Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: September 2021

„Helden der Wahrscheinlichkeit“ mit Mads Mikkelsen

Mads Mikkelsen Helden der Wahrscheinlichkeit

Die Rache-Gang von links: Otto (Nikolaj Lie Kaas), Emmenthaler (Nicolas Bro), Lennart (Lars Brygmann) und Markus (Mads Mikkelsen). Foto: Weltkino

Obacht – vom Trailer sollte man sich nicht täuschen lassen. Der lässt einen bleihaltigen Rachefeldzug vermuten, als wolle Mads Mikkelsen den Karriereweg von Liam Neeson beschreiten und zum grimmigen Actionhelden mittleren Alters mutieren. Doch „Helden der Wahrscheinlichkeit“ ist dann doch ein ganz anderer Film: Um Trauer und Traumata geht es, um Familie und gegenseitige Hilfe, um nichts weniger als den Sinn des Lebens – filmisch verpackt in ein Werk, das von einem auf den anderen Augenblick umschlagen kann: von düsterem Drama zum knochenharten Actionfilm, von schwarzer Komödie zu einer philosophischen Betrachtung des Menschseins. Wie der dänische Autor und Regisseur Anders Thomas Jensen das zusammenbringt (und schlüssig zusammenhält), ist schon eine große Kunst.

Bei einem Zugunglück stirbt die Frau des dänischen Soldaten Markus (Mikkelsen) und Mutter der jungen Mathilde. In ihrer gemeinsamen Trauer ist der Vater keine Hilfe für die Tochter, die er ohnehin – wohl durch seine oftmalige Abwesenheit – nicht wirklich kennt. Psychologische Hilfe lehnt er ab, denn „Fremde stören nur“; mehr als die Tochter zum Joggen zu bewegen, damit sie nicht pummelig wird, fällt ihm auch nicht ein. In einer intensiven Dialogszene macht er ihr seine Weltsicht recht barsch klar: Die Mutter sei jetzt in keiner besseren Welt, sondern „sie hat einfach aufgehört, zu existieren“. Und es gebe weder Gott noch irgendeine Bestimmung oder einen tieferen Grund für den Tod der Ehefrau; alles sei letztlich zufällig und ohne Sinn. Für Markus sind das schon viele Worte, denn am ehesten drückt er sich durch Aktion und Gewalt aus, die Teil seines Berufs ist  – den Freund der Tochter schlägt er im Affekt, sein Versuch der Entschuldigung ist vielsagend ignorant: „Ich hätte nicht so hart zuschlagen sollen.“

Zwei Besucher brechen Markus‘ Trauerstarre zumindest ein wenig auf. Die verhuscht wirkenden Wissenschaftler Otto und Lennart, fasziniert von Statistiken und beseelt von der Idee, das Leben mit Zahlen irgendwie berechenbar zu machen, haben eine Theorie: Das Zugunglück war kein Unfall, sondern herbeigeführt – im Zug saß der Abtrünnige eines kriminellen Rocker-Clans mit dem ironischen Namen „Riders of Justice“ (so heißt der Film auch international), der gegen die Bande in einem Prozess aussagen wollte. Also ein Anschlag der Rockerbande? Die Idee erhärten Otto und Lennart mit ein paar mehr oder weniger stichhaltigen Indizien, und Markus tut, was er am besten kann – Gewalt ausüben. Umgehend ist der erste Rocker tot, die Bande schlägt zurück. Das Spiel der Gewalt ist eröffnet und beschert dem Film einige kurze, aber drastische Actionszenen, wobei sich nicht das Gefühl der Genugtuung wie in anderen Filmen mit Rache-Thematik einstellen will. Markus` Rache ist nicht süß, sondern grausig.

Schicksals-WG der verwundeten Seelen

Zugleich geschieht etwas anderes: In Markus‘ Haus wächst langsam eine Art Schicksals-WG der verwundeten Seelen zusammen. Die beiden Wissenschaftler, zusammen mit einem übergewichtigen und extrem cholerischen Kollegen, werden so etwas wie notwendige Ersatzväter für die trauernde Tochter. Mit im Bunde ist auch ein eher zufällig aus den Fängen der Bande befreiter Strichjunge, der sich nun als eine Art Au-Pair-Hilfe betätigt. Da kehrt so etwas wie Frieden ein in dem Haus, wo sich vorher wortlose Trauer breitmachte. Herzerwärmend ist das, aber Autor/Regisseur Jensen überzieht es nicht ins Gefühlige. Seine allesamt vom Schicksal gebeutelten Figuren, einige von ihnen in ihrer sozialen Inkompetenz dann doch eher mögens- denn liebenswert, finden nicht das große Glück, aber zumindest wieder halbwegs zurück ins Leben. Das ist aus der Sicht des Films eine ganze Menge, auch aus der Sicht von Markus, der sich am schwersten tut mit dieser neuen Familie der Angeschlagenen. Er muss sich ohnehin um die Rocker kümmern, die den neuen Frieden stören wollen.

Folgt das Leben einer bestimmten Ordnung? Oder ist alles nur Zufall, mal glücklich, mal tragisch? Und falls ja – macht das das Leben an sich sinnlos? Darum geht es letztlich in diesem exzellent gespielten Film, der nicht vorgibt, die letzten Antworten zu kennen. Nur eines im Leben ist eine Gewissheit: Mads Mikkelsen trägt im Finale den bizarrsten Skandinavier-Pulli der Filmgeschichte.

„Toubab“ von Florian Dietrich

Julius Nitschkoff Babtou Farba Dieng Camino Toubab

Und schon sind sie verheiratet: Dennis (Julius Nitschkoff, links) und Babtou (Farba Dieng). Foto: Camino

Diskriminierung, Rassismus, Homophobie, Abschiebung – das ist nicht selten der Stoff, aus dem jene Filme sind, die bei Festivals „Relevanz“-Preise gewinnen und im Kino dann vor nahezu leeren Sälen verenden. Diesem Schicksal entgehen und dennoch von den genannten Themen erzählen, will Regisseur und Ko-Autor Florian Dietrich. „Nicht elitär“ soll sein Film „Toubab“ sein, sagt er, und so hat er sich für das Genre der Komödie entschieden. Eine gute Idee?

„Toubab“ erzählt vom Frankfurter Babtou, der nach zwei Jahren Haft wegen Raubes aus dem Gefängnis kommt. Die Freiheitsfreude ist aber nur kurzlebig, denn ein spontanes Wiedertreffen mit alten Bekannten läuft aus dem Ruder – vielleicht sollte man auch keine Kreuzung durch parkende Autos sperren und keinen Polizisten, der eine Schlägerei auflösen will, gegen einen PKW werfen. Die Konsequenz für Babtou: Er soll in den Senegal ausgewiesen werden, ein Land, aus dem sein Vater kommt, er aber nicht, Babtou hat lediglich einen senegalesischen Pass, das vergangene Vierteljahrhundert hat er am Main verbracht. Was tun? Mehr als die Ausweisung „ein paar Monate durch die Instanzen zu treiben“, fällt seiner Anwältin nicht ein. Retten könnte ihn immerhin eine Ehe, auch wenn die nur zum Schein geschlossen wird; doch auf die vielen alten Flammen, die Babtou deswegen nun abklappert (in einer flotten filmischen Montage), hat er doch nicht genug Eindruck gemacht, dass sie nun gerne mit ihm vor den Altar wandern würden.

Die letzte Rettung ist da Babtous engster Freund Dennis – warum nicht eine Ehe unter Männern eingehen? Die ist schnell geschlossen, aber die Ausländerbehörde ist skeptisch und traut dieser Homo-Ehe nicht über den gleichgeschlechtlichen Weg. Und das nähere Umfeld der beiden, in dem die Alphatier-Gesten und das maskuline Getöse  überwiegen, reagiert auf diese Homo-Ehe bestenfalls mit Unverständnis, schlechtestenfalls mit dem Wunsch nach Gewalt.

Gekonnt mit leichter Hand

Dies alles erzählt Florian Dietrich, der mit seinem Kurzfilm „Flucht nach vorn“ 2013 beim Saarbrücker Ophüls-Festival zu Gast war, gekonnt mit leichter Hand, aber nicht oberflächlich. Der Ernst der Lage ist klar, zugleich schnurrt der Film mit Tempo und Witz dahin und bietet einige sehr schöne Szenen: etwa die Feier des Pseudo-Homo-Ehepaares mit einer lesbischen Nachbarin und deren schwulen Freunden. Sie wird zu einer langen Nacht der Freiheit, wo sich die Geschlechterzuordnungen und –konventionen unter der flirrenden Disco-Kugel und der ersten Morgensonne auflösen. Eine herzerwärmende Utopie, in der letztlich nur Freundschaft und Liebe zählen.

Durchweg gut besetzt ist das: Farba Dieng als Babtou und Julius Nitschkoff (der Radikal-Veganer aus dem jüngsten SR-„Tatort“) spielen frisch und natürlich auf, da stimmt die Chemie, den beiden schaut man gerne zu. Michael Maertens als Herr Ruppert von der Ausländerbehörde ist wunderbar sarkastisch, wenn er dem von der Ausweisung bedrohten Babtou erklärt, dass „der Senegal ja auch ein waaaahnsinnig interessantes Land ist“. Und eine besonders nette Szene ist, wenn Babtou sich unter Tränen der Rührung einen alten Heimatfilm im Fernsehen anschaut, bei nahendem Besuch aber schnell auf einen Porno-Kanal umschaltet, um nicht als sentimental verlacht zu werden.

Manches allerdings kommt bei dem Tempo etwas unter die Räder: Die Figur von Dennis‘ Freundin Manu (Nina Gummich) etwa, deren Schwangerschaft die Mär der Ehe zwischen Babtou und Dennis ziemlich ungläubig werden lässt, ist unterentwickelt. Und davon, wie kriminell Babtou vor der Haft eigentlich war, hätte man gerne mehr erfahren. Aber geschenkt: Dietrich und seinem Ko-Autor Arne Dechow geht es um eine flott erzählte Geschichte und um die Behandlung von Geschlechterklischees und von Homophobie. Erfreulich, dass der Film die nicht nur aus der rein biodeutschen Fraktion kommen lässt, sondern auch aus Babtous weiterem Umfeld. Und Babtou wird bewusst, wieviel homophobe Sprüche er bislang unbedacht von sich gegeben hat – wobei der Film das dankenswerterweise weder ihm noch dem Publikum allzu didaktisch um die Ohren hat. Warum der Film „Toubab“ (und nicht „Babtou“) heißt, erklärt sich im Finale des Films. In dem finden Traurigkeit und Hoffnung wunderbar zusammen.

Die Doku „In Search of the last Action Heroes“

Pralle, gut geölte Muskeln. Weniger pralle, eher schlichte Plots. Knackige Einzeiler von einsilbigen Helden. Und Explosionen, so groß wie die Leinwand. Das war das Rezept von vielen, wenn auch nicht allen Action-Filmen der 80er und 90er Jahre. Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone dominierten diese Herde der Alpha-Stiere, in der sich in den Rangordnungen darunter Kollegen tummelten wie Dolph Lundgren und Steven Seagal, Chuck Norris und Jean-Claude Van Damme, Michael Dudikoff und Jeff Speakman. Dem Actionkino jener Ära widmet nun der Brite Oliver Harper einen mehr als abendfüllenden Film: „In Search of the Last Action Heroes“ spürt fast zweieinhalb Stunden lang dem Genre nach und den Prügelknaben von einst.

Harper ist ein populärer Youtuber, der in sorgfältigen Mini-Filmen die Klassiker des Genres analysiert. Sein nun erster Langfilm, finanziert per Kickstarter, ist eine enorme Fleißarbeit: mit unzähligen Ausschnitten aus Filmen, Trailern und mit Statements von Gesprächspartnern. Gut, dass Harper nicht die üblichen Verdächtigen vor die Kamera holen wollte oder konnte: Kein Lundgren oder Van Damme, kein Stallone oder Schwarzenegger, die man schon öft hat reden gehört, sondern eher Filmschaffende hinter den Kulissen. Oder auch die aus der damals zweiten bis dritten Reihe, die heute entweder vergessen sind oder sich einer gewissen kultischen Verehrung von Actionfreunden erfreuen – etwa Cynthia Rothrock, mit der der Film beginnt und die sich vor allem in den 1980ern durch zahllose Video-Premieren boxte oder kickte. Sie hofft heute noch, gibt sie zu, auf eine Rolle in einem A-Film. Oder da ist der deutsche Actionmann Mathias Hues aus dem Ruhrpott, der sich durch Filme der mittleren und unteren Preisklasse schlug – seine prominenteste Rolle dürfte der böse Außerirdische im Lundgren-Film „Dark Angel“ von 1990 sein. Seine charmante Anekdote: Einst schlich er durch Videotheken in Los Angeles und räumte die Hüllen seiner Filme in den Regalen nach oben und stellte die von Van Damme nach unten.

„Less dialogue – more bodycount“

Wohlig nostalgisch ist dieser Blick zurück, der sich auch um Einordnung bemüht: James Bond als Urvater des modernen Action-Kinos, Steve McQueen als erster Action-Star der 1960er mit „Bullit“, Bruce Lee als Urvater des Kampfkunst-Films, der durch ihn erstmals auch im Westen populär wurde. Und eben die 1980er, in denen, wie Drehbuchautor Shane Black („Predator“) sagt, es ankam auf: „less dialogue – more bodycount“, weniger Dialog, mehr Leichen.

Die Fülle an Ausschnitten ist immens, aber auch problematisch. Das Ganze ist sehr schnell montiert , und die Gesprächspartner sagen oft nur einen oder zwei Sätze, gefolgt vom nächsten actionprallen Aussschnitt, gefolgt vom nächsten Gesprächspartner. Am Ende könnte man da als Zuschauer oder Zuschauerin so erschöpft sein wie ein 80er-Star nach seiner finalen Prügelei. Da werden etwa das „Blaxploitation“-Kino der 1970er mit seinen schwarzen Actionhelden und das stilprägende Hongkong-Actionkino der 1980er in wenigen Augenblicken minimal abgehandelt.

Etwas rastlos

So wird der Film eher zu einer etwas rastlosen Liebeserklärung als zu einer Analyse. Man hätte den Interviewten mehr Raum gewünscht – ob nun Regisseur Paul Verhoeven, der mit Schwarzenegger einst „Total Recall“ drehte, oder Regisseur/Autor Sheldon Lettich, der viel mit Van Damme gearbeitet hat. Oder Mark Goldblatt, der actionversierte Cutter von Genre-Klassikern wie „Terminator“ (1 und 2) und „Phantom-Kommando“. Oder Autor Steven E. De Souza, der mit dem ersten Teil von „Stirb langsam“ einen prägenden und endlos imitierten Actionfilm schrieb. Ihnen allen hätte man gerne länger und am Stück zugehört. Immerhin wird vieles angeschnitten – der Patriotismus der Reagan-Ära etwa, der sich auch in Filmen wie „Rambo II“ niederschlug. Oder das Aufkommen der Computer-Effekte, die aus tatsächlichen Schauspielern saltoschlagende Actionhelden machen konnte (siehe „The Matrix“). Ab da waren vor allem die mimisch begrenzten Muskelmänner in ihrer Existenz bedroht. Oder wie es Mathias Hues sagt: „Da wussten wir, dass wir erledigt sind.“

Erschienen bei Studio Hamburg.
Keine Extras.

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