KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

„German Grusel“-Nostalgie: „Die Schlangengrube und das Pendel“

 

Ist es ein „sehr guter“ Film im strengen Sinne? Wohl nicht – aber ein auf seine eigene Weise faszinierender. 1967 soll „Die Schlangengrube und das Pendel“, das ist der Plan, eine abgerissene Tradition in Deutschland wiederbeleben: die des fantastischen Films, des Gruselkinos, des Horrors – Jahrzehnte nach Filmen wie „Nosferatu“, „Der Golem“ oder „Das Kabinett des Dr. Caligari“. Die Idee lag Mitte der 1960er auf der Hand: In den USA füllt Günstig-Filmer Roger Corman mit seinen kunstnebelumflorten Edgar-Allan-Poe-Adaptionen wie „Lebendig begraben“ die Kinos; in Italien dreht Mario Bava mit kleinem Budget und großen Ideen prächtige Schauerfilme wie „Die drei Gesichter der Furcht“. Und in England produziert die Firma Hammer bunte und sehr stilvolle Gruselwerke wie „Dracula“, „Frankensteins Fluch“ oder „Der Hund von Baskerville“ – gerne mit Christopher Lee und Peter Cushing.

Und In Deutschland? Da wabert zumindest ein wenig Grusel durch die Edgar-Wallace-Verfilmungen von Produzent Horst Wendlandt (und durch die „Dr. Mabuse“-Filme von Wendlandts früherem Chef und ewigem Konkurrenten Artur „Atze“ Brauner). Wendland wird Anfang 1967 vom Misserfolg seines Films „Winnetou und sein Freund Old Firehand“ überrascht – seinen Karl-May-Filmen scheint die Luft auszugehen. Wendlandt plant um – warum nicht eine neue Welle lostreten mit veritablen Gruselfilmen, mit Seitenblick auf Corman, Bava und Hammer? Und mit bewährten Mimen, mit denen Wendlandt ohnehin noch einen Vertrag für einen hastig abgesagten May-Film hat: Lex Barker, unvergesslich als Old Shatterhand, und Karin Dor, die gerade ihre Rolle als mörderische Helga Brandt im James-Bond-Film „Man lebt nur zweimal“ abgedreht hat. Christopher Lee, damals der amtierende Dracula der „Hammer“-Studios, ist dann sozusagen die Kirsche auf dem Gruselkuchen.

Und so beginnen am 16. Mai 1967 die Dreharbeiten zu „Die Schlangengrube und das Pendel“ (unter den Arbeitstiteln „Die Wassergrube und das Pendel“ und „Schloss Schreckenstein“, was ein bisschen wie ein Kinderbuch klingt). Regie führt Harald Reinl, Heimatfilm-, Wallace- und May-erfahren beziehungsweise „ein deutscher Spitzenregisseur“, wie der Sprecher des alten Filmtrailers im Bonusmaterial wunderbar ehrfürchtig intoniert (wobei Reinl Österreicher ist). Gedreht wird bei Detmold im Teutoburger Wald, im Isartal und in Rothenburg ob der Tauber. Im Oktober kommt der Film mit vielen Kopien ins Kino, doch der Erfolg ist überschaubar – „die neue Welle“, von der mehrere zeitgenössische TV-Berichte im Bonusmaterial sprechen, hat schon beim ersten Film ausgeplätschert. Ein Jammer. Was hätte aus diesem seriellen Teutonen-Grusel werden können?

 

 

„Die Schlangengrube und das Pendel“ erzählt von einem schreckenerregenden Grafen namens Regula, dem im Prolog des Films, der 1806 spielt, der Garaus gemacht wird. Kein Wunder. Da in seinem Schloss 12 Jungfrauen grausig zu Tode gekommen sind, hält die Justiz eine Enthauptung für zu milde, so dass er auf dem Markplatz gevierteilt wird. 35 Jahre später erhalten ein Anwalt (Lex Barker) und eine junge Baronesse (Karin Dor) mysteriöse briefliche Einladungen, das Schloss des Grafen im „Sandertal im Mittelland“ zu besuchen. Schon die Kutschenreise dorthin ist ein Abenteuer, mit nebelverhangenen Wegen, Leichen, die von Bäumen baumeln, und einem verständlicherweise entnervten Kutscher, gespielt von Dieter Eppler, der übrigens später, zwischen 1970 und 1973, Saarbrücker „Tatort“-Kommissar war.

Angekommen im Schloss – sehr atmosphärische Studiobauten mit leibhaftigen Skorpionen, Spinnen und auch Geiern – erleben sie dann gar Schreckliches. Der tote Graf Regula feiert kurzfristige Auferstehung, ausgerechnet am Karfreitag, denn er steht vor einem wissenschaftlichen Durchbruch: Aus dem Blut der 12 hat er einst eine Essenz des ewigen Lebens destilliert, wie genau, das lässt er im Dunkeln, er erklärt nur lapidar: „Ich will nicht ins Detail gehen“ (man hätte es ja gerne erfahren). Die Essenz wirkt aber erst wirklich, wenn er auch Jungfrau Nummer 13 verarbeitet hat – die Baronesse. Aber das kann und will ihr schneidiger Begleiter in Gestalt Lex Barkers nicht zulassen.

Dass der Film damals die Kinokassen nicht erbeben ließ – man kann es nachvollziehen. Der erste Teil, sieht man von der Vierteilung ab, die der Film geschmackvoll (und der FSK 12-Freigabe geschuldet) als Zeichnung eines Bänkelsängers darstellt, ist sehr gemächlich, bevor es im Schloss (gedreht in den Ateliers der Münchner Bavaria) dann sehr atmosphärisch und auch spannend wird: mit blubbernden Labor-Töpfchen, einem gläsernen Sarkophag und einem Gang, der mit hunderten von Totenköpfen bestückt ist. Insgesamt ist das Ganze weniger strammer Horror denn wohlige Schauerromantik, auf die man sich einlassen muss. Es fallen ehrfürchtig deklamierte Sätze wie „In mondlosen Nächten feiert der Teufel dort Feste“ (gemeint ist das Schloss des Grafen), über die man kichern kann oder die man gruselnd auf sich wirken lassen kann. Eine gewisse ernste Naivität besitzt der Film, wie auch die Winnetou-Filme von Regisseur Reinl. Man kann nur darüber spekulieren, wie der Film geworden wäre, hätte etwa Alfred Vohrer den Film inszeniert, neben Reinl der zweite Stammregisseur der Edgar-Wallace-Filme und eher ein Mann des extremen Effekts und des schwarzen Humors als Reinl.

Ein großer Trumpf des Films ist die Musik von Peter Thomas, nicht so grell wie manche seiner Wallace-Kompositionen, sehr atmosphärisch, teilweise mit Orgelklängen – und im Finale, wenn das Pendel über Lex Barkers Heldenbrust hin und her schwingt, hat das fast etwas von Minimal Music. Thomas‘ Musik ist auf CD beim Deluxe Mediabook enthalten, soll außerdem auf Vinyl und digital erscheinen – es lohnt sich.

Trotz mancher Macken: Der Film ist ein sympathisches Kuriosum des deutschen Kinos, ein „Was hätte daraus werden können“ mit viel Charme und Atmosphäre. Wie gut, dass der Film, der vor 15 Jahren erstmals erschien (bei e-m-s), nun hervorragend restauriert vorliegt, mit viel Bonusmaterial.

Die beiden Editionen, erschienen bei UCM.ONE:

 

MEDIABOOK

1 DVD mit dem Film und eine Blu-ray mit dem Film, plus Audiokommentar (Gerd Naumann, Christopher Klaese, Matthias Künnecke). Außerdem: Der Trailer von einst, 3.20 Minuten. Zitate des dramatischen Sprechers: „Eine romantische Gruselgeschichte“. „Aus dem Reich der Schatten greifen blutgierige Dämonen nach den Lebenden.“ „Das neue Meisterwerk eines deutschen Spitzenregisseurs.“ „Dieser Film gibt ihnen ein ganz neues Gruselgefühl.“

Neuer Teaser, 1.10 Minuten

Slideshow der Film-Rekonstruktion mit Beispiel-Bildern und -Szenen, 8.22 Minuten.

DELUXE MEDIABOOK

Wie das Mediabook, dazu CD mit der Musik von Peter Thomas auf CD und einer weiteren Bonus DVD:

„Ein Grusical wird gedreht.“ WDR-Bericht von 1967, 2.48 Minuten, schwarzweiß. Sehr flott zu Peter-Thomas-Musik montiert. „Der erste deutsche Horrorfilm der neuen Welle.“ (…) „unter der Regie von Dr. Harald Reinl“.

„Neues vom Film“, ZDF 1967 4.02 Minuten, schwarzweiß. „Harald Reinl legt den Grundstein zu einer neuen Kinowelle“, heißt es hoffungsvoll im Film. Reinl sagt, er hab die Poe-Vorlage „bereichert“. Dor erklärt, in Krimis ist man als Figur aktiver, im Horrorfilm eher passiv.

Ufa Wochenschau 1967, 1.28 Minuten. „Erstmals nach dem Kriege versucht ein deutsches Team Anschluss an die Horrorwelle zu finden. Dazu Interviewsätze identisch zu „Neues vom Film“.

Ein Interview mit Karin Dor aus der „Drehscheibe“ des ZDF von 1970. 4.01 Minuten. Interessantes Interview, Dor spricht vom Rollenmangel für sie in Deutschland. „Es gibt für mich hier nichts zu tun. Die Rollen sind einfach nicht vorhanden.“ Und: „Man hat zu 90 Prozent im deutschen Film nichts mehr verloren, wenn man nicht mehr 12 ist und nicht bereit ist, nackt über die Leinwand zu hüpfen.“ In den USA sei man noch „unberührt von der Nacktwelle.“ Und: „Ich kann es mir nicht leisten, TV-Filme zu drehen. Dann muss ich schon einen Film drehen.“

Vergleich der Drehorte damals und heute in Rothenburg ob der Tauber, 7.40 Minuten, von Markus Wolf. Sehr schön gemacht und überblendet.

Super 8-Fassung namens „Das Todespendel – die Burg des Grauens“, 16 Minuten.

Super 8-Fassung 2: „Die Schlangengrube des Dr. Dracula“, 15.22 Minuten, fast quadratisches Bild. Ganz anders geschnitten als die andere Fassung. Ohne den Prolog, und nach drei Minuten ist man schon im Gruselschloss.

Audio Interview mit Karin Dor (39.55 Minuten), vom ersten Berufswunsch (Innenarchitektin), über die Dreharbeiten zu „Man lebt nur zweimal“ zur „Schlangengrube“ (sie fand Christopher Lee, oft als arrogant verschrieb, sehr nett). Man erfährt auch, dass Fred Astaire „ein Schatz“ war und dass sie ihren Film „Haie an Bord“ ziemlich schlimm fand. Die Audio-Qualität ist bescheiden, man muss schon sehr genau hinhören.

Internationale Artwork-Galerie (4.42 Minuten), 48 Motive.

Bilder von den Dreharbeiten, (3.24 Minuten), 35 Motive fast alle in Schwarzweiß.

„War and Peas“ – das erste Buch

 

Ein einsamer Baum mit Erektion. Der Sensenmann, der zwecks Arbeitserleichterung mit einem Skateboarder wettet, dass der doch sicher über ein Haifischbecken hüpfen kann. Ein Hund, der mit seinem Frauchen Verstecken spielt und nicht versteht, dass sie nahezu blind ist. Ein Roboter, der mit unerwarteten Gefühlen ringt. Eine Wolke, die sich mit Platzregen für menschliche Demütigungen rächt.

Willkommen in der eigensinnigen, bittersüßen, mal melancholischen, mal auch grausamen Welt  von „War and Peas“. Seit 2011 zeichnen und texten Elizabeth Pich und Jonathan Kunz, beide 31 Jahre alt, beide in Saarbrücken lebend, unter diesem Titel ihre kleinen großen Geschichten, die trügerisch sind. So betont schlicht und unschuldig der Zeichenstil wirkt, so  wenig harmlos ist der Inhalt: Um Einsamkeit geht es oft, um Gefühle, die aneinander vorbei strömen, um schwierige Kommunikation, um den Tod – das alles unterfüttert mit einem sehr schwarzen Humor und unerwarteten Pointen. Eine hinreißende Mischung. Seit einigen Jahren veröffentlicht das Duo, das sich an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) kennengelernt hat, jeweils sonntags eine Geschichte im Internet, stets in Englisch – der Internationalität halber, zumal Pich in den USA lebte, bis sie 14 war. Jetzt erscheint das erste Buch mit gesammelten Geschichten: „Von Hexen und Menschen“.

Eine davon heißt „Schöne Traurigkeit“. Ein passendes Motto für die gesamte Arbeit des Duos? „Stimmt. Viele unserer Comics haben etwas Trauriges, was vielleicht daran liegt, dass wir beide einen gewissen Hang zum Weltschmerz haben“, sagen Pich und Kunz. „Wir können uns der Definition des US-Humoristen John Vorhaus anschließen: ‚Komik ist Wahrheit und Schmerz‘“. Aber traurige Pointen seien nicht das Ziel, „sondern das wohnt uns beiden inne. Wir kriegen häufig die Rückmeldung, dass Menschen beim Lesen geweint und sich befreit gefühlt haben. Ein schöneres Kompliment kann man nicht bekommen.“

Mit Tolstois „Krieg und Frieden“ hat der Künstlername „War and Peas“ nun nichts zu tun, das Wortspiel mit Peas/Erbsen und Peace/Frieden geht auf eine Zeichnung des Duos zurück, in der eine Karotte (!) ein Buch namens „War and Peas“ liest. Ein Wortspiel, das „unseren Humor perfekt repräsentiert“.

Die wiederkehrenden Figuren in den Geschichten und im Buch, darunter eine libidinös lebenslustige Hexe, waren kein Konzept von Anfang an, sondern sie haben sich über die Jahre organisch zusammengefunden. „Unser Hexen-Charakter etwa wurde mit einem Comicstrip namens ‚Slutty Witch‘, ‚Schlampenhexe‘, geboren. Darin wird sie an Halloween von einem notgeilen Typen angebaggert, der am Ende als Trophäe an ihrer Wand landet. Uns sind dann noch mehr Geschichten zu ihr eingefallen, sodass die ‚Schlampenhexe‘ heute unser Aushängeschild ist. Bei den anderen Charakteren ist es ähnlich, sie kommen und gehen. Wir wollen uns da nicht auf ein bestimmtes Set an Charakteren beschränken.“

Von der Idee bis zur fertigen Zeichnung kann es Wochen dauern, Monate – und manchmal bloß Minuten.  Eine Hälfte des Duos zeichnet los, die andere stellt das Ganze dann möglicherweise wieder um, „beide Prozesse zusammen sind wichtig“, sagen die beiden „damit es den typischen ‚War and Peas‘-Flair bekommt“. Feste, büroähnliche Arbeitszeiten und –termine gibt es nicht. „Wir funktionieren da eher nach dem Chaosprinzip“, auch wenn die beiden sich für ihre Geschichten mittlerweile „eine Pipeline anlegen, damit wir auch ein paar Wochen im Voraus planen können“. Dass die Comics etwa noch am Tag der Veröffentlichung gezeichnet werden, was schweißtreibenden Druck mit sich bringt, tut sich das Duo nur noch in Ausnahmefällen an.

Der Erfolg jedenfalls ist enorm. Bei Facebook haben „War and Peas“ 200 000 Abonnenten, bei Instagram 700 000 – lässt sich damit auch die eigene Arbeit finanzieren? (Pich ist freie Künstlerin, Kunz arbeitet als Lehrbeauftragter an der HBK.) „Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube, und viele Leute denken, wir müssten steinreich sein. Follower selbst bringen dir kein Geld ein, aber es hilft bei den Vertragsverhandlungen mit dem Verlag“, als Beleg einer potenten Fanbasis. Der große US-Postkartenanbieter Hallmark hat vier Strips des Duos gekauft und bringt sie drei Jahre lang heraus. „Der Deal war ein kleiner Ritterschlag, und es gab einen kleinen Geldsegen – aber wirklich viel war das nicht. Da darf man sich nichts vormachen.“

Auch nicht bei Patreon, einer Internet-Plattform, auf der Fans von Künstlern regelmäßig spenden können, um deren Arbeit zu unterstützen. „Die Idee ist super“, sagt das Duo, „aber eine solche Seite bedeutet auch wieder zusätzliche Arbeit. Man kann sich ja leicht ausrechnen, dass nur ein Bruchteil unserer Follower einen Dollar spenden müsste, um uns finanziell unabhängig zu machen. Das ist nicht der Fall, aber wir sind dennoch sehr dankbar um jeden einzelnen Patron, der uns mit seiner Kleinspende hilft, auf Werbung auf unseren Plattformen verzichten zu können.“

Kurios ist, dass vor der deutschen Ausgabe, die gerade erschienen ist, schon in den USA  vor einigen Monaten eine internationale Version herausgekommen ist, beim renommierten Andrews-McMeel-Verlag, der Heimat etwa von „Calvin & Hobbes“. Der mit dem Duo befreundete US-Comiczeichner Nick Seluk, dessen Reihe „The Awkward Yety“ sehr populär ist, stellte den Kontakt zum amerikanischen Verlag her, „weil er es nicht glauben konnte, dass wir noch keinen Verlag haben“. Künstlerisch reingeredet haben die Redakteure von McMeel nicht, auch wenn manche Gags – etwa der Vampir, der es sich in Fledermausform in der Vagina seiner Hexenfreundin gemütlich macht – vielleicht nicht für die ganze Familie gedacht sind. „Für den Verlag war das Projekt schon ein gewisser Spagat, weil er seinen Hauptsitz im eher prüden Missouri hat.“ Mit der Resonanz jedenfalls ist der Verlag sehr zufrieden, sagt das Duo.

 

War and Peas Panini Verlag

Elizabeth Pich und Jonathan Kunz. Foto: Lukas Ratius

 

Der deutsche Verlag Panini sprach die beiden bei der Comic Con in Wien an, er war nicht als einziger interessiert. „Es waren noch andere deutsche Verlage an dem Buch dran, aber am Ende hat sich Panini durchgesetzt.“ Überrascht waren die beiden, wie leicht die Übersetzung ihrer englischen Texte ins Deutsche war, ohne Pointen zu verändern. „Ein paar Strips funktionieren natürlich besser als andere, aber am Ende waren wir wirklich zufrieden.“ Das Buch ist nahezu identisch mit der internationalen Ausgabe, abgesehen von einem neu gestalteten Cover und, zur Freude des Duos, einer Hardcover-Bindung.

Bei einigen Hunde- und Katzengeschichten mit schrägen bis surrealen Pointen kann man an den US-Zeichnerkollegen Gary Larson denken – ein Vorbild? „Wir kannten seine Arbeiten zuvor nicht – aber als wir immer wieder dieselbe Rückmeldung bekamen, haben wir uns ein bisschen damit auseinander gesetzt und waren direkt begeistert.“ Begeistert sind die beiden etwa auch von der Zeichnerin Clementine Hunter, der Künstlerin Louise Bourgeois, dem „Calvin und Hobbes“-Schöpfer Bill Watterson oder der US-Komikerin Amy Poehler. „Aber Vorbilder haben wir nicht. Der jeweils andere ist immer unser Vorbild, da brauchen wir keine anderen.“

Jonathan Kunz und Elizabeth Pich: War and Peas – Von Hexen und Menschen. Panini, 160 Seiten, 19 Euro.
Info: www.warandpeas.com

 

Rache ist sauer: „The Rhythm Section“ von Reed Morano

Blake Lively Rhythm Section

Blake Lively als Stepahnie. Foto: Leonine

Mitte der 1960er war James Bond ein Popkultur-Mythos von Beatles-Dimensionen. Jede noch so kleine Filmfirmen-Klitsche warf preisgünstige 007-Imitate mit ähnlich potenten Agenten auf den Markt. Ausgerechnet da brachte einer der damaligen Bond-Produzenten, Harry Saltzman, der 007-Figur möglicherweise etwas müde, eine Art Anti-Bond drei Mal ins Kino: den kassenbebrillten Agenten Harry Palmer (Michael Caine), der, ganz anders als Bond, seine Vorgesetzten herzlich verachtete, seinen Beruf gleich mit. Und Mozart hörte er auch noch.

Nun legt die Bond-Produktionsfirma Eon, ein Familienbetrieb, der sich seit Jahrzehnten fast ausschließlich um Bond kümmert, einen Nicht-007-Film vor, in dem es auch um Spionage geht – erneut ein Gegen-Bond wie einst Harry Palmer? „The Rhythm Section“ führt wie 007 an Schauplätze in aller Welt, es gibt einige Action. Und doch geht der Film, der bei uns auf DVD und Bluray erscheint, in eine ganz andere Richtung, bemüht sich spürbar um grimmigen Anti-Glamour. Wo Bond meist in südlicher Sonne an einem Martini nippt, gibt es hier schon fast symbolisch eine Tasse schwarzen Tee aus einem alten Becher im vernieselten Schottland.

In Tanger beginnt der Film, eine Frau (Blake Lively) schleicht sich in einer maroden Wohnung an einen Mann im Rollstuhl heran, hält ihm eine Pistole an den Kopf, zögert. Dann springt der Film acht Monate zurück, nach London, wo sich die Geschichte der Frau aufblättert: Stephanie heißt sie, ein Wrack zwischen Drogen und Prostitution. Ihre Familie ist bei einem Flugzeugabsturz gestorben, das eigene Leben aus den Fugen geraten und am Ende – bis ein Journalist ihren Kontakt sucht: Er besitzt Informationen, dass der Absturz ein Anschlag war – und der Journalist kennt den Namen des Bombenbauers. Den versucht Stephanie zu töten, scheitert und bringt ihn so auf die eigene Spur: Der Journalist wird ermordet, Stephanie kann gerade noch nach Schottland fliehen, zum Kontaktmann des Journalisten, einem in Ungnade gefallen britischen Spion (Jude Law) – das zumindest sagt er und versucht nun, die Angeschlagene zumindest soweit auszubilden, dass sie bei ihrem geplanten Rachefeldzug nicht gleich scheitert.

 

Das Finale in Marseille. Foto: Leonine

Zugegeben: Diese Prämisse des Films muss man hinnehmen und glauben, auch wenn es nicht ganz leicht fällt. Doch dann erweist er sich als ambitioniertes Actiondrama mit einigen Zwischentönen. Ähnliche Konstellationen gab es bereits in Filmen wie „Nikita“, „Atomic Blonde“ oder in den „Kingsman“-Filmen, in denen ein Londoner Prolo, so hart kann man es sagen, zum Edel-Spion gemacht wird. Doch in „The Rhythm Section“ (der Titel spielt auf eine Übung an, den Körper in einer Stress-Situation zu beruhigen) wird die Hauptfigur nicht zur Super-Agentin: Stephanie scheitert oft, lädt auch Schuld auf sich; das Abarbeiten einer Todesliste, die sie zum Kopf des Anschlags führen soll, fällt ihr schmerzhaft schwer – wo Actionszenen in „Atomic Blonde“ kunstvoll choreografiert sind und in „Kingsman“ das Töten zu einem zynischen Jux wird, ist die Rache von Stephanie eine schmerzhafte, mühsame Angelegenheit mit einigen seelischen Nachwirkungen.

Der Film von US-Regisseurin Reed Morano stellt die Seelenqual der Hauptfigur einigen gelungenen Action-Szenen gegenüber – eine lange Autojagd ohne sichtbaren Schnitt aus Beifahrer-Perspektive ist herausragend. Darstellerin Blake Lively agiert in diesen Szenen mit vollem Körpereinsatz, ansonsten bleibt sie auf Distanz, es gibt keine tränenreichen Monologe, Stephanie ist angeschlagen und verhärtet, fast mechanisch wirkt sie bisweilen, wie eine Rachemaschine. Ein Action-Blockbuster mit einladender Identifikationsfigur und Katharsis am Ende ist das nicht – was wohl auch den Misserfolg in den US-Kinos erklärt. Schade um diesen ambitionierten Film.

Erschienen bei Leoline. Extras: einige wenig interessante Interviewschnipsel und zwei kurze, aber sehenswerte Berichte über die Konzeption der Autojagd und das Filmfinale in Marseille.

Heimkino, das Streaming nicht bietet

Capelight Rollerball James Caan

Kein Tempolimit. Eine Szene aus „Rollerball“. Foto: Capelight

Ja klar. Sich Filme per Streaming anzusehen, ist enorm bequem – aber mehr als den Film gibt es dort nicht zu sehen. Liebevolle Bluray-Editionen mit Zusatzmaterial sind eine Alternative. Wir stellen drei exzellente vor.

Sind DVDs und Blurays, die „physischen Datenträger“, angesichts Streaming nur noch Schnee von gestern? Die Zahlen sprechen für das körperlose Streaming, personifiziert vom Marktführer Netflix. Der steigerte während der Corona-Pandemie seine Abo-Zahlen auf 193 Millionen, der Börsenwert steht bei 232 Millionen Dollar. Läutet also für DVD und Bluray das Totenglöcklein, wie einst für die klobige Videocassette, ihrerseits Opfer der DVD?

Vielleicht schon, was lieblose Veröffentlichungen von Mainstream-Filmen angeht – warum sollte man sich die noch ins Regal stellen? Anders ist das bei schönen, mit Bonusmaterial angereicherten Film-Editionen. Denn eines kann man beim Streaming eben nicht: sich tief in einen Film versenken, mit Drehberichten, begleitenden Audiokommentaren oder Interviews;  wobei man nicht verschweigen darf, dass manche Filmfirmen ihre DVDs allzu gerne nur mit Schulterklopf-Werbe-Interviews vom Kinostart bestücken, à la „der Regisseur ist der netteste Mensch, dem ich je begegnen durfte“. Undsoweiter.

Wirklich aufwändige Editionen sind ein Stück Liebe zum Film. Eine der schönsten Veröffentlichungen der vergangenen  Monate ist „Rollerball“ (erschienen bei Capelight). Norman Jewisons Film von 1975 erzählt von einer Zukunft, in der es keine Nationalstaaten mehr gibt, nur noch globale Konzerne. Der Kapitalismus funktioniert, es gibt Brot für alle (mehr für die wenigen, weniger für die meisten) – und Spiele, um die Massen abzulenken: „Rollerball“, eine brutale Mischung aus Motorradrennen, Hockey und Football. Als einer der Spieler (James Caan) zu populär wird, kommt das Regime ins Grübeln – denn der „Rollerball“-Sport soll gesichtslos bleiben. Der Spieler-Star wird zum Rücktritt gedrängt, aber er wehrt sich.

Rollerball Capelight

Ein Blick auf die Mannschaft. Foto: Capelight

Wohl seit seinem Kinostart hat der Film nicht mehr so gut ausgesehen wie jetzt, dank einer peniblen Restaurierung; im Audiokommentar erzählt Regisseur Jewison von seiner damaligen Angst vor einer „Brot und Spiele“-Gesellschaft – wobei, das ist das kuriose Problem des Films, die Kritik an der Welt der Konzerne filmisch weniger spektakulär ist als das Spiel selbst – „Rollerball“ ist eben auch ein Actionfilm. Gedreht wurde der Film vor allen in München; davon berichtet eine 20-minütige Reportage, vergleicht dabei die Drehorte heute und damals – etwa die Radrennbahn der 1972 für Olympia gebauten Rudi-Sedlmayer-Halle, die seit 2011 „Audi Dome“ heißt, und die BMW-Türme, die in den 70ern purer Futurismus waren und heute ein gewisses Retro-Aroma versprühen. Der Stunt-Veteran und spätere Regisseur Craig R. Baxley berichtet von den monatelangen und gefährlichen Proben des Spiels, mehrere Dokumentationen schließen sich an.

 

Die neue Edition und Restaurierung von David Lynchs „Der Elefantenmensch“ (Arthaus, 1980) lässt Cineasten ebenfalls niederknien. Die Oscar-nominierte Schwarzweißfotografie von Freddie Francis sieht glorios aus, es gibt mehrere Filmbilder als Karten, ein Booklet und viel Bonusmaterial auf den beiden Blurays: Reportagen etwa  über die reale Person, auf deren Leben der Film basiert: der Engländer Joseph Merrick (1862-1890), dessen Körper schwerst missgebildet war und der auf Rummelplätzen als Grusel-Attraktion herumgereicht wurde, bis sich ein Mediziner (im Film gespielt von Anthony Hopkins) um ihn kümmerte.

In Interviews, zwischen 19 und 30 Minuten lang, sprechen die Beteiligten von den Dreharbeiten: darunter Hauptdarsteller John Hurt, Produzent Jonathan Sanger und Fotograf Frank Connor. Regisseur David Lynch wird mehrmals interviewt,  einmal bei einer Pariser Ausstellung seiner Gemälde und Skulpturen, und einmal vom Kollegen Mike Figgis („Leaving Las Vegas“). Der  platziert ihn einer Szenerie, die wohl klassische Lynch-Atmosphäre erschaffen soll: in einem leeren Korridor, mit dem Kopf neben einer nackten Glühbirne. Als Lynch das Drehbuch zu „Der Elefantenmensch“ zum ersten Mal las, erzählt er, „da explodierte eine kleine Bombe in meinem Kopf“. Anstoß zu einem seiner besten, berührendsten Filme.

 

Auch 24 Jahre nach seiner Premiere verstört David Cronenbergs „Crash“ immer noch. Der radikale, damals heftig umstrittene Film über Erotik, den Fetisch Auto und die morbide Faszination von Unfällen ist jetzt als exzellente  Bluray-Edition erschienen (bei Turbine Medien), mit restauriertem Bild und viel Begleitmaterial. Das reicht von den damaligen Trailern über Interviews zum Kinostart bis zu neueren und längeren  Gesprächen mit den Beteiligten: darunter Komponist Howard Shore und Cronenbergs regelmäßiger Kameramann Peter Suschitzky. Der berichtet von einer gemeinsamen „intellektuellen Sympathie“ und davon, dass er bei den für ihn zu drastischen Szenen die Kameraführung immer gerne an den Regisseur abgibt.

Zu sehen sind auch drei jüngere Kurzfilme Cronenbergs, gewohnt unbehagliche Miniaturen über Tod und die Schrecknisse des eigenen, vom Verfall bedrohten Körpers. Ein fast einstündiges  Gespräch mit Cronenberg (und dem Schauspieler Viggo Mortensen) gibt es auch, vom Filmfestival in Toronto, bei dem der Regisseur nicht so ganz erklären kann, was ihn filmisch umtreibt: „Ich bin der Letzte, den Sie fragen sollten, wie mein Gehirn funktioniert.“

Cronenberg Crash Turbine

Meister Cronenberg am Drehort. Foto: Turbine

Die grünen Männchen sind lila: „Die Farbe aus dem All“ von Richard Stanley

 

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Noch ist alles in Ordnung in Neuengland (gedreht wurde wegen Filmfördergelder in Portugal): Joely Richardson und Nicolas Cage als Ehepaar. Foto: Koch Media

 

Irgendwo in den Verträgen von Nicolas Cage muss er wohl stehen, Schwarz auf Weiß, vielleicht dick unterstrichen: der Passus, laut dem der Darsteller im Film mindestens eine Szene des kompletten Ausrastens spielen darf (oder muss), des Zusammenbruchs, des Durchdrehens, Augenrollen inklusive. Bei Youtube findet man minutenlange Montagen aus verschiedenen Filmen, in denen Cage sozusagen dem Affen des Ausrastens Zucker gibt, kiloweise.

So ist über die Jahre der Cage-Kollaps ein wenig zum filmischen Klischee geworden, man erwartet ihn, manchmal wirkt er beinahe pflichtschuldig. Im Film „Die Farbe aus dem All“ dagegen ist er dankenswerterweise ein schlüssiger Teil der Handlung – denn wer würde nicht an seine Nervengrenze kommen, wenn im Vorgarten ein kleiner Meteor einschlägt und alsbald alles aus den Fugen gerät – die Natur, die eigene Wahrnehmung, sogar die Zeit. Doch erst einmal beginnt dieser sehenswerte Film in aller Ruhe mit märchenwaldigen Naturbildern, ominös brummender Musik. Wir sind im tiefsten Grün Neuenglands, wohin sich die Familie Gardner zurückgezogen hat vor der Hektik der Großstadt. Hier ist der Rest der Welt ganz weit weg.

Doch das Familienquintett hadert noch mit der geballten Idylle: Der Vater (Cage) will als Ökobauer und Alpaka-Züchter reüssieren, wirkt aber etwas glücklos; seine Frau leidet an den seelischen Folgen einer Brustkrebs-Operation; die drei Kinder, die sich erst an das Übermaß an Ruhe gewöhnen müssen, trösten sich unter anderem mit dem Hineinarbeiten in die Hexenkunst und ins gepflegte Haschrauchen mit einem Eremiten in der Nachbarschaft, der ein Onkel des „Dude“ aus „The Big Lebowski“ sein könnte. Regisseur Richard Franklin erzählt da, vage nach einer Erzählung des Phantastik-Literaten H.P. Lovecraft (1890-1937), mit einigem schwarzen Humor von einer Familie, die sich zwar liebt, aber durchaus von der Gefahr eines Budenkollers in freier Natur bedroht ist; zugleich baut er mustergültig und fast klassisch Grusel auf, da der dampfende Meteorit vor dem Haus Merkwürdiges mit sich bringt: Das Obst im Garten wächst ungewohnt schnell, außerirdisch-fremdartige Insekten surren umher, der jüngste Spross der Familie hört die Stimme eines imaginären „Freundes“ aus dem Brunnen vorm Haus. Sogar die Tageszeiten scheinen zu verschwimmen. Die Realität ist nicht mehr das, was sie einmal war – ist sie vielleicht längst ein Traum?

Unmerklich steigert der Film das Unbehagen und wird dann nach einer Stunde wirklich grausig – und optisch psychedelisch. Das ganze Grundstück scheint sich langsam aufzulösen in lila Licht, in Visionen eines anderen Planeten (die Heimat des Meteors?), tote Figuren leben wieder (sind sie Erinnerungen ihrer selbst?) – da geht der Film in die Vollen, übertreibt es vielleicht ein wenig, aber erklärt das Grauen erfreulicherweise nicht rational. Handelt es sich um eine außerirdische Invasion? Oder um einen Besuch, der schrecklich schief geht? Wer will das sagen? Zurück bleibt buntes Chaos, schimmernd in der titelgebenden „Farbe aus dem All“ – ein schönes Lila, das an den außerirdischen Schimmer in Alex Garlands meisterlichem Film „Auslöschung“ (zurzeit bei Netflix zu sehen), der ebenfalls von einem Besuch aus dem All erzählt und sich als wunderbarer Partner für ein Doppelprogramm eignete.

 

Richard Stanley Color out of space Nicolas Cage

Regisseur Richard Stanley. Foto: Koch Media

 

„Die Farbe aus dem All“ markiert auch die Wiederkehr eines lange Verschollenen: Es ist die erste Spielfilmregie von Richard Stanley seit 1996. Damals wurde der Filmemacher nach drei chaotischen Drehtagen bei seinem jahrelang vorbereiteten Herzensprojekt „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Marlon Brando geschasst und ersetzt – eine traumatische Erfahrung, über die ein Kollege von Stanley 2014 eine abendfüllende Dokumentation drehte. Die vergangenen Jahre verbrachte Stanley in einer Hütte in den Pyrenäen und führte Touristen durch die Berge – das zumindest erzählt er in Interviews.

Zu sehen ist der Film auf DVD und Bluray bei Koch Media und bei Amazon Prime.

Neue DVDs von Pidax

Pidax

Christopher Plummer (l.) und Robert Shaw in „Der Untergang des Sonnenreiches“. Foto: Pidax

Ältere Filme abseits der üblichen, immer wieder gerne neu veröffentlichten Klassiker haben es im Heimkino schwer. Die großen Studios scheinen wenig Interesse daran zu haben, sie auf DVD oder Blu-ray zu veröffentlichen; gut, wenn Anbieter abseits der Branchenriesen sich die brachliegenden Lizenzen besorgen und selbst tätig werden. Die Riegelsberger Firma Pidax ist Spezialist in dieser vielleicht gar nicht so kleinen Nische und hat zuletzt wieder einige Perlen veröffentlicht, aus denen man fast eine kleine Filmreihe zum Thema „Raue Männer im Film“ kuratieren könnte.

Zum Beispiel „Der Untergang des Sonnenreiches“. Das klingt nach Monumentalschinken, der Film ist aber, trotz einigen Aufwands, eher ein Kammerspiel, in dem Religionen aufeinanderprallen und Mentalitäten dazu. Irving Lerners Film von 1969 basiert auf dem Bühnentück „Die Jagd nach der Sonne“ von Peter Shaffer (1926-2016, „Amadeus“). Es erzählt vom spanischen Eroberer Pizarro (Robert Shaw), der mit 167 Männern nach Peru aufbricht. Dort sollen seine Soldaten das Gold der Inka rauben und den christlichen Glauben über die Beraubten bringen. Die Eskorte des Inkakönigs Atahualpa (Christopher Plummer) metzeln die Spanier nieder – in einer surrealen Szene, mit Mord in Zeitlupe und fröhlicher Folklore-Musik; dann nehmen sie den König gefangen.

Während die entsetzten Inkas ihr Gold als Lösegeld für ihren König heranschaffen, kommen sich Pizarro, vom verlogenen Katholizismus seiner Geistlichen abgestoßen,  und der König näher. Pizarro scheint bei dem Mann, der sich unerschütterlich für göttlich und unsterblich hält, einen gewissen spirituellen Frieden zu finden. Diese Beziehung steht im Mittelpunkt des Films und wird von seinen beiden Hauptdarstellern mühelos getragen – allerdings braucht man doch ein ein, zwei Minuten um sich an den Anblick und manche Manierismen des dunkel geschminkten und perücketragenden Kanadiers Christopher Plummer als Inkakönig zu gewöhnen. Dann aber kann man sich an dem Film erfreuen, der mit geschliffenen Dialogen die Kollision von Religionen behandelt, von Weltanschaungen und den Tod von Idealen unter dem Druck von Realpolitik. Eine schöne und wertvolle  filmische Entdeckung.

 

 

Eine Heimkino-Entdeckung ist „Die Hölle sind wir“ nicht, gab es den Film doch schon vor Jahren auf DVD – allerdings in einer miserablen Vollbild-Version, die das Breitwandbild des Films rechts und links verstümmelte. Die Pidax-Veröffentlichung zeigt jetzt das Originalformat dieses Films von 1968, in dem sich 1944 auf einer unbewohnten Pazifikinsel zwei Männer begegnen: ein japanischer Soldat (Toshiro Mifune) und ein amerikanischer (Lee Marvin). Die beiden beginnen sofort einen wortlosen und trickreichen Kleinkrieg gegeneinander, bei dem ihnen langsam klar wird, dass von ihnen auf der Insel keiner ohne den  anderen überleben wird. Ein rauer, exzellent gespielter Film, der sich mit nationalistischem Hass beschäftigt, ohne ein naives Loblied auf die verbindende Macht der Völkerverständigung zu singen.

 

 

Weltanschauungen prallen auch in „Das vergessene Tal“ (1971) aufeinander, der im 30-jährigen Krieg spielt. Ein Lehrer (Omar Sharif) findet vor blindwütigen Söldnern beider Konfessionen einen Zufluchtsort – ein bisher vom Krieg verschontes Alpendorf. Der Frieden dort ist kurzlebig, denn eine Soldatentruppe fällt ins Dorf ein; mit viel Diplomatie kann der Lehrer den Anführer (Michael Caine) überzeugen, das Dorf nicht niederzubrennen, sondern dort zu überwintern. Doch die Spannungen zwischen den Besetzten und den Soldaten sind bedrohlich, und auch in der Söldnertruppe brodelt es, sind dort die Auffassungen von Religion und Sinn beziehungsweise Sinnlosigkeit dieses Krieges sehr unterschiedlich. Ein getragener Film mit vielen Dialogen, einigen Gewalt­eruptionen und einer melancholischen Musik von John Barry.

 

 

Ein ruppiger  Abenteuerfilm ist die Jules-Verne-Adaption „Das Licht am Ende der Welt“ (1971) mit Kirk Douglas als Leuchtturmwärter, der es alleine auf seiner Insel mit einer Piratentruppe (angeführt von Yul Brynner) aufnimmt. Viel Atmosphäre des einsamen Eilands gibt es, dazu Stunts von Douglas höchstselbst. Und in gewisser Weise nimmt der Film die spätere „Stirb langsam“/Allein-gegen-alle-Formel der 1980er vorweg.

 

www.pidax-film.de

„Arctic“ mit Mads Mikkelsen

Mads Mikkelsen als Overgard. Foto: Koch Films Arctic

Mads Mikkelsen als Overgard. Foto: Koch Films

 

Stoisch und stumm gräbt der Mann im Schnee, schiebt Geröll und Steine hin und her, macht immer weiter. Was er da genau tut, zeigt sich erst, als die Kamera ihn von oben zeigt, aus der Vogelperspektive: Ein großes „SOS“ hat er in den Schnee gebuddelt. So beginnt „Arctic“, ein filmisches Kammerspiel in der Antarktis, ein Zwei-Personen-Stück, von denen eine meist bewusstlos ist und im ganzen Film nur ein Wort flüstert. Reicht das für die 95 Minuten?

„Arctic“, das Langfilmdebüt von Musiker und Videokünstler Joe Penna (auch Ko-Drehbuch) hat enormem Mut zur Reduktion. So stoisch, wie der Mann sein „SOS“ freigräbt, so stoisch folgt der Film dem Tagesablauf des Gestrandeten: Sorgsam kontrolliert er das Loch im Eis, in dem er ein Seil als Angelrute versenkt hat; sitzt mit einem Funksender, den  er per Handkurbel antreibt, auf einer Anhöhe; verstaut gefangene Fische im Eis, nimmt einen davon mit in sein Flugzeugwrack, schneidet ihn in exakte Streifen, isst ihn, legt sich dick eingemummt schlafen und schaut vorher noch einmal nach seinen Zehen, von denen einer schon erfroren ist. Wieder ein Tag überstanden und überlebt.

Was genau passiert ist, warum die Maschine abstürzte, erfährt man nicht. Das große Abwarten des Mannes, das rigide Festhalten an einem Tagesablauf,  scheint ohnehin ein Ende zu haben, als nach Wochen ein Hubschrauber über ihm kreist. Doch die Landung misslingt im schlechten Wetter: Der Pilot stirbt sofort, die Kopilotin (María Thelma) überlebt verletzt – so schwer, dass sie einen Arzt braucht, und der Mann mit ihr das in Angriff nimmt, was er wohl schon einmal vergeblich versucht hat: zu Fuß eine Siedlung zu erreichen. Er schnallt die bewusstlose Frau auf einen Schlitten, beginnt die Reise durch die Einöde mit ihren mörderischen Anstiegen, Schluchten im Schnee und einem weiteren Fleischfresser: einem Eisbären.

 

Mads Mikkelsen Arctic

Overgard am Ende seiner Reise. Foto: Koch Films

Wie reißerisch hätte man das inszenieren können – doch „Arctic“, für ein schmales Budget in Island gedreht, ist umso interessanter, als er  konsequent  das unterlässt und unterläuft, was man von einem konventionelleren Film wohl erwartet hätte: eine Exposition etwa, die einem die Figur des Gestrandeten näher bringt, ein wenig Hintergrund. Aber von dem Mann erfährt man kaum etwas, das darüber hinausgeht, was man sieht – die Figur definiert sich über ihre Handlungen. Immerhin einen schönen sprechenden Namen darf er (als Aufnäher an der Jacke) tragen, Overgard – ein großer Behüter und Hirte ist er ja durchaus. Aber Overgard erzählt nicht von einer Kleinfamilie mit Hund, die zuhause auf ihn wartet und spricht auch nicht – wie etwa Tom Hanks in „Cast Away“ – mit einem Volleyball mit einem Gegenstand, um über diesen Umweg dann doch ein paar Sätze ans Publikum zu richten. Die im Film früh angelegte Konfrontation mit dem Eisbären wird auch nicht zum großen Action-Finale, sondern ist einfach einer von mehreren Situationen, die Overgard gerade so überlebt, als Mensch in einer Natur, die weniger feindselig denn indifferent ist – der Mensch hat hier keinen rechten Platz.

Die ruhige Erzählweise mit den minimalen Dialogen und der sparsamen Musik ist riskant – mit einem ausdrucksarmen Schauspieler hätten sich wohl Längen ergeben, doch die Leistung von Mads Mikkelsen kann man schon herausragend nennen. Ohne dass er allzu viel tut, keine Zusammenbrüche, keine Weinkrämpfe zu spielen hat, macht der Däne das Innenleben seiner Figur spürbar: das Gefühl der Einsamkeit, der Durchhaltewille, an dem die Kälte und die Widrigkeiten der Reise unablässig zehren; und auch ein kurzer Moment, in dem sein Wille zur Aufopferung für einen anderen Menschen an seine natürliche Grenze kommt – wenn sich der Selbsterhaltungstrieb des Menschen einfach als stärker erweist. Das Ende dieses Films, der sich auch als sinniges Doppelprogramm mit der Ein-Personen-Odyssee „All is lost“ mit Robert Redford anbieten würde, soll hier nicht verraten werden. Aber es ist wunderbar zurückhaltend.

„Arctic“ ist als Blu-ray, DVD und digital bei Koch Films erschienen.

„Wenn der Wind weht“ auf Blu-ray

Turbine Medien

Jim und Hilda, als die Welt noch in Ordnung ist. Foto: Turbine

 

Am Ende hört das Zahnfleischbluten gar nicht mehr auf. Die Haare fallen in Büscheln auf den staubigen Boden – und es bleibt nur noch das Beten des Psalms 23, den das alte Ehepaar nicht mehr ganz zusammenbekommt. Die letzte Viertelstunde von „Wenn der Wind weht“ ist erschütternd – nachdem der Film zuvor die Härte seiner Geschichte noch ein wenig mit einem gewissen schwarzen, manchmal grausigen  Humor abgemildert hatte. Der britische Zeichentrickfilm von 1986, der jetzt in einer mustergültigen Edition mit viel Bonus-Material erstmal aus Blu-ray erscheint, erzählt eine einfache Geschichte: In England schlägt eine Atomrakete ein, ein Ehepaar versucht, sich eine Art Schutzraum zu bauen, angeleitet von einer himmelschreiend verharmlosenden Broschüre der Regierung. Die rät etwa, die Fenster weiß zu streichen, das helfe gegen die radioaktive Strahlung. Das hilft natürlich nicht – aber was sollte auch helfen?

Die Buchvorlage schrieb und zeichnete der  englische Künstler Raymond Briggs, der zuvor eher für Kinderbücher bekannt war wie „Oje, Du fröhliche“ (über einen vom Advent gestressten Weihnachtsmann). „Wenn der Wind weht“ erschuf er Anfang der 1980er Jahre, bewegt von der Angst vor Aufrüstung und einem atomaren Krieg. Im Buch wie Film steht fast ausschließlich das Paar Jim und Hilda Bloggs im Mittelpunkt, die Außenwelt dringt anfangs noch per Radio und Telefon zu ihnen, dann ist Stille. Insuläre Eheleute im beschaulichen Hinterland sind sie; er zumindest informiert sich noch ein wenig über die Weltlage, sie lebt ganz für eine britische Idylle zwischen Teestunde, Würstchen und Hackbraten. Briggs lässt da zwei schlichte Gemüter mit dem Unfassbaren kollidieren – der Auslöschung eines ganzen Landes, dem Ende der Welt.

 

Turbine Medien

Abendessen nach dem Einschlag. Foto: Turbine

 

Die politischen Spannungen und die Bedrohung durch Russland vor der Explosion versucht vor allem Hilda noch zu ignorieren. In den Zeitungen stehe ohnehin „nur Quatsch“, außerdem haben „wir den letzten Krieg überlebt, dann werden wir auch den nächsten überleben“. Als die letzten Radionachrichten melden, dass in drei Minuten eine Atomrakete einschlägt, sagt Hilda: „Dann hole ich noch schnell die Wäsche rein.“ Eine Atomexplosion verwüstet das Land, was der Film (inszeniert von Jimmy Murakami) nur aus der Perspektive des Paares zeigt und dafür von reinem Zeichentrick zu einer Mischung aus Animation und Modelltrick wechselt: Die Möbel werden von einer Druckwelle durchs Haus gewirbelt, zurück bleibt eine Ruine. Die einst sattgrünen Wiesen sind schwarzes Ödland, durch das der radioaktive Wind pfeift.

Briggs gönnt seinen Figuren kleine Fluchten des Elends, vor allem auf dem Weg der Verklärung der Vergangenheit. „War eigentlich schön der Krieg damals“, sagt Hilda, die auch Stalin mit seinem onkeligen Schnurrbart „immer sehr nett“ fand, ebenso wie das Übernachten in U-Bahnschächten, wenn deutsche Bomben fielen. Jim steigert sich in eine Kriegsfantasie hinein, in der England zurückschlägt und Russland die Demokratie aufzwingt, angeführt vom legendären „Monty“ Montgomery, von dem Jim nicht weiß, ob er nicht schon längst gestorben ist. Rule Britannia. Hatte Autor Briggs hier nebenbei auch eine Parodie auf manche seiner betont rückwärtsgewandten Landsleute im Sinn? Man kann sich vorstellen, wie Jim und Hilda zum Brexit stehen würden. In jedem Fall federt dieser Humor die Härte der Handlung lange etwas ab – bis es ans Sterben geht und man sich nichts mehr schön reden kann.

Meisterlich ist „Wenn der Wind weht“ in seiner kompromisslosen Konsequenz, zudem hat der Kontrast zwischen der Handlung und der knubbelnasigen und zarten Zeichnung seiner Figuren eine manchmal fast verstörende Wirkung. Synchronisiert wurde dieses Zwei-Personen-Weltuntergangsstück von zwei sehr prägnanten Schauspielern: Brigitte Mira (ebenso Fassbinders „Angst essen Seele auf“ wie der TV-Klassiker „Drei Damen vom Grill“) und Peter Schiff – mit seiner leicht angerauten Stimme sprach er auch den Computer Hal in der deutschen Fassung von Kubricks „2001“. In der Originalfassung von „Wenn der Wind weht“ sind es die britischen Bühnenstars Peggy Ashcroft und John Mills – der Vergleich beider Fassungen lohnt sich, klingt Ashcroft doch etwas weniger naiv und verhuscht als Mira, und Mills etwas weniger  wissend und alles erklärend als Schiff. Da besitzt das Ehepaar ein anderes, ausgeglicheneres Kräfteverhältnis.

Zeitlos wirkt dieser Film, nimmt man die Musik aus: David Bowies Titelsong hat das deutliche Aroma jener 1980er Jahre, in denen er sich schwer tat – hier ist das Pathos ziemlich aufdringlich, im Gegensatz zum Film, der das umgeht. Und eine sehr konventionelle Ballade  von Roger Waters zum Abspann hätte es nicht gebraucht, sie wird dem unkonventionellen Film nicht gerecht. Vielleicht wollte man dem Publikum keine Stille oder das schlichte Heulen des verseuchten Windes nicht zumuten.

 

Bonusmaterial:
Gutes Booklet.
Zwei Dokumentationen zum Film.
Audiokommentar von Schnittassistent Joe Fordham und Filmhistoriker Nick Redman.
Tonspur nur mit Musik und Klangeffekten.
Interview mit Raymond Briggs.
Internationale Trailer.

Erschienen bei Turbine Medien.
www.turbine.de

Frösteln in der Sonne: „Holiday“ von Isabella Eklöf

 

 

Victora Carmen Sonne Holiday Alamode Film

Victora Carmen Sonne als Sascha. Foto: Alamode Film

 

Lange rätseln muss man über diesen Film – sobald man sich von ihm erholt hat, denn „Holiday“ ist eine brutale Seh-Erfahrung. Er erzählt eine Geschichte, bei dem es einen fröstelt, der sonnendurchfluteten Szenerie zum Trotz. Sascha, eine junge Dänin mit schlecht blondierten Haaren und einem manchmal etwas leeren Blick,  ist das Zentrum, in jeder Szene, in fast jeder Einstellung zu sehen – vom ersten Stöckeln durch einen leeren Flughafen bis zu dem letzten Moment des Films, einem Blick Saschas in Richtung Kamera und Zuschauer. Um Gewalt und Sexualität  geht es im Regiedebüt der Schwedin Isabella Eklöf (Ko-Drehbuch von „Border“), um Unterwerfung und – möglicherweise – um das kühle Abwägen zwischen dem, was man zu ertragen bereit ist, und dem, was man dafür bekommt. Oder auch um Sadismus und Masochismus.

Sascha kommt im türkischen Ferienort Bodrum an, sitzt ein wenig Zeit in einem Hotel mit viertklassiger Animation ab und wird dann von einem Lakaien ihres Freundes / Gönners Michael abgeholt; im Auto gibt es die erste (und nicht die letzte) Ohrfeige des Films, weil sie sich von dem Batzen Bargeld, das sie wohl als Kurierin mitgebracht hat, etwas geborgt hat – die Kreditkarte hakte. Diese Szene deutet an, was dann klar wird, als Sascha sich bei der Clique von Michael in der Strandvilla niederlässt: Hier haben die Männer das Sagen, die Frauen sollen sich sonnen, gut aussehen und im Hintergrund bleiben, während die Herren ihre kriminellen Geschäfte abwickeln. Innerhalb der Männerriege gibt es klare Hierarchien;  wenn einer von ihnen einen Fehler macht, wird er zwecks Disziplinierung zusammengeschlagen – wenn er dabei zu sehr vor Schmerzen brüllt, wird der Fernseher für die Kinder und Jugendlichen im Wohnzimmer eben etwas lauter gestellt. Und sobald der Verprügelte und Rangniedrige sich wieder erholt hat, verteilt er mit Unterwerfungsgeste kleine Geschenke an alle Beteiligten, wie ein Hund, der sich auf den Rücken legt und seine Kehle zeigt.

 

Lai Yde Holiday Alamode Film

Ein Monster, das mit sich ganz im Reinen ist. Lai Yde als Michael. Foto: Alamode Film

 

Durch diese Welt laviert sich Sascha, genießt den (immer etwas lieblos und billig wirkenden) Luxus, den Michael ihr offeriert, und erträgt gleichzeitig sein Besitzdenken, das immer brutalere Züge annimmt: Dass er sie mit einer Droge im Drink bewusstlos macht und dann ihren Körper im Bett je nach Belieben drapiert wie eine Puppe, ist erst der Anfang – im Schlüsselmoment des Films, einer schmerzhaft grausigen und sehr expliziten Szene, vergewaltigt er sie. Was er wohl nicht einmal als Vergewaltigung ansieht, ist sie in seinen Augen doch sein Besitz. Und deshalb muss es ihn auch stören, dass Sascha eine Freundschaft mit dem jungen Holländer Thomas beginnt, der mit seinem Schiff (und leicht hippieesker Idealismus-Rhetorik) um die Welt segelt. Früher machte er in Marketing, heute  will er die Lügen des Berufslebens hinter lassen. Sagt er. Könnte er ein Ausweg sein für Sascha? Oder wird sie sich an Michael rächen, zumal der Film scheinbar unsubtil ein Klappmesser ins Spiel bringt? So viel sei verraten: Das Drehbuch von Isabella Eklöf und Johanne Algren legt einige falsche Fährten aus und überrascht immer wieder, so dass man als Zuschauer manche vorschnellen Urteile – über den Film wie über einige Figuren – revidieren muss.

Gespielt ist das hervorragend: Lai Yde, der auch für Edelmode für den reichen Mann 40 plus modeln könnte, verkörpert Michael als menschliches Monster, das dabei ganz mit sich im Reinen ist. „Ohne Schmerzen macht das Leben keinen Spaß“ ist einer seiner platten Sätze, aber man glaubt ihn ihm und weiß, dass er sein Leben meint und die Schmerzen anderer. Das Zentrum des Films ist Victoria Carmen Sonne als Sascha, mit einer körperlich furchtlosen Darstellung: mal mit maximalem Ausdruck – in der Titelsequenz, in der sie sich vor schwarzem Hintergrund tanzend windet und so aktiv und selbstbestimmt wirkt wie sonst selten im ganzen Film, mal passiv, in sich gekehrt, merkwürdig entrückt. Man blickt nicht ganz hinter sie – ist Sascha in brutaler Konsequenz kalkulierend, abwägend? Oder aber, schlicht gesagt, etwas dumm? Drehbuch, Darstellung und eine manchmal distanziert und teilnahmslos wirkende Kamera (Nadim Carlsen) lassen einen nicht ganz heran an diese Figur, und der Film bittet den Zuschauer nicht um Mitgefühl für sie. „Holiday“ urteilt nicht und bleibt auf Distanz, das Drehbuch zeigt die Menschen einfach bei dem, was sie sagen und tun. Und das ist meist hässlich. Die einzige nette Geste des Films ohne Berechnung und Hintergedanken kommt von Straßenarbeitern, die Sascha warnen, dass ihr langer Schal beim Vespa-Fahren gefährlich werden könnte. (Sie versteht es nicht und stürzt.)

Victora Carmen Sonne als Sascha. Foto: Alamode Film Holiday

Victora Carmen Sonne als Sascha. Foto: Alamode Film

Um Brutalität, Besitz, Macht und Alphatier-Gehabe geht es auch in der Sprache: Der Satz „Ich dachte, sie sei verfügbar“ fällt im Gespräch über Sascha, als wäre sie ein Gebrauchsgegenstand; Michael setzt in einem Gespräch mit dem möglichen Nebenbuhler Thomas sehr gezielt einen obszönen (und scheinbar endlosen) Witz ein, als Warnung für sein Gegenüber. Das wird sich in einer späteren, bestürzenden Szene noch steigern – Sprache als Waffe, oft sexualisiert.

„Holiday“ erzählt nicht nur innerhalb der Kriminellenclique und im Verhältnis des Paares von Machtverhältnissen – nebenbei und ohne platt zu werden, zeigt der Film auch die Kluft zwischen den reichen Touristen, die sich mit ihrem Geld nahezu alles kaufen und alles erlauben können, und den lokalen Normalbürgern, die außen vor bleiben. Menschen, die mit viel Zeit und wenig Geld auf alten Plastikstühlen an der Straße sitzen, während der Touristenbus vorbeifährt, oder die Tänzerinnen in einem tristen Nachtclub – der Mensch ist Verfügungsmasse in diesem Film. Wer nichts hat, wird besessen, wer nicht schlägt, wird geschlagen.

„Holiday“ ist bei Alamode auf Bluray/DVD erschienen und auch als Download verfügbar.

www.alamodefilm.de

Odin und die starken Männer: „Die Wikinger“ von Richard Fleischer

Kirk Douglas nach einer Begegnung mit Tony Curtis. Foto: Capelight

„Odiiiiiiiin!“ Manche TV-Kindheitserinnerung halten sich lange. Etwa die von einem bärtigen Wikinger, der mit einem dramatischen  „Odiiiiiiin“ auf den Lippen in eine Wolfsgrube (und den Tod) springt. Diese Szene stammt aus „Die Wikinger“ von 1958 – nun lässt sich dieser prachtvolle Film erstmals auf Bluray erleben: „in horizontweitem Technirama und leuchtendem Technicolor!“, wie der antike deutsche Trailer vollmundig verheißt (und nicht mal übertreibt).

In der Tat: „Die Wikinger“ ist ein kolossaler Kolossalfilm. Kirk Douglas, Star und Produzent, ließ nicht in Hollywood drehen, sondern in einem norwegischen Fjord, in der Bretagne, Belgien und in den Münchner Geiselgasteig-Studios. Der Plot köchelt vor barbarischem Wikingertum, Liebe und Leidenschaft. Douglas (hier der einzige Wikinger ohne Bart, aber schließlich ist er der Star) spielt Einar, den Sohn des Wikingerhäuptlings Ragnar (Ernest Borgnine, bizarrerweise ein paar Monate jünger  als sein Filmsohn Douglas). Mit im Dorf lebt ein junger Sklave (Tony Curtis), einst aus England verschleppt. Was weder er noch die Wikinger wissen: Er ist der Sohn Ragnars, der bei einem der regelmäßigen Raubzüge gen England einst die englische Königin vergewaltigte – und somit ist er auch der Halbbruder von Einar/Douglas. Das erfahren beide erst, als längst der Hass zwischen ihnen brodelt. Als sich beide in die englische Königin Morgana verlieben (Janet Leigh mit einem der Schwerkraft trotzenden Korsett), macht das die Lage nicht leichter.

 

Ernest Borgine (links), Janet Leigh und Kirk Douglas. Foto: Capelight

Es folgen Raubzüge, Liebesschwüre und auf einem Burgturm ein klirrendes Schwerterduell zwischen Douglas und Curtis, bei dem einem schwindeln kann – alles in wunderbar atmosphärischen Breitwandbildern (70 Millimeter), fotografiert von Kamerakünstler Jack Cardiff.

Bei alledem können einem die Wikinger fast ein bisschen leid tun (wenn man die Brutalität ihrer Raubzüge mal ausblendet) – irgendwie lauert hinter ihrem lauten Getue und dem Gegröle eine gewisse Todessehnsucht: Denn vor allem geht es ihnen darum, in Würde abzutreten – bevorzugt mit einem Schwert in der Hand –, um dann dereinst mit Gott Odin in Walhall zu Tisch zu sitzen. Das erklärt uns schon ein wunderbarer Vorspann mit einer Animation alter Wikingerdarstellungen und der samtigen Sprecherstimme von Curd Jürgens (in der US-Originalfassung spricht Orson Welles).

Die Bluray ist eine Freude, mit seinem strahlenden Bild und schönem Bonus-Material: der deutsche Trailer von einst etwa, in dem der Sprecher Heinz Petruo (Dekaden später die Stimme von Darth Vader) Sätze schnarren lässt wie „Für einen Wikinger erfüllte sich das Leben nur im Kampf!“ oder „Er hatte nur ein Ziel – den Tod in der Schlacht!“. Man fühlt sich ein wenig an deutsche Wochenschauen 1939-1945 erinnert.

In einem halbstündigen Interview von 2002 erinnert sich Regisseur Richard Fleischer (1916-2006) an die Arbeit am Film und die Detailtreue: Er ließ etwa ein Wikingerschiff exakt nach einem alten Vorbild bauen, aber beim Dreh merkte man, dass sich die hochgewachsenen Mimen beim Rudern herzhaft anrempelten – es war etwas eng an Deck. Fleischer: „Ich glaube, die Wikinger waren kleine Männer mit kurzen Armen“. Viel größer war da die Kamera, mit der Jack Cardiff das Geschehen filmte. Vier Männer mussten die Vistavision-Kamera herumtragen. Fleischer: „Sie sah aus wie ein Sarg – wenn sie an mir vorbeigetragen wurde, nahm ich immer die Mütze ab.“

Erschienen bei Capelight.

 

Tony Curtis und Janet Leigh, die bei den Dreharbeiten (noch) verheiratet waren. Foto: Capelight

 

 

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