KINOBLOG

Über Film und dieses & jenes

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„Gondola“ von Veit Helmer

Szene aus "Gondola" von Veit Helmer. Iva (Mathilde Irrmann) in ihrer Raketengondel. Foto. Jip Film

Iva (Mathilde Irrmann) in ihrer Raketengondel. Foto: Jip Film

 

Veit Helmer? Da klingelt es – wenn auch aus größerer Entfernung: Im Jahr 2000 war sein Film „Tuvalu“, eine märchenhafte und bildgewaltige Geschichte um ein altes Hallenbad, eine Schiffsreise und einiges mehr, ein Liebling beim Filmfestival Max Ophüls Preis; Helmer gewann mit seinem ersten langen Film in Saarbrücken den Publikumspreis.​

Seitdem hat der Regisseur aus Hannover, Jahrgang 1968, eine Handvoll Spielfilme gedreht (dazu auch Dokus und Werbespots): stets voller Fantasie und filmischer Verspieltheit, gerne poetisch überhöht, stets eigenwillig – und somit Produktionen, die eher in kleinen als großen Kinos zu sehen sind. Jetzt startet sein jüngster Film gleich in zwei Kinos im Saarland: im Filmhaus in Saarbrücken und in der Kinowerkstatt St. Ingbert, die zur Einstimmung auch den 2018er Helmer-Film „Der Lokführer, der die Liebe suchte…“ zeigt – über einen Bahnangestellten, an dessen Zug eines Tages ein BH hängen bleibt und der dann eine Odyssee auf der Suche nach der Besitzerin beginnt.​

Parallelwelt mit eigener Logik​

Auch „Gondola“, unterstützt unter anderem vom Saarländischen Rundfunk, ist ein echter Helmer, der Filmemacher bleibt seinem Stil und seiner Perspektive treu. Auch „Gondola“ spielt in einer Parallelwelt zu der unsrigen, die ihre ganz eigene Logik und Poesie hat. Sie wirkt ein wenig nostalgisch, zugleich zeitlos wie aus der Zeit gefallen. In den georgischen Bergen verbindet eine Seilbahn ein Dorf auf dem Berg mit einer kleinen Stadt im Tal. Als ein alter Schaffner stirbt und standesgemäß im Sarg per Seilbahn seine letzte Reise ins Tal antritt, kehrt seine Tocher Iva zurück ins Dorf, wo ihr erstmal eine gewise Feindschaft entgegenschlägt; sie übernimmt nun den Dienst in einer der beiden alten Gondeln und schwebt mehrmals täglich über das wolkenverhangene Tal.​

 

Regisseur Veit Helmer. Foto: Boryana Pandova

Regisseur Veit Helmer. Foto: Boryana Pandova

Jede halbe Stunde fährt sie an der zweiten Gondel vorbei, gesteuert von der Kollegin Nino. Ein paar Tage lang grüßt man sich knapp, dann etwas länger. Und aus dem Ganzen wird eine Art Flirt in luftiger Höhe, eifersüchtig beobachtet vom grobschlächtigen Seilbahn-Chef, der auch ein sprichwörtliches Auge auf Nino geworfen hat – vergeblich und sehr zu seinem Verdruss.​

„Perfect days“ von Wim Wenders

Ohne Dialoge, aber kein Stummfilm​

Eine kleine große Geschichte erzählt Helmer hier in seiner deutsch-georgischen Produktion – ohne Dialoge. Ein schlichtes „Okay“ ist mal am Rande zu hören, ansonsten erklingt auf der Tonspur vor allem die Mechanik der Seilbahn: Sie quietscht, knarzt, rattert, gibt auf Knopfdruck merkwürdige Geräusche von sich und ist so etwas wie eine eigene Figur im Film.​ Die Annäherung der beiden Frauen hat seinen Charme – Iva und Nino bauen, um das Gegenüber zu beeindrucken, ihre Gondeln mit Pappkulissen unter anderem in ein Schiff um, eine Rakete sogar, mit Mars als Reiseziel. Zudem spielen sie miteinander ein Schachspiel, das auf dem Berg auf den jeweils nächsten Zug der hochfahrenden Frauen wartet. Gäbe es in der Welt dieses Films Handys, wäre das alles nicht nötig – wie schade das wäre.​

„Ich versuche, Kritiken nicht zu lesen“: Interview mit Sandra Hüller

Bei der Annäherung der beiden Frauen gelingen dem Film herzerwärmende Bilder (Kamera: Goga Devdariani), wenn die Frauen etwa eine der Gondeln weihnachtlich schmücken und dort feiern. Die Darstellerinnen Mathilde Irrmann und Nino Soselia sind ausdrucksstark, was bei der Dialogfreiheit des Films sehr willkommen ist – aber sie übertreiben es nicht, eine exaltierte Stummfilm-Mimik muss man nicht fürchten.​

Zu minimalistische Handlung?​

Und doch muss man sich ein wenig einlassen auf den Film, denn die Geschichte ist für seine 83 Minuten ein wenig zu luftig – vielleicht hätte sich da auch ein knackiger Kurzfilm von einer halben Stunde angeboten? Einlassen muss man sich auch auf die betonte Niedlichkeit des Ganzen – die Musik von Malcolm Arison und Sóley Stefánsdóttir erinnert mitunter an Yann Tiersens Untermalung von „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Das Ganze hat eine filmische Wohlfühligkeit, die je nach Geschmack sehr willkommen ist oder doch manchmal etwas zu lieblich wirkt. Kino- oder Lebens-Zyniker sollten sich den Film also nicht anschauen. Aber für die dreht Veit Helmer seine Filme auch nicht – sondern für Anhängerinnen und Anhänger einer großen Lebensromantik.​

Seit dem 7 März unter anderem im Saarbrücker Filmhaus und Samstag bis Montag, 9. bis 11. März,  in der Kinowerkstatt St. Ingbert.

Neuer Leiter des Saarbrücker Filmhauses: Nils Daniel Peiler

Nils Daniel Peiler, 1988 in Saarbrücken geboren, ist ab 1. März Leiter des Saarbrücker Filmhauses. Foto:  Jessica Rhodes

Seine Wahl könnte durchaus ein Glücksgriff sein. Ab diesem Freitag ist Nils Daniel Peiler neuer Leiter des Saarbrücker Filmhauses und damit Nachfolger von Christel Drawer, ehemals Leiterin des Ophüls-Festivals, die das Kino zuletzt leitete und jetzt in Ruhestand geht. Der promovierte Filmwissenschaftler Peiler kommt nach einigen Jahren als Kurator der Kinemathek Hamburg jetzt in seine Geburtsstadt Saarbrücken zurück – und ins Filmhaus, „wo ich als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener regelmäßig Zuschauer war“, wie er sagt. „Für mich schließt sich gewissermaßen ein Kreis.“​ Saarbrückens Kulturdezernentin Sabine Dengel zeigt sich „sehr froh darüber, dass wir aus einer Vielzahl qualifizierter Bewerbungen jemanden mit großer Expertise auswählen konnten, der darüber hinaus bestens mit der Kinolandschaft Saarbrückens vertraut ist“.​

Promotion über Kubricks „2001“​

Beides ist nicht übertrieben. Peiler studierte Germanistik und Bildwissenschaften der Künste an der Universität Saarbrücken sowie Film- und Medienwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt, der Sorbonne Nouvelle in Paris und der Universität Amsterdam. Promoviert hat er mit einer Arbeit über die Rezeptionsgeschichte von Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ – Peiler war auch einer Kuratoren der exzellenten 2018er-Ausstellung über Kubrick und „2001“ im Deutschen Filmmuseum Frankfurt.​

Ohne cineastische Scheuklappen​

In Saarbrücken hat Peiler, der auch als Lehrbeauftragter gearbeitet hat, Vorträge über Kino hält und journalistisch über Film schreibt, einige denkwürdige Veranstaltungen und Reihen im Kino Achteinhalb organisiert, die ihn als Person ohne cineastische Scheuklappen ausweisen. 2013 organisierte er eine Werkschau über Regisseur Stanley Donen („Singing in the Rain“) und eine viel beachtete komplette Retrospektive zu Filmemacher Wes Anderson („Grand Budapest Hotel“). 2014 zeigte er eine Reihe mit Filmen mit Louis de Funès, 2017 das Gesamtwerk von Jacques Tati – alles begleitet mit Einführungen und Diskussionen. 2018 wagte er im Achteinhalb ein gelungenes Experiment: Er zeigte Kubricks „2001“, kommentierte und erklärte den Film dabei. Im selben Jahr kam er zurück ins Achteinhalb und brachte den Komponisten Christian Bruhn mit, der dort am Klavier unter anderem seine Melodien zu „Wickie“ und „Timm Thaler“ spielte.​

Arbeit im Metropol Kino​

Zu dieser Zeit arbeitete Peiler schon für die Kinemathek Hamburg und deren Metropolis Kino – dort kuratierte er jüngst eine Horst-Buchholz-Reihe, auch gab es zuletzt Veranstaltungen mit Armin Mueller-Stahl und dem Musiker Irmin Schmidt (Can). Von Peiler kann man nun im Filmhaus  einiges erwarten. In diesem „attraktiven Ort mit herausragender Geschichte“ sieht er „großes Potential“.
(Interview folgt)

Kinoperle: Die Schauburg in Karlsruhe

Besuch in einem außergewöhnlich schönen Kino: die Schauburg in Karlsruhe.
1929 wurde sie erbaut, im Zweiten Weltkrieg zerstört, 1949 neu aufgebaut. Seit 2005 findet hier das Todd-AO-70mm-Festival statt.
Das Kino hat drei Säle: das Schauburg-Cinerama mit gekrümmter Leinwand von 17 auf sieben Meter (350 Plätze), das Cinema (150 Plätze), siehe Foto, und  das Bambi (61 Plätze). Programm unter Schauburg – Das Filmtheater in Karlsruhe.

 

Wenn das Kino der Kindheit vor sich hin bröckelt

Die selige Videothek in der Bleichstraße

Ein Fundstück aus der VHS-Ära

 

„Herzschlagkino“ von Andreas Pflüger – „77 Filme fürs Leben“

Andreas Pflüger (66) ist in Saarbrücken aufgewachsen. Nach dem Abbruch eines Theologie- und Philosophiestudiums arbeitete er als Taxifahrer, Möbelverkäufer und Koch, schrieb Hörspiele und viele Drehbücher, darunter 27 „Tatorte“. Sein jüngster Roman ist "Wie Sterben geht". Foto: Stefan Klüter
Andreas Pflüger (66) ist in Saarbrücken aufgewachsen. Nach dem Abbruch eines Theologie- und Philosophiestudiums arbeitete er als Taxifahrer, Möbelverkäufer und Koch, schrieb Hörspiele und viele Drehbücher, darunter 27 „Tatorte“. Sein jüngster Roman ist „Wie Sterben geht“. Foto: Stefan Klüter

 

Der saarländische Autor Andreas Pflüger schreibt über seine 77 liebsten Filme. In dem hinreißenden Band „Herzschlagkino“ erfährt man einiges über die Filme – aber auch viel über Pflüger selbst. Wieso hatte „Alien“ romantische Wirkung? Und wieso rief Götz George bei seinen Eltern an?​

Manchmal ist das so mit dem Kino. Man geht rein – und kommt ein bisschen größer wieder heraus. So war das auch bei Andreas Pflüger. Als ersten Film im Kino schaute er sich in Saarbrücken „Todesgrüße aus Shanghai“ an, ein Epos der stählernen Handkanten und spitzen Schreie von Bruce Lee, den übrigens in der deutschen Fassung Elmar Wepper wunderbar kernig spricht. Pflüger war damals 15, aber nach dem Film „kein Junge mehr, sondern ein brandgefährlicher Kerl; jedenfalls fühlte ich mich so“. Dass er später mal über Jahrzehnte hinweg Drehbücher schreiben würde, konnte er damals nicht wissen. Aber er wusste, so schreibt er es im Vorwort dieses Buchs, was er am Kino liebt: „Wenn der Vorhang aufgeht, will ich überwältigt werden, vom Sound, der Musik, von Bildern zu groß für die Leinwand.“ So sei aus ihm „ein Hollywood-Junkie“ geworden, „fürs gepflegte Kammerspiel bin ich verloren“.​

Kein Polieren unbekannter Perlen​

77 seiner liebsten Filme hat der saarländische Schriftsteller zusammengetragen, die meisten kommen im weitesten Sinne aus Hollywood, eine Handvoll aus Europa – „Diva“ etwa oder „Sommer vorm Balkon“. Pflüger will keine unbekannten Perlen polieren oder mit Geheimtipp-Nischenwissen angeben, die meisten Filme haben Klassiker-Status. Pflüger weiß, dass man bei Kalibern wie „The Shining“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „GoodFellas“ nicht mehr den Inhalt erklären muss – das wäre Ressourcen-Verschwendung.​ Vielmehr geht er die Filme aus anderen Perspektiven an, oft autobiografisch und gerne mit wohligen Abschweifungen; bei „Alien“ etwa geht es nur am Rande um HR Gigers Weltallmonster. Sondern vor allem um Elke, Pflügers damalige Kommilitonin, „mit so einem winzigen schwarzen Dingsbums auf der Wange und einem Lispeln, das mich verrückt machte“. Der galaktische Schrecken beim gemeinsamen Kinobesuch, der ersten Verabredung, führt dazu, dass Elke nicht alleine nach Hause gehen will. Der Rest ist Geschichte. Allerdings eine ziemlich kurze. Nach drei Wochen interessiert Elke sich deutlich stärker für „einen Typen, der einen roten Alfa Spider fuhr und Vergil auf Latein zitierte“.​

Auch Familiäres erfährt man – etwa, bei Pflügers Text zum Film „Shine“, dass seine Eltern nach seinem abgebrochenen Theologie-Studium und dem Wunsch, Autor zu werden, Schlimmstes befürchten, was den Lebensunterhalt angeht. Sie fragen aber lieber nicht mehr nach. Doch als er mal wieder zu Besuch aus Berlin da ist, klingelt beim Sonntagsbraten das Telefon. Die Mutter erbleicht rasant, denn es meldet sich Götz George; er will Pflüger sprechen, wohl wegen eines Drehbuchs. Fortan sorgen sich die Eltern nicht mehr, und der Vater fragt zum ersten Mal: „Erzähl mal, was Du so machst.“​

„Wehwehchen von Autoren mit vierstelligen Auflagen“​

Um Pflügers Arbeit als Autor geht es in den Filmbetrachtungen, ums Handwerk an sich, „das gerne gering geschätzt wird – aber nur von denen, die es nicht beherrschen“. Ein Autor etwa wie John Grisham, dessen Roman „Die Firma“ mit Tom Cruise verfilmt wurde, halte literarischen Stil und Rhythmus offensichtlich für „Wehwehchen von Autoren mit vierstelligen Auflagen“. Aber von seinen Plots könne man viel lernen, da sei Grisham so versiert wie ein „Waschbär beim Eierklauen“. Ebenso bewundert Pflüger an der dunklen Hollywood-Satire „Barton Fink“ der Coen-Brüder, dass in deren Drehbuch „nichts zu viel ist“. Gerade das sei eine besonders schwierige Kunst.​

Ab jetzt keine Drehbücher mehr​

Eine Schreibblockade, wie sie ein Autor in „Wonder Boys“ durchleidet (gespielt von Michael Douglas), erlebte er bisher fünf Mal, man „tut sich selbst leid und hasst die ganze Welt“. Zumindest eine Hürde im Arbeitsleben hat Pflüger aus dem Weg geräumt – die Diskussionen mit Produzentinnen und Produzenten bei Film und Fernsehen. Ein Produzent, unzufrieden mit einer ersten Drehbuchfassung, bat ihn, ihm doch einfach dieses „Pflüger-Feeling“ zu geben. „Das war fünf Minuten bevor ich beschloss, nur noch Romane zu schreiben.“​

Clint der Große​

Clint Eastwood hat es Pflüger bei den 77 Filmen am meisten angetan – sei es als Darsteller, Regisseur oder, meist, beides. Vier Mal taucht er auf, noch vor den Regisseuren Ridley Scott und Stanley Kubrick, dessen „Uhrwerk Orange“ er einst im Saarbrücker „Scala“ sah, der heutigen „Camera Zwo“. Keinen anderen Eastwood-Film hat er öfter gesehen als dessen Regie-Arbeit „Mystic River“, 30 oder 40 Mal – er ist sogar enttäuscht, wenn er ihn im Fernsehen verpasst. Bei Eastwood liebt er den Minimalismus, das ökonomische Erzählen, dieses „Nichts ist zu viel“ wie bei „Barton Fink“ der Coens.​

Kinos in Saarbrücken, Brüssel, Moskau​

Auch in verschiedene Kinos führt uns Pflüger, nicht nur in Saarbrücken, auch nach Paris: Dort lebt er Ende der 1970er für einige Zeit, schaut „Dr. Seltsam“ in einem Programmkino, „in dem es immer nach nassem Hund mit einem Quäntchen Knofi“ riecht und in das man am besten ein Kissen mitbringt, da die Bestuhlung schon kraftvoll durchgesessen ist. „Apocalypse Now“ sieht er auf Interrail-Reise in einem „abgerockten Brüsseler Bahnhofskino“; verstanden habe er den Film erst Jahre später.​ Den Westernklassiker „Die glorreichen Sieben“ schaut er sich 1993 im überheizten Rossija-Kino am Puschkinplatz in Moskau an; der US-Ton läuft im Hintergrund  – und im Vordergrund „ein russisches Voiceover, jede Rolle von derselben Frau gesprochen. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.“ Am Film mag Pflüger alles, auch Darsteller Horst Buchholz. Den lernt er später bei der Berlinale kennen; Buchholz habe einen „spektakulär versifften Flokati-Mantel“ getragen und viel geraucht, „ich glaube, er hat seine Kippen samt Filter gegessen. Ein Lachen wie ein Betonmischer.“ Aber die Buchholzschen Hollywood-Geschichten an diesem Abend klingen für Pflüger ehrlich, „er tat nicht, als hätte sein Stern in der Stadt der Engel hell gestrahlt“. Als Buchholz geht, hinterlässt er einen Geruch nach Mottenkugeln. Das ist schon große Kunst, wie Pflüger hier in einem kleinen Textabsatz einen melancholischen, zugleich unsentimentalen Abgesang auf eine schwierige Karriere anstimmt.​

„Da lernt man beten“​

Insgesamt kann man sich bei der Lektüre auch auf Pflügers Händchen für kernige Sätze und Pointen verlassen: Angesichts der damaligen Verrisse für den Science-Fiction-Film-Noir „Blade Runner“ bemerkt er lakonisch: „Die Ewigkeit schert sich nicht um Rezensionen.“ Bei „Silverado“ versucht er Western-Hasser zu bekehren, denn diese Filme seien ja auch bloß „Dramen, in denen Pferde mitspielen“. Angesichts des deutschen Films „Fanfaren der Liebe“, einer Art Pendant zu Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ warnt er lakonisch: „Da lernt man beten.“​ Aber auch sich selbst schont er nicht und gibt zu, angesichts von Brad Pitts Auftritt in „Thelma & Louise“ prophezeit zu haben, dass „der Kerl in der Versenkung verschwindet“. Man kann ja mal daneben liegen – was uns zu „Manche mögen’s heiß“ zurückführt und zu dessen letztem Dialogsatz. Es ist eben niemand vollkommen.  ​

Andreas Pflüger: Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben.
Arche, 165 Seiten, 17 Euro.
Info: www.andreaspflueger.de

„Schock“ von Denis Moschitto und Daniel Rakete Siegel: deutsches Genre-Kino

Arzt Bruno (Denis Moschitto) in der Enge. Foto: Bon Voyage Films

 

Den klassischen weißen Kittel hat er wohl schon länger nicht mehr. Im Dunkel der Nacht dreht der Arzt Bruno seine Runden, zieht zum Beispiel den entzündeten Zahn einer Prostituierten im schäbigen „Asia Paradies“-Puff und versorgt generell Menschen, die Krankenhäuser meiden – sei es mangels einer Versicherung oder wegen eines Status als „Illegaler“. Ein selbstloser Engel der Nacht ist er aber nur bedingt; aktuell besitzt Bruno keine Zulassung als Arzt, wohl wegen Drogenmissbrauchs. So hält er sich mit seinen nächtlichen, in bar bezahlten Hausbesuchen über Wasser und hofft auf bessere Zeiten. Doch die rücken nach einer nächtlichen Schießerei in weite Ferne.​

Eine Seltenheit im deutschen Kino​

Ein deutscher Gangsterfilm im Kino? So etwas sieht man selten, ist das Fernsehen doch so randvoll mit „Tatorten“ und weiteren Krimireihen, dass das Publikumsinteresse mehr als ausreichend gesättigt scheint, was Mord und Totschlag angeht. Umso besser und schöner, dass es „Schock“ überhaupt gibt, einen atmosphärischen, schnörkellosen Film, wie er hierzulande selten produziert wird.​ Eine längere nächtliche Sequenz führt uns mitten hinein in das Leben von Bruno (Denis Moschitto), in allerlei muffige Hinterzimmer. Im „Asia Paradies“ gerät er in eine Schießerei rivalisierender Banden und versorgt ein Opfer, das er bestens kennt: Es ist Giuli (Fahri Yardim), der Freund von Brunos Schwester (Aenne Schwarz) – abgesehen davon haben sich die beiden Männer wenig zu sagen, doch es gibt eine weitere schicksalhafte Verbindung: Der Kopf hinter dem Anschlag auf Giuli ist ein besonderer Patient von Bruno.

Giuli (Fahri Yardim) ist mit Bruno familiär verbandelt – aber das bedeutet wenig. Foto: Bon Voyage Films

 

Eine Anwältin (Anke Engelke in einem gekonnt heruntergekühlten Gastauftritt) hatte den Arzt an einen krebskranken Italiener vermittelt, dem Bruno eine Antikörpertherapie verabreichen soll. Mit einer Maske über dem Kopf wird der Mediziner in eine Hinterhofbaracke gebracht, wo er den Schwerkranken zu retten versucht – in ständiger Angst, dass Giuli ihm auf die Spur kommen und erfahren könnte, dass er dessen Todfeind behandelt.​

„The Killer“ von David Fincher

Diese Unterwelt ist zu groß für Bruno​

„Schock“ erzählt mit kühler Logik von einem Kontrollverlust – langsam wächst Bruno eine Situation über den Kopf, die zunehmend komplexer wird. Diese (Halb-)Welt ist eine Nummer zu groß für ihn. Denis Moschitto, der zusammen mit Daniel Rakete Siegel das Drehbuch schrieb und den Film inszeniert hat, spielt diesen Bruno als stillen Mann, der wenig offensichtliche Emotion herauslässt – am ehesten bei seiner Schwester (das abendliche Gespräch mit ihr ist eine der schönsten Szenen des Films). Über weite Strecken reagiert Bruno nur; doch als sich seine Situation ändert, unter anderem weil der Dealer/Apotheker seines Vertrauens ihn wissentlich mit unbrauchbarer Medizin versorgt, muss er handeln. Vielleicht wäre Bruno in einem vergleichbaren US-Gangsterfilm zum heroischen Rächer geworden – aber in „Schock“ wird nichts romantisiert, schon gar nicht das Gangstertum. Irgendwann weiß niemand mehr, wer die Gewaltspirale als erster in Bewegung gesetzt hat – und die Gewalt bleibt das, was sie ist: brutal, schmerzhaft und letztlich sinnlos.​

„Axiom“ von Jöns Jönsson

Bilder für die große Leinwand​

Das Budget des Films mag überschaubar gewesen sein, aber gemacht ist der Film exzellent – Kameramann Paul Pieck fängt die nächtliche Szenerie in atmosphärischen, sehr breiten Bildern ein, die ins Kino gehören. Dazu pulsiert eine elektronische Musik des Berliners Hainbach, mal elegisch, mal rhythmisch und nervös: In manchen Momenten erinnert das an die minimale Kinomusik von John Carpenter, wie überhaupt der Film allgemein an schnörkelloses, muskulöses US-Kino der Vergangenheit denken lässt – vielleicht hatten Siegel und Moschitto Filme von US-Kollegen wie Walter Hills „The Driver“ oder Michael Manns „Der Einzelgänger“ im Hinterkopf, ohne diesen nun direkt nacheifern zu wollen. Im Presseheft zum Film jedenfalls erwähnen die beiden eine besondere Liebe zu der „Pusher“-Trilogie von Regisseur Nicolas Winding Refn. Wer diese Referenzen (oder einfach einen guten Krimi) schätzt, wird sehr viel Freude an diesem Film haben. Für eine Szene, bei der ein Daumen eine zentrale Rolle spielt, sollte man einen starken Magen haben. Oder einfach kurz wegschauen.​

Aktuell im Bundesstart, im Saarland in der Camera Zwo.

Der Bildband „The Goldfinger Files“ – eine Woche mit James Bond in der Schweiz

Ein winkender Sean Connery in der Bar des „Hotel Bergidyll“. Der Herr ganz rechts ist Spezialeffekte-Mann John Stears – er doubelt nebenbei den nicht anwesenden Gert Fröbe und wird später zwei Oscars gewinnen – für „Feuerball“ und für „Krieg der Sterne“. Foto: Famile Holzhauser / Steidl Verlag

Hoch die Tassen! Ein winkender Sean Connery in der Bar des „Hotel Bergidyll“. Der Herr ganz rechts ist Spezialeffekte-Mann John Stears – er doubelt nebenbei den nicht anwesenden Gert Fröbe und wird später zwei Oscars gewinnen – für „Feuerball“ und für „Krieg der Sterne“.       Foto: Famile Holzhauser / Steidl Verlag

 

Ein opulenter Bildband zeichnet eine Woche Dreharbeiten in der Schweiz am James-Bond-Film „Goldfinger“ von 1964 nach. Ein Stück Filmgeschichte als faszinierender Mikrokosmos.

Bücher über Dreharbeiten gibt es ja einige. Aber ein Bildband über gerade mal sieben Drehtage (plus einer für Anreise und Hotelbeziehen), die auch noch fast 60 Jahre zurückliegen? Eine bizarre Idee? Im Prinzip schon – aber nicht, wenn der Film „Goldfinger“ heißt. Denn jener dritte James-Bond-Film löste die 007-Hysterie der 1960er erst aus. Waren die Vorgänger „Dr. No“ und „Liebesgrüße aus Moskau“ noch vergleichsweise erdverbundene Thriller, hob „Goldfinger“ 1964 filmisch ab und bastelte sich seine ganz eigene 007-Welt mit Drehbuch-Ideen und Bildern, die zu Kino-Ikonen wurden: die vergoldete Frau, der Smoking unterm Taucheranzug, die Laserwaffe, die den Helden lendenaufwärts halbieren soll, der Hut mit tödlichem Stahlring in der Krempe – und nicht zuletzt der Aston Martin, das automobile Symbol eines eleganten Englands, ausgestattet mit einem Schleudersitz für Beifahrer.

 

Die Hotel-Hausband „The Hammond’s“ entdeckt eine neue Einnahmequelle: Ihr alter VW-Bus wird zum Imbisswagen der Bond-Filmer. ⇥Foto: Familie Holzhauser / SteIdl

Die Hotel-Hausband „The Hammond’s“ entdeckt eine neue Einnahmequelle: Ihr alter VW-Bus wird zum Imbisswagen der Bond-Filmer. Foto: Familie Holzhauser / SteIdl

 

„Goldfinger“ ist der stilbestimmendste Bond-Film und zeigt Sean Connery auf dem Höhepunkt seiner 007-Lässigkeit – ab dem Folgefilm „Feuerball“, bei dem der technische Bombast übermächtig wurde, ging es bergab mit des Schotten Motivation: angesichts des Rummels, schwächerer Drehbücher und seines wachsendes Hasses auf die Produzenten, von denen er sich finanziell übervorteilt fühlte.

Plattfuß durch Aston Martin

1964 war die Welt aber noch in Ordnung bei „Goldfinger“, diesem Stück Populärkultur, dem der Göttinger Steidl Verlag nun den famosen, exportfreundlich englischsprachigen und am Papierrand gar goldfarbenen Bildband „The Goldfinger Files“ widmet. Um jene sechseinhalbminütige Szene geht es, in der Bond in den Schweizer Alpen den Schurken Goldfinger (Gert Fröbe) verfolgt, in einen Mordanschlag auf ihn gerät und sich dann der glücklosen Attentäterin (gespielt von Tania Mallet) andient – nachdem er ihrem Wagen mit seinem trickreichen Aston Martin einen doppelten Plattfuß beschert hat.

Die Schweizer Bond-Kenner Steffen Appel und Peter Wälty haben für dieses Buch mit der Goldkante Hunderte Fotos der Dreharbeiten zusammengetragen, Pressebilder, Privataufnahmen, dazu Drehbuch-Passagen, Produktionsnotizen und Bildfolgen aus dem fertigen Film. Alles brachten sie in Detektivarbeit in eine Chronologie – teilweise durch den mikroskopischen Blick auf die Armbanduhren der Fotografierten.

Drehpause – Sean Connery filmt Schauspielerin Tania Mallet. Foto: Josef Ritter / Steidl

Das Ergebnis ist ein Bildertagebuch voller Nostalgie an die 1960er, mit Fernweh in Richtung der schönen Alpen und mit einer überraschenden Bodenständigkeit: Bond-Produktionen achten heute penibel darauf, wo sie der Presse Zugang gewähren und wo nicht. Bei „Goldfinger“ durften zwecks Werbe-Maximierung in jener Schweizer Woche die Fotografen bei allem dabei sein. So gibt es neben klassischen PR-Aufnahmen – Mallet und Connery wandeln auf dem Flughafen Zürich-Kloten die Gangway herab – auch ganz anderes: Connery etwa beim Imbiss-Stand der Dreharbeiten, mit Hühnerbein und Kartoffelsalat auf Pappteller nebst Plastikbesteck. Kein Bond-Glamour also – zumal das Mahl nicht von Spitzenköchen gereicht wurde, sondern von der Hausband des „Hotel Bergidyll“ in Andermatt, wo das 50-köpfige Bond-Team im Juli 1964 untergekommen war, nachdem alle anderen Gasthäuser der Region kein Interesse hatten (heute schwer vorstellbar). Jene Hausband, „The Blue Hammond’s“, beschallte in langen Nächten den britisch bevölkerten Tanzboden des Hotels und fuhr tagsüber mit einem klapprigen VW-Bus und angepapptem Schild mit „Catering Service Verpflegung Dreharbeiten“ den Bond-Filmern hinterher.

Interview mit Kulturwissenschaftler über James Bond

Mit dem 5. Juli 1964 beginnt das Buch. Sean Connery, damals 34, fliegt in Zürich ein, ohne Toupet und ohne Rummel – Bond ist noch kein Massenphänomen, anders als die Beatles, die, wie das Buch vermerkt, exakt vier Wochen vorher auf dem Flugplatz standen und heftig umkreischt wurden. Ein Detail am Rande: Im Film „Goldfinger“ äußert sich die Figur Bond ziemlich altväterlich über die Beatles, die ja nur mit Gehörschutz zu ertragen seien. Nun, ein Progressiver war Bond ja nie. Das „Bergidyll“ entpuppt sich aus heutiger Sicht als Innenarchitektur-Traum für Sixties-Nostalgiker. Connery bezieht Zimmer 21 und moniert, dass sein Bett für seine 1,88 Meter Körperlänge zu klein sei. Der praktische Rat des Hoteliers: Er solle sich doch diagonal zur Nachtruhe legen, schließlich schlummere er in einem Doppelbett.

Mit Papptellern in der Wiese

Tags drauf beginnen die Dreharbeiten im Urserental im Kanton Uri auf 1500 Metern Höhe. Vor allem Autofahrten mit dem neuen Ford Mustang werden gefilmt, den die Autobauer bei Bond werbetechnisch untergebracht haben. 007 ist eben der König der Schleichwerbung und des Lizensierens. Connery hat wenig zu tun, also gibt er die ersten von unzähligen Interviews und stellt klar, wie sehr er es hasse, wenn man ihn als „Mr. Bond“ anspricht. Die Fotos dazu wirken wie ein Betriebsausflug im Grünen – man liegt mit Papptellern in der Wiese oder schaut hoch in den Himmel, wo Schweizer Militärmaschinen Flugübungen machen. Bei den Dreharbeiten ist mindestens ein Schweizer Soldat zugegen, waren Teile des Urserentals in den 1960ern doch militärisches Sperrgebiet.

Eine alte Kino-Anzeige für "Goldfinger".

„Goldfinger“ lief in manchen Kinos monatelang. Foto: Archiv Saarbrücker Zeitung

Die 60er spiegeln sich auch in der Technik wieder und in den Herausforderungen an eine Filmproduktion: Im „Bergidyll“ muss die Produktionsgesellschaft EON bei der Schweizer Post vorab zehn Telefonleitungen für die Hotellobby beantragen, die zur Überraschung vor allem der Einheimischen sogar rechtzeitig installiert werden. Zugleich wird der Raum für die Skier zur Dunkelkammer umgebaut – der entwickelte Film wird regelmäßig nach Zürich chauffiert und von dort nach London geflogen, wo Cutter Peter Hunt (der 1968/69 selbst einen Bond drehen wird, „Im Geheimdienst ihrer Majestät“) das Material sichtet.

 

Da die britische Gewerkschaft auf einen Arzt am Set besteht, wird kurzerhand der Cousin des Hotelbesitzers (und Mediziner) engagiert, der in jener Woche so viel verdient wie sonst in einem Monat als Assistenzarzt in Basel. Mehr als eine Magenverstimmung muss er nicht behandeln – erstaunlich, wird doch, auch das zeigt das Buch, ausgiebig gefeiert. Die kleinste Whisky-Einheit, die man in der Bar des „Bergidyll“ bestellen kann, ist gleich eine doppelte.

Zum Tod von Roger Moore

Connery, leicht unleidlich

Was erfährt man noch bei diesem wunderbar nostalgischen Bilderbogen? Dass bei den Dreharbeiten ausgerechnet das Traumauto Aston Martin auf der Strecke bleibt – die Kupplung gibt zügig den Geist auf, und da die Zeit drängt, wird ein Zweit­exemplar der Nobelkarosse eingeflogen. Connery wird im Laufe der Woche bei den Interviews etwas unleidlich, vielleicht wegen der ähnlichen Fragen, vielleicht wegen eines regelmäßigen Katers.

Gert Fröbe ist gar nicht dabei

Auch um die eheliche Treue Connerys geht es nebenbei im Buch, wobei die Quellen da auseinander gehen: Für manche Zeitzeugen war er in jener Schweizer Woche der vollendete platonische Gentleman, für andere ein Füllhorn der möglicherweise erfolgreichen Anmachsprüche. Kurios: Darsteller Gert Fröbe spielt in den Schweizer Szenen zwar mit, ist aber nicht anwesend: Nahaufnahmen mit ihm werden in London gedreht und später in den Film geschnitten, in der Schweiz wird er für Kamera-Einstellungen von Weitem gedoubelt – vom Spezialeffekte-Mann John Stears, der nicht einmal Fröbes bullige Figur hat, was aber nicht auffällt: die Magie des Kinos eben. Diese Magie verlässt sonntagabends am 12. Juli 1964 wieder das Schweizer Idyll, der Bildband schließt mit Abschiedsfotos. Connerys Double Bill Baskerville und Harold Sakata, der Darsteller des mörderisch hutwerfenden Zweitschurken „Odd Job“, posieren sichtlich dankbar mit den Betreibern des beliebten improvisierten Imbisswagens, Connery signiert das Fotoalbum des Barmannes Heini Holzhauser. Und um 19.15 Uhr hebt die Maschine der British European Airways in Zürich ab, in Richtung London. Dort werkelt man dann weiter an diesem Stück Kinogeschichte.

Steffen Appel, Peter Wälty: The Goldfinger Files.
Steidl Verlag,
192 S., 346 Abbildungen. 38 Euro.
www.steidl.de

Nostalgie: Ein Fundstück aus der VHS-Ära

 

Beim Aufräumen des Schreibtischs gefunden – ein altes Ausleihkärtchen für eine VHS-Cassette in der Videothek. Reifere werden sich erinnern, Jüngere, mit Streaming-Aufgewachsene,  werden es nicht glauben: So ein Kärtchen nahm man aus dem Wandregal, in dem die Hülle des Films stand, gab es an der Theke ab, und Videothekarin oder Videothekar drückte einem dann die Cassette in die Finger. Und wenn man die  nicht zurück gespult zurück gegeben hat, kostete es extra (zumindest in manchen Läden). Alles sehr lange her.

Die alte Videothek in der Bleichstraße

Wenn das Kino der Kindheit vor sich hin bröckelt

„A great place to call home“ mit Ben Kingsley

 

„E.T“ im Garten: Joyce (Jane Curtin), Sandy (Harriet Harris) und Milton (Ben Kingsley, von links) – und der Außerirdische (Jade Quon). Foto: Neue Visionen Filmverleih

„E.T“ im Garten: Joyce (Jane Curtin), Sandy (Harriet Harris) und Milton (Ben Kingsley, von links) – und der Außerirdische (Jade Quon). Foto: Neue Visionen Filmverleih

 

Ist er nun besonders hartnäckig? Oder einfach vergesslich – und weiß nicht mehr, dass er seine Anmerkungen im Gemeinderat schon viele, viele Mal heruntergebetet hat, begleitet von kollektivem Gähnen? Jedenfalls fordert der 78-jährige Milton immer wieder (und vergeblich) einen Zebrastreifen an einer besonders befahrenen Kurve in seinem Heimatstädtchen im US-Hinterland. Und dann sollte der Ort, findet der Rentner, dringend seinen Slogan ändern: Denn „A great place to call home“ bedeute eben nicht nur, dass man diesen wunderbaren Ort sein Zuhause nennen könne – sondern dass man von diesem Ort aus auch wunderbar nach Hause telefonieren könne.​

Einer, der genau dieses stets tun wollte, ist ja Steven Spielbergs Film-Außerirdischer „E.T.“ Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass in Miltons Garten ein Ufo bruchlandet. Nur mag ihm das, als er davon berichtet und sich vor allem über die geplätteten Azaleen beklagt, niemand glauben – er wird als senil abgetan. Und sein Garten ist wohl so abgelegen, dass das Raumschiff niemandem auffällt. Unbemannt ist das Ufo in Untertassenoptik eines 50er-Jahre-SF-Films nicht: Ein außerirdisches Wesen liegt auf der Terrasse und wird Miltons monotones Leben noch einmal befeuern.​

Wohlfühlfilm, aber nicht dämlich

Eine sympathische Tragikomödie ist dieser Film von Marc Turtletaub, der durchaus gelungen die Wärme eines klassischen Wohlfühlfilms mit den weniger wohligen Themen Alter, Einsamkeit, zerbröckelnde Familien miteinander verbindet – und Demenz. Milton stellt eine Dose Bohnen in den Badezimmerschrank, legt die Zeitung in den Kühlschrank, und nach dem abendlichen Spülen ist sein einsamer Teller nicht ganz sauber. Sein Glück immerhin, dass seine Tochter im selben Ort lebt und nach ihm schaut. Der Kontakt zum Sohn ist seit Jahren abgerissen, weil Milton, wie er selbst zugibt, ein schlechter Vater war. Er spricht dem Sohn vergeblich auf den Anrufbeantworter, und wenn er am Telefon „Hier wird es langsam Herbst“ sagt, meint er nicht die Jahreszeit.​

„Perfect days“ von Wim Wenders

Gut, dass Ben Kingsley diesen Milton nicht als Kauz mit dem goldenen Herzen spielt, sondern als knorrigen alten Mann, dem das Wissen um den eigenen Verfall zusetzt, der darüber frustriert ist und wütend. Was soll jetzt noch kommen? Womit muss man rechnen? Zumindest nicht mit einem Außerirdischen im Garten.​

Der Außerirdische, ein guter Zuhörer​

Nur zwei Bekannte von Milton wissen um den Besuch aus dem All, die nette Sandy (Harriet Harris) und die etwas bärbeißige Joyce (Jane Curtin). So entwickelt sich eine gewisse Schicksalsgemeinschaft zu viert in Miltons Wohnzimmer, wo der Außerirdische, den sie „Jules“ nennen (so auch der US-Filmtitel), eine Art Seelenkatalysator wird. Denn das blasse, haarlose und stumme Wesen (gespielt von der Stunt-Frau Jade Quon) liebt Äpfel, ist ein guter Zuhörer, zumindest muss man das annehmen – und so können die Drei ihm aus ihrem Leben erzählen. Das hätte nun seifig werden können, aber das Drehbuch von Gavin Steckler umschifft die Klippen der Schnulze. Da geht es zwar um Verlust, um Alleinsein, um Abschied, aber weniger sentimental als man befürchten müsste. Das Gefühligste im Film ist die Musik des deutschen Komponisten Volker Bertelmann; der gewann 2022 einen Oscar für seine bedrohliche, eigenwillige Musik zu „Im Westen nichts Neues“, doch hier legt er eine allzu liebliche Piano-Streicher-Komposition als Gefühlsunterstützung vor.​

Kennt der Außerirdische Cronenbergs „Scanners“?

Ganz so lieblich wie es die Musik nahelegt, ist es in dieser Kleinstadtwelt ohnehin nicht – eine Initiative, junge und alte Menschen zusammenzubringen, endet für eine Figur fast tödlich. Da kommt eine Fähigkeit des Außerirdischen ins Spiel, die allerdings außerhalb des Bildes gezeigt wird – man hätte einen starken Magen dafür gebraucht. Kann es sein, dass man sich auf dem Heimatplaneten von Jules Filme von David „Scanners“ Cronenberg anschaut?​ Überhaupt hat der Film einige skurrile Komik, etwa wenn Milton dem Außerirdischen die Segnungen des Fernsehens erklärt: Auf seinem Lieblingskanal laufe dreimal täglich die Krimi-Serie „CSI“, und die Nachrichtensender würden sich vor allem darin unterscheiden, ob sie mehr oder weniger aggressiv seien (meist mehr). Und der Motor des Ufos hat einen bizarren Treibstoff, der Tierfreunde verschrecken könnte. Auch hält der Film anfangs reizvoll in der Schwebe, ob der Außerirdische vielleicht doch nur eine Halluzination Miltons ist. Ähnlich doppeldeutig ist dann der letzte Moment des Films – egal wie man ihn interpretiert: Anrührend und tröstlich ist er.​

 

Aktuell im Bundesstart, in Saarbrücken in der Camera Zwo.

„Luis Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ von Salvador Simó

Dreharbeiten im Elend: Luis Buñuel (rechts) und sein Team, das mit dem Großkünstler nicht immer einer Meinung ist.

Dreharbeiten im Elend: Luis Buñuel (rechts) und sein Team, das mit dem Großkünstler nicht immer einer Meinung ist. Foto: Good!Movies

 

Der Hass kommt aus jeder Richtung. „Faschist!“ schreien die einen, „Kommunist!“ die anderen – und ein Gotteslästerer ist er auch noch. So läuft im Film „Luis Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ die Pariser Premiere 1930 von „Das goldene Zeitalter“ ab, Buñuels zweitem Film. Der verstörte mit seinen surrealen Bildern ebenso wie ein Jahr zuvor des Spaniers Kinodebüt „Der andalusische Hund“ – unter anderem – man kennt es gut – mit dem Motiv der Rasiermesserklinge im Augapfel. Groß ist der Skandal um Buñuel, klein die Zahl der Geldgeber, die seine skandalträchtige Kunst unterstützen wollen. Auch nicht sein Kollege und zuvor künstlerischer Begleiter Salvador Dali, der sich blumen- und erfindungsreich herausredet: „Eine Wahrsagerin hat mir geraten, Freunden kein Geld zu leihen.“ Was tun?

In der Limousine zum Elend

Das ist der Ausgangspunkt dieses biografischen Animationsfilms von Salvador Simó, der auf einem Comic von Fermín Solís über Buñuel (1900-1983) basiert und die Geschichte seines nächsten Projekts nachzeichnet: Ein Buch macht ihn auf Las Hurdes aufmerksam, eine abgelegene Gebirgslandschaft in Spanien, mit katastrophaler Armut und viel Krankheit durch generationenlange Inzucht. Über das schwierige Leben und Überleben dort will der große Surrealist eine realistische Dokumentation drehen. Finanzieren mag das niemand. Außer einem engen Freund, dem Anarchisten und Bildhauer Ramón Acin. Doch der hat kein Geld, verspricht ihm aber, den Film namens „Las Hurdes – Land ohne Brot“ zu finanzieren, sollte er in der Lotterie gewinnen. Und da das Leben manchmal so ist wie ein schlechtes (oder auch surreales) Drehbuch, gewinnt Acin tatsächlich und finanziert den Film. Mit einem großspurigen neuen Auto, für das Buñuel schon mal ein Viertel des Budgets ausgibt, geht es bequem los in Richtung Elend.

Kein Denkmal

„Luis Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ – der Titel bezieht sich auf die flachen Steinhütten der Bewohner von Las Hurdes – setzt dem spanischen Künstler kein kritikloses Denkmal. Buñuel, befeuert von seiner Kunst, geht buchstäblich über Leichen, wenn auch zumindest nicht über die von Menschen: Ein lokales Ritual des Abreißens von Hühnerköpfen (lebend) stellt er gerne noch einmal nach, um es gut vor die Kamera zu bekommen; wenn Ziegen keine steilen Klippen herabstürzen wollen, hilft er nach, schließlich trägt er immer einen Revolver bei sich; und die tödliche Attacke wütender Bienen auf einen Esel provoziert er bewusst. Wie viel oder wenig dieses Tun allerdings mit dokumentarischer Arbeit zu tun hat (ganz abgesehen von der Grausamkeit), muss sich Buñuel irgendwann fragen. Sein entsetzter Freund/Produzent stellt sich diese Frage schon früher.

„Der wilde Planet“ auf Bluray

Um die Frage des Verhältnisses zwischen Dokumentarfilmer und seinen menschlichen Objekten geht es auch in diesem halbfiktionalen Film. Anfangs bereitet Buñuel seinem Team immer ein opulentes Frühstück zu, damit man zu den Dreharbeiten bei den Hungernden kein Essen mitnehmen muss, das man dann verteilen müsste. Doch mit der Zeit scheint er diese Elendswelt nicht mehr nur als faszinierende Kulisse für einen möglichst schockierenden Film zu begreifen, sondern wirklich als bedrückendes Thema. So ist „Luis Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ auch die Geschichte einer persönlichen Reife – zugleich aber auch eine satirische Komödie über Filmemacher, die sich mit Nobelauto und in edlem Zwirn dem großen Elend nähern.

Nostalgischer Animationsstil

Der Trickfilm, der im Dezember 2019 den Europäischen Filmpreis als Beste Animationsproduktion gewann, erzählt das alles (die Todesfälle abgesehen) mit leichter Hand, oft witzig, mit einem Animationsstil, der bewusst altmodischer und weniger fließend wirkt als glattere Hollywood-Trickfilme. In surrealen Traumsequenzen hat Buñuel wundersame Visionen und Gespräche, wird von Hühnern verfolgt (vor denen er sich wohl zeitlebens ängstigte) und sucht, ein Psychologie-Klassiker, die ihm bisher versagte Anerkennung seines Vaters. Regisseur Simó schneidet immer wieder kurze Szenen aus Bunuels „Las Hurdes“ in seinen Film hinein, ein interessanter Kontrast von Bildern und Ästhetiken.  Mit der Fertigstellung von „Las Hurdes“ (Bunuel schneidet ihn in seiner Küche) endet der Trickfilm, der noch auf das Schicksal des lotteriespielenden Produzenten verweist: Er wird im Spanischen Bürgerkrieg von den Faschisten erschossen, ebenso wie seine Frau.

Den Film gibt es auf DVD und Bluray bei Good!Movies.
Das Kino Achteinhalb zeigt ihn am Donnerstag, 1. Februar, OmU ab 19 Uhr. Vorher gibt es eine Einführung von Prof. Oleksandr Pronkevich von der Katholischen Universität Lviv, hinterher einen kleinen Umtrunk.

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