Film und dieses & jenes, von Tobias Keßler

Schlagwort: Kino

Liebe und Angst: „Poppy Field“ von Eugen Jebeleanu

Polizist Cristi (Conrad Mericoffer) im Kino, das homophobe Nationalisten besetzt haben.    Foto: MissingFilms

 

„Stoppt die Homo-Mafia!“ „Gottes Strafe wird kommen!“ Das skandiert eine Gruppe von Fanatikern, die in Bukarest ein Kino besetzen, Jesus-Bildchen schwenken und die Vorführung eines Films mit lesbischer Thematik unterbrechen. Polizisten versuchen, die hitzige Situation abzukühlen – mit dabei zwischen den hysterischen Demonstranten und den wütenden Kinogängern ist der junge Polizist Cristi. Er ist homosexuell, aber die Kollegen wissen das nicht – und er tut alles, damit die es nicht erfahren, fürchtet er sich doch vor Anfeindungen in diesem Umfeld mit klarer Hetero-Macho-Ausrichtung.​

Reale Kino-Störungen in Bukarest​

Das ist der Ausgangspunkt von „Poppy Field“, einem intensiven Film aus Rumänien, dem Filmdebüt des Theaterregisseurs Eugen Jebeleanu. Die Demonstration im Kino ist dabei keine Drehbuchfiktion – mehrere Vorführungen von Filmen mit homosexueller Thematik sind vor einigen Jahren in Rumänien gestört und unterbrochen worden.​

Bevor es im Film zu dem Konflikt im Kino kommt, erzählt Regisseur Jebeleanu vom Privatleben Cristis – sein Freund Hadi aus Paris reist an, zusammen in Cristis Wohnung sind sie glücklich; doch auf Hadis Idee, gemeinsam übers Land zu fahren, reagiert er abweisend. Cristis Schwester schaut vorbei, mischt sich ein, versteht dessen Widerstand nicht, verabschiedet sich schnell wieder. Aber vorbeischauen wollte sie doch, denn sie interessiert sich für Christis „aktuelle Gay-Phase“, die sie wohl für genau das hält – eine Phase, die vorüber geht.​

Gängelung durch die Polizei​

Bei diesen langen Dialogen liegt viel Spannung in der Luft, die sich noch steigert, als Cristi seinen Dienst antritt und ins Kino gerufen wird. (Erst jetzt erfahren wir, dass er Polizist ist). Die Stimmung dort ist aufgeheizt, auf Seiten der hysterischen Homophoben ohnehin, aber auch auf Seiten der Kinogänger – denn abgesehen von der abgebrochenen Vorstellung dürfen sie das Kino nicht verlassen, ohne dass ihre Personalien erfasst werden.​

Für Cristi wird die Situation zunehmend schwierig – einer der Kinogänger ist ein alter Bekannter, möglicherweise Liebhaber, der ihm droht, dessen Sexualität offenzulegen. Der reagiert mit Gewalt. Wohl nicht zum ersten Mal im Dienst – die Kollegen wollen ihn widerwillig noch einmal decken, eventuell auch mit kollektiven Lügen. Cristi sitzt alleine im leeren Kino, während sich die Situation im Foyer sehr langsam entkrampft. Nacheinander kommen einige Kollegen zu ihm, reden mit ihm, einer zeigt Verständnis, dass er es „der Schwuchtel mal gezeigt hat“, ein anderer erzählt von sich; und durchweg versucht Christi, die Hetero-Fassade aufrecht zu erhalten – auch mit homophoben Sprüchen.​

Diese längeren Gesprächspassagen haben durchaus etwas Theater- und auch Thesenhaftes; filmisch ist das dennoch packend, da die Darsteller exzellent sind – vor allem Conrad Mericoffer als Christi, in dem es spürbar brodelt, der aber nichts herauslassen will und dann in Panik zuschlägt. Zudem haben die hitzigen Szenen im Kinofoyer eine geradezu dokumentarische Kraft, Kameramann Marius Panduru ist sehr nahe an den Figuren, man ist mittendrin – ein aufwühlender Effekt.​

„Shiva Baby“ von Emma Seligman

Shiva Baby Rachel Sennott

Rachel Sennott, eine Entdeckung, als Danielle. Foto: Mubi

Was für ein Tag – und was für ein hinreißender Film. „Shiva Baby“ erzählt von einem Tag aus dem Leben der jungen Danielle: vom mittäglichen Sex auf der Couch bis zum Ende einer Beerdigung in der Nachbarschaft. Die Tote kennt sie zwar nicht, aber das hindert sie nicht daran, den Trauergästen vorzuschwärmen, wie viel Lebensfreude die Verstorbene zu Lebzeiten hatte – sie hat Übung darin, anderen etwas vorzumachen; eigentlich ist sie nur auf Bitten ihrer Eltern zugegen, da die mal wieder nach ihrer Tochter schauen wollen, die nicht so richtig den Platz im Leben gefunden zu haben scheint.​

​Junge Menschen auf Sinnsuche sieht man ja immer wieder im Kino – aber selten in so kompakter und wunderbar tragikomischer Form wie in diesem Langfilmdebüt von Emma Seligman. In 77 straffen Minuten führt sie ihre Figur durch extreme Gefühlslagen, mal ist Danielle Herrin der Lage, mal verunsichert, mal knapp vor einem Nervenzusammenbruch.​

Zu Anfang verabschiedet sich Danielle von ihrem Liebhaber Max, der eher ein Kunde ist, den sie beim Vollzug „Daddy“ nennt und der ihr bei den Treffen regelmäßig Geld zusteckt; dass er damit ihr Jura-Studium unterstützt, ist eine fromme Lüge, auf die sich beide wohl dankbar geeinigt haben. So muss sie sich nicht als Nebenher-Prostituierte fühlen, er nicht als Freier, und man mag sich ja auch.​

Bei der Beerdigung ahnt davon niemand, aber Danielles permanent miteinander streitenden Eltern wissen zumindest, dass es beruflich nicht läuft – mit halbherzigen „gender studies“ lässt sich kein Leben finanzieren, die Hinweise auf ein Jura-Studium sind kleine Notlügen. Und so lassen die Eltern nichts unversucht, bei der Beerdigung im Haus der Hinterbliebenen die Trauergäste nach einem Job für ihre Tochter zu fragen – nicht subtil genug, um damit nicht ein bisschen peinlich aufzufallen. Regisseurin und Autorin Seligman schafft da eine wunderbar dichte Atmosphäre und hat ein Händchen für witzige Dialoge, bei denen viele verbale Giftpfeile verschossen werden.​

In dem kleinen Haus stehen die Trauerenden am Buffet herum, sie tratschen, halten Smalltalk („soooooooo nice to see you“), lästern entweder offen oder zwischen den Zeilen. Wenn es heißt, Danielle habe „so schön abgenommen“, folgt gleich der Verdacht auf eine Essstörung.​

Ohnehin nervlich etwas angeschlagen, trifft Danielle eine alte Freundin wieder: Maya, mit der sie einst eine mehr als platonische Beziehung verbunden hat, die Danielle abrupt beendet hat. Die Dialoge zwischen den beiden sind anfangs ziemlich feindselig, man spürt, dass hier noch nicht alles gesagt ist und dass da noch ein altes Feuer glimmt. Den nächsten Schubser in Richtung Nervenzusammenbruch ist die Ankunft des Kunden/Freundes/„Sugar Daddys“ vom Filmbeginn namens Max. Dass der ebenfalls Verbindungen zu ihrer Nachbarschaft hat, wusste Danielle ebenso wenig wie die Tatsache, dass er verheiratet ist, Vater ist und seine ebenso attraktive wie beruflich höchst erfolgreiche Ehefrau dabei hat. Die Beerdigung droht für Danielle zum großem Kollaps zu werden.​

Die kanadische Regisseurin Emma Seligman (27), die in New York Film studiert hat, erzählt das mit viel Witz, Tempo und exzellenten Mimen; die Kamera von Guy Sahaf dreht ihre dynamische Runden in dem Haus voller Menschen; die Musik von und mit Ariel Marx, mit nervösem Schlagwerk und manchmal schrägen Streicherklängen, unterstreicht die Atmosphäre des Absurden und Unerwarteten. Allem zugrunde liegt eine gewisse Melancholie, es geht auch um Enttäuschungen, gescheiterte Pläne, unterschiedliche Lebensentwürfe und unterschiedliche Generationen. Da kann die Riege der Eltern und älteren Bekannten schon mal ziemlich gruselig wirken, wenn die Kamera ganz nahe herangeht und die Szenerie in ein diabolisches Orangerot getaucht ist – in einer witzigen Szene, die wohl eine Hommage an „Rosemary‘s Baby“ ist.​ Ein bemerkenswertes Spielfilmdebüt.

Der Film ist bei Mubi zu sehen.

„Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger“

Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger

Schriftsteller, Verlags- und Buchmensch Michael Krüger.  Foto: Real Fiction

„Man muss sich ja langsam auf den Tod vorbereiten“, sagt Michal Krüger. Ganz ohne Larmoyanz, sondern eher aus ganz nüchterner, praktischer Sicht heraus – zumal er zu diesem Zeitpunkt noch kerngesund ist. Man müsse die ganzen „Trümmer aus dem Kopf kriegen“, Gedanken, Projekte; sonst sei man zu schwer und könne ja nicht „in den Himmel aufsteigen“. Es ist Dezember 2013, wir sind in einem büchergefüllten Büro in München. Hier tritt Michael Krüger, damals 69 Jahre alt, seine letzten Monate als Geschäftsführer des Hanser Verlags an. Auf ihn wartet nicht der Tod, von dem er spricht, sondern ein wenig mehr Ruhe – die er aber sofort wieder randvoll füllt, mit Projekten, Lesungen, Schreiben, Buchprojekten.​

Einmal die Woche Franz Kafka​

Für sein berührendes filmisches Porträt „Verabredungen mit einem Dichter: Michael Krüger“ hat der Filmemacher Frank Wierke den Schriftsteller und Verlagsmenschen regelmäßig zu Gesprächen getroffen – von 2013, dem Beginn des Films, bis zum Februar 2020. Wierke (Buch, Kamera, Schnitt) lässt Krüger an verschiedenen Orten über sein Leben sprechen, über die Kunst, über die Philosophie, die Natur und auch die Rückenschmerzen durchs ungeübte Mähen per Sense „nach 40 Jahren Büroarbeit“. Ein filmisch zurückhaltendes Konzept mit großer Wirkung. Diesem Menschen hört man gerne zu, wunderbar spricht er über den Baum in seinem Büro, der ihn wohl überleben werde, über die Systematik im Bücherregal seines heimischen (und riesigen) Arbeitszimmers („ich kenne die Ordnung, sonst keiner“); über seine notwendige Franz-Kafka-Dosis einmal die Woche – und über andere Bücher, die er kaum noch aufklappt, deren Präsenz alleine aber schon wertvoll sei. „Sie beschützen einen.“      ​

Das könnte nun ins Prätentiöse abgleiten, aber Krüger ist nicht der Typ dafür. Von seiner Bibliothek führt er uns in seinen Garten und erzählt von seinen Bäumen, die ihn faszinieren, vor allem einer, der schon ein „Todeszeichen“ gab, dann aber sozusagen die florale Kurve bekam, wohl beseelt vom „Willen, es allen noch mal zu zeigen – wie bei alten Herrschaften“, wobei Krüger sich natürlich auch ein wenig selbst meint.​

Hat Philosophie noch was zu sagen?​

Biografisches erfährt man eher am Rande – sein Leben habe vor allem aus Büro, Ehe und Basketballtraining bestanden, erzählt Krüger nebenbei, zwischendurch erwähnt er seine Lehre zum Verlagsbuchhändler und Drucker. Vor dem Gang ins Kino, der sich unbedingt lohnt, sollte man vielleicht kurz Krügers Lebensweg googeln; dann versteht man auch, warum er in einem Raum der Akademie der Künste steht und auf München herabblickt, mit dieser „ganzen Angeberwelt“: Krüger war von 2013 bis 2019 Präsident der Akademie. Dort legt er im Film die Füße auf einem Ledersofa hoch und denkt laut über die Philosophie nach – das Schöne dran: Bei Krüger wirkt das nicht wie eine Selbstinszenierung, nicht wie eine entrückte Dichterpose. Dafür ist er zu nüchtern, ebenso bei seiner Sicht auf die Dinge: Eigentlich spiele die Philosophie keine große Rolle mehr in der Welt oder in Deutschland, wo sich „ein paar 1000 Leute von 80 Millionen“ für sie interessierten. Die Religion könne vielleicht ein Trost sein, auch wenn beim Gang in die Kirche „zu 99 Prozent“ nichts mit einem passiere – entscheidend sei das eine Prozent.​

Immer wieder sind Gedichttexte Krügers im Film präsent, in weißer Schrift auf grauem Grund – schwarzer Grund hätte wohl zu wuchtig gewirkt und somit nicht zu Krügers klarer Sprache gepasst.​

Eine Krankheit kommt​

Im Lauf der Dreharbeiten erkrankt Krüger an Leukämie – er nimmt es im Film äußerlich nüchtern auf, fast scheint es wie ein weiteres der vielen Themen, die ihn interessieren, die er mit höchster Neugier umkreist. Er sei „immer weniger Herr im Haus“ seines Körpers, gibt er zu, man fühle sich „langsam aus sich selbst herausgedrängt“. Aber so wie Krüger macht auch der zurückhaltende Film keine große Sache aus der Krankheit – Krüger lebt übrigens und war bei einer Premiere des Films dabei. Sie ist eher eine Befeuerung von Krügers Nachdenken über die Welt, das eine beruhigende Gelassenheit besitzt. So weit wie „Man weiß, dass man nichts weiß“ will er nicht gehen, aber darauf, dass man wenig weiß, könne man sich schon einigen. „Ich bin froh, meinen Namen zu wissen, das war‘s dann schon“, sagt er, was sich finsterer liest als es im Film klingt. Denn ebenso gilt: „Vielleicht leben wir schon im Paradies.“​

„Alle reden übers Wetter“ von Annika Pinske

Alle reden übers Wetter

Clara (Anne Schäfer) im Lebensmittelladen ihrer Jugend.

 

Es ist wohl nur schlüssig, dass ein Film, der vom Gefühl des Nichtdazugehörens erzählt und von ständig spürbarer Distanz, sein Publikum auch auf Abstand hält – zumindest am Anfang. Ohne große Erklärung oder Exposition wird man hineingeworfen in eine etwas heruntergekühlte und spröde Welt, in der sich Gemeinheiten hinter wohlgedrechselten Formulierungen verbergen und Machtverhältnisse in scheinbar dahingesagten Nebensätzen zementiert werden. Willkommen in der akademischen Welt von „Alle reden übers Wetter“: Clara (Anne Schäfer) geht auf die 40 zu, promoviert gerade über Hegels Freiheitsbegriff, arbeitet an der Uni und müht sich redlich, es sich mit ihrer resoluten Doktormutter nicht zu verderben; mit ihrem Assistenten hat sie eine Affäre, trifft ihn bloß im Hotel und ist befremdet, als der liebeskrank bekennt: „Mir reicht das einfach nicht mehr.“​

Für Clara reicht es vollkommen, mehr will sie nicht, denn in dieser Welt scheint sie nicht angekommen zu sein. Ursprünglich kommt sie aus der ostdeutschen Provinz, in ihrer elitären Universitätswelt schämt sie sich dafür und erfindet, um beim Geplauder bei Sektempfängen scheinbar zu bestehen, eine Diplomatenlaufbahn für ihren Vater. Zugleich schämt sie sich für die eigene Scham und sprengt eine wohlfeile Konversation westdeutscher Akademikerinnen und Akademiker über die biografischen Umbrüche in der DDR mit der Bemerkung, ihr Vater habe sich nach dem Fall der Mauer erschossen.​

Eine Atmosphäre der Kälte und der Spröde zieht sich durch das erste Filmdrittel. Die Dialoge (Regie und Buch: Annika Pinske) sind wunderbar doppelbödig, da verbergen sich hinter simplen Dienstbesprechungen kleine bis große Spitzen, hier werden ständig Pfründe abgesteckt. Und, das wird mehr als einmal klar, hier haben es Frauen schwer in Männerseilschaften; aber auch die Frauen untereinander schonen sich nicht – etwa in einer markanten Szene mit einem Mini-Auftritt von Sandra Hüller. Ob der Film in der Darstellung der akademischen Welt übertreibt? Pinske jedenfalls kennt das Milieu gut, hat Philosophie und Literaturwissenschaften studiert, bevor sie an der Volksbühne arbeitete und zeitweise als Assistentin von Regisseurin Maren Ade („Toni Erdmann“). „Alle reden übers Wetter“ ist ihr Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB).​

Es brodelt bei Clara, die nach außen hin immer beherrscht und etwas kühl auftritt, und so fährt sie gerne von Berlin zu ihrer Mutter aufs Land in die ehemalige DDR (gedreht wurde in der Gemeinde Krackow im Süden Mecklenburg-Vorpommerns). Nur: Anders als in Hollywoodfilmen, in der in der alten Heimat die Welt noch viel mehr in Ordnung ist als in der hektischen bösen Großstadt, findet Clara hier auch keinen wirklich heimischen Ort mehr. Ihre Mutter (famos: Anne-Kathrin Gummich) liebt sie, aber schon ihr flapsiger Satz „Na, was macht die Hauptstadt?“ ist ein Fingerzeig dafür, wie die alten Bekannte und Freunde ihren Weggang vom Land nach Berlin empfinden: als Verrat, als Zurücklassen.​

Die Mutter flüchtet sich gerne in Floskeln („Wie die Zeit vergeht“), vieles bleibt hier unausgesprochen, höchstens angedeutet. Kein Wunder, dass Claras alter Jugendfreund und aktuell Kneipenwirt (Max Riemelt), bekennt, dass er jemanden vermisst, mit dem er wirklich mal reden kann. Ein großes Thema des Films ist Kommunikation – hier zählt jedes Wort, jede Andeutung (und auch jedes Schweigen).​

Das Drehbuch spitzt zu und ist manchmal wenig subtil: Da schneidet der Film von Rechtsextremen, die im Auto „Deutschland erwache!“-Rockmusik hören, zu den Älteren der Gemeinde, die sich zu muffiger Schlagermusik vor der „Parkschenke“ in den Armen liegen. Ist der Alkoholgehalt hoch genug, wird über das Versagen der Politik gespottet und dass es doch nicht überraschend sei, „wenn hier die Hütte mal brennt“. Ist das vielleicht übertrieben gezeichnet? Regisseurin Pinske ist in Frankfurt/Oder aufgewachsen, vieles verbindet ihre Biografie mit der Figur Clara.​

Vieles wird im Film angesprochen: Heimat, Freiheit, Identität, Ost-West-Distanz und das Frausein in einer männerdominierten Welt. Da droht der Film manchmal, ein wenig didaktisch zu wirken. Aber er gleicht das aus durch seine dichte Atmosphäre – man spürt förmlich, wie Luft steht – und seine famose Darstellerin Anne Schäfer, die nicht um die Sympathie des Publikums buhlt.​

„Abteil Nr. 6“ von Juho Kuosmanen

Juho Kuosmanen Abteil Nr. 6

Laura (Seidi Haarla) am Fenster. Frische Luft ist in diesem Zug vonnöten. Foto: Eksystent

 

1500 Kilometer Reise mit der Bahn sind ja lange genug – aber sie drohen sich doppelt so lang anzufühlen, wenn man den Schlafwagen mit Ljoha teilen muss: Der junge, laute Russe mit dem kahlgeschorenen Kopf hat sich im Abteil schon mal breit gemacht, nuckelt abwechselnd an einer Schnapsflasche oder beißt in eine Dauerwurst. Für die Finnin Laura wird es eine lange Fahrt von Moskau nach Murmansk. Dort, nördlich des Polarkreises, will sich die Archäologiestudentin historische Felszeichnungen ansehen; der Minenarbeiter Ljoha will in Murmansk vor allem Geld verdienen. Doch erst einmal muss dieses ungleiche Duo die Reise im engen Abteil überstehen, ohne sich gegenseitig eine Wodkaflasche auf den Kopf zu schlagen (oder eine Dauerwurst).​

Zugegeben – es ist eine ziemlich stereotype Roadmovie-Konstruktion, die dem Film „Abteil Nr. 6“ zugrunde liegt: zwei wie Hund und Katz; auf einer Reise, bei der der Weg das Ziel ist. Und doch nimmt der zweite Langfilm des Finnen Juho Kuosmanen („Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“) mit und berührt. Da begegnen sich zwei verlorene Seelen, wobei Ljoha die weniger plastisch gezeichnete Figur bleibt. Im Zentrum steht Laura, deren zerbrechliche Lebenssituation zu Beginn in einer vieldeutigen Partyszene klar wird: Sie lebt in Moskau mit ihrer Freundin, die zu Lauras Abschied in Richtung Murmansk eine Feier gibt – mit Moskauer Hochschul-Intelligenzia, die beim Zitate-Raten Laura spüren lässt, dass sie nicht ganz dazu gehört. Der Film macht in kleinen Gesten und Momenten der Unbehaglichkeit spürbar, dass diesem Paar keine große Zukunft winkt. Eigentlich wollten beide zusammen nach Murmansk, doch die Freundin sagt ab – wegen zu viel Arbeit, wie sie versichert. Man darf seine Zweifel haben.​

Ljoha (Juri Borisow) und Laura (Seidi Haarla) in der Arktis. Foto: Eksystent

Ljoha (Juri Borisow) und Laura (Seidi Haarla) in der Arktis. Foto: Eksystent

Schon in diesen Momenten zieht die intime Inszenierung in den Bann, mit der beweglichen Kamera-Arbeit von Jani-Pettereri Passi, der den Figuren sehr nahe kommt. Sei es in der Moskauer Wohnung oder dann im Zug: Die Bilder machen die Enge körperlich spürbar, eine Kamerafahrt wirkt wie eine kleine Hommage an die Arbeit von Jost Vacano in „Das Boot“, wenn das Auge durch lange, übervölkerte Gänge streift, denen eines Unterseebootes nicht unähnlich. Da gelingt dem Film eine ungemein dichte Atmosphäre, man glaubt, den Dunst zu riechen. Aus Wodka, Zigarettenrauch, Essen und allzu lange nicht gewechselten Socken.​

„Jeder ist irgendwie einsam“​

Hier beginnt, nach einem ruppigen Beginn, eine zarte Annäherung zwischen dem prolligen Ljoha und der anfangs eingeschüchterten Laura, während nachts die Lichter der Städte am Fenster vorbeiflirren und die ersten Schneeflocken. Um Schranken geht es, die erstmal überwunden werden müssen: die von Sprache, Herkunft, Nationalität, Milieu und Bildung. Die Darsteller Seidi Haarla und Juri Borisow sind dabei famos, sie spielen feinnervig und lassen die Emotionen spürbar werden: Ljoha schwadroniert, hochprozentig benebelt, von der „Größe Russlands“ (der Film spielt in den späten 1990ern) und hält Laura erst einmal für eine Prostituierte, die in Murmansk „ihre Muschi miauen“ lassen will; zugleich kann er eine ziemlich zarte Person sein, auch wenn er im Artikulieren von Gefühlen offenkundig keine allzu große Erfahrung hat. Dazu passt seine stille Eifersucht, als kurzzeitig ein gitarrespielender Finne mit im Abteil sitzt; der zelebriert eine lässige Aussteiger-Attitüde, produziert Kalendersprüche wie „Jeder ist irgendwie einsam“ und erweist sich dann als gar nicht so sozial, wie er tut. Je länger diese Reise dauert, desto klarer wird Laura, dass ihr Moskauer Leben sie wenig glücklich gemacht hat. Sie und Ljoha sind Suchende – bloß wonach?​

„Abteil Nr. 6“ ist, wie Kuosmanens „Olli Mäki“, eine Ko-Produktion des Saarländischen Rundfunks, wurde in Cannes prämiert, erlebte aber einen holprigen Kinostart Ende März in Deutschland: Die Cinestar-Kette hatte den Film zu Beginn des Krieges in der Ukraine kurzfristig aus dem Programm genommen, weil Hauptdarsteller Juri Borisow Russe ist – der sich öffentlich gegen den Krieg wandte; schnell sprach das Unternehmen dann von einem „Missverständnis“ und nahm den Film bundesweit wieder ins Programm. Saarbrücker Premiere ist im Kino Achteinhalb.  ​

Der Film erzählt von der aufkeimenden Freundschaft –  vielleicht Liebe, vielleicht platonisch, vielleicht nicht – mit Humor, Gefühl und einiger Spannung. Doch nach der Ankunft in Murmansk verliert „Abteil Nr. 6“ etwas von seiner filmischen Kraft: Da wirkt er konstruierter als zuvor. Man rätselt über manche Handlung der Figuren, die zuvor schlüssiger wirkten; man spürt auch, dass die beiden Darsteller sich mühen müssen, um den Zuschauer weiter mitzunehmen. Doch ihnen gelingt es.​

Vom Ende der Unschuld: „The Innocents“ von Eskil Vogt

The Innocents capelight

Ida (Rakel Lenora Flotta) entwickelt ungeahnte Kräfte. Foto: Capelight / Mer Film

Wie kommen wir auf die Welt? Wie ein unbeschriebenes Blatt, moralisch gesehen? Ohne Empathie und Moral, die wir noch erlernen müssen? Oder wie ein Engel – mit reinem Herzen, das im Laufe des Lebens nicht mehr so rein bleibt? Diese Fragen stellt sich der außergewöhnliche norwegische Film „The Innocents“, der vom Schrecken und der Freiheit der Kindheit erzählt.

Die junge Ida zieht mit ihrer Familie um, in einen gepflegten Hochhauswohnblock am Waldrand. Ihre ältere Schwester Anna leidet an Autismus; vor Jahren hat sie sich fast ganz in sich zurückgezogen, die Kommunikation mit der Familie ist minimal. Die Eltern kümmern sich vor allem um sie und vernachlässigen dabei Ida, die dadurch eine gewisse Härte entwickelt hat – manchmal kneift sie Anna mit aller Gewalt, ohne dass die den Schmerz nach außen tragen kann. Einmal steckt sie sogar Glasscherben in die Schuhe der Schwester.

Es ist mutig von Regisseur und Autor Eskil Vogt, dass er uns solch eine Hauptfigur an die Hand gibt – und höchst gekonnt, wie er sie als Mensch auslotet, deren Handlungen anfangs einige Male grausam sind und doch noch im Bereich einer kindlichen Unschuld beziehungsweise Unwissenheit bleiben. Ida lernt den jungen Ben kennen, der auf dem Fußballplatz gehänselt wird und im Wald Ida Außergewöhnliches zeigt: Mit der Kraft seiner Gedanken kann er Gegenstände bewegen. Ben und Ida, die eine ähnliche Begabung bei sich entdeckt, beginnen einige Experimente, wobei der Film in einer Szene mit einer Katze mit ungeheurer, zugleich beiläufiger Brutalität verstört.

Capelight

Ben (Sam Ashraf) überschreitet mit seinen Kräften Grenzen. Foto: Capelight / Mer Film

Ben ist nicht der einzig übernatürlich Begabte in dieser sommerlichen Hochhaussiedlung: Die junge Aisha kann die Gedanken der Bewohner „hören“ und entwickelt eine besondere Beziehung zu der autistischen Anna, deren abgeschottete Innenwelt sie erspüren kann. Die Vier bilden ein übernatürliches Quartett, wobei sich für sie die Frage stellt – wie geht man mit dieser Macht um? Ben ist der Einsamste und Gekränkteste der Gruppe und lebt das am stärksten aus. Seine desinteressierte Mutter (mit Kippe und Dauer-Handy etwas grobschlächtig charakterisiert) lernt seine Macht in der Küche kennen, unter anderem in Form einer gusseisernen Pfanne und eines Topfs mit kochendem Wasser. Später entdeckt Ben die Fähigkeit, Menschen zum Instrument seiner Rache-Fantasien zu machen.

So beklemmend und erschreckend der Film in diesen Szenen auch ist – es ist kein üblicher Horror, der vor allem auf den Schock-Effekt setzt und eindimensional ist. „The Innocents“ blickt in das Innenleben seiner Figuren, in denen es angesichts ihrer Kräfte brodelt. Als Bens Aktionen immer grausiger werden, widersetzen sich die drei anderen Mädchen. Es kommt zu Gewissensentscheidungen und zum großen Konflikt, den man aber nicht simpel „Gut gegen Böse“ nennen kann – es ist vor allem die Abkehr von einer kindlichen Unschuld, die bewusste Entscheidung, notgedrungen Schuld auf sich zu laden. Mord, um weitere Morde zu verhindern.

„The Innocents“ baut seinen Schrecken subtil und langsam auf, Kameramann Sturla Brandt Grovlen setzt den Wohnblock nicht vordergründig als Burg des Horrors in Szene, sondern als sonnenbeschienene Siedlung, in der doch der Grusel lauert. Sei es in den hohen und anonymen Treppenhäusern oder in den endlosen Kellergängen, die die Kamera suggestiv durchschwebt. Der Film konstruiert dabei meisterlich  eine hermetisch geschlossene Welt der Kinder – die Erwachsene sind Randfiguren, verstehen vieles falsch, vieles gar nicht. Wir sind ganz bei diesem Quartett, deren junge Darsteller durchweg fantastisch sind. Die hat Regisseur Vogt anderthalb Jahre lang gesucht und vor den Dreharbeiten lange mit ihnen gearbeitet – da ist kein unglaubwürdiger Moment dabei in diesem Film, der gleichermaßen ans Herz wie an die Nerven geht.

Das Böse im Untergeschoss: „Im Nachtlicht“ von Misha L. Kreuz

Im Nachtlicht Diana Maria Frank

Diana Maria Frank als geplagte Minthe Hellheim. Foto: RealFiction

 

Gruselfilm, phantastischer Film, Horrorfilm. Wie immer man das Genre auch nennen mag – deutsche Produktionen haben es im Kino schwer, sind selten und werden oft unabhängig auf den Weg gebracht, mangels Interesse großer Produktionsfirmen oder Verleihe. „Im Nachtlicht“ ist nun einer dieser seltenen neuen deutschen Horrorfilme. Geschrieben und inszeniert von Kino-Debütant Misha L. Kreuz, erzählt der Film eine düstere Geschichte: Eine junge Frau (Diana Maria Frank), angeschlagen von Depressionen, verliert am selben Tag Aushilfsjob und Aushilfswohnung. Rettung in der Not ergibt sich bei einem Gespräch in der Arbeitsagentur. In ihrer Heimatstadt Hellheim, die genau so heißt wie die junge Frau, soll sie, dank ihrer Kenntnisse der Schreinerei und der Architektur, eine historische Mühle restaurieren.

Minthe Hellheim bricht in die alte Heimat auf, mit der sie einige Traumata verbindet, und richtet sich in dem Gebäude ein, das im Wald liegt, aber nicht menschenleer ist. Eine Frau mit dem sinnig sprechenden Namen Goost wuselt um die Mühle herum und geht immer wieder in den dortigen Keller, in dem sich etwas Schreckliches verbirgt: Nicht jeder Besucher kommt aus dem Gemäuer zurück. Zugleich gibt es im Ort einen Mord per Armbrust. Was geht vor in dem Ort, dessen Name Hellheim mehr oder weniger subtil auch eine Spur in Richtung Hölle legt?

Potenzial wird vergeben

Eine altes Gemäuer, mysteriöse Vorgänge, ein Panoptikum der bizarren Charaktere und etwas Monströses im Keller – „Im Nachtlicht“ hat Material genug für gediegenen Grusel. Doch der Film vergibt einiges Potenzial, da er bisweilen handwerklich unbeholfen ist: Etwa wenn die Biografie der Hauptfigur (unbekannte Eltern, Heimaufenthalte, Depressionen) in einer Szene beim Arbeitsamt wenig elegant transportiert wird. Auch die Besetzung der Nebenrollen ist nicht immer gelungen, da wirkt manches laienhaft – wobei die Profis, darunter Diana Maria Frank als geplagte Minthe und David Rott (Ophüls-Nachwuchspreisträger 2003 für „Ganz und gar“) als öliger Bankdirektor, sehenswert sind.

Gelungen ist die Atmosphäre, vor allem im Ort Hellheim selbst – hier steht die Luft in der Provinz, und das Böse dominiert. Dieses Böse ist durchweg männlich, in Form eines finsteren Anwalts, des öligen Bankers, eines homophoben Polizisten und eines Mannes, dessen erste Szene aus dem Würgen einer Frau und dem Satz „Du Scheißhure, ich bring Dich um“ besteht. Einzige Lichtgestalt abseits dieser düsteren Männerwelt ist ein sensibler Polizist mit eigenen Problemen, der aus dem Film allerdings mit einer recht abenteuerlichen Drehbuchkonstruktion herauskatapultiert wird. Subtil will „Im Nachtlicht“ da wohl nicht sein, eher satirisch zugespitzt. Doch die Übergänge zwischen Horror-Ernst und etwas Genre-Satire sind oft abrupt, es holpert in der Dramaturgie. Ob einem das nun die Freude an einem ambitionierten, unabhängig produzierten deutschen Grusel-Versuch vergällt oder nicht, wird Geschmackssache sein.

REALFICTIONFILME – Im Nachtlicht

„Adam“ von Maryam Touzani

Lubna Azabal (l.) als Abla und Nisrin Erradi als Samia. Foto: Grandfilm

 

„Ich brauche niemanden“, sagt Abla, die in Casablanca eine kleine Bäckerei betreibt – und meint damit nicht nur eine Unterstützung bei ihrem improvisierten Laden, sondern ihr aktuelles Leben. Samia dagegen, die junge Frau, die bei ihr anklopft, kann jede Hilfe gebrauchen: Sie ist schwanger, alleine in den Gassen der Stadt, sucht eine Arbeit und einen Platz zum Schlafen. Abla ist nicht die Erste, die sie abweist – aber die Erste, der das Schicksal der jungen Frau keine Ruhe lässt und die sie dann doch bei sich aufnimmt. Aber mit finsterem Blick und einer klaren Ansage: „Nur für zwei, drei Tage, dann musst Du wieder gehen.“

Aus diesen wenigen Tagen werden einige mehr in „Adam“, dem Spielfilmdebüt der marokkanischen Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Maryam Touzani. Inspiriert von einer realen Geschichte, die ihre Familie erlebt hat, erzählt sie von zwei ziemlich einsamen Seelen. Die junge Samia ist tief verzweifelt – sie plant, ihr Kind fernab ihres Dorfes und ihrer Eltern, die von der Schwangerschaft nichts wissen, auf die Welt zu bringen und dann zur Adoption freizugeben. Danach will sie, als sei nichts geschehen, in die alte Heimat zurückkehren, in der das Leben als alleinerziehende Mutter schmachvoll und undenkbar wäre, als sei nichts geschehen. Ihre einzige Hoffnung ist, dass ihr Kind durch die Adoption eine wirtschaftlich bessere Zukunft haben könnte – wenn auch ohne sie. Abla dagegen ist nach dem Unfall ihres Mannes Witwe, lebt mit ihrer Tochter im kleinen Haus und hat sich emotional von der Welt abgeschottet, der sie mit verhärmter Miene und knappen Halbsätzen begegnet.

„Den Teig fühlen“

Wie sich diese beiden Frauen einander annähern und wie die kühle Abla langsam auftaut, das erzählt Touzanis Drehbuch weitgehend konventionell. Die beiden Frauen ziehen sich an, stoßen sich wieder ab, ziehen sich an – und jede wird der anderen dann doch eine große Hilfe sein. Bei der Annäherung hilft einerseits Ablas achtjährige Tochter Warda, die so fröhlich und entzückend ist, wie das eben die meisten Filmkinder so sind – und andererseits hilft die Zeremonie des Backens: Abla tut dies aus beruflicher Notwendigkeit, aber Samia inspiriert sie dazu, beim Kneten „den Teig zu fühlen“.

Diese durchaus sinnlichen Back- und Knetpassagen sollen dem Film möglicherweise einen kulinarischen und gut vermarktbaren Arthouse-Wohlfühl-Effekt verleihen (der Trailer des Films betont den auch etwas irreführend); aber gebraucht hätte es den nicht, denn „Adam“ überzeugt schon allein durch das Spiel seiner Darstellerinnen: Lubna Azabal als anfangs verhärmte Abla und Nisrin Erradi als Samia, mal niedergedrückt, mal ziemlich resolut, spielen grandios, und der Film konzentriert sich ganz auf sie: Die Kamera von Virginie Surdej und Adil Ayoub kommt den Mimen immer sehr nahe, zeigt das feinnervige Spiel und kleine Gesten. Es entsteht eine enorme Intimität. Dabei bewegt sich der Film selten aus dem Haus heraus, zeigt eine hermetische, zugleich beschützende wie enge Welt.

Abla findet dank Samia ins Leben zurück – etwas plakativ auch dadurch gezeigt, dass sie sich wieder schminkt; aber was wird aus Samia? Sie bringt ihr Kind im Haus zur Welt, nennt es „Adam“ und schottet sich anfangs ab: In zwei Tagen will sie Adam zur Adoption freigeben und sich selbst vor der emotionalen Katastrophe schützen, indem sie gar keine Bindung zum Kind zulassen will. Aber wie soll das funktionieren angesichts dieses kleinen, schutzlosen Menschen? Da gelingen dem Film ungemein intensive, berührende Momente; da verlässt er auch seine zuvor konventioneller angelegten Drehbuchpfade und mündet in ein Ende, über das man lange spekulieren kann.

Camera Zwo – wie geht es dem Saarbrücker Kino am zehnten Geburtstag?

 

Camera Zwo

Vor zehn Jahren hat Kinobetreiber Michael Krane das alte Scala-Filmtheater in der Saarbrücker Futterstraße in die Camera Zwo umgewandelt. Hat sich das Rezept, anspruchsvolle Filme an der Schwelle zum Mainstream zu zeigen, bewährt?

Die düstere Treppe nach unten wirkt wie eine Edgar-Wallace-Requisite. Doch statt Kinski oder Fuchsberger wandelte hier, in den Projektionsräumen der Camera Zwo, einst der Filmvorführer. Einen separaten Eingang hatte er – und keinen Zugang zum eigentlichen Kino, ein Stockwerk tiefer. Des Brandschutzes wegen, erklärt Kinobetreiber Michael Krane, der durch seine Camera Zwo führt, die früher einmal, von 1951 bis 2005, das selige Scala-Kino war – in der Region eines der größten „Filmtheater“, wie man Kinos damals so verheißungsvoll nannte.
Die schmalen Gänge über den Kinosälen sind voller Historie: Plakate, Bud-Spencer-Aufkleber und Brandschutzklappen aus der Kinosteinzeit, als hitzige Kohlebogenlampen das Licht auf die Leinwand warfen. Heute ist das anders – hier stehen moderne Digitalbeamer, denen Krane nicht ganz traut. „Wenn die alten Projektoren mal nicht liefen, hat ein Fußtritt Wunder gewirkt“, sagt der 55-Jährige, die Beamer seien empfindlicher, voll mit teurer Technik. „Niemand weiß, wie lange die halten.“ Ein Damoklesschwert über allen Kinos sei das. Jüngst versagte eine kleine Platine ihren Dienst – mit 2000 Euro Kosten. Immerhin: 25 Kilo schwere Kinokopien muss heute niemand mehr schleppen, der Film auf Festplatte wiegt nur ein Pfund.

Ein Stockwerk tiefer liegt die Theke mit Kasse – und Popcorn-Maschine: für besonders gestrenge Cineasten ein Sakrileg, Symbol des bösen Kommerzkinos. Krane nimmt es gelassen. „Anfangs dachte ich, wenn die Maschine kaputt geht, repariere ich sie nicht mehr.“ Aber die Mini-Gastronomie bringt Geld in einem Geschäft der knappen Kalkulation. Acht Jahre lang hat Krane keine Werbung gezeigt, „darauf war ich sehr stolz“, aber das ließ sich finanziell nicht halten: 2012 kam die Digitalisierung – für 250 000 Euro, wenn auch bezuschusst von der Filmförderung und vom Land. Klassisch geschulte Vorführer sind heute überqualifiziert, PC-Kenntnisse reichen aus. „Man muss mittags die Systeme hochfahren und abends auf ein paar Knöpfe drücken.“
Einer der Vorteile der Digitalisierung: Filme auch in der Originalfassung zu zeigen, ist technisch kein Problem; früher musste man eine eigene Kopie anfordern. Im US-Original hat Krane gerade einen Film gezeigt, den man hier nicht erwartet hätte: das jüngste „Star Wars“-Spektakel. „Das war vor allem für mich“, sagt er, „mit den alten Filmen bin ich aufgewachsen.“ Generell aber passen Blockbuster nicht zum Image des Kinos. „Den jüngsten Bond hätte ich auch spielen können – aber da muss man aufpassen.“

Es läuft überwiegend gut in der Camera Zwo. 2012 bis 2014 seien „goldene Jahre“ gewesen. „Doch 2015 war ein Desaster, da sind wir abgestürzt.“ Keine wirklich guten Filme, keine großen Hits. „Beruhigend war aber, dass wir ein Katastrophenjahr ganz gut überstanden haben.“ Mit studentischen Aushilfen führt Krane das Kino und mit zwei Festangestellten: er selbst und Kinoleiterin Anna Reitze (32), die laut Krane „den Laden eigentlich besser kennt als ich“. Wohlhabend werde man nicht, „man muss privat alles stemmen, subventioniert werde ich ja nicht“. Apropos: In Konkurrenz zum städtischen Filmhaus sieht er sich nur bedingt, „ich bin ja deutlich mainstreamiger“, während das Filmhaus ganz bewusst auch sperrigere Filme zeige. „Was mir nicht unrecht ist.“

Das Verleihgeschäft, das Einschätzen von Erfolgschancen und bisweilen das Gerangel um Filme, ist nicht einfach. „Zumal man Filme nicht einfach nur für eine Woche buchen kann und je nach Erfolg verlängert oder absetzt.“ Manchmal sitze man auf einem Ladenhüter, den man vertraglich mehrere Wochen zu spielen habe. Nur wenn Filme gnadenlos floppen – aktuell der Sandra-Bullock-Film „Die Wahlkämpferin“ – haben die Verleihe, die täglich durch die vernetzte Kinokasse über die Einnahmen informiert werden, Verständnis und lassen den Film aus dem Programm nehmen. Bei kleineren Verleihen gibt Krane dem Film aber nochmal eine Chance, „sonst wäre das unfair“, oder Werken, die er mag. Der Trickfilm „Anomalisa“ läuft schlecht bei ihm. „Aber ich zeige ihn weiter, weil er gut ist“, sagt Krane, der sich dennoch weniger als Cineast versteht denn als pragmatischer Kinobetreiber. „Würde ich nur spielen, was mir gefällt, wäre der Laden zu.“
Dass die Camera Zwo viele ältere Leute anlockt, freut Krane – es ist ein treues und angenehmes Publikum, das nicht mit Popcorn um sich wirft. Manche Stammgäste kämen, ohne zu wissen, was läuft. „Eine andere Gruppe kommt immer mittwochs, aber nur bei schlechtem Wetter“ – eine Boule-Truppe, die bei Sonnenschein lieber ihre Kugeln wirft. Berühmt-berüchtigt ist ein Kinogänger, der stets zwei Minuten zu spät den Saal betritt und zielgerichtet seinen Stammplatz ansteuert. Wenn der dann schon besetzt ist, schätzt der Stammgast das gar nicht. „Aber er ist harmlos.“

HINTERGRUND
Im Januar 2006 hat Michael Krane, zuvor Geschäftsführer der Saarfilm (Passage- und UT-Kinos) das Scala-Kino in Camera Zwo umbenannt – als Reminiszenz an das Camera-Kino auf der Berliner Promenade (1967-1999). 100 000 Euro steckte er in die Modernisierung und stellte das Programm auf „mainstreamigen Kunstfilm“ um, wie er sagt. Sechs Säle bieten Platz für 456 Kinogänger. Der erfolgreichste Film bisher war „Ziemlich beste Freunde“, der um die 20 000 Zuschauer anzog, gefolgt von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und „Willkommen bei den Sch’tis“.

Das Foto von Michael Krane und Theaterleiterin Anna Reitze stammt von Oliver Dietze.

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