Über Film und dieses & jenes, von Tobias Keßler

Schlagwort: Frankreich

„Reif für die Insel“ mit Laure Calamy und Olivia Cote

 

Szene aus Kinofilm "Reif für die Insel", mit Laure Calamy (links) und Olivia Cote.

Die holprige Reise zweier Jugendfreundinnen, die sich erstmal wenig zu sagen haben – eine Szene mit Laure Calamy (links) und Olivia Cote. Foto: Happy Entertainment

 

Der französische Film „Reif für die Insel“ erzählt von zwei Nicht-mehr-Freundinnen und einer holprigen Reise. Kein Film der großen Überraschungen, aber eine Komödie der bittersüßen Momente – und der guten Darstellerinnen.

Lach-Yoga? Das ist nichts für Blandine. Zum Lachen sucht sie lieber den sprichwörtlichen Keller auf. Mit dem uncharmanten Satz „Ich glaube, ich bin von Schwachköpfen umgegeben“ lässt sie den Yoga-Kurs hinter sich und igelt sich wieder in ihrem Pariser Vorstadthäuschen ein. Aus dem zieht gerade der Sohn aus, des Studiums wegen, und der Gatte ist schon weg: Er lebt mit einer Freundin im Alter des Sohns zusammen, sie ist schwanger, die Hochzeit steht an. Man kann verstehen, dass Blandine argwöhnt, dass das Leben etwas an ihr vorbeizieht – beziehungsweise so farblos ist wie ihre Garderobe.​

Jugenderinnerung „Le grand bleu“​

Ein wenig Farbe will der Sohn hereinbringen: Per Facebook sucht und findet er Blandines einst beste Freundin Magalie. Bis die Freundschaft zerbrach, hörten sie zusammen gerne die CD zu „Le grand bleu“, Luc Bessons 1988er Taucherfilm, und träumten sich in ein anderes Leben – auf die Insel Amorgos, wo das Wasser türkis schimmert und die Freiheit endlos scheint. Der Sohn arrangiert ein Treffen der alten Freundinnen – doch diese endet als ziemliche Enttäuschung (ist filmisch aber eine flott geschriebene, gut gespielte Dialogszene).​

Klassische Lebensfragen​

Was wird aus Jugendfreundschaften, wenn die Jugend längst vergangen ist?  Was wird aus frühen Lebensentwürfen, wenn sich alles doch ganz anders entwickelt hat? Und ab wann ist es zu spät, dem Leben eine andere Richtung zu geben? Mit diesen Fragen jongliert der französische Autor/Regisseur Marc Fitoussi (47) in seiner freundlichen, famos gespielten Komödie, deren deutscher Titel „Reif für die Insel“ ein bisschen flach-flapsig nach Urlaubs-Jux klingt. Im französischen Original heißt der Film „Les cyclades“, nach jener griechischen Inselgruppe, die die beiden ehemaligen Freundinnen bereisen werden – eine Odyssee, die Blandines Sohn organisiert hat, weil ihm nicht klar ist, dass die beiden Frauen sich bei der Wiederbegegnung wenig zu sagen hatten.​

„OSS 117 – Liebesgrüße aus Afrika“ mit Jean Dujardin

Das ist auf der Reise erstmal nicht anders – Blandine hält die chronisch bargeldlose Magalie, die neue Kleider einmal trägt und am nächsten Tag im  Geschäft zurückgibt, für die „größte Schmarotzerin der Welt“. Magalie hingegen hält Blandine für eine verblühte Langeweilerin und Übervorsichtige, die sogar mit Steppjacke ins sommerliche Griechenland reist – für den Fall einer zu aktiven Klimaanlage im Hotel. Aus solchen Kontrasten lassen sich natürlich bewährte filmische Funken schlagen – siehe Vorgänger wie „Das seltsame Paar“ und „Ein Ticket für zwei“. Und so gewinnt der Film seiner holprigen Reise von Insel zu Insel, mit verpassten Fähren und auffliegendem Schwarzfahren, einige Komik ab.​

Spitzname „Tinnitus“​

Jenseits dessen aber erzählt der Film eine anrührende Freundschaftsgeschichte – zwar nicht ohne Klischees und durchaus im Rahmen des Erwartbaren, aber mit Schwung und einer exzellenten Besetzung: Laure Calamy hat mit Regisseur Fitoussi in einigen Folgen der Serie „Call my Agent!“ zusammengearbeitet; hier nun spielt sie mit viel Energie die aufgedrehte Magalie (ihr Spitzname ist treffenderweise „Tinnitus“), die den Widrigkeiten des Lebens manchmal etwas zu demonstrativ entgegengrinst; ihre Tanzszene in einer Gruppe deutscher Archäologen ist hinreißend, ebenso ihre Ukulele-Darbietung der 80er-Jahre-Schnulze „Words“. Wenn die Fassade des ewigen Optimismus manchmal bröckelt, wenn Magalie etwa Arbeitslosigkeit nicht mehr als selbst gewählte Freiheit verkaufen kann, wenn für Augenblicke so etwas wie leichte Verzweiflung durchscheint, bleibt Calamys Darstellung glaubwürdig.​

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Die Rolle der Blandine bietet weniger große Auftritte, umso mehr leistet Olivia Cote als Unterkühlte, die unter südlicher Sonne langsam auftaut und lange verschüttete und/oder verdrängte Gefühle offenbart. Letzteres auch in den Begegnungen mit einem Brüsseler Surfer und mit einer hippiesken Diva (Kristin Scott Thomas), die anfangs ziemlich herrisch wirkt und gut abgehangene Bohème-Kalendersprüche deklamiert, aber auch ihre Schattierungen und Tiefen hat. In tiefste psychologische Abgründe mag der Film dabei nicht blicken, flach ist er aber auch nicht. Und, bei diesem Wetter höchst willkommen, sonnendurchflutet.​

Der Film läuft bundesweit in den Kinos, in Saarbrücken ist er in der Camera Zwo zu sehen.

Vater, Tochter, Cowboystiefel – „Die Rumba-Therapie“ von Franck Dubosc

Nachbarin Fanny (Marie-Philomène Nga) bringt Tony (Franck Dubosc) ein wenig Rumba bei – sonst landet er nicht in dem Tanzkurs, den seine Tochter leitet, die ihn noch nie gesehen hat. ​ Foto: Neue Visionen

Der französische Film „Die Rumba-Therapie“ erzählt von einer ersten späten Begegnung zwischen Vater und Tochter – und noch vom Tanzen und einem Wettbewerb. Zu viel des Guten?​

Armer Tony. Vom großen Lebenstraum Amerika sind nur ein Tattoo auf dem Arm und ein Paar Cowboystiefel geblieben, die an ihm rührend und ein bisschen lächerlich aussehen. Statt auf dem Motorrad die Route 66 entlang zu brummen, tuckert der Mittfünfziger morgens mit dem Schulbus irgendwo bei Paris herum. Immerhin: Die Kinder mögen ihren brummigen Fahrer, der ihnen amerikanische Flüche beibringt. Zu Hause flucht er im Unterhemd über das Fernsehprogramm (zu wenig Kriegsfilme, zu viel Eiskunstlauf) und tröstet sich mit der Kombination aus fettem Abendessen, Flaschenbier und Nikotin. Da kommt ein Herzanfall auf der Toilette im Busdepot wenig überraschend. Mit dem knapp verpassten Tod im Hinterkopf fasst Tony einen Plan: Er will seine heute erwachsene Tochter kennenlernen, die er damals im Stich ließ und die er noch nie gesehen hat.​

Man kann es sich denken – die Komödie „Die Rumba-Therapie“ erzählt die Geschichte einer Läuterung und lässt den unterkühlten Brummbär Tony mit Herzenswärme auftauen; doch Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Franck Dubosc, ein in seiner Heimat ziemlich populärer Franzose, verbindet das Ganze noch mit dem Genre des Tanzfilms: Am Ende geht es nicht nur um eine Vater-Tochter-Zusammenführung, sondern auch um einen Wettbewerb der schwingenden Tanzbeine.​

Michel Houellebecq als „Doktor Mory“​

Genau die stehen dem Film in seinem letzten Drittel manchmal im Weg – doch bis dahin ist „Die Rumba-Therapie“ (im Original heißt er etwas weniger medizinisch „Rumba la vie“) immer wieder hinreißend, nicht zuletzt wegen Duboscs Dialogen und angeschrägten Figuren. Wenn Tony im Krankenbett den einsamen Wolf gibt und Sätze verkündet wie „Keine Familie, keine Freunde – an meinem Grab soll niemand weinen“, antwortet ihm sein Arzt „Aber das Grab muss ja jemand in Auftrag geben“ – die kernig männliche Einsamkeit hat ihre praktischen Grenzen. Den Mediziner spielt Schriftsteller Michel Houellebecq mit schlurfigem Charme, quer über die Halbglatze drapierten Haaren und hinterlistigen Sätzen wie „Sie haben das Herz eines jungen Mannes – das eines kranken jungen Mannes.“​

„Das liegt Euch doch im Blut“​

Tonys Tochter Maria (Louna Espinosa) leitet einen Rumba-Kurs, in den er sich einschleichen will (unter dem schön-schrecklichen Namen Kevin Sardou), um seine Offenbarung als Vater vorzubereiten. Doch Maria nimmt im Kurs keine Anfänger auf, und so kreuzt Tony erstmal bei seiner schwarzen Nachbarin auf, um sich Rumba erklären zu lassen, „denn das liegt Euch doch im Blut“. Pseudo-wohlmeinender Rassismus bleibt Rassismus, auch das wird Tony noch lernen. Die Nachbarin revanchiert sich: „Können wir uns duzen? Deine Vorfahren haben ja meine Vorfahren ausgepeitscht.“​

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Die Annäherung zwischen Vater und Tochter ist durchaus anrührend und bringt Überraschungen mit sich – erst glaubt die junge Frau, der angegraute Tony stelle ihr amourös nach; und dann, als sie die Situation längst durchblickt, gibt sie sich ahnungslos und tut, als wüsste sie nicht, wer er ist, und habe sich in ihn verliebt, was ihn Höllenqualen leiden lässt – vielleicht eine minimale Rache dafür, dass er sie als Vater einst im Stich ließ.​

Es geht nach Blackpool​

Das Trauma eines verlassenen Kindes will der Film sicherlich nicht ausloten, Dubosc hat Wohlfühl-Kino im Auge. Das gelingt ihm – bis zur Offenbarung der Vaterschaft ist der Film eine flotte, charmante, bittersüße Mischung aus persönlicher Geschichte, ein wenig Tanz und Lebenslektionen wie „Lass Dein Herz sprechen“. Das aber verschiebt sich im letzten Drittel – ins britische Blackpool geht es, wo eine internationale Tanzmeisterschaft ansteht, wohin die Tochter den Vater als Partner mitnimmt. Was dort geschieht, wird nicht verraten – aber es ist jene Art von Kino-Situation, die sich ganz anders und weniger kompliziert entwickeln würde, wenn die Hauptfiguren darüber einfach mal ein, zwei Sätze miteinander redeten. Da scheint Drehbuchautor Dubosc etwas die Luft ausgegangen zu sein.​

Eine schreckliche Komödie: „Das Nonnenrennen“

Dennoch bleibt man im Kino gerne mit diesen Figuren zusammen, die der warmherzige Film in seiner famosen ersten Stunde so berührend in Szene gesetzt hat – auch abseits der Hauptrollen. Ausgerechnet der von Houllebecq gespielte Mediziner mit dem schönen Namen Mory, was an „mourir“ gemahnt („Sie rauchen? Sehr schön, dann sehen wir uns bald wieder“), sagt den Satz, der die Botschaft des Films gut zusammenfasst: „Allein sind wir nichts.“​

„Pacifiction“ von Albert Serra – die Insel und die Bombe

Pacifiction

Benoît Magimel (links) als Vertreter Frankreichs auf der Insel.   Foto: Filmgalerie 451

Welch ein schöner Kontrast. Jüngst zeigte das Kino Achteinhalb Kirill Serebrennikows „Petrovs Flu“, einen atemlosen, rasanten, fiebrigen Film, nach dem man erstmal durchschnaufen musste. Jetzt läuft ein ebenso eigenwilliger Film, der, formal gesehen, das Gegenteil ist: „Pacifiction“, zwei Stunden und 40 Minuten lang, ein Werk mit lange ausgespielten Szenen, mit einer Kamera, die sich zumindest in der ersten Filmhälfte sehr wenig bewegt, mit vielen Dialogen, aber immer wieder auch kontemplativen Blicken in die Landschaft Polynesiens. Das Resultat ist nahezu hypnotisch.​

Smalltalk-Pirouetten​

Zentrum des Films ist ein Mann namens De Roller (Benoît Magimel), der Hochkommissar auf Französisch-Polynesien, Repräsentant des französischen Staates. De Roller ist im Dauereinsatz, auch wenn es nicht immer so wirkt, etwa, wenn er abends auf Tahiti im Club mit dem blumigen (und reichlich einfallslosen) Namen „Paradise Night“ sitzt und an einem Cocktail nuckelt. Jeder will irgendetwas von ihm. Sei es Hilfe bei Investitionen, Ratschläge oder Unterstützung beim Knüpfen von Seilschaften. Er zeigt sich dabei als Meister der Smalltalk-Windungen und –Pirouetten, „bien sur“ scheint sein erster verbaler Reflex auf alles zu sein – die personifizierte Unverbindlichkeit im hellen Leinenanzug. Doch erfordert es die Situation, kann De Roller auch anders: Etwa, wenn der lokale christliche Geistliche gegen ein geplantes Casino opponiert – da macht ihm de Roller höflich, aber bestimmt klar, dass er kraft seines Amtes das Gotteshaus in eine Veranstaltungshalle umwidmen könnte, bestens geeignet für Töpferkurse. Oder Bingo.​

Neue Atombombentests?​

So wieselt sich De Roller durch seine Tage an diesem Ort, der paradiesisch scheint, in dem die Verhältnisse aber klar und ungleich sind – die Macht und die Mächtigen, die Politik und die Wirtschaft kommen von außen. Kein Wunder, dass der Film mit einer langen Kamerafahrt an europäischen Containern am Hafen beginnt und damit auch wieder, nach dem Abspann, endet. Die alten Kolonialherren und die Ur-Bewohner haben sich zwar arrangiert, doch unter der Oberfläche gibt es Spannungen, die von einem Gerücht noch verstärkt werden: Will Frankreich hier seine unterseeischen Atombombenversuche wieder aufnehmen? Jedenfalls zieht ein französisches U-Boot seine Kreise (und rekrutiert nachts lokale Frauen als Prostituierte).​

Kritik zu „In der Nacht des 12.“

Auch De Roller weiß erst einmal nichts. Aber er weiß, dass Bewohner massiven Widerstand planen, Demonstrationen, gerne auch das Streuen von „fake news“. Im Gespräch mit dem Anführer verliert er auch erstmals seine Smalltalk-Contenance und verbittet sich die Floskel „mon ami“, die er selber gerne nutzt, ob nun bei Freund oder Feind. Ungewohnt für ihn ist, dass er langsam den Überblick verliert – sind einige Neuankömmlinge nur übliche Zugereiste oder doch Repräsentanten fremder Mächte? Und falls ja, unterstützen die den lokalen Widerstand aus eigenen geostrategischen Interessen?

Pacifiction

Benoît Magimel (links) als Frankreichs Vertreter De Roller und Pahoa Mahagafanau als Shannah. Foto: Filmgalerie 451

 

Davon erzählt der katalanische Regisseur Albert Serra (47) äußerlich in aller Ruhe – abgesehen von einer spektakulären Szene auf dem Meer – und mit einer enormen Fülle an Dialogen voller Untertöne. Hier ist das Wenigste genau so gemeint, wie es geäußert wird; es wird verbal taktiert, sozusagen um den heißen Brei herumgeredet. Es ist ein Vergnügen, da zuzuhören. Dabei wirken die Szenen mit den doppel- bis dreifachbödigen Dialogen im besten Sinne un-inszeniert – als hätten die Mimen die Kamera längst vergessen. Benoît Magimel ist fabelhaft als rätselhafter Mittelpunkt des Films. Als Zuschauer erlebt man De Roller so oft beim Tricksen, dass man anfangs nie sicher sein kann, wann er das meint, was er sagt. So kommt man ihm nie ganz bei, fühlt sich ihm im Laufe des Films aber doch näher, wenn seine Fassade kleine Risse bekommt, weil er nicht mehr Herr der Lage ist.​

„Wild wie das Meer“ mit Cécile de France

Die Unbehaglichkeit im Paradies​

„Pacifiction“ schafft sich eine Atmosphäre des Vagen, des Verrätselten. Die Musik von Marc Verdaguer und Joe Robinson ist extrem sparsam eingesetzt, unterlegt sphärisch und nur sporadisch ein Gefühl der Unbehaglichkeit und der Bedrohung, die mit den bunten Bildern des scheinbaren Inselparadieses kontrastiert. Wird De Roller aus diesem Paradies vertrieben werden? Zumindest am Ende gibt es einen Moment, an dem man als Zuschauer mehr weiß als er.​

Auf DVD und digital bei  www.filmgalerie451.de

„In der Nacht des 12.“ von Dominik Moll

In der Nacht des 12. Dominik Moll

Die Ermittlungen bringen sie an ihre Grenzen: Yohan (Bastien Bouillon, links) und Marceau (Bouli Lanners).​ Foto: Ascot Elite

 

Ein Krimi im klassischen Sinne ist „In der Nacht des 12.“ nicht. Um Mitfiebern und -raten geht es nicht, das macht der Film schon anfangs in einer Texteinblendung klar: Jedes Jahr ermittele die französische Polizei in mehr als 800 Mordfällen, heißt es da. „Fast 20 Prozent davon bleiben ungelöst – dieser Film erzählt von einem dieser Fälle.“ Doch der Fall ist eben nur eine Seite. Es geht auch um die Ermittler, um die Gewalt, die sie im Beruf erleben, und wie sie damit umzugehen versuchen.​

Die brennende Frau

Eine junge Frau in einem Örtchen im Schatten der Alpen geht nachts von einer Party nach Hause, schickt noch eine Handybotschaft an ihre beste Freundin, bis ihr ein Vermummter entgegentritt. Er spricht sie an, übergießt sie mit Benzin, zündet sie an – die junge Frau rennt noch ein paar Meter, bricht zusammen, verbrennt. Eine Szene wie ein Schock, aber anders inszeniert als in anderen Krimis: Die entrückte, melancholische, chorale Musik zu den (wenigen) Bildern der brennenden Frau legt sich wie ein Schleier über diese Momente – bevor der Film nach einem harten Schnitt das Gesicht des Polizisten Yohan (Sebastien Bouillon) in Nahaufnahme zeigt: Er hat in einem Büro in Grenoble die Nachfolge des Abteilungsleiters angetreten; der Tod der jungen Frau wird zu seinem ersten Fall in Leitungsposition.​

Drehbuch nach einem Jahr Recherche

Der deutsch-französische Regisseur/Autor Dominik Moll („Die Verschwundene“) und sein regelmäßiger Autorenpartner Gilles Marchand haben sich in ihrem Skript an dem Buch „Ein Jahr bei der Kripo“ von Pauline Guéna orientiert – sie hatte 12 Monate lang polizeiliche Ermittlungen in Versailles beobachtet; Moll und Marchand nutzen die enorme Detailfülle des Buchs und die These, dass jeder Ermittler, jede Ermittlerin irgendwann einem Fall begegne, der sie besonders schmerzt und möglicherweise nicht mehr loslässt.​

In der Nacht des 12. Ascot Elite

Regisseur und Ko-Autor Dominik Moll.    Foto: Ascot Elite

Yohan und sein Team beginnen ihre Ermittlungen, die der Film in all ihrer Büro-Banalität zeigt, ob bei Diskussionen um Überstunden oder Smalltalk in der Kaffeepause, und in all ihrer Grausamkeit: Die Szene, in der Yohan und ein Kollege den Eltern von Clara die Todesmitteilung überbringen müssen, ist erschütternd und wirkt noch dadurch schmerzhafter, dass Regisseur Moll sie ganz schnörkelfrei inszeniert – ohne Musik, ohne Nahaufnahmen, in aller Ruhe und aller Tragik. Yohan hat da seinen ersten „Aussetzer“, wie er sagt; er fühlt sich, „als wäre ich tot“.​

Kritik zu „Pacifiction“ mit Benoit Magimel

Die Ermittlungen fördern viel menschliche Trostlosigkeit zutage. Die Männer, mit denen Clara sexuelle Beziehungen hatte, reagieren gleichmütig bis bizarr auf die Nachricht vom Mord. Einer zuckt hilflos die Achseln, ein anderer muss beim Verhör unvermittelt lachen, denn er „hat gerade an etwas anderes gedacht“. Ein Ex-Freund hat, nachdem Clara kein Interesse mehr an ihm hatte, einen Rap-Song veröffentlicht, in dem er „der Schlampe“ droht, „sie abzufackeln“. So wörtlich will er das gar nicht gemeint haben, „ich bin ja gegen Gewalt“, das „sind doch nur Worte“. Ein weiterer Ex-Liebhaber ist ein verurteilter Frauenschläger, dessen aktuelle Freundin es toleriert, dass ihr Freund nebenbei Clara „hart gefickt hat“, wie er sagt, und die Freundin gerne „Schlampe“ nennt.​

Männerwelt

Alibis haben alle Männer, und Yohan leidet zunehmend – ebenso am Stocken der Ermittlungen wie an der Gefühllosigkeit der Befragten und Verdächtigen. Zugleich muss er sich von einer Freundin Claras in einer der stärksten Dialogszenen vorwerfen lassen, dass bei den Fragen des durchweg männlichen Ermittlerteams die Idee mitschwinge, dass Clara durch ihr Sexualleben mit mehreren (und menschlich unangenehmen) Männern eine gewisse Mitschuld an ihrem Tod trage. Auch später gibt es einen prägnanten Dialog mit einer Polizei-Kollegin über Gewalt und eine Welt, in der meistens Männer morden und meistens Männer diese Morde aufklären.​

Kritik zu „Wild wie das Meer“ mit Cécile de France

Dies alles erzählt Regisseur Moll in aller Ruhe: ohne dramaturgisch aufgedonnerte Hektik, in langsamem Rhythmus, mit einer klaren Bildsprache, mit schnörkelfreien Dialogen. Hier zählt jedes Wort, sogar beim Kaffeeküchen-Gespräch im Büro. Das mag äußerlich schlicht wirken – eine Kritik wirft dem Film ungerechterweise eine Fernseh-Machart vor – aber im Inneren der Figuren brodelt es.​

Überrascher Zeitsprung

Yohan und sein älterer Kollege Marceau (Bouli Lanners) gehen unterschiedlich mit ihren Gefühlen um – der Jüngere dreht immer verbissener seine Runden auf einer nächtlichen Radrennbahn (symbolisch im Kreis), Marceau hat seine Nerven nicht mehr im Griff, lässt seine Frustration an dem Schläger aus – und muss die Abteilung verlassen. Nach einem überraschenden Zeitsprung von drei Jahren gehen die Ermittlungen wieder weiter. Jetzt mit einer Lösung?​

Dieser exzellent gespielte Krimi lädt zu einem Vergleich mit dem Kinofilm „Die Purpurnen Flüsse“ ein, sie gäben ein interessantes Doppelprogramm ab – ebenfalls ein französischer Film mit einem älteren und einem jüngeren Mord-Ermittler, vor der Kulisse der französischen Alpen. Doch während bei den „Purpurnen Flüssen“ die Alpenkulisse mit Drohnenflügen zelebriert wird und das Polizistenduo mit großer Geste ermittelt, sind bei „In der Nacht des 12.“ die Berggipfel in der fast dokumentarischen Bildgestaltung ziemlich weit weg, und die Ermittler wirken immer müder und zugleich rastloser. Das Leben kann brutal sein, legt der Film nahe, und jeder beziehungsweise jede muss den Weg finden, damit zurecht zu kommen.​

DVD und Bluray bei Ascot Elite.

„Die Küchenbrigade“ von Louis-Julien Petit

Audrey Lamy Die Küchenbrigade

Köchin Cathy Marie (Audrey Lamy) bei der Ravioli-Schadensbegrenzung. Foto: Piffl Medien

„Arbeit gibt es überall!“, verkündet die Köchin Cathy Marie – und stapft mit großer Geste aus dem Sterne-Lokal. Dort hat sie sich gerade einmal zu viel mit ihrer Chefin angelegt. Doch so einfach ist das nicht mit der Stellensuche, und der Traum eines eigenen Restaurants rückt weiter weg als je zuvor. Nur eine Stelle tut sich auf, die die ehemalige Sous-Chefin allerdings als Abstieg empfindet: die Arbeit als Kantinenköchin in einem Heim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Doch mangels Alternativen beißt sie sozusagen in den sauren Apfel, muss erstmal die Kantine auf ein hygienisches Mindestmaß bringen und dann tonnenweise leere Ravioli-Dosen entsorgen. Denn die hat ihr Vorgänger den Flüchtlingen vorgesetzt, in den Augen des Heimleiters eine logische Entscheidung. „Sie lieben Fußball und Ravioli, und deshalb bekommen sie Fußball und Ravioli.“ Außerdem bekomme er vom Staat bloß acht Euro pro Person pro Tag fürs Essen. Die Köchin versteht die Welt nicht mehr, duscht die nächsten Ravioli erst einmal ab und köchelt ihnen eine frische Soße. Doch eine Welle der Dankbarkeit brandet ihr weder von Heimleitung noch Bewohnern entgegen.

2018 hatte der französische Regisseur und Autor Louis-Julien Petit mit seinem Film „Der Glanz der Unsichtbaren“ von Obdachlosigkeit erzählt, von Gewalt gegen Frauen und von aufreibender Sozialarbeit – und das in Form einer Komödie, mit großem Erfolg in Frankreich. Auch in „Küchenbrigade“ will er wichtige, aber eben unkommerzielle Themen wie Migration, Integration, Abschiebung einem großen Publikum nahebringen – mit einigem Witz und mit Optimismus inmitten vieler Schwierigkeiten.

In dem Heim in Nordfrankreich – gedreht wurde an der Cote d’Opale – ist die Luft anfangs dick. Die mitunter störrische Köchin (Audrey Lamy) muss erst einmal den professionellen Abstieg verdauen und die papierdünnen Wände des Hauses ertragen lernen; der idealistische, aber etwas ermüdete Heimleiter (Francois Cluzet) hat auf keine Primadonna in der Kantinenköchin gewartet; und die Flüchtigen müssen ihre Abschiebung fürchten, wenn sie als Volljährige keine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle haben – die Frage, ob die Ravioli-Soße nun aus der Dose kommt oder frisch geköchelt wurde, ist für sie zweit- bis drittrangig.

Der Wohlfühl-Pegel soll oben bleiben

Und doch entwickelt sich langsam ein gegenseitiges Verständnis, als Cathy die jungen Männer in die Küchenarbeit einbindet, ihnen feste Strukturen gibt und das Leben im Heim etwas unterhaltsamer macht – auch wenn sie sich erst einmal durchsetzen muss. Ein junger Mann etwa erklärt ihr, dass bei ihm „zuhause nur die Frauen kochen“, und weigert sich, den Gemüseschäler auch nur anzufassen. Doch der Konflikt ist bald behoben, nachdem er ihr im Fernsehraum die Mannschaften einer afrikanischen Meisterschaft erklärt hat. Für die Köchin gilt: „In meiner Küche gibt es keine Religion, keine Sexualität, keine Nationalität.“ Und die jungen Männer halten sich ebenso daran wie der Film, denn hier brechen keine Konflikte wegen Glaubensfragen aus, es gibt keine Probleme mit den verschiedenen Sprachen, nicht mit Aggression, nicht mit eventuellen Traumata. Wenn der Film da eine flott geschnittene Küchenszene serviert, in der alle glücklich schnippeln und brutzeln, unterlegt von französischer Discomusik, wirkt er schon arg bemüht, den Wohlfühl-Pegel nach oben zu heben.

An anderen Stellen aber lässt der Film die wirkliche Welt einsickern – wenn einer der Jugendlichen, der einst ohne Papiere einreiste, von der Polizei abgeholt und abgeschoben wird; eine medizinische Analyse hatte ergeben, dass er wohl mittlerweile volljährig ist, und der Heimleiter konnte ihm trotz aller Mühe keine Ausbildungsstätte vermitteln. Eindrücklich ist auch die Szene, in der die jungen Männer in Cathys altem Restaurant essen und ihre Stimmen aus dem Off erzählen, woher sie kommen und welche Hoffnungen sie mit einem Leben in Frankreich verbinden. Reale Sätze sind das, keine Drehbuch-Fiktionen, denn besetzt sind diese Rollen mit tatsächlichen Flüchtlingen, die für den Film gecastet wurden und hier ihre Geschichte erzählen (und im Film famos spielen).

Im finalen Viertel der „Küchenbrigade“ macht Cathy bei einer ihr herzlich verhassten Koch-Fernsehshow mit, mit edlen Rezepten und einem cleveren Plan, der das schrill-bunte TV-Format zugunsten von etwas Realismus geradezu subversiv nutzen wird. Da wird es filmisch etwas hektisch, sehr optimistisch, aber dann doch nicht märchenhaft. Kochkunst rettet nicht jeden vor der Abschiebung.

De Sade in der Bastille: „Marquis“ von Roland Topor auf DVD

Roland Topor

Ohne Roland Topor (1938-1997) sähe das Kino ein wenig grauer aus: Der Schriftsteller, Zeichner und Satiriker dachte sich mit René Laloux (1929-2004) den Animationsklassiker „Der wilde Planet“ (1973) aus, schrieb die Vorlage von Polanskis „Der Mieter“ (1976) und trat als Schauspieler unter anderem in Werner Herzogs „Nosferatu“ (1979) auf.

„Zu viele Verben!

Ungewöhnlich, aber nicht so ungewöhnlich wie der Film „Marquis“, dessen Drehbuch er schrieb und dessen Figuren er entwarf – Menschen sieht man hier nicht, nur Tiere aller Couleur (gespielt von Menschen mit Masken). Die tummeln sich 1789, kurz vor der Französischen Revolution, in der Bastille. Im Zentrum steht der Marquis de Sade, der die Haft nutzt, um in Ruhe seine erotischen Werke zu schreiben. Ein interessanter Gesprächspartner des Schriftstellers ist sein eigenes Glied namens Colin. Die beiden diskutieren angeregt über Politik, die Kunst und die Schriften de Sades – „zu viele Verben“, findet Colin.

Trickfilme aus der DDR

Die Bastille ist ein Mikrokosmos des aufgerüttelten französischen Staates – man findet verlogene Kirchenmänner, die de Sade bestehlen wollen, eine vom König vergewaltigte Frau und arrogante Bürger: „Wir sollten uns schämen, dass wir dem Volk das Lesen beigebracht haben.“ Deftig ist dieser surreale Film, nichts für Kinder, aber gleichzeitig auch feinsinnig: vor allem wenn der Marquis mit seinem besten Freund/Stück über Gott und die Welt philosophiert.

Erschienen beim Label „Bildstörung“.
Das Bildrecht am DVD-Cover liegt bei Bildstörung, die Rechte an den Fotos bei YC Aligator Film – Tchin Tchin Production.
Extras: Booklet, Drehbericht, Interviews, nicht verwendete Szenen.

Roland Topor Roland Topor

 

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