KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: DVD (Seite 1 von 2)

„Arctic“ mit Mads Mikkelsen

Mads Mikkelsen als Overgard. Foto: Koch Films Arctic

Mads Mikkelsen als Overgard. Foto: Koch Films

 

Stoisch und stumm gräbt der Mann im Schnee, schiebt Geröll und Steine hin und her, macht immer weiter. Was er da genau tut, zeigt sich erst, als die Kamera ihn von oben zeigt, aus der Vogelperspektive: Ein großes „SOS“ hat er in den Schnee gebuddelt. So beginnt „Arctic“, ein filmisches Kammerspiel in der Antarktis, ein Zwei-Personen-Stück, von denen eine meist bewusstlos ist und im ganzen Film nur ein Wort flüstert. Reicht das für die 95 Minuten?

„Arctic“, das Langfilmdebüt von Musiker und Videokünstler Joe Penna (auch Ko-Drehbuch) hat enormem Mut zur Reduktion. So stoisch, wie der Mann sein „SOS“ freigräbt, so stoisch folgt der Film dem Tagesablauf des Gestrandeten: Sorgsam kontrolliert er das Loch im Eis, in dem er ein Seil als Angelrute versenkt hat; sitzt mit einem Funksender, den  er per Handkurbel antreibt, auf einer Anhöhe; verstaut gefangene Fische im Eis, nimmt einen davon mit in sein Flugzeugwrack, schneidet ihn in exakte Streifen, isst ihn, legt sich dick eingemummt schlafen und schaut vorher noch einmal nach seinen Zehen, von denen einer schon erfroren ist. Wieder ein Tag überstanden und überlebt.

Was genau passiert ist, warum die Maschine abstürzte, erfährt man nicht. Das große Abwarten des Mannes, das rigide Festhalten an einem Tagesablauf,  scheint ohnehin ein Ende zu haben, als nach Wochen ein Hubschrauber über ihm kreist. Doch die Landung misslingt im schlechten Wetter: Der Pilot stirbt sofort, die Kopilotin (María Thelma) überlebt verletzt – so schwer, dass sie einen Arzt braucht, und der Mann mit ihr das in Angriff nimmt, was er wohl schon einmal vergeblich versucht hat: zu Fuß eine Siedlung zu erreichen. Er schnallt die bewusstlose Frau auf einen Schlitten, beginnt die Reise durch die Einöde mit ihren mörderischen Anstiegen, Schluchten im Schnee und einem weiteren Fleischfresser: einem Eisbären.

 

Mads Mikkelsen Arctic

Overgard am Ende seiner Reise. Foto: Koch Films

Wie reißerisch hätte man das inszenieren können – doch „Arctic“, für ein schmales Budget in Island gedreht, ist umso interessanter, als er  konsequent  das unterlässt und unterläuft, was man von einem konventionelleren Film wohl erwartet hätte: eine Exposition etwa, die einem die Figur des Gestrandeten näher bringt, ein wenig Hintergrund. Aber von dem Mann erfährt man kaum etwas, das darüber hinausgeht, was man sieht – die Figur definiert sich über ihre Handlungen. Immerhin einen schönen sprechenden Namen darf er (als Aufnäher an der Jacke) tragen, Overgard – ein großer Behüter und Hirte ist er ja durchaus. Aber Overgard erzählt nicht von einer Kleinfamilie mit Hund, die zuhause auf ihn wartet und spricht auch nicht – wie etwa Tom Hanks in „Cast Away“ – mit einem Volleyball mit einem Gegenstand, um über diesen Umweg dann doch ein paar Sätze ans Publikum zu richten. Die im Film früh angelegte Konfrontation mit dem Eisbären wird auch nicht zum großen Action-Finale, sondern ist einfach einer von mehreren Situationen, die Overgard gerade so überlebt, als Mensch in einer Natur, die weniger feindselig denn indifferent ist – der Mensch hat hier keinen rechten Platz.

Die ruhige Erzählweise mit den minimalen Dialogen und der sparsamen Musik ist riskant – mit einem ausdrucksarmen Schauspieler hätten sich wohl Längen ergeben, doch die Leistung von Mads Mikkelsen kann man schon herausragend nennen. Ohne dass er allzu viel tut, keine Zusammenbrüche, keine Weinkrämpfe zu spielen hat, macht der Däne das Innenleben seiner Figur spürbar: das Gefühl der Einsamkeit, der Durchhaltewille, an dem die Kälte und die Widrigkeiten der Reise unablässig zehren; und auch ein kurzer Moment, in dem sein Wille zur Aufopferung für einen anderen Menschen an seine natürliche Grenze kommt – wenn sich der Selbsterhaltungstrieb des Menschen einfach als stärker erweist. Das Ende dieses Films, der sich auch als sinniges Doppelprogramm mit der Ein-Personen-Odyssee „All is lost“ mit Robert Redford anbieten würde, soll hier nicht verraten werden. Aber es ist wunderbar zurückhaltend.

„Arctic“ ist als Blu-ray, DVD und digital bei Koch Films erschienen.

Die Welt ist schlecht, das Wetter auch: „True Crime“ mit Jim Carrey

Jim Carrey.     Foto: Bartosz Mrozowski

Es ist ja nicht so, dass Jim Carrey nur Komödien gedreht hätte. Aber über viele Jahre hat er beim großen Publikum doch ein Image als Komiker der  Extrem-Mimik kultiviert und betoniert – in Filmen wie „Dumm und dümmer“, „Der Dummschwätzer“ oder „Der Ja-Sager“. Versuche in anderen Rollen unternahm er gerne, aber nur mit mäßigem Zuspruch, abgesehen von der gewitzten Medienkritik „Truman Show“, die aber auch schon 21 Jahre alt ist. Carreys Komödien machten ihn zeitweise zum Bestverdiener, doch sie nutzten sich irgendwann ab – die späte Komödien-Fortsetzung „Noch dümmer“ von 2014, 20 Jahre nach „Dumm und dümmer“, wirkte weniger humoristisch denn schlicht verzweifelt. Was das Publikum auch spürte. Und Weniges ist weniger witzig als verzweifelte Komödien.

Mit dem Film „Dark Crimes“ erweitert Carrey sein Spektrum noch einmal und scheint sein Image mit großer Geste beerdigen zu wollen. Er spielt den polnischen Polizisten Tadek, nach einem dienstlichen Vergehen ins staubgraue Archiv versetzt, den ein ungelöster Mordfall nicht loslässt – zumal er Verbindungen zum korrupten Polizeichef vermutet. Insgeheim ermittelt er und hat schnell einen Verdächtigen: einen Schriftsteller, der in einem Roman den unaufgeklärten Mord verblüffend präzise schildert, ohne die Akten zu kennen. Doch ganz so einfach wie vermutet liegt der Fall nicht, und Tadek verliert langsam den Überblick, zumal ihn eine andere Person aus dem Mord­umfeld fasziniert – die fragile Prostituierte Kasia (Charlotte Gainsbourg).

 

 

Düsternis, Wendungen, mysteriöse Figuren – für einen packenden Krimi könnte das wohl reichen. Aber der griechische Regisseur Alexandros Avranas, der 2013 in Venedig einen Silbernen Löwen für das Familiendrama „Miss Violence“ gewann, hat an der üblichen Thriller-Mechanik augenscheinlich wenig Interesse. Ihm geht es um die Charakterstudie eines nahezu Besessenen, der sich so in den Fall verbeißt, dass ihm sogar die eigene Familie entgleitet. Tadek starrt beim Essen vor sich hin, schweigt, führt die Gabel mechanisch-aggressiv zum Mund. Zum Fürchten.

Es ist durchaus interessant, Carrey zuzusehen, er bleibt auch ohne mimische Exzesse ein charismatischer Darsteller, wobei ihm das Drehbuch auch das zugesteht, was viele wohl unter besonders ernster Schauspielkunst verstehen: Schreien, Weinen (und sich Übergeben). Dazu ein Rauschebart, der an den Gesichtsschmuck erinnert, der einst bei Steve McQueen spross, als er sich so ambitioniert wie erfolglos an Ibsens „Ein Volksfeind“ versuchte.

Die Handlung an sich bleibt  spannungsreduziert, der Film scheint vor allem darum bemüht, mit kunstvoll trostlosen Bildern eine dichte Atmosphäre zu schaffen. Das gelingt, unabhängig davon, wie realistisch sie auch sein mag – das Polen in diesem Film ist ein schmerzhaft öder, graubrauner Ort der muffigen Büros, des schlechten Wetters, der merkwürdig halbleeren Wohnungen (und Folterkeller für sexuelle Gewalt). Dieser auffällige Stilwille lässt „Dark Crimes“ manchmal prätentiös wirken, ein wenig wie der verdächtige Schriftsteller, der bei Pressekonferenzen so pompöse Sätze deklamiert wie „Alles ist subjektiv“ oder „Die Wahrheit ist das, was man aus ihr macht“. Die leicht erregbaren Journalisten klatschen andächtig.

Man muss sich bei diesem ambitionierten Film ein wenig bemühen: Gelingt es einem, sich auf den manchmal fast meditativen Rhythmus einzustellen, lohnt sich das: wegen der Bilder, der Atmosphäre und wegen Carrey. Gelingt es einem nicht, wird man bis zum traurigen, in Maßen überraschenden Ende nicht durchhalten.

„Dark Crimes“ ist als DVD und Blu-ray bei Studio Hamburg erschienen und auch bei Netflix zu sehen.

Kindheitserinnerung auf DVD: „Die Rebellen vom Liang Shan Po“

Schulhofgespräch Nummer 1 war das, montagmorgens 1980: Wie haben der edle Lin Chun und seine Getreuen dem kaiserlichen Schmierlappen Kao Chiu wieder mal ein Schnippchen geschlagen? Und wie geht es weiter mit diesen „Ausgestoßenen im Kampf gegen die Tyrannei“, wie der Erzähler sie nennt?

Reifere Leser werden es ahnen: Es geht um die TV-Serie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“. 1973/74 wurde sie produziert, Ende 1980 lief sie erstmals in der ARD – am familienfreundlichen Sendeplatz Sonntagvorabend. Basierend auf chinesischen Volkssagen erzählt die japanische Serie von Männern (und einer Frau), die sich, nicht zuletzt mit dem Schwert, gegen die Gewaltherrschaft des Kaisers auflehnen, der sein Volk hungernlässt. Um Edelmut und Korruption geht es, um Freiheitskampf und Unterdrückung – erzählt mit viel Aufwand an Kostümen und Pferden, mit einem großen Ensemble und, für eine TV-Serie, viel Action. Die entsetzte jedoch, auch wenn die ARD schon manches entschärft hatte, viele Eltern und Jugendschützer. Nach Protesten wurde die Serie abgesetzt; die noch ungesendeten Folgen liefen dann 1982 und 1983 zu späterer Stunde.

Vor Jahren erschien die Serie als DVD-Edition, in mäßigem Bild und nur mit den Kürzungen der ARD (denen damals nicht nur Action-, sondern auch Dialogszenen zum Opfer gefallen waren). Mehr als verdienstvoll also, dass der Anbieter Turbine nun die ungekürzten Folgen in überarbeiteter Bildqualität auf DVD und Blu-ray herausbringt und die damals gekürzten, nun erstmals kompletten Szenen neu synchronisiert hat – mit den meisten Sprechern von damals. Allen voran Christian Rode, der noch einmal als edler Lin Chun vor das Mikrofon trat. Es war eine seiner letzten Arbeiten, Rode starb im Februar. Das macht seine Begrüßung auf der ersten DVD dieser schönen Box etwas wehmütig.

Erschienen bei Turbine Medien. 26 Folgen, 1200 Minuten.
Extras: Informationen zu Kürzungen und der Restaurierung, Interview mit Filmwissenschaftler Rolf Giesen und China-Experte Wolfram Wickert sowie nicht zuletzt ein sehr gutes Booklet.

Verblöden und Zeittotschlagen: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“, neu auf DVD

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Paschas Traum: Sig Prun (Martin Benrath) umrahmt von seinen Lebensgefährtinnen – gespielt von Francesca Tu, Hannelore Elsner und Katrin Schaake (von links). Foto: Pidax Film

 

Eine schöne DVD-Ausgrabung von 1971: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“ erzählt von einer Welt der 1-Stunden-Arbeitswoche und der zwangsweisen Freizeitgestaltung. Langsam verblödet man – bis ein junger Mann  gefährliche Fragen stellt.

 

Rente mit 67? Oder 70? Darum muss sich in dieser Welt der Zukunft niemand sorgen – denn es gibt die Frühestrente für alle. Dank der Automatisierung der Arbeit kann man im 23 . Jahrhundert  von der Drei-Stunden-Arbeitswoche auf die weniger aufreibende Ein-Stunden-Variante herunterfahren. Doch diese neue Welt ist nur scheinbar schön und menschenfreundlich: Der Müßiggang ist penibel geregelt von der „Weltfreizeitzentrale“ – da muss man etwa zum Yoga nach Kapstadt fliegen, ob man nun will oder nicht, sonst gibt es staatliche „Minuspunkte“. Und die Fortpflanzung im traditionellen Sinne ist auch nicht jeder „Zeugungsgemeinschaft“ gestattet, es gibt strenge „selektive Verfahren“.

1971 entstand dieser Fernsehzweiteiler „Dreht Euch nicht rum – der Golem geht um“, den die Riegelsberger DVD-Firma Pidax jetzt für das Heimkino ausgegraben und abgestaubt hat. Regisseur Peter Beauvais (1916-1986, „Deutschstunde“, „Ein fliehendes Pferd“) entwirft, nach einem Drehbuch von Dieter Waldmann, eine Welt des kalten Konsums und des Müßiggangs, der aber nicht der persönlichen Entwicklung dient, sondern eher dem kollektiven Zeittotschlagen. In wallenden Gewändern (die Frauen meist ohne BH) wandeln die blondierten Zukunftsmenschen durch sterile Plastikwohnungen, räkeln sich auf großen Betten mit Flokati-bezug, an der Zimmerdecke pulsiert ein Riesenbildschirm. Eigentlich ist Sig Prun (Martin Benrath) damit ganz glücklich – schließlich kümmern sich drei Gattinnen (eine davon von Hannelore Elsner gespielt) um sein Wohlergehen. Doch dass der Staat ihm ein Kind verweigert, weil sein Intelligenzquotient eher mittelprächtig zu sein schein, setzt seinem Ego zu. „Es wird gezeugt – und damit basta!“ Den dabei entstandenen Sohn Botho will er allerdings nicht erziehen, denn der Freizeitstress lässt ihm einfach keine Zeit. Wie gut, dass ein Bekannter an einem Intelligenzverstärker arbeitet, auch wenn das eigentlich verboten ist – denn totalitäre Staaten wie dieser haben traditionell wenig Interesse an mündigen Bürgern. Doch der Intelligenzverstärker macht aus dem etwas tumben jungen Mann einen großen Fragesteller: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Und wäre sie anders nicht sinnvoller? Fragen, die ihn in Gefahr bringen.

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Meldung an die Staatsmacht – eine Szene mit Helga Feddersen. Foto: Pidax Film.

Gerade in den 1970er Jahren gab es einige düstere filmische Blicke in die Zukunft: etwa der Film „Jahr 2022“ mit Charlton Heston, in dem die überbevölkerte Welt nur noch, ohne dass sie es weiß, mit Menschenfleisch in Keksform gesättigt werden kann; oder „Geburten verboten“ über eine rigorose Null-Kind-Politik eines maroden und verseuchten Planeten Erde. Der fünf Jahre später als „Golem“ entstandene Kinofilm „Flucht ins 23. Jahrhundert“ entwarf eine ganz ähnliche Welt (auch mit ähnlichen Kostümen), in denen befohlene Muße und Konsum das Leben regieren – sinnigerweise wurde der Film überwiegend in einem neuen Einkaufszentrum gedreht.

„Golem“ nun ist kein Kinofilm, sondern Fernsehen aus alten Tagen. Da wird sehr viel Exposition über Dialoge vermittelt, und zumindest die erste Hälfte dieses Zweiteilers wirkt fast theaterhaft und mit seinen wenigen Kulissenräumen sogar etwas beengt – passenderweise, beschreibt er doch eine Welt des Immergleichen und Austauschbaren. Heute würde man wohl etwas flotter erzählen, aber „Golem“ lohnt sich: Grundlegend der Schauspieler wegen (vor allem Martin Benrath als Pascha-Spießer der Zukunft, Hannelore Elsner, Dietrich Mattausch, Helga Feddersen) und der Konsequenz, mit der der Film seine Prämisse durchspielt und dabei auch einen hintersinnigen Humor demonstriert: Da die natürliche Fortplanzung ein Nischenprogramm ist, kann es zu einem Dialog wie diesem kommen: „Lass das mal nicht Deine Eltern hören!“ „Ich hab‘ keine, ich bin ein Retortenkind.“ Die gelangweilten Konsumbürger entdecken für sich die nicht allzu schmerzhafte Selbstauspeitschung („Es lebe der Masozynismus!“), während die Jugend ein wenig gegen das Nichtstun aufbegehrt, „arbeitsähnliche Zustände“ fordert  und „Sachen machen! Sachen machen!“ skandiert. Charmant ist auch die Idee, dass man in dieser Zukunftswelt auf das baldige Ableben der Nachbarn wetten kann – dumm nur, wenn man dem Wettglück mit Strichnin nachhilft, wie es eine Bürgerin tut. „Golem“ erzählt satirisch zugespitzt von einer Welt des Überflusses, der mangelnden  Empathie und der ichbezogenen Verblödung – so gesehen passt der Film von 1971 auch ins Heute.

Erschienen bei Pidax Film.

http://www.pidax-film.de

 

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

 

Jules Herrmann und ihr Film „Liebmann“

Liebmann Jules Herrmann

Regisseurin Jules Herrmann

 

Jules Herrmann Godehard Giese Liebmann

Godehard Giese

 

Wenn er doch endlich schlafen könnte. An Lärm liegt es nicht – in dem  französischen Flachlandnest, in das sich der Deutsche Liebmann zurückgezogen hat (oder geflüchtet?), hört man höchstens den Wind sachte durch die Bäume säuseln – ganz selten schallt ein Schuss durchs Dickicht. Die Jäger, erklärt Liebmanns Vermieter, der nicht schlau wird aus diesem freundlichen, aber wortkargen Mann, dessen Französischkenntnisse davon abzuhängen scheinen, was man ihn fragt (bei Privatem sind sie nicht mehr vorhanden).

In ihrem herausragenden Spielfilmdebüt „Liebmann“ erzählt die 1970 in Saarbrücken geborene Regisseurin Jules Herrmann (plus Buch, Produktion und Schnitt) die Geschichte eines Rückzugs, von der Suche nach einem Neuanfang. Etwas nagt, vielmehr frisst an Liebmann, er mag örtlich weit weg sein von dem, was geschehen ist, aber es lässt ihn nicht los. „Du erinnerst mich an Ines“, sagt er einmal zu seiner Nachbarin – quälen ihn Liebeskummer oder gar der Tod seiner Freundin/Frau? Der Film lässt das lange rätselhaft, und wenn er auf Hintergründe blicken lässt, überrascht er immer wieder, unterläuft  Erwartungen und bricht mit Wonne den eigenen Erzählfluss: Die deutliche Annäherung seitens der netten Nachbarin wird in einem kleinen „Film im Film“ aus Kindersicht persifliert. Und wenn „Liebmann“ den Grund der Seelenqual erklärt und dabei zeitweise seinen luftigen Erzählduktus zu verlieren droht, entgeht er dieser Schwere durch einen kleinen Strindberg-Exkurs, der wie eine Parodie aufs klassische Arthouse-Bildungsbürgerkino wirkt. Wie Herrmann das alles filmisch schlüssig unter einen Hut bekommt, ist famos. Bittersüß ist „Liebmann“ und bei allem Kummer der Hauptfigur, eindringlich gespielt von Godehard Giese, auch immer wieder sehr komisch, auf stille Weise.

Ungewöhnlich ist auch die Entstehung des Films: Herrmann hat die Idee in sechs Tagen entwickelt, auf 27 Zetteln waren Handlung und einzelne Szenen skizziert – und los ging es ins nordfranzösische St. Erme in der Nähe von Reims. Herrmanns Arbeitshypothese: „Alles kann, nichts muss – und vielleicht geht alles schief.“ Man habe beim Dreh ganz auf Intuition gesetzt, „denn es gab keine  Zeit für Analyse“, sagt Herrmann bei der Vorstellung des Films im Kino Achteinhalb. Schnell musste es gehen, zum einen weil Herrmann den Dreh selbst finanziert hat (Unterstützer kamen erst später dazu) und weil Godehard Giese nur knapp drei Wochen Zeit hatte. Giese und Herrmann kennen sich seit Jahren, sind befreundet; er spielte in Herrmanns Kurzfilm „Auszeit“, 2006 im Ophüls-Wettbewerb, sie produzierte und schnitt Gieses Regiedebüt „Die Geschichte vom Astronauten“. Schmale 15 Drehtage hatten sie nun für „Liebmann“, dessen Handlung zwar vor Ort entwickelt wurde, „aber es wurde nie vor der Kamera improvisiert“, betont Herrmann. Sie wollte keinen jener betont spontan und etwas formlos wirkenden Improvisationsfilme drehen, „Liebmann“ wirkt geschlossen und buchstäblich formvollendet. Ein halbes Jahr schnitt Herrmann, die von 1999 und 2005 Regie in Potsdam studierte (und zuvor BWL in Saarbrücken), den Film – am Ende unter besonderem Druck, denn die Berlinale 2016 wollte den Film als Uraufführung zeigen, „da musste alles sehr schnell gehen“. Danach hat der Film eine Festival-Weltreise angetreten, lief unter anderem in Toronto, Mailand, Irland und Taiwan. Nur, und das verwundert Herrmann angesichts ihres in Frankreich und fast ausschließlich in Französisch gespielten Films, hält sich das Interesse von gallischen Festivals oder Verleihern in Grenzen. „Wir haben uns da lange bemüht, aber jetzt haben wir keine Lust mehr.“ Pech für die Nachbarn.

„Liebmann“ gibt es jetzt auch auf DVD, bei MissingFilm


Fotos: Sebastian Egert/MissingFilms

 

Jules Herrmann Godehard Giese Liebmann

 

Jules Herrmann Godehard Giese Liebmann

 

Todesreise im Schnee: „The Grey“ von Joe Carnahan

The Grey Joe Carnahan Liam Neeson

Ein klarer Fall von Marketing-Irreführung: Der Trailer von „The Grey“ lässt einen Actionfilm im Schnee vermuten, mit einem Finale, in dem Liam Neeson, seit „Taken“ auch eine Art Action-Held,  sich mit Wölfen prügelt, mit zerbrochenen Schapsfläschchen zwischen den Fingern als Krallenersatz – siehe Foto. Der tatsächliche Film geht  in eine etwas andere Richtung. Regisseur und Ko-Autor Joe Carnahan („Narc“, „The A-Team“, auch mit Neeson) schickt seine Figuren auf eine Todesreise. Neeson spielt Ottway, den Angestellten einer Raffinerie in Alaska, der die Kollegen mit seinem Jagdgewehr schützt – etwa vor Wölfen, die mit der Geschwindigkeit eines Sportwagens durch den Schnee in Richtung Menschenfleisch pflügen. Bei einem Flug stürzt die Maschine der Firma ab, eine Handvoll Menschen überlebt, unter ihnen Ottway, der als Alpha-Rüde die Gruppe durch die Wildnis führt – verfolgt von Wölfen, die sich mit effektiver Logik die Schwächsten heraussuchen. Doch es geht im Film nicht um Mensch contra Wolf, sondern um den Menschen und seinen Tod, dem jeder einzelne in einigen sehr berührenden, oft auch drastischen Szenen anders begegnet – mit Panik oder innerer Ruhe, mit Resignation oder einem letzten Aufbäumen.

Vor dem Hintergrund einer tödlich eisigen, gleichzeitig ehrfurchtgebietenden Natur nimmt der Film seinen knapp, aber prägnant skizzierten Figuren die scheinbare Sicherheit des Macho-Gehabes und der Männerrituale. Ohne sie bleiben sie einsame Figuren im Schnee – selbst Alpha-Rüde Ottway, dessen letzten Gang dieser Film überraschend erzählt.

Auf DVD und Blu-ray erschienen bei Universum. Bonus: Überflüssige Mini-Interviews, Aufnahmen von Dreharbeiten und ein sehr guter Audiokommentar des Regisseurs. Fotos: Universum.

 

The Grey Joe Carnahan Liam Neeson  The Grey Joe Carnahan Liam Neeson

The Grey Joe Carnahan Liam Neeson

Männerfreundschaft und Motoren: Ein Buch über Steve McQueen, Siegfried Rauch und „Le Mans“

Le mans Steve McQueen

Le mans Steve McQueen

Le mans Steve McQueen Siegfried Rauch

 

Rasende Autos, zusammenkrachende Egos – die Dreharbeiten 1970 zum Rennfilm „Le Mans“ hatten es in sich. Abseits des Trubels entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den Darstellern Steve McQueen und Siegfried Rauch, die nun ein Buch verewigt.

Es sollte der definitive Film über den Autorennsport werden und über die 24 Stunden von Le Mans. Doch öfter noch als die Wagen auf der legendären Rennstrecke krachten die Egos ineinander – die von Star/Produzent Steve McQueen und von Regisseur John Sturges. Der war mit McQueen in den Filmen „Die glorreichen Sieben“ und „Gesprengte Ketten“ besser zurecht gekommen. In Le Mans hatte er irgendwann von seinem einmischungsfreudigen Star die Nase voll und verabschiedete sich mit dem schönen Satz „Ich bin zu alt und zu reich für diese Scheiße“. TV-Regisseur Lee Katzin brachte den Film irgendwie zu Ende, ganz glücklich war am Ende niemand – die Rennszenen waren zwar rasant, Dramaturgie und Spannung aber untertourig.

Erfreulicher war da die Freundschaft, die sich zwischen McQueen und seinem Kollegen Siegfried Rauch entwickelte. Der spielte McQueens deutschen Konkurrenten Erich Stahler (ein typisch deutscher Hollywoodname). Von dieser Freundschaft, dem Film und dem Renn-Rummel handelt das bunt gemischte, sehr unterhaltsame Buch „Unser Le Mans“. Da erzählt Rauch, wie das angefangen hat mit McQueen, den er bei den Dreharbeiten erst einmal in Ruhe lässt, was dem Viel-Umrummelten positiv auffällt. Man kommt ins Gespräch, tauscht sich über die jeweiligen armen Kindheiten aus und findet so einen Draht zueinander. Nach den Dreharbeiten geht es gemeinsam nach Paris, später besucht McQueen Rauchs Familie im Schatten der bayerischen Alpen und wird der Taufpate von Rauchs Sohn Benedikt. Irgendwann, wie es halt so geht, verliert man sich aus den Augen, die Jahre fliegen – bis Rauch vom Krebstod McQueens 1980 in der Zeitung liest. Einige Fotos zeigen einen ungewohnt entspannten McQueen in der rustikal gemütlichen Wohnstube Rauchs. Vier Briefe an Rauch sind abgedruckt, in denen der Amerikaner ihn jedesmal anders anredet: „Sigi“, „Siegi“, „Ziggi“ und „Ziggy“. McQueensche Vielfalt.

Diese Freundschaft ist ein Aspekt des Buchs – aber es geht auch generell um das Rennen in Le Mans, um die Dreharbeiten und den Rennsport; da werden einige Porsche vorgestellt, darunter der legendäre 917, Fahrer und Techniker erzählen von damals und heute. Film- und Autofans, McQueen- und Rauch-Anhänger werden bei der Lektüre gleichermaßen zufrieden sein.

 

Unser Le Mans. Siegfried Rauch. Steve McQueen – Der Film. Die Freundschaft. Die Fakten. Herausgegeben von Hans Hammer. Delius Klasing Verlag, 208 Seiten, 29,90 Euro. Die DVD des Films ist bei Paramount erschienen.

„Sie sind verdammt“ von Joseph Losey

Joseph Losey

Kaum jemand sezierte im Kino die britische Klassengesellschaft (und die Gesellschaft im Allgemeinen) so schmerzhaft genau wie ausgerechnet der amerikanische Regisseur Joseph Losey (1909-1984). Seine bekanntesten Filme „Der Diener“ (1963) und „Accident – Zwischenfall in Oxford“ (1967), beide mit Dirk Bogarde in der Hauptrolle, sind finstere Filme über Lug, Trug und gesellschaftliche Hierarchien.

Nun erscheint ein weniger bekannter Film Loseys aus dem Jahr 1963 erstmals bei uns auf DVD. „Sie sind verdammt“  führt an die britische Südküste, wo ein Urlauber in der Nähe einer Militärbasis merkwürdige Höhlen entdeckt – bevölkert von Kindern, die rund um die Uhr vom Militär überwacht werden und eine eisige Körpertemperatur besitzen. Die Auflösung soll nicht verraten werden, aber voller Pessimismus denkt der Film über eine Gesellschaft nach, die sich schon einmal rüstet für das Leben nach dem Atomkrieg. Ein beunruhigender Film, der damals für die knallige Gruselfirma „Hammer“ entstand, seinen Schrecken – und sein Anliegen – aber subtil transportiert.

Anbieter: Explosive Media

„The Immigrant“ von James Gray – TV-Premiere am 14. 12. bei Arte

Immigrant james Gray Marion Cotillard

James Grays Film „The Immigrant“ hätte die Kinoleinwand verdient gehabt – in Deutschland erschien der Film direkt auf DVD, jetzt erlebt er seine TV-Premiere. Er erzählt vom Leidensweg einer jungen Polin, die im New York des Jahres 1921 zu überleben versucht.

Ein trügerisches Bild des Willkommens: Die Freiheitsstatue ragt in den Himmel, aber sie wirkt im Nebel nur schemenhaft – und ist auch noch von hinten zu sehen. Der amerikanische Traum scheint in Sichtweite und dennoch weit entfernt im ersten Moment des Films „The Immigrant“. Die junge Polin Ewa (Marion Cotillard) kommt 1921 in New York an, auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch ihre mitreisende Schwester wird wegen Verdachts auf Lungenentzündung gleich in Quarantäne behalten, man droht ihr, sie zurückzuschicken – auch Ewa, denn der Einwanderungsbehörde kommen Gerüchte zu Ohren, sie habe sich auf der Überfahrt von Europa als Frau „von niederer Moral“ erwiesen. Vor der Abschiebung bewahrt sie nur der mysteriöse Bruno Weiss (Joaquin Phoenix), der seine Kontakte spielen lässt, Bestechungsgeld zahlt und Ewa von der Hafeninsel Ellis Island mit in die Stadt nimmt. Der scheinbare Menschenfreund hat ganz andere Motive – dass er für ein Theater attraktive Tänzerinnen anwirbt, ist nur die halbe Wahrheit.

Der amerikanische Regisseur und Autor James Gray, Jahrgang 1969, ist so etwas wie ein Heimatfilmer: Seine Werke „Little Odessa“ (1994), „The Yards – Im Hinterhof der Macht“ (2000) und „Helden der Nacht“ (2007) erzählen von Familienstrukturen, von Polizei und Gewerkschaften, aber immer auch von Grays Geburtsstadt New York, vom Leben dort und der (meist düsteren) Atmosphäre. Gray, dessen Großeltern aus der Ukraine stammen, schildert nun die Geschichte einer schwierigen Heimatsuche und konzentriert sich dabei ganz auf die Hauptfigur. Man erlebt New York durch Ewas Augen: als Labyrinth schäbiger Hinterhöfe, beengter Wohnungen und karger Behördenzimmer. Kameramann Darius Khondji („Sieben“, „Amour“) findet atmosphärische Bilder, zart getönt in Sepiabraun, aber ohne nostalgische Färbung – das 1921 des Film ist auch bildlich im Hier und Jetzt verankert.
New York ist hier eine Welt der strengen Teilung zwischen Haben und Nichthaben – und es ist eine Männerwelt, in der Ewa nur ihren Körper als Währung einsetzen kann. Bruno macht sie zur Prostituierten, und Ewa wehrt sich nicht, weil sie für sich und vor allem ihre Schwester zu allem bereit ist. Gray macht daraus kein Rührstück – er zeigt einfach, wie sich eine Person einer katastrophalen Situation stellt und dabei enorme Stärke beweist. Die Figuren sind vielschichtig: Marion Cotillard spielt Ewa anrührend, zelebriert aber keine Leidens-Leistungsschau. Joaquin Phoenix spielt einen Zuhälter, der sich langsam in Ewa verliebt, vor allem wohl in ihre Integrität, die ihm so fern ist – am Ende scheint Bruno in Selbsthass zu köcheln. Ein Varieté-Magier (Jeremy Renner) scheint eine Ausflucht aus Ewas Misere zu sein, aber der Film macht es sich nicht so simpel, einfach einen besseren Mann als Rettung anzubieten.

Mittwoch, 14.12., 20.15 Uhr, Arte.
Auf DVD ist der Film bei Universum erschienen.
Die Fotos stammen von Arte France/Wildside.

 

Der Donnergott tingelt: „I am Thor“ auf DVD

 

I am Thor

Muskelberge, platzende Wärmeflaschen (und platzende Plattenverträge), ein großer Gummihammer und ein noch größerer Glaube an sich selbst: Die tragikomische Dokumentation „I am Thor“, auf DVD zu haben, erzählt von der Karriere des Hardrockers Jon Mikl Thor, vom Tingeln, Scheitern und vom immer wieder Hochrappeln.

Sechs zahlende Zuschauer an einem besonders trüben Abend. Eine Band, die sich kollektiv absetzt. Und dann landet die Requisitentasche mit Helm und Gummihammer auf dem falschen Flughafen. Das Schicksal ist dem Donnergott ungnädig, aber Jon Mikl Thor gibt nicht auf. In den 80ern war der kanadische Bodybuilder und Musiker für kurze Zeit eine mittelgroße Nummer: mit einer theatralischen Rockshow, bei der er unter anderem Wärmeflaschen durch Aufpusten platzen ließ, und donnernden Alben wie „Keep the dogs away“ oder „Striking Viking“; doch Missmanagement, Scheidung und eine Depression warfen Thor aus der Bahn – bis er Ende der 90er ein Comeback versuchte, mit weniger Haaren und mehr Bauch.

Die tragikomische Dokumentation „I am Thor“ von Ryan Wise und Alan Higbee begleitet diesen jahrelangen Comeback-Versuch, das Tingeln, das Selbstbeschwören, das Schönreden, das ewige Weitermachen – auch wenn der Show-Gürtel mit den Gummitotenköpfen spürbar enger wird. Ohne spürbare Ironie stellt Thor seine Texte auf eine Stufe mit Bob Dylan – auch wenn Dylan wohl nie Titel wie „Thunder on the Tundra“ oder Zeilen wie „The time has come to shit the pants“ ersonnen hat. Ein Thor-Fan schätzt das Oevre treffend ein: „Well, it’s not Shakespeare“. Nur der unerschütterliche Glaube an sich selbst – teilweise Resultat von Antidepressiva – rettet Thor, wenn etwa sein Ferner-liefen-Name auf einem Festivalplakat nur mit der Lupe lesbar ist. Herrlich absurd ist diese Tingelbiografie und anrührend – dass Thor am Ende bei einem finnischen Festival von treuen Metal-Fans gefeiert wird, gönnt man diesem Stehauf-Mann von Herzen.

Erschienen bei Studio Hamburg, auch als Special Edition mit einer Bonus-DVD voller TV-und Bühnenauftritte.

« Ältere Beiträge

© 2020 KINOBLOG

Theme von Anders NorénHoch ↑