Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

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Das Leben ist eine Tweedjacke: Die neue Version von „Der Doktor und das liebe Vieh“

Der Doktor und das liebe Vieh All creatures great and small

James Herriot (Nicholas Ralph) bei der Arbeit.            Foto: Playground / Polyband

Gemütlich wie eine ewig getragene, bequeme Tweedjacke war diese Serie: So manche Sonntagnachmittage der 1980er Jahre erlebte man mit diesen drei dezent schrulligen Tierärzten, wenn die ARD die Praxistür bei „Der Doktor und das liebe Vieh“ aufschloss. Mit den beiden Veterinär-Brüdern Siegfried und Tristan Farnon (ihre Eltern waren wohl Richard-Wagner-Anhänger) sowie dem Neuankömmling James Herriot erlebte man eher gemächliche denn rasante Abenteuer: in der Praxis des Trios, auf den Wiesen und Bauernhöfen von Yorkshire und in den Pubs der Gegend. Um Tier- und Menschenwohl ging es, um mal mehr, mal weniger glückliche Kühe und Menschen.

In England lief die Serie zwischen 1978 und 1990, eine Institution wie die Teezeit. Dieses Stück britischen Fernseh-Welterbes mit einer neuen TV-Verfilmung wieder aufleben zulassen, kann man nun einfallslos nennen. Oder auch mutig, ist die Fallhöhe doch immens, wenn man sich mit einem derart beliebten TV-Klassiker misst. Umso erfreulicher ist, wie hinreißend die neue Version „Der Doktor und das liebe Vieh“ ist – auch wenn die ersten Minuten trügerisch sind: Die Musik dudelt seicht über die animierte Titelsequenz in Pastellfarben hinweg; und selbst die Glasgower Docks in den 1930ern, von denen sich der junge James Herriot verabschiedet, um in Yorkshire eine Stelle als Tierarzt anzutreten, sehen besenrein aus – wie auch die Gummistiefel einer umschwärmten Landwirtin immer wie frisch gewienert wirken.

Gediegener Brit-Kitsch also, über das sich die Tourismuszentrale in Yorkshire freut? Nur Letzteres. Sicher, man würde sofort in das fiktive Städtchen Darrowby ziehen wollen, mit seinen grausteinigen Häusern, dem urigen Pub, dem malerischen Buchladen und eben jener Tierarztpraxis, in der Herriot den gestrengen und etwas exzentrischen Siegfried, seinen deutlich lässigeren Bruder Tristan und die Haushälterin Audrey Hall kennenlernt. Und doch bleibt der Kitsch außen vor – die Geschichten sind zu gut erzählt, die Figuren zu plastisch und facettenreich.

 

Diana Rigg als Mrs Pumphrey     Foto: Playground / Polyband

Herriot (Nicholas Ralph) mag der großäugige naive Neuankömmling sein, doch seine Ecken, Kanten und Marotten hat auch er; Tristan (Callum Woodhouse) könnte die Klischeefigur eines jüngeren Hallodri-Bruders sein, doch er ist eben vielschichtiger als ein bloßer Landarzt-Casanova mit Aufmerksamkeits-Defizit, was das Studieren angeht; und bei Siegfried (Samuel West) wird das Exzentrische nicht überzogen, ebenso wenig wie das Trauma durch den Tod seiner Frau. Das trägt er mit sich, aber es kommt zu keinen tränenfeuchten Monologen, wie es in einer dramaturgisch aufgeblaseneren Serie wohl geschehen wäre.

In den sieben Episoden (plus ein „Christmas Special“) geht es mal um kleinere Dramen, etwa um ein überfüttertes Hündchen einer meist knurrigen Dame – herrlich gespielt von Diana Rigg in einer ihrer letzten Rollen; aber es geht auch um Größeres: Von der richtigen Behandlung einer Kuh hängt die Lebensgrundlage einer Familie ab. Und die Entscheidung, ein unheilbar krankes Rennpferd zu töten, hat weitreichende Konsequenzen und stellt Arzt Siegfried vor eine Gewissensentscheidung: Den schuldlosen Kollegen als Bauernopfer entlassen, um eine lang ersehnte Stelle zu bekommen? Oder anständig bleiben und die Karrierehoffnung begraben?

Darum geht es oft in dieser Serie: Gewissensentscheidungen, Anstand, Aufrichtigkeit – und das ganz ohne Ironie. Das macht „Der Doktor und das liebe Vieh“ zugleich altmodisch und fast schon radikal, wenn auch auf charmant unauffällige und herzerwärmende Weise. Hier in Darrowby ist die Welt noch in Ordnung – aber nur, weil die Menschen dafür einiges tun und in Kauf nehmen.

Auf DVD erschienen bei Polyband,
acht Episoden à 50 Minuten.

Die Doku „Kurzzeitschwester“ von Philipp Lippert

Kurzzeitschwester NDR

Vanessa und Philipp bei einem Urlaub am Meer.        Foto: Philipp Lippert / Drive beta GmbH

In seiner bewegenden, manchmal erschütternden Doku „Kurzzeitschwester“ spürt der saarländische Filmemacher Philipp Lippert dem Trauma seiner Familie nach.

Und plötzlich, wie über Nacht, ist die kleine Schwester nicht mehr da. Und dem Bruder, gerade mal sechs Jahre alt, wird nichts erklärt. Kein Wohin, kein Warum. Es bleibt ein kollektives Familientrauma, dem der kleine Junge von einst nun nachspürt, 18 Jahre, nachdem er seine Schwester Vanessa zum letzten Mal gesehen hat. „Kurzzeitschwester“ heißt die Dokumentation des saarländischen Filmemachers Philipp Lippert, die er am Samstag an zwei Terminen im Saarbrücker Kino Achteinhalb vorstellt und diskutiert. Lipperts Film ist ein berührender, manchmal auf ganz ruhige Weise tief erschütternder Film über Familienstrukturen, über enttäuschte Erwartungen, lebenslange Kränkungen, Selbstvorwürfe – und generell darüber, dass manches Geschehen zu komplex ist, als dass man rasch urteilen könnte. Einfache Antworten kann es hier nicht geben.

Regisseur Lippert, 24, setzt mit seinem Film an der grundlegenden Frage an: Warum haben seine Eltern die Schwester, die ein Pflegekind war, wieder abgegeben? Die Eltern in Köllerbach und die Eltern seiner Mutter befragt er vor der Kamera. Diese intensiven, entwaffnend offenen Gespräche versuchen, das Geschehen zu rekonstruieren und zu erklären. Da ist Lipperts Mutter, die nach dessen Geburt drei Fehlgeburten erleidet; in einer schmerzhaften Szene des Films zeigt sie eine Seite in einem Erinnerungsalbum, auf der neben drei Ultraschallbildern eines Kindes dessen Todesanzeige eingeklebt ist.

Kurzzeitschwester NDR

Regisseur Philipp Lippert und seine Mutter. Foto: Philipp Lippert / Drive beta GmbH

Das Ehepaar entscheidet sich, ein Pflegekind aufzunehmen: Vanessa, einige Monate jünger als Philipp. Der schließt sie ins Herz, doch kollektive Harmonie stellt sich nicht ein. Die Mutter scheint zu streng zu Vanessa, das zumindest finden die Großeltern. Zugleich fühlt sich die Mutter bei der Erziehung alleine gelassen, weil der Vater, wie er im Film zugibt, „nie der Übervater“ sein wollte – und, das darf man mutmaßen, er das Gefühl hatte, bei der Erziehung mit seiner Meinung gegen die seiner Frau, die ausgebildete Erzieherin ist, nicht anzukommen. „Ich weiß ja, wie alles geht“, sagt die Mutter im Film mit einer gewissen bitteren Ironie, „das ist das Problem“.

Des Vaters Rückzug hat noch einen anderen Hintergrund – er blieb einst als 15-Jähriger in seinem Elternhaus wohnen, um noch die Schule abzuschließen, während seine Eltern 100 Kilometer weit weg zogen. Sein Aufwachsen beschreibt er so: „Ich wurde ernährt und meine Hausaufgaben wurden kontrolliert – das war‘s dann“. Das präge einen, sagt er.

Es ist die große Stärke von „Kurzzeitschwester“, dass der Film mit sensiblen und offenen Gesprächen, Erinnerungsfotos und alten Familienvideos die Verästelungen persönlicher Erfahrungen aufzeigt, die Entscheidungen bedingen (und nachvollziehbar machen) – hier hat jeder sein Päckchen zu tragen und Gründe für sein Handeln. Ein grundlegendes Thema ist auch die Kommunikation in der Familie oder der Mangel davon – das Schwierige, das Misslungene wird nicht ausgesprochen. Ein kurzer Dialog steht beispielhaft für so vieles: „Warum wird in dieser Familie mehr geschwiegen als geredet?“, fragt der Sohn seinen Vater. Der antwortet: „Gute Frage.“ Und dann schweigt er.

Umso verblüffender ist, wie offen sich die Eltern dann doch im Film äußern, auch über das, was sie in ihrer Verzweiflung getan haben: Als sich der Druck in der Familie ins Unerträgliche steigert, richtet sich der Blick auf Vanessa – wäre vieles leichter, wenn sie nicht mehr da wäre? Das glauben die Eltern – oder reden sich es ein, wie sie heute sagen. Der Vater packt Vanessas Sachen, bringt sie nach Bayern in ein Kinderheim zu ihrer Schwester. Zuhause ist Vanessa nun kein Thema mehr. Aber die Probleme in der Familie schwelen weiter.

„Kurzzeitschwester“, ein von den Saarland Medien gefördertes Projekt, ist in drei Teile à 25 Minuten gegliedert – der letzte Teil steht im Zeichen des Wiedersehens: Lippert macht Vanessas Adresse in Bayern ausfindig, nimmt vorsichtigen Kontakt auf; es kommt zu einem ersten Treffen – und zu einem Besuch im Saarland, mit dem „Kurzzeitschwester“ schließt. Die Floskel „Ende gut, alles gut“ ginge an der Wirklichkeit vorbei, zu viele Wunden wurden da geschlagen. Und doch hat der Film das bewirkt, was Lippert eben auch im Sinn hatte – das große Schweigen, das die Mutter einmal treffend „Familienkultur“ nennt, zu brechen. Dass „Kurzzeitschwester“ dennoch keine Nabelschau oder künstlerisch verbrämte Familientherapie ist, sondern ein sehr berührender, allgemeingültiger Film über fragile Familienstrukturen, macht ihn besonders sehenswert.

Der Film, eine Produktion des NDR, ist in der ARD-Mediathek zu sehen. 

„Naja, ich war halt Anfänger“ – ein Interview mit Dominik Graf

Dominik Graf Die Katze Der Fahnder Tatort Polizeiruf John Carpenter Harms

Regisseur Dominik Graf.                                                          Foto: dpa

1982 kamen Sie mit „Das zweite Gesicht“ nach Saarbrücken zu Ophüls. Wie war Ihr Eindruck vom Festival?

Das war, ähnlich wie Hof damals, ein aufstrebendes junges Festival abseits der Kino-Zentren, das sich aber vorrangig um die nachkommende Generation gekümmert hat. Junge Leute mit einem jungen Kino.

Dem „Zweiten Gesicht“ attestieren Sie in Ihrem Buch „Schläft ein Lied in allen Dingen“ eine „quälende Länge“ – ist das nicht etwas harsch?

Naja, ich war halt Anfänger und hatte nicht sehr viel Praxis. Die Filmhochschüler heute drehen viel mehr Filme, kleine Produktionen schnell nebenher an der Hochschule und kommen so mit mehr Erfahrung in ihren ersten Spielfilm hinein. Ich war komplett überfordert als Regisseur und Autor. Ich hatte den fabelhaften Kameramann Helge Weindler, der später für Doris Dörrie gedreht hat, was mich aber vor Probleme gestellt hat, denn Ich konnte einige Fragen, die er hatte, gar nicht beantworten. Ich habe angefangen mit Studentenfilmen, in denen ich immer nur Großaufnahmen von einem Gesicht gefilmt habe, weil ich mehr als einen Schauspieler im Bild beim Inszenieren gar nicht beurteilen konnte. Mein Glück war, dass man damals längere Zeit die Möglichkeit hatte, Mist zu bauen. Aber ich weiß noch, dass Regisseur und Filmjournalist Eckhart Schmidt mich ein paar Jahre und ein paar Filme weiter warnte: „So, jetzt muss es aber mal klappen.“ In der Zeit der Fernsehserien bei der Bavaria habe ich mir dann immerhin eine gewisse Professionalität und ein schnelles Urteil am Set bilden können.

Sie schreiben im Buch auch, dass Sie sich früh vorgenommen haben, „keine Handschrift haben“ zu wollen. Wie ist das gemeint?

Ja, das war gegen das Autorenkino gerichtet. Vor der Generation, zu der ich gehöre, standen Fassbinder und Wenders im Rampenlicht. Und bei deren Generation hatten wir immer das Gefühl, dass der unbedingte Willen zur eigenen Handschrift den Filmen manchmal ein bisschen schadete. Wir waren eher auf der Suche nach Genrefilmen, nach Erzählkino und einer Normalität, auch in der Schauspielerführung – was mir lange überhaupt nicht gelungen ist. Es gibt diesen schönen Satz von Jean Cocteau, dass man keine künstlerische Handschrift haben wollen darf – aber dass einem das dann auf keinen Fall gelingen sollte. Insofern kann es natürlich absurderweise auch sein, dass gerade in den Defiziten und Fehlern, die „Das zweite Gesicht“ hat, doch eine eigene Handschrift vorgeprägt ist.

Haben Sie früher mit einem gewissen Neid nach Frankreich geschaut, wo man ein Starsystem hat und keine Berührungsängste mit dem Genrefilm, anders als hier?

Allerdings. Gerade beim Genrefilm ist der Unterschied arg. Die Franzosen hatten in den 1990ern ja mal ein paar Jahre Pause beim Polizeifilm, aber seit den 2000ern kommt bis heute wieder ein fantastisches Ding nach dem anderen. Kleine, oft unglaublich rabiat gedrehte Gangster- und Polizeifilme fürs Kino. Uns fehlen auch die Stars, die ein Genrekino dringend braucht. Jemand wie Götz George etwa hat bei „Die Katze“ damals allein schon mal eine Million Zuschauer mobil gemacht.

Verhindert bei uns nicht aber der allgegenwärtige „Tatort“ im Fernsehen, dass auch Krimis fürs Kino produziert werden?

In gewissem Sinn schon. Ich drehe ja auch „ Polizeirufe“ und „Tatorte“, das sind für mich die billigeren,die einfach zu finanzierenden Thriller. Wenn man dieses Genre nochmal ins Kino übertragen will, dann muss man die Filme über ein gewisses ästhetisches Level heben, damit das Publikum weiß, dass hier etwas anderes läuft als das, was jeden Tag im Fernsehen zu sehen ist. Eine hohe Finanzierung von Genrekino ist aber bei uns schwierig, weil es kein Zutrauen gibt, das war schon bei „Die Katze“ so und bei „Die Sieger“ noch mehr. Seither habe ich mich dann nicht mehr wirklich darum bemüht. Es ist schwer zu sagen, wie sich heute ein Kino-Genrefilm unterscheiden müsste von einem Genrefilm im Fernsehen. Die Versuche, die andere Leute seit den 1990er unternommen haben, so spannend sie waren, haben nicht wirklich die Schallmauer der Anti-Genre-Haltung durchbrechen können. Sogar Til Schweiger mit seinem Kino-„Tatort“, seinem Actionfilm „Schutzengel“ und mit seinem so großen Publikumsreservoir hat es nicht wirklich geschafft – wenn auch mehr als alle anderen. Es ist halt so: Nur die Komödie läuft noch in Deutschland. Andererseits gibt mir aber auch das Fernsehen die Chance, auf hohem Niveau zu erzählen, wie zum Beispiel bei „Im Angesicht des Verbrechens“.

Liefe solch eine Reihe heute bei Netflix? Sind die Streamingdienste eine Chance gerade für junge Filmemacher?

Ich kann die Streaming-Plattformen nicht einschätzen. Was ich dort sehe, zeigt mir bei den deutschen Produkten bislang keine Richtung, die mich interessiert. Es wird zwar gerade wie verrückt produziert, nachdem die Deutschen nach nur 20 Jahren internationalem Serienhype gemerkt haben, dass Serien interessant sein könnten. Aber jetzt ist der Hype schon fast wieder vorbei – ich sehe die Serie an sich eher schon auf dem absteigenden Ast.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Filmkritik? Bei „Die Katze“ etwa wurde viel gemäkelt, das sei alles zu amerikanisch. Heute wird das ganz anders gesehen. Wie ernst nehmen Sie Filmkritik?

Das ist personenabhängig. Die Film- und vor allem die Fernsehkritik als Ganzes kann man zur Zeit nicht wirklich ernst nehmen, weil überwiegend filmisch ignorante Leute schreiben. Aber es gab immer und es gibt natürlich in Zeitungen und in sehr speziellen Internet-Blogs Leute, die einen mit ihren Kommentaren Kritiken zum Nachdenken bringen, auch wenn sie einem auf die Finger klopfen. Und wenn sie einen loben, hat es Hand und Fuß. Aber bei vielen Kritikern ist ja sogar das Lob blind, es werden inhaltliche Banalitäten belobigt. Das kann man nicht annehmen.

Sie sind seit 2012 in der Jury des Michael-Althen-Preises, der an den Filmjournalisten Michael Althen erinnert, mit dem Sie unter anderem den Filmessay „München – Geheimnisse einer Stadt“ gedreht haben. Da muss es doch bessere Texte geben?

Letztes Jahr gab es einen tollen Text von Oliver Nöding über Rolf Olsens Krimi „Blutiger Freitag“ von 1972, dem hätte ich so sehr einen Preis gegönnt . Das ist eine schöne Art von Schreiben über Film, temperamentvoll, leidenschaftlich, frech, modern, persönlich, mit viel Wissen über die Filmgeschichte, obwohl Nöding 30 Jahre jünger ist als ich. Das macht Hoffnung.

Sie haben viele Preise gewonnen – ist das nicht auch gefährlich? Zementieren Preise nicht das, was man tut, und hemmen die Experimentierlust?

Nein, man muss sich immer bewusst sein, dass Preise aufgrund der Jurybesetzungen häufig so gut wie nichts bedeuten – die Preis-Kriterien sind heute meistens themen- und nicht wirklich filmorientiert, und da muß man sich eher schämen wenn man was gewinnt.

Sie haben in Ihrer Zeit bei der Bavaria lange mit dem Produzenten Günter Rohrbach gearbeitet, der aus Neunkirchen stammt – wie ist Ihr Blick auf ihn heute?

Er ist eine ganz große Figur. Wir haben uns über die Jahre und ein halbes Dutzend Filme lang ja auch heftig aneinander gerieben, aber ich habe ihm viel zu verdanken, weil er mich aus dem Vorabendserien-Dasein zum Kinofilm gebracht hat. Der Vorschlag, dass ich „Die Katze“ machen sollte, kam von ihm. Er hat schwierige Finanzierungen zusammenbekommen, und wenn die zu knapp waren, hat er sich trotzdem getraut, den Film zu machen. Er wollte Publikumsfilme und hohe Qualität zusammenbringen, wie bei Petersens „Boot“, da war er bahnbrechend, nicht nur bei der Bavaria. Man hatte damals ja die Vorstellung und den Wunsch, dass kommerzielle Filme auch möglichst gut werden sollen. Ich stelle Günter Rohrbach ebenbürtig neben Bernd Eichinger – mindestens.

Ihr Polizeifilm „Die Sieger“ war 1994 für einen deutschen Film sehr teuer, hat dann kein Publikum gefunden, und die Kritiken waren auch schlecht. Wie weh tut das?

Das war ein Niederschlag, aber da müssen die meisten Regisseure im Laufe ihrer Karriere ja durch. Ich wollte in jeder Hinsicht hoch hinaus damit, da kriegt man – nicht immer zu Unrecht- was auf die Ohren. Und vielleicht war es auch überraschend, dass der Film quasi nur zum Schein ein Polizeifilm st, gleichzeitig eher ein Gespensterfilm über die schaurige „Hoch die Tassen“-Bundesrepublik der 1990er. Ich habe „Die Sieger“ immer sehr geliebt wie ein widerborstiges Kind, und ich halte vieles daran für gelungen – aber nicht alles. Auf der Berlinale läuft er jetzt in der „Classics“-Reihe nochmal in einem Director’s Cut, zwölf Minuten länger, mit unter anderem zwei grossen Szenen, die sehr wichtig, aber jetzt erstmals im Film zu sehen sind.

Vielleicht ein gewagter Spagat – aber mich hat die Rezeption an die von John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ erinnert: vernichtende Kritiken, ein Flop – und Carpenter war, anders als Sie, danach nicht mehr ganz derselbe.

Ich wusste nicht, dass die Kritiken damals so schlecht waren. Ich finde den Film fantastisch, das ist einer seiner allerbesten. Aber es ist oft so bei sehr guten, bei großen Regisseuren, dass die Filme, die den größten Erfolg hatten, gar nicht unbedingt ihre besten sondern eher die -für ihre Verhältnisse-mittelmäßigen waren. Und dass die untergegangenen, beschimpften Film auf Dauer die stärksten sind.

Sehen Sie das bei sich auch so?

Nein, das will ich auf mich nicht anwenden, weil ich mich eher in so einem cineastischen Mittelmaß verorte. Ich tue, was ich kann, und lerne immer noch dazu.

Vor 20 Jahren haben Sie mit Heiner Lauterbach den Film „Der Skorpion“ gedreht, für viele einer ihrer besten Arbeiten – werden Sie mal wieder zusammenarbeiten?

Wir hatten das geplant – eine sehr gute Kiez-Serie, die Nikolai Müllerschön geschrieben hat. Das wollten wir machen, aber im Moment ist die Finanzierungslinie etwas abgeschnitten.

Müllerschön hat mit Lauterbach den rauen Krimi „Harms“ gedreht – ist das eine Art Kino, von dem Sie sich wünschen, es gäbe mehr davon?

Natürlich, „Harms“ fand ich absolut herausragend. Ein Film, der plötzlich da war – im Grunde habe ich ihn nur auf DVD wahrgenommen, weil er so schnell aus dem Kino wieder verschwunden war. Furchtbar. Auch da haben sich leider einige Filmkritiker wenig mit Ruhm bekleckert, weil sie nicht gemerkt haben, was für eine Kraft und Melancholie in diesem schönen Film steckt. Es kann aber auch sein, dass das Schauen aufs Kino sich verändert hat. Dass bestimmte Qualitäten, die man in einem Film lesen könnte, sogar eher störend wirken. Das Publikum möchte den denkbar schlichtesten Flow. Niemand will sich mehr Mühe machen im Kino, das Leben ist schon zu schwierig. Und wenn ein Film dann auch noch maue Kritiken bekommt, dann hat er schnell gar keine Chance mehr.

Wie schauen Sie sich eigentlich Filme an? Vor allem im Kino?

Nein. Im Kino interessiert mich momentan wenig wirklich vital. Ich schaue DVD. Einen großen Beamer habe ich nicht, ich muss gestehen, dass ich manche Filme sogar am Laptop schaue. Als Student hatte ich einen winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher, auf dem habe ich Kavallerie-Western von John Ford gesehen – ich bin so nahe rangekrochen, bis das Monumental Valley wieder groß war.

Die Doku „Verbotene Filme“ über das Kino der Nazis

 

Jud Süß Veit Harlan Joseph Goebbels NS-Kino Kolberg Verbotene Filme

Eine Szene aus Veit Harlans „Jud Süß“ (1940), einem der  berüchtigsten Hetzfilme des NS-Kinos. Die Titelrolle spielte Ferdinand Marian. Foto: rbb/Blueprint Film

1200 Spielfilme sind zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gedreht worden, unter Leitung des NS-Regimes – von der Komödie bis zum antisemitischen Hetzfilm. Nach dem Krieg haben die Alliierten 300 Filme verboten, heute sind noch knapp 40 Filme so genannte „Vorbehaltsfilme“: Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, der die Rechte an den meisten der Filme gehören, gibt Werke wie „Jud Süß“ und „Kolberg“ nur für Veranstaltungen mit wissenschaftlicher Begleitung frei – oder, wie heute Abend,  für eine TV-Ausstrahlung mit besonderer Einführung. Was würde geschehen, wenn man die Filme einfach freigäbe? Wirkt die Propaganda heute noch? Oder ist der „Vorbehalt“ eine Art Zensur? Der Regisseur und Historiker Felix Moeller geht diesen Fragen in seiner Dokumentation „Verbotene Filme“ (2014) nach, die jetzt bei Arte zu sehen war. Das Interview fand anlässlich des Kinostarts der Doku statt.

 

Herr Moeller, Ihr Film enthält sich einer klaren These, ob man die „Vorbehaltsfilme“ freigeben sollte oder nicht – warum?

Ich wollte das jedem Zuschauer selbst überlassen. Am Ende des Films sagt ja der Historiker Götz Aly, dass man alles freigeben sollte. Das ist nicht ganz meine Meinung, ich sehe es etwas differenzierter, aber ich finde seinen Anstoß gut, auch wenn das Thema sehr komplex ist.

Sie haben für Ihre Dokumentation einige wissenschaftlich-pädagogische Vorstellungen der ansonsten nicht zugänglichen Filme in Deutschland und im Ausland besucht. Waren Sie überrascht über die Reaktionen?

Durchaus. Viele Zuschauer haben gesagt, dass ihnen zum ersten Mal klar wurde, welcher Propaganda ihre Vorfahren ausgesetzt waren – auch wenn das die Taten nicht in milderem Licht erscheinen lässt.

In Tel Aviv sagt ein Zuschauer, die Deutschen wären viel zu ängstlich und sollten die Filme einfach freigeben. Hat Sie das überrascht?Ja, aber die Israelis im eigenen Land sind selbstbewusster als etwa jüdische Gemeinden in Europa oder in der sogenannten Diaspora. In Paris waren einige jüdische Mitbürger in den Vorstellungen deutlich zurückhaltender und auch ängstlicher – dort hatte es gerade wieder antisemitische Vorfälle gegeben.

Was würde passieren, wenn ein Film wie „Jud Süß“ allgemein freigegeben würde?

Neonazis könnten ein Kino mieten, den Film dort sehen und laut Beifall klatschen. Andererseits wären diese Filme als historische Quellen leichter zugänglich, man würde das Tabu und den Mythos damit aufheben. Ich wäre aber dagegen, einen Film wie „Jud Süß“ oder auch „Heimkehr“ mit seiner perfiden antipolnischen Hetze an den Anfang einer Freigabe zu stellen. „Heimkehr“ hat einen privaten Lizenzinhaber, der versucht hat, den Film auszuwerten und ihn deshalb der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt. Die FSK hat ihn aber zurückgewiesen.

Ist die Grundfrage, die Vorbehaltsfilme öffentlich zugänglich zu machen, nicht rein theoretisch? Man findet sie im Internet, „Der ewige Jude“ zum Beispiel ganz leicht bei Youtube.

Ja und nein. Die Kopien im Internet sind qualitativ unglaublich schlecht und können ihre Wirkung kaum entfalten, vieles ist nicht zu erkennen. Die Murnau-Stiftung und Youtube diskutieren darüber, wie man die Filme entfernen kann. Eine neue Scan-Software soll das besser leisten können. Insofern tut sich schon etwas.

Gibt es öffentlich zugängliche NS-Filme, bei denen Sie sich wundern, dass sie nicht unter Vorbehalt stehen?

Sicher – bei einem Propagandafilm wie „Wunschkonzert“ fragt man sich schon, wieso der frei ist, wenn auch ab 18. Es gibt auch Unterhaltungsfilme mit Heinz Rühmann, die frei ab sechs oder zwölf sind, „Quax, der Bruchpilot“ oder „Die Umwege des schönen Karl“: Dieser Film zeichnet ein extrem düsteres Bild der Weimarer Republik mit Inflation und Verbrechen – genau in der Nazi-Lesart. Die Murnau-Stiftung müsste die Kriterien dringend überarbeiten, ihre letzte Beratungsrunde in dieser Sache liegt 20 Jahre zurück.

Nach dem Krieg wurden aus manchen NS-Filmen Hakenkreuze und Hitler-Bilder herausgeschnitten, so dass sie regulär laufen konnten – sind das „entnazifizierte“ Nazifilme?

Das wurde sogar bis in die 80er Jahre praktiziert, um die Filme wieder auswerten zu können. Aber das Entfernen der äußeren Symbole wäscht ja die Ideologie nicht heraus. Allerdings ist diese Praxis ein interessantes Symbol dafür, wie man in der Nachkriegszeit mit der NS-Vergangenheit umgegangen ist.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem NS-Kino, haben auch eine Doku über die Familie des „Jud Süß“-Regisseurs Veit Harlan gedreht. Hat dieses Kapitel des deutschen Kinos für Sie eine dunkle Faszination?

Nein, ich glaube nicht, dass ich da einer Faszination erliege. Aber es ist interessant, zu sehen, wie diese Filme gemacht sind, wie sie funktionieren. Diese Seite der deutschen Filmgeschichte wird vernachlässigt, es gibt zu wenig Wissen darüber. Aber diese Filme sind ein kulturelles Erbe, wenn auch ein negatives.

„Verbotene Filme“ ist auf DVD bei Salzgeber erschienen, die gekürzte TV-Version ist in der Mediathek von Arte zu sehen:

https://www.arte.tv/de/videos/046356-000-A/verbotene-filme/

 

Jud Süß Veit Harlan Joseph Goebbels NS-Kino Kolberg Verbotene Filme

Filmkopien im Bundesfilmarchiv in Hoppegarten bei Berlin: unter ihnen auch die Propagandafilme des Dritten Reichs. Foto: rbb/Blueprint Film

„For the love of Spock“ von Adam Nimoy

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Zu Besuch bei den Dreharbeiten zu „Raumschiff Enterprise“: Adam Nimoy und sein Vater Leonard. Fotos: Studio Hamburg

Ob er es nun wollte oder nicht – der Logiker mit den spitzen Ohren, der scheinbar eisige Mann, der mit seinen Gefühlen ringt,  war die Rolle seines Lebens. Leonard Nimoy (1931-2015) spielte Mr. Spock, halb Mensch, halb Außerirdischer, in den 60ern in der Serie „Raumschiff Enterprise“, so hieß „Star Trek“ damals bei uns, als die Serie erstmals im ZDF lief;  dann sprach er Spock in den 1970ern in einer Zeichentrickserie, war danach in den „Star Trek“-Kinofilmen zu sehen, von denen er zwei auch inszenierte.  Auch in der Neuauflage der Reihe war er zu sehen, zuletzt noch 2013 in „Star Trek: Into Darkness“ – als alter, weiser Spock und als würdiger Ruhepunkt in der Action-Hektik, die mit den alten „Star Trek“-Filmen wenig zu tun hat. Da hatte Nimoy, der seine erste Autobiografie trotzig „I am not Spock“ nannte (und später „I am Spock“ versöhnlicher nachlegte), schon längst seinen Frieden gemacht mit der Rolle, die alle seine anderen überschattete.

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Fast ganz der Papa: Adam Nimoy bei einer Convention.

Wie geht man damit um, durch eine Rolle ein Teil der Populär-Kultur zu werden? Und warum ist die Figur des Spock weltweit derart populär geworden? Diese Fragen stellt sich die Dokumentation „For the love of Spock“und beantwortet sie sehr persönlich – kein Wunder, ist der Regisseur doch Nimoys Sohn Adam. Der plante 2014 in Zusammenarbeit mit dem Vater einen Film über die Figur Spock; angesichts des Todes Leonard Nimoys ein Jahr später verband der Sohn das Porträt Spocks zugleich mit einem Blick auf den Vater und die eigene, nicht immer einfache Familiengeschichte. Das hätte eine gefühlige Nabelschau werden können; aber abgesehen von den letzten Minuten, in denen die jungen Kollegen der neuen „Star Trek“-Reihe etwas zu geflissentlich Leonard Nimoys Heiligenschein polieren, ist „For the love of Spock“ ein munteres, persönliches, aber nicht zu intimes Porträt.

Gerangel mit William Shatner

Alte Familienaufnahmen sind zu sehen, Interviewausschnitte mit Nimoy aus verschiedenen Dekaden und kurze, für den Film aktuell geführte Gespräche mit den Kollegen von einst: George Takei etwa, der in der Serie den Astronauten Sulu spielte, und Walter Koenig, der den Russen Chekov mimte, damals mit Beatles-artiger Frisur (war es eine Perücke?), heute glatzköpfig. Mit dabei ist auch, natürlich, William Shatner. Er spielte Captain Kirk, war als Star der Serie gesetzt und musste dann erleben, dass die Figur Spock zur beliebtesten wurde. Shatners Beziehung zu Nimoy war über die Jahrzehnte nicht einfach. Doch Konkurrenzgerangel, Intrigen und Alpha-Tiergehabe werden hier nur kurz angedeutet, in den späten Jahren sind sich die Männer wohl mit einer gewissen Altersmilde begegnet. Ein schöner Ausschnitt zeigt Nimoy bei einer der populären „Star Trek“-Conventions, wie er eine frühe Rezension zur Serie aus der Branchenbibel „Variety“ mit Wonne vorliest: „Shatner spielt hölzern“. Dass die Serie nicht vom Start weg zum Phänomen wurde, zeigt auch ein kurzes Interview mit Barry Newman, dem Darsteller der 70er-Serie „Petrocelli“: Er riet seinem Kollegen und Freund Nimoy damals, die Gummi-Ohren schleunigst abzunehmen und den Dienst zu quittieren: „Leonard, steig aus – das hat doch keine Zukunft!“

Adam Nimoy Leonard Nimoy William Shatner

William Shatner, der den Captain Kirk spielte.

Der Film zeichnet das Bild eines Schauspielers, der sich in seinem künstlerischen Traumberuf (den ihm seine Eltern ausreden wollten),  jahrelang tummelt, ohne nennenswerten Erfolg zu haben. Den bringt erst, mit 35,  die Figur des Spock, eines Mannes, der  etwas anders ist als die anderen, der etwas abseits steht – und wer könnte sich damit nicht identifizieren? Das Seriendebüt sieht sich die Familie Nimoy bei Nachbarn an, denn die haben, anders als die Nimoys, einen Farbfernseher. Drei Jahre läuft die Reihe, bevor sie abgesetzt wird. Nimoy, der aus finanziell überschaubaren Verhältnissen kommt, treibt auch während dieser drei Jahre die Angst vor späterer Armut um. „Ich nahm damals jeden Job an, der Geld brachte“, sagt er – um das zu illustrieren, zeigt die Doku Ausschnitte aus seiner legendär bizarren Pop-Plattenaufnahme „Bilbo Baggins“, witzig montiert in eine „Enterprise“-Szene. (Privat hört Nimoy, erzählt sein Sohn,  damals lieber Yves Montand und Charles Aznavour.)

Das Arbeitspensum während „Enterprise“  hat Folgen für die Familie: Während der Woche ist er kaum zuhause, sagen Sohn und Tochter heute, und wenn, dann trägt er die gefühlsunterdrückte Rolle Spocks mit sich herum. „Er war sehr in seiner eigenen Welt, sagt die Tochter heute. Das klingt nicht nach einem vor Liebe überfließenden Familienleben. Ein altes Presseporträt zeigt die Nimoys, die mit kollektiv versteinerten Gesichtern posiert. Nach „Star Trek“ steigt Nimoy bei „Kobra, übernehmen Sie!“ („Mission: Impossible“)  ein, dort nach drei Jahren wieder aus, spielt mehr Theater – aber die ganz großen Rollen im Fernsehen oder Kino findet er nicht. Bis er 1979 Spock im ersten (und schwächsten) „Star Trek“-Film spielt und danach die Teile 3 und 4 auch inszeniert. Dass er das durchsetzen kann, liegt an der zentralen Rolle Spocks. Ein „Star Trek“-Film ohne Spock? Keine gute Idee. Das wissen Nimoy und das Studio Paramount, das Nimoy zwischnezeitlich verklagt hat, weil er sich bei den Werbe-Einkünften durch die Figur Spock (etwa auf Cornflakes-Packungen) über den sprichwörtlichen Tisch gezogen fühlt. Man einigt sich schließlich, Paramount bracht Nimoy mehr als umgekehrt.

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Nicht zuletzt ist „For the love of Spock“ auch eine Vater-Sohn-Geschichte: Nimoy ist jahrelang wenig zuhause und fehlt den Kindern; als die Karriere in den 1970ern bis zum „Star Trek“-Comeback stagniert, „hängt er zuhause rum“, wie es der Sohn sagt. Noch schwieriger werden die 80er: Nimoys Ehe zerbricht nach 32 Jahren, er trinkt, was erklären könnte, dass seine erfolgreich begonnene Regie-Karriere unvermittelt endet – auch der Sohn nimmt Drogen. Der schwierige Kontakt bricht irgendwann ganz ab – bis man sich in Nimoys letzten Jahren wieder sehr nahe kommt. Ein Happy End, dass man den beiden gönnt.

Eine liebevolle Doku, auch formal: Die Titel laufen in derselben Schriftart ab wie in der alten „Enterprise“-Serie. Und gleich zweimal ist Spocks Todesszene aus „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ zu sehen, die mit dem großen Selbstopfer und der letzten Freundschafts/Liebeserklärung an Kirk unweigerlich ans Herz geht.

Wer sich über den enorm langen Abspann wundert: Die Doku hat sich über Crowdfunding finanziert und dankt allen Unterstützern durch Namensnennung.

 

Auf DVD und Blu-ray erschienen bei Studio Hamburg.
91 Minuten, Original mit Untertiteln.

Die Doku „Dark Glamour“ über die Geschichte von Hammer Films. Sonntag bei Arte.

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Christopher Lee 1957 in „Frankensteins Fluch“. Foto: Hammer Films

 

 

Vampirzähne in Nahaufnahme, wogende Busen in engen Korsetten – und Blut, das so rot leuchtet wie frisch gekochte Erdbeermarmelade. Das waren die Insignien der britischen Produktionsfirma Hammer, die vor allem in den 1950ern und -60ern eine Marke für sich waren: Mit ihren Schauermärchen, so liebevoll ausgestattet wie mit drastischen Effekten garniert, waren sie eine Zeitlang ein großer Fisch im filmischen Karpfenteich, amerikanische Verleihe nahmen die Hammer-Filme nur zu gern in ihr Programm.

Die schön betitelte Dokumentation „Dark Glamour“ von Jerome Korkikian zeichnet die Geschichte der Firma nun nach: flott montiert, bunt mit Filmausschnitten illustriert und mit interessanten Gesprächspartnern (wenn auch mit meist sehr kurzen Statements).  Mit der Krönung von Elisabeth II. 1953 beginnt es, die britische Nation sitzt kollektiv vor dem Fernseher, der sich als neues Massenmedium durchzusetzen beginnt. Die Kinos, Studios und Produktionsfirmen schauen in die Röhre. Unter ihnen eine kleine Firma namens Hammer, die sich seit den 30er Jahren auf dem Markt behauptet. Doch die Geschäfte laufen immer schlechter, und so setzt die Firma ihre letzte Hoffnung 1955 auf einen kleinen Gruselfilm in Schwarzweiß: „Schock“ („The Quatermass Experiment“), der von einem Astronauten erzählt, der aus dem All zurückkehrt und sich zu etwas verwandelt, das man durchaus als „shocking“ bezeichnen kann.

Cushing und Lee bringen Klasse und Würde

Der Film füllt mehr oder weniger überraschend die Kinos, Hammer gibt sich ganz dem Grusel hin und holt klassische Figuren des „Gothic Horror“ aus der Gruft:  Dracula und seinen Gegenspieler Van Helsing, außerdem den chirurgisch hochbegabten, wenn auch ethisch unterentwickelten Baron Frankenstein und die Kreatur, die er aus Leichenteilen zusammenschraubt und -näht. Diese Paare werden gespielt von Peter Cushing und Christopher Lee, den prägenden Darstellern Hammers. Sie geben den Filmen viel Würde und Klasse, die ansonsten wenig zimperlich sind in Sachen Blut  und Erotik. „Das Studio ignorierte den guten Geschmack“, heißt es in der Doku. Filmhistoriker und Hammer-Kenner Marcus Hearn fasst den Aufschwung der Firma so zusammen: Mit „Schock“ kam der Horror, mit „Frankenstein“ die Farbe, mit „Dracula“ die schwüle Erotik. Für Regisseur John Carpenter, der die Hammer-Filme liebt und „Die Mumie“ als ihren optisch schönsten schätzt,  kam als Amerikaner noch eine britische Komponente hinzu: „Mit englischem Akzent klang das Ganze viel seriöser und ernster.“

 

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Christopher Lee 1958 im Meisterstück „Dracula“. Foto: Hammer Films

 

Eine Zeitlang geht alles gut: Die Firma arbeitet in den familiären Bray-Studios vor sich hin, in liebevollen, auf alt getrimmten Bauten, bis ausgerechnet ein Engländer in Amerika den Horrorfilm revolutioniert: Alfred Hitchcock mit „Psycho“. Die Angst lauert jetzt in der Gegenwart (und in der Dusche). Hammers Schauermärchen wirken auf einmal etwas altmodisch – die Firma steuert mit ein paar in der Gegenwart spielenden Psychothrillern gegen, aber das ist nicht ganz ihr Terrain. Auch mit der Steinzeit versuchen sie es. „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ konfrontiert knapp bekleidete Urzeitmenschen mit Stop-Motion-Riesenechsen. Carpenter ist heute noch begeistert: „Raquel Welch im Bikini und dazu Plastikdinosaurier – was wollen Sie denn sonst noch?“

 

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Raquel Welch 1966 in „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“. Foto: Hammer Films

Von der Produktion „Captain Kronos – Vampirjäger“ erhofft man sich den Auftakt einer ganzen Reihe, wie Hauptdarsteller Horst Janson („Der Bastian“) erzählt, aber dazu kommt es nicht, der Film kommt zu schlecht an. Auch die Kreuzung von Blutsaugerei und dem gerade erfolgreichen Karate-Kino in „Die sieben goldenen Vampire“ bleibt ohne Nachhall. Der größte Nagel aber wird 1973 in Hammers Sarg geklopft: „Der Exorzist“ schockiert mit Tabubrüchen, wird ein enormer Hit – und ist eine Produktion des US-Studios Warner Brothers, das bisher die Hammer-Filme mitfinanzierte. Jetzt weiß Warner selbst, wie es geht und dreht den in Richtung Britannien führenden Geldhahn ab. Oder wie Carpenter es sagt: „Hammer waren bei vielem die Ersten. Und dann hörten sie irgendwann auf, die Ersten zu sein.“ Das Studio müht sich noch ein paar Jahre ab, 1979 entsteht der letzte Film. 2007 aber exhumieren neue Investoren die Idee, kaufen die Marke (und das lukrative Filmarchiv); auch einige Filme wie „The Woman in Black“ entstehen, die weniger auf Schocks setzen denn auf guten alten Schauer.

Der Doku „Dark Glamour“, so vergnüglich sie auch ist,  hätte man gerne mehr Laufzeit gewünscht als seine schnell vergänglichen 55 Minuten. Wenn schon Regisseure wie Dario Argento, Darstellerin Caroline Munro und der stets trockenhumorig unterhaltsame John Carpenter dabei sind, will man etwas mehr von ihnen hören; auch von Horst Janson hätte man gerne mehr erfahren – nicht zuletzt, wie er als deutscher Darsteller überhaupt zum Star einer Hammer-Produktion wurde. Immerhin: Man wird Zeuge, wie gut Christopher Lee in einer gallischen TV-Sendung Französisch spricht.

Der Neuanfang der Marke Hammer wird am Ende zwar erwähnt und mit ein paar Filmausschnitten bebildert, aber da hätte man gerne mehr erfahren. Eine Fortsetzung des Themas oder auch eine 90-Minuten-Fassung auf DVD wäre sehr willkommen.

Sonntag, 6.8., 21.55 Uhr, Arte. Danach auch in der Mediathek.

http://www.hammerfilms.com/

http://www.arte.tv/de/videos/073074-000-A/dark-glamour

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ von Sung-Hyung Cho

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Regisseurin Sung-Hyung Cho mit Soldaten auf dem heiligen Berg Baekdu. Foto HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

„Ich habe den Film so gedreht, wie ich wollte“

Die Filmemacherin Sung-Hyung Cho aus Südkorea hat einen Film über die abgeschotteten Nachbarn gedreht. „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ entstand unter Aufsicht des nordkoreanischen Regimes. Ein Gespräch mit Cho über Dreharbeiten mit Aufpassern und das Lesen zwischen den Zeilen.

Enttäuscht sei sie, sagt Sung-Hyung Cho. Auf „einen Siegeszug“ bei den großen Dokumentarfilm-Festivals hatte sie gehofft, doch die zeigten andere Filme über Nordkorea, die Cho als plakativer empfand – für sie der mögliche Grund, dass der neue Film der Ophüls-Gewinnerin 2007 („Full Metal Village“) und Saarbrücker Professorin an der Kunsthochschule, in Berlin oder Amsterdam außen vor blieb. „Korea ist ein hochkomplexes Thema“, sagt die 51-Jährige aus Südkorea, die seit 28 Jahren in Deutschland lebt, „aber die Leute wollen am Liebsten schlichte Thesen“.

Ihren Film „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ will sie als „nicht politisch“ verstanden wissen – ihr ging es nicht um die Rolle der Führung, sondern um den ganz banalen Alltag im Land des Nordens, das ihr in der Schule des Südens als Hort von „Menschen mit roten Haaren und Hörnern“ beschrieben wurde, „kein Witz“. Dementsprechend habe sie bei der ersten Einreise – nur möglich durchs Chos deutschen Pass – „Angst und Paranoia gehabt“.

Beides hielt nicht lange vor, und Cho entwickelte die Idee eines Films über den Norden ohne Vorverurteilung. Eine erste Idee „über die Liebe des Volkes zu ihrem Führer“ empfand das Regime als „zu politisch“, ließ sich aber nach vielen Diskussionen auf das Konzept ein, dass Cho den nordkoreanischen Alltag filmt – wenig überraschend unter Aufsicht. „Mein Fahrer war ein Spitzel, dazu kam eine Dolmetscherin und der Leiter der staatlichen Pressestelle.“ Das Überraschende: Bei den Gesprächen mit den Nordkoreanern – einige waren vom Regime vorgeschlagen, viele hat sich Cho spontan gesucht – blieben die Aufpasser vor der Tür. „Ich überzeugte sie, dass die Menschen dann lockerer sind – und das sei besser fürs Vaterland.  Ein Satz, der als Argument immer funktionierte.“

Es geht nicht ums Bloßstellen

Die Rückversicherung des Regimes: Das gefilmte Material wurde ständig begutachtet, und es gab eine Liste der Tabus: etwa verwackelte Bilder beim Zeigen von Gemälden oder Wachsfiguren (!) der politischen Führung. Propagandaplakate mussten in der Bildmitte platziert und durften nicht abgeschnitten werden. Die Ironie in einer Szene, in dem ein Plakat „koreanische Geschwindigkeit“ preist, während eine Kuh gemächlich vorbeistapft, ist den Prüfern dabei wohl entgangen. Aber Cho ging es nicht ums Bloßstellen, auch nicht um Bilder mit versteckter Kamera oder einen nachträglichen Kommentar. „Mein Ziel ist es, dem Süden zu zeigen, dass im Norden keine Monster leben.“ Dafür hat sie die Auflagen des Regimes in Kauf genommen und betont: „Ich habe den Film genau so gedreht, wie ich es wollte.“

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.


Regisseurin Sung-Hyung Cho auf Feld des Musterkollektivs Sariwon. Foto:: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

Der Zuschauer muss dabei zwischen den Zeilen lesen, Worte wie „Atomwaffen“ oder „Menschenrechte“ fallen nicht – stattdessen begegnet man einem breit grinsend lügenden Landwirtschafts-Pressesprecher, der über grandiose Ernten jubelt (Hungersnöten zum Trotz); einer Näherin in einer „Patriotischen Textilfabrik“, die von kleinen Fluchten träumt; einem Landwirt in einer Mustersiedlung, die so ärmlich ist, dass man sich eine „Nicht-Mustersiedlung“ eindringlich vorstellen kann – so stellen sich die Erkenntnisse in diesem berührenden Film sozusagen über Bande ein, über Atmosphäre, Zwischentöne und Mitdenken.

Es fällt auf, wie oft und sehnsüchtig die Menschen im Film von der Wiedervereinigung sprechen. „Nordkorea sieht das sehr positiv“, sagt Cho, „wie das funktionieren soll, ist dann wieder eine andere Sache.“ Im Süden sei das anders. „Die Kriegsgeneration dort, die sehr gelitten hat, ist sehr antikommunistisch eingestellt. Schlimm ist, dass die junge Generation im Süden keinerlei Interesse an einer Wiedervereinigung hat.“ Ihr Film, so hofft Cho, soll zeigen, dass „die Menschen im Land sich nicht isolieren wollen“. Dieses Signal werde von der Weltpolitik und der Presse aber ignoriert. Der Norden sei eben ein willkommen einfaches Feindbild für den Rest der Welt. „Dabei sind sich Norden und Süden viel ähnlicher, als der Süden das wahrhaben will.“

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Die Näherin Ri Gum Hyang. Foto: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

 

 

Die Doku „Akrobaten unter freiem Himmel“ beim Festival Perspectives

Akrobaten unter freiem Himmel Yoann Bourgeois

Yoann Bourgeois bei einem seiner kunstvollen Treppenstürze. Foto: Program33

Ein Mann taumelt auf einer Treppe, stürzt hinab und aus unserem Blickfeld – einen Augenblick später schwebt er traumwandlerisch wieder nach oben, die Füße finden die Stufen, er geht weiter – um gleich wieder zu fallen. Das sind die ersten, aber nicht die einzigen atemberaubenden Bilder aus der Dokumentation „Akrobaten unter freiem Himmel“ von Netty Radvanyi und Nicos Argillet. Der knapp einstündige Film porträtiert vor allem französische Artisten des zeitgenössischen Zirkus – der Treppenstürzer ist Yoann Bourgeois.

Am Montagabend erlebte die Arte-Produktion im Saarbrücker Kino Achteinhalb ihre Premiere – im Rahmen des Festivals Perspectives. Deren Leiterin Sylvie Hamard freut sich über die erste Kooperation mit dem deutsch-französischen Sender, „seit Jahren waren wir im Gespräch, der Film hat jetzt optimal gepasst“. Denn in der Dokumentation (mit einem leider etwas langweiligen Titel) sind einige Künstler zu sehen, die man vom Festival kennt – etwa Camille Boitel, Yoann Bourgeois und auch Alexandre Fray, der gerade mit seiner Compagnie „Un loup pour l’homme“ und der Performance „Rare Birds“ beim Festival zu sehen war – er war bei der Vorstellung dabei, ebenso wie die Regisseurin Radvanyi, die diesen Künstlern „eine Stimme geben“ will, denn „sonst reden die ja weniger“.

Im Film, der sich in Kapitel wie „Schwerkraft“, „Balance“, „Zeit“ und „Zufall“ gliedert, erscheint Fray unter dem Motto „Anziehung“; man sieht ihn mit seinen Kollegen bei Bewegungen und Formationen, die der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen scheinen und wirken, als gebe es zwischen den Körpern ein blindes Verständnis. Was aber täuscht – hier ist alles Kommunikation, und die ist laut Fray einfach harte Arbeit: „Wenn man stürzt, hat die Kommunikation versagt.“ Tatiana-Mosio Bongonga balanciert 40 Meter über dem Boden des nächtlichen Caen über ein Stahlseil („Der Straßenverkehr ist vielleicht gefährlicher als das“, sagt sie), der Jongleur Jörg Müller sieht als Grundlage seiner Kunst „das Verstehen der Objekte“. Und der gewitzte Performance-Künstler Camille Boitel liefert sich gerne dem Zufall aus, etwa wenn er auf einem Tischchen steht, das unter seinen Hammerschlägen immer wackeliger wird.

Optisch kunstvoll ist der Film, mit manchmal magischen Bildern in der Natur im Sonnen- und Gegenlicht, mit Zeitlupen-Aufnahmen, die die urwüchsige Schönheit der Bewegungen betonen – eine Liebeserklärung an die neue Zirkus-Kunst.

Termin: 23. Juli, 17:30 Uhr, Arte.

Akrobaten unter freiem Himmel

Bei der Vorstellung des Films im Kino Achteinhalb (v.l.): Akrobat Alexandre Fray, Regisseurin Netty Radvanyi, Festivalleiterin Sylvie Hamard und Waldemar Spallek vom Achteinhalb. Foto: tok

Der Saarland-Krimi „Mord am Engelsgraben“ – am 9. Juni bei Arte

Saarland-Krimi In Wahrheit - Mord im Engelsgraben Das Ermittlerteam Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) bei der Arbeit - im Ford-Hochhaus in Saarlouis. ZDF/Manuela Meyer

Das Ermittlerteam Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) bei der Arbeit – im Ford-Hochhaus in Saarlouis. Foto: ZDF/Manuela Meyer

Des Saarländers Herz pocht schon nach 39 Sekunden Film in freudiger Erregung: Da schwebt die Kamera himmelwärts, und wir sehen sie in all ihrer Pracht – die Saarschleife. Dort saßen einst nicht nur Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder in innigster Parteifreundschaft vor TV-Kameras, sondern auch die SR-„Tatort“-Kommissare Kappl und Deininger, bevor sie „auserzählt“ waren, sprich ausgezählt.

Die ermittelten damals in der ARD, diesmal ist das ZDF am Zug. Das „Zweite“ zeige zu wenig vom Saarland, das hatte unter anderem die Saarländische Medienanstalt (LMS) kritisiert, die nun erhört wurde: Im vergangenen Herbst entstand an der Saar im Auftrag des ZDF der Krimi „In Wahrheit – Mord am Engelsgraben“. Am 9. Juni erlebt er bei Arte seine TV-Premiere, bevor er im Herbst im ZDF läuft; am Dienstag wurde der Film schon mal vorgestellt, von der Landesmedienanstalt und dem Regionalverband Saarbrücken. Saarländische Polit-Prominenz war ebenso zugegen wie Mitglieder des Filmteams, darunter Darsteller Rudolf Kowalski – die malade Hauptdarstellerin Christina Hecke schickte eine Videobotschaft vom Krankenhausbett. LMS-Geschäftsführer Uwe Conradt sprach von einem „ganz besonderen Tag“, denn große TV-Produktionen seien seit langem nicht mehr an der Saar entstanden. Und so hätten die LMS und die Saar-Politik, nicht zuletzt Reinhard Klimmt (SPD) und Peter Jacoby (CDU) im ZDF-Fernsehrat, ein „dickes Brett bohren müssen“, um das ZDF zu einer Produktion hier zu überzeugen. Auch Finanz- und Europaminister Stephan Toscani (CDU) sieht in dem TV-Film eine „Riesenbedeutung“ und hofft, dass die Vorteile der klassisch saarländischen „kurzen Wege“ sich bei anderen Produktionen herumsprechen. Das ZDF jedenfalls scheint sehr angetan – denn „Mord am Engelsgraben“ wird fortgesetzt, im September sollen die Dreharbeiten beginnen.

Saarland-Krimi Anna Loos Christian Berkel

Ermittlerin Mohn (Christina Hecke, Mi.) wird  in die Eheprobleme von Heike Kupka (Anna Loos) und ihrem Mann Erich (Christian Berkel) verstrickt.
© ZDF/Manuela Meyer

Ort der Vorpremiere am Dienstag war nicht zufällig das Saarbrücker Schloss, spielt es im Film doch auch eine Rolle – die des Saarbrücker Polizeipräsidiums. Von dort aus versucht die Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) den Mord an einer Prostituierten aufzuklären, die man an der Saarschleife gefunden hat. Mohn und ihr Assistent Freddy Breyer (Robin Sondermann) ermitteln erst einmal am Autobahnrastplatz-Straßenstrich, kommen aber nicht weiter, bis der Fall eine Wendung nimmt: Gibt es eine Verbindung zu einem Mädchen, das vor zehn Jahren in der Gegend verschwand und bis heute nicht gefunden wurde? Als Krimi ist der prominent besetzte Film (Anna Loos und Christian Berkel als sich fremd gewordenes Ehepaar) eher routiniert als raffiniert. Die Darsteller müssen viele Ermittlungsfakten aufsagen und sehr oft mit dem Auto vorfahren (BMW wird im Abspann für „Produktionsunterstützung“ gedankt) – das ist formal recht bieder. Und die Einblicke ins Privatleben der Ermittler sind so kurz wie plakativ: Der Partner der Kommissarin ist des Wartens auf die lang arbeitende Polizistin müde (und offenbar durch Arbeitslosigkeit angeschlagen): Mit dem markigen Satz „Ich bin nicht Dein Hausmann“ versenkt er einen kalt gewordenen Coq au vin im Müll.

Wie aber wird das Saarland präsentiert? Es wirkt wie die grüne Lunge Restdeutschlands: ländlich, ruhig, gediegen, das Land von seiner schönsten Seite. Regisseur, Ko-Autor und Kameramann Miguel Alexandre lässt den Blick gerne von oben schweifen, ob auf Ottweiler oder die Saar an der Mettlacher Schleuse. Manche Schauplätze setzen sich aus mehreren Orten zusammen – ein Polizist betritt den Innenhof der Stadtgalerie und ist, Schwupps, im Saarbrücker Schloss (alias Polizeidienststelle). Ein reizvolles Quiz für Ortskenner.

Saarländischen Sprachklang hört man nicht, es bleibt hochdeutsch. Immerhin erlaubt sich die Kommissarin mit einem „Ça va?“ einen gallischen Sprachschlenker; aber die Nähe zu Frankreich wird nicht strapaziert, anders als bei antiken SR-„Tatorten“, als man regelmäßig die „Kollegen in Metz“ anrufen musste. Auch wenn „Mord am Engelsgraben“ seine Schwächen hat – die Figuren haben Potenzial. Gut, dass man sie wiedersehen wird.

Sendetermin: Freitag, 9. Juni, 20.15 Uhr, bei Arte, im Herbst im ZDF.

 

DIE DREHORTE:

Pingusson-Bau, Stadtgalerie, Saarbrücker Schloss, Saar-Uni, ein Schiff der Personenschiffahrt Saarbrücken, das Ford-Hochhaus Saarlouis, Schleuse Mettlach, die Ottweiler Innenstadt, Erlebnisbergwerk Velsen, Goldene Bremm. Innendrehorte: Wallerfangen-Bredersdorf, Illingen-Hirtzweiler.

 

Ben Hopkins über seinen Film „Welcome to Karastan“ – 18. Mai bei arte

Ben Hopkins Matthew Macfadyen

Regisseur Emil Forester (Matthew Macfadyen) ist in einer fremden Welt gelandet. Foto: ZDF/Brainstorm

 „Welcome to Karastan“ erzählt von einem Regisseur in der Krise, der ein verlockendes Angebot erhält: Er soll das kernige National-Opus einer jungen Kaukasus-Republik drehen – und stolpert dabei mitten hinein in Bürgerkriegswirren. Ein kurzes  Gespräch mit dem Briten Ben Hopkins, der die Komödie geschrieben und inszeniert hat.

 

Es kriselt beim Künstler: Die Muse hat den Regisseur Emil Forester schon lange nicht mehr geküsst (seine große Liebe und Ex-Frau auch nicht), und der Oscar im Regal hilft auch nicht weiter – zumal nur ein Kurzfilm-Oscar. Wie gut, dass ein Anruf den Filmemacher von der Untätigkeit erlöst: Die junge Kaukasus-Republik Karastan lädt ihn zu seinem Filmfestival ein. Forester nimmt dankbar an und erlebt im Land Sonderbares – etwa das Angebot des dezent diabolischen Präsidenten, in Karastan ein National-Epos zu drehen, das die Republik im Rest der Welt bekannt machen soll. Denn, so des Präsidenten Logik: „Was war Schottland, bevor es den Film ‚Braveheart‘ gab?“

„Welcome to Karastan“ ist eine vergnügliche Komödie über kreative Krisen, die Macht und die Ohnmacht des Kinos – erdacht und inszeniert hat sie der britische Filmemacher Ben Hopkins, der ähnliche Karrieretiefen wie seine Hauptfigur kennt. Vor sieben Jahren drehte er seinen letzten Spielfilm vor „Karastan“ – drei lange geplante Filmprojekte „gingen den Bach runter“, wie es Hopkins nennt. „Aber man gewöhnt sich an alles, auch an Folter.“

 

Ben Hopkins

Regisseur und Autor Ben Hopkins. Foto: Hopkins

 

Autobiografisch möchte Hopkins seinen Film dennoch nicht verstanden wissen, aber die bizarren Erlebnisse etwa beim Filmfestival in Karastan seien schon ein „Best Of“ seiner Festivalbesuche und die seines polnischen Co-Autoren Pawel Pawlikowski, dessen Film „Ida“ 2015 den Auslands-Oscar gewonnen hat. „Manchmal, wenn man bei einem schlechten Festival der zweistündigen Rede des Kulturministers von Arschlochistan zuhört,“ sagt Hopkins, „fragt man sich schon, was das alles soll.“

Sein Film handelt auch von der Versuchung: Der Regisseur Forester greift beim Regieangebot des Tyrannen nur zu gerne zu, er ist naiv-dankbar für eine neue Aufgabe und blendet aus, was er dreht und für wen. Eine Versuchung, die Hopkins kennt, gerade „wenn es weniger gut läuft“. Man finde ein Projekt zwar unpassend für sich selbst, „aber es könnte Geld bringen und die Karriere wieder anschieben – ob nun Werbefilme für Ölkonzerne oder Polizeithriller“. Dieser Versuchung, sich dem reinen Mainstream anzudienen, um danach „etwas Persönliches drehen zu können“, habe er bisher nicht nachgegeben, „aber sie ist doch immer da“. Ideenlosigkeit plagt Hopkins dabei, anders als den Regisseur im Film, nicht. „Ich werde sicher mit vielen ungedrehten Filmen sterben. Mit Finanzierung habe ich unendliche Probleme. Ich liebe Geld, aber Geld liebt mich nicht.“

Gedreht hat Hopkins die Karastan-Szenen seines bittersüßen Films – „Das kommt dabei heraus, wenn zwei deprimierte Filmemacher eine Komödie schreiben“– in Georgien. Probleme wie beim Film-im-Film-Dreh (Revolten, ein entführter Hauptdarsteller) gab es nicht, und die Feier nach den Dreharbeiten war wohl orgiös. „Die Georgier saufen wie Teufel und singen wie Engel. Schönere Musik gibt es nicht auf Erden.“

Im Film-im-Film taucht auch ein Hollywood-Actionstar namens Xan Butler auf, der für seine Profession ausgesprochen schmächtig wirkt. Wen hatte Hopkins da im Sinn? Till Schweiger sei ja auch nicht sehr groß, sagt Hopkins, Tom Cruise sei winzig – und Vin Diesel möglicherweise ein Zwerg. „Ich glaube, wir dachten an Steven Seagal, der ja gerne an merkwürdigen Orten wie einem mongolischen Filmfestival auftaucht.“

Der fiktive Regisseur Forester hat in seiner Wohnung ein Plakat des Fellini-Films „8 1/2“, ein Detail mit Symbolgehalt, geht es in Fellinis Film doch auch um einen krisengebeutelten Regisseur, gespielt von Marcello Mastroianni. „Bei Fellini gibt der Produzent ihm eine Pistole, weil ihm bei einer Pressekonferenz nichts Gescheites einfällt. Der Regisseur erschießt sich, und dann tanzen alle“, sagt Hopkins. „Das ist eine gute Beschreibung dafür, wie es ist, Regisseur zu sein.“

18.5., 23.40 Uhr, Arte

 

 

 

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