Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Krimi

Grimmig: „Shorta“ von Frederik Louis Hviid und Anders Olholm

Shorta Koch Films Krimi

Mit der Drangsalierung eines Jugendlichen (Tarek Zayat) durch Polizist Andersen (Jacob Lohmann) beginnt der lange Tag in der Vorstadt. Foto: Koch Films

Die ersten Bilder erinnern schmerzhaft an die Tötung von George Floyd durch die Misshandlung eines US-Polizisten vor einem Jahr: Im Film „Shorta“ liegt ein Mann am Boden, auf den Boden gepresst von dänischen Polizisten – später werden Ärzte versuchen, sein Leben zu retten. Im dänischen Hochhausghetto, aus dem der Misshandelte kommt, brodelt die Wut. Und genau dort ziehen die Polizisten Andersen (Jacob Lohmann) und Hoyer (Simon Sears) ihre Runden – keine guten Kollegen, sondern eine Zwangsgemeinschaft: Der besonnene Hoyer soll Andersen, einen Bär von einem Mann, voller Wut und Rassismus, im Auge behalten, gilt der mit seinem alphatierhaften Auftreten als wandelndes Risiko.

Das ist die Ausgangslage in der Heimkino-Premiere des Duos Frederik Louis Hviid und Anders Olholm (Regie und Buch), das souverän die Genre- und Spannungs-Mechanik beherrscht: Eine atmosphärische Montage mit Bildern grauer Hochhäuser, umflogen von Polizeihubschraubern, zieht ohne Schnörkel in den Film hinein; gereizt ist die Stimmung zwischen den beiden Polizisten, was sich noch zuspitzt, als Andersen, um zu zeigen, „wer hier das Sagen hat“, einen Jungen (Tarek Zayat) drangsaliert und demütigt. Als der sich wehrt, verhaftet ihn Andersen – doch aus dem Ghetto kommen sie nicht heraus: Jugendliche attackieren den Wagen, die Polizisten fliehen nun zu Fuß mit dem Verhafteten quer durch die Vorstadt. Für sie beginnt ein endlos langer Tag auf der Flucht, durch Keller, Hinterhöfe, Geschäfte, Wohnungen. Als urbaner Thriller, als Verfolgungsfilm funktioniert „Shorta“ in seiner ersten Stunde perfekt, zumal sich die kontrastreiche (und drohend klischeehafte) Charakterzeichnung der Figuren langsam auflöst – vom Schwarz-Weiß hin zu Grautönen. Da ist der bullige Andersen nicht mehr ganz nur ein schnell entflammbarer Macho-Polizist mit Rassismus-Duktus, „der böse Cop“; und Hoyer ist auch nicht mehr der komplett integre Muster-Beamte.

Dramaturgisch kommt der exzellent gespielte Film allerdings etwas ins Stolpern, als er von einer Annäherung zwischen den Polizisten und dem Verhafteten erzählt – das wirkt etwas bemüht. Und auch die Geografie des Ortes scheint sich je nach Plot-Erfordernis zu wandeln: Mal erscheint der Vorort als riesiges Viertel, aus dem man ohne Kompass nie wieder herausfindet. Dann wiederum ist er so klein, dass der angeschossene Andersen ausgerechnet bei der Mutter des Verhafteten zufällig Zuflucht findet. Dennoch: ein packender Krimi über Gewalt und Gegengewalt – entsprechend konsequent und düster fällt das Finale aus.

DVD, Bluray, digital bei Koch Films.

Pariser Terrorzelle: der Krimi „Made in France“

 

Terror Made in France

 

In Paris gründet sich eine Terrorzelle und plant einen Anschlag aufs Herz der Stadt. Der französische Film „Made in France“, gedreht vor den Anschlägen in Paris, erscheint bei uns auf DVD.

Zwei Mal hat das reale Morden diesen Film über islamistischen Terror eingeholt: 2014 gedreht, sollte „Made in France“ im Januar 2015 in Frankreich starten, wurde dann aber angesichts der Morde in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ verschoben – auf den November. Da geschahen die Anschläge von Paris, der Start des Films wurde auf unbekannt verschoben, ins Kino der Nachbarn kam der Film dann gar nicht mehr und erschien nur auf DVD, so wie jetzt bei uns.

Der Film von Nicolas Boukhrief, dem 2004 mit „Cash Truck“ ein finsterer Krimi gelang, ist eine merkwürdige Seh-Erfahrung: Vor dem Hintergrund des realen Terrors ist er beklemmend, als Film schnörkellos inszeniert, als Unterhaltung enorm spannend – und doch bleibt er letztlich unbefriedigend. Der investigative Journalist Sam (Malik Zidi), ein Mann mit muslimischen Wurzeln, arbeitet an einer Reportage und lebt sich in einer islamistischen Gruppe in einem Pariser Vorort ein; er besucht die Moschee, in der gegen westliche Dekadenz gepredigt wird und der dehnbare Satz fällt: „Mord ist verboten – es sei denn, er dient einem gerechten Zweck“. Sam freundet sich mit einigen Jugendlichen an, die die Rückkehr eines der ihren sehnsüchtig erwarten: „Hassan ist wieder da“. Der heißt bürgerlich eigentlich Pelletier, erzählt von seiner Ausbildung in Pakistan und davon, dass er hier in Paris eine Terrorzelle errichten soll. Mit heiligem Ernst sind die Jugendlichen dabei, auch zum Schein der Journalist. Hassan, die charismatische Führerfigur, weiht die Gruppe beim Waffenkauf in die Kunst des Mordens ein – es gibt die ersten Tote. Als der Journalist sich der Polizei anvertraut und aussteigen will, zwingt die ihn, weiter in der Gruppe zu bleiben, da sie unbedingt an die Befehlsgeber der Terrorzelle herankommen will. Sam bleibt dabei, in ständiger Angst, während Hassan das Ziel eines Bombenanschlags verkündet: die Champs-Élysées, an einem Samstag, wenn der Boulevard besonders überlaufen ist.

Die Angst des Eingeschleusten vor der Enttarnung, die knapp werdende Zeit – diese klassischen Elemente des Spannungskinos werden souverän genutzt. Und doch hätte der Film mit seinen kompakten 89 Minuten gerne eine halbe Stunde länger dauern und sich seinen Figuren stärker widmen dürfen. Die sind recht grob skizziert – ein Boxer aus der Vorstadt, ein offenbar gelangweiltes Bürgersöhnchen, ein Mitläufer, der erkennt, dass das Kämpfen nichts für ihn ist. Was den Anführer der Terrorzelle antreibt, was er im Gefängnis und in Pakistan erlebt hat, bleibt im Halbdunkeln. Dennoch wird immer wieder deutlich, wie fadenscheinig die religiöse Unterfütterung dieses pseudo-heiligen Krieges ist, wenn der Führer auf Fragen wie „Will Allah, dass wir Frauen und Kinder töten“ immer nur „Wir sind im Krieg“ antwortet. Neben ihrer Brutalität offenbart die Gruppe auch enorme Banalität, wenn sie lange darüber grübelt, welchen Namen sie sich geben soll, der medial besonders griffig klingt. Als der Bürgersohn vom „Krieg „für unsere Kinder in Palästina“ spricht, fragt ihn ein Mit-Terrorist: „Aber Du bist doch Bretone?“ Da hätte der Film sich mehr Zeit gönnen müssen, um tiefer in diese Gruppe der Verblendeten und Verirrten einzudringen. So zumindest bleibt ein politisch aktueller, sehr spannender Thriller, dessen Schlusspointe, die hier nicht verraten werden soll, ein Rätsel aufgibt: ein abgenutztes Klischee? Oder der Verweis auf die Macht des Glaubens abseits allen Terrors?

Erschienen auf DVD und Blu-ray bei Universum Film.

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