KINOBLOG

Über Film und dieses & jenes

Interview mit Autor Emanuel Bergmann: „Gary Oldman ist wirklich ein Schatz“

Schriftsteller Emanuel Bergmann, Foto: Joël Hunn / Diogenes Verlag

Schriftsteller Emanuel Bergmann. Foto: Joël Hunn / Diogenes Verlag

Seine Jugend verbrachte Emanuel Bergmann in Saarbrücken, nach dem Abitur ging er nach Los Angeles, arbeitete für Filmstudios und Produktionsfirmen, studierte Journalismus und schrieb lange für das Magazin „Widescreen“. Sein Romandebüt „Der Trick“ wurde ein Bestseller, jetzt kommt er mit „Tahara“ nach Saarbrücken. Der bittersüße Roman erzählt vom Filmkritiker Marcel Klein, dessen Welt bei den Festspielen in Cannes chaotisch wird: durch eine Romanze und durch ein Star-Interview, bei dem der Kritiker beim Schreiben etwas nachhilft – was einen Skandal auslöst.

 

Sie sind in Saarbrücken aufgewachsen – was waren damals Ihre drei liebsten Plätze?​

BERGMANN Mein Lieblingsort: Der Parkplatz vom Bauhaus an der Dudweiler Landstraße. Da habe ich als Kind immer Skateboardfahren geübt. Ansonsten war ich oft in der Karstadt-Passage – so hieß das damals. Und natürlich auch am St. Johanner Markt und am Staden.​

Und was hat Ihnen damals in der Stadt gar nicht gefallen?​

BERGMANN Vieles. Schon damals war mir Saarbrücken zu eng, zu klein. Ich hatte immer den Wunsch, wegzugehen. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass Saarbrücken für einen Lausbub wie mich eigentlich der ideale Abenteuerspielplatz war.​

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Ihre Hauptfigur, ebenfalls in Saarbrücken aufgewachsen, erzählt von glücklichen Kinobesuchen im UT und im Passage-Kino. Waren das damals auch Ihre liebsten Kinos – und was haben Sie sich angeschaut?​

BERGMANN Ich bin ständig ins Passage-Kino gegangen, ins UT und auch ins Gloria, das es damals noch gab. Das war ein riesiger, leicht verfallener Filmpalast, wo ich fast allein im Vorführraum saß und ganz große Kinofilme genießen konnte. Im Passage-Kino liefen im Sommer immer alle möglichen Kultfilme, von Disney bis Hitchcock. Ich habe mir alles angeschaut, was es gab: Action, Horror, Comedy, Science-Fiction…​

In Los Angeles waren Sie unter anderem Botenjunge beim Fox-Studio – wie kann man sich das vorstellen? Ist man da ganz unten in der Nahrungskette?​

BERGMANN Im Gegenteil, ich gehörte überhaupt nicht zur Nahrungskette. Ich bin immer mit einem Golfwagen über das Studiogelände gedüst und habe wichtige Briefe und Pakete an wichtige Leute übergeben. Die haben sich in der Regel immer sehr gefreut, und sie waren eigentlich alle nett zu mir. Egal, ob Sekretärin oder Studiochef – ich wurde immer herzlich empfangen.​

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Haben Sie wirklich das Drehbuch zu „Titanic“ gelesen, bevor der Film gedreht wurde?​

BERGMANN Ja, das stimmt. Das Drehbuch geisterte durch das Studio, und ich durfte es auch lesen. Ich fand es übrigens doof. Meine Meinung damals: Die Geschichte ist hanebüchen, die Dialoge dämlich, und jeder weiß, dass das Schiff am Ende sinkt. Ein Flop!​

Sie haben 18 Jahre für das Magazin „Widescreen“ geschrieben, bevor es eingestellt wurde. Was waren die besten und die weniger guten Momente?​

BERGMANN Von den besten Momenten gibt es so viele, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Für mich war es ein ganz großes Privileg, mit so vielen großen Filmschaffenden sprechen zu dürfen. Ich habe dabei sehr viel über das Geschichtenerzählen gelernt. Zu den schlimmsten Momenten zählen peinliche Interviews, die ich aus irgendwelchen Gründen vergeigt habe. Das ist mir nur selten passiert, aber es war jedes Mal schrecklich.​

Ihre Hauptfigur fingiert ein Interview mit einem Star und macht es interessanter als es real war. Hatten Sie in Ihrer Journalistenzeit auch mal diese Versuchung? Im Roman spricht Klein ja auch davon, „den Deppen bessere Worte in den Mund“ zu legen.​

BERGMANN Manchmal hat es mich verwirrt, wenn die Gesprächspartner eine wunderschöne, naheliegende Antwort partout nicht geben wollten. Klar, ich kann die Versuchung verstehen, ein bisschen nachzubessern, aber es ist wie die Versuchung, eine Bank zu überfallen – sowas gehört sich nicht! Ich kannte mal jemanden, der das gemacht hat. Er hat Zitate gefälscht und ist dann aufgeflogen. Das war Betrug. Aber immerhin war es auch eine Inspiration für meinen Roman.​

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Ist die Figur des Kritikers im Roman eine Version Ihrer selbst – oder eher ein Gegenentwurf?​

BERGMANN Ein bisschen von beidem. Marcel Klein ist in vielen Dingen besser als ich, aber er ist auch ein Blender, ein Feigling, ein Schmock. Er ist meine Schattenseite.​

Was waren die schlimmsten realen Interview-Sätze, die Sie über die Jahre nicht mehr ertragen konnten?​

BERGMANN Die schlimmsten realen Interview-Sätze möchte ich nicht verraten. Das wäre unfair.​

Wie hatte sich die Arbeit über die 18 Jahre verändert? Sind die Stars immer mediengeschulter und damit weniger originell und offen geworden?​

BERGMANN Jungstars sind immer am schwierigsten. Sie haben zu wenig Erfahrung in dem Job, und vielleicht auch zu wenig Lebenserfahrung. Die alten Hasen kennen das Geschäft, sie nehmen sich nicht so ernst und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das macht viel Spaß.​

Wer aus der Filmbranche  hat sie damals am meisten beeindruckt, wer am wenigsten?​

BERGMANN Grundsätzlich gilt: Je größer die Stars, desto angenehmer ist das Gespräch. Am meisten beeindruckt hat mich die Oberliga, also Leute wie James Cameron, Steven Spielberg, Helen Mirren oder auch Ewan McGregor. Das sind souveräne Leute, die Spaß an der Sache haben. Mein Lieblingsinterview war mit Gary Oldman, der ist wirklich ein Schatz.​

Ihr Roman „Der Trick“ war ein Bestseller und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Hat man da als Autor ziemlich ausgesorgt? Oder ist das reichlich naiv meinerseits?​

BERGMANN Ausgesorgt habe ich leider keineswegs, aber „Der Trick“ war für mich bei manchen Krisen – beispielsweise Covid – ein echter Segen. Aber jetzt muss es irgendwie weitergehen.​

Haben Sie eine Meinung zu den aktuellen „Tatorten“ aus Saarbrücken?​

BERGMANN Ich habe noch nie einen „Tatort“ bis zum Ende durchgehalten. Ist nicht so meins. Ich verstehe nicht, warum man die Storys nicht spannender und vor allem bildlicher erzählt.​

Emanuel Bergmann: Tahara. Diogenes, 288 Seiten, 25 Euro.

Lesung in Saarbrücken: Freitag, 19. April, 19.30 Uhr, im Saarbrücker Filmhaus.
Karten gibt es bei der Buchhandlung Raueiser, Tel. (06 81) 379 18 30, ticket-regional.de
Das ganze Programm des Festivals: https://erlesen-saarland.de

Interview mit Iris Wolff: „Ich träume von einem Hotel für leise Leute“

Schriftstellerin Iris Wolff, fotografiert von Maximilian Gödecke.

Iris Wolff, fotografiert von Maximilian Gödecke.

 

Ein seltenes Phänomen: Euphorische Kritiken, Preise – und kommerzieller Erfolg. Das Buch „Die Unschärfe der Welt“ machte die Autorin Iris Wolff (46) bekannt, mit „Lichtungen“ hat sie ihren fünften Roman veröffentlicht, eine Liebes- und Freundschaftsgeschichte. Daraus liest sie am 17.4. in den Lichtspielen Wadern gelesen, im Rahmen des Festivals „erLesen!“, eingeladen von der Bücherhütte Wadern.​

 

Sie waren schon einmal in den Lichtspielen Wadern, 2021 mit Ihrem Roman „Die Unschärfe der Welt“. Ist das einer der ungewöhnlicheren Orte, an denen Sie bisher gelesen haben?​

WOLFF Unbedingt! Lesungen finden meist ganz klassisch in Literaturhäusern oder Buchhandlungen statt. Ich empfand den Kinosaal in Wadern als sehr angenehm, auch fürs Publikum – das bei Getränken in bequemen Sesseln zuhören konnte. Was ich gerne einmal erleben würde, ist: eine Lesung im Liegen. Ob das irgendwann jemand organisiert?​

Das Kino war schnell ausverkauft, Ihr Roman „Lichtungen“ ist ein Bestseller – was bedeutet für Sie der kommerzielle Erfolg rein praktisch? Verschafft er Ihnen wertvolle Zeit, sozusagen Luft zum Schreiben?​

WOLFF Ich kann seit meinem dritten Roman vom Schreiben leben – etwas, was an sich schon recht ungewöhnlich ist. Dass nun der aktuelle Roman so einen sensationellen Erfolg hat, lässt mich dankbar sein und staunen. Ich habe es am Beginn meines Schreibens nie für möglich gehalten, dass so viele Leserinnen und Leser meine Erzählwelten mögen werden. Dieser Erfolg hat für mich eher immateriellen Wert – er stärkt mich, gibt mir Vertrauen, weiter meinen Weg zu gehen.​

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Wie war das, als Sie noch nicht als freie Schriftstellerin arbeiten konnten – aufreibend?​

WOLFF Meine ersten beiden Bücher hatten eher eine überschaubare Wahrnehmung. Ich war froh über jede Einladung. Obwohl es schwer war, da meine gesamte Zeit entweder meinem Brotberuf oder dem Schreiben galt, und somit kaum Freizeit übrig blieb, habe ich nie daran gezweifelt, dass ich genau das machen möchte – schreiben, über Literatur sprechen.​

In „Lichtungen“ erzählen Sie von den Figuren Lev und Kato, die einander seit Kindheitstagen in Rumänien kennen – der Roman beginnt mit ihrem Wiedersehen in Zürich und erzählt dann kapitelweise rückwärts. Wie hat sich dieses Konzept auf Ihren Schreibprozess ausgewirkt? Denn Sie müssen das Ende ja schon komplett erdacht haben – beim üblichen chronologischen Erzählen nicht, zumal Sie einmal gesagt haben, sie würden sich gerne von Ihren Figuren überraschen lassen.​

WOLFF Ich habe Lev liegend im Bett kennengelernt, also im letzten Drittel des Romans. Von dort aus habe ich die Geschichte in zwei Richtungen geschrieben, ich wusste also lange nicht, wie das Buch beginnt und wie es endet. Hohes Risiko – denn wenn man vorne beginnt und wie ich ins Offene hineinschreibt, weiß man wenigstens, wie eine Geschichte anfängt. Trotz der komplexen Erzählstruktur wollte ich nicht, dass die Leserinnen und Leser sich selbst alles mühevoll zusammensuchen müssen. Die Geschichte muss einen Sog haben, Plausibilität besitzen und Einfachheit. Das erzählerisch hinzubekommen, war nicht leicht. Wenn ich es mir aussuchen darf, würde ich gern wieder am Beginn in eine Geschichte eingelassen werden …​

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Wenn man eine lange Lesereise unternimmt – „Lichtungen“ stellen Sie an über 60 Terminen vor –, droht da beim Lesen eine gewisse Routine? Wie kann man der entgegenwirken – etwa durch das Wechseln der Textstellen? Was aber wieder die Dramaturgie eines Leseabends durcheinanderbringen könnte?​

WOLFF Routine spüre ich noch nicht, jeder Abend ist für mich aufregend und spannend – weil es immer andere Menschen sind, die zuhören. Ich habe natürlich gewisse Lieblingsstellen, die ich gerne lese, weil sie mir Sicherheit geben. Am schönsten ist es, wenn ich nicht allein auf der Bühne sein muss und es ein lebendiges Gespräch gibt. Mich von dem Augenblick und den Fragen überraschen lassen, das macht mir am meisten Spaß. Die Mühen und Ermüdungen einer Lesereise liegen woanders: Im Reisen.​

Wie empfinden Sie bei einer Lesung die eigenen Texte, an denen Sie ja lange gearbeitet haben – gibt es da Stellen, bei denen Sie denken, dass Sie die heute anders schreiben würden? Oder ist ein Text für Sie abgeschlossen, wenn er als Buch gedruckt ist?​

WOLFF Wer einen Blick in mein Lese-Exemplar wirft, wird sehen, dass ich Sätze weglasse, Wörter ersetze. Ein Buch wirklich loszulassen, ist schwer. Mein Verlag möchte im kommenden Jahr auch meine ersten beiden Romane als Taschenbücher herausbringen, und ich muss es mir regelrecht verbieten, Hand an die Sätze zu legen. Ich weiß, dass die Bücher so in die Welt gehen sollten, wie ich sie damals geschrieben habe. Schließlich habe ich mit jedem Buch eine Entwicklung gemacht, hat sich das Erzählen, die Sprache verändert.​

In Kritiken wird oft Ihr „schlanker Stil“ gelobt. Müssen sie nach dem Schreiben lange, um im Sprachbild zu bleiben, entfetten und einköcheln? Oder ist das, was Sie erstmals schreiben, nahezu identisch mit dem, was später gedruckt wird?​

WOLFF Irgendwie beides. Ich schreibe unheimlich langsam, koche schon beim Schreiben ein.​

Wird literarisches Handwerk zu oft unterschätzt – gerne von Autorinnen und Autoren, die lieber auf göttliche Eingebung warten denn mal üben?​

WOLFF Literatur braucht beides: Inspiration, was ein unfassbares Phänomen, vielleicht eher ein Zustand ist. Und ebenso Ausdauer, Handwerk. Bei jungen Schreibenden stelle ich fest, dass sie unterschätzen, wie oft ein Text überarbeitet werden muss, bis er wirklich gut ist. Ein Text wird meiner Erfahrung nach besser, wenn man sich Zeit mit ihm lässt; wenn man wieder und wieder liest, korrigiert, verändert, verknüpft, reduziert, präzisiert. Ich feiere Langsamkeit, Gründlichkeit, Behutsamkeit. In der Literatur wie im Leben. Ich möchte starke Bilder finden, einen neuen Blick. In den besten Momenten des Schreibens wird es einem geschenkt, aber oft ist es auch ein Ringen.​

Sie haben eben das Reisen angesprochen. Was stört oder zumindest irritiert Sie bei Lesereisen am meisten in Hotels? Die meist unbrauchbaren Leselampen?​

WOLFF Mich freut Ihre Frage. Manchmal habe ich den Eindruck, mein Beruf bringt es mit sich, dass ich auch Hotelkritikerin sein könnte. Neben dem Bahnhof ist das Hotel meist das einzige, was man – neben dem Veranstaltungsort – von einer Stadt sieht. Inzwischen nehme ich meist auf den ersten Blick wahr, was in einem Zimmer nicht bedacht wurde, damit man sich wohlfühlt. Der ganze Zauber bröckelt, wenn man feststellen muss, dass direkt nebenan der Putzraum mit einer automatisch ins Schloss fallenden Tür ist. Was mich am meisten stört, ist Lärm. Ich träume von Hotels für leise Leute. Gern mit Hotelkatze. Hätte nur jedes vierte Hotel eine Katze, wären die Tierheime besser dran.​

Iris Wolff: Lichtungen.
Klett-Cotta, 256 Seiten, 24 Euro.
Iris Wolffs Seite.

Comic-Künstler Flix: „Letztendlich ist vieles schlicht Glück“

Flix, fotografiert  von Katharina Pfuhl.

Eine ungewöhnliche Idee war das – und der Beginn einer großen Karriere. In Saarbrücken vor 20 Jahren reicht der Student Felix Görmann seine Diplomarbeit bei der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) ein: „Held“. Ein Comicband, halb autobiografisch, halb fiktiv. Ein Comic ist damals als Abschlussarbeit an der HBK unerhört, das Diplom bekommt Görmann aber doch.  Mittlerweile (und schon lange) ist der Zeichner und Texter, Jahrgang 1976, bundesweit bekannt als Flix. Er zeichnet für den „Spiegel“, die „Zeit“ und die „FAZ“, hat sich 2010 dem „Faust“ gewidmet, 2016 dem „Münchhausen“, zusammen mit dem saarländischen Kollegen Bernd Kissel. Zum 20. Geburtstag ist nun „Held“ als Gesamtausgabe erschienen – mit den Fortsetzungen „Sag was“ (2004) und Mädchen“ (2006). Wir haben mit Flix gesprochen.​

„Held“ erscheint zum 20. Geburtstag als große Jubiläumsausgabe. Wie kommt‘s?​

FLIX Weil „Held“ für mich ein persönlicher Meilenstein ist, auf mehreren Ebenen. Zum einen war es meine Diplomarbeit an der HBK in Saarbrücken, zum anderen ist es eine Art Autobiografie – zumindest eine halbe, weil die zweite Hälfte ja erfunden ist.​

Damals waren Sie Mitte 20 – wie kamen Sie auf die Idee einer Autobiografie, die Ihr Leben weiterdenkt, bis hin zum Tod im gesetzten Alter?​

FLIX Damals habe ich viele Biografien über Künstlerinnen und Künstler gelesen. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass an deren Lebensende alles einen Sinn ergibt. Dass sich alle Teile zusammenfügen, so wie etwa bei Johnny Cash, der nach Jahren der Krise am Ende noch ein paar tolle Alben aufnahm. Da habe ich mir sehr gewünscht, dass so etwas mal in einem Buch über mich drin stehen würde. Denn damals hat mich die Frage umgetrieben, wie das weitergehen soll mit mir. Ist es überhaupt realistisch, Comiczeichner sein zu wollen? Davon leben zu wollen? Deswegen habe ich mir das Buch selber geschrieben, mit einem relativen Happy End. Das sich jetzt 20 Jahre später anzuschauen und sich zu fragen, was davon stimmt und was nicht, wo ich vielleicht hellsichtiger war als gedacht hat, ist schon interessant für mich.​

 

Wo waren Sie denn hellsichtig?​

FLIX Ich habe zum Beispiel ein wenig vorhergesehen, dass in der Zukunft ein Kühlschrank selbstständig übers Internet Milch nachbestellt, wenn sie knapp wird. Wahr wurde auch, und das ist für mich wichtiger als der Kühlschrank, dass ich als Comiczeichner durchs Leben gehe. Auch wurde mir klar, dass man sich als Person sozusagen noch einmal überarbeiten kann: Wenn mich jemand warnte – „pass auf, wenn Du so weitermachst, geht es Dir wie in ‚Held‘“ – , dann habe ich das sehr ernst genommen. In „Held“ habe ich auch geschrieben, dass ich mal einen Comicstrip in der FAZ haben würde – den ich jetzt tatsächlich habe. Das ist schon irre.​

Comic-Klassiker „Mac Coy“

Also eine Art selbst erfüllende Prophezeiung?​

FLIX Daran glaube ich nicht – aber daran, dass es etwas bringt, Dinge, Ideen, Wünsche zu formulieren. Doch letztendlich ist vieles schlicht Glück. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die sehr talentiert sind, tolle Sachen machen – und unter dem Radar laufen. Und manche werden abgefeiert, und ich frage mich da schon, warum und wieso.​

Sie haben in Saarbrücken studiert. Wie haben Sie die Stadt damals empfunden, als gebürtiger Münsteraner?​

FLIX Großgeworden bin ich ja in Darmstadt, das ähnlich ist wie Saarbrücken – eine Stadt voller Kriegsschäden, die man relativ pragmatisch wieder aufgebaut hat. Ich fand Saarbrücken damals super, gerade weil die Stadt nicht so groß ist. Berlin oder Hamburg hätten mich erstmal überfordert, ich hätte da zu wenig studiert. Saarbrücken bot die große Chance, sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren – die Stadt würde ich jederzeit empfehlen. Für einige Jahre diesen Kosmos Kunsthochschule zu haben, diesen wunderbar geschützten Raum, in dem man experimentieren kann, ohne sich sofort vergleichen zu müssen, ist toll. Raus in die Welt kann man später immer noch.​

Eine Seite aus "Held". Foto: Flix/Carlsen

Eine Seite aus „Held“.      Foto: Flix/Carlsen

Wie war es damals, einen Comic als Diplomarbeit einzureichen?​

FLIX Schwierig war das. Ich hatte schon im Grundstudium versucht, Comics zu machen – da bin bei den Professorinnen und Professoren aber weitgehend gescheitert. Das ist kein persönlicher Vorwurf – zu dieser Zeit war das noch kein geschätztes Medium, selbst nicht in dieser progressiven, aufgeschlossenen Umgebung. Ich bin froh, dass ich mich darüber hinweggesetzt habe und mit ein wenig Trickserei ein Comic als Diplomarbeit eingereicht habe. Später hat die HBK dann sogar den Studiengang „Graphic Novel“ eingerichtet. Wenn man etwas macht, ist es, wie wenn man Steine in einen See wirft – da gibt es Wellen, und die kommen am anderen Ufer an. Das ist eigentlich das Schönste an dieser Diplomarbeit. Sie hat Raum geschaffen. Es gibt ja einige Aktive in Saarbrücken, zum Beispiel Elizabeth Pich und Jonathan Kunz mit ihrem erfolgreichen Comic „War and Peas“. Jonathan hatte mich auch mal, als die HBK ihn noch als Lehrbeauftragten beschäftigt hat, zu einem seiner Hochschul-Comicsymposien eingeladen. Ich nehme an, heute wäre in Saarbrücken ein Comicdiplom eher möglich als früher.​

Comicband „Turing“

Sie teilen sich ein Atelier mit dem Kollegen Marvin Clifford, mit dem Sie auch immer wieder mal arbeiten. Wie teilen sie sich ein – gehen Sie zu klassischen Bürostunden ins Atelier?

FLIX Nein, ich habe zwei Töchter, und der Alltag der Kinder, wann sie weg und wann sie wieder da sind, gibt den Rhythmus vor. Deshalb muss ich immer dann loslegen, wenn ich gerade die Gelegenheit dazu habe.​

Eine Seite aus "Held". Foto: Flix/Carlsen

Eine Seite aus „Held“.    Foto: Flix/Carlsen

 

Wenn Sie „Held“ jetzt, 20 Jahre später, nochmal texten und zeichnen würden – würden Sie anders arbeiten?​

FLIX Natürlich – es wäre ja eine Schande, wenn ich nichts dazugelernt hätte. Diese schöne naive Energie, die man als junger Mensch hat, die habe ich heute natürlich nicht mehr. Insgesamt würde ich „Held“ heute wohl komplizierter machen – aber vielleicht nicht besser.​

„Held“ erzählt auch vom eigenen Tod – sehen Sie dieses Thema jetzt, 20 Jahre später, anders als damals?​

FLIX Ja, schon. Ich bin zwar noch nicht in die erste Reihe gerückt, aber von der dritten in die zweite, von der Enkelgeneration zur Elterngeneration. Da steht einem das Thema näher. Robert Gernhardt hat wunderbare Gedichte über den Tod geschrieben – als er noch jung war. Später, als er todkrank war, hat er das nicht mehr getan. Auch Reinhard Mey und Udo Jürgens haben große Songs über das Sterben geschrieben – als junge Leute, im Alter nicht mehr. Da ist die Scheu wohl größer. So gesehen ist es gut, dass ich das mit dem Tod schon mal erledigt habe.​

Wie hat sich in den 20 Jahren seit „Held“ die Comic-Szene verändert und entwickelt?​

FLIX Damals gab es noch viel mehr Vorurteile über Comics: dass sie vor allem für Menschen da sind, die nicht vernünftig lesen können oder wollen, für etwas simplere Gemüter oder für Kinder, die ja ohnehin gerne unterschätzt werden. Lange wurde nicht begriffen, dass Comic kein Genre ist, sondern ein Medium – wie Film, der ja alles sein kann, von „Paw Patrol“ bis „Oppenheimer“. Man kann auch im Medium Comic alle Themen verhandeln.​

Es gab vor Jahren einen etwas angestrengt wirkenden Versuch, den Begriff „Graphic Novel“ zu etablieren, damit man nicht mehr „Comic“ sagen muss und so möglicherweise die üblichen Vorurteile vermeidet. Hat sich das ausgezahlt?​

FLIX Natürlich ist „Graphic Novel“ ein Label, ein Aktivistenbegriff. Dass der Begriff keine Dauerlösung ist, war damals allen klar. Aber es war der Versuch, den Radius zu erweitern – und das hat funktioniert, er hat Türen geöffnet. Wenn man sich heute das Sortiment in einer breiter aufgestellten Buchhandlung anschaut, dann sieht man im Comicregal einen Riesenunterschied zum Angebot vor 20 Jahren: mehr Themen, mehr Herkunftsländer, viel mehr Nischen.​

Kitschtorte „Flash Gordon“

Sie verweisen auf Frank Millers düstere „Batman“-Neuerfindung „Batman: The Dark Knight Returns“ von 1986 als großen Einfluss – darauf kommt man beim Blick auf Ihre Arbeiten nicht unbedingt.​

FLIX Bei Miller war es so, dass ich durch ihn grundlegend begriffen habe, dass man die Dinge nicht als gegeben hinnehmen muss. Millers „Batman“ war ein großer Umbruch – vom klassischen Heldentum zu eine großen Ernsthaftigkeit, zum Depressiven, zur Wut. Das war für mich vollkommen neu. Mir wurde klar, dass man große Gefühle in Comics packen kann, dass man sich einen eigenen Weg suchen kann, dass man das auch allein hinkriegen kann – Miller ist ja so eine Art Ein-Mann-Armee. Er vermittelte mir vor allem dieses punkige „Das kann ich auch.“​

Miller war aber nicht Ihre erste Comic-Lektüre, oder?​

FLIX Nein, als Kind habe ich viel franko-belgische Comics gelesen, auch weil die leicht zu haben waren – etwa in der Stadtbibliothek in Darmstadt: „Asterix“, „Lucky Luke“, „Clever und Smart“, „Fix und Foxi“, „Zack“, auch Kram wie die „Die Sturmtruppen“. Erst mit 16 hat sich da eine andere Welt aufgetan. Vor der Bushaltestelle an meiner Schule machte ein Laden auf, halb Kinderbuchhandlung, halb Comic-Shop. Ich habe mich dort mit einem Azubi angefreundet, der mich mit allen US-Sachen versorgt hat – eben auch mit Frank Miller.​

„War and Peas“ stellen aus

Wenn Sie auf Ihre ersten 20 Jahre als Comic-Künstler zurückblicken – welche Werke sind Ihnen die wichtigsten?​

FLIX Klar, „Held“ war das erste große Ding und gab mir das Gefühl, dass das mit dem Berufswunsch tatsächlich gelingen kann. Meine „Faust“-Adaption von 2009, damals für die FAZ, ist auch wichtig. Ein Dauerbrenner, der an Schulen gelesen, an Unis besprochen wird. „Faust“ und die Deutschen – das funktioniert. Das nächste wirklich Große war dann „Spirou in Berlin“.​

Die Fortführung von "Spirou". Foto: Flix/Carlsen

Die Fortführung von „Spirou“. Foto: Flix/Carlsen

Da wurden Sie 2018 als erster deutscher Zeichner und Texter gefragt, ob sie einen Band für den frankobelgischen Klassiker „Spirou und Fantasio“ gestalten wollen. Das hätte schief gehen können.​

FLIX Natürlich, die belgischen Rechteinhaber hätten den Band bei Nichtgefallen auch geflissentlich in der Versenkung verschwinden lassen können. Aber er läuft europaweit, bis heute, was man vorher nicht wissen konnte. Der deutsche Botschafter in Brüssel nutzt das Buch ständig als Gastgeschenk, es ist eine schöne Vermittlung: ein deutsches Thema mit einer belgischen Ikone. Was mich besonders freut – gerade habe ich eine Einladung vom belgischen König bekommen, Kulturbotschafter zwischen den Ländern zu sein. Das ist schon cool.​

Es ist also gut gegangen bei Ihnen?​

FLIX Ja, ich sehr dankbar für diese Naivität vor 20 Jahren, zu glauben, dass es irgendwie schon klappen wird. Hätte ich mir die Chancen realistisch ausgerechnet, hätte ich es nicht gemacht. Es hat mir sehr geholfen, nicht weiter darüber nachzudenken.​

Flix: Held. Gesamtausgabe. Carlsen Comics, 368 Seiten, 35 Euro. www.carlsen.de
Kontakt: www.der-flix.de

„Jesus shows you the way to the highway“ von Miguel Llansó

Szene aus "Jesus shows you the way to the Highway". Foto: REM

Redford und Stalin. Foto: REM

Hat man diesen Film hinter sich, muss man erst einmal seine Hirnwindungen sortieren – sie könnten verquirlt sein nach diesen 79 Minuten voller bizarrer Ideen, grotesken Humors, Satire und Jux. Die Handlung von „Jesus shows you the way to the highway“nachzuerzählen, kann dann auch nur eine vage Annäherung sein: Nach einer Titelsequenz in der Ästhetik piepsiger PC-Spiele der 1980er Jahre geht es flott hinein in die Handlung, die ein bisschen wie „Matrix“ ohne Budget, aber mit viel Spaß am Surrealen wirkt. Zwei CIA-Agenten müssen in eine virtuelle Welt eintauchen, um dort einen PC-Virus zu bekämpfen: Denn der stört das System, das den Betrieb einer futuristischen Stadt steuert, aufs Empfindlichste.

Das Wandeln der Agenten namens Palmer und Gagano durch diese virtuelle Welt zeigt der Film auf wunderbar bizarre Weise – mit Personen, die sich so ruckartig bewegen, als seien sie durch Einzelbild-Trick animierte Kunststoff-Figuren wie in einem alten „King Kong“- oder Dinosaurier-Film. Zudem tragen die Agenten im virtuellen Raum Papiermasken, die eine mit dem Antlitz von US-Komiker Richard Pryor, die andere mit dem von Robert Redford.

PC-Virus namens „Sowjetunion“​

Nach Feierabend, zurück in der realen Welt will Agent Gagano – gespielt vom kleinwüchsigen Darsteller Daniel Tadasse Gagano – allerdings seinen Dienst quittieren und mit seiner Frau eine Kickboxschule eröffnen. Dazu kommt es nicht, denn es droht noch mehr Ungemach. Ein PC-Virus namens „Sowjetunion“ (mit dem Antlitz von Stalin, dessen Helfershelfer allerdings mit Bundesadler-Armbinde geschmückt sind) bedroht das Betriebssystem der CIA. Gagano muss noch einmal ran – und findet aus der virtuellen Welt nicht mehr heraus. Derweil strahlt „Sowjetunion“ in die Welt hinaus, zettelt Verschwörungen an, und auch eine Art afrikanischer Batman namens „Batfro“ kommt ins Spiel – nicht zu vergessen einige Kampfsportkünstler. Über Insekten in Menschengestalt, aus denen dann die menschlichen Darsteller herausschlüpfen, wundert man sich schon nicht mehr.​

Die Geschichte der „Cannon“-Schundschmiede

Es ist eine Wundertüte, die der spanische Regisseur/Autor Miguel Llansó hier auskippt. Dabei ist diese spanisch-estländisch-äthiopisch-lettisch-rumänische Koproduktion kein wahllos bunter Trash, sondern kunstvoll zusammengesetzt – als wolle der Spanier der allgegenwärtigen Blockbuster-Glätte ein raues Gegenbild unter die Nase halten (oder reiben). Drehorte in einer Fabrik sollen das Innere eines U-Bootes simulieren, das fast schon antike Computer-Mobiliar erschafft eine mal wohlige, mal ärmliche Retro-Atmosphäre, unterfüttert mit Low-Budget-Flair. Die Schnitte sind bisweilen bewusst holprig, und sogar in der Originalfassung sind die Dialoge nachsynchronisiert, was dem Ganzen einen weiteren Verfremdungs-Effekt kredenzt; sinnigerweise hatte man sich für die deutsche Fassung ebenfalls Ungewöhnliches ausgedacht: Da sprechen die Musiker der Berliner Band „Stereo Total“ – Brezel Göring und die im Februar 2021  gestorbene Françoise Cactus – gleich alle Rollen. Warum auch nicht?​

Auf DVD bei Rapid Eye Movies , online bei Amazon Prime.

Kameramann Jost Vacano im Interview

Das Interviewbuch "Jost Vacano - Die Kamera als Auge des Zuschauers" von Marko Kregel ist nur noch antiquarisch zu haben, lohnt sich aber sehr.

Das Interviewbuch „Jost Vacano – Die Kamera als Auge des Zuschauers“ von Marko Kregel ist nur noch antiquarisch zu haben, lohnt sich aber sehr.

Kameramann Jost Vacano ist gerade 90 Jahre alt geworden. Grund genug, ein altes Interview auszugraben, das ich 2005 mit ihm führte – anlässlich der Buchveröffentlichung „Die Kamera als Auge des Zuschauers“ über „Das Boot“, aber auch über seine Zusammenarbeit mit Paul Verhoeven, die Kritik an „Starship Troopers“ und vor allem an „Showgirls“.

Herr Vacano, Literatur über Kameramänner ist selten – im Vorwort des Buchs über Sie schreiben Sie „wir stehen im Schatten“. Das klingt etwas resigniert.

Kritiker übersehen oft unsere Arbeit oder sie schreiben sie dem Regisseur zu. Das liegt bei uns an der Zeit des Autorenfilms, in der die Regisseure fast alles selbst gemacht haben. Die kreativen Mitarbeiter hat man da ganz gerne übersehen.

Ihre Arbeit ist frei von Manierismen – gab es keine Versuchung, ein Markenzeichen einzusetzen, das Ihre Arbeit sofort erkennbar macht?

Michael Ballhaus hat mal gesagt, er sucht seine Filme danach aus, ob er wieder seine berühmte Kreisfahrt unterbringen kann. Das ist nicht so ganz mein Stil. Ideale Kamera-Arbeit bedeutet für mich, den Fluss der Geschichte zu unterstützen.

Interview mit Sandra Hüller

Im Film „Panic Room“ fährt die Kamera dank Tricktechnik durch den Henkel einer Kaffeekanne. Wäre das was für Sie?

Ich bin kein Freund dieser Hypertechnisierung. Filmtricks waren früher ein Mysterium. Heute weiß das Publikum sehr genau, dass tricktechnisch so gut wie alles möglich ist – und deshalb hat vieles keine tatsächliche Wirkung mehr.

Hat ein Kameramann in optisch aufwändigen Filmen überhaupt noch eine gewisse Freiheit?

Bei „Starship Troopers“ habe ich Szenen gedreht, in denen die Darsteller erst später eingearbeitet wurden – in diesem Fall gigantische Käfer. Man muss immer das fertige Bild vor Augen haben und mit den Trickspezialisten engen Kontakt halten. Filme, in denen es um Gesichter und Emotionen geht, drehe ich schon lieber. Aber einen 100-Millionen-Dollar-Film zu drehen, ist spannend – und es schmeichelt dem Ego.

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Verdient man da entsprechend?

Das wäre schön. Immerhin habe ich in den USA das Dreifache von dem verdient, was ich in Deutschland bekam. Das ist nicht so viel, dass man größenwahnsinnig wird, aber man kann wählerischer werden.

In „Das Boot“ haben Sie den optischen Stil durchgesetzt – vernebelte Luft, wenig Licht, Enge. Das war damals neu und kommerziell durchaus riskant.

Ich wollte einen dokumentarischen Stil und habe nur mit den Schiffslampen beleuchtet, die ohnehin zum Boot gehören. Regisseur Wolfgang Petersen fragte mich immer wieder: „Bist Du von Sinnen, wir drehen für den Weltmarkt.“ Doch ich habe mich durchgesetzt, und letztlich war das die Stärke des Films.

Nach dem „Boot“ sahen auch US-Filme anders aus. Die Optik etwa im Kriegsfilm „U-571“ erinnert an Ihre Arbeit.

Drei Viertel aller Einstellungen dort sind platte Kopien meiner Ideen. Einer aus dem Team dieses Films hat mir erzählt, dass der Regisseur bei den Dreharbeiten regelmäßig die DVD vom „Boot“ angeschaut hat.

Bei „Total Recall“ haben Sie mit Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone gearbeitet. Wie ist der Umgang mit Stars?

Sharon Stone war sehr unbeliebt, weil sie ständig Extrawürste wollte. Der Arnold aber ist kein Star im US-Sinne, bei dem etwa festgelegt ist, wer ihn ansprechen darf. Wir haben uns bestens verstanden.

Wie war es denn 1978 mit Helmut Berger im Krimi „Das fünfte Gebot“?

Überhaupt nicht angenehm. Nicht nur menschlich unappetitlich.

Ihre fruchtbarste Zusammenarbeit hatten sie mit Regisseur Paul Verhoeven – sieben gemeinsame Filme. Was für ein Verhältnis ist das, wenn man so viel zusammen arbeitet?

Eine sehr intensive Arbeitsfreundschaft, die aber nicht zu einer Lebensfreundschaft werden muss. Als ich mit dem Film aufhörte, haben wir uns voneinander verabschiedet.

Kaum ein Film wurde so aggressiv attackiert wie der freizügige „Showgirls“ – haben Sie das beim Dreh geahnt?

Wir wussten, dass wir zur Sache gehen – über die Reaktionen waren wir aber dennoch erstaunt. Wir hatten nicht bedacht, dass Las Vegas etwas ganz Exotisches für Amerikaner ist. Im Kino vor der Haustür wollen die das nicht sehen. Das Publikum schlich sich verschämt aus dem Kino wie aus einem Sex-Shop. Meine Arbeit im Film mag ich aber sehr. Diese Stadt des Lichts – das passte einfach wunderbar.

„Showgirls“ ist auch nur einer von zwei Filmen, die Sie im Breitwand-Format gedreht haben – dabei verbindet man dieses Format doch eher mit Kino-Ästhetik als das dem Fernsehbild ähnlichere 1:1,85-Format.

Tanzszenen wie in „Showgirls“ schreien nach dem breiten Format. Sonst finde ich aber, dass das 1:1,85-Format viel eher der natürlichen Wahrnehmung entspricht. Cinemascope hat eher Ausstellungscharakter.

Irritiert es bei der Arbeit, wenn die Darsteller wie in „Showgirls“ oft nackt sind?

Nach einem Tag ist das vergessen. Bei „Starship Troopers“ gab es eine Duschszene, doch die Darsteller wollten sich nicht ausziehen. Da haben Paul Verhoeven und ich damit angefangen, und dann war die Kuh vom Eis.

„Starship Troopers“ ist eine Satire auf Militarismus – wurde aber als faschistischer Film angegriffen.

Diese Kontroverse war zu erwarten, für uns war die Kritik dennoch sehr kränkend. Mittlerweile wird der Film aber besser verstanden. Im Grunde wurde der Film aber für die falsche Zuschauergruppe gedreht. Junge Leute mochten den Film nicht, Erwachsene habe ihn kaum gesehen, weil sie dachten, es sei ein reiner Action-Popcornfilm.

„55 Tage in Peking“ auf Bluray

Er kleckerte nicht, er klotzte. Bei Madrid baute US-Produzent Samuel Bronston (1908-1994) Studios und gigantische Kulissen, eine Art Klein-Hollywood in einem Land der niedrigeren Löhne und weniger strengen Gewerkschaften. In Spanien entstanden so 1961 die Epen „König der Könige“ und „El Cid“, letzteres mit Charlton Heston. Der spielte zwei Jahre später auch in Bronstons „55 Tage in Peking“. Im Jahr 1900 spielt der Film – die Bewegung der Boxer bringt China in Unruhe, sie ermorden chinesische Christen und Ausländer. Als sie das Diplomatenviertel der Stadt stürmen wollen, sind vor allem US-Soldat Lewis (Heston mit gerecktem Heldenkinn) und der britische Diplomat Robertson (David Niven mit gezwirbeltem Schnurrbart) gefragt.

Nostalgie: Die Serie „Stingray“ von Gerry Anderson

Diese sichtlich teure Mischung aus Massen- und Dialogszenen in edel ausgestatteten Studiokulissen ist Großkino von gestern, mit vielen Glatzenkappen und Nicht-Asiaten, die Asiaten spielen; der Film lässt sich nostalgisch anschauen, verlangt aber auch etwas Geduld – nicht zuletzt wenn es mit Ava Gardner glamourös und romantisch werden soll. Doch Heston, Niven, die Actionsequenzen und das exzellente Bild der Bluray reißen es heraus. 1964 war es aber schon vorbei mit Bronstons Imperium: Der Misserfolg von „Der Untergang des Römischen Reichs“ begrub ihn unter einem Schuldenberg.

Bluray von Black Hill / WVG, 158 Minuten. Extras: Deutscher Trailer.

„Radical – eine Klasse für sich“ mit Eugenio Derbez

Szene aus "Radical": Eugenio Derbez als Lehrer Sergio. Foto: Ascot Elite

Eugenio Derbez als Lehrer Sergio. Foto: Ascot Elite

Im Kino ist manches ja zu schön, um wahr zu sein. Was aber, wenn es schön und auch tatsächlich wahr ist (abzüglich ein wenig künstlerischer Freiheit)? „Radical – eine Klasse für sich“ ist so ein Fall. Um einen Lehrer geht es, der sich gegen ein starres Bildungssystem wendet, dabei Talente entdeckt und fördert, die sonst unbeachtet blieben – darunter eine nahezu geniale Schülerin, die an einem Müllplatz lebt.​

Diesen Lehrer und seine hochbegabte Schülerin gibt es tatsächlich, der Film von Christopher Zalla erzählt ihre Geschichte, die sich 2011 zutrug. Matamoros ist eine mexikanische Küstenstadt, eher staubig als blühend. Was blüht, ist der Drogenhandel; was staubt, sind die alten Bücher in der Bibliothek der lokalen Grundschule. Dort hat man sich damit abgefunden (teilweise bequem damit eingerichtet), dass allzu viel Ehrgeiz beim Lehren ohnehin nichts bringt: Wer die Schule nicht vorzeitig verlässt, weil er Geld für die verarmte Familie verdienen muss, wird von den Drogengangs angeheuert, mit Versprechungen einer finanziell gesicherten Zukunft oder schlicht mit Drohungen. Die Lehrkräfte deklamieren schnarrend Sätze über Disziplin, haben aber längst aufgegeben. Eine letzte Initiative war vor Jahren, Gelder für Schul-PCs einzuwerben, diese wurden bewilligt, versickerten aber im Korruptionsdickicht, bevor sie die Schule erreichten.​

„Wir lassen uns nicht begraben“​

Ein neuer Lehrer namens Sergio geht die Sache anders an, dreht (ziemlich symbolisch) die Tische im Klassenzimmer um, erklärt sie zu Rettungsbooten und versucht, Themen wie Masse, Volumen und Dichte lebensnah zu vermitteln. Sein Credo für die Klasse und für sich: „Wir lassen uns nicht begraben. Wir werden die beste Klasse der Welt sein.“ Das Kollegium ist befremdet bis entsetzt, nur der Schulleiter ahnt langsam, was der Lehrer vorhat. Aber die beiden stehen ziemlich alleine da.​

„Gondola“ von Veit Helmer

 

Szene aus Film "Radical": Paloma (Jennifer Trejo) und Nino (Danilo Guardiola). Foto: Ascot Elite

Paloma (Jennifer Trejo) und Nino (Danilo Guardiola). Foto: Ascot Elite

Wohlfühl-Formel​

Eugenio Derbez ist ein großer Star des mexikanischen Kinos und mit seiner integren Ausstrahlung eine passende Besetzung. Den beseelten Pädagogen nimmt man ihm jederzeit ab, auch die jugendlichen Darstellerinnen und Darsteller leisten Erstaunliches. Natürlich hört man gerne ein filmisches Hohelied auf Bildung und Individualismus, auf Menschlichkeit und Hoffnung. Und doch fällt dabei auf, wie formelhaft der Regisseur, zugleich Ko-Autor, erzählt. Man könnte den Film Szene für Szene nach Kalifornien verpflanzen, die Hauptrolle mit Robin Williams besetzen (der einst Vergleichbares in „Der Club der toten Dichter“ spielte) – und man hätte einen perfekten, stromlinienförmigen Hollywood-Wohlfühlfilm.​

Gedämpfter Realismus​

So gesehen hat es etwas Ironisches, dass der Film sich „Radical“ nennt, ist er doch so un-radikal wie möglich erzählt – wenn auch rundum kompetent. Und so geht er ans Herz, obwohl man spürt, wie kalkuliert er das tut, inklusive einer großen Krise kurz vor Schluss, aus der sich die Figuren zum Finale wieder erheben können. In der Zeichnung der Tristesse im Ort will „Radical“ nicht gänzlich realistisch werden – das tragischste Geschehnis des Films wird bewusst nicht im Bild gezeigt. Das kann man als gnädig empfinden oder auch als allzu zurückhaltend, als wolle man nicht mit zu viel Realität verschrecken. Seine Geschichte will der Film eben einem möglichst großen Publikum erzählen, was legitim ist.​

„Radical“ läuft bundesweit im Kino, im Saarland aktuell in der Camera Zwo

 

Dreharbeiten zum Film „[T]oxygen“

Dara Lalo als Gal in einer Szene des Films "[T]oxygen", der im Weltkulturerbe Völklinger Hütte entsteht.

Dara Lalo als Gal in einer Szene des Films „[T]oxygen“, der im Weltkulturerbe Völklinger Hütte entsteht. Foto: Moritz Reitmann / [T]oxygen

Dreharbeiten im Weltkulturerbe Völklinger Hütte: Hier entsteht der Film „[T]oxygen“ über eine Welt, in der die Luft zum Atmen knapp wird.

Im nebligen Halbdunkel geht ein wenig die Sonne auf. „Gekauft! Danke!“, ruft Regisseur John Never erleichtert und sieht ziemlich glücklich aus. Vor zwei Monitoren sitzt er, in einem dunklen Gang der Völklinger Hütte, neben ihm Ko-Regisseurin Sabrina Döpp. Auf dem Bildschirm schauen sie sich an, was ein paar Meter weiter gefilmt wird: Maskierte Menschen mit klobigen Tornistern auf dem Rücken traben durch die Brennerbühne in der Sinteranlage, diffus ist das Licht, man riecht die alten Anlagen. Die Kamera von Vincent Schulist zieht in tiefer Position an den Menschen vorbei – was man auf den Monitoren sieht, ist beeindruckend: düster und atmosphärisch, als hätten sich die Filme „Blade Runner“, „Dark City“ und „Metropolis“ in Völklingen getroffen.​

Eigens ein „Nebelbeauftrager“ ist dabei​

„[T]oxygen“ heißt der Kurzfilm, der hier entsteht und eine knappe halbe Stunde lang werden soll. Es ist der dritte Drehtag von neun, erst einmal – und zugleich der aufwändigste, mit 20 kostümierten Komparsen, 50 Teammitgliedern und, wie Produzent Lukas Weishaar erzählt, einem offiziellen „Nebelbeauftragen“. Der Film führt in eine erschreckende Welt der Zukunft, in der sogar die Luft knapp wird. Damit die Menschen im Smog ihrer von Industrieanlagen zugewachsenen Welt nicht ersticken, gibt es noch ein paar Fabriken mehr; in denen wird die verrußte Luft gefiltert und wieder atembar gemacht. Der Lohn für die Arbeiterinnen und Arbeiter in diesen Sauerstoff-Kläranlagen: Luft zum Überleben.​

 

Gruppenbild mit Team, Statistinnen und Statisten bei den Dreharbeiten von "[T]oxygen". Foto: Moritz Reitmann / [T]oxygen

Gruppenbild mit Team, Statistinnen und Statisten.     Foto: Moritz Reitmann / [T]oxygen

Regisseur Never, Mediengestalter und Künstler, studiert „Media Art & Design“ an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK); er hat das Drehbuch geschrieben, kümmert sich um das Sounddesign und komponiert die Musik. Erste Eindrücke, auch einen filmischen Teaser, gibt es auf der Internetseite des Films, der unter dem Dach der HBK entsteht, aber doch um einiges aufwändiger ist als ein klassischer Hochschulfilm. Die Saarland Medien fördern mit 8000 Euro, die Hochschule Offenburg ist beteiligt, auch das Technik Museum Sinsheim unterstützt.​

 

Multitasking: Regisseur/Autor/Komponist John Never mit dem Heißkleber an einer Requisite. Foto: Moritz Reitmann / [T]oxygen

Multitasking: Regisseur/Autor/Komponist John Never mit dem Heißkleber an einer Requisite. Foto: Moritz Reitmann / [T]oxygen

Zudem haben die rührigen Filmemacher um Never und Co-Regisseurin Döpp, die an der HBK diplomiert hat, 5265 Euro per Crowdfunding angeworben, um das ambitionierte Projekt zu stemmen, das ohne eine gewisse Selbstausbeutung nicht möglich wäre. Jeder hier arbeitet auf Rückstellung, Geld gibt es keins zu verdienen – möglich ist das höchstens, wenn sich der Traum einer Fortführung erfüllen würde. Zwar sei „[T]oxygen“ in sich abgeschlossen, könnte zugleich aber auch der Beginn einer seriellen Erzählung sein, sagt Döpp. Also Stoff eventuell für einen Streaming-Anbieter oder TV-Sender? Alle hoffen es.​

 

Ko-Regisseurin Sandra Döpp. Foto: Moritz Reitmann / [T]oxygen

Ko-Regisseurin Sandra Döpp. Foto: Moritz Reitmann / [T]oxygen

Stahl aus Styropor​

Derweil schaut Ralf Beil in der Halle vorbei, Direktor des Weltkulturerbes, und ist sichtlich angetan von dem, was hier passiert. In der Mitte des Raums steht das Modell der Völklinger Hütte, ist nun aber abgedeckt von scheinbaren Eisenplatten. Doch die klingen beim Draufklopfen weniger massiv denn merkwürdig schmalbrüstig – kein Wunder, es sind Styroporplatten der Filmkulisse. Auf denen liegen Requisiten, die einen gewissen Retrofuturismus ausstrahlen. Die klobigen Bohrmaschinen und blinkenden Messgeräte wirken, als kämen sie aus der Zukunft und der Ära der industriellen Revolution zugleich.​

Von links: Set Designer und Executive Producer Martin Lambrecht, Regisseur/Autor John Never und Produzent Patrick Müller. Foto: tok

Von links: Set Designer und Executive Producer Martin Lambrecht, Regisseur/Autor John Never und Produzent Patrick Müller. Foto: tok

Der Nebel über der Brennerbühne lichtet sich langsam; die Komparsen traben an die frische Luft für ein Erinnerungsfoto, vorbei an einem kleinen Berg Schnittchen und einer Sauerstofftornister-Requisite, die an einer Wand lehnt; fünf Kilo schwer und mit einem blinkenden Display, das Regisseur Never selbst „gestaltet und zusammengelötet“ hat, wie er sagt.​

Kulissen in der Handwerkergasse​

Zeit für eine kurze Mittagspause und ein paar Schritte weiter in Richtung Handwerkergasse auf dem Hüttengelände. An einer Tür klebt ein Blatt Papier mit dem Hinweis „[T]oxygen Base“, neben einem Schild, das vermutlich mit dem Film nichts zu tun hat: „Bitte Pferde nicht füttern und anfassen.“ Hier in der Gasse ist unter anderem eine Kulisse des Films aufgebaut: Eine karge Schlafkammer mit minimal verputzten Backsteinwänden, einem staubigen Plattenspieler, Bücherregal und einem Bett, dem man den ein oder anderen Floh zutrauen würde. Eine kunstvoll abgewohnte Kulisse, gebaut von Martin Lambrecht, zuständig für Set Design, zugleich einer der Produzenten. Multitasking eben.​

Im Kulissenzimmer nebenan steht ein staubiges Keyboard mit allerlei kleinen Anbauten auf einer Werkbank. Hier lebt im Film die Hauptfigur Gal (gespielt von Dara Lalo), ein Arbeiter in einer Fabrik für Energiegewinnung und Luftfilterung. Sein Vater ist bei ihm, auf den Rollstuhl angewiesen und ohne Unterstützung – in dieser Zukunftswelt gibt es ebenso wenig frische Luft wie Sozialsysteme. Der Vater wird im Film auf der staubigen E-Orgel spielen, für ihn und den Sohn „eine Zuflucht aus der Einförmigkeit der Fabrik und der Welt“, wie Never sagt. Durch einen Zwischenfall in der Fabrik wird sich die Situation für Vater und Sohn weiter zuspitzen.​

Hoffen auf Festivals​

Nach diesen neun Drehtagen am Stück wird es im Sommer einen zweiten Drehblock geben, erklärt Produzent Patrick Müller: „In diesem Jahr soll der Film abgedreht sein, nach der Postproduktion werden wir ihn bei Festivals einreichen.“ Auch beim Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Preis. Und die Idee einer Weiterführung? „Ob das klappt, ist schwer abzuschätzen“, sagt Regisseur Never, „aber wir wollen die Geschichte unbedingt weiter erzählen.“ Wenn nicht filmisch, dann eben als Buch. „Aber es wäre sehr schade, wenn wir das nicht visuell machen können. Unsere Geschichte geht noch deutlich weiter – am Ende des Kurzfilms könnte es gleich mit dem Abenteuer weitergehen.“​

 

Ein Kulissenraum mit der antiken Heimorgel. Foto: tok

Ein Kulissenraum mit der antiken Heimorgel. Foto: tok

Doch die Muße, von Fortführung und einer Serie zu träumen, haben die Filmemacher zurzeit kaum. Die aktuelle Produktion ist ambitioniert, trotz Rückstellung der Beteiligten ist sie eng kalkuliert, Geld und Zeit sind so knapp wie der Sauerstoff im Film. „Wir hatten eine Diskussion, ob wir das Ganze nicht komplett runterbrechen und eine Nummer kleiner machen“, gibt Never zu, „aber das würde nicht gut aussehen. Das wollen wir nicht.“ So versucht man es eben mit vollem Einsatz. „Wir wollen ja auch zeigen, dass man so etwas im Saarland verwirklichen kann“, sagt Never. „Mein Fazit zurzeit wäre aber eher, dass es nicht wirklich funktioniert.“ Denn Never und auch Döpp haben letztlich eigenes Geld zugeschossen, Never nahm einen Kredit auf, wie er sagt, damit die Produktion so läuft, wie es in seinen Augen nötig ist. So sind Geldgeber, Sponsoren und Unterstützer aller Art weiterhin sehr willkommen. Die Mittagspause ist inzwischen vorüber – von der sonnigen Handwerkergasse geht es wieder ins Halbdunkel der Brennerhalle, die Zukunft wartet.​

Infos, Fotos, Musik und Produktionsentwürfe gibt es unter https://toxygen-film.de

„America“ von Ofir Raul Graizer

Szene aus "America": Oshrat Ingedashet als Iris. Foto: Laila Films

Oshrat Ingedashet als Iris. Foto: Laila Films

Liebe, Freundschaft, Verlust, Aufopferung – es sind keine kleinen Themen, von denen der Film „America“ erzählt. Der israelische Regisseur und Autor Ofir Raul Graizer webt in seiner zweiten Kinoproduktion (nach „The Cakemaker von 2017) ein dichtes Netz der Gefühle; dabei ist ihm ein anrührender Film gelungen.

In Chicago geht Eli (Michael Moshonov) seinem geregelten Alltag nach – Frühstück, Trimmdich und dann die Arbeit in einem Schwimmbad, wo er unter anderem einem ängstlichen Jungen die Furcht vor Wasser zu nehmen versucht. Ein Anruf aus der alten Heimat Tel Aviv stört die Routine des zurückhaltenden Mannes: Elis Vater ist gestorben, seine Mutter lebt schon lange nicht mehr. Nun muss er wegen des geerbten Hauses zurück an einen Ort, den er hinter sich lassen wollte – so hat er mittlerweile sogar seinen Familiennamen Greenberg abgelegt, nennt sich nun Cross.​

Engste Freundschaft aus der Jugend​

Warum das Verhältnis zum Vater schwierig war, wird im Lauf des Films klar – man versteht den immer etwas dunkel umrandeten Blick aus Elis Augen. In der alten Heimat trifft er seinen engsten Kindheitsfreund wieder, Yotam (Ofri Biterman); wie platonisch oder unplatonisch ihre Freundschaft einst war, darüber mag man spekulieren, der Film hält dies in der Schwebe. Yotam führt einen Blumenladen mit seiner Freundin Iris (Oshrat Ingedashet). Für Eli ist Yotam so etwas wie eine Rettungsinsel in der ungeliebten alten Heimat; doch als sie zusammen einen Wasserfall in Haifa besuchen, einen gemeinsamen geliebten Ort der Kindheit, ändert sich alles: Yotam stürzt unglücklich, verletzt sich schwer – ob er aus dem Koma jemals aufwachen wird, ist ungewiss.​

Andreas Pflügers Buch „Herzschlagkino“

In vier Kapitel, zwischen denen jeweils einige Monate liegen, hat Regisseur Graizer seinen Film gegliedert. So erzählt er im großen Bogen von Eli und Iris, die sich in Abwesenheit des komatösen Yotam näherkommen – verbunden vielleicht auch durch die gemeinsame Liebe zu dem schmerzlich Vermissten. Doch als Yotam nach Monaten wieder seine Augen öffnet und langsam ins Leben zurückfindet, empfinden Eli und Iris eben nicht nur große Freude und Erleichterung. Was tun? Yotam alles erklären und damit eventuell seine fragile Gesundheit bedrohen? Die Liebesbeziehung lösen?​

 

Szene aus "America": Ofri Biterman als Yotam (links), Michael Moshonov als Eli. Foto: Laila Films

Ofri Biterman als Yotam (links), Michael Moshonov als Eli. Foto: Laila Films

Manchmal überdeutlich​

„America“ (ein Titel, der unklar bleibt, auch wenn man das Land als Elis Flucht- oder Sehnsuchtsort begreift) umgeht dabei das große Melodram. Was andere Filme möglicherweise zur großen Seifenoper hochgeschäumt hätten, bleibt hier bodenständig und kitschfrei. Zwar gibt es die eine oder andere etwas überdeutliche Metapher und ein, zwei etwas zu bewährte Bilder (etwa zwei Hände, die schüchtern tastend zueinander finden). Insgesamt aber ist das ein sehr gut gespieltes, berührendes Drama der eher leisen Töne und der Dialoge, bei denen sich zwischen den Zeilen viel tut.​

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