barkers nicht zulassen.

Dass der Film damals die Kinokassen nicht erbeben ließ – man kann es nachvollziehen. Der erste Teil, sieht man von der Vierteilung ab, die der Film geschmackvoll (und der FSK 12-Freigabe geschuldet) als Zeichnung eines Bänkelsängers darstellt, ist sehr gemächlich, bevor es im Schloss (gedreht in den Ateliers der Münchner Bavaria) dann sehr atmosphärisch und auch spannend wird: mit blubbernden Labor-Töpfchen, einem gläsernen Sarkophag und einem Gang, der mit hunderten von Totenköpfen bestückt ist. Insgesamt ist das Ganze weniger strammer Horror denn wohlige Schauerromantik, auf die man sich einlassen muss. Es fallen ehrfürchtig deklamierte Sätze wie „In mondlosen Nächten feiert der Teufel dort Feste“ (gemeint ist das Schloss des Grafen), über die man kichern kann oder die man gruselnd auf sich wirken lassen kann. Eine gewisse ernste Naivität besitzt der Film, wie auch die Winnetou-Filme von Regisseur Reinl. Man kann nur darüber spekulieren, wie der Film geworden wäre, hätte etwa Alfred Vohrer den Film inszeniert, neben Reinl der zweite Stammregisseur der Edgar-Wallace-Filme und eher ein Mann des extremen Effekts und des schwarzen Humors als Reinl.

Ein großer Trumpf des Films ist die Musik von Peter Thomas, nicht so grell wie manche seiner Wallace-Kompositionen, sehr atmosphärisch, teilweise mit Orgelklängen – und im Finale, wenn das Pendel über Lex Barkers Heldenbrust hin und her schwingt, hat das fast etwas von Minimal Music. Thomas‘ Musik ist auf CD beim Deluxe Mediabook enthalten, soll außerdem auf Vinyl und digital erscheinen – es lohnt sich.

Trotz mancher Macken: Der Film ist ein sympathisches Kuriosum des deutschen Kinos, ein „Was hätte daraus werden können“ mit viel Charme und Atmosphäre. Wie gut, dass der Film, der vor 15 Jahren erstmals erschien (bei e-m-s), nun hervorragend restauriert vorliegt, mit viel Bonusmaterial.

Die beiden Editionen, erschienen bei UCM.ONE:

 

MEDIABOOK

1 DVD mit dem Film und eine Blu-ray mit dem Film, plus Audiokommentar (Gerd Naumann, Christopher Klaese, Matthias Künnecke). Außerdem: Der Trailer von einst, 3.20 Minuten. Zitate des dramatischen Sprechers: „Eine romantische Gruselgeschichte“. „Aus dem Reich der Schatten greifen blutgierige Dämonen nach den Lebenden.“ „Das neue Meisterwerk eines deutschen Spitzenregisseurs.“ „Dieser Film gibt ihnen ein ganz neues Gruselgefühl.“

Neuer Teaser, 1.10 Minuten

Slideshow der Film-Rekonstruktion mit Beispiel-Bildern und -Szenen, 8.22 Minuten.

DELUXE MEDIABOOK

Wie das Mediabook, dazu CD mit der Musik von Peter Thomas auf CD und einer weiteren Bonus DVD:

„Ein Grusical wird gedreht.“ WDR-Bericht von 1967, 2.48 Minuten, schwarzweiß. Sehr flott zu Peter-Thomas-Musik montiert. „Der erste deutsche Horrorfilm der neuen Welle.“ (…) „unter der Regie von Dr. Harald Reinl“.

„Neues vom Film“, ZDF 1967 4.02 Minuten, schwarzweiß. „Harald Reinl legt den Grundstein zu einer neuen Kinowelle“, heißt es hoffungsvoll im Film. Reinl sagt, er hab die Poe-Vorlage „bereichert“. Dor erklärt, in Krimis ist man als Figur aktiver, im Horrorfilm eher passiv.

Ufa Wochenschau 1967, 1.28 Minuten. „Erstmals nach dem Kriege versucht ein deutsches Team Anschluss an die Horrorwelle zu finden. Dazu Interviewsätze identisch zu „Neues vom Film“.

Ein Interview mit Karin Dor aus der „Drehscheibe“ des ZDF von 1970. 4.01 Minuten. Interessantes Interview, Dor spricht vom Rollenmangel für sie in Deutschland. „Es gibt für mich hier nichts zu tun. Die Rollen sind einfach nicht vorhanden.“ Und: „Man hat zu 90 Prozent im deutschen Film nichts mehr verloren, wenn man nicht mehr 12 ist und nicht bereit ist, nackt über die Leinwand zu hüpfen.“ In den USA sei man noch „unberührt von der Nacktwelle.“ Und: „Ich kann es mir nicht leisten, TV-Filme zu drehen. Dann muss ich schon einen Film drehen.“

Vergleich der Drehorte damals und heute in Rothenburg ob der Tauber, 7.40 Minuten, von Markus Wolf. Sehr schön gemacht und überblendet.

Super 8-Fassung namens „Das Todespendel – die Burg des Grauens“, 16 Minuten.

Super 8-Fassung 2: „Die Schlangengrube des Dr. Dracula“, 15.22 Minuten, fast quadratisches Bild. Ganz anders geschnitten als die andere Fassung. Ohne den Prolog, und nach drei Minuten ist man schon im Gruselschloss.

Audio Interview mit Karin Dor (39.55 Minuten), vom ersten Berufswunsch (Innenarchitektin), über die Dreharbeiten zu „Man lebt nur zweimal“ zur „Schlangengrube“ (sie fand Christopher Lee, oft als arrogant verschrieb, sehr nett). Man erfährt auch, dass Fred Astaire „ein Schatz“ war und dass sie ihren Film „Haie an Bord“ ziemlich schlimm fand. Die Audio-Qualität ist bescheiden, man muss schon sehr genau hinhören.

Internationale Artwork-Galerie (4.42 Minuten), 48 Motive.

Bilder von den Dreharbeiten, (3.24 Minuten), 35 Motive fast alle in Schwarzweiß.

Heimkino, das Streaming nicht bietet

Capelight Rollerball James Caan

Kein Tempolimit. Eine Szene aus „Rollerball“. Foto: Capelight

Ja klar. Sich Filme per Streaming anzusehen, ist enorm bequem – aber mehr als den Film gibt es dort nicht zu sehen. Liebevolle Bluray-Editionen mit Zusatzmaterial sind eine Alternative. Wir stellen drei exzellente vor.

Sind DVDs und Blurays, die „physischen Datenträger“, angesichts Streaming nur noch Schnee von gestern? Die Zahlen sprechen für das körperlose Streaming, personifiziert vom Marktführer Netflix. Der steigerte während der Corona-Pandemie seine Abo-Zahlen auf 193 Millionen, der Börsenwert steht bei 232 Millionen Dollar. Läutet also für DVD und Bluray das Totenglöcklein, wie einst für die klobige Videocassette, ihrerseits Opfer der DVD?

Vielleicht schon, was lieblose Veröffentlichungen von Mainstream-Filmen angeht – warum sollte man sich die noch ins Regal stellen? Anders ist das bei schönen, mit Bonusmaterial angereicherten Film-Editionen. Denn eines kann man beim Streaming eben nicht: sich tief in einen Film versenken, mit Drehberichten, begleitenden Audiokommentaren oder Interviews;  wobei man nicht verschweigen darf, dass manche Filmfirmen ihre DVDs allzu gerne nur mit Schulterklopf-Werbe-Interviews vom Kinostart bestücken, à la „der Regisseur ist der netteste Mensch, dem ich je begegnen durfte“. Undsoweiter.

Wirklich aufwändige Editionen sind ein Stück Liebe zum Film. Eine der schönsten Veröffentlichungen der vergangenen  Monate ist „Rollerball“ (erschienen bei Capelight). Norman Jewisons Film von 1975 erzählt von einer Zukunft, in der es keine Nationalstaaten mehr gibt, nur noch globale Konzerne. Der Kapitalismus funktioniert, es gibt Brot für alle (mehr für die wenigen, weniger für die meisten) – und Spiele, um die Massen abzulenken: „Rollerball“, eine brutale Mischung aus Motorradrennen, Hockey und Football. Als einer der Spieler (James Caan) zu populär wird, kommt das Regime ins Grübeln – denn der „Rollerball“-Sport soll gesichtslos bleiben. Der Spieler-Star wird zum Rücktritt gedrängt, aber er wehrt sich.

Rollerball Capelight

Ein Blick auf die Mannschaft. Foto: Capelight

Wohl seit seinem Kinostart hat der Film nicht mehr so gut ausgesehen wie jetzt, dank einer peniblen Restaurierung; im Audiokommentar erzählt Regisseur Jewison von seiner damaligen Angst vor einer „Brot und Spiele“-Gesellschaft – wobei, das ist das kuriose Problem des Films, die Kritik an der Welt der Konzerne filmisch weniger spektakulär ist als das Spiel selbst – „Rollerball“ ist eben auch ein Actionfilm. Gedreht wurde der Film vor allen in München; davon berichtet eine 20-minütige Reportage, vergleicht dabei die Drehorte heute und damals – etwa die Radrennbahn der 1972 für Olympia gebauten Rudi-Sedlmayer-Halle, die seit 2011 „Audi Dome“ heißt, und die BMW-Türme, die in den 70ern purer Futurismus waren und heute ein gewisses Retro-Aroma versprühen. Der Stunt-Veteran und spätere Regisseur Craig R. Baxley berichtet von den monatelangen und gefährlichen Proben des Spiels, mehrere Dokumentationen schließen sich an.

 

Die neue Edition und Restaurierung von David Lynchs „Der Elefantenmensch“ (Arthaus, 1980) lässt Cineasten ebenfalls niederknien. Die Oscar-nominierte Schwarzweißfotografie von Freddie Francis sieht glorios aus, es gibt mehrere Filmbilder als Karten, ein Booklet und viel Bonusmaterial auf den beiden Blurays: Reportagen etwa  über die reale Person, auf deren Leben der Film basiert: der Engländer Joseph Merrick (1862-1890), dessen Körper schwerst missgebildet war und der auf Rummelplätzen als Grusel-Attraktion herumgereicht wurde, bis sich ein Mediziner (im Film gespielt von Anthony Hopkins) um ihn kümmerte.

In Interviews, zwischen 19 und 30 Minuten lang, sprechen die Beteiligten von den Dreharbeiten: darunter Hauptdarsteller John Hurt, Produzent Jonathan Sanger und Fotograf Frank Connor. Regisseur David Lynch wird mehrmals interviewt,  einmal bei einer Pariser Ausstellung seiner Gemälde und Skulpturen, und einmal vom Kollegen Mike Figgis („Leaving Las Vegas“). Der  platziert ihn einer Szenerie, die wohl klassische Lynch-Atmosphäre erschaffen soll: in einem leeren Korridor, mit dem Kopf neben einer nackten Glühbirne. Als Lynch das Drehbuch zu „Der Elefantenmensch“ zum ersten Mal las, erzählt er, „da explodierte eine kleine Bombe in meinem Kopf“. Anstoß zu einem seiner besten, berührendsten Filme.

 

Auch 24 Jahre nach seiner Premiere verstört David Cronenbergs „Crash“ immer noch. Der radikale, damals heftig umstrittene Film über Erotik, den Fetisch Auto und die morbide Faszination von Unfällen ist jetzt als exzellente  Bluray-Edition erschienen (bei Turbine Medien), mit restauriertem Bild und viel Begleitmaterial. Das reicht von den damaligen Trailern über Interviews zum Kinostart bis zu neueren und längeren  Gesprächen mit den Beteiligten: darunter Komponist Howard Shore und Cronenbergs regelmäßiger Kameramann Peter Suschitzky. Der berichtet von einer gemeinsamen „intellektuellen Sympathie“ und davon, dass er bei den für ihn zu drastischen Szenen die Kameraführung immer gerne an den Regisseur abgibt.

Zu sehen sind auch drei jüngere Kurzfilme Cronenbergs, gewohnt unbehagliche Miniaturen über Tod und die Schrecknisse des eigenen, vom Verfall bedrohten Körpers. Ein fast einstündiges  Gespräch mit Cronenberg (und dem Schauspieler Viggo Mortensen) gibt es auch, vom Filmfestival in Toronto, bei dem der Regisseur nicht so ganz erklären kann, was ihn filmisch umtreibt: „Ich bin der Letzte, den Sie fragen sollten, wie mein Gehirn funktioniert.“

Cronenberg Crash Turbine

Meister Cronenberg am Drehort. Foto: Turbine

Die grünen Männchen sind lila: „Die Farbe aus dem All“ von Richard Stanley

 

Color out of space nicolas cage farbe aus dem All Koch Media

Noch ist alles in Ordnung in Neuengland (gedreht wurde wegen Filmfördergelder in Portugal): Joely Richardson und Nicolas Cage als Ehepaar. Foto: Koch Media

 

Irgendwo in den Verträgen von Nicolas Cage muss er wohl stehen, Schwarz auf Weiß, vielleicht dick unterstrichen: der Passus, laut dem der Darsteller im Film mindestens eine Szene des kompletten Ausrastens spielen darf (oder muss), des Zusammenbruchs, des Durchdrehens, Augenrollen inklusive. Bei Youtube findet man minutenlange Montagen aus verschiedenen Filmen, in denen Cage sozusagen dem Affen des Ausrastens Zucker gibt, kiloweise.

So ist über die Jahre der Cage-Kollaps ein wenig zum filmischen Klischee geworden, man erwartet ihn, manchmal wirkt er beinahe pflichtschuldig. Im Film „Die Farbe aus dem All“ dagegen ist er dankenswerterweise ein schlüssiger Teil der Handlung – denn wer würde nicht an seine Nervengrenze kommen, wenn im Vorgarten ein kleiner Meteor einschlägt und alsbald alles aus den Fugen gerät – die Natur, die eigene Wahrnehmung, sogar die Zeit. Doch erst einmal beginnt dieser sehenswerte Film in aller Ruhe mit märchenwaldigen Naturbildern, ominös brummender Musik. Wir sind im tiefsten Grün Neuenglands, wohin sich die Familie Gardner zurückgezogen hat vor der Hektik der Großstadt. Hier ist der Rest der Welt ganz weit weg.

Doch das Familienquintett hadert noch mit der geballten Idylle: Der Vater (Cage) will als Ökobauer und Alpaka-Züchter reüssieren, wirkt aber etwas glücklos; seine Frau leidet an den seelischen Folgen einer Brustkrebs-Operation; die drei Kinder, die sich erst an das Übermaß an Ruhe gewöhnen müssen, trösten sich unter anderem mit dem Hineinarbeiten in die Hexenkunst und ins gepflegte Haschrauchen mit einem Eremiten in der Nachbarschaft, der ein Onkel des „Dude“ aus „The Big Lebowski“ sein könnte. Regisseur Richard Franklin erzählt da, vage nach einer Erzählung des Phantastik-Literaten H.P. Lovecraft (1890-1937), mit einigem schwarzen Humor von einer Familie, die sich zwar liebt, aber durchaus von der Gefahr eines Budenkollers in freier Natur bedroht ist; zugleich baut er mustergültig und fast klassisch Grusel auf, da der dampfende Meteorit vor dem Haus Merkwürdiges mit sich bringt: Das Obst im Garten wächst ungewohnt schnell, außerirdisch-fremdartige Insekten surren umher, der jüngste Spross der Familie hört die Stimme eines imaginären „Freundes“ aus dem Brunnen vorm Haus. Sogar die Tageszeiten scheinen zu verschwimmen. Die Realität ist nicht mehr das, was sie einmal war – ist sie vielleicht längst ein Traum?

Unmerklich steigert der Film das Unbehagen und wird dann nach einer Stunde wirklich grausig – und optisch psychedelisch. Das ganze Grundstück scheint sich langsam aufzulösen in lila Licht, in Visionen eines anderen Planeten (die Heimat des Meteors?), tote Figuren leben wieder (sind sie Erinnerungen ihrer selbst?) – da geht der Film in die Vollen, übertreibt es vielleicht ein wenig, aber erklärt das Grauen erfreulicherweise nicht rational. Handelt es sich um eine außerirdische Invasion? Oder um einen Besuch, der schrecklich schief geht? Wer will das sagen? Zurück bleibt buntes Chaos, schimmernd in der titelgebenden „Farbe aus dem All“ – ein schönes Lila, das an den außerirdischen Schimmer in Alex Garlands meisterlichem Film „Auslöschung“ (zurzeit bei Netflix zu sehen), der ebenfalls von einem Besuch aus dem All erzählt und sich als wunderbarer Partner für ein Doppelprogramm eignete.

 

Richard Stanley Color out of space Nicolas Cage

Regisseur Richard Stanley. Foto: Koch Media

 

„Die Farbe aus dem All“ markiert auch die Wiederkehr eines lange Verschollenen: Es ist die erste Spielfilmregie von Richard Stanley seit 1996. Damals wurde der Filmemacher nach drei chaotischen Drehtagen bei seinem jahrelang vorbereiteten Herzensprojekt „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Marlon Brando geschasst und ersetzt – eine traumatische Erfahrung, über die ein Kollege von Stanley 2014 eine abendfüllende Dokumentation drehte. Die vergangenen Jahre verbrachte Stanley in einer Hütte in den Pyrenäen und führte Touristen durch die Berge – das zumindest erzählt er in Interviews.

Zu sehen ist der Film auf DVD und Bluray bei Koch Media und bei Amazon Prime.

« Ältere Beiträge

© 2021 KINOBLOG

Theme von Anders NorénHoch ↑