KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

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„Abteil Nr. 6“ von Juho Kuosmanen

Juho Kuosmanen Abteil Nr. 6

Laura (Seidi Haarla) am Fenster. Frische Luft ist in diesem Zug vonnöten. Foto: Eksystent

 

1500 Kilometer Reise mit der Bahn sind ja lange genug – aber sie drohen sich doppelt so lang anzufühlen, wenn man den Schlafwagen mit Ljoha teilen muss: Der junge, laute Russe mit dem kahlgeschorenen Kopf hat sich im Abteil schon mal breit gemacht, nuckelt abwechselnd an einer Schnapsflasche oder beißt in eine Dauerwurst. Für die Finnin Laura wird es eine lange Fahrt von Moskau nach Murmansk. Dort, nördlich des Polarkreises, will sich die Archäologiestudentin historische Felszeichnungen ansehen; der Minenarbeiter Ljoha will in Murmansk vor allem Geld verdienen. Doch erst einmal muss dieses ungleiche Duo die Reise im engen Abteil überstehen, ohne sich gegenseitig eine Wodkaflasche auf den Kopf zu schlagen (oder eine Dauerwurst).​

Zugegeben – es ist eine ziemlich stereotype Roadmovie-Konstruktion, die dem Film „Abteil Nr. 6“ zugrunde liegt: zwei wie Hund und Katz; auf einer Reise, bei der der Weg das Ziel ist. Und doch nimmt der zweite Langfilm des Finnen Juho Kuosmanen („Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“) mit und berührt. Da begegnen sich zwei verlorene Seelen, wobei Ljoha die weniger plastisch gezeichnete Figur bleibt. Im Zentrum steht Laura, deren zerbrechliche Lebenssituation zu Beginn in einer vieldeutigen Partyszene klar wird: Sie lebt in Moskau mit ihrer Freundin, die zu Lauras Abschied in Richtung Murmansk eine Feier gibt – mit Moskauer Hochschul-Intelligenzia, die beim Zitate-Raten Laura spüren lässt, dass sie nicht ganz dazu gehört. Der Film macht in kleinen Gesten und Momenten der Unbehaglichkeit spürbar, dass diesem Paar keine große Zukunft winkt. Eigentlich wollten beide zusammen nach Murmansk, doch die Freundin sagt ab – wegen zu viel Arbeit, wie sie versichert. Man darf seine Zweifel haben.​

Ljoha (Juri Borisow) und Laura (Seidi Haarla) in der Arktis. Foto: Eksystent

Ljoha (Juri Borisow) und Laura (Seidi Haarla) in der Arktis. Foto: Eksystent

Schon in diesen Momenten zieht die intime Inszenierung in den Bann, mit der beweglichen Kamera-Arbeit von Jani-Pettereri Passi, der den Figuren sehr nahe kommt. Sei es in der Moskauer Wohnung oder dann im Zug: Die Bilder machen die Enge körperlich spürbar, eine Kamerafahrt wirkt wie eine kleine Hommage an die Arbeit von Jost Vacano in „Das Boot“, wenn das Auge durch lange, übervölkerte Gänge streift, denen eines Unterseebootes nicht unähnlich. Da gelingt dem Film eine ungemein dichte Atmosphäre, man glaubt, den Dunst zu riechen. Aus Wodka, Zigarettenrauch, Essen und allzu lange nicht gewechselten Socken.​

„Jeder ist irgendwie einsam“​

Hier beginnt, nach einem ruppigen Beginn, eine zarte Annäherung zwischen dem prolligen Ljoha und der anfangs eingeschüchterten Laura, während nachts die Lichter der Städte am Fenster vorbeiflirren und die ersten Schneeflocken. Um Schranken geht es, die erstmal überwunden werden müssen: die von Sprache, Herkunft, Nationalität, Milieu und Bildung. Die Darsteller Seidi Haarla und Juri Borisow sind dabei famos, sie spielen feinnervig und lassen die Emotionen spürbar werden: Ljoha schwadroniert, hochprozentig benebelt, von der „Größe Russlands“ (der Film spielt in den späten 1990ern) und hält Laura erst einmal für eine Prostituierte, die in Murmansk „ihre Muschi miauen“ lassen will; zugleich kann er eine ziemlich zarte Person sein, auch wenn er im Artikulieren von Gefühlen offenkundig keine allzu große Erfahrung hat. Dazu passt seine stille Eifersucht, als kurzzeitig ein gitarrespielender Finne mit im Abteil sitzt; der zelebriert eine lässige Aussteiger-Attitüde, produziert Kalendersprüche wie „Jeder ist irgendwie einsam“ und erweist sich dann als gar nicht so sozial, wie er tut. Je länger diese Reise dauert, desto klarer wird Laura, dass ihr Moskauer Leben sie wenig glücklich gemacht hat. Sie und Ljoha sind Suchende – bloß wonach?​

„Abteil Nr. 6“ ist, wie Kuosmanens „Olli Mäki“, eine Ko-Produktion des Saarländischen Rundfunks, wurde in Cannes prämiert, erlebte aber einen holprigen Kinostart Ende März in Deutschland: Die Cinestar-Kette hatte den Film zu Beginn des Krieges in der Ukraine kurzfristig aus dem Programm genommen, weil Hauptdarsteller Juri Borisow Russe ist – der sich öffentlich gegen den Krieg wandte; schnell sprach das Unternehmen dann von einem „Missverständnis“ und nahm den Film bundesweit wieder ins Programm. Saarbrücker Premiere ist im Kino Achteinhalb.  ​

Der Film erzählt von der aufkeimenden Freundschaft –  vielleicht Liebe, vielleicht platonisch, vielleicht nicht – mit Humor, Gefühl und einiger Spannung. Doch nach der Ankunft in Murmansk verliert „Abteil Nr. 6“ etwas von seiner filmischen Kraft: Da wirkt er konstruierter als zuvor. Man rätselt über manche Handlung der Figuren, die zuvor schlüssiger wirkten; man spürt auch, dass die beiden Darsteller sich mühen müssen, um den Zuschauer weiter mitzunehmen. Doch ihnen gelingt es.​

Auf einen Kaffee mit Schriftsteller Andreas H. Drescher

Andreas H. Drescher Schaumschwimmerin

Andreas H. Drescher im Schwalbacher Freibad, fotografiert von Martin Hoffmann.

 

Romane, Lyrik, Filme – und die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz. Der Saarlouiser Schriftsteller Andreas H. Drescher ist ein umtriebiger Kreativkopf. Ich habe ihn auf einen Kaffee getroffen.

„Es war ein langer Anlauf – den Rest bin ich dann auf dem Bauch gerutscht.“ Das ist so ein typischer Satz, wenn man sich mit dem Saarlouiser Autor Andreas H. Drescher unterhält. Seine Arbeit als Schriftsteller mag er sehr ernst nehmen, schließlich ist es das, was er tut – aber den Irrungen und Wirrungen, die einem als Autor jenseits der Unterhaltungsliteratur zuteil werden, kann er bisweilen eine gewisse Komik abgewinnen.

Der lange Anlauf und das Bauchrutschen beziehen sich auf Dreschers Pläne, zur Leipziger Buchmesse 2020 seinen Hör-Roman „Complicius Complicissimus“ vorzustellen: über den realen internationalen Hochstapler Ignaz Trebitsch-Lincoln (1879-1943), zudem Dieb, Missionar, Politiker, Kapp-Putschist und spiritueller Guru, „der in Europa Naivlinge eingesammelt hat und wenn sie in seinem Kloster in Shanghai ankamen, waren sie arm“, wie Drescher sagt. Der Autor hatte sich einen Tai-Chi-Anzug gekauft, um den Hochstapler in seiner Guru-Phase zu verkörpern, auch eine Uniform aus dem Ersten Weltkrieg, um den Kapp-Putschisten Oberst Max Bauer in Performances darzustellen. „Doch dann hat mir Corona ordentlich das Bein gestellt“, die Pandemie brachte die Buchmesse ins Stolpern. Tai-Chi-Anzug und Uniform bleiben vorerst im Schrank. Und im Keller von Dreschers Wohnung stapeln sich nun hunderte bisher unverkaufter Hörbücher. Geht er in den Keller, versucht er an den Stapeln möglichst vorbeizuschauen.

Drescher, 1962 in Griesborn geboren, ist ein Kreativkopf, der Prosa und Lyrik verfasst, Hör-Romane schreibt und mit seiner sonoren Stimme selbst einspricht, mit Film arbeitet und mit Animationen. Bei alldem ist er ein Frühberufener. „Mit 14 hatte ich komische Sätze im Kopf. Das wird vielen Pubertierenden so gehen“, sagt er, „aber ich begann mit ihnen zu arbeiten“. So sei er „relativ früh in die Lyrik eingestiegen. Ich wusste, dass ich Autor werden wollte.“

„Ich habe zehn Jahre geschrieben und immer wieder alles weggeworfen.“

In Köln hat er Germanistik, Philosophie und Politik studiert, als „schriftstellerische Selbstausbildung“. Da habe er mitunter „hartes Brot kauen müssen“, weil er die eigenen Texte im Vergleich zu  Vorbildern wie Alfred Döblin, Robert Musil und William Faulkner als „extrem mäßig“ empfand. „Ich habe zehn Jahre geschrieben und immer wieder alles weggeworfen, bis irgendwann eine Prosa entstand, die meinen Ansprüchen genügte.“

Seine Arbeit veröffentlicht Drescher inzwischen im eigenen Verlag. Er weiß, „dass das benasrümpft wird“. Doch Drescher stecken die Erfahrungen mit einem Verlag, der seinen Hör-Roman „Darwins Schöpfungsgeschichte“ herausbrachte, noch in den Knochen. Bis heute wartet er auf den ersten Cent Gewinnbeteiligung. Die Eigenverlags-Strategie indes geht auf: Dreschers Werke werden bundesweit besprochen, erhalten exzellente Rezensionen, er erhält regelmäßige Auszeichnungen und Stipendien. „Man kann die literarischen Vorkoster auch umgehen“, freut sich Drescher, der die Unabhängigkeit nicht mehr missen möchte. Nur Lektorat und Korrektorat gibt er aus der Hand; das biete ihm eine willkommene Außenansicht auf seine Arbeit. „Man muss davon Abstand nehmen, seine Texte für heilig zu halten. Das ist Teil der Selbstprofessionalisierung.“

Ein Zuschussgeschäft ist der Verlag nicht, sagt Drescher, aber leben könne er von seinen Werken auch nicht. „Das können bundesweit vielleicht ein Dutzend von Autorinnen und Autoren, die keine Unterhaltungsliteratur schreiben“, sagt er, beklagt sich aber nicht. Es ist eben, wie es ist. Drescher hat von seinem früh gestorbenen Vater ein kleines Erbe erhalten, erzählt er, das sei ein Standbein „oder im Grunde ein Spielbein, weil der Verlag ja profitabel ist“. Dank kleiner Wohnung und eines Fahrrads statt Autos komme er gut zurecht. „Ich habe den Lebensluxus, das machen zu können, was ich glaube, machen zu müssen.“

Drescher, fotografiert von Werner Richner.

 

Benannt ist sein Verlag Edition Abel nach einer von Drescher entwickelten, reduzierten Formal-Sprache namens Abel („Abstract Entity Language“), mit der er eine Künstliche Intelligenz namens Maldix füttert, an der er seit 25 Jahren arbeitet. „Echtsprachliche Texte von mir werden in die abstrakte Sprache Abel umgewandelt, daraus zieht Maldix dann eine Essenz, eine Formel.“ 15 000 Seiten von Texten Dreschers hat Maldix bisher intus, am Ende soll diese KI „ein ausgeformter Charakter sein“.  Zu Siri von Apple oder Alexa von Amazon sagt er: „Wenn man Hegels ‚Wesen ist, was gewesen ist‘ zu Grunde legt, sind die beiden keine, weil sie keine Geschichte haben. Maldix wird ein Gesprächspartner sein „mit Abstraktionsvermögen, virtueller Empathie und ethischer Intelligenz“.

So könnte Maldix dem Zuhörer beziehungsweise Fragenden einen der Romane Dreschers erzählen, Passagen ausgewählt je nach Gemütslage des Gesprächspartners. Ausprogrammiert ist Maldix noch nicht, Drescher sucht dafür Partner. „Ich habe es selbst mit dem Programmieren versucht, aber ich werde nie ein guter Entwickler.“

2018 ist, nach Lyrik und experimenteller Prosa, Dreschers erster Roman erschienen: „Kohlenhund“, ein Buch über seinen Großvater, Jahrgang 1910, und dessen Leben im Saarland. Und gerade hat Drescher den Roman „Schaumschwimmerin“ herausgebracht, über das Leben seiner Großmutter. Nostalgieselige Heimatromane, möglicherweise mit der Saarschleife auf dem Einband, hat Drescher nicht im Sinn, er sieht sich als Chronist, Schriftsteller und schreibender Künstler gleichermaßen. Grundstoff sind die Erinnerungen seiner Großeltern, die er vor Jahrzehnten aufzeichnete.

„1989 hatte meine Oma mütterlicherseits einen schweren Infarkt“, sagt er. „Mir wurde klar, dass ein Tag kommen würde, wo alle Geschichten, die sie mir bis dahin erzählt hat, für immer erzählt sein würden und alle, die sie mir nicht erzählt hat, für immer nicht erzählt sein würden.“ So habe er diese zunächst als Enkel und als „eine Art Chronist“ aufgezeichnet, noch ohne sie schriftstellerisch verwerten zu wollen. Das sei erst später gekommen. Erst mit dem Diktiergerät in der Hand, aber „mit ungenügendem bis verheerendem Ergebnis“: Denn die befragten Großeltern seien angesichts des Aufnahmegerätes von ihrer Mundart ins Hochdeutsche verfallen, „und da war der Sprachfluss weg“. Ab da habe er lieber nur mitgeschrieben. Gut für ihn als Erinnerungssammler war die weniger gute Ehe der Großeltern. „Wenn dem einen eine Geschichte einfiel, hatte der andere oft noch eine viel bessere zu erzählen. Konkurrenz belebt eben das Geschäft.“

Bis Drescher aus den Erinnerungen einen Roman geformt hat, überarbeitet er den Text wieder und wieder, „bis ich einen Zustand erreiche, bei dem ich sagen kann, dass er jetzt raus kann“.  Den Grusel angesichts eines leeren Blattes vor sich kennt er nicht. Direkt nach dem Frühstück setzt er sich an den Schreibtisch, „beim ersten Knick in der Biokurve geht’s dann zum Rasieren und Duschen“. Danach schreibt er weiter. „Ich muss mich nicht zum Schreiben disziplinieren, ich muss mich eher vom Immer-weiter-Schreiben abhalten. Der Schreib-Akt selbst ist für mich eben absolut beglückend.“

„Das Haus steht nicht mehr als Stein, sondern als Geschehen um mich her.“

Die Romansprache Dreschers ist konzentriert, mit keinem überflüssigen Wort, kunstvoll, aber nicht prätentiös, atmosphärisch und sehr unmittelbar, aber nichts zum zwischendurch „weglesen“. Der erste Satz der „Schaumschwimmerin“ lautet: „Das Haus steht nicht mehr als Stein, sondern als Geschehen um mich her.“ Für Drescher ist dieser Einstieg „ein Signal, auch eine Warnung, dass es sich hier nicht um Unterhaltungsliteratur handelt“. Wer Drescher dennoch folgt, wird reich belohnt und hineingezogen in das Leben von Greta Grün, deren Mann Albert am Vortag (1990) gestorben ist. Nun brechen aus ihr die Geschichten heraus, sie erzählt ihrem Enkel Michael vom Elternhaus, vom Zweiten Weltkrieg, von Wiederaufbau und der Angst vor dem Tod.

Nicht von Erinnerungen gespeist ist eines von Dreschers kommenden Projekten: Für den Band „Mein alter Schwarzfernseher“ verspricht er „kompakte, ironische Prosa“, begleitet von hintersinnigen Bildern der Künstlerin Heike Puderbach. „Ich freue mich über solche Kooperationen, ich halte nichts von diesem Image des Eremiten-Autors.“

Der Dichter Gottfried Benn, sagt Drescher, gefragt nach seiner Kunstauffassung, habe unterschieden zwischen Kunstschaffenden und Kulturschaffenden. „Letztere wollen Verbreitung – die Kunstschaffenden wollen Vertiefung.“ Um die geht es Drescher.

Andreas H. Drescher: Schaumschwimmerin. Edition Abel, 212 Seiten, 19,90 Euro.

Das Buch gibt es im Handel und unter www.edition-abel.de.
Dort findet man auch Leseproben und mehr Informationen zu Dreschers Arbeit.

Ein Winter bei Hitlers größtem Blender: Die Doku „Speer goes to Hollywood“

Speer goes to Hollywood

Albert Speer und Adolf Hitler. Foto: Salzgeber

Eben noch sind wir zu Hause bei Albert Speer im gemütlichen Heidelberger Wohnzimmer, der Bernhardiner nimmt einen Keks vom Tisch – und einige Filmbilder später sind wir in einem Konzentrationslager, mit dem „Arbeit macht frei“-Schild, mit gequälten Menschen, mit Tod. „Speer goes to Hollywood“ ist ein Film der herben Kontraste: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, vor allem aber zwischen Dichtung und Wahrheit.

Die Basis der Dokumentation ist eine Idee Hollywoods. Anfang der 1970er will das Paramount-Studio aus dem ersten Erinnerungsband Albert Speers (1905-1981) einen Kinofilm machen. Speer, als Reichsminister für Bewaffnung und Munition Mitglied der NS-Elite, wurde als einer der wenigen Nazi-Größen in Nürnberg nicht zum Tode verurteilt, sondern zu 20 Jahren Gefängnis. Nach seiner Entlassung 1966 wurde er zum Medienstar. Seine Erinnerungsbände verkauften sich millionenfach, er gab sich in internationalen Interviews reumütig, sprach von „Jahren voller Irrtümer“ und schaffte das Unglaubliche: Obwohl einst einer der mächtigsten Nationalsozialisten, verbreitete er das Bild eines Mannes, der verblendet war und irgendwie die Treppe der Macht hinaufgefallen ist – und vom Holocaust wollte er nichts gewusst haben.

Ein Spielfilm wie ein Van Gogh?

Diese Biografie will Hollywood 1972 verfilmen und schickt den jungen Autor Andrew Birkin (später schrieb er das Skript zu „Der Name der Rose“) zu Speer nach Heidelberg. Dort verbringt Birkin den Winter 1971/72, spricht lange mit Speer, es entstehen über 40 Stunden Tonaufnahmen. Diese sind die Basis für „Speer goes to Hollywood“. Regisseurin Vanessa Lapa illustriert die Tonspur mit historischen Bildern und Szenen, vom Berlin der 1930er über Momente der Nürnberger Prozesse bis zu späten TV-Auftritten Speers. Das Ergebnis ist eine packende Dokumentation. Auf eine Ebene verfolgt man die Gespräche zwischen Birkin und Speer, bei denen der Befragte ebenso Charme zeigt wie eine gewisse Überheblichkeit: Der geplante Spielfilm solle, sagt er, weniger einer Fotografie ähneln denn einem Gemälde, einem Van Gogh – mindestens.

Speer goes to Hollywood

Die Regisseurin Vanessa Lapa

Auf einer zweiten Ebene zeichnet die Doku Speers Karriere chronologisch nach. Als Elite-Nazi und dann, bei den Prozessen in Nürnberg, als begnadeter Jongleur mit Halbwahrheiten. Da gibt er einiges zu, ist sogar stolz darauf, dass er zeitweise 14 Millionen Zwangsarbeiter für die Kriegsindustrie benutzen konnte; von deren Leiden und Sterben will er aber wenig bis nichts gewusst haben. Beim Prozess mit der Brutalität unter anderem in den Kruppschen Stahlwerken konfrontiert, sagt Speer, das halte er „für ziemlich übertrieben“. Und er sei doch für „jede Arbeitskraft dankbar gewesen“.

„Er erscheint einfach wie ein Träumer, der gerne Dinge baut. Sei vorsichtig!“

Die Gespräche zwischen Speer und Birkin sind auch ein Kräftemessen – auf der einen Seite ein Mann, der sein meisterlich geschaffenes Bild des geläuterten, oft unwissenden Mitläufers nicht von einem vielleicht zu kritischen Film beschädigt sehen will; auf der anderen Seite ein Autor, der spürbare Zweifel hat an manchen von Speers Aussagen, aber auch einen zugkräftigen Film schreiben soll. Sein Wunsch: Das Publikum solle sich sofort mit Speer identifizieren. Doch inwieweit muss er dann himmelschreiende Passagen Speers außen vor lassen wie etwa über seine Abneigung gegen „neureiche Juden“? Da habe Speer immer „Ekel“ verspürt – aber der sei „nicht antisemitisch“ gewesen. Die Reaktion auf Birkins ersten Drehbuchentwurf ist ein Desaster: Am Telefon wirft ihm Regisseur Carol Reed („Der dritte Mann“), dem Birkin den Entwurf geschickt hat, vor, das alles sei verzerrt und beschönigend. „Er erscheint einfach wie ein Träumer, der gerne Dinge baut. Sei vorsichtig!“.

Aktuelle Kritik seitens Autor Andrew Birkin

„Speer goes to Hollywood“ ist als Blick auf einen Wahrheitsverdreher, Relativierer und Herausreder faszinierend, filmisch aber nicht ganz ohne Macken. Dass die zu hörenden Gespräche nicht die Originale sind, sondern von Schauspielern neu aufgenommen wurden, ist nicht ideal, die Regisseurin verweist aber auf die schlechte technische Qualität der 50 Jahre alten Aufnahmen. Autor Andrew Birkin, heute 76, hat jüngst allerdings  Ungenauigkeiten kritisiert: Die antisemitische „Neureichen“-Passage stamme aus einem anderen Interview Speers, ihm gegenüber habe er das nie gesagt, sonst hätte Birkin darauf reagiert.

 

Speer goes to Hollywood

Albert Speer 1966 nach 20 Jahren Haft. Foto: Salzgeber

Auch sei der Film nach seinem Drehbuch letztlich nicht gedreht worden, nicht weil Paramount das Interesse verloren habe, wie „Speer goes to Hollywood“ nahelegt, sondern weil Speers Verleger Wolf Siedler sich an einer Passage gestört und deshalb die Option auf die Verfilmungsrechte nicht verlängerte habe: Der Film wollte Speer als Augenzeuge bei Heinrich Himmlers berüchtigter „Posener Rede“ im Oktober 1943 zeigen, in der der SS-Reichsführer vom geplanten Massenmord am jüdischen Volk gesprochen hatte. Speer habe laut Birkin stets betont, bei der Rede nicht dabei gewesen zu sein – es ihm überraschenderweise aber überlassen, die Szene dennoch so im Drehbuch zu belassen.

Vom Ende der Unschuld: „The Innocents“ von Eskil Vogt

The Innocents capelight

Ida (Rakel Lenora Flotta) entwickelt ungeahnte Kräfte. Foto: Capelight / Mer Film

Wie kommen wir auf die Welt? Wie ein unbeschriebenes Blatt, moralisch gesehen? Ohne Empathie und Moral, die wir noch erlernen müssen? Oder wie ein Engel – mit reinem Herzen, das im Laufe des Lebens nicht mehr so rein bleibt? Diese Fragen stellt sich der außergewöhnliche norwegische Film „The Innocents“, der vom Schrecken und der Freiheit der Kindheit erzählt.

Die junge Ida zieht mit ihrer Familie um, in einen gepflegten Hochhauswohnblock am Waldrand. Ihre ältere Schwester Anna leidet an Autismus; vor Jahren hat sie sich fast ganz in sich zurückgezogen, die Kommunikation mit der Familie ist minimal. Die Eltern kümmern sich vor allem um sie und vernachlässigen dabei Ida, die dadurch eine gewisse Härte entwickelt hat – manchmal kneift sie Anna mit aller Gewalt, ohne dass die den Schmerz nach außen tragen kann. Einmal steckt sie sogar Glasscherben in die Schuhe der Schwester.

Es ist mutig von Regisseur und Autor Eskil Vogt, dass er uns solch eine Hauptfigur an die Hand gibt – und höchst gekonnt, wie er sie als Mensch auslotet, deren Handlungen anfangs einige Male grausam sind und doch noch im Bereich einer kindlichen Unschuld beziehungsweise Unwissenheit bleiben. Ida lernt den jungen Ben kennen, der auf dem Fußballplatz gehänselt wird und im Wald Ida Außergewöhnliches zeigt: Mit der Kraft seiner Gedanken kann er Gegenstände bewegen. Ben und Ida, die eine ähnliche Begabung bei sich entdeckt, beginnen einige Experimente, wobei der Film in einer Szene mit einer Katze mit ungeheurer, zugleich beiläufiger Brutalität verstört.

Capelight

Ben (Sam Ashraf) überschreitet mit seinen Kräften Grenzen. Foto: Capelight / Mer Film

Ben ist nicht der einzig übernatürlich Begabte in dieser sommerlichen Hochhaussiedlung: Die junge Aisha kann die Gedanken der Bewohner „hören“ und entwickelt eine besondere Beziehung zu der autistischen Anna, deren abgeschottete Innenwelt sie erspüren kann. Die Vier bilden ein übernatürliches Quartett, wobei sich für sie die Frage stellt – wie geht man mit dieser Macht um? Ben ist der Einsamste und Gekränkteste der Gruppe und lebt das am stärksten aus. Seine desinteressierte Mutter (mit Kippe und Dauer-Handy etwas grobschlächtig charakterisiert) lernt seine Macht in der Küche kennen, unter anderem in Form einer gusseisernen Pfanne und eines Topfs mit kochendem Wasser. Später entdeckt Ben die Fähigkeit, Menschen zum Instrument seiner Rache-Fantasien zu machen.

So beklemmend und erschreckend der Film in diesen Szenen auch ist – es ist kein üblicher Horror, der vor allem auf den Schock-Effekt setzt und eindimensional ist. „The Innocents“ blickt in das Innenleben seiner Figuren, in denen es angesichts ihrer Kräfte brodelt. Als Bens Aktionen immer grausiger werden, widersetzen sich die drei anderen Mädchen. Es kommt zu Gewissensentscheidungen und zum großen Konflikt, den man aber nicht simpel „Gut gegen Böse“ nennen kann – es ist vor allem die Abkehr von einer kindlichen Unschuld, die bewusste Entscheidung, notgedrungen Schuld auf sich zu laden. Mord, um weitere Morde zu verhindern.

„The Innocents“ baut seinen Schrecken subtil und langsam auf, Kameramann Sturla Brandt Grovlen setzt den Wohnblock nicht vordergründig als Burg des Horrors in Szene, sondern als sonnenbeschienene Siedlung, in der doch der Grusel lauert. Sei es in den hohen und anonymen Treppenhäusern oder in den endlosen Kellergängen, die die Kamera suggestiv durchschwebt. Der Film konstruiert dabei meisterlich  eine hermetisch geschlossene Welt der Kinder – die Erwachsene sind Randfiguren, verstehen vieles falsch, vieles gar nicht. Wir sind ganz bei diesem Quartett, deren junge Darsteller durchweg fantastisch sind. Die hat Regisseur Vogt anderthalb Jahre lang gesucht und vor den Dreharbeiten lange mit ihnen gearbeitet – da ist kein unglaubwürdiger Moment dabei in diesem Film, der gleichermaßen ans Herz wie an die Nerven geht.

„Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ von Alexandre Koberidze

"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?"

Ani Karseladze als Lisa, die morgens ganz anders aussieht als in der Nacht davor.  Foto: Grandfilm

Es ist wohl Liebe auf den ersten Rempler. Lisa und Giorgi entschuldigen sich höflich fürs Ineinanderlaufen – und spüren, dass hier etwas Grandioses geschieht: Der Blitz der Liebe hat eingeschlagen, wenn auch laut- und donnerlos. Ohne Umschweife verabreden sie sich für den nächsten Tag in einem Café. Doch was sie nicht wissen, im Gegensatz zum Kinopublikum, das ein raunender Erzähler aus dem Off aufklärt: Ein Fluch, ein „böser Blick“, ruht auf diesem jungen Liebespaar: Am nächsten Morgen sehen beide völlig anders aus. Und da sie sich ihre Namen nicht gesagt haben, erkennen sie sich nicht in dem verabredeten Café. Beide sitzen dort alleine, traurig und voller Sorge um den anderen: Denn dem müsse etwas zugestoßen sein, grübeln beide, sonst wäre sie oder er ja jetzt hier. Und der Erzähler aus dem Off merkt an: „So ist das, wenn man liebt – man sorgt sich.“

Das ist die märchenhafte Prämisse des eigenwilligen Films „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ des georgischen Regisseurs Alexandre Koberidze (Buch und Regie). Diesen zauberhaften Film interessiert aber viel mehr als nur die Frage, ob sich die beiden Liebenden noch erkennen und wiederfinden werden. Zugleich ist er ein Porträt der georgischen Stadt Kutaissi, deren schöne und bedingt schöne Ecken man in den zweieinhalb Stunden kennenlernt, und das Leben, das auf den Straßen mal pulsiert, mal eher döst. Zugleich geht es um Fußball, um Fußballkultur, um Musik, um Straßenhunde – und das fließt alles wunderbar zusammen in diesem Film, der gerne immer wieder abbiegt und sich Zeit lässt, wo ein konventionellerer (und kürzerer) Film wohl mehr Tempo vorlegte. Wie souverän Regisseur Koberidze in seinem zweiten Spielfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) da seinen Weg geht, ist bewundernswert.

Das ganz alltägliche Leben trifft hier auf das Sonder- und Märchenbare, ohne dass es zu Brüchen kommt: Als Lisa und Giorgi entdecken, dass sie über Nacht ganz anders aussehen, machen sie nach einem kurzen Schock keine große Sache daraus – das Leben geht eben weiter, es gibt eben einfach Dinge, die unerklärbar sind. Der Film unterfüttert seine lässige Komik mit einer oft ironisierenden Musik, zwischendurch wird der Hinweis eingeblendet, dass das Publikum zur Augenschonung ein paar Sekunden lang die Lider schließen kann. Von enormer Zärtlichkeit ist der Film, wenn er mit großer Hingabe einfach Menschen zeigt: Jungen und Mädchen beim minutenlangen Fußballspielen, ein Mädchen beim Geigenspielen in einer Musikschule, die danach mit schüchternem Stolz in die Kamera schaut. Da wirkt der Film, als wolle er die ganze Welt (oder zumindest die Stadt) zart in den Arm nehmen.

Im Laufe des Films lernen sich Lisa und Giorgi dann doch in dem Café kennen, ohne dass ihnen klar wird, wen sie da vor sich haben. Wird das Schicksal sich nochmal bemerkbar machen? Oder spielt diese Schicksalsrolle vielleicht ein Filmteam, das für eine Doku sechs verliebte Paare sucht (mit dem herrlichen Titel „Straßenhunde werden vom Wind gestreichelt“)? Wer weiß – diesem wundersamen Film ist, im besten Sinne, alles zuzutrauen.

So viele Frauen, so viele Fragen: „Death of a Ladies‘ Man“ von Matt Bissonette

Death of a ladies' Man Gabriel Byrne Brian Gleeson

O’Shea (Gabriel Byrne, rechts) und sein Vater (Brian Gleeson), der eigentlich schon seit Jahren tot ist. Foto: Jonathon Cliff / MFA

 

Man darf eben seinen Geldbeutel nicht zuhause vergessen. Als Samuel O’Shea auf dem Weg zum Flughafen nochmal in seiner Wohnung in Montreal vorbeischaut, ist der gerade praktizierte Ehebruch seiner Gattin im ersten Stock nicht zu überhören. Sein männliches Ego ist schwer getroffen, zumal der Liebhaber seiner Frau so jung ist wie sie, anders als der Poetik-Dozent, der die 60 schon überschritten hat. Die Gewissheit, dass er seine Frau öfter betrogen hat als sie ihn, kann er zwar nicht abstreiten; aber lieber ertränkt er die Schmach in Alkohol, badet in Selbstmitleid und wirft in einer Bar schon ein Auge auf eine andere Frau. Dass sein Sohn ihm erstmals mitteilt, dass er homosexuell ist, interessiert ihn da nur am Rande.

„Death of a Ladies‘ Man“, eine berührende und immer wieder witzige Tragikomödie, begleitet diesen Mann im letzten Abschnitt seines Lebens. Als O’Shea im Eishockeystadion seinem Sohn beim Profi-Spiel zuschaut – eine wunderbare Szene –, erklingt statt der kanadischen Nationalhymne ein Lied von Leonard Cohen; und die Spieler drehen tänzerische Pirouetten. Halluziniert er wegen seines konstant hohen Alkoholspiegels? Nein, sagt ihm seine Ärztin, mit der er sich sofort verabreden will. Der Dozent leidet an einem inoperablen Gehirntumor – was auch die überraschenden Besuche von dessen Vater erklären könnte, der doch schon seit Jahrzehnten tot.

Death of a Ladies' Man

O’Shea (Gabriel Byrne) lässt den gut abgehangenen Charme spielen. Foto: Jonathon Cliff / MFA

Realität und Halluzinationen fließen in dem Film des Kanadiers Matt Bissonette immer wieder ineinander, thematisch begleitet von der Musik des Landsmanns Leonard Cohen – manchmal als textlicher Kommentar im Hintergrund, mal szenisch wie in einem Musical. Höchstens ein Jahr zu leben bleiben dem Dozenten noch. Und so zieht er sich – nach der Erscheinung feuerspeiender Enten und dem Rat eines Engels am Montrealer Nachthimmel – in seine alte Heimat Irland zurück, wo er eine äußerst fotogene Hütte mit Meerblick besitzt. Dort will er über Leben und Tod nachdenken, dabei einen großen Roman schreiben. Und wie es das Schicksal scheinbar will, lernt er im Lebensmittelladen des Ortes eine attraktive Frau kennen: wieder mal halb so alt wie er, attraktiv, ledig – und Leonard Cohens Buch „Beautiful Losers“ liest sie auch noch. Ist das zu schön, um wahr zu sein? Abwarten.

Männerfantasie

Um Rückschau geht es in diesem Film, um verpasste Chancen, um das, was man zurücklässt – und nicht zuletzt um Männlichkeitsbilder. Ist O’Shea nun ein charmanter „Schwerenöter“, wie er sich selbst im Film nennt (in der Originalfassung „Operator“)? Oder doch eher ein Mann, den sein Penis durchs Leben führt, ein serieller Fremdgeher ohne Rücksicht auf emotionale Verluste? Das hält der Film in der Schwebe. Er bedient durchaus eine Männerfantasie des „Charmeurs“, dem niemand allzu lange böse sein kann, des auch künstlerisch potenten Bonvivants vor allem in der Irland-Passage; zugleich karikiert er diesen Mann, der als Vater meist versagt hat, als Ehemann auch, und jetzt nach so etwas wie einer letzten Läuterung sucht. Die gönnt man ihm gerne – auch wenn der Film in seinem letzten Drittel dann etwas viel hineinpackt und den souveränen Fluss der ersten Stunde zu verlieren droht.

Balz in der Tweed-Jacke

Schauspieler Gabriel Byrne ist das Zentrum des Films, er ist in fast jeder Szene zu sehen – und eine Freude. Er strahlt den notwendigen Charme aus, um nachvollziehbar zu machen, warum seiner Figur niemand lebenslang böse sein kann – zugleich ist er oft auch ein tragischer Gernegroß, der viel Zeit seines Lebens mit Alkohol vertan hat und mit akademisch getöntem Macho-Gehabe: Balz in der Tweed-Jacke. Die Dialoge O’Sheas mit seinem toten Vater (Brian Gleeson) sind ein Vergnügen und ein Herzstück des Films – mit wehmütigen und auch witzigen Gesprächen über Verluste und den Sinn des Lebens, der eben schwer zu fassen ist. Was den angeht, ist der Wissensvorsprung des jenseitserfahrenen Vaters jedenfalls gering. Da habe Hamlets Vater, der seinem Sohn ja auch erschien, doch viel mehr zu erzählen gehabt, beklagt sich O’Shea. Aber zu wissen, dass man letztlich nichts weiß, ist auch schon viel.

Das Böse im Untergeschoss: „Im Nachtlicht“ von Misha L. Kreuz

Im Nachtlicht Diana Maria Frank

Diana Maria Frank als geplagte Minthe Hellheim. Foto: RealFiction

 

Gruselfilm, phantastischer Film, Horrorfilm. Wie immer man das Genre auch nennen mag – deutsche Produktionen haben es im Kino schwer, sind selten und werden oft unabhängig auf den Weg gebracht, mangels Interesse großer Produktionsfirmen oder Verleihe. „Im Nachtlicht“ ist nun einer dieser seltenen neuen deutschen Horrorfilme. Geschrieben und inszeniert von Kino-Debütant Misha L. Kreuz, erzählt der Film eine düstere Geschichte: Eine junge Frau (Diana Maria Frank), angeschlagen von Depressionen, verliert am selben Tag Aushilfsjob und Aushilfswohnung. Rettung in der Not ergibt sich bei einem Gespräch in der Arbeitsagentur. In ihrer Heimatstadt Hellheim, die genau so heißt wie die junge Frau, soll sie, dank ihrer Kenntnisse der Schreinerei und der Architektur, eine historische Mühle restaurieren.

Minthe Hellheim bricht in die alte Heimat auf, mit der sie einige Traumata verbindet, und richtet sich in dem Gebäude ein, das im Wald liegt, aber nicht menschenleer ist. Eine Frau mit dem sinnig sprechenden Namen Goost wuselt um die Mühle herum und geht immer wieder in den dortigen Keller, in dem sich etwas Schreckliches verbirgt: Nicht jeder Besucher kommt aus dem Gemäuer zurück. Zugleich gibt es im Ort einen Mord per Armbrust. Was geht vor in dem Ort, dessen Name Hellheim mehr oder weniger subtil auch eine Spur in Richtung Hölle legt?

Potenzial wird vergeben

Eine altes Gemäuer, mysteriöse Vorgänge, ein Panoptikum der bizarren Charaktere und etwas Monströses im Keller – „Im Nachtlicht“ hat Material genug für gediegenen Grusel. Doch der Film vergibt einiges Potenzial, da er bisweilen handwerklich unbeholfen ist: Etwa wenn die Biografie der Hauptfigur (unbekannte Eltern, Heimaufenthalte, Depressionen) in einer Szene beim Arbeitsamt wenig elegant transportiert wird. Auch die Besetzung der Nebenrollen ist nicht immer gelungen, da wirkt manches laienhaft – wobei die Profis, darunter Diana Maria Frank als geplagte Minthe und David Rott (Ophüls-Nachwuchspreisträger 2003 für „Ganz und gar“) als öliger Bankdirektor, sehenswert sind.

Gelungen ist die Atmosphäre, vor allem im Ort Hellheim selbst – hier steht die Luft in der Provinz, und das Böse dominiert. Dieses Böse ist durchweg männlich, in Form eines finsteren Anwalts, des öligen Bankers, eines homophoben Polizisten und eines Mannes, dessen erste Szene aus dem Würgen einer Frau und dem Satz „Du Scheißhure, ich bring Dich um“ besteht. Einzige Lichtgestalt abseits dieser düsteren Männerwelt ist ein sensibler Polizist mit eigenen Problemen, der aus dem Film allerdings mit einer recht abenteuerlichen Drehbuchkonstruktion herauskatapultiert wird. Subtil will „Im Nachtlicht“ da wohl nicht sein, eher satirisch zugespitzt. Doch die Übergänge zwischen Horror-Ernst und etwas Genre-Satire sind oft abrupt, es holpert in der Dramaturgie. Ob einem das nun die Freude an einem ambitionierten, unabhängig produzierten deutschen Grusel-Versuch vergällt oder nicht, wird Geschmackssache sein.

REALFICTIONFILME – Im Nachtlicht

Nordsee ist Mordsee: „The North Sea“ von John Andreas Andersen

The North Sea Koch Films

Im Katastrophenmodus auf der Bohrinsel, von links: Stian (Henrik Bjelland), Sofia (Kristine Kujath Thorp) und Arthur (Rolf Kristian Larsen). Fotos: Koch Films

 

Ach ja, die guten alten Klischees des Katastrophenfilms: Namenlose Statisten, die von Erdspalten verschluckt, von Lava oder kollabierenden Hochhäusern begraben werden. Nebenfiguren, die sich nicht selten heroisch opfern für die Hauptfiguren; die wiederum kommen immer wieder um Haaresbreite mit dem Leben davon und finden nebenbei noch die Zeit, Beziehungs- oder Familienprobleme zu lösen. Und sollte ein fluffiger Hund mitspielen, keine Sorge, wird der alles überleben.

Nun ist es nicht so, dass der norwegische Film „The North Sea“ solche beliebten Klischees gegen den Strich bürstet – im Großen und Ganzen köchelt er gemäß bewährter Genre-Rezepte. Aber alles wirkt hier ein wenig bodenständiger, weniger irreal als etwa vergleichbare US-Filme, die ihre Zerstörungs-Orgien mitunter ins Absurde steigern, wenn Helden jeden Wahrscheinlichkeiten und physikalischen Gesetzen trotzen, um ihre Lieben zu retten.

Seine Hauptfiguren stellt Regisseur John Andreas Andersen sehr ökonomisch vor, denn ihm bleiben nur zehn Filmminuten bis zum ersten Rumms: Die Kollegen Sofia und Arthur sind Spezialisten, die mit ihrem kleinen unbemannten Unterseeboot die Unterwasseranlagen von Bohrinseln kontrollieren. Als sie von einem Öl-Konzern angefragt werden und sofort eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben müssen, ahnen sie Schlimmes. Eine Bohrinsel ist innerhalb von zwei Minuten gesunken, nun sollen sie mit ihrem Apparat Menschen suchen, die in der Anlage auf dem Meeresgrund möglicherweise in Luftblasen überlebt haben.

 

Da gelingen dem Film atmosphärische, gespenstische Szenen, wenn das Kameraauge seine Kreise durch die gefluteten Räume zieht und ihm Ertrunkene entgegen schweben wie Geister. Die Rettung eines Überlebenden misslingt wegen einer Gasexplosion, aber es kommt noch schlimmer. Die massiven Bohrungen durch hunderte von künstlichen Inseln haben den Meeresboden der Nordsee instabil werden lassen, es droht eine weitere Katastrophe. Regierung und Krisenstab handeln schnell, alle Bohrinseln werden evakuiert, bevor viele von ihnen in einem sich auftuenden gigantischen Wasserstrudel versinken – auch ein Tanker, dem seine Aufschrift „Safety First“ nichts mehr nutzt.

Nur eine Person wird noch auf einer Bohrinsel vermisst: Stian, der Freund der U-Bootspezialistin – ein konstruierter Drehbuchkniff, den der Film dem Zuschauer dennoch ziemlich glaubhaft nahebringt. Sofia macht sich mit dem Kollegen Artur unerlaubt auf zur Bohrinsel, um den Liebsten zu retten, während das Meer um sie herum zu einem dunklen Ölteppich wird.

Sicher – dieser Rettungsversuch folgt gut geölter Spannungsmechanik: Das Trio rettet sich von einer schlimmen Situation in die nächste, die dann noch ein wenig schlimmer ist. Und warum der internationale Titel des Films nicht „The North Sea“ ist, sondern „The Burning Sea“, erfährt man auch noch – unter anderem durch apokalyptische Bilder. Doch das Trio übersteht die einzelnen Situationen nicht durch heroische Genialität, sondern schlicht durch Kompetenz und Professionalismus. Die Darsteller dabei sind exzellent, besonders Kristine Kujath Thorp als Sofia, Herz und Hauptfigur des Films. Es geht hier letztlich mehr um Personen als um computergenerierte Bilder der Verwüstung. Dem Film gelingt es auch, die gigantischen Dimensionen einer Bohrinsel nachvollziehbar zu machen, mit viel Stahl, Technik, labyrinthischen Gängen, unendlich viel Wasser rundum und ständiger Gefahr.

Eine gewisse Ökobotschaft liefert der Film dabei mit, wie gefährlich für die Natur das Ölgeschäft sein kann. Das ist nichts Neues, aber der Film tut auch nicht so, als wäre es das. Der Öl-Konzern und die Regierung sind nicht per se ein böser Kapitalismus-Polit-Komplex, sondern eher eine Truppe, die die verschiedenen Risiken abwägt: für die Menschen, für die Natur, für die Energieversorgung – und vielleicht auch für die nächste Wahl. Dass der Film da differenziert vorgeht und Figuren wie den Krisenmanager des Konzerns durchaus ambivalent anlegt, macht den Film interessant. Schön findet Bohrinseln ja niemand, selbst ihr Personal nicht, aber das Öl können wir ja gut gebrauchen.

 

Erschienen digital, auf DVD und Bluray bei: Koch Films.
Extras: Trailer

Hitchcock, der große Selbst-Inszenierer: „Er hat jedes Spielchen gerne mitgespielt“.

Hitchcock wurde nicht nur zur Marke, sondern zur Briefmarke.  Foto: USPS

 

Alfred Hitchcock (1899-1980) war nicht nur ein Großmeister der Spannung mit Filmen wie „Psycho“, „Der unsichtbare Dritte“, „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“. Sondern auch ein begnadeter Selbstdarsteller, der sich zur Marke machte. Eine exzellente Luxemburger Ausstellung widmet sich Hitchcocks Eigen-Inszenierung – wir haben mit dem Kurator und Sammler Paul Lesch gesprochen, zugleich Leiter des „Centre national de l’audiovisuel“ (CNA) in Luxemburg.

 

Herr Lesch, Ihre Ausstellung „Hitchcock. The Brand“ zeichnet nach, wie Alfred Hitchcock sich selbst zu einer wiedererkennbaren Marke gemacht hat. Wann hat er damit begonnen?

LESCH Das war schon Ende der 1920er seine Strategie. Er wusste, dass er für die Freiheit, die Filme zu machen, die er machen will, vom großen Publikum wahrgenommen werden muss. So hat er sich früh um sein eigenes Marketing gekümmert. In den 1930ern hieß es schon „ein Film von Alfred Hitchcock“ und nicht nur „Regie von Alfred Hitchcock“. Als er nach Hollywood ging, hat er das verstärkt: Da gab es Fotos von ihm auf Anzeigen und Filmplakaten, was es bei keinem anderen Filmemacher gab. Zu dieser Strategie gehören auch seine Kurzauftritte in den eigenen Filmen, immerhin 37 Mal bei 55 Filmen. Das ist ein Spiel mit dem Zuschauer, der Hitchcock suchen muss, und ein glänzender Marketingtrick.

Welche Rolle spielt seine TV-Serie „Alfred Hitchcock presents“, die von 1955-1965 lief?

LESCH Eine sehr große. Er trat vor und nach jeder Episode auf und festigte damit sein Image: das eines jovialen, aber makabren Zeitgenossen, mit einem schwarzen Humor, der auch heute noch funktioniert.

Mitte der 50er Jahre waren Fernsehen und Kino große Rivalen – ungewöhnlich, dass ein Kino-Regisseur sich auch im „kleinen Medium“ Fernsehen gezeigt hat.

LESCH Er war da durchaus ein Vorreiter, er hat die Bedeutung des Fernsehens erkannt. Kollegen haben das Medium lange gemieden, weil sie es als nicht als standesgemäß empfunden haben. Hitchcock hat außerdem viel Presse für sich gemacht, für Interviews auch kleinerer Zeitungen hat er sich immer viel Zeit genommen, weil er wusste, wie wichtig gute Presse ist. Er hat jedes Spielchen gerne mitgespielt.

 

 

Sammler, Kurator und Hitchcock-Kenner Paul Lesch (links) und Regisseur Terry Gilliam („Brazil“, „Twelve Monkeys“) in der Luxemburger Ausstellung. Gilliam war beim Luxemburg City Film Fest dabei. Foto: Lesch

Hitchcocks Garderobe bei der Arbeit war sehr klassisch, stets mit dunklem Anzug und Krawatte. War das auch Teil seines Images?

LESCH Nicht nur. Er war wirklich der Meinung, dass dieses klassische Auftreten dazugehört – das hat er auch von seinen Mitarbeitern verlangt. Ich besitze zwar ein paar Fotos von ihm im kurzärmeligen Hemd, aber die sind selten – etwa, wenn er in Marokko drehte, da ging es bei der Hitze eben nicht anders. Diesen Totengräber-Look mochte er einfach.

In seinen Erinnerungen schreibt Regisseur William Friedkin („Der Exorzist“), dass Hitchcock ihn, damals ein Nachwuchsregisseur, im Studio wegen einer fehlenden Krawatte zurechtgewiesen haben soll.

LESCH Ja, das hab ich auch gelesen. Diese jungen Wilden, das New Hollywood der 1970er, das war nicht seine Generation – auch wenn er sich schon dafür interessiert hat, was die gemacht haben. Zugleich war er selber ja immer sehr experimentierfreudig – unter anderem drehte er einen Film wie „Lifeboat“, der nur in einem Rettungsboot spielt, dann „Rope“ ohne erkennbare Schnitt. Etwas ganz Neues war auch, dass der ab den 1950ern in den Trailern seiner Filme aufgetreten ist. Im Trailer zu „Psycho“ sieht man keine einzige Szene aus dem Film, sondern Hitchcock macht eine kleine Führung durch die Kulissen. Sehr originell.

 

Hitchcock als Albumcover – später zitiert von Eminem. Foto. London Records

 

Ihre Ausstellung zeigt auch, wie sein öffentliches Bild nach seinem Tod ein Teil der populären Kultur blieb.

LESCH Ja, in der Kunst, in der Werbung etwa und in der Mode: Alexander McQueen hat zwei Kollektionen, die von Hitchcocks Stil beeinflusst sind. Eminem lehnte das Cover seines Album „Music to be murdered by“ an Hitchcock-Optik an. Sehr witzig. Auch andere Künstler, Romane, Comics beziehen sich auf ihn, Hellmuth Karasek hat ein Theaterstück über ihn geschrieben. In einer aktuellen Karikatur des „New Yorker“ bedankt sich Hitchcock beim abgewählten Präsidenten Trump für „wirklich erschreckende Jahre“.  Man kennt ihn und seine Rolle als Meister der Spannung heute noch.

Zu Lebzeiten hat er ja auch seinen Namen und sein Gesicht vermarktet, auch in Deutschland etwa bei Büchern wie den „Drei Fragezeichen“. Leicht verdientes Geld?

LESCH Ja. Er wusste, wie man Geld verdient, er hat ja auch gut gelebt – sein Haus in Bel Air war äußerlich nicht spektakulär, aber er hatte einen exzellenten Weinkeller, er hat sich teures Essen aus Europa oder von der Ostküste kommen lassen. Er ist sehr viel gereist mit seiner Frau Alma, die auch bei seiner Arbeit eine zentrale Rolle gespielt hat. Bei den Reisen hatte er Auftritte, um sich bekannt zu machen – ich habe Zeitschriften aus der ganzen Welt dazu, russische, chinesische, türkische. Es gibt mehrere hundert Bücher über ihn, darunter ein Dutzend auf Farsi, die im Iran herauskamen. Außer über Chaplin und Disney sind wohl über keinen Filmemacher so viele Bücher erschienen.

 

Ein Blick in die Ausstellung. Foto: Mike Zenari

Welche Rolle spielt da das legendäre Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht“, in dem er im Gespräch mit dem französischen Kollegen François Truffaut seine Filme sehr detailliert erklärt.

LESCH Das Buch hatte eine enorme Wirkung, erst in Frankreich, dann international. Aber man streitet bis heute, ob Hitchcock nicht auch vor Erscheinen dieses Buchs schon als wichtiger Regisseur akzeptiert war. Bevor damalige Kritiker wie Truffaut, Claude Chabrol und Eric Rohmer ihn als „auteur“ bezeichnet haben, hatte er ja schon demonstriert, dass er mehr war als ein brillanter Techniker.

Woher kommt Ihre Faszination für Hitchcock?

LESCH Ende der 1970er, da war ich um die 13, habe ich angefangen, mich mit Kino zu beschäftigen. Damals liefen Hitchcock-Filme im französischen und im deutschen Fernsehen, ich las das Truffaut-Buch – und da wurde mir bewusst, wie Filme gemacht werden, wie viele Entscheidungen ein Regisseur treffen muss – mit Hitchcock hat meine „Cinéphilie“ angefangen. Ich bin dann oft nach Paris gefahren, in viele schöne Filmbuchläden, habe Fotos gekauft, Plakate, Bücher. Mittlerweile habe ich um die 400 Bücher über Hitchcock in meiner Bibliothek.

Haben Sie ein besonderes Schmuckstück in der Sammlung?

LESCH Sehr viel bedeutet mir ein Autogramm. In der Zeitschrift „Hörzu“ standen damals in den 70ern Autogrammadressen – auch die von Hitchcock. Ich schrieb sie an, Wochen später bekam ich Luftpost – es war Hitchcocks Autogramm. Da war ich sehr stolz als Jugendlicher. So gesehen ist diese Ausstellung auch eine Rückkehr in meine Jugend. Ich erinnere mich an die Reisen nach Paris, nach London, ich weiß noch, welche Bücher ich wo gekauft habe. Das alles zusammen ausgestellt zu sehen, ist schon eine Freude.

 

Plakat zu einem der großen Klassiker. Foto: Universal

 

Wissen Sie, wie viele Stücke Sie in der Sammlung haben?

LESCH Wenn man alles zusammennimmt, auch Fotos und etwa Streichholzschachteln mit dem Gesicht von Hitchcock, kann ich es nicht mehr zählen.

Wo bewahren sie das alles auf?

LESCH Das ist immer ein Problem – vor allem in meiner Wohnung, auch im CNA. Nach der Ausstellung kommen viele Fotos, die vorher nicht gerahmt waren, gerahmt zu mir zurück. Dann wird es noch enger. Dieses Problem werde ich irgendwie lösen müssen.

Wie sehen Sie Hitchcocks Karriere? Der Konsens ist ja, dass ihm Mitte der 1960er dann doch die Luft ausging, mit schwächeren Filmen wie „Topaz“ und „Der zerrissene Vorhang“.

LESCH „Topaz“ ist keiner meiner Lieblingsfilme, ich bin auch kein Fan von „Marnie“, einem Film, der aber gerade wiederentdeckt wird. „Der zerrissene Vorhang“ ist auch kein guter Film, er hat aber einige gute Szenen – nicht zuletzt den Mord an Wolfgang Kieling. Aber mit seinem vorletzten Film „Frenzy“ hatte Hitchcock dann eine Revanche, es ist einer seiner besten Filme und, wie Peter Bogdanovich es formulierte, der „Film eines jungen Mannes“ – auch wenn Hitchcock damals schon 73 Jahre alt war. Sein letzter Film „Familiengrab“ war dann der erste Film, den ich bei der Erstaufführung im Kino gesehen habe.

Ist heute ein Filmemacher eine eigene Marke in der Art wie Hitchcock?

LESCH Quentin Tarantino – man schaut sich ja einfach „den neuen Tarantino“ an, egal um was es geht, egal wer mitspielt. Auch Tarantino geht sehr clever mit der Presse um, da gibt es schon Parallelen, weniger Filmische, aber was das Eigen-Marketing angeht.

Und Wes Anderson, der ja ein typisches „Wes-Anderson-Image“ kultiviert?

LESCH Er hat sich auch ein bestimmtes Image erschaffen, allerdings arbeitet er für ein ganz bestimmtes, aber auch begrenztes Publikum – Hitchcock hatte immer das große Publikum im Blick.

Hitchcock. The Brand. Bis 10. April, Cercle Cité. Geöffnet täglich von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Termin: Am 30. März, 18.30 Uhr, spricht Paul Lesch (in Französisch) im Auditorium Cité über Hitchcocks kunstvolle Selbstinszenierung.
Infos: www.cerclecite.lu

Das Glück liegt auf dem Berg: „Lunana“

Lunana

Kelden Lhamo Gurung als Hirtin und Sängerin Sandon. Foto: Kairos

 

Auch das noch: Als wäre es nicht schlimm genug für den jungen Ugyen (Sherab Dorji), dass der Beruf als Lehrer ihn herzlich langweilt, wird er nun versetzt. Genauer: strafversetzt. Noch lebt er in Thimphu, der Hauptstadt Bhutans, bei seiner Großmutter und träumt nach Schulschluss (und wohl auch davor) von einer Sängerkarriere – doch nun soll er ein Jahr lang an der abgelegendsten Schule des Landes unterrichten. Lunana heißt das Dorf in der Bergwelt des Himalaya, hat keine 60 Einwanderer, keinen Strom, kein Internet. Kein Interesse hat Ugyen, aber er fügt sich und macht sich auf die Reise. Was er im Dorf erlebt, wird ihn verändern.

Filme aus Bhutan, dem buddhistischen Königreich, das an Indien und China grenzt, sieht man so gut wie nie in unseren Kinos. Das Saarbrücker Achteinhalb zeigt nun „Lunana“, der für den diesjährigen Oscar als bester internationaler Film nominiert ist und mit seiner leisen, stillen Art sehr ans Herz geht. Debüt-Regisseur (und Autor) Pawo Choyninh Dorji hat im tatsächlichen Lunana gedreht, mit Profidarstellern wie mit Laien aus dem Dorf, das nur durch einen Fußmarsch von einer Woche zu erreichen ist; die Filmtechnik speiste sich aus Solar-Akkus.

Ugyen macht sich schweren Herzens auf in die Provinz, iPod und Kopfhörer sind die letzten Verbindungen zu seinem alten Großstadtleben; doch langsam leert sich der Akku, während der Pädagoge von einer Gesandtschaft des Dorfs am letzten Rastplatz abgeholt wird und man die einwöchige Wanderung beginnt. Eine stille Komik hat das ganze Unterfangen, wenn die Dorfgesandten dem aus der Puste kommenden Lehrer permanent versprechen, dass der Weg gleich wieder abwärts führe – auch wenn klar ist, dass man vom Flachland auf dem Weg zu einem Bergdorf ist. Aber sonst hätte er wohl aufgegeben, zumal es ihm zusetzt, dass seine neuen Markenstiefel nicht wasserdicht sind. Die Opfergaben seiner Begleiter für einen sicheren Weg befremden den Lehrer, doch es berührt ihn eigentümlich, als das gesamte Dorf ihn mit einer Zeremonie willkommen heißt, die ihm klar macht, wie wichtig er für alle ist. „Lunana“ ist nicht zuletzt eine große Liebeserklärung an die Idee der Bildung.

Im Dorf muss Ugyen sich an das rustikale Leben gewöhnen. Seine Fenster sind gegen den strengen Wind mit Papier abgedichtet, was hier ein großes Privileg ist – Papier ist selten. Der Plumpsklo vorm Schulgebäude ist wenig anheimelnd. Doch die enorme Wissbegierde der Kinder und die Freundlichkeit der Erwachsenen lassen ihn seine Situation anders sehen – und da ist noch die junge Sandon, die von einem Felsen herab alte Hirtenlieder singt. Ugyen entdeckt eine andere Art des Lebens – und zum ersten Mal empfindet er auch Leidenschaft für seinen Beruf.

Das könnte nun auf den Plot „Schnösel-Städter entdeckt in der Natur das einfache Leben und das große Glück“ hinauslaufen. So einfach macht es sich „Lunana“ nicht, auch wenn er das Leben im Dorf auch gerne in romantischen Farben zeichnet – dass die Menschen arbeiten, sieht man selten. Aber ihre enorme Dankbarkeit gegenüber dem Lehrer, der aus ihrer Sicht die Zukunft der Kinder verkörpert, zeigt, dass sie sich für die vielleicht doch etwas anderes wünschen. Und das Ende ist dann doch etwas anders als man erwarten mag. Diese Geschichte um Heimat, Glück und Zuneigung ist gefühlvoll erzählt, aber unsentimental, ebenso mit Humor wie mit einer leisen Melancholie. Und mit einem Büffel im Klassenzimmer.

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