Film und dieses & jenes, von Tobias Keßler

Schlagwort: Saarland

Auf einen Kaffee mit Schriftsteller Andreas H. Drescher

Andreas H. Drescher Schaumschwimmerin

Andreas H. Drescher im Schwalbacher Freibad, fotografiert von Martin Hoffmann.

 

Romane, Lyrik, Filme – und die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz. Der Saarlouiser Schriftsteller Andreas H. Drescher ist ein umtriebiger Kreativkopf. Ich habe ihn auf einen Kaffee getroffen.

„Es war ein langer Anlauf – den Rest bin ich dann auf dem Bauch gerutscht.“ Das ist so ein typischer Satz, wenn man sich mit dem Saarlouiser Autor Andreas H. Drescher unterhält. Seine Arbeit als Schriftsteller mag er sehr ernst nehmen, schließlich ist es das, was er tut – aber den Irrungen und Wirrungen, die einem als Autor jenseits der Unterhaltungsliteratur zuteil werden, kann er bisweilen eine gewisse Komik abgewinnen.

Der lange Anlauf und das Bauchrutschen beziehen sich auf Dreschers Pläne, zur Leipziger Buchmesse 2020 seinen Hör-Roman „Complicius Complicissimus“ vorzustellen: über den realen internationalen Hochstapler Ignaz Trebitsch-Lincoln (1879-1943), zudem Dieb, Missionar, Politiker, Kapp-Putschist und spiritueller Guru, „der in Europa Naivlinge eingesammelt hat und wenn sie in seinem Kloster in Shanghai ankamen, waren sie arm“, wie Drescher sagt. Der Autor hatte sich einen Tai-Chi-Anzug gekauft, um den Hochstapler in seiner Guru-Phase zu verkörpern, auch eine Uniform aus dem Ersten Weltkrieg, um den Kapp-Putschisten Oberst Max Bauer in Performances darzustellen. „Doch dann hat mir Corona ordentlich das Bein gestellt“, die Pandemie brachte die Buchmesse ins Stolpern. Tai-Chi-Anzug und Uniform bleiben vorerst im Schrank. Und im Keller von Dreschers Wohnung stapeln sich nun hunderte bisher unverkaufter Hörbücher. Geht er in den Keller, versucht er an den Stapeln möglichst vorbeizuschauen.

Drescher, 1962 in Griesborn geboren, ist ein Kreativkopf, der Prosa und Lyrik verfasst, Hör-Romane schreibt und mit seiner sonoren Stimme selbst einspricht, mit Film arbeitet und mit Animationen. Bei alldem ist er ein Frühberufener. „Mit 14 hatte ich komische Sätze im Kopf. Das wird vielen Pubertierenden so gehen“, sagt er, „aber ich begann mit ihnen zu arbeiten“. So sei er „relativ früh in die Lyrik eingestiegen. Ich wusste, dass ich Autor werden wollte.“

„Ich habe zehn Jahre geschrieben und immer wieder alles weggeworfen.“

In Köln hat er Germanistik, Philosophie und Politik studiert, als „schriftstellerische Selbstausbildung“. Da habe er mitunter „hartes Brot kauen müssen“, weil er die eigenen Texte im Vergleich zu  Vorbildern wie Alfred Döblin, Robert Musil und William Faulkner als „extrem mäßig“ empfand. „Ich habe zehn Jahre geschrieben und immer wieder alles weggeworfen, bis irgendwann eine Prosa entstand, die meinen Ansprüchen genügte.“

Seine Arbeit veröffentlicht Drescher inzwischen im eigenen Verlag. Er weiß, „dass das benasrümpft wird“. Doch Drescher stecken die Erfahrungen mit einem Verlag, der seinen Hör-Roman „Darwins Schöpfungsgeschichte“ herausbrachte, noch in den Knochen. Bis heute wartet er auf den ersten Cent Gewinnbeteiligung. Die Eigenverlags-Strategie indes geht auf: Dreschers Werke werden bundesweit besprochen, erhalten exzellente Rezensionen, er erhält regelmäßige Auszeichnungen und Stipendien. „Man kann die literarischen Vorkoster auch umgehen“, freut sich Drescher, der die Unabhängigkeit nicht mehr missen möchte. Nur Lektorat und Korrektorat gibt er aus der Hand; das biete ihm eine willkommene Außenansicht auf seine Arbeit. „Man muss davon Abstand nehmen, seine Texte für heilig zu halten. Das ist Teil der Selbstprofessionalisierung.“

Ein Zuschussgeschäft ist der Verlag nicht, sagt Drescher, aber leben könne er von seinen Werken auch nicht. „Das können bundesweit vielleicht ein Dutzend von Autorinnen und Autoren, die keine Unterhaltungsliteratur schreiben“, sagt er, beklagt sich aber nicht. Es ist eben, wie es ist. Drescher hat von seinem früh gestorbenen Vater ein kleines Erbe erhalten, erzählt er, das sei ein Standbein „oder im Grunde ein Spielbein, weil der Verlag ja profitabel ist“. Dank kleiner Wohnung und eines Fahrrads statt Autos komme er gut zurecht. „Ich habe den Lebensluxus, das machen zu können, was ich glaube, machen zu müssen.“

Drescher, fotografiert von Werner Richner.

 

Benannt ist sein Verlag Edition Abel nach einer von Drescher entwickelten, reduzierten Formal-Sprache namens Abel („Abstract Entity Language“), mit der er eine Künstliche Intelligenz namens Maldix füttert, an der er seit 25 Jahren arbeitet. „Echtsprachliche Texte von mir werden in die abstrakte Sprache Abel umgewandelt, daraus zieht Maldix dann eine Essenz, eine Formel.“ 15 000 Seiten von Texten Dreschers hat Maldix bisher intus, am Ende soll diese KI „ein ausgeformter Charakter sein“.  Zu Siri von Apple oder Alexa von Amazon sagt er: „Wenn man Hegels ‚Wesen ist, was gewesen ist‘ zu Grunde legt, sind die beiden keine, weil sie keine Geschichte haben. Maldix wird ein Gesprächspartner sein „mit Abstraktionsvermögen, virtueller Empathie und ethischer Intelligenz“.

So könnte Maldix dem Zuhörer beziehungsweise Fragenden einen der Romane Dreschers erzählen, Passagen ausgewählt je nach Gemütslage des Gesprächspartners. Ausprogrammiert ist Maldix noch nicht, Drescher sucht dafür Partner. „Ich habe es selbst mit dem Programmieren versucht, aber ich werde nie ein guter Entwickler.“

2018 ist, nach Lyrik und experimenteller Prosa, Dreschers erster Roman erschienen: „Kohlenhund“, ein Buch über seinen Großvater, Jahrgang 1910, und dessen Leben im Saarland. Und gerade hat Drescher den Roman „Schaumschwimmerin“ herausgebracht, über das Leben seiner Großmutter. Nostalgieselige Heimatromane, möglicherweise mit der Saarschleife auf dem Einband, hat Drescher nicht im Sinn, er sieht sich als Chronist, Schriftsteller und schreibender Künstler gleichermaßen. Grundstoff sind die Erinnerungen seiner Großeltern, die er vor Jahrzehnten aufzeichnete.

„1989 hatte meine Oma mütterlicherseits einen schweren Infarkt“, sagt er. „Mir wurde klar, dass ein Tag kommen würde, wo alle Geschichten, die sie mir bis dahin erzählt hat, für immer erzählt sein würden und alle, die sie mir nicht erzählt hat, für immer nicht erzählt sein würden.“ So habe er diese zunächst als Enkel und als „eine Art Chronist“ aufgezeichnet, noch ohne sie schriftstellerisch verwerten zu wollen. Das sei erst später gekommen. Erst mit dem Diktiergerät in der Hand, aber „mit ungenügendem bis verheerendem Ergebnis“: Denn die befragten Großeltern seien angesichts des Aufnahmegerätes von ihrer Mundart ins Hochdeutsche verfallen, „und da war der Sprachfluss weg“. Ab da habe er lieber nur mitgeschrieben. Gut für ihn als Erinnerungssammler war die weniger gute Ehe der Großeltern. „Wenn dem einen eine Geschichte einfiel, hatte der andere oft noch eine viel bessere zu erzählen. Konkurrenz belebt eben das Geschäft.“

Bis Drescher aus den Erinnerungen einen Roman geformt hat, überarbeitet er den Text wieder und wieder, „bis ich einen Zustand erreiche, bei dem ich sagen kann, dass er jetzt raus kann“.  Den Grusel angesichts eines leeren Blattes vor sich kennt er nicht. Direkt nach dem Frühstück setzt er sich an den Schreibtisch, „beim ersten Knick in der Biokurve geht’s dann zum Rasieren und Duschen“. Danach schreibt er weiter. „Ich muss mich nicht zum Schreiben disziplinieren, ich muss mich eher vom Immer-weiter-Schreiben abhalten. Der Schreib-Akt selbst ist für mich eben absolut beglückend.“

„Das Haus steht nicht mehr als Stein, sondern als Geschehen um mich her.“

Die Romansprache Dreschers ist konzentriert, mit keinem überflüssigen Wort, kunstvoll, aber nicht prätentiös, atmosphärisch und sehr unmittelbar, aber nichts zum zwischendurch „weglesen“. Der erste Satz der „Schaumschwimmerin“ lautet: „Das Haus steht nicht mehr als Stein, sondern als Geschehen um mich her.“ Für Drescher ist dieser Einstieg „ein Signal, auch eine Warnung, dass es sich hier nicht um Unterhaltungsliteratur handelt“. Wer Drescher dennoch folgt, wird reich belohnt und hineingezogen in das Leben von Greta Grün, deren Mann Albert am Vortag (1990) gestorben ist. Nun brechen aus ihr die Geschichten heraus, sie erzählt ihrem Enkel Michael vom Elternhaus, vom Zweiten Weltkrieg, von Wiederaufbau und der Angst vor dem Tod.

Nicht von Erinnerungen gespeist ist eines von Dreschers kommenden Projekten: Für den Band „Mein alter Schwarzfernseher“ verspricht er „kompakte, ironische Prosa“, begleitet von hintersinnigen Bildern der Künstlerin Heike Puderbach. „Ich freue mich über solche Kooperationen, ich halte nichts von diesem Image des Eremiten-Autors.“

Der Dichter Gottfried Benn, sagt Drescher, gefragt nach seiner Kunstauffassung, habe unterschieden zwischen Kunstschaffenden und Kulturschaffenden. „Letztere wollen Verbreitung – die Kunstschaffenden wollen Vertiefung.“ Um die geht es Drescher.

Andreas H. Drescher: Schaumschwimmerin. Edition Abel, 212 Seiten, 19,90 Euro.

Das Buch gibt es im Handel und unter www.edition-abel.de.
Dort findet man auch Leseproben und mehr Informationen zu Dreschers Arbeit.

Die Doku „Kurzzeitschwester“ von Philipp Lippert

Kurzzeitschwester NDR

Vanessa und Philipp bei einem Urlaub am Meer.        Foto: Philipp Lippert / Drive beta GmbH

In seiner bewegenden, manchmal erschütternden Doku „Kurzzeitschwester“ spürt der saarländische Filmemacher Philipp Lippert dem Trauma seiner Familie nach.

Und plötzlich, wie über Nacht, ist die kleine Schwester nicht mehr da. Und dem Bruder, gerade mal sechs Jahre alt, wird nichts erklärt. Kein Wohin, kein Warum. Es bleibt ein kollektives Familientrauma, dem der kleine Junge von einst nun nachspürt, 18 Jahre, nachdem er seine Schwester Vanessa zum letzten Mal gesehen hat. „Kurzzeitschwester“ heißt die Dokumentation des saarländischen Filmemachers Philipp Lippert, die er am Samstag an zwei Terminen im Saarbrücker Kino Achteinhalb vorstellt und diskutiert. Lipperts Film ist ein berührender, manchmal auf ganz ruhige Weise tief erschütternder Film über Familienstrukturen, über enttäuschte Erwartungen, lebenslange Kränkungen, Selbstvorwürfe – und generell darüber, dass manches Geschehen zu komplex ist, als dass man rasch urteilen könnte. Einfache Antworten kann es hier nicht geben.

Regisseur Lippert, 24, setzt mit seinem Film an der grundlegenden Frage an: Warum haben seine Eltern die Schwester, die ein Pflegekind war, wieder abgegeben? Die Eltern in Köllerbach und die Eltern seiner Mutter befragt er vor der Kamera. Diese intensiven, entwaffnend offenen Gespräche versuchen, das Geschehen zu rekonstruieren und zu erklären. Da ist Lipperts Mutter, die nach dessen Geburt drei Fehlgeburten erleidet; in einer schmerzhaften Szene des Films zeigt sie eine Seite in einem Erinnerungsalbum, auf der neben drei Ultraschallbildern eines Kindes dessen Todesanzeige eingeklebt ist.

Kurzzeitschwester NDR

Regisseur Philipp Lippert und seine Mutter. Foto: Philipp Lippert / Drive beta GmbH

Das Ehepaar entscheidet sich, ein Pflegekind aufzunehmen: Vanessa, einige Monate jünger als Philipp. Der schließt sie ins Herz, doch kollektive Harmonie stellt sich nicht ein. Die Mutter scheint zu streng zu Vanessa, das zumindest finden die Großeltern. Zugleich fühlt sich die Mutter bei der Erziehung alleine gelassen, weil der Vater, wie er im Film zugibt, „nie der Übervater“ sein wollte – und, das darf man mutmaßen, er das Gefühl hatte, bei der Erziehung mit seiner Meinung gegen die seiner Frau, die ausgebildete Erzieherin ist, nicht anzukommen. „Ich weiß ja, wie alles geht“, sagt die Mutter im Film mit einer gewissen bitteren Ironie, „das ist das Problem“.

Des Vaters Rückzug hat noch einen anderen Hintergrund – er blieb einst als 15-Jähriger in seinem Elternhaus wohnen, um noch die Schule abzuschließen, während seine Eltern 100 Kilometer weit weg zogen. Sein Aufwachsen beschreibt er so: „Ich wurde ernährt und meine Hausaufgaben wurden kontrolliert – das war‘s dann“. Das präge einen, sagt er.

Es ist die große Stärke von „Kurzzeitschwester“, dass der Film mit sensiblen und offenen Gesprächen, Erinnerungsfotos und alten Familienvideos die Verästelungen persönlicher Erfahrungen aufzeigt, die Entscheidungen bedingen (und nachvollziehbar machen) – hier hat jeder sein Päckchen zu tragen und Gründe für sein Handeln. Ein grundlegendes Thema ist auch die Kommunikation in der Familie oder der Mangel davon – das Schwierige, das Misslungene wird nicht ausgesprochen. Ein kurzer Dialog steht beispielhaft für so vieles: „Warum wird in dieser Familie mehr geschwiegen als geredet?“, fragt der Sohn seinen Vater. Der antwortet: „Gute Frage.“ Und dann schweigt er.

Umso verblüffender ist, wie offen sich die Eltern dann doch im Film äußern, auch über das, was sie in ihrer Verzweiflung getan haben: Als sich der Druck in der Familie ins Unerträgliche steigert, richtet sich der Blick auf Vanessa – wäre vieles leichter, wenn sie nicht mehr da wäre? Das glauben die Eltern – oder reden sich es ein, wie sie heute sagen. Der Vater packt Vanessas Sachen, bringt sie nach Bayern in ein Kinderheim zu ihrer Schwester. Zuhause ist Vanessa nun kein Thema mehr. Aber die Probleme in der Familie schwelen weiter.

„Kurzzeitschwester“, ein von den Saarland Medien gefördertes Projekt, ist in drei Teile à 25 Minuten gegliedert – der letzte Teil steht im Zeichen des Wiedersehens: Lippert macht Vanessas Adresse in Bayern ausfindig, nimmt vorsichtigen Kontakt auf; es kommt zu einem ersten Treffen – und zu einem Besuch im Saarland, mit dem „Kurzzeitschwester“ schließt. Die Floskel „Ende gut, alles gut“ ginge an der Wirklichkeit vorbei, zu viele Wunden wurden da geschlagen. Und doch hat der Film das bewirkt, was Lippert eben auch im Sinn hatte – das große Schweigen, das die Mutter einmal treffend „Familienkultur“ nennt, zu brechen. Dass „Kurzzeitschwester“ dennoch keine Nabelschau oder künstlerisch verbrämte Familientherapie ist, sondern ein sehr berührender, allgemeingültiger Film über fragile Familienstrukturen, macht ihn besonders sehenswert.

Der Film, eine Produktion des NDR, ist in der ARD-Mediathek zu sehen. 

Der Saarland-Krimi „Mord am Engelsgraben“ – am 9. Juni bei Arte

Saarland-Krimi In Wahrheit - Mord im Engelsgraben Das Ermittlerteam Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) bei der Arbeit - im Ford-Hochhaus in Saarlouis. ZDF/Manuela Meyer

Das Ermittlerteam Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) bei der Arbeit – im Ford-Hochhaus in Saarlouis. Foto: ZDF/Manuela Meyer

Des Saarländers Herz pocht schon nach 39 Sekunden Film in freudiger Erregung: Da schwebt die Kamera himmelwärts, und wir sehen sie in all ihrer Pracht – die Saarschleife. Dort saßen einst nicht nur Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder in innigster Parteifreundschaft vor TV-Kameras, sondern auch die SR-„Tatort“-Kommissare Kappl und Deininger, bevor sie „auserzählt“ waren, sprich ausgezählt.

Die ermittelten damals in der ARD, diesmal ist das ZDF am Zug. Das „Zweite“ zeige zu wenig vom Saarland, das hatte unter anderem die Saarländische Medienanstalt (LMS) kritisiert, die nun erhört wurde: Im vergangenen Herbst entstand an der Saar im Auftrag des ZDF der Krimi „In Wahrheit – Mord am Engelsgraben“. Am 9. Juni erlebt er bei Arte seine TV-Premiere, bevor er im Herbst im ZDF läuft; am Dienstag wurde der Film schon mal vorgestellt, von der Landesmedienanstalt und dem Regionalverband Saarbrücken. Saarländische Polit-Prominenz war ebenso zugegen wie Mitglieder des Filmteams, darunter Darsteller Rudolf Kowalski – die malade Hauptdarstellerin Christina Hecke schickte eine Videobotschaft vom Krankenhausbett. LMS-Geschäftsführer Uwe Conradt sprach von einem „ganz besonderen Tag“, denn große TV-Produktionen seien seit langem nicht mehr an der Saar entstanden. Und so hätten die LMS und die Saar-Politik, nicht zuletzt Reinhard Klimmt (SPD) und Peter Jacoby (CDU) im ZDF-Fernsehrat, ein „dickes Brett bohren müssen“, um das ZDF zu einer Produktion hier zu überzeugen. Auch Finanz- und Europaminister Stephan Toscani (CDU) sieht in dem TV-Film eine „Riesenbedeutung“ und hofft, dass die Vorteile der klassisch saarländischen „kurzen Wege“ sich bei anderen Produktionen herumsprechen. Das ZDF jedenfalls scheint sehr angetan – denn „Mord am Engelsgraben“ wird fortgesetzt, im September sollen die Dreharbeiten beginnen.

Saarland-Krimi Anna Loos Christian Berkel

Ermittlerin Mohn (Christina Hecke, Mi.) wird  in die Eheprobleme von Heike Kupka (Anna Loos) und ihrem Mann Erich (Christian Berkel) verstrickt.
© ZDF/Manuela Meyer

Ort der Vorpremiere am Dienstag war nicht zufällig das Saarbrücker Schloss, spielt es im Film doch auch eine Rolle – die des Saarbrücker Polizeipräsidiums. Von dort aus versucht die Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) den Mord an einer Prostituierten aufzuklären, die man an der Saarschleife gefunden hat. Mohn und ihr Assistent Freddy Breyer (Robin Sondermann) ermitteln erst einmal am Autobahnrastplatz-Straßenstrich, kommen aber nicht weiter, bis der Fall eine Wendung nimmt: Gibt es eine Verbindung zu einem Mädchen, das vor zehn Jahren in der Gegend verschwand und bis heute nicht gefunden wurde? Als Krimi ist der prominent besetzte Film (Anna Loos und Christian Berkel als sich fremd gewordenes Ehepaar) eher routiniert als raffiniert. Die Darsteller müssen viele Ermittlungsfakten aufsagen und sehr oft mit dem Auto vorfahren (BMW wird im Abspann für „Produktionsunterstützung“ gedankt) – das ist formal recht bieder. Und die Einblicke ins Privatleben der Ermittler sind so kurz wie plakativ: Der Partner der Kommissarin ist des Wartens auf die lang arbeitende Polizistin müde (und offenbar durch Arbeitslosigkeit angeschlagen): Mit dem markigen Satz „Ich bin nicht Dein Hausmann“ versenkt er einen kalt gewordenen Coq au vin im Müll.

Wie aber wird das Saarland präsentiert? Es wirkt wie die grüne Lunge Restdeutschlands: ländlich, ruhig, gediegen, das Land von seiner schönsten Seite. Regisseur, Ko-Autor und Kameramann Miguel Alexandre lässt den Blick gerne von oben schweifen, ob auf Ottweiler oder die Saar an der Mettlacher Schleuse. Manche Schauplätze setzen sich aus mehreren Orten zusammen – ein Polizist betritt den Innenhof der Stadtgalerie und ist, Schwupps, im Saarbrücker Schloss (alias Polizeidienststelle). Ein reizvolles Quiz für Ortskenner.

Saarländischen Sprachklang hört man nicht, es bleibt hochdeutsch. Immerhin erlaubt sich die Kommissarin mit einem „Ça va?“ einen gallischen Sprachschlenker; aber die Nähe zu Frankreich wird nicht strapaziert, anders als bei antiken SR-„Tatorten“, als man regelmäßig die „Kollegen in Metz“ anrufen musste. Auch wenn „Mord am Engelsgraben“ seine Schwächen hat – die Figuren haben Potenzial. Gut, dass man sie wiedersehen wird.

Sendetermin: Freitag, 9. Juni, 20.15 Uhr, bei Arte, im Herbst im ZDF.

 

DIE DREHORTE:

Pingusson-Bau, Stadtgalerie, Saarbrücker Schloss, Saar-Uni, ein Schiff der Personenschiffahrt Saarbrücken, das Ford-Hochhaus Saarlouis, Schleuse Mettlach, die Ottweiler Innenstadt, Erlebnisbergwerk Velsen, Goldene Bremm. Innendrehorte: Wallerfangen-Bredersdorf, Illingen-Hirtzweiler.

 

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