KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: November 2018

Fließen, Brummen, Pulsieren – Thom Yorks Musik zu „Suspiria“

Thom Yorke Radiohead Suspiria Dario Argento Giallo Horror

Thom Yorke, fotografiert von Gregg Williams.

 

Eigentlich ist es ja eine gute Idee, Filmmusik zu hören, ohne den Film schon gesehen zu haben. So sind Musik, Bilder und Handlung noch nicht ineinander geflossen, die Assoziationen noch ungebunden. Und gerade die Musik zu „Suspiria“ weckt nahezu endlose Assoziationen, sie ist ein Füllhorn an Atmosphäre, Stimmungen, Klängen zwischen harmonisch und dissonant, recht selten warm einhüllend, öfter beunruhigend.

1977 drehte Regisseur Dario Argento „Suspiria“ über Morde in einer Tanzschule im beschaulichen Freiburg im Breisgau – heute ein Klassiker des fantastischen Films. Argentos Kollege Luca Guadagnino hat den Stoff nun neu verfilmt beziehungswiese neu interpretiert; sein Film lief 2018  beim Filmfestival in Venedig, erhielt überwiegend gute Kritiken und ist nun auch in Deutschland zu sehen, wenn auch in einer überschaubaren Zahl von Kinos – aus der Saarbrücker Camera Zwo hat er sich gerade verabschiedet.

 

 

Die Musik zum Film hat Thom Yorke aufgenommen, Sänger und Komponist der britischen Band Radiohead. Anfangs recht konventionelle Alternative Rocker, mittlerweile lustvolle und trickreiche Klangfummler. Yorke, gerne auch solo und mit Kollegen abseits seiner Band im Studio, legt mit „Suspiria“ nun seine erste Spielfilmmusik vor – und die geht in die Vollen, was die Länge angeht (80 Minuten) und den Inhalt: „Suspiria“ schlägt einen weiten Bogen von merkwürdig entrücktem Pop bis zu Neuer Musik, vom psychedelischen Krautrock der 1970er zu Chorälen. Das könnte nun Kraut und Rüben sein – aber alles fließt organisch ineinander, Kontraste gibt es zuhauf, aber keine Brüche.

Da gesellen sich, nach einer flirrenden, schabenden Streicherdissonanz zum Auftakt (aufgenommen mit dem London Contemporary Orchestra and Choir), minimalistische Klaviermotive zu orchestraler Wucht, breit ausgewalzte Keyboard-Klänge mit Spätsiebziger-Aroma zu Klangmalerei: „The unevitable pull“ brummt und dröhnt so unheilvoll, dass man es nicht alleine in einem dunklen Zimmer hören sollte. Vergleichsweise sonnig ist dann „Suspirium“, eines der wenigen Stücke, auf denen Yorke singt, hier in einem anrührenden, zerbrechlichen Falsett. Zu hören ist er auch auf „Has ended“, das mantrahaft hypnotisch und psychedelisch vor sich hin pulsiert und orgelt, von einem Bass angetrieben – da sind die deutschen Krautrocker Can gedanklich nicht weit weg. „Unmade“ dagegen ist eine zarte Balladenschönheit, einer der wenigen Momente, bei denen man sich beruhigt und warm eingehüllt zurücklehnen kann, wie auch beim kurzen Choral „Sabbath Incantation“. Aber man muss eben auf der Hut sein und weiß nie genau, was einen erwartet auf diesem ambitionierten, aufregenden Album.

Thom Yorke:  Suspiria
(Beggars/XL Recordings).

„Bitte mal Applaus für unsere Mönche!“ Powerwolf in Saarbrücken

Powerwolf in Saarbrücken, 17. Novemver 2018

 

Am Ende, als ein paar Tausend Fans glücklich in die kalte Nacht strömen, da schwebt der Mond über der Saarlandhalle. Leider lunar etwas mickrig, ein Fast-Halbmond. Wie gut hätte da ein satt strahlender Vollmond gepasst, wie aus einem Werwolf-Film – aber man kann ja nicht alles haben. In der Halle allerdings, da haben die Fans so ziemlich alles bekommen, weswegen sie zu Powerwolf gehen. Donner und Blitz, Heavy Metal, eingängige Refrains, Publikumsanimation – eine Rundum-Sorglos-Show, Profi-Entertainment.

Als Feierabendprojekt hat die Saarbrücker Band einst angefangen, heute ist das Quintett die erfolgreichste deutsche Heavy-Metal-Band in Deutschland; die jüngsten Alben schafften es mindestens in die Top 3, sie ist weltweit unterwegs, spielt in großen Hallen. Der Samstag in der vollen Saarlandhalle ist das Finale des ersten Tourabschnitts zum jüngsten Nr.1-Album „The Sacrament of Sin“ (auf dem unter anderem die alte Kirchenorgel von Thionville verewigt ist), 2019 geht es dann international wieder weiter. Es läuft also bei der Band, und man merkt es: Groß ist der Aufwand und sehr gut der Sound. Flammenwerfer schießen Feuerfontänen in die Luft, das Bühnenbild mit scheinbaren Relikten einer alten gotischen Kirche, zwei begehbaren Ebenen, Bildern von Wölfen und staubigen Ruinen verströmt einen wohligen Retro-Grusel. Dass auch ein paar Mönche umher wandeln, wundert da gar nicht.

 

Hier malocht die Band kraftvoll, in vorderster Reihe Sänger Attila Dorn (ein schöner Künstlername), zugleich Zeremonienmeister und Animateur, mit einer Aura irgendwo zwischen Rasputin, Bud Spencer und Ivan Rebroff, der die Fans gerne R-rollend mit „Meine lieben Frrrreunde“ anspricht und dabei ein bisschen wie der selige Bela Lugosi als Graf Dracula in den 1930ern klingt. Kraftvoll singt er sich durch Nummern wie „Demons’s are a girl’s best friend“, „Amen & Attack“ und auch „Resurrection by Erection“, laut Dorn ein Stück über die „Auferstehung, untenrum“. Man ahnt es: Mit dem heiligen Ernst, der manch andere Heavy-Metal-Bands beseelt, haben Powerwolf nichts im Sinn. Man wird sogar den Verdacht nie völlig los, dass sich hinter den weißgekalkten Gesichtern gewitzte Ironiker verbergen, die das Musik-Genre, das sie offenkundig lieben, genüsslich und gekonnt auf die Spitze treiben: das faustreckende Publikumsanheizen von Keyboarder Falk Maria Schlegel, die Refrains mit viel „blood“, „fire“, „night“, „demons“ und cross“, die Gitarren-Rockgott-Posen von Matthew Greywolf und Charles Greywolf. Nur Schlagzeuger Roel van Helden macht einfach seine musikalische gute Arbeit, er hat hinter seiner Schießbude genug zu tun.

Die Musik ist maximal eingängig zum Mitsingen und Faustrecken, die Band spielt kompakt und wie aus einem Guss, das ist famoses Handwerk mit hohem Tempo; immerhin eine Ballade zum Schwenken der vielen Handys gibt es, dann geht es wieder hochtourig um Dämonen, den Papst, die Kreuzzüge – und vor allem um das Gemeinschaftserlebnis. Vielleicht liegt es daran, dass die Band in der Heimat gastiert – aber einen solchen Einklang zwischen Musikern und Publikum erlebt man nicht oft. Immer wieder applaudiert die Band den Fans, die wiederum den Bandnamen skandieren, wie Wölfe heulen, einmal im Kollektiv niederknien und auf Dorns Anweisung den isländischen WM-Schlachtruf durch die Halle tönen lassen – wenn auch mit „Blut“ statt „Huh“ (was vor Ort weniger bedrohlich klingt als es sich liest). Überhaupt wirkt Dorn („bitte mal Applaus für unsere Mönche!“) wie ein souveräner Anheizer mit der Erfahrung von 1000 Stadtfesten. Wenn er die Halle zum Gesangswettbewerb in Gruppen teilt, „wie Moses das Rote Meer“, wenn er den Fans das Mitsingen erklärt, könnte das ein bisschen plump oder absurd wirken – aber es ist einfach ein großer Jux, ein liebgewonnenes Ritual, ein Rock-Klischee, das gepflegt wird, zur Freude aller. „Wie ich sehe“, sagt Dorn zufrieden mit Blick ins Rund, „sind wir alle vom Heavy Metal gesegnet“. So ist es.

 

 

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