Film und dieses & jenes, von Tobias Keßler

Schlagwort: Literatur

„Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger“

Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger

Schriftsteller, Verlags- und Buchmensch Michael Krüger.  Foto: Real Fiction

„Man muss sich ja langsam auf den Tod vorbereiten“, sagt Michal Krüger. Ganz ohne Larmoyanz, sondern eher aus ganz nüchterner, praktischer Sicht heraus – zumal er zu diesem Zeitpunkt noch kerngesund ist. Man müsse die ganzen „Trümmer aus dem Kopf kriegen“, Gedanken, Projekte; sonst sei man zu schwer und könne ja nicht „in den Himmel aufsteigen“. Es ist Dezember 2013, wir sind in einem büchergefüllten Büro in München. Hier tritt Michael Krüger, damals 69 Jahre alt, seine letzten Monate als Geschäftsführer des Hanser Verlags an. Auf ihn wartet nicht der Tod, von dem er spricht, sondern ein wenig mehr Ruhe – die er aber sofort wieder randvoll füllt, mit Projekten, Lesungen, Schreiben, Buchprojekten.​

Einmal die Woche Franz Kafka​

Für sein berührendes filmisches Porträt „Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger“ hat der Filmemacher Frank Wierke den Schriftsteller und Verlagsmenschen regelmäßig zu Gesprächen getroffen – von 2013, dem Beginn des Films, bis zum Februar 2020. Wierke (Buch, Kamera, Schnitt) lässt Krüger an verschiedenen Orten über sein Leben sprechen, über die Kunst, über die Philosophie, die Natur und auch die Rückenschmerzen durchs ungeübte Mähen per Sense „nach 40 Jahren Büroarbeit“. Ein filmisch zurückhaltendes Konzept mit großer Wirkung. Diesem Menschen hört man gerne zu, wunderbar spricht er über den Baum in seinem Büro, der ihn wohl überleben werde, über die Systematik im Bücherregal seines heimischen (und riesigen) Arbeitszimmers („ich kenne die Ordnung, sonst keiner“); über seine notwendige Franz-Kafka-Dosis einmal die Woche – und über andere Bücher, die er kaum noch aufklappt, deren Präsenz alleine aber schon wertvoll sei. „Sie beschützen einen.“      ​

Das könnte nun ins Prätentiöse abgleiten, aber Krüger ist nicht der Typ dafür. Von seiner Bibliothek führt er uns in seinen Garten und erzählt von seinen Bäumen, die ihn faszinieren, vor allem einer, der schon ein „Todeszeichen“ gab, dann aber sozusagen die florale Kurve bekam, wohl beseelt vom „Willen, es allen noch mal zu zeigen – wie bei alten Herrschaften“, wobei Krüger sich natürlich auch ein wenig selbst meint.​

Hat Philosophie noch was zu sagen?​

Biografisches erfährt man eher am Rande – sein Leben habe vor allem aus Büro, Ehe und Basketballtraining bestanden, erzählt Krüger nebenbei, zwischendurch erwähnt er seine Lehre zum Verlagsbuchhändler und Drucker. Vor dem Gang ins Kino, der sich unbedingt lohnt, sollte man vielleicht kurz Krügers Lebensweg googeln; dann versteht man auch, warum er in einem Raum der Akademie der Künste steht und auf München herabblickt, mit dieser „ganzen Angeberwelt“: Krüger war von 2013 bis 2019 Präsident der Akademie. Dort legt er im Film die Füße auf einem Ledersofa hoch und denkt laut über die Philosophie nach – das Schöne dran: Bei Krüger wirkt das nicht wie eine Selbstinszenierung, nicht wie eine entrückte Dichterpose. Dafür ist er zu nüchtern, ebenso bei seiner Sicht auf die Dinge: Eigentlich spiele die Philosophie keine große Rolle mehr in der Welt oder in Deutschland, wo sich „ein paar 1000 Leute von 80 Millionen“ für sie interessierten. Die Religion könne vielleicht ein Trost sein, auch wenn beim Gang in die Kirche „zu 99 Prozent“ nichts mit einem passiere – entscheidend sei das eine Prozent.​

Immer wieder sind Gedichttexte Krügers im Film präsent, in weißer Schrift auf grauem Grund – schwarzer Grund hätte wohl zu wuchtig gewirkt und somit nicht zu Krügers klarer Sprache gepasst.​

Eine Krankheit kommt​

Im Lauf der Dreharbeiten erkrankt Krüger an Leukämie – er nimmt es im Film äußerlich nüchtern auf, fast scheint es wie ein weiteres der vielen Themen, die ihn interessieren, die er mit höchster Neugier umkreist. Er sei „immer weniger Herr im Haus“ seines Körpers, gibt er zu, man fühle sich „langsam aus sich selbst herausgedrängt“. Aber so wie Krüger macht auch der zurückhaltende Film keine große Sache aus der Krankheit – Krüger lebt übrigens und war bei einer Premiere des Films dabei. Sie ist eher eine Befeuerung von Krügers Nachdenken über die Welt, das eine beruhigende Gelassenheit besitzt. So weit wie „Man weiß, dass man nichts weiß“ will er nicht gehen, aber darauf, dass man wenig weiß, könne man sich schon einigen. „Ich bin froh, meinen Namen zu wissen, das war‘s dann schon“, sagt er, was sich finsterer liest als es im Film klingt. Denn ebenso gilt: „Vielleicht leben wir schon im Paradies.“​

Auf einen Kaffee mit Schriftsteller Andreas H. Drescher

Andreas H. Drescher Schaumschwimmerin

Andreas H. Drescher im Schwalbacher Freibad, fotografiert von Martin Hoffmann.

 

Romane, Lyrik, Filme – und die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz. Der Saarlouiser Schriftsteller Andreas H. Drescher ist ein umtriebiger Kreativkopf. Ich habe ihn auf einen Kaffee getroffen.

„Es war ein langer Anlauf – den Rest bin ich dann auf dem Bauch gerutscht.“ Das ist so ein typischer Satz, wenn man sich mit dem Saarlouiser Autor Andreas H. Drescher unterhält. Seine Arbeit als Schriftsteller mag er sehr ernst nehmen, schließlich ist es das, was er tut – aber den Irrungen und Wirrungen, die einem als Autor jenseits der Unterhaltungsliteratur zuteil werden, kann er bisweilen eine gewisse Komik abgewinnen.

Der lange Anlauf und das Bauchrutschen beziehen sich auf Dreschers Pläne, zur Leipziger Buchmesse 2020 seinen Hör-Roman „Complicius Complicissimus“ vorzustellen: über den realen internationalen Hochstapler Ignaz Trebitsch-Lincoln (1879-1943), zudem Dieb, Missionar, Politiker, Kapp-Putschist und spiritueller Guru, „der in Europa Naivlinge eingesammelt hat und wenn sie in seinem Kloster in Shanghai ankamen, waren sie arm“, wie Drescher sagt. Der Autor hatte sich einen Tai-Chi-Anzug gekauft, um den Hochstapler in seiner Guru-Phase zu verkörpern, auch eine Uniform aus dem Ersten Weltkrieg, um den Kapp-Putschisten Oberst Max Bauer in Performances darzustellen. „Doch dann hat mir Corona ordentlich das Bein gestellt“, die Pandemie brachte die Buchmesse ins Stolpern. Tai-Chi-Anzug und Uniform bleiben vorerst im Schrank. Und im Keller von Dreschers Wohnung stapeln sich nun hunderte bisher unverkaufter Hörbücher. Geht er in den Keller, versucht er an den Stapeln möglichst vorbeizuschauen.

Drescher, 1962 in Griesborn geboren, ist ein Kreativkopf, der Prosa und Lyrik verfasst, Hör-Romane schreibt und mit seiner sonoren Stimme selbst einspricht, mit Film arbeitet und mit Animationen. Bei alldem ist er ein Frühberufener. „Mit 14 hatte ich komische Sätze im Kopf. Das wird vielen Pubertierenden so gehen“, sagt er, „aber ich begann mit ihnen zu arbeiten“. So sei er „relativ früh in die Lyrik eingestiegen. Ich wusste, dass ich Autor werden wollte.“

„Ich habe zehn Jahre geschrieben und immer wieder alles weggeworfen.“

In Köln hat er Germanistik, Philosophie und Politik studiert, als „schriftstellerische Selbstausbildung“. Da habe er mitunter „hartes Brot kauen müssen“, weil er die eigenen Texte im Vergleich zu  Vorbildern wie Alfred Döblin, Robert Musil und William Faulkner als „extrem mäßig“ empfand. „Ich habe zehn Jahre geschrieben und immer wieder alles weggeworfen, bis irgendwann eine Prosa entstand, die meinen Ansprüchen genügte.“

Seine Arbeit veröffentlicht Drescher inzwischen im eigenen Verlag. Er weiß, „dass das benasrümpft wird“. Doch Drescher stecken die Erfahrungen mit einem Verlag, der seinen Hör-Roman „Darwins Schöpfungsgeschichte“ herausbrachte, noch in den Knochen. Bis heute wartet er auf den ersten Cent Gewinnbeteiligung. Die Eigenverlags-Strategie indes geht auf: Dreschers Werke werden bundesweit besprochen, erhalten exzellente Rezensionen, er erhält regelmäßige Auszeichnungen und Stipendien. „Man kann die literarischen Vorkoster auch umgehen“, freut sich Drescher, der die Unabhängigkeit nicht mehr missen möchte. Nur Lektorat und Korrektorat gibt er aus der Hand; das biete ihm eine willkommene Außenansicht auf seine Arbeit. „Man muss davon Abstand nehmen, seine Texte für heilig zu halten. Das ist Teil der Selbstprofessionalisierung.“

Ein Zuschussgeschäft ist der Verlag nicht, sagt Drescher, aber leben könne er von seinen Werken auch nicht. „Das können bundesweit vielleicht ein Dutzend von Autorinnen und Autoren, die keine Unterhaltungsliteratur schreiben“, sagt er, beklagt sich aber nicht. Es ist eben, wie es ist. Drescher hat von seinem früh gestorbenen Vater ein kleines Erbe erhalten, erzählt er, das sei ein Standbein „oder im Grunde ein Spielbein, weil der Verlag ja profitabel ist“. Dank kleiner Wohnung und eines Fahrrads statt Autos komme er gut zurecht. „Ich habe den Lebensluxus, das machen zu können, was ich glaube, machen zu müssen.“

Drescher, fotografiert von Werner Richner.

 

Benannt ist sein Verlag Edition Abel nach einer von Drescher entwickelten, reduzierten Formal-Sprache namens Abel („Abstract Entity Language“), mit der er eine Künstliche Intelligenz namens Maldix füttert, an der er seit 25 Jahren arbeitet. „Echtsprachliche Texte von mir werden in die abstrakte Sprache Abel umgewandelt, daraus zieht Maldix dann eine Essenz, eine Formel.“ 15 000 Seiten von Texten Dreschers hat Maldix bisher intus, am Ende soll diese KI „ein ausgeformter Charakter sein“.  Zu Siri von Apple oder Alexa von Amazon sagt er: „Wenn man Hegels ‚Wesen ist, was gewesen ist‘ zu Grunde legt, sind die beiden keine, weil sie keine Geschichte haben. Maldix wird ein Gesprächspartner sein „mit Abstraktionsvermögen, virtueller Empathie und ethischer Intelligenz“.

So könnte Maldix dem Zuhörer beziehungsweise Fragenden einen der Romane Dreschers erzählen, Passagen ausgewählt je nach Gemütslage des Gesprächspartners. Ausprogrammiert ist Maldix noch nicht, Drescher sucht dafür Partner. „Ich habe es selbst mit dem Programmieren versucht, aber ich werde nie ein guter Entwickler.“

2018 ist, nach Lyrik und experimenteller Prosa, Dreschers erster Roman erschienen: „Kohlenhund“, ein Buch über seinen Großvater, Jahrgang 1910, und dessen Leben im Saarland. Und gerade hat Drescher den Roman „Schaumschwimmerin“ herausgebracht, über das Leben seiner Großmutter. Nostalgieselige Heimatromane, möglicherweise mit der Saarschleife auf dem Einband, hat Drescher nicht im Sinn, er sieht sich als Chronist, Schriftsteller und schreibender Künstler gleichermaßen. Grundstoff sind die Erinnerungen seiner Großeltern, die er vor Jahrzehnten aufzeichnete.

„1989 hatte meine Oma mütterlicherseits einen schweren Infarkt“, sagt er. „Mir wurde klar, dass ein Tag kommen würde, wo alle Geschichten, die sie mir bis dahin erzählt hat, für immer erzählt sein würden und alle, die sie mir nicht erzählt hat, für immer nicht erzählt sein würden.“ So habe er diese zunächst als Enkel und als „eine Art Chronist“ aufgezeichnet, noch ohne sie schriftstellerisch verwerten zu wollen. Das sei erst später gekommen. Erst mit dem Diktiergerät in der Hand, aber „mit ungenügendem bis verheerendem Ergebnis“: Denn die befragten Großeltern seien angesichts des Aufnahmegerätes von ihrer Mundart ins Hochdeutsche verfallen, „und da war der Sprachfluss weg“. Ab da habe er lieber nur mitgeschrieben. Gut für ihn als Erinnerungssammler war die weniger gute Ehe der Großeltern. „Wenn dem einen eine Geschichte einfiel, hatte der andere oft noch eine viel bessere zu erzählen. Konkurrenz belebt eben das Geschäft.“

Bis Drescher aus den Erinnerungen einen Roman geformt hat, überarbeitet er den Text wieder und wieder, „bis ich einen Zustand erreiche, bei dem ich sagen kann, dass er jetzt raus kann“.  Den Grusel angesichts eines leeren Blattes vor sich kennt er nicht. Direkt nach dem Frühstück setzt er sich an den Schreibtisch, „beim ersten Knick in der Biokurve geht’s dann zum Rasieren und Duschen“. Danach schreibt er weiter. „Ich muss mich nicht zum Schreiben disziplinieren, ich muss mich eher vom Immer-weiter-Schreiben abhalten. Der Schreib-Akt selbst ist für mich eben absolut beglückend.“

„Das Haus steht nicht mehr als Stein, sondern als Geschehen um mich her.“

Die Romansprache Dreschers ist konzentriert, mit keinem überflüssigen Wort, kunstvoll, aber nicht prätentiös, atmosphärisch und sehr unmittelbar, aber nichts zum zwischendurch „weglesen“. Der erste Satz der „Schaumschwimmerin“ lautet: „Das Haus steht nicht mehr als Stein, sondern als Geschehen um mich her.“ Für Drescher ist dieser Einstieg „ein Signal, auch eine Warnung, dass es sich hier nicht um Unterhaltungsliteratur handelt“. Wer Drescher dennoch folgt, wird reich belohnt und hineingezogen in das Leben von Greta Grün, deren Mann Albert am Vortag (1990) gestorben ist. Nun brechen aus ihr die Geschichten heraus, sie erzählt ihrem Enkel Michael vom Elternhaus, vom Zweiten Weltkrieg, von Wiederaufbau und der Angst vor dem Tod.

Nicht von Erinnerungen gespeist ist eines von Dreschers kommenden Projekten: Für den Band „Mein alter Schwarzfernseher“ verspricht er „kompakte, ironische Prosa“, begleitet von hintersinnigen Bildern der Künstlerin Heike Puderbach. „Ich freue mich über solche Kooperationen, ich halte nichts von diesem Image des Eremiten-Autors.“

Der Dichter Gottfried Benn, sagt Drescher, gefragt nach seiner Kunstauffassung, habe unterschieden zwischen Kunstschaffenden und Kulturschaffenden. „Letztere wollen Verbreitung – die Kunstschaffenden wollen Vertiefung.“ Um die geht es Drescher.

Andreas H. Drescher: Schaumschwimmerin. Edition Abel, 212 Seiten, 19,90 Euro.

Das Buch gibt es im Handel und unter www.edition-abel.de.
Dort findet man auch Leseproben und mehr Informationen zu Dreschers Arbeit.

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