KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Die Stasi, dein Freund und Helfer: das Fernsehspiel „Filmemacher“ auf DVD

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

 

 

Lange Gesichter (von den langen Koteletten ganz zu schweigen) bei der „Bild“-Zeitung im Jahre 1971. Da will man gezielt gegen die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland anschreiben, aber es fehlen die Argumente. Schließlich, das legt uns der Film nahe, will ja niemand von Ost nach West fliehen. Und internationale Besucher, denen die kapitalistische Westpresse einbläut, bei der DDR habe man es mit einem Staat des Schreckens zu tun, finden den vor Ort einfach nicht. Und selbst das Ost-Bier sei so gut wie das des Westens. Was also tun? Im Axel-Springer-Hochhaus und seinem eigens eingerichteten „Public Relations“-Büro findet man eine Lösung: Wenn schon kein Ossi fliehen will, dann muss man eine Republikflucht eben inszenieren.

„Filmemacher“ heißt diese Produktion des DDR-Fernsehens aus dem Jahr 1971, die jetzt auf DVD erscheint und eine hoch interessante Ausgrabung ist – kann man hier doch genau beobachten, wie ein Staat sich inszeniert, was er nicht einmal verschleiert: „Mitarbeit: Pressestelle des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ vermerkt der Abspann dieses Films, in dem der Westen eine Mischung ist aus Hinterhältigkeit und Dekadenz. In einer Filmhochschule des Westens beginnt es, wo ein bizarres Schwarzweißwerk begutachtet wird (ein Mann ohrfeigt eine Frau und sagt „Ich liebe Dich“). Die vornehmlich männliche und schnauzbärtige Studentenschaft fabuliert vom „heterogenen Partizipieren“ und „der neuen Dimension“ – so sind sie halt, die Verpeilt-Verkopften. Zwei Männer belauschen das und urteilen: „liberale Scheißer“. Sie sind nur hier, um sich den aufgedonnerten Künstler-Duktus für ihren nächsten Geheimauftrag anzutrainieren: Im Auftrag der „Bild“ sollen sie im Osten zwei Frauen finden, die sie zur Flucht aus der DDR überreden können – sie geben sich als Filmemacher aus, die sie im goldenen Westen ganz groß rausbringen wollen.

„Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“

Doch der vorgeblich antikapitalistische Anmachspruch „Wir suchen ein sauberes, neues Gesicht – nicht angekränkelt von der Konsumgesellschaft“ zündet erstmal nicht: Denn die Pseudo-Filmer aus dem Westen sprechen in einem Ost-Lokal ausgerechnet zwei Frauen an, die sich beim Film bestens auskennen – sie sind Schnittmeisterinnen und stammen aus dem künstlerisch eher konservativen Lager: „Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“ Das West-Duo landet mit „der Filmemachertour“ dann aber doch – bei zwei jungen Frauen, die gesellschaftlich noch nicht ganz gefestigt sind und aus ihrer Erziehungseinrichtung getürmt sind. Die Wessis wollen sie nach Hamburg locken und fädeln eine raffinierte Flucht ein. Aber längst weiß das  Ministerium für Staatssicherheit Bescheid,  da der Bruder eines der Frauen und der freundliche Volkspolizist aus der Nachbarschaft genau hinschauen. Ein Stasi-Major, Typus väterlich-korrekter Mathematiklehrer, schaltet sich ein, rettet die Lage, rückt den Fast-Flüchtigen den Kopf zurecht („Ich hoffe , Sie haben etwas gelernt“) und bietet galant zwei West-Frauen, die Teil des Plans waren, noch ein Abendessen vor dem Eskort in deren Heimat an. Die Stasi, Dein Freund und Helfer.

Man mag die Bedächtigkeit des Films belächeln, seine trampelige Polit-Didaktik und angestaubte 70er-Jahre-Sätze wie „Sag mal, Du bist ja wohl völlig verschmort!“ – aber durch alles zieht sich ein Grusel angesichts der Schamlosigkeit, wie sich die Stasi hier als kollektiver guter Onkel in Szene setzt. Im Finale tritt der böse Westen noch einmal nach. Die „Berliner Zeitung“ titelt „Neuer Terror“, obwohl doch gar nichts passiert ist. So ist sie eben, die Lügenpresse des Westens.

Erschienen bei Studio Hamburg.  

 

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

„Diese 1000 Leben sind zu schnell vergangen“ – Belmondo blickt zurück

 
Jean-Paul Belmondo, eine Legende des französischen Films, ist jetzt auch schon 85 Jahre alt. In einem munteren Buch blickt er zurück auf ein Leben, in dem er vor allem seinen Spaß haben wollte. Geglückt ist ihm das nicht immer.

 

„Diese 1000 Leben sind zu schnell vergangen, viel zu schnell“. Wehmütig beginnt Jean-Paul Belmondo seinen Erinnerungsband, und man muss ihm beipflichten. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen er, als europäischer Action-Star, auf dem Dach von Pariser U-Bahnen über Seine-Brücken ratterte (in „Angst über der Stadt“) oder an einem Helikopter hängend über Venedig gondelte, in gepunkteten Unterhosen (in „Der Puppenspieler“). Und noch viel länger her ist die Zeit, als Belmondo, mit Kippe zwischen den Lippen, in „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard im gallischen Kino einen ganz neuen Anti-Helden erschuf (und seine eigene Legende gleich mit): lässig, lakonisch und vom  Leben desillusioniert.

85 ist er nun, ledern braungebrannt, von einem Schlaganfall vor 17 Jahren gezeichnet, und  schaut zurück. Ein munter plaudernder  Band ist das, flott und anekdotenprall, wobei sich Belmondos Lebenseinstellung eindampfen lässt auf eine Kernaussage: Er wollte vor allem seinen Spaß haben und das Leben nicht zu ernst nehmen. Das hätten auch alle verstanden, bis auf die nörgelnden Kritikerschnösel.

Mit großer Zuneigung erzählt er von seinen Eltern und dem Wissen, „dass ich in eine intakte Familie ohne Geldsorgen geboren wurde, in der man sich gegenseitig liebte“. In der Besatzungszeit träumt der junge Jean-Paul davon, einen abgeschossenen US-Piloten lebend zu finden, zu verstecken und dafür bei Kriegsende einen Orden  an die Brust geheftet zu bekommen. Piloten sieht er, allerdings tote – der Pfarrer von Clairefontaine nimmt ihn mit in den Wald, um Abgeschossene zu bergen und zu begraben. „Wenn man noch ein Kind ist, ist der Tod weit weg“, schreibt Belmondo zwar, aber diese Erinnerungen haben sich eingebrannt.

Sauerkraut und Altherren-Duktus

Während der Vater rund um die Uhr bildhauert, nimmt die Mutter den Sohn in nahezu jedes Pariser Kino und Theater mit. Das Interesse des jungen Belmondost geweckt, der Berufswunsch klar – aber der Karrierepfad steinig. An der Schauspielschule kommt er erst beim dritten Versuch an, und ein Lehrer kränkt ihn zeitlebens mit einem harschen Satz, den man küchenpsychologisch als Triebfeder sehen könnte für Belmondo Karriere und Leben: Zu hässlich sei er für Liebhaberrollen, zu unbegabt für wirklichen Erfolg. So kann man sich irren.

Als unentdeckter Schauspieler in Paris erlebt er „die besten Jahre meines Lebens“, wie er schreibt, er frönt seiner Liebe zu Streichen, mischt etwa ein elitäres Edellokal auf, in dem er einen epileptischen Anfall vortäuscht und Tische umwirft, auf dass Sauerkraut auf die „Dauerwellen der alten Schachteln“ herniederregnet. Das  muss man nicht zwingend lustig finden, auch nicht seinen Hang zu manchmal chauvinistischem Altherren-Duktus, wenn er sich an alte Liebschaften erinnert: „Es stimmte schon, dass Mädchen mit 16 Jahren selten noch Jungfrauen waren, aber sie gaben dank ihrer Erfahrung die besten Ehefrauen ab.“ Mon dieu.

Algerienkrieg

Im Algerienkrieg wird er verwundet und erreicht seine Ausmusterung, so erzählt er es, durch die Einnahme von Amphetaminen, die seinen Körper ausgemergelt wirken lassen (ein Tipp des Kollegen Jean-Louis Trintignant), und durch betont abstruse Antworten bei einer Befragung. Zurück in Paris stagniert die Karriere wie gehabt, und Belmondo, nie „ungestümer und ehrgeiziger als in jenem Sommer 1955“, geht nach Rom. Im „Cinecittà“-Studio gibt es immer etwas zu tun, heißt es. Doch Belmondo findet das Studio nicht und reist ohne Geld  in einem Viehwagon zurück.

Immerhin: Die Theaterrollen werden größer, auch Filmrollen gibt es mittlerweile, durch die er sich manchmal noch mit großer Bühnengeste spielt. Einen Rat des Filmregisseurs Marc Allégret nimmt sich Belmondo zu Herzen: „Ein bisschen leiser, bitte.“ Kollege Jean Marais ist übrigens sehr angetan vom jungen Bébel: „Solltest Du zufällig einmal schwul werden, melde Dich.“

Diese Erinnerungen sind überwiegend heiter bis sonnig, lesen sich flott – und doch kann man als Belmondo-Anhänger ein wenig ungeduldig werden beim Warten auf die Schilderung von Bébels größter Zeit. Aber auf Seite 155 begegnen wir schließlich Regisseur Jean-Luc Godard, den Belmondo erstmal gar nicht mag: ein Trauerkloß  mit Sonnenbrille (auch in dunklen Räumen), das Gegenteil Belmondo. Doch gemeinsam schreiben sie Filmgeschichte, drehen „Außer Atem“ ohne Studiokulissen und ohne Drehbuch im strengen Sinn. „Ich hatte völlige Freiheit“, schreibt Belmondo, „es war schon fast beunruhigend.“ Der Film ist eine Sensation, Belmondo ist der Star eines jungen, frischen  Kinos – doch die  unkommerzielle Kunst der Intellektuellen allein ist ihm dann doch zu trocken: Die Dreharbeiten zum Film „Moderato Cantabile“, inszeniert von Peter Brook und nach einer Vorlage von Marguerite Duras, sind für ihn die quälendsten seiner ganzen Karriere. Solch „affiger Intellektualismus“ ist nichts für ihn. Viel mehr Spaß hat er da am Spontanen und Komödiantischen: ob im herrlichen Jux „Abenteuer in Rio“ oder in bunten Helden-Persiflagen wie „Ein irrer Typ“.

In den 1970ern dominiert Belmondo das französische kommerzielle Kino, er wird seine eigene Marke mit Filmen, die ganz auf ihn zugeschnitten sind, oft Krimis. „Der Greifer“, „Der Profi“, „Der Außenseiter“, „Der Windhund“. Der Star liebt die Gagen, die Arbeit, die Stunts in luftiger Höhe, die Späße: Gerne räumt er Hotelzimmer der Kollegen aus, indem er alles aus dem Fenster wirft, schwere Möbel vielleicht ausgenommen. Eine Alternative: Mehl in die Hotel-Klimaanlage stäuben. Oder das Herumwerfen von Couscous bei einer Filmpremiere. Ein bisschen albern wirkt das, aber Belmondo will eben, das erklärt er immer wieder gerne, ewig Kind bleiben, das „spielt und Grenzen überschreitet“. Aber man fragt sich manchmal schon, wer in den Hotels hinter ihm aufgeräumt hat.

Delon, der ewige Rivale

Ein Belmondo-Buch wäre ohne Alain Delon nicht komplett, dem anderen Mythos des gallischen Kinos der 60er und 70er. „Wie Tag und Nacht“ beschreibt  Belmondo ihren Kontrast. 1969 drehen sie gemeinsam den Gangsterfilm „Borsalino“ in Marseille; die Kinos sind gut gefüllt, die Rivalitätsfreundschaft aber schnell wieder abgekühlt – Belmondo fühlt sich durch die doppelte Nennung von Delon im Vorspann (als Darsteller und als Produzent) deklassiert. Ganze 27 Jahre später arbeiten sie wieder zusammen: Die Actionkomödie „Alle meine Väter“ wird aber nur ein mäßiger Erfolg, der ganz große Starglanz der beiden ist dahin. Es ist der Lauf der Welt.

Er wendet sich wieder stärker der Bühne zu, 1991 hatte er das Théatre des Varietés in Paris gekauft, „es war das Beste, was ich mit meinem Geld je machen konnte“. Ein wunderbarer Karriereherbst für  Belmondo beginnt, doch ein Schicksalschlag verändert alles: Seine Tochter Patricia stirbt bei einem Brand. „Der Kummer vergeht nie“, schreibt er, „er begleitet einen für immer.“ Die intensive Arbeit am Theater hilft ihm, „wenigstens ab und zu schlafen zu können“. Seinen Schlaganfall von 2001 erwähnt  Belmondo nur kurz, als wolle er ihm nicht zu viel Ehre antun. Jetzt, mit 85, fasst er sein Leben so zusammen: „Es war trotz aller Dramen und grausamer Tode, die einer Amputation gleichkamen, leicht und leuchtend.“

Jean-Paul Belmondo: Meine tausend Leben. Heyne, 320 Seiten, 22 Euro.

Schrecken der Kleinstadt: „Was der Himmel erlaubt“ von Douglas Sirk

 

 

 

So stellt man sich das Paradies vor: Das Herbstlaub vor den pittoresken Häusern leuchtet in Technicolor, eine Jahreszeit später rieselt der Schnee so sanft herab, als regnete es Wattebäusche – stakste gleich Bambi im Vorgarten vorbei, es würde niemanden wundern. Und doch trügt die Idylle: Wer sich hier nicht an die Regeln des Kleinstadtlebens hält, der sitzt schnell geächtet und allein im gepflegten Eigenheim.

Willkommen in der Welt von Regisseur Douglas Sirk (1897-1987). Der Hamburger, der eigentlich Hans Detlef Sierck hieß, flieht mit seiner jüdischen Frau vor den Nationalsozialisten nach Amerika und wird in Hollywood ein bekannter Filmemacher, auch wenn ihm künstlerische Anerkennung erst Jahre später zuteil wird: durch die französische Filmkritik und durch Kollegen wie Rainer Werner Fassbinder, der das Hohelied auf Sirk singt.

Die 1950er Jahre sind Sirks ganz große Zeit: In kunstvoll komponierten Bildern erzählt der Regisseur von Vorurteilen und Konventionen, die vor allem Frauen zu erdrücken drohen – in gefühlvollen, aber unsentimentalen Filmen wie „In den Wind geschrieben“, „Die wunderbare Macht“ und „Was der Himmel erlaubt“. Den kann man jetzt im Heimkino wieder entdecken, in einer neuen, sehr guten Edition auf hochauflösender Blu-ray mit neu abgetastetem, grandiosen Bild.

Der Film von 1955 erzählt von einer Witwe (gespielt von Jane Wyman) in einer malerischen US-Kleinstadt. Gediegene Trauer erwartet die Gemeinde von ihr, doch sie verliebt sich in einen Mann und verstößt doppelt gegen die Regeln. Denn der Gärtner ist a) nicht standesgemäß und b) auch noch jünger als die Witwe. Die Menschen reagieren erst mit kleinen Gesten. Eine erhobene Augenbraue hier, eine Anspielung da (etwa an der Metzgertheke). Ratschläge folgen, dann erhöht sich der Druck auf das Paar.

Wer Sirks Filme nicht kennt, muss sich hier vielleicht ein paar Minuten lang hineinfinden in diesen Kosmos, der anfangs wie ein nostalgisch schillerndes Kleinstadtparadies wirkt – doch „Was der Himmel“ hat inhaltlich seine Härten und ist formal aufregend: Wenn Sirk enorm kunstvoll Farben einsetzt, oft auch Spiegelungen, um eine ganz eigene Atmosphäre und Dramaturgie zu schaffen. Sein Ruf als Schauspielerregisseur kommt nicht von ungefähr – Wyman als liebende Witwe und Kleinstadtopfer ist herausragend, ebenso wie der immer gerne cineastisch-reflexhaft als hölzern geschmähte Rock Hudson, mit dem Sirk viele Filme drehte. Hier zeigt er eine schöne Verbindung aus Sensibilität und naturburschenhafter, herber, aber nicht tumber Filmstar-Männlichkeit.

Die neue Blu-ray bietet neben dem guten Bild eine isolierte Tonspur mit Musik und Klangeffekten, ein gutes Booklet und einen munteren Audiokommentar: Da unterhalten sich der Filmwissenschaftler Werner Kamp und Christian Bartsch (vom Heimkino-Label Turbine) über den Film, Sirks Bildkompositionen und Sirks Anhänger – etwa den erwähnten Fassbinder, der mit seinem Film Angst essen Seele auf (eine Frau verliebt sich in einen jüngeren Gastarbeiter) „Was der Himmel erlaubt“ die filmische Ehre erwiesen hat.

 

Blu-ray erschienen bei Turbine Medien.

http://www.turbine.de

Lotte Reinigers Trickfilm „Prinz Achmed“ auf Blu-ray

DVD Blu-ray Lotte Reiniger Stummfilm Trickfilm Animation Die Abenteuer des Prinzen Achmed Scherenschnitt Silhouettenfilm AbsolutMedien

Eine ganz eigene Welt ist das, die Lotte Reiniger da entstehen ließ: an ihrem Tricktisch mit Kamera, einer Glasscheibe und Scherenschnittfiguren aus schwarzer Pappe, die sie einzelbildweise animierte. Reiniger (1899-1981) hatte sich in die chinesische Kunst des Silhouetten-Puppenspiels verliebt und setzte die filmisch um: Drei Jahre arbeitete sie an ihrem ersten abendfüllenden Film, der heute als Klassiker und Pioniertat des Animationskinos gilt: „Die Abenteuer des Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926).

DVD Blu-ray Lotte Reiniger Stummfilm Trickfilm Animation Die Abenteuer des Prinzen Achmed Scherenschnitt Silhouettenfilm AbsolutMedien

Diese poetische Tausendundeine-Nacht-Melange um Dämonen, Geister, ein fliegendes Pferd und eine große Liebe erschien vor Jahren auf DVD; nun ist der Film restauriert auf Blu-ray zu haben und zeigt seine kunstvollen Figuren, Dekors und eingefärbten Hintergründe noch prächtiger. Bei der musikalischen Untermalung kann man wählen zwischen der damaligen Originalmusik und zwei Neuvertonungen, mal konventioneller, mal moderner und leicht angeschrägt. Eine schöne Wiederbegegnung mit einem Kunstwerk, das so ganz anders ist als die fotorealistische, manchmal klinisch wirkendende Kunst des heute gängigen Animationsfilms.

Bonus: ausführliches Booklet, vier Kurzfilme (1921-1935) und ein TV-Porträt Lotte Reinigers. Erschienen bei AbsolutMedien.

http://www.absolutmedien.de

 

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Regisseur Lars Kraume im Gespräch

Lars Kraume Der Staat gegen Fritz Bauer Das schweigende Klassenzimmer Tatort Bauhaus Daniel Brühl

Lars Kraume am 11. Juni 2018 in Saarbrücken. Foto: Tobias Keßler

Lars Kraume (45), Regisseur und Autor, hat im Saarbrücker Kino Achteinhalb die Filmtage der Arbeitskammer  mit seiner jüngsten Kinoproduktion „Das schweigende Klassenzimmer“ eröffnet. Im Fernsehen wurde Kraume  mit „Tatort“-Folgen (Buch/Regie) und der Krimi-Reihe „Dengler“ bekannt. Im Kino beschäftigt er sich zuletzt mit der deutschen Geschichte: Vor dem DDR-Drama „Das schweigende Klassenzimmer“ (prämiert mit dem Friedenspreis des Deutschen Films) drehte er „Der Staat gegen Fritz Bauer“ über NS-Seilschaften im Nachkriegsdeutschland.

 

In Saarbrücken haben Sie gerade mit Schülern über Ihren jüngsten Film „Das schweigende Klassenzimmer“ diskutiert. Tun Sie das öfter?

Ja, bei der Art von Filmen, die ich drehe, ist es für den Verleih und die Kinos  wichtig, ein Gespräch anzubieten. Ich bin mit dem „Schweigenden Klassenzimmer“ viel unterwegs, wie zuvor auch mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“.

Wie ist Ihre Erfahrung gerade mit jüngeren Kinozuschauern?

Gut – ab der 6. Klasse funktioniert das „Klassenzimmer“ sehr gut. Manchen Jüngeren muss man erklären, was der Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus ist, aber man kann den Film ja einfach auch als Abenteuer einer Schülergruppe mit besonders bösen Lehrern verstehen. Die Älteren wissen da mehr und können das besser einordnen.

Ist die Jugend so unpolitisch, wie ältere Semester das gerne behaupten?

Das ist sehr pauschal. Heute ist es schwieriger als früher, sich politisch zu engagieren, weil man nicht genau weiß, wo der Feind steht. Jede scheinbare Lösung eines  Problems bringt selbst wieder Probleme mit sich. Man ist etwa gegen Atomenergie, gleichzeitig aber gegen den erhöhten CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke als Alternative. Man ist also gegen beides – aber was bringt das? Die Verquickung der Probleme war früher eine andere. Für die Generation nach dem Krieg war es sicher nicht einfacher. Aber die Situation war klarer, es war leichter, eine Position zu finden. Heute ist das sehr kompliziert. Aber ich glaube, die Jugend bleibt immer gleich – irgendwann kommt der Moment, an dem man ein Bewusstsein dafür bekommt, dass man für Dinge kämpfen muss.

Ihre jüngsten Kinofilme, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Der Staats gegen Fritz Bauer“, sind historische Stoffe. Ihre nächste Arbeit, eine Serie über das Bauhaus mit Anna Maria Mühe und August Diehl, ist auch wieder ein Stück Geschichte. Wie kommt das?

Man weiß ja nie genau, warum man die Filme macht, die man macht. Ich habe bisher sehr unterschiedliche Filme geschrieben und inszeniert, aber gerade gibt es da schon eine gewisse Linie – Stoffe aus den 1950er Jahren über die Neu­orientierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust. Diese Phase ist hoch interessant, es geht um Transformation und Neuausrichtung, um die Frage, wohin die Reise geht. Die Historie des Bauhaus finde ich außerdem enorm interessant, weil mich neben Geschichte auch Kunstgeschichte fasziniert. Aber ich freue mich  auch wahnsinnig drauf, danach wieder etwas Zeitgenössisches zu machen. Da muss man nicht die ganze Zeit etwas ausstatten, anpinseln oder jemanden kostümieren.

Sie arbeiten mit einem festem Team, auch viele Schauspieler wie Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, oder Jörg Schüttauf treten bei Ihnen mehrmals auf.

Das ist eine eingespielte Truppe, ein bisschen wie ein Ensemble beim Theater. Man hat einen enormen Vorsprung an Wissen übereinander, ein enormes Vertrauen – und das sind halt einfach wahnsinnig gute Leute. Das wächst zusammen, steuern kann man es nicht. Bei einem ersten Treffen zum Kaffee sind die allermeisten Kollegen ja sehr nett. Aber wie es ist, mit jemandem zu arbeiten, erfährt man eben erst, wenn man zusammen arbeitet, unter dem enormen Druck eines Drehs.

Ab August drehen Sie Ihre Bauhaus-Serie, die im ZDF laufen wird. War sie leicht zu finanzieren?

Nein, das war wahnsinnig schwer. Mein Produzent Thomas Kufus, der auch „Fritz Bauer“ auf den Weg gebracht hat, besitzt Gott sei Dank einen unerschütterlichen Optimismus und eine große Opferbereitschaft. Die „Bauhaus“-Serie ist eben Kunstgeschichte und nicht Sex & Crime und entsprechend schwer zu verkaufen. Dabei ist das Bauhaus doch ein unfassbar schönes, positives Erbe – ausnahmsweise ein jüngeres historisches Ereignis, auf dass Deutschland ohne jede Einschränkung stolz sein kann. Aber gerade das macht es vielleicht schwierig: Wir drehen die erste Staffel nur in der Zeit der Weimarer Republik, von 1919 bis 1924 – da gibt es noch keine Nazis. Mit denen als Figuren wäre die Finanzierung wohl leichter gewesen.

Ins Kino muss man das Publikum, anders als beim Fernsehen, erst hineinlocken. Wie ist das, wenn einem Film das nicht gelingt?

Schrecklich ist das. Mein aufwändigster Film bisher war „Die kommenden Tage“, eine düstere Zukunftsgeschichte mit August Diehl, Bernadette Heerwagen und Daniel Brühl – der hat an der Kasse seine Erwartungen bei weitem nicht erfüllt. Ich habe einige Zeit gebraucht für die Analyse, was da nicht funktioniert hat, und erst Jahre später wieder mit „Fritz Bauer“ einen Kinofilm gedreht. Da muss man als junger Regisseur erstmal durch. Das Filmemachen ist ja nie wieder so leicht wie an den ersten Drehtagen überhaupt – bei meinem Debüt „Dunckel“ 1998 fühlte ich mich  unverwundbar und glaubte, alles zu wissen. 30 Filme und 20 Jahre später weiß ich immer mehr, wie schwer das Filmemachen eigentlich ist.

Kindheitserinnerung auf DVD: „Die Rebellen vom Liang Shan Po“

Schulhofgespräch Nummer 1 war das, montagmorgens 1980: Wie haben der edle Lin Chun und seine Getreuen dem kaiserlichen Schmierlappen Kao Chiu wieder mal ein Schnippchen geschlagen? Und wie geht es weiter mit diesen „Ausgestoßenen im Kampf gegen die Tyrannei“, wie der Erzähler sie nennt?

Reifere Leser werden es ahnen: Es geht um die TV-Serie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“. 1973/74 wurde sie produziert, Ende 1980 lief sie erstmals in der ARD – am familienfreundlichen Sendeplatz Sonntagvorabend. Basierend auf chinesischen Volkssagen erzählt die japanische Serie von Männern (und einer Frau), die sich, nicht zuletzt mit dem Schwert, gegen die Gewaltherrschaft des Kaisers auflehnen, der sein Volk hungernlässt. Um Edelmut und Korruption geht es, um Freiheitskampf und Unterdrückung – erzählt mit viel Aufwand an Kostümen und Pferden, mit einem großen Ensemble und, für eine TV-Serie, viel Action. Die entsetzte jedoch, auch wenn die ARD schon manches entschärft hatte, viele Eltern und Jugendschützer. Nach Protesten wurde die Serie abgesetzt; die noch ungesendeten Folgen liefen dann 1982 und 1983 zu späterer Stunde.

Vor Jahren erschien die Serie als DVD-Edition, in mäßigem Bild und nur mit den Kürzungen der ARD (denen damals nicht nur Action-, sondern auch Dialogszenen zum Opfer gefallen waren). Mehr als verdienstvoll also, dass der Anbieter Turbine nun die ungekürzten Folgen in überarbeiteter Bildqualität auf DVD und Blu-ray herausbringt und die damals gekürzten, nun erstmals kompletten Szenen neu synchronisiert hat – mit den meisten Sprechern von damals. Allen voran Christian Rode, der noch einmal als edler Lin Chun vor das Mikrofon trat. Es war eine seiner letzten Arbeiten, Rode starb im Februar. Das macht seine Begrüßung auf der ersten DVD dieser schönen Box etwas wehmütig.

Erschienen bei Turbine Medien. 26 Folgen, 1200 Minuten.
Extras: Informationen zu Kürzungen und der Restaurierung, Interview mit Filmwissenschaftler Rolf Giesen und China-Experte Wolfram Wickert sowie nicht zuletzt ein sehr gutes Booklet.

Das Buch „Tarantino“

Quentin Tarantino Uma Thurman "Kill Bill" "Pulp Fiction" Harvey Weinstein Reservoir Dogs

Quentin Tarantino mit Uma Thurman bei der Arbeit an „Kill Bill“.  Foto:  Alamy – AF Archive

Auf Seite 11 ist die Welt noch in Ordnung zwischen Quentin Tarantino und Harvey Weinstein. Da posieren der Regisseur und der Produzent Schulter an Schulter: Weinstein als Förderer und Nutznießer von Filmemacher Tarantino, der wiederum in dem Studiomogul über Jahrzehnte einen mächtigen Unterstützer gefunden hatte. Heute ist die Lage eine andere: Weinstein ist in einem Skandal um, unter anderem, Vergewaltigungsvorwürfe untergegangen; Tarantino dreht seinen nächsten Film für ein anderes Studio und hat gerade Weinsteins nun bankrotte Firma auf in seinen Augen noch ausstehende Gewinne verklagt.

Weinsteins Sturz ist im jetzt bei uns erscheinenden Buch „Tarantino“ kein Thema, denn es stand in den USA schon im Oktober 2017 in den Läden, als der Skandal erst ruchbar wurde. Tarantino gab danach zu, er habe genug von Weinsteins Taten gewusst, um mehr zu tun, als er getan habe. Die nächste Entschuldigung folgte, als ein Interview mit ihm von 2003 auftauchte, in dem Tarantino  Roman Polanskis Missbrauch einer 13-Jährigen damit kommentierte, das Mädchen habe es ja so gewollt. Auch beinharte Tarantino-Fans müssen eingestehen, dass sein Image als Filmemacher mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und einer Vorliebe für starke Frauenfiguren Risse bekommen hat. Um die kann es nun wegen der Entstehungszeit in Tom Shomes Buch nicht gehen, vielleicht aber in einer zweiten Auflage?

Quentin Tarantino Uma Thurman "Kill Bill" "Pulp Fiction" Harvey Weinstein Reservoir Dogs Robert Rodriguez Death Proof Planet Terror

Foto: Alamy – Everett Collection

Allerdings ist das Buch auch so lesens- und auch schauenswert, denn der schwere Band im Großformat ist opulent bebildert (250 Farbfotos auf 256 Seiten). Filmjournalist Shome zeichnet Tarantinos Karriere und Leben nach, auch die Jugend mit der Mutter (Ex-Schwesternschülerin) und ohne den abwesenden Herumtreiber-Vater. Oder wie Tarantino es ausdrückt: „Meine Mutter Arthouse, mein Vater B-Movie.“ Vom enthusiastischen Videothekshelfer mit enormem Filmwissen wird er zum Regisseur, schockt mit der Härte seines Debüts „Reservoir Dogs“, mischt das US-Kino mit der schwarzhumorigen Erzähllust von „Pulp Fiction“ auf und bleibt bis heute ein eigenwilliger Kopf, an dem sich die Geister fast schon traditionell scheiden.

Das lässt das Buch ebensowenig aus wie Enttäuschungen und Flops. Tarantino selbst sagt hier etwa über seine Stuntman-B-Movie-Hommage „Death Proof“: „Vermutlich mein schlechtester Film. Dafür war er gar nicht so übel.“

Interviewsätze wie diese, hier gerne groß auf blutrotem Hintergrund gedruckt, führen durch das informationssatte Buch, deren Bilder prägnante Szenenmotive zeigen und immer wieder Tarantino bei der Arbeit. Ob er die nach dem nächsten oder übernächsten Film tatsächlich einstellt, wie er schon lange ankündigt, um lahme Alterswerke zu vermeiden? Vorstellen kann man es sich nicht so recht.

Tom Shome: Tarantino – Der Kultregisseur und seine Filme.
Knesebeck, 256 Seiten, 40 Euro.

 

Quentin Tarantino Uma Thurman "Kill Bill" "Pulp Fiction" Harvey Weinstein Reservoir Dogs

Zwei Filme von Michael Cimino in mustergültigen Heimkino-Editionen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

 

 

Manche Filme werden von ihrem Nachbeben verschüttet, scheinbar auf ewig. So ist der Western „Heaven’s Gate“ untrennbar mit dem Ruin des Studios United Artists verbunden. Das Budget-Überziehen durch den scheinbar maßlosen Regisseur Michael Cimino machte den Film sehr teuer (40 Millionen Dollar waren 1980 für einen Film viel  Geld), der Misserfolg in den Kinos machte ihn ruinös. Nur: Was bleibt, denkt man an den künstlerischen, nicht den kommerziellen Wert? Ein episch breiter, eigensinniger, wagemutiger Film, der den Mythos des Westerns seziert. Der Regisseur schildert den historischen „Johnson County War“ (1890-1892): Viehbarone gehen brutal gegen europäische Einwanderer vor, die sie mit ihren winzigen Parzellen bei der Expansion stören. Mit Billigung des US-Präsidenten erstellen sie eine Todesliste, die angeheuerte Mörder dann abarbeiten.
Diese blutige und zeitlose KapitalismusGeschichte erzählt Cimino (1939-2016) in aller Ruhe, gleichzeitig mit aller Härte und so viel Detailversessenheit, was Kostüme und Bauten angeht, dass man sich über das Budget nicht wundert. Der Regisseur/Autor stand damals, nach dem Triumph seines Vietnam- und Amerikafilms „Die durch die Hölle gehen“, auf dem Höhepunkt der Macht. Er nutzte sie, um seine Vision des Westens und des Westerns ohne Einmischung auf eine ganz große Leinwand zu malen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges Chrsitopher Walken

Christopher Walken in „Heaven’s Gate“. Foto: Capelight

Lange gab es in den Film als technisch mäßige DVD, nun erscheint er erstmal als Blu-ray in einer Edition, dank derer man sich tief in den Film versenken kann: Man kann Ciminos Ur-Version (220 Minuten) vergleichen mit der um 70 Minuten gekürzten, holprigen Fassung, die er auf Druck des nach ersten Verrissen panischen Studios anfertigte; Interviews führen zurück zu den Dreharbeiten: Cimono erzählt, dass am Anfang des Films seine Recherchen über die Erfindung des Stacheldrahts (!) standen. Jeff Bridges zieht Parallelen zur USA heute („Die Viehbesitzer sind heute die Ölfirmen“) und Kameramann Vilmos Zsigmond erinnert sich an des Regisseurs Wunsch, dass viele Filmbilder wie alte Fotografien aussehen sollten. In der Tat: So schön und gleichzeitig so gnadenlos hat man den Westen mit seinen Weiten und seinen schneebedeckten Bergen im Kino kaum gesehen.

 

Auch Ciminos Debüt mit dem nichtssagenden deutschen Titel „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974) erscheint nun als exzellente Edition (mit Audiokommentar, Interviews, Booklet). An der Plot-Oberfläche erzählt „Thunderbolt and Lightfoot“, wie er im Original heißt, geradlinig von dem Gangster mit Spitznamen „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der von alten Kollegen gejagt wird, weil sie bei ihm die Beute eines gemeinsamen Raubzugs vermuten. Auf der Flucht begegnet ihm der junge Lightfoot (Jeff Bridges), der die Freundschaft des Älteren sucht. Von der erzählt Cimino sehr anrührend und überraschend, vor allem im Kontext der sonstigen Männerfiguren Clint Eastwoods (der den Film auch produziert hat). In dieser Männerfreundschaft schwingt durchaus Homo-Erotik mit, am Ende schlüpft Bridges in ein Kleid, und zwischendurch sieht Eastwood in einer Liebesszene mit einer Frau so gelangweilt aus, dass es schon komisch ist.

Der Film schwelgt in Bildern des  ländlichen Amerikas, er zeigt Motels, Tankstellen, Supermärkte und immer wieder grandiose Landschaften, deren Freiheit endlos zu sein scheint. Doch diese Freiheit gibt es nicht mehr (wenn es sie denn jemals gab). Das Amerika von Regisseur Cimino ist, ob hier oder in „Heaven’s Gate“, ein verwundeter Ort.

Beide Filme sind bei Capelight erschienen. Wer „Heaven’s Gate“ im Kino sehen will – er läuft Samstag und Montag ab 20 Uhr in der Kinowerkstatt St. Ingbert.

 

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

Clint Eastwood und Jeff Bridges in „Die Letzten beißen die Hunde“. Foto: Capelight

TV-Perle neu auf DVD: „Charlie Muffin“ von Jack Gold

Charlie Muffin David Hemmings Pidax House of Cards

Füße hoch, gerne auch im Büro: David Hemmings als Charlie Muffin. Foto: Pidax

 

Lange ist das her, aber die Älteren werden sich erinnern – die ARD hat früher mal Themenreihen angeboten (etwa über den Science-Fiction-Film) und auch Retrospektiven über Filmemacher. Einer  davon war damals der Brite Jack Gold (1930-2015), vor allem in den 1970ern ein Könner in vielen Genres: ob in dem utopisch angehauchten Polit-Thriller „Der Mann aus Metall“, dem Kriegsfilm „Die Schlacht in den Wolken“ oder im Genre des Übersinnlichen bei „Der Schrecken der Medusa“. Golds langlebigster  Erfolg ist der TV-Film „Der kleine Lord“, der seit 1980 in jedem Advent die Zuschauerherzen zuverlässig wärmt.

Einen der schönsten Gold-Filme hat nun die Riegelsberger DVD-Firma Pidax ausgegraben: „Charlie Muffin“, ein Fernsehfilm von 1979. David Hemmings, 13 Jahre zuvor durch Antonios „Blow Up“ zu einer Ikone der Swinging Sixties geworden, spielt einen Mann mittleren Alters, bei dem es nun weniger swingt. Er ist ein britischer Agent, den seine Vorgesetzten wegen seiner fachlich begründeten Arroganz mit Inbrunst hassen; da er den gemütlichen Durchschnitts-Dilettantismus des britischen Geheimdienstes durch seine Präsenz stört, versuchen seine Vorgesetzten schon mal, ihn beim Berliner Grenzübergang vom Osten in den Westen der DDR zuzuspielen. In Muffin köchelt es, doch seine große Stunde könnte schlagen, als eine russische Politgröße (Pinkas Braun) in den Westen überlaufen will – da kommen Muffins Chefs nicht an ihm vorbei.

Charlie Muffin David Hemmings Pidax House of Cards

Die Bürohengste, allen voran Cuthbertson (Ian Richardson, vorne). Foto: Pidax

Gold findet eine schöne Mischung aus Spannung und Komik. Hier geht es ebenso um den Kalten Krieg wie ums alltägliche Büro-Klein-Klein, um Hierarchien, Besserwisserei und die Kombination Buckeln/Treten. Die Dialoge sind ausgefeilt und bissig, die Darsteller in Form: Hemmings gibt den Weltmüden in schmutzigen Schuhen, seinen ihm in herzlicher Abneigung verbundenen Vorgesetzten spielt der brillante Ian Richardson. Er verkörperte ein paar Jahre später in „House of Cards“ (der Vorlage fürs US-Remake) lustvoll den größten Intriganten der britischen Regierung. Hier konnte er schon mal üben – es ist ein Genuss.

Erschienen bei Pidax Film.

Gary Numan in Luxemburg, 9.3. 2018, Kulturfabrik Esch

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Böse und mysteriös blicken – ja, das kann er immer noch, als wäre es 1979. Da begann Gary Numan seine Popkarriere, eine der merkwürdigsten: mit Millionenverdiensten und Millionenschulden, mit Haartransplantationen, einem Flug um die Welt im eigenen Flugzeug und einem Flug in die Pleite mit der eigenen Plattenfirma. Aber Numan ist immer noch da, seit Donnerstag 60 Jahre alt, und einen Tag später zum ersten Mal in Luxemburg. Und als altem Fan geht einem das Herz auf, wie er da auf die Bühne der Kulturfabrik in Esch wandelt, blutrot beleuchtet, umwabert von Kunstnebel, umdröhnt von einem Synthesizer-Intro.

Er und seine Electromusik haben so manche Lebensläufe über Dekaden begleitet. 1979 ist er ein Phänomen – mit zwei britischen Nummer-Eins-Singles verhilft der Londoner, gerade 21, dem Synthie-Pop zum kommerziellen Durchbruch: mit der kühlen Ballade „Are friends electric?“ und „Cars“, einer Ode an das Sich-Zurückziehen. Über Nacht ist Numan reich, berühmt – und verhasst. Denn die britische Musikpresse mag weder das bewusst „Unauthentische“ an seiner Musik (keine Jeans, kein Männerschweiß, keine Gitarrensoli) noch seine bombastischen Bühnenshows und auch nicht seinen Neureichen-Gestus, mit dem er sich Sportwagen kauft und ein Flugzeug, mit dem er als Freizeitpilot um die Welt fliegt (in Indien wird er kurzzeitig wegen Spionageverdachts verhaftet).

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Nach drei britischen Nummer-1-Alben in Folge verkündet ein überarbeiteter Numan 1981 mit großer Geste den Abschied von der Bühne (nur um 1982 kleinlaut zurückzukommen). Aber da haben sich viele Fans schon verabschiedet, nur ein beinharter Kern bleibt ihm treu. So treu, dass die ihm sogar Geld schicken, als sein eigenes Plattenlabel in die Pleite schlittert. In dieser Zeit versucht Numan alles, verbindet seine Electromusik mit Funk, lässt Backgroundsängerinnen jaulen. Nichts hilft. Anfang der 90er spielt er dann in Freizeitzentren in der Provinz.

Erst als Numan nicht mehr auf Radioeinsätze schielt, kommt die Wende. Die Musik verdüstert sich, er lässt sich von Weggefährten wie Depeche Mode und dem knirschenden Industrial Rock von Nine Inch Nails inspirieren und beginnt einen jahrelangen Wiederaufstieg. Als sein 2017er Album „Savage“ es in England auf Platz zwei schafft, weint Numan nach eigenen Angaben „wie ein Kleinkind“. In Luxemburg weint er nicht, auch wenn in die Halle noch ein paar Menschen hineingepasst hätten, sondern liefert eine beeindruckende Show mit Material vor allem aus den jüngsten beiden Alben.

Textlich sind die nur mäßig originell. „Black“, „dark“, „bleed“ und „broken“ sind Numans Lieblingsworte, entweder geht es um Seelenkrisen oder Weltuntergänge, und wenn Numan es noch finsterer als finster haben will, dichtet er von „a darker shade of darkness“. Aber das alles kleidet er in eingängige, wuchtige Refrains mit manchmal arabisch anmutenden Melodien, getragen von bombastischen Synthie-Klangflächen, nach vorne getrieben von bisweilen elefantös dahin donnernden Gitarrenbreitseiten mit Rammstein-Aroma. Subtil ist das nun nicht – in der Mischung aber grandios effektiv. Numan gibt dazu den Bühnenderwisch, orchestriert die Melodien mit rudernden Armen und scheint in seine Songs geradewegs hineinzuspringen. Gekleidet sind er und seine drei Begleiter in einer Art beigen Nomadenkluft, geht es auf „Savage“ doch im weitesten Sinne um eine ausgetrocknete Welt nach dem Klimawandel. Projektionen zeigen Wüstenbilder, wabernde Muster, Farben. Musikalisch gibt es nur einen Durchhänger – das balladeske „Mercy“ war schon auf dem jüngsten Album ein Langweiler, da ist auch auf der Bühne nichts zu retten. Anders bei anderen Songs: Eine Nummer wie „Love hurt bleed“ mag auf CD fast wie eine Parodie auf Nine Inch Nails wirken, auf der Bühne wird daraus eine große, scheppernde Faustreck- und Headbang-Nummer.

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

Dass Numan die alten Hits auf ein Minimum beschränkt – das vielbejubelte „Cars“ wirkt fast wie ein allzu nostalgischer Fremdkörper – zeigt sein begründetes Vertrauen in die Livetauglichkeit des neuen Materials. Wer hätte in den 80ern oder 90ern gedacht, dass Numan mit 60 noch auf der Bühne steht und eben nicht die 40 Jahre alten Hits spielen, nicht mit Nostalgie tingeln muss? Vielleicht ist auch das ein Grund, dass bei Numan die dramatische Mimik bei den Stücken zwischendrin immer öfter einem enorm breiten Grinsen weicht? Er freut sich einfach – an diesem Abend gönnt es ihm jeder.

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

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