KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

„OSS 117 – Liebesgrüße aus Afrika“ mit Jean Dujardin

OSS 117 Jean Dujardin Liebesgrüße aus Afrika

OSS 117 (Jean Dujardin) erkundet die Tierwelt Afrikas. Foto: Koch Films

„Jeder Mensch träumt davon, Franzose zu sein!“ So sieht es jedenfalls der französische Agent Hubert Bonisseur de la Bath  – alias OSS 117. Diese Erkenntnis deklamiert er gerne mit stolzespraller Brust, auch in russischer Gefangenschaft in Afghanistan an Neujahr 1981. Da und dort beginnt die mittlerweile dritte Komödie mit dem gallischen Oscar-Preisträger Jean Dujardin („The Artist“) als französischem Agent;  die Figur OSS 117 nahm ihren Anfang ab 1949 in Spionage-Romanen von Jean Bruce. Die wurden dann in den 1960ern fürs Kino verfilmt, als James-Bond-Imitate mit herrlich reißerischen Titeln wie „Pulverfass Bahia“ oder „Teufelstanz in Tokio“ – an den Glamour von 007 kamen sie allerdings nicht heran.

Jean Dujardin, einer der großen Stars Frankreichs zurzeit, drehte 2006 und 2009 die ersten beiden Komödien, teils Parodie auf Bond und das Spionage-Kino, teils Satire auf ungehemmten Chauvinismus und eine gewisse Dummheit: Frauen sind für OSS 117 nicht ganz ernst zu nehmen, auf andere Länder und Kulturen blickt er milde lächelnd herab – und dass es tatsächlich Franzosen gab, die nicht in der Résistance waren, hält er für ein böswilliges Gerücht. Zwei sehr charmante Filme sind das, denen das fast Unmögliche gelang: die Kinos zu füllen und zugleich eine gute Kritik in der cineastischen Bibel „Cahiers du Cinema“ zu bekommen. Parbleu!

Nun erscheint, 12 Jahre nach dem Vorgänger, das dritte Abenteuer bei uns im Heimkino – dessen deutscher Titel „Liebesgrüße aus Afrika“ erinnert an den Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“, der Originaltitel klingt herrlich nach einem knallbunten 60er-Jahre-Agentenfilm: „Alerte rouge en Afrique Noir“. Die Mission diesmal: In einem afrikanischen Staat soll OSS 117 die drohende Rebellion gegen den Machthaber zerschlagen – der mag zwar ein Tyrann sein, aber er ist „ein Freund Frankreichs“, wie der Chef des Agenten ihm mitteilt – schließlich liegen in seinem Land Diamantminen, deren Erlöse nicht zuletzt in Richtung Paris fließen. OSS 117 nimmt die Arbeit auf, unter dem schönen Decknamen Émile Cousin, hat dabei aber Hilfe, die er gar nicht will: OSS 1001 (Pierre Niney), ein Nachwuchsagent voller Heldenverehrung für den legendären 117; die schwindet vor Ort dann allerdings, wird ihm die Inkompetenz des älteren Kollegen doch schmerzhaft deutlich.

„Aus Spaß spricht niemand Deutsch.“

Das ist der grobe Handlungsrahmen, den Drehbuchautor Jean-Francois Halin und Regisseur Nicolas Bedos mit einiger Situationskomik füllen und mit schönen schrägen Ideen – der Leopard des afrikanischen Tyrannen hört nur auf  Kommandos in gebrülltem Deutsch, weil das die effektivste Befehlssprache sei. „Aus Spaß spricht niemand Deutsch.“ Und die Titelsequenz ist eine sinnige Hommage plus Parodie an/über James-Bond-Titelvorspänne vor allem aus den 80ern.

Der grundlegende und große Reiz des Films – die deutsche Fassung besorgte Oliver Kalkofe – liegt aber darin, wie er ein konservatives Milieu zeichnet: Auf dem Weg ins Pariser Büro kommt OSS 117 an einem Wahlplakat des damals amtierenden Präsidenten Giscard d’Estaing vorbei und salutiert – ein Plakat weiter hängt das Bild des Rivalen Francois Mitterand, das OSS 117 in den Grundfesten erschüttert. Die Franzosen würden nie den Fehler machen, Mitterand zu wählen, spekuliert er – und wenn doch, dann müsse man sich einstellen auf „kein Privateigentum, Schlangen vor leeren Supermärkten, kein Wasser, aber sowjetische Panzer auf der Champs Élysées“. Es kam dann ja doch anders.

Im Geheimdienstbüro wird kollektiv gekichert über den Wunsch der afrikanischen Staaten, unabhängig zu sein. Vor Ort bemüht sich OSS nach Kräften, nicht als Rassist zu gelten, seien die Afrikaner in diesem Punkt „doch etwas empfindlich und humorlos“; lieber steckt er kleinen bettelnden Kindern Zigaretten zu, um großzügig zu wirken. Und es fallen Sätze, die man so oder ähnlich wohl auch schon mal gehört hat und die hier treffend vorgeführt werden: „Afrikaner sind fröhlich und tanzen gerne“, „Ich kann gar kein Rassist sein – sonst würde ich ja nicht Eure Kleidung tragen“ oder „Ihr seid mit so wenig so zufrieden“.

De Gaulle hilft gegen Impotenz

Neben der satirischen Veralberung von Kolonialismus und Rassismus geht es auch um die Midlife-Krise: Der 30 Jahre jüngere Kollege macht dem Agenten sein Alter deutlich klar, den hier auch überraschende Anfälle von Impotenz quälen. Da hilft nur eines (in einer sehr schönen Montage): an Frankreich denken, an Charles de Gaulle, an Düsenjäger, die über den Triumphbogen sausen – und schon ist das Problem des durchhängenden Eifelturms gelöst.

Die beiden ersten Filme mit OSS 117 haben möglicherweise die größeren Gags, bei „Liebesgrüße aus Afrika“ stellt sich eher ein Dauergrinsen ein als ein lautes Lachen. Aber in der Zeichnung seines Antihelden ist er konsequenter und am Ende überraschend finster: Das Herz für Rebellion und Demokratie entdeckt OSS 117 bis zuletzt nicht, er bleibt wie er ist: ein Mann der Realpolitik – und des Popo-Patschens im Büro als kernige Begrüßung.

Erschienen als DVD und Bluray bei Koch Films.
Fünf alte OSS-117-Filme (1963-1968) erscheinen im April bei der Riegelsberger Firma Pidax als DVD-Box.

Farö, bittersüß: „Bergman Island“ von Mia Hansen-Løve

Vicky Krieps als Chris, Tim Roth als Tony. Weltkino Bergman Island

Vicky Krieps als Chris, Tim Roth als Tony. Foto: Weltkino

Man kann das Beziehungs-Schicksal auch herausfordern. Will man wirklich seinen Sommerurlaub auf der Insel Farö in jenem Haus verbringen, wo Ingmar Bergman Teile seines Films „Szenen einer Ehe“ drehte? Ein Werk, das Millionen Paare dazu brachte, sich scheiden zu lassen, wie es im Film „Bergman Island“ heißt? Das Künstlerpaar Chris und Tony (Vicky Krieps und Tim Roth) lässt sich nicht abschrecken. Im Gegenteil: Hier wollen sie einen Sommer lang leben und arbeiten – sie ist Drehbuchautorin, er Drehbuchautor und Regisseur. Er will etwas schreiben über jenes „Unsichtbare“, was zwischen Liebenden zirkuliert, und kommt mit der Arbeit gut voran. Sie dagegen quält sich mit ihrer Geschichte, in der es auch um Liebe geht. Zudem sei die „Ruhe und Perfektion hier bedrückend“.

Zu Beginn ist „Bergman Island“ ein trügerisch leichter Film. Chris und Tony leben sich schnell ein in diesem malerischen Flecken in der Ostsee. Während der Wind zart durch die Bäume streicht, schreibt er im Haus, sie in der Mühle nebenan, bei der Arbeit können sie sich zuwinken, abends können sie sich austauschen. Doch die Künstler- und Ehe-Idylle ist nicht ganz so stabil, wie es den Anschein hat, auch wenn das nicht ausgesprochen wird – es sind die kleinen Blicke und Gesten, die eine gewisse Spannung unter der Oberfläche verraten. Hat diese Ehe ihre erste romantische Sturm-und-Drang-Phase hinter sich und steuert nun ruhigere Gewässer an – wobei Chris dafür im Gegensatz zu ihrem Jahrzehnte älteren Lebenspartner etwas zu jung wirkt? Und welche Wirkung hat der Umstand, dass Tony im Filmgeschäft deutlich etablierter ist als seine Frau?

Das Alles lässt die französische Autorin und Regisseurin Mia Hansen-Love behutsam anklingen, formuliert es filmisch aber nicht überdeutlich aus. Vieles bleibt ungesagt, ist aber spürbar. Wunderbar ist es, wie die Luxemburger Schauspielerin Vicky Krieps ihre Figur zwischen jugendlicher Stärke und einer gewissen Unsicherheit anlegt, während Tim Roth seinen Autor in einer Grauzone zwischen gesetzter Selbstsicherheit und  leichter Arroganz platziert.

Film-Im-Film

Diesem Tony fehlt das letzte Fünkchen wortwörtliches Mitgefühl, als Christine ihm von ihren Schreibqualen angesichts ihres Drehbuchs erzählt – worin es darin geht, erzählt „Bergman Island“ in einer überraschenden Film-im-Film-Konstruktion. Plötzlich geht es, ebenfalls auf Farö, um eine andere Liebesgeschichte: Da trifft die Filmemacherin Amy (Mia Wasikowska) ihre alte, aber verflossene Liebe Joseph (Anders Danielsen Lie) bei einer geplanten Hochzeit auf der Insel. Die alten Gefühle köcheln schnell wieder, es folgt das Absehbare: Annäherung, Liebesschwüre, eine gemeinsame Nacht, dann prompt Zweifel, Schuldgefühle, Verlassenwerden, Tränen.

Mia Wasikowska und Anders Danielsen Lie in "Bergman Island".

Mia Wasikowska und Anders Danielsen Lie im Film-im-Film. Foto: Weltkino

Diese Liebesgeschichte ist trotz aller Liebesglut weniger interessant als die Hauptgeschichte: Diese beiden (Amy und Joseph) möchte man bei ihrer wortreichen, aber etwas banalen Liebes- und Sinnsuche („Warum sie, warum nicht ich.“ – „Ich weiß es nicht. So ist das Leben.“) mal an den Schultern packen, ordentlich durchrütteln und ihnen raten, sich klarzumachen, was sie eigentlich wollen, und dementsprechend zu handeln. Da verliert „Bergman Island“ vorübergehend etwas von seiner Kraft, schlägt aber einen eleganten (und überraschenden) Bogen zurück zu Tony und Chris – und bleibt dabei weiter reizvoll zurückhaltend.

Und Ingmar Bergman, der große Schwede, der auf Farö lebte, arbeitete, starb und sein Haus plus Heimkino einer Stiftung überließ? Dem huldigt der Film in gewisser Weise – sein Werk mit einem gnadenlosen Blick auf die menschliche Natur und die Liebe strahlt durchaus ab, aber es geht auch um die Rolle der Kunst in einer Familie. Bergman, fünfmal verheiratet, hatte neun Kinder mit sechs Frauen, eine Tochter erfuhr erst spät, wer ihr Vater ist; ein Familienleben interessierte ihn weniger als Filmemachen. „Kann man nicht gleichzeitig ein großes Werk schaffen und sich trotzdem um seine Familie kümmern?“, fragt Autorin Chris im Film – beantwortet von kollektivem Achselzucken und dem Hinweis, wenn man Film und Theater macht, könne man eben keine Windeln wechseln. Ob man das bei einer Regisseurin auch so gesehen hätte? „Bergman war im Leben so grausam wie in seinen Filmen“, heißt es im Film.

Los geht’s auf „Bergman-Safari“

Im Werk von Bergman, der posthum auf der Insel ein Hochkulturtourismus-Magnet mit einer jährlichen „Bergman-Safari“ ist, muss man sich dennoch nicht auskennen, um „Bergman Island“ zu schätzen. Vielleicht macht sich die Regisseurin ja auch ein bisschen lustig über die oft tränenschweren Werke des Schweden, wenn das Verlieren bei einem Brettspiel zu Sätzen führt wie „Du magst es eben nicht, wenn Dir die Dinge entgleiten“. Auch muss man nicht zwingend wissen, dass dieser bittersüße Film starke autobiografische Bezüge zur Regisseurin/Autorin  Mia Hansen-Love und ihrer Beziehung zum Kollegen Oliver Assayas („Die Wolken von Sils Maria“) besitzt. Die Geschichte von Chris und Tony trägt auch so – bis zum letzten Moment, einem vielsagenden Blick.

Warum ist „Don’t look Up“ so enttäuschend?

Jennifer Lawrence, Leonardo DiCaprio und Rob Morgan in einer Szene von „Don·t Look Up“. Foto: Niko Tavernise/Netflix/dpa

Die schwarze Komödie „Don‘t look Up“ erzählt vom Weltuntergang und verblödeter Politik, von hysterischen sozialen Medien und Wissenschaftsleugnung, garniert mit vielen Stars. Warum enttäuscht der Film dennoch? 

Sicher – es ist ein Film, der bestens in unsere Zeit passt und auch in diesen Coronawinter: Um Ignoranz und Wissenschaftsleugnung geht es, um die vielbeschworene „Spaltung der Gesellschaft“, um Hass und Hysterie in den sozialen Medien, um Celebrity-Kult, um eine korrupte US-Politik – und den Weltuntergang. Nur: Warum lässt einen die schwarze Komödie „Don’t look Up“ dann doch merkwürdig unberührt zurück? Trotz des sichtlichen Aufwands, trotz des enormen Star-Auftriebs, trotz der Themen?

In den ersten Filmszenen entdeckt die Wissenschaftlerin Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) einen Kometen, der sich zielsicher der Erde nähert. Professor Randall Mindy (Leonardo DiCaprio) errechnet die Folgen – der Himmelskörper wird in sechs Monaten und 14 Tagen auf der Erde einschlagen und die Menschheit auslöschen. Eine Hiobsbotschaft, die die amtierende US-Präsidentin (Meryl Streep als weiblicher Trump) und ihren betont ungehobelten Sohn (Jonah Hill) nicht aus der Fassung bringt, sondern nur ein wenig beunruhigt: Denn schlechte Nachrichten wie diese könnten die wichtige Zwischenwahl in drei Wochen negativ beeinflussen. Und überhaupt: Eine Aufschlagswahrscheinlichkeit von 99,78 Prozent sei eben nicht hundertprozentig. Und 70 Prozent klinge dann gleich viel wählerfreundlicher und sei ja fast dasselbe.

Ähnliche Ignoranz schlägt dem Wissenschafts-Duo seitens der Medien entgegen – als Dibiasky deshalb in einer Smalltalk-TV-Show die gezwungene gute Laune stört, indem sie die Prognose vom Ende der Welt herausschreit, ist ihr mediales Schicksal besiegelt: Das Foto ihres Ausbruchs rauscht durch die sozialen Netzwerke, fortan gilt sie als Kreisch-Hexe der Wissenschaft. Mindy dagegen wird zum „sexy Wissenschaftler“ erklärt und fortan eingeladen zu: a) weiteren Talkshows und b) ins Bett der Moderatorin mit dem käsigen Namen Brie Evantee (Cate Blanchett).

Derweil bastelt die US-Regierung dann doch noch an einem Plan, den Kometen per Raketenbeschuss aus der Bahn zu bringen, vor allem, um von einem innenpolitischen Skandal abzulenken – bis der milliardenschwere Technik-Guru Peter Isherwell (Mark Rylance als eine messianisch verehrte Mischung aus Steve Jobs und Elon Musk) eine andere Idee entwickelt: Da der Komet sündhaft teure Mineralien in sich trägt, die für die Produktion von Handys wichtig sind, soll er im Weltall nicht von seiner Bahn abgelenkt, sondern bloß zerkleinert werden, damit er nur in kleinen Stückchen auf die Erde schlägt. Sicher, viele Menschen würden dabei sterben, „aber damit kommen wir klar“.

Vieles wird angerissen, vieles bleibt an der Oberfläche

Autor, Regisseur und Ko-Produzent Adam McKay (53, Drehbuch-Oscar 2016 für die Kapitalismuskritik „The Big Short“) hat sich thematisch viel vorgenommen. In seinem Film ist der Kometeneinschlag Symbol für den Klimawandel, der von manchen Menschen ebenso geleugnet wird wie im Film der Komet, auch wenn man ihn schon längst am Himmel sehen kann. Den Schauspielprofis wie DiCaprio und Lawrence schaut man bei dieser filmischen Farce gewohnt gerne zu, wobei Cate Blanchett als zynische Gute-Laune-Moderatorin die vielleicht beste Rolle hat.

Doch das alles hilft nur bedingt, wenn McKays Drehbuch zwar enorm in die Breite geht – die zweieinhalb Stunden Laufzeit fühlen sich spürbar lange an –, aber doch an der Oberfläche bleibt; vieles wird angerissen, aber kaum etwas vertieft. Die Figuren bleiben Platzhalter für Stereotypen, exemplarisch der weibliche Trump – Meryl Streep hat zwar ihre komödiantischen Momente, aber die Figur besitzt keine Zwischentöne; zudem ist der Film wenig subtil, wenn er sie demonstrativ vor einem Porträtgemälde von Ex-Präsident Richard Nixon platziert oder sie mit großer Geste vor einem Treibstofftank rauchen lässt, an dem die Warnung „brennbar“ steht. Wirkt eine solche Warnung, abgesehen vom plumpen Symbolismus, nicht auch etwas zahnlos und verspätet angesichts einer erschreckenden Trump-Präsidentschaft und des Sturms eines rechten Mobs auf das Kapitol?

Da scheint McKay seinem Publikum bei Netflix nicht viel Durchblick zuzutrauen, so wie er auch den Großteil Nordamerikas wohl für minderbemittelt hält – auch die Eltern der Wissenschaftlerin, die sie nicht mehr in ihr Haus lassen, weil sie nichts von Politik hören wollen und grundsätzlich jene Jobs befürworten, „die der Komet bringt“. Und dazu weht eine US-Flagge ins Bild – filmischer Populismus aus der linksliberalen Ecke und dabei so plump wie etwa der von wehenden Fahnen gestützte Patriotismus von rechts in Michael Bays Kometenfilm „Armageddon“.

Zugleich aber findet der Film gelungene Bilder für die Ignoranz von Fakten – es gibt organisierte Kometen-Leugner, die unter dem Schlachtruf „Don’t look Up“ beschließen, einfach nicht in den Himmel zum heranrasenden Kometen zu schauen – was man nicht sieht, gibt es eben nicht. So wie man eben auch Corona-Fakten leugnen kann.

Man sollte den ganzen Abspann sehen

Bei seiner durchaus witzigen Geißelung von Medien-Irrsinn und Social-Media-Hysterie bleibt der Film aber stets plakativ an der Oberfläche, Hintergründe oder Erklärungen hat „Don’t look up“ nicht im Sinn. Zudem schleicht sich eine gewisse Selbstgerechtigkeit ein; es wirkt, als klopfe sich der Film dafür auf die Schulter, dass er naheliegende Ziele milde veräppelt. Sein Menschenbild ist dabei ziemlich finster; dieser Galerie von korrupten Politikern, oberflächlichen Influencern und tumben Trumpisten gönnt man den Weltuntergang schon ein wenig – abgesehen von den Wissenschaftlern und ihren Liebsten, die in einem Mittelklasse-Einfamilienhäuschen so etwas wie das letzte Abendmahl abhalten.

Den Film sollte man nicht während des Abspanns abbrechen – einen kleinen originellen Epilog in der Mitte gibt es noch. Dass der Film dann ganz am Ende des Abspanns noch mit einem Gag endet, der nicht recht zündet, passt gut zu „Dont‘ look Up“.

Der Film läuft bei Netflix.

Interview: Wie geht es weiter mit James Bond?

 

Vorsicht, Spoiler-Alarm! Wer sich den jüngsten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ noch anschauen will und nicht weiß, wie er endet, sollte jetzt nicht weiterlesen. Über die Überraschungen des Films, den Mythos 007 und dessen ungewisse Zukunft haben wir mit einem Bond-Kenner gesprochen: Joachim Frenk, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Uni Saarbrücken.

 

Wie überrascht waren Sie von „Keine Zeit zu sterben?“ Immerhin, drei Monate nach Filmstart darf man es ja verraten, wird Bond Vater – und stirbt im Finale.

FRENK Ich war sehr überrascht. Produktionsfirma und Verleih haben  eine exzellente Geheimhaltung betrieben, was bei einem Film über einen Geheimagenten ja eine gewisse Ironie besitzt. Mit Blick auf die vor der Premiere verbreiteten Informationen durfte man einen konventionellen Film vermuten: Bond muss aus dem Ruhestand heraus einen Wissenschaftler einfangen, der eine gefährliche Waffe konstruiert hat. Normale Bond-Kost also, auf Sicherheit gespielt. Dass die Figur Bond in diesem Film stirbt, ist eine Sensation. Denn es ist ein integraler Bestandteil der Bond-Formel, dass Bond immer überlebt, egal wie lächerlich gefährlich das alles ist und wie unwahrscheinlich, dass er lebend herauskommt. Diese Grundbedingung des Bond-Universums wird diesmal aufgegeben.

 

Professor Joachim Frenk.   Foto: Universität Saarbrücken/dpa

Hat Ihnen das gefallen?

FRENK Dramaturgisch ist das sauber geschrieben und von der Handlung her motiviert: Infiziert mit Nanobots weiß Bond, dass er seine Frau und sein Kind nie wird berühren können, weil er ihnen damit den Tod bringen würde. Dann stirbt er lieber. Das ist wie alles bei Bond – völlig verrückt und gleichzeitig in sich schlüssig. Erstaunlich ist auch diese Parallelisierung: Ein Darsteller gibt seine Rolle ab – es ist Daniel Craigs letzter Bond-Film – und damit stirbt gleichzeitig die Figur.

Das macht es dem nächsten Film und dem nächsten Darsteller nicht leicht. Wie kann Bond aus dieser dramaturgischen Sackgasse wieder herauskommen?

FRENK Es gibt viele Möglichkeiten, die auch bereits eifrig öffentlich diskutiert werden: Man präsentiert etwa frisch und fröhlich im nächsten Film einfach den nächsten Darsteller – nach dem Motto „Was kümmert uns der Plot des letzten Films?“. Oder wir bekommen jede Menge Prequels, die in der Vergangenheit vor Bonds Tod spielen. Oder der erzmaskuline Bond wird aufgelöst, und eine Frau spielt zwar nicht die Figur Bond, aber eine Agentin mit der Nummer 007, wie es „Keine Zeit zu sterben“ ja schon geschehen ist.

Da dürften viele Bond-Fans aus dem erzkonservativen Lager entsetzt sein. Deren Reaktionen bei Diskussionen in Internet-Foren über mögliche nicht-weiße oder nicht-männliche Bond-Darsteller sind oft ja schon hysterisch.

FRENK Denen müsste aber auch klar sein, dass die klassische Bond-Formel kaum noch ins 21. Jahrhundert passt, vor allem beim frühen Connery-Bond mit seinen sexistischen Sprüchen, der Schlüpfrigkeit und dem Verschleiß an Frauen. Die sind da hübsches Beiwerk, während der Mann sich durch die Welt ballert. Das wirkt heute alles fragwürdig und aus der Zeit gefallen. Es ist offensichtlich, welchen Spannungen die Bond-Formel heute ausgesetzt ist – einerseits gibt es den Markenkern eines Agenten, der seine Männlichkeit bestätigen und ausstellen muss, mit Gewalt und sexuellen Eroberungen. Andererseits passt das so nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Wie geht man damit um? Kann man die Figur mit Ironie und Augenzwinkern einigermaßen retten? Oder mit moderaten Veränderungen? Wofür steht ein globales Publikum noch zur Verfügung?

Wie geht „Keine Zeit zu sterben“ da vor?

FRENK Der Film macht einige Anstalten, Bond im Blick auf das Thema Gender ins 21. Jahrhundert zu bringen. Bond verschleißt keine Frauen mehr, sondern ist ein unglücklich Liebender, sogar quasi ein treuer Ehemann und Vater. Und die attraktiven Damen, die ihm begegnen, haben ihren eigenen Kopf. Da überlappen sich Darsteller und Rolle, da Daniel Craig in diesen Dingen als bewusster Zeitgenosse gilt. All das sind Korrekturen, um die potenziell peinlichsten Bond-Momente zu entschärfen, so dass das Geschäft nicht aufgegeben werden muss. Die Filme haben ja Milliarden Dollar eingespielt. Solange Bond noch so ein Geschäft ist, wird man dabei bleiben und die Figur retten und modifizieren – nicht zwingend, weil man die Welt besser machen oder etwas Substanzielles über Geschlechterrollen sagen will, sondern weil man Geld verdienen möchte.

Amazon hat für acht Milliarden Dollar das Film-Studio MGM gekauft, dem die Teilrechte an den Bond-Verfilmungen gehört – was bedeutet das für 007? Eventuell Streaming-Serien bei Amazon Prime neben den regelmäßigen Filmen, die ja nur alle paar Jahre im Kino laufen?

FRENK Das wäre durchaus eine Möglichkeit. Wir haben ja auch eine „Herr der Ringe“-Streaming-Serie, obwohl es schon zwei Kino-Trilogien gibt. Erfolgreiche Kino-Reihen werden auf ihre Serien-Tauglichkeit hin abgeklopft. Die großen Player wie Amazon oder Netflix haben die Mittel, extrem aufwendige Serien zu produzieren, da sind enorme Summen im Spiel. Der verfilmte Bond hat übrigens im Fernsehen angefangen – 1954 mit einer Live-Adaption des Romans „Casino Royale“.

 

Daniel Craig und Regisseur Cary Joji Fukunaga bei den Dreharbeiten. Foto: Nicola Dove/DANJAQ/MGM

Wie ist Ihre Bilanz der Craig-Ära? Zuletzt gab es eine Über-Psychologisierung, und der in der Bond-Welt seit langem etablierte Bösewicht Blofeld wurde zu Bonds bösem Stiefbruder. Hat man sich da etwas verhoben?

FRENK Wenn man einen Bondfilm schaut, muss man bereit sein, alles Mögliche zu akzeptieren. Die Craig-Bonds haben sich wahnsinnig ernst genommen. Das Episodische ist verloren gegangen, alles musste einen großen Erzählbogen haben. Bei früheren Bonds ist immer ein Bösewicht vom Himmel gefallen, Bond musste die Welt retten und tat das im nächsten Film wieder. Dieses Episodische wurde bei Craig aufgegeben, es musste ein Überbau her, alles musste mit Bonds persönlicher Geschichte zusammenhängen. Das bedingt eine Ernsthaftigkeit, die bisher kaum Teil der Bondformel war. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum man diesen Bond jetzt sterben lässt – weil er so beladen ist mit Narrativ und im Grunde auserzählt. Blofeld ist tot, Bond ist am Ende seiner Selbstfindung – da ist es logisch, dass er stirbt. Vielleicht kehrt man jetzt wieder zurück zu einem episodischen Bond, ob nun im Kino oder in einer Amazon-Prime-Superproduktion. Wieder mit Tuxedo, Wodka-Martini schlürfend, die Welt rettend – wer weiß? In jedem Fall ist genug Produktionsbudget für alle Optionen vorhanden.

Die Figur Bond ist also unsterblich, ob er nun stirbt oder nicht?

FRENK Bond könnte recht schnell sterben. Was er nicht überleben würde, wäre eine Reihe von Misserfolgen. Wenn jetzt zwei, drei großproduzierte Filme oder eine Serie schief gingen, könnte recht schnell der Vorhang fallen. Wenn der Profit ausbleibt, wird das nicht lange toleriert.

Wie ist der Blick von „Keine Zeit zu sterben“ auf die Rolle Englands in der Welt? Wieder einmal rettet ein einzelner Brite die ganze Welt.

FRENK Bond war schon in den 1950ern ein Trostpflaster für eine Nation, die ihre Weltmachtrolle eingebüßt hat. Spätestens seit 1956 war klar, dass die Briten hinter den USA und der Sowjetunion bestenfalls noch eine leise zweite Geige spielten. So eine Figur wie Bond, der als Engländer beziehungsweise als Brite stets die Welt rettet, konnte darüber ein wenig hinwegtäuschen. Diese Tröstungsrolle wird vielleicht weiterhin willkommen sein, weil England durch den Brexit international viel Kredit verspielt hat.

Wenn man sich wie Sie die Bond-Filme als Wissenschaftler anschaut – sind dann die weniger geglückten Filme durch ihre Macken manchmal interessanter als die geglückten?

FRENK Das macht keinen Unterschied. Jedenfalls sind weniger gelungene Bondfilme nicht weniger interessant für die Analyse. Ich finde zum Beispiel, dass „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969, der heute viel Ansehen genießt und in „Keine Zeit zu sterben“ viel zitiert wird, kein starker Bond-Film ist. Aber er ist interessant, weil er sich getraut hat, gegen die klassische Formel anzugehen – mit Diana Rigg als liebende Ehefrau, die in Bonds Armen stirbt.

Haben Sie besondere Vorlieben in der Bond-Reihe?

FRENK Ich habe schon meine Favoriten, aber gar nicht mal einen Darsteller – sondern einfach Darsteller in bestimmten Filmen. Und auch mein Geschmack ändert sich. Im Moment würde ich sagen, dass Pierce Brosnans Filme mir gut gefallen haben – Brosnan ist in der Kritik manchmal nicht gut weggekommen. Ich finde auch diese These, dass an Connery als Ur-Bond niemand mehr herangekommen ist, falsch. Vergleicht man die alten Filme mit den Craig-Bonds, was Kamera, Effekte und Schauspiel angeht, liegen Welten dazwischen – das liegt einfach an der Entwicklung des Filmgeschäfts. „Dr. No“ von 1962 kann in keiner Weise mithalten mit „Keine Zeit zu sterben“  – das ist wie ein Moped und ein Ferrari. Das heißt nicht, dass die älteren Filme in sich schlechter sind. Sie sind allerdings unterschiedlich gut gealtert.

Haben Sie einen Favoriten, was den nächsten Darsteller angeht – oder die nächste Darstellerin?

FRENK Da bin ich ganz entspannt. Ich würde mir auch eine Jane Bond gerne anschauen, könnte mir aber vorstellen, dass es die Reihe nicht übersteht, wenn Zeitgeist und Bond-Formel zu weit auseinanderdriften. Ich sähe lieber eine Jane Bond im 21. Jahrhundert als einen Rückfall in die Connery-Ära, nur um die Formel zu retten. Wir brauchen jedenfalls keinen Retro-Bond in 1960er-Manier. James Bond sollte auch ohne Steinzeit-Chauvinismus und westlichen Zentrismus machbar sein.

„The Nest“ von Sean Durkin

 

Carrie Coon als Gattin, die das Blenden ihres Mannes langsam satt hat.  Foto: Ascot Elite

 

Morgens um sieben scheint die Welt noch in Ordnung. Vor dem Anwesen parken zwei Limousinen, ein Bild des finanziell gesicherten Friedens. Doch der Schein trügt, wie so oft in diesem meisterhaften Film über Geld und Status, Ehe und Familie. Rory (Jude Law) ist ein Broker in den 1980er Jahren, ein Mann des Ehrgeizes und des enormen Charmes, den er anknipsen kann wie eine besonders helle Glühbirne. Mit dem überzeugt er auch seine Frau Allison (Carrie Coon), die Zelte in den USA abzubrechen und in Rorys alte Heimat London überzusiedeln. Es ist der vierte Umzug in zehn Jahren. Der Chef seiner alten Firma dort habe ihn persönlich angeworben, sagt er – und lügt, denn er hat sich selbst angedient. Mit Tochter und Sohn ziehen sie nach England, Rory mietet ein Herrenhaus auf dem Land, in das gleich mehrere Familien passen würden. Groß ist es, aber auch düster und manchmal beklemmend – Regisseur und Autor Sean Durkin unterfüttert seine Familien- und Ehegeschichte da sogar mit einem Hauch des Übernatürlichen, bei dem auch ein Pferd eine Rolle spielt.

Erst einmal erscheint alles gut, Rory geht seinen Geschäften nach und hält bei Geschäftsessen protzige Reden mit Margaret-Thatcher-Nachhall: „Die Deregulierung zeigt den Leuten nur, was sie alles erreichen können.“ Seine Frau lässt derweil auf dem Anwesen Pferdeställe anlegen, um ein Gestüt zu betreiben. „Sei Dein eigener Boss“ war einer jener Sätze, mit denen Rory sie zum Umzug bewegt hat. Die Kinder versuchen sich derweil in den neuen Schulen einzuleben. Doch schnell klaffen Risse in der Landhaus-Fassade – die Arbeiter bleiben weg, weil Rory keinen Lohn mehr überweist. Auf dem gemeinsamen Konto sind gerade noch 600 Pfund. Rory, der ruhelose Blender, hat sich maßlos übernommen, während er auf das eine, ganz große Geschäft wartet, dass ihn wieder so reich machen soll wie er einst in den USA war: „Ich hatte mal eine Million Dollar“, erzählt Rory einem Taxifahrer in einem seltenen Moment der Offenheit. „Ich dachte, das wird immer mehr – aber es wurde immer weniger.“

Keine Szene zu viel, kein Satz überflüssig

„The Nest“ erzählt diese Geschichte über Blendwerk, über Lebenskompromisse und das Akzeptieren von Wahrheit grandios. Hier ist keine Szene zu viel, kein Satz überflüssig, bis in die kleinsten Rollen ist der Film perfekt besetzt. Jude Law spielt den Aufschneider nicht als Kapitalisten-Karikatur, er hat viele Zwischentöne. Der Film, umflort von jazziger Melancholie von Richard Reed Parry (aus der kanadischen Band Arcade Fire), legt dar, warum er so ist, wie er ist – es gibt eine kurze, überraschende und fantastische Szene mit seiner Mutter in London – Rory ist letztlich ein armes Würstchen, das einen ebenso anrühren wie abstoßen kann. Carrie Coons Figur der Ehefrau ist weit realistischer, sie hat ihren Mann schon mehr oder weniger durchschaut – Carrie Coon hat einige wunderbare Momente, etwa wenn der Ehefrau klar wird, dass der Umzug nach London auf einer Lüge ihres Mannes basiert, oder wenn sie ihn aus Enttäuschung gleich zwei Mal in einem Restaurant demütigt: wenn sie mit großer Geste das Teuerste auf der Karte bestellt, weil er ihr verschwiegen hat, dass das Konto nahezu leer ist; und dann vor Geschäftspartnern, als sie des Gatten pompösen Smalltalk („New York ist im Herbst besonders schön“) nicht mehr erträgt. Man kann es ihr nachempfinden, hat aber zugleich Mitgefühlt mit dem Bloßgestellten.

 

Blender und Pendler: Rory (Jude Law). Foto: Ascot Elite

Die beiden Kinder sind weniger zentrale Figuren, aber auch ihr neues Leben in England und in einem Haus, das ihre Schwierigkeiten atmosphärisch widerzuspiegeln scheint, wird durchdacht und sensibel erzählt. In einer dramatischen Nacht scheinen Familienleben und Ehe zusammenzubrechen, doch der Film gibt seinen Figuren noch eine Chance – in einer wunderbar atmosphärischen Szene, an einem diesigen englischen Morgen.

Erschienen auf DVD und Bluray bei Ascot Elite.
Bonus: Trailer und kurze Interviews.

„Adam“ von Maryam Touzani

Lubna Azabal (l.) als Abla und Nisrin Erradi als Samia. Foto: Grandfilm

 

„Ich brauche niemanden“, sagt Abla, die in Casablanca eine kleine Bäckerei betreibt – und meint damit nicht nur eine Unterstützung bei ihrem improvisierten Laden, sondern ihr aktuelles Leben. Samia dagegen, die junge Frau, die bei ihr anklopft, kann jede Hilfe gebrauchen: Sie ist schwanger, alleine in den Gassen der Stadt, sucht eine Arbeit und einen Platz zum Schlafen. Abla ist nicht die Erste, die sie abweist – aber die Erste, der das Schicksal der jungen Frau keine Ruhe lässt und die sie dann doch bei sich aufnimmt. Aber mit finsterem Blick und einer klaren Ansage: „Nur für zwei, drei Tage, dann musst Du wieder gehen.“

Aus diesen wenigen Tagen werden einige mehr in „Adam“, dem Spielfilmdebüt der marokkanischen Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Maryam Touzani. Inspiriert von einer realen Geschichte, die ihre Familie erlebt hat, erzählt sie von zwei ziemlich einsamen Seelen. Die junge Samia ist tief verzweifelt – sie plant, ihr Kind fernab ihres Dorfes und ihrer Eltern, die von der Schwangerschaft nichts wissen, auf die Welt zu bringen und dann zur Adoption freizugeben. Danach will sie, als sei nichts geschehen, in die alte Heimat zurückkehren, in der das Leben als alleinerziehende Mutter schmachvoll und undenkbar wäre, als sei nichts geschehen. Ihre einzige Hoffnung ist, dass ihr Kind durch die Adoption eine wirtschaftlich bessere Zukunft haben könnte – wenn auch ohne sie. Abla dagegen ist nach dem Unfall ihres Mannes Witwe, lebt mit ihrer Tochter im kleinen Haus und hat sich emotional von der Welt abgeschottet, der sie mit verhärmter Miene und knappen Halbsätzen begegnet.

„Den Teig fühlen“

Wie sich diese beiden Frauen einander annähern und wie die kühle Abla langsam auftaut, das erzählt Touzanis Drehbuch weitgehend konventionell. Die beiden Frauen ziehen sich an, stoßen sich wieder ab, ziehen sich an – und jede wird der anderen dann doch eine große Hilfe sein. Bei der Annäherung hilft einerseits Ablas achtjährige Tochter Warda, die so fröhlich und entzückend ist, wie das eben die meisten Filmkinder so sind – und andererseits hilft die Zeremonie des Backens: Abla tut dies aus beruflicher Notwendigkeit, aber Samia inspiriert sie dazu, beim Kneten „den Teig zu fühlen“.

Diese durchaus sinnlichen Back- und Knetpassagen sollen dem Film möglicherweise einen kulinarischen und gut vermarktbaren Arthouse-Wohlfühl-Effekt verleihen (der Trailer des Films betont den auch etwas irreführend); aber gebraucht hätte es den nicht, denn „Adam“ überzeugt schon allein durch das Spiel seiner Darstellerinnen: Lubna Azabal als anfangs verhärmte Abla und Nisrin Erradi als Samia, mal niedergedrückt, mal ziemlich resolut, spielen grandios, und der Film konzentriert sich ganz auf sie: Die Kamera von Virginie Surdej und Adil Ayoub kommt den Mimen immer sehr nahe, zeigt das feinnervige Spiel und kleine Gesten. Es entsteht eine enorme Intimität. Dabei bewegt sich der Film selten aus dem Haus heraus, zeigt eine hermetische, zugleich beschützende wie enge Welt.

Abla findet dank Samia ins Leben zurück – etwas plakativ auch dadurch gezeigt, dass sie sich wieder schminkt; aber was wird aus Samia? Sie bringt ihr Kind im Haus zur Welt, nennt es „Adam“ und schottet sich anfangs ab: In zwei Tagen will sie Adam zur Adoption freigeben und sich selbst vor der emotionalen Katastrophe schützen, indem sie gar keine Bindung zum Kind zulassen will. Aber wie soll das funktionieren angesichts dieses kleinen, schutzlosen Menschen? Da gelingen dem Film ungemein intensive, berührende Momente; da verlässt er auch seine zuvor konventioneller angelegten Drehbuchpfade und mündet in ein Ende, über das man lange spekulieren kann.

Der Wilde Westen und die Milchbrötchen: „First Cow“ von Kelly Reichardt

Cookie (John Magaro) und die einzige Kuh weit und breit.   Foto: Peripher

Ritte durch die endlose Prärie. Türkisblaue Seen. Brodelnde Bohnen mit Speck in der Pfanne, dazu eine Kaffeekanne am Lagerfeuer. All diese liebgewonnenen Western-Bilder wird man in „First Cow“ nicht sehen – einem wunderlichen und wunderbaren Film der US-Regisseurin Kelly Reichardt über den sogenannten Wilden Westen, über Freundschaft, über Aufbruch, Kapitalismus – und Milchbrötchen. In unserer Gegenwart beginnt der Film, eine Frau mit Hund spaziert durch den Wald, der Hund scharrt im Boden und entdeckt etwas Merkwürdiges: zwei Skelette, die einträchtig nebeneinander liegen.

Mit einem unmerklichen Schnitt führt uns der Film ins 19. Jahrhundert zurück: Da zieht ein junger Mann mit Spitznamen Cookie (John Magaro) als Koch mit einer ziemlich rauen Truppe von Pelzjägern durch den Wald – seine kulinarische Kompetenz scheint begrenzt, und so kann er froh sein, dass die gereizten Trapper ihm nicht das Fell über die Ohren ziehen. In einer Siedlung lernt er den Chinesen King Lu (Orion Lee) kennen, der schon viel herum gekommen ist. Man versteht sich, und flugs erblüht eine lakonische, vertrauensvolle Freundschaft. Was kann man anfangen mit dieser scheinbar endlosen Freiheit eines kaum besiedelten Landes, fragen sie sich. „Die Welt ist noch neu“, sagt King Lu, „wir können sie gestalten wie wir wollen“. Von einer eigenen Farm träumen die beiden, oder auch von einem Hotel in San Francisco – bevorzugt mit Meerblick. Doch erst müssen sie heraus aus Oregon, mit seinen endlosen Wäldern und viel, viel, sehr viel  Matsch.

Ihre Geschäftsidee fürs Startkapital? Der aus England eingewanderte Großgrundbesitzer (Toby Jones) besitzt die einzige Kuh weit und breit; mit deren Milch, die sie nachts so unbemerkt wie illegal melken, backen Cookie und King Lu die besten Brötchen weit und breit. Schnell füllen sich die Geldbörsen der beiden Glücksritter, und der nichtsahnende Großgrundbesitzer gibt bei Bäcker Cookie sogar einen möglichst fluffigen Clafouti in Auftrag; mit der Köstlichkeit will er nahenden Besuch demütigen, der sich stets abfällig über Oregons Provinzküche äußert. Doch langsam dämmert dem Kuhbesitzer, warum sein Tier scheinbar so wenig Milch gibt. Die Glückssträhne von Cookie und King Lu scheint am Ende.

Cookie (John Magaro, links) und King Lu (Orion Lee).     Foto: Peripher

Von einer zarten Freundschaft in einer ruppigen Welt erzählt Regisseurin Reichardt (auch Schnitt),  in aller Ruhe und mit ungewöhnlichen Bildern: Während übliche Western gerne das breite Cinemascope-Format wählen, um die Weite des Landes zu zeigen, nutzen Reichardt und ihr Kameramann Christopher Blauvelt das alte, nahezu quadratische 4:3-Format – nicht als Hommage an die Filme von einst, sondern um einen intimen Rahmen für die Figuren zu stecken und den Westen eben nicht als grenzenlos freien, sondern als engen Ort dazustellen. Die Wälder wirken nicht weit, sondern oft be- und erdrückend; und die Sonne, lässt sie sich denn einmal blicken, scheint immer hinter dem nächsten Berg. Aber nie dort, wo man gerade ist.

Den Eindruck einer mitunter brutalen neuen Welt, die gerade entsteht (und dabei die alte verdrängt), vermittelt der Film eindrücklich – halbfertig wirkt vieles, da gibt es in den Innenräumen etwa keine Saloon-Gemütlichkeit wie in klassischen Western, sondern eine leicht muffige Schummrigkeit, mit Kerzen, die immer fast heruntergebrannt sind. Und allen Figuren – abgesehen vom Großgrundbesitzer – sieht man an, dass sie eine Dusche dringend nötig hätten. Bei alldem schwingen Wehmut und Heimweh der Neu-Amerikaner mit: „Wie bei Mama“, schwärmt ein Mann beim Biss in eines der edlen Brötchen; der eingewanderte Großgrundbesitzer fühlt sich gar an die alte Heimat London erinnert und bekommt fast feuchte Augen der Rührung.

Der Reiche des Ortes (Toby Jones).

Mag dieses Amerika auch noch am Entstehen sein, ist manches doch schon klar: Die Ureinwohner sind vertrieben oder zu Hauspersonal erniedrigt, und die Struktur ist der Kapitalismus. Um Handel geht es im Film, um Tausch, um Geld, um Angebot und Nachfrage – ob es nun um Muscheln, Milchbrötchen geht oder um Biberpelze ür modische Mützen im Paris am anderen Ende der Welt.

Melancholischer Humor zieht sich durch viele Szenen dieses betörend langsamen, aber nie langatmigen Films – einmal lässt die Regisseurin ein Schiff von links nach rechts durchs Bild fahren, eine Minute lang. „First Cow“ erzählt mit seinen beiden brillanten, sehr subtil spielenden Hauptdarstellern von zwei Träumern, die dennoch nicht realitätsfern sind, aber sich doch zu übernehmen scheinen. Herzerwärmend ist diese Geschichte einer großen Zuneigung und passt zu dem Satz des englischen Dichters William Blake, der dem Film vorangestellt ist: „Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz – dem Menschen Freundschaft.“

 

„Helden der Wahrscheinlichkeit“ mit Mads Mikkelsen

Mads Mikkelsen Helden der Wahrscheinlichkeit

Die Rache-Gang von links: Otto (Nikolaj Lie Kaas), Emmenthaler (Nicolas Bro), Lennart (Lars Brygmann) und Markus (Mads Mikkelsen). Foto: Weltkino

Obacht – vom Trailer sollte man sich nicht täuschen lassen. Der lässt einen bleihaltigen Rachefeldzug vermuten, als wolle Mads Mikkelsen den Karriereweg von Liam Neeson beschreiten und zum grimmigen Actionhelden mittleren Alters mutieren. Doch „Helden der Wahrscheinlichkeit“ ist dann doch ein ganz anderer Film: Um Trauer und Traumata geht es, um Familie und gegenseitige Hilfe, um nichts weniger als den Sinn des Lebens – filmisch verpackt in ein Werk, das von einem auf den anderen Augenblick umschlagen kann: von düsterem Drama zum knochenharten Actionfilm, von schwarzer Komödie zu einer philosophischen Betrachtung des Menschseins. Wie der dänische Autor und Regisseur Anders Thomas Jensen das zusammenbringt (und schlüssig zusammenhält), ist schon eine große Kunst.

Bei einem Zugunglück stirbt die Frau des dänischen Soldaten Markus (Mikkelsen) und Mutter der jungen Mathilde. In ihrer gemeinsamen Trauer ist der Vater keine Hilfe für die Tochter, die er ohnehin – wohl durch seine oftmalige Abwesenheit – nicht wirklich kennt. Psychologische Hilfe lehnt er ab, denn „Fremde stören nur“; mehr als die Tochter zum Joggen zu bewegen, damit sie nicht pummelig wird, fällt ihm auch nicht ein. In einer intensiven Dialogszene macht er ihr seine Weltsicht recht barsch klar: Die Mutter sei jetzt in keiner besseren Welt, sondern „sie hat einfach aufgehört, zu existieren“. Und es gebe weder Gott noch irgendeine Bestimmung oder einen tieferen Grund für den Tod der Ehefrau; alles sei letztlich zufällig und ohne Sinn. Für Markus sind das schon viele Worte, denn am ehesten drückt er sich durch Aktion und Gewalt aus, die Teil seines Berufs ist  – den Freund der Tochter schlägt er im Affekt, sein Versuch der Entschuldigung ist vielsagend ignorant: „Ich hätte nicht so hart zuschlagen sollen.“

Zwei Besucher brechen Markus‘ Trauerstarre zumindest ein wenig auf. Die verhuscht wirkenden Wissenschaftler Otto und Lennart, fasziniert von Statistiken und beseelt von der Idee, das Leben mit Zahlen irgendwie berechenbar zu machen, haben eine Theorie: Das Zugunglück war kein Unfall, sondern herbeigeführt – im Zug saß der Abtrünnige eines kriminellen Rocker-Clans mit dem ironischen Namen „Riders of Justice“ (so heißt der Film auch international), der gegen die Bande in einem Prozess aussagen wollte. Also ein Anschlag der Rockerbande? Die Idee erhärten Otto und Lennart mit ein paar mehr oder weniger stichhaltigen Indizien, und Markus tut, was er am besten kann – Gewalt ausüben. Umgehend ist der erste Rocker tot, die Bande schlägt zurück. Das Spiel der Gewalt ist eröffnet und beschert dem Film einige kurze, aber drastische Actionszenen, wobei sich nicht das Gefühl der Genugtuung wie in anderen Filmen mit Rache-Thematik einstellen will. Markus` Rache ist nicht süß, sondern grausig.

Schicksals-WG der verwundeten Seelen

Zugleich geschieht etwas anderes: In Markus‘ Haus wächst langsam eine Art Schicksals-WG der verwundeten Seelen zusammen. Die beiden Wissenschaftler, zusammen mit einem übergewichtigen und extrem cholerischen Kollegen, werden so etwas wie notwendige Ersatzväter für die trauernde Tochter. Mit im Bunde ist auch ein eher zufällig aus den Fängen der Bande befreiter Strichjunge, der sich nun als eine Art Au-Pair-Hilfe betätigt. Da kehrt so etwas wie Frieden ein in dem Haus, wo sich vorher wortlose Trauer breitmachte. Herzerwärmend ist das, aber Autor/Regisseur Jensen überzieht es nicht ins Gefühlige. Seine allesamt vom Schicksal gebeutelten Figuren, einige von ihnen in ihrer sozialen Inkompetenz dann doch eher mögens- denn liebenswert, finden nicht das große Glück, aber zumindest wieder halbwegs zurück ins Leben. Das ist aus der Sicht des Films eine ganze Menge, auch aus der Sicht von Markus, der sich am schwersten tut mit dieser neuen Familie der Angeschlagenen. Er muss sich ohnehin um die Rocker kümmern, die den neuen Frieden stören wollen.

Folgt das Leben einer bestimmten Ordnung? Oder ist alles nur Zufall, mal glücklich, mal tragisch? Und falls ja – macht das das Leben an sich sinnlos? Darum geht es letztlich in diesem exzellent gespielten Film, der nicht vorgibt, die letzten Antworten zu kennen. Nur eines im Leben ist eine Gewissheit: Mads Mikkelsen trägt im Finale den bizarrsten Skandinavier-Pulli der Filmgeschichte.

„Toubab“ von Florian Dietrich

Julius Nitschkoff Babtou Farba Dieng Camino Toubab

Und schon sind sie verheiratet: Dennis (Julius Nitschkoff, links) und Babtou (Farba Dieng). Foto: Camino

Diskriminierung, Rassismus, Homophobie, Abschiebung – das ist nicht selten der Stoff, aus dem jene Filme sind, die bei Festivals „Relevanz“-Preise gewinnen und im Kino dann vor nahezu leeren Sälen verenden. Diesem Schicksal entgehen und dennoch von den genannten Themen erzählen, will Regisseur und Ko-Autor Florian Dietrich. „Nicht elitär“ soll sein Film „Toubab“ sein, sagt er, und so hat er sich für das Genre der Komödie entschieden. Eine gute Idee?

„Toubab“ erzählt vom Frankfurter Babtou, der nach zwei Jahren Haft wegen Raubes aus dem Gefängnis kommt. Die Freiheitsfreude ist aber nur kurzlebig, denn ein spontanes Wiedertreffen mit alten Bekannten läuft aus dem Ruder – vielleicht sollte man auch keine Kreuzung durch parkende Autos sperren und keinen Polizisten, der eine Schlägerei auflösen will, gegen einen PKW werfen. Die Konsequenz für Babtou: Er soll in den Senegal ausgewiesen werden, ein Land, aus dem sein Vater kommt, er aber nicht, Babtou hat lediglich einen senegalesischen Pass, das vergangene Vierteljahrhundert hat er am Main verbracht. Was tun? Mehr als die Ausweisung „ein paar Monate durch die Instanzen zu treiben“, fällt seiner Anwältin nicht ein. Retten könnte ihn immerhin eine Ehe, auch wenn die nur zum Schein geschlossen wird; doch auf die vielen alten Flammen, die Babtou deswegen nun abklappert (in einer flotten filmischen Montage), hat er doch nicht genug Eindruck gemacht, dass sie nun gerne mit ihm vor den Altar wandern würden.

Die letzte Rettung ist da Babtous engster Freund Dennis – warum nicht eine Ehe unter Männern eingehen? Die ist schnell geschlossen, aber die Ausländerbehörde ist skeptisch und traut dieser Homo-Ehe nicht über den gleichgeschlechtlichen Weg. Und das nähere Umfeld der beiden, in dem die Alphatier-Gesten und das maskuline Getöse  überwiegen, reagiert auf diese Homo-Ehe bestenfalls mit Unverständnis, schlechtestenfalls mit dem Wunsch nach Gewalt.

Gekonnt mit leichter Hand

Dies alles erzählt Florian Dietrich, der mit seinem Kurzfilm „Flucht nach vorn“ 2013 beim Saarbrücker Ophüls-Festival zu Gast war, gekonnt mit leichter Hand, aber nicht oberflächlich. Der Ernst der Lage ist klar, zugleich schnurrt der Film mit Tempo und Witz dahin und bietet einige sehr schöne Szenen: etwa die Feier des Pseudo-Homo-Ehepaares mit einer lesbischen Nachbarin und deren schwulen Freunden. Sie wird zu einer langen Nacht der Freiheit, wo sich die Geschlechterzuordnungen und –konventionen unter der flirrenden Disco-Kugel und der ersten Morgensonne auflösen. Eine herzerwärmende Utopie, in der letztlich nur Freundschaft und Liebe zählen.

Durchweg gut besetzt ist das: Farba Dieng als Babtou und Julius Nitschkoff (der Radikal-Veganer aus dem jüngsten SR-„Tatort“) spielen frisch und natürlich auf, da stimmt die Chemie, den beiden schaut man gerne zu. Michael Maertens als Herr Ruppert von der Ausländerbehörde ist wunderbar sarkastisch, wenn er dem von der Ausweisung bedrohten Babtou erklärt, dass „der Senegal ja auch ein waaaahnsinnig interessantes Land ist“. Und eine besonders nette Szene ist, wenn Babtou sich unter Tränen der Rührung einen alten Heimatfilm im Fernsehen anschaut, bei nahendem Besuch aber schnell auf einen Porno-Kanal umschaltet, um nicht als sentimental verlacht zu werden.

Manches allerdings kommt bei dem Tempo etwas unter die Räder: Die Figur von Dennis‘ Freundin Manu (Nina Gummich) etwa, deren Schwangerschaft die Mär der Ehe zwischen Babtou und Dennis ziemlich ungläubig werden lässt, ist unterentwickelt. Und davon, wie kriminell Babtou vor der Haft eigentlich war, hätte man gerne mehr erfahren. Aber geschenkt: Dietrich und seinem Ko-Autor Arne Dechow geht es um eine flott erzählte Geschichte und um die Behandlung von Geschlechterklischees und von Homophobie. Erfreulich, dass der Film die nicht nur aus der rein biodeutschen Fraktion kommen lässt, sondern auch aus Babtous weiterem Umfeld. Und Babtou wird bewusst, wieviel homophobe Sprüche er bislang unbedacht von sich gegeben hat – wobei der Film das dankenswerterweise weder ihm noch dem Publikum allzu didaktisch um die Ohren hat. Warum der Film „Toubab“ (und nicht „Babtou“) heißt, erklärt sich im Finale des Films. In dem finden Traurigkeit und Hoffnung wunderbar zusammen.

Die Doku „In Search of the last Action Heroes“

Pralle, gut geölte Muskeln. Weniger pralle, eher schlichte Plots. Knackige Einzeiler von einsilbigen Helden. Und Explosionen, so groß wie die Leinwand. Das war das Rezept von vielen, wenn auch nicht allen Action-Filmen der 80er und 90er Jahre. Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone dominierten diese Herde der Alpha-Stiere, in der sich in den Rangordnungen darunter Kollegen tummelten wie Dolph Lundgren und Steven Seagal, Chuck Norris und Jean-Claude Van Damme, Michael Dudikoff und Jeff Speakman. Dem Actionkino jener Ära widmet nun der Brite Oliver Harper einen mehr als abendfüllenden Film: „In Search of the Last Action Heroes“ spürt fast zweieinhalb Stunden lang dem Genre nach und den Prügelknaben von einst.

Harper ist ein populärer Youtuber, der in sorgfältigen Mini-Filmen die Klassiker des Genres analysiert. Sein nun erster Langfilm, finanziert per Kickstarter, ist eine enorme Fleißarbeit: mit unzähligen Ausschnitten aus Filmen, Trailern und mit Statements von Gesprächspartnern. Gut, dass Harper nicht die üblichen Verdächtigen vor die Kamera holen wollte oder konnte: Kein Lundgren oder Van Damme, kein Stallone oder Schwarzenegger, die man schon öft hat reden gehört, sondern eher Filmschaffende hinter den Kulissen. Oder auch die aus der damals zweiten bis dritten Reihe, die heute entweder vergessen sind oder sich einer gewissen kultischen Verehrung von Actionfreunden erfreuen – etwa Cynthia Rothrock, mit der der Film beginnt und die sich vor allem in den 1980ern durch zahllose Video-Premieren boxte oder kickte. Sie hofft heute noch, gibt sie zu, auf eine Rolle in einem A-Film. Oder da ist der deutsche Actionmann Mathias Hues aus dem Ruhrpott, der sich durch Filme der mittleren und unteren Preisklasse schlug – seine prominenteste Rolle dürfte der böse Außerirdische im Lundgren-Film „Dark Angel“ von 1990 sein. Seine charmante Anekdote: Einst schlich er durch Videotheken in Los Angeles und räumte die Hüllen seiner Filme in den Regalen nach oben und stellte die von Van Damme nach unten.

„Less dialogue – more bodycount“

Wohlig nostalgisch ist dieser Blick zurück, der sich auch um Einordnung bemüht: James Bond als Urvater des modernen Action-Kinos, Steve McQueen als erster Action-Star der 1960er mit „Bullit“, Bruce Lee als Urvater des Kampfkunst-Films, der durch ihn erstmals auch im Westen populär wurde. Und eben die 1980er, in denen, wie Drehbuchautor Shane Black („Predator“) sagt, es ankam auf: „less dialogue – more bodycount“, weniger Dialog, mehr Leichen.

Die Fülle an Ausschnitten ist immens, aber auch problematisch. Das Ganze ist sehr schnell montiert , und die Gesprächspartner sagen oft nur einen oder zwei Sätze, gefolgt vom nächsten actionprallen Aussschnitt, gefolgt vom nächsten Gesprächspartner. Am Ende könnte man da als Zuschauer oder Zuschauerin so erschöpft sein wie ein 80er-Star nach seiner finalen Prügelei. Da werden etwa das „Blaxploitation“-Kino der 1970er mit seinen schwarzen Actionhelden und das stilprägende Hongkong-Actionkino der 1980er in wenigen Augenblicken minimal abgehandelt.

Etwas rastlos

So wird der Film eher zu einer etwas rastlosen Liebeserklärung als zu einer Analyse. Man hätte den Interviewten mehr Raum gewünscht – ob nun Regisseur Paul Verhoeven, der mit Schwarzenegger einst „Total Recall“ drehte, oder Regisseur/Autor Sheldon Lettich, der viel mit Van Damme gearbeitet hat. Oder Mark Goldblatt, der actionversierte Cutter von Genre-Klassikern wie „Terminator“ (1 und 2) und „Phantom-Kommando“. Oder Autor Steven E. De Souza, der mit dem ersten Teil von „Stirb langsam“ einen prägenden und endlos imitierten Actionfilm schrieb. Ihnen allen hätte man gerne länger und am Stück zugehört. Immerhin wird vieles angeschnitten – der Patriotismus der Reagan-Ära etwa, der sich auch in Filmen wie „Rambo II“ niederschlug. Oder das Aufkommen der Computer-Effekte, die aus tatsächlichen Schauspielern saltoschlagende Actionhelden machen konnte (siehe „The Matrix“). Ab da waren vor allem die mimisch begrenzten Muskelmänner in ihrer Existenz bedroht. Oder wie es Mathias Hues sagt: „Da wussten wir, dass wir erledigt sind.“

Erschienen bei Studio Hamburg.
Keine Extras.

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