Über Film und dieses & jenes

Schlagwort: Peter Lorre

Arbeit in der Kino-Nische: Die 50. Ausgabe des Magazins „35 Millimeter“

Jörg Mathieu, Gründer von „35 Millimeter“

Jörg Mathieu, Gründer von „35 Millimeter“, als Freund der Kino-Klassik stilecht mit einem T-Shirt zum Film „Svengali“ aus dem Jahr 1931. Foto: Layoutist

Ein ambitioniertes Konzept: Die saarländische Filmzeitschrift „35 Millimeter“ widmet sich bewusst nur den ersten 70 Jahren Kino. Das Heft feiert jetzt seine 50. Ausgabe – wie funktioniert das Ganze?

„Wir sind die Nische in der Nische“, gibt Jörg Mathieu zu. Aber dort fühlen sich einige Leserinnen und Leser sehr wohl – genug Kino-Anhänger jedenfalls, dass das saarländische Magazin mit seinem ambitionierten Konzept nun seine 50. Ausgabe feiern kann: „35 Millimeter“ widmet sich den ersten 70 Jahren klassischer Kinogeschichte, zwischen 1895 und 1965. Um Klassiker geht es ebenso wie um heute Vergessenes und Ausgrabenswertes, man liest Texte über einfarbige Stummfilme oder knallbunte Musicals, Western, Krimis, Science-Fiction. Jedes Genre ist dabei – aber im Jahr 1965 ist eben Schluss. Um das aktuelle Kino kümmert sich übrigens das St. Ingberter Magazin „Deadline“, das gerade seine 100. Ausgabe herausgebracht hat. „Es geht ja nicht um alte Schinken“, sagt Mathieu über das „35 Millimeter“-Magazin, „sondern um das Bewahren von Filmkultur“. Natürlich ist da Nostalgie im Spiel, „aber wir verweigern uns nicht der Moderne“. Vor allem geht es um filmische Entdeckungen oder um neue Sichtweisen, nicht um das Wiederkäuen des filmischen Kanons. Selbst Mathieu, 54, Kenner der klassischen Kino-Ära, gibt zu: „Ich weiß höchstens die Hälfte von dem, was bei uns in einem Heft steht.“

An Geldverdienen ist nicht zu denken

Vor neun Jahren ist die erste Ausgabe erschienen, Mathieu war damals Chefredakteur, Herausgeber und Gestalter zugleich. Das Debüt war ein Testballon, „mit einem noch nicht ganz professionellen Layout“ und mit Texten von Film-Enthusiastinnen und -Enthusiasten, die aus Spaß an der filmischen Freude schreiben, ehrenamtlich. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Denn, so abgedroschen es klingen mag, „es geht der Redaktion tatsächlich um die Sache“, sagt Mathieu. Mit einem derart spezialisierten Magazin sei an Geldverdienen nicht zu denken, „noch dazu im Medium Print, das immer weniger wird“. Vor einigen Jahren habe das Heft „auch einen Durchhänger gehabt“, sagt er, es war damals fraglich, ob es sich weiterhin tragen würde. Und das ist die Mindestbedingung. „Sobald man privates Geld reinstecken muss, hat es keinen Sinn mehr. Wir hätten aufgehört.“

 

Die Jubiläumsausgabe.

 

Doch die Lage hat sich stabilisiert, unter anderem durch das Coronavirus, das sonst viel Kultur bedroht und zum Teil zerstört hat. „Wir sind in gewisser Weise Pandemiegewinner – die Menschen waren zu Hause, haben mehr gelesen, unsere Zahlen sind gestiegen.“ Die Auflage des Magazins, das viermal im Jahr erscheint, liegt bei um die 500 Stück, sagt Mathieu, die Zahl der Abos bei 186. Eine Nische eben, klein, aber fein – so zählt etwa Regisseur Dominik Graf („Fabian“, „Die Katze“, „Die geliebten Schwestern“) zu den Abonnenten und bezeichnete das Magazin zum fünften Geburtstag als „eine Art kleines Wunder“, als „schriftliches Filmmuseum“, sogar als „warmen Pool der cineastischen Wollust“. Ähnlich sah es der renommierte Filmwissenschaftler und Autor Hans Helmut Prinzler, der kurz vor seinem Tod Mitte Juni zur 50. Ausgabe per Grußwort gratulierte, das Heft „vorbildlich“ nannte, „einen Traum für einen Filmhistoriker“. Für Mathieu „ein Ritterschlag“.

Zu Besuch bei der Heimkinofirma „Pidax“

Viel Lob also für das Magazin, das dennoch mit der Überalterung seines Publikums kämpfen muss. „Wir haben immer noch zu wenige junge Leserinnen und Leser“, sagt Mathieu, „die größten Gruppen sind 45 plus und dann 60 plus“. Manchmal bekomme er Briefe, in dem ihm Angehörige vom Tod eines Abonnenten schrieben und auf weitere Hefte verzichteten.

Eine Schwesternzeitschrift

Über die Jahre hat sich die Welt von „35 Millimeter“ erweitert. Neben den regulären Magazinen sind Sonderausgaben erschienen – zu den Genres Western, Gangsterfilm und Melodram etwa, über Filmstar und Gruselmythos Vincent Price (Mathieu hatte 2016 dessen Tochter Victoria zu einer Veranstaltung ins Saarbrücker Filmhaus geholt). Und nebenbei ist eine Schwesterzeitschrift entstanden: „70 Millimeter“ heißt sie und widmet sich in bisher vier Ausgaben – im handlich quadratischen Format – den Filmjahren 1966 bis 1975.

Buch von „35 Millimeter“ über Regisseur Victor Sjöström

100 Seiten hat die Jubiläumsausgabe Nummer 50, sie kostet 10,40 Euro; den stark gestiegenen Papierpreis spüre man bei den Druckkosten schmerzhaft, sagt Mathieu – ab Heft 51 soll der Preis bei 7,20 Euro liegen. Die Jubiläumsausgabe ist wie die Vorgänger aufgeteilt in ein Hauptthema und die üblichen Rubriken. Schwerpunkt ist das Filmstudio 20th Century Fox (2019 von Disney einverleibt): Da geht es unter anderem um Filmemacher Frank Borzage, einst Regie-Star und oscarprämiert, heute vergessen, auch über die „Charlie Chan“- und „Mr. Moto“-Filmreihen um asiatische Detektive (jeweils gespielt von den Nicht-Asiaten Warner Oland und Peter Lorre), um die „Film Noir“-Krimis des Fox-Studios und, in einer Einzelbetrachtung, um John Fords Klassiker „Die Früchte des Zorns“.

Buster Keaton und die KI

Abseits des Schwerpunkts kann man Texte lesen über neue Heimkinoveröffentlichungen, Filmbücher, über die Filmstoffe von James M. Barrie abseits „Peter Pan“ – und ein Interview mit ChatGPT über das frühe Filmerbe. Ganz faktensicher ist die Künstliche Intelligenz nicht, erwähnt sie doch einen Film von Buster Keaton, den es nicht gibt, der aber einen charmanten fiktiven Titel hat: „Der goldene Windbeutel“; auf die Frage, wie der Vampirfilm „Nosferatu“ aussähe, hätte ihn statt Friedrich Wilhelm Murnau eine Frau inszeniert, reagiert die ChatGPT mit angestaubten Geschlechterklischees: Eine Regisseurin hätte „vielleicht eine sanftere, poetischere und zugleich melancholische Ästhetik bevorzugt“. Soso. Mit Kathryn Bigelows Vampirfilm „Near Dark“ scheint die Künstliche Intelligenz nicht vertraut zu sein.

DVD-Ausgrabung „Tragödie in einer Wohnwagenstadt“

Mathieu, der neben „35 Millimeter“ mit der Agentur Indiera Promo Konzerte organisiert hat und das jetzt unter dem Banner Artificial Impertinenz weiterführt, hat die Chefredaktion von 35 Millimeter mittlerweile abgegeben; Clemens Gerhard Williges leitet die ehrenamtliche Redaktion mit einem Dutzend Schreiberinnen und Schreibern. Mathieu kümmert sich um das Geschäftliche, um die Layout-Gestaltung („das dauert so zwei bis drei Wochen pro Heft“) – und den Eigenvertrieb: Zuhause in Dudweiler arbeitet er Einzelbestellungen und Abos ab, tütet Hefte ein und verschickt sie. „Da schleppt man mehrfach die Woche schon einige Zentner zur Post.“ Für das klassische Kino ist eben nichts zu schwer.

Kontakt und Informationen:
https://35mm-retrofilmmagazin.de

Regisseur Gordian Maugg über seinen Film „Fritz Lang“

Fritz Lang Heino Ferch

Fritz Lang Heino Ferch Gordian Maugg

 

1930 steckt Regisseur Fritz Lang in der Krise: Die Ehe welkt dahin, die Filmideen sind verblüht, doch das reale Grauen wird zur Inspiration – eine beispiellose Mordserie in Düsseldorf. Lang begleitet die Ermittlungen und trifft den mittlerweile verhafteten Täter Peter Kürten. Das Ergebnis ist 1931 Langs legendärer Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. So zumindest spielt sich das in Gordian Mauggs sehenswertem Spielfilm „Fritz Lang“ ab, der Fakten, Fiktion und historisches Filmmaterial mischt. Das Foto (Tim Fulda) zeigt den Regisseur mit Heino Ferch, der Fritz Lang spielt, bei den Dreharbeiten.

 

 

In Ihrem Film sitzen sich Regisseur Fritz Lang und Peter Kürten gegenüber – hat diese Begegnung jemals stattgefunden? Lang hat sich widersprüchlich geäußert.

Ich behaupte: Ja! In US-Interviews 1965 hat er gesagt, dass er den Massenmörder persönlich gesprochen habe. Er sagte sogar wörtlich: „Ich kannte Peter Kürten persönlich!“

In den 70ern hat er das Gegenteil behauptet.

Damals hatte ihn die Nouvelle Vague in Paris entdeckt, da lehnte er es ab, etwas mit „dem rheinischen Mörder“ zu tun gehabt zu haben. Fakt ist, dass das Aktenstudium Kürten zeigt, dass stellenweise Wort-für-Wort aus den Aussagen Kürtens zitiert wird – Worte in Peter Lorres Mund gelegt werden, die ihrerseits durch Kürtens Aussagen zu belegen sind. Auch die zeitgenössische Presse bezog sich in allen Artikeln immer auf Kürten, ohne dass Fritz Lang oder Thea von Harbou etwas dazu geäußert hätten.

Warum hat Lang sich so verhalten?

Lang glaubte an den Genie-Mythos. Stets lehnte er es ab, Vorbilder oder künstlerische Anleihen zu nennen, nein, bei ihm entsprang das Genie immer aus ihm selbst. Lang war ein Mann, der von sich stets immer nur die Geschichte erzählte, die ihm nützte. Als er über Frankreich reisend Deutschland verließ, um in Amerika Fuß zu fassen, traf er dort auf Peter Lorre, der den Kindermörder in „M“ gespielt hatte, der bereits in den USA war, Lang von den Dreharbeiten her hasste und daher keine Möglichkeit ausgeließ, den US-amerikanischen Studiobossen Fotos zu zeigen, die Fritz Lang mit Josef Goebbels zeigten. Lang hatte sofort die entsprechende Geschichte parat: Er sei Halbjude und deshalb geflohen, weil die SA schon begann, sein Haus in Berlin zu umstellen. Und dies, obwohl ihm Goebbels doch zuvor die Führerschaft des Deutschen Films angeboten hatte. Lang habe deshalb noch am selben Abend Deutschland Richtung Paris verlassen. Diese Aussagen sind nicht haltbar. Langs Reisepass zeigt als Ausreisestempel nicht Januar 1933, wie Lang behauptete, sondern November 1933. Er hatte also alle Zeit der Welt, um seinen Besitz zu Geld zu machen, bevor er sich als Emigrant de Luxe auf den Weg ins Luxushotel George V. in Paris machte.

Wie würden Sie Ihren Film selbst bezeichnen? Eine Sendung in der ARD nannte ihn „Doku-Drama“. Aber passt „Doku“ da überhaupt?

Mein Film ist ein Spielfilm. Historisches Archivmaterial findet darin zwar Platz – es wird aber wie Spielfilmmaterial eingearbeitet.

War Fritz Lang als Person der Anstoß des Projekts? Oder ging es Ihnen eher um ein generelles Porträt eines nach Inspiration suchende Künstlers oder um die Darstellung einer Zeit im großen Umbruch?

Es ging mir um Fritz Lang. Er war ein wahrer Künstler und für den Film der Erfinder aller Genres, die wir heute kennen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren des Kinos der Weimarer Republik kam er nicht vom Schauspiel und nicht vom Theater. Er war beeinflusst von Architektur und von der Malerei, und sein Verdienst ist es, diese Künste in den Film übertragen zu haben. Sehen Sie sich die Filme Langs an: der filmische Raum, das überirdische Licht. Er war ein Meister sondersgleichen. Kein Tag im Atelier verging, ohne dass Erfindungen gemacht wurden, die auch heute noch in der Filmkunst Gültigkeit hätten!

Ihr Lang im Film kennt das Gefühl von Mordlust selbst – er aber kann es auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs befriedigen. Bezieht sich das nur auf Lang oder sehen Sie darin einen Zug der menschlichen Natur?

Fritz Lang sprach immer vom „Anderen in uns“. Ihn beschäftigte die Frage, warum der Mensch, der doch in die Welt geboren wird, um Gutes zu tun und in Gemeinschaft zu leben, warum dieser Mensch in Situationen gerät, wie im Falle von Kain und Abel, wo er zu einem mordenden Ungeheuer werden kann. Lang war kein Mensch, der in den Weltkrieg zog um Mordlust auszuleben. Nein, aber wie viele andere geriet er in einen Krieg, der erstmals ein industrieller Krieg war, ein Töten und Getötetwerden durch einen Gegner ohne Gesicht. Er muss dort Dinge gesehen haben, die ihn wie Furien für den Rest seines Lebens hetzten. Wie viele seiner Generation wurde er durch den Krieg beschädigt, auch wenn er seinen Granaten entkommen war. Im Übrigen war die Figur Peter Lorres exakt so angelegt. Es war sogar konzipiert, in „M“ eine Weltkriegsszene zu haben, in der gezeigt wird, wie Lorre zum Kindermörder wird. Diese Passagen wurden aber dann von Lang verworfen.

So gesehen hat es ja eine dunkle Ironie, dass Kürten, der Massenmörder der Weimarer Republik, später von einem Regime in den Schatten gestellt wird, das ihn wie einen Amateur wirken lässt – ein paar Jahre später hätte er vielleicht Karriere gemacht. Würden Sie das auch so sehen?

Kürten mordete aus sexueller Triebhaftigkeit heraus. Ich glaube die Henker von SA und SS hatten andere Motive, dunkler noch als die Kürtens, der trotz allem noch ein Gewissen hatte. Vor seiner Hinrichtung schrieb Kürten stapelweise Entschuldigungsbriefe an die Verwandten seiner Mordopfer.

Der visuelle Stil Ihres Films mit den langen Schatten und den harten Kontrasten ist aufwendig. Gab es seitens des Ko-Produzenten Arte keinen Einwand, dass Sie im Vollbild-Format alter Filme gefilmt haben?

Natürlich entspricht dies nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten. Aber bei Arte ist man mit dem Besonderen immer Zuhause. Und im Kino gilt sowieso: Komme Zuschauer, setz Dich und lass Dich ein auf eine neue Erfahrung!

War es für Sie einfach, Ausschnitte aus Filmen Fritz Langs von der Murnau-Stiftung zu bekommen? Mussten Sie das Konzept und das Drehbuch vorlegen? Und war das Material dann relativ bezahlbar?

Man hat mich fair behandelt. Eine Vorlage des Drehbuches war nicht nötig.

Wie kamen Sie zur Besetzung von Heino Ferch und Samuel Finzi?

Ich habe von vornherein gewusst, wen ich für welche Rolle am allerallerallerallerbesten finde. Ich legte mein Drehbuch vor, bangte, hoffte – und wurde sofort angerufen, vom begeisterten Heino, vom begeisterten Samuel. Manchmal hat man eben einfach Glück.

Hat sich Ferch mit alten Lang-Interviews etwa auf die Sprache Langs vorbereitet? Und
Finzi auf die Sprechweise Peter Lorres?

Beide Schauspieler haben sich mit allen Kräften auf die Rolle geworfen und zu ihrem Charakter ersteinmal grundsätzlich „Ja“ gesagt. Wir haben viel über die Figuren und ihre Zeit gesprochen, Filme geschaut. Was von Lang verfügbar war, ist hier eingeflossen. Die Dialoge für Samuel entstammen wortwörtlich den Kürten-Akten.

Haben Sie selbst einen Lieblingsfilm von Lang?

Ganz klar – mein Lieblingsfilm ist „M“. Ganz toll ist auch „Der müde Tod“.

Was halten Sie von seinen letzten Filmen, die er für Produzent Artur Brauner in eutschland gedreht hat, „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, „Das indische Grabmahl“ und „Der Tiger von Eschnapur“?

Die späten Filme aus der Brauner-Zeit haben mich als Kind sehr geprägt. Aber ich habe ein bisschen Angst davor, sie als heute 50jähriger wiederzusehen.
Die DVD ist erschienen bei W-Film/Lighthouse.

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