Film und dieses & jenes

Schlagwort: James Cameron

Interview mit Autor Emanuel Bergmann: „Gary Oldman ist wirklich ein Schatz“

Schriftsteller Emanuel Bergmann, Foto: Joël Hunn / Diogenes Verlag

Schriftsteller Emanuel Bergmann. Foto: Joël Hunn / Diogenes Verlag

Seine Jugend verbrachte Emanuel Bergmann in Saarbrücken, nach dem Abitur ging er nach Los Angeles, arbeitete für Filmstudios und Produktionsfirmen, studierte Journalismus und schrieb lange für das Magazin „Widescreen“. Sein Romandebüt „Der Trick“ wurde ein Bestseller, jetzt kommt er mit „Tahara“ nach Saarbrücken. Der bittersüße Roman erzählt vom Filmkritiker Marcel Klein, dessen Welt bei den Festspielen in Cannes chaotisch wird: durch eine Romanze und durch ein Star-Interview, bei dem der Kritiker beim Schreiben etwas nachhilft – was einen Skandal auslöst.

 

Sie sind in Saarbrücken aufgewachsen – was waren damals Ihre drei liebsten Plätze?​

BERGMANN Mein Lieblingsort: Der Parkplatz vom Bauhaus an der Dudweiler Landstraße. Da habe ich als Kind immer Skateboardfahren geübt. Ansonsten war ich oft in der Karstadt-Passage – so hieß das damals. Und natürlich auch am St. Johanner Markt und am Staden.​

Und was hat Ihnen damals in der Stadt gar nicht gefallen?​

BERGMANN Vieles. Schon damals war mir Saarbrücken zu eng, zu klein. Ich hatte immer den Wunsch, wegzugehen. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass Saarbrücken für einen Lausbub wie mich eigentlich der ideale Abenteuerspielplatz war.​

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Ihre Hauptfigur, ebenfalls in Saarbrücken aufgewachsen, erzählt von glücklichen Kinobesuchen im UT und im Passage-Kino. Waren das damals auch Ihre liebsten Kinos – und was haben Sie sich angeschaut?​

BERGMANN Ich bin ständig ins Passage-Kino gegangen, ins UT und auch ins Gloria, das es damals noch gab. Das war ein riesiger, leicht verfallener Filmpalast, wo ich fast allein im Vorführraum saß und ganz große Kinofilme genießen konnte. Im Passage-Kino liefen im Sommer immer alle möglichen Kultfilme, von Disney bis Hitchcock. Ich habe mir alles angeschaut, was es gab: Action, Horror, Comedy, Science-Fiction…​

In Los Angeles waren Sie unter anderem Botenjunge beim Fox-Studio – wie kann man sich das vorstellen? Ist man da ganz unten in der Nahrungskette?​

BERGMANN Im Gegenteil, ich gehörte überhaupt nicht zur Nahrungskette. Ich bin immer mit einem Golfwagen über das Studiogelände gedüst und habe wichtige Briefe und Pakete an wichtige Leute übergeben. Die haben sich in der Regel immer sehr gefreut, und sie waren eigentlich alle nett zu mir. Egal, ob Sekretärin oder Studiochef – ich wurde immer herzlich empfangen.​

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Haben Sie wirklich das Drehbuch zu „Titanic“ gelesen, bevor der Film gedreht wurde?​

BERGMANN Ja, das stimmt. Das Drehbuch geisterte durch das Studio, und ich durfte es auch lesen. Ich fand es übrigens doof. Meine Meinung damals: Die Geschichte ist hanebüchen, die Dialoge dämlich, und jeder weiß, dass das Schiff am Ende sinkt. Ein Flop!​

Sie haben 18 Jahre für das Magazin „Widescreen“ geschrieben, bevor es eingestellt wurde. Was waren die besten und die weniger guten Momente?​

BERGMANN Von den besten Momenten gibt es so viele, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Für mich war es ein ganz großes Privileg, mit so vielen großen Filmschaffenden sprechen zu dürfen. Ich habe dabei sehr viel über das Geschichtenerzählen gelernt. Zu den schlimmsten Momenten zählen peinliche Interviews, die ich aus irgendwelchen Gründen vergeigt habe. Das ist mir nur selten passiert, aber es war jedes Mal schrecklich.​

Ihre Hauptfigur fingiert ein Interview mit einem Star und macht es interessanter als es real war. Hatten Sie in Ihrer Journalistenzeit auch mal diese Versuchung? Im Roman spricht Klein ja auch davon, „den Deppen bessere Worte in den Mund“ zu legen.​

BERGMANN Manchmal hat es mich verwirrt, wenn die Gesprächspartner eine wunderschöne, naheliegende Antwort partout nicht geben wollten. Klar, ich kann die Versuchung verstehen, ein bisschen nachzubessern, aber es ist wie die Versuchung, eine Bank zu überfallen – sowas gehört sich nicht! Ich kannte mal jemanden, der das gemacht hat. Er hat Zitate gefälscht und ist dann aufgeflogen. Das war Betrug. Aber immerhin war es auch eine Inspiration für meinen Roman.​

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Ist die Figur des Kritikers im Roman eine Version Ihrer selbst – oder eher ein Gegenentwurf?​

BERGMANN Ein bisschen von beidem. Marcel Klein ist in vielen Dingen besser als ich, aber er ist auch ein Blender, ein Feigling, ein Schmock. Er ist meine Schattenseite.​

Was waren die schlimmsten realen Interview-Sätze, die Sie über die Jahre nicht mehr ertragen konnten?​

BERGMANN Die schlimmsten realen Interview-Sätze möchte ich nicht verraten. Das wäre unfair.​

Wie hatte sich die Arbeit über die 18 Jahre verändert? Sind die Stars immer mediengeschulter und damit weniger originell und offen geworden?​

BERGMANN Jungstars sind immer am schwierigsten. Sie haben zu wenig Erfahrung in dem Job, und vielleicht auch zu wenig Lebenserfahrung. Die alten Hasen kennen das Geschäft, sie nehmen sich nicht so ernst und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das macht viel Spaß.​

Wer aus der Filmbranche  hat sie damals am meisten beeindruckt, wer am wenigsten?​

BERGMANN Grundsätzlich gilt: Je größer die Stars, desto angenehmer ist das Gespräch. Am meisten beeindruckt hat mich die Oberliga, also Leute wie James Cameron, Steven Spielberg, Helen Mirren oder auch Ewan McGregor. Das sind souveräne Leute, die Spaß an der Sache haben. Mein Lieblingsinterview war mit Gary Oldman, der ist wirklich ein Schatz.​

Ihr Roman „Der Trick“ war ein Bestseller und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Hat man da als Autor ziemlich ausgesorgt? Oder ist das reichlich naiv meinerseits?​

BERGMANN Ausgesorgt habe ich leider keineswegs, aber „Der Trick“ war für mich bei manchen Krisen – beispielsweise Covid – ein echter Segen. Aber jetzt muss es irgendwie weitergehen.​

Haben Sie eine Meinung zu den aktuellen „Tatorten“ aus Saarbrücken?​

BERGMANN Ich habe noch nie einen „Tatort“ bis zum Ende durchgehalten. Ist nicht so meins. Ich verstehe nicht, warum man die Storys nicht spannender und vor allem bildlicher erzählt.​

Emanuel Bergmann: Tahara. Diogenes, 288 Seiten, 25 Euro.

Lesung in Saarbrücken: Freitag, 19. April, 19.30 Uhr, im Saarbrücker Filmhaus.
Karten gibt es bei der Buchhandlung Raueiser, Tel. (06 81) 379 18 30, ticket-regional.de
Das ganze Programm des Festivals: https://erlesen-saarland.de

„Sador – Herrscher im Weltraum“ – wie Roger Corman sich seinen „Krieg der Sterne“ bastelte

Die Heimkino-Ausgabe von "Sador - Herrscher im Weltraum".

Die Heimkino-Ausgabe von „Sador – Herrscher im Weltraum“.

 

Dank „Krieg der Sterne“ sausten Ende der 1970er viele Filme ins Weltall. Auch der begnadete Produzent Roger Corman mischte mit – mit seinem Händchen für Talente und niedrige Kosten. Sein Film „Sador – Herrscher im Weltraum“ ist jetzt wieder zu sehen – im Heimkino.

Hauptsache Weltraum! Am 25. Mai 1977 startet ein mittelgroßer Film namens „Krieg der Sterne“ in den US-Kinos, im Februar 1978 dann in Westdeutschland (in der DDR nie). Der Erfolg der Sternensaga mit kilometerlangen Raumschiffen, surrenden Lichtschwertern und einem röchelnden Bösewicht mit Helm in Wehrmachts-Optik, ist galaktisch. Flugs sausen viele Kinoproduzenten ins All: Die Besatzung von „Raumschiff Enterprise“ aus dem Fernsehen findet sich via „Star Trek – Der Film“ erstmals im Kino wieder; James Bond tauscht in „Moonraker“ den Smoking gegen einen Raumanzug. Kurz im Kino, länger dann im Fernsehen rauschen „Kampfstern Galactica“ und „Buck Rogers“ umher. Auch „Flash Gordon“ als kunterbunte Genre-Parodie. Für pubertäre Jungs mit einem Faible für Raumschiffe und galaktische Prinzessinnen ist dies eine gloriose Zeit.​

David Hasselhoff im All​

Auch jenseits Hollywoods will man dabei sein. In Japan bricht „Der große Krieg der Planeten“ aus; aus Italien, wo man gerne internationale Trends bedient (ob Sandalen-, Zombie- oder Söldnerfilm), kommt „Star Crash“: ein sympathisches Wunderwerk der antiquierten Spezialeffekte und überenthusiastischen Mimen – inklusive David Hasselhoff, der später im Fernsehen mit seinem Auto spricht und dann mit seinem geschmetterten „Looking for Freedom“ die Mauer zwischen DDR und BRD bröseln lässt.​

Trash-Klassiker „Turkish Star Wars“​

Ein Höhepunkt der Kunst des filmischen Abzockens: In der Türkei setzt man den Star Cüneyt Arkin mit einem Moped-Helm vor eine Leinwand, auf der mittels einer „ausgeborgten“ Filmkopie Szenen aus „Krieg der Sterne“ flimmern – der holprige Film findet unter dem inoffiziellen Titel „Turkish Star Wars“ viele Anhänger. Im All über der Türkei scheint das Urheberrecht so flüchtig zu sein wie Meteoritenstaub.​

Sybil Danning als Weltraumwalküre Saint-Exmin im Film "Sador - Herrscher im Weltraum".

Galaktisches Kostümgestaltung in „Sador“: Sybil Danning als Weltraumwalküre Saint-Exmin. Foto: Plaion​

In diesem Reigen der Imitate und Plagiate darf ein Mann nicht fehlen: US-Produzent Roger Corman, heute 97 Jahre alt. Seit Mitte der 1950er produziert er knallige Filme, im Auge stets Publikumstrends, Zeitgeist und niedrige Kosten. Viel flott Heruntergekurbeltes ist dabei, für den schnellen Konsum in Autokinos etwa, mit Titeln wie „Aufruhr im Mädchenwohnheim“ oder „Teenage Caveman“. Aber immer wieder schillern auch Perlen: nicht zuletzt seine bunten, wunderbar barocken Edgar-Allan-Poe-Adaptionen, meist mit Vincent Price. Oder sein Rockerfilm „Die wilden Engel“, der „Easy Rider“ von 1969 um drei Jahre voraus ist.

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Cormans vielleicht größtes Talent: sein Blick für bisher unentdeckte Talente. Die dürfen bei ihm filmen, wenn sie das Kommerzielle nicht aus dem Blick lassen und mit kleinen Gagen zufrieden sind. Etwa die späteren Großmeister Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, auch Jonathan Demme (später für sein „Schweigen der Lämmer“ berühmt) oder Joe Dante („Gremlins“); der dreht bei Talentschmied Corman im Kielwasser des „Weißen Hai“ seinen originellen Gruselfilm „Piranhas“ – kürzlich noch einmal im Saarbrücker Kino Achteinhalb zu sehen.​

Hommage an „Die glorreichen Sieben“​

Um sich nun an „Star Wars“ zu hängen, kauft Corman 1979 eine altes Holzfabrik, knaubt es zum Studio um und produziert für um die zwei Millionen Dollar (viel für Corman, wenig für ein Raumschlachten-Epos) den Film „Battle beyond the stars“. Der trägt bei uns den weniger epischen Titel „Sador – Herrscher im Weltraum“ und ist jetzt in einer mustergültigen Heimkino-Edition zu haben. Im Film bedroht ein Finsterling ein friedliches Volk auf dem Planeten Akir, dessen Name ziemlich schlüssig ist: Denn der Film ist eine Hommage an Akira Kurosawas Film „Die sieben Samurai“ (1954) und an jenen Western, der vor dem japanischen Original seinen (Cowboy-)Hut zog: „Die glorreichen Sieben“ von 1960, inszeniert von John Sturges.​

 

Robert Vaughn im Film "Sador - Herrscher im Weltraum".

Robert Vaughn, einst in „Die glorreichen Sieben“ zu sehen, einer Inspiration für „Sador“, als Söldner/Killer namens Gelt. Zwölf Jahre nach „Sador“ drehte er übrigens  einen „Tatort“ in Saarbrücken.​ Foto: Plaion

 

„Amazonen auf dem Mond“ auf Bluray

Bösewicht Sador will sich den Planeten unterwerfen – mit einer Waffe namens „Stellarkonverter“, was nicht ganz so bedrohlich klingt wie der „Todesstern“ bei „Star Wars“.  Und so macht sich der junge Shad (Richard Thomas, „John-Boy“ aus der TV-Serie „Die Waltons“) auf ins All, Hilfe zu holen. Zurück kommt er mit einer illustren Kleingruppe, die sich dem Diktator in den Weg stellt: darunter ein Weltraumcowboy (George Peppard), ein Echsenwesen, ein Quintett von Telepathen, eine blonde Walküre im knappen Textil (Sybil Danning) und ein Söldner auf der Flucht; den stellt, ziemlich stoisch, sinnigerweise Robert Vaughn dar, der bei den „Glorreichen Sieben“ mitschoss – und übrigens zwölf Jahre nach „Sador“ in Saarbrücken bei einem „Tatort“ mitspielte.​

Als „Avatar“ für James Cameron noch weit weg war​

Dass die Heldenreise dieser bunten Truppe zu einem guten Ende führt (wenn auch nicht für alle), überrascht nicht. Originell ist aber, wie dieser Film mit bunten Ideen und viel Talent gegen sein schmales Budget angeht, dank Cormans Auge für Begabung: Das witzige Drehbuch schrieb John Sayles, später Star-Autor/Regisseur des US-Independent-Kinos („Lone Star“); die wuchtige Musik komponierte ein damals junger Unbekannter namens James Horner, der später „Titanic“ und „Avatar“ untermalte – beides inszeniert von einem Mann, der bei „Sador“ noch kleinere Brötchen backte, als Designer und Bauer der Raumschiffe: James Cameron. Die Assistentin von Produzent Corman war damals Gale Anne Hurd. Sie und Cameron schrieben später zusammen „Terminator“, sie produzierte Camerons „Aliens“ und „Abyss“, ein paar Jahre miteinander verheiratet waren sie auch. Hollywood, so scheint es, ist ein Dorf.​ Regisseur Jimmy Murakami drehte nach „Sador“ keine Realfilme mehr, aber immerhin den Trickfilmklassiker „Wenn der Wind weht“.

Der Weltraumcowboy (George Peppard) und Shad (Richard Thomas), der Unterstützung für seinen bedrohten Planeten Akir sucht. Foto: Plaion

 

Wer sich in die Entstehungsgeschichte des Films versenken will, kann dies mit dem Bonusmaterial ausreichend tun: mit einem exzellenten Booklet von Stefan Jung über die Hintergründe der Dreharbeiten; mit einem aktuellen Interview mit dem scheinbar alterslosen Richard Thomas, der gerne zugibt, dass er es nie zum Filmstar gebracht hat; mit einem halbstündigen Rückblick auf die Dreharbeiten; und mit zwei Audiokommentaren – von Gale Anne Hurd und, sehr vergnüglich, vom Duo Sayles/Corman. Letzterer erzählt mit einigem Produzentenstolz, dass er die Weltraum-Effekte von „Sador“ in einem halben Dutzend späterer seiner Filme untergebracht hat. Gewusst wie – bezahlt waren die ja schon.​

Die Extras im Einzelnen:

1. Exzellentes Booklet von Stefan Jung, „Corman greift nach den Sternen“.
2. Audiokommentar mit Roger Corman und John Sayles
3. Audiokommentar mit Gale Ann Hurd
4. Rückblick „Space Opera on a shoestring“ (33 Minuten)
5. Interview mit Richard Thomas (15 Minuten)
6. US-Trailer (zweieinhalb Minuten)
7. Radiospot (eine halbe Minute)
8. Bildergalerie mit 127 Motiven – Plakate, Pressefotos, deutscher Werberatschlag.

Erschienen bei Plaion.

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